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Johannes Tauler Predigt 47

Diese Predigt auf den zehnten Sonntag (nach Dreifaltigkeit) aus der Epistel nach dem
heiligen Paulus mahnt einen jeglichen Menschen, zu prüfen, zu welchem Dienst er von Gott
berufen sei, lehrt die Werke der Liebe zu tun, die Tugenden zu üben und auf unseren eigenen
Willen Verzicht zu leisten.
DER HEILIGE PAULUS SAGT in der heutigen Epistel: "Es gibt verschiedene Ämter,
aber der Geist ist der gleiche, der alles zu Nutz und Frommen des Menschen wirkt.«
Es ist wiederum derselbe Geist, der alles in aIIen Dingen wirkt. Jeder Mensch
empfängt eine Offenbarung des Geistes zu seinem Nutzen und Gewinn. So wird einem
die Kunst der Rede (zur Erklärung des Glaubens) in demselben Geist (wie er in einem
anderen wirkt) gegeben; und der heilige Paulus nennt viele unterschiedliche gaben,
aber in allen wirkt 'ein Geist, und der Apostel spricht Viel zur Bewährung des
Glaubens.
Vormals wirkte der Geist Gottes in seinen Freunden große, wunderbare Dinge zur
Bewährung des Glaubens: es geschahen große Zeichen und mannigfaltige
Prophezeiungen; Die Heiligen vergossen ihr Blut und erlitten den Tod. Dessen ist nun
heute keine Not mehr; wisset aber, daß leider der wahre, lebendige wirkliche Glaube in
manchen Christen so gering ist wie bei Heiden und Juden.
Wir betrachten jetzt das Wort des heiligen Paulus: „Es gibt vielerart Werke und
Dienste, aber in allen wirkt ein und derselbe Geist.« Meine Lieben, ihr seht schon
äußerlich, was ein Leib ist und wie derselbe Leib viele Glieder und Sinne besitzt, und
jedes Glied hat seine besondere Aufgabe und seine besondere Tätigkeit, wie das Auge,
das Ohr, der Mund, die Hand und der Fuß, und keines nimmt sich heraus, das andere
sein zu wollen oder anders zu sein, wie Gott ihm zugeordnet hat. So sind auch wir alle
ein Leib und Glieder untereinander, und Christus ist das Haupt dieses Leibes; und an
diesem Leib sieht man einen großen Unterschied der Glieder. Das eine ist das Auge,
ein anderes die Hand, ein drittes der Fuß, weitere Mund oder Ohr. Die Augen des
Leibes der heiligen Christenheit sind die Lehrmeister. Das geht euch nichts an. Aber
wir gewöhnlichen Christen sollen gut prüfen, was unser Anteil sei, zu dem uns der
Herr gerufen und eingeladen hat, und welches die Gnade sei, die der Herr uns zugeteilt
hat. Denn jeder Dienst und jede Tätigkeit, wie gering sie auch sei, sind allesamt
Gnaden, und derselbe Geist wirkt sie zu Nutz und Frommen der Menschen.
Beginnen wir mit dem Geringsten: einer kann spinnen, ein anderer Schuhe machen,
wieder andere verstehen sich gut auf andere solcher äußeren Dinge und sind darin
geschäftig, und ein anderer kann das nicht. Und das sind alles Gnaden, die der Geist
Gottes wirkt.
Wisset, wäre ich nicht Priester und lebte nicht in einem Orden, ich hielte es für ein
großes Ding, Schuhe machen zu können, und ich wollte es besser machen als aIIes
andere und wollte gerne mein Brot mit meinen Händen verdienen.
Meine Lieben! Fuß und Hand sollen nicht Auge sein wollen. Jeder soll den Dienst tun,
zu dem ihn Gott bestellt hat, wie schlicht er auch sei; ein anderer könnte ihn vielleicht
nicht tun. So soll auch jede unserer Schwestern die ihr zugewiesene Tätigkeit ausüben.
Die einen können gut singen, die sollen ihre Psalmen singen1. Alles dies kommt von
Gottes Geist. Sankt Augustinus sprach: Gott ist ein einförmiges, göttliches, einfaches
Wesen und wirkt doch alle Vielfalt und alles in allen Dingen, einer in allem, alles in
einem. Es gibt keine noch so geringe Arbeit, keine noch so verachtete und bescheidene
Kunstfertigkeit: auch sie kommt ganz von Gott und ist ein Erweis seiner besonderen
Gnade. Und jeder soll für seinen Nächsten das tun, was dieser nicht ebenso gut kann,
und soll aus Liebe ihm Gnade um Gnade erweisen. Und wisse: welcher Mensch sich
nicht übt, nichts gibt, nichts tut für seinen Nächsten, muß davon Gott strenge
Rechenschaft ablegen, wie denn das Evangelium sagt, daß jeder für seine Verwaltung
verantwortlich sei und von ihr Rechenschaft geben müsse: was er von Gott empfangen
hat, das soll und muß ein jeglicher einem seiner Brüder wiedergeben, so gut er nur
kann und wie es ihm Gott gegeben hat.
Woher kommt das nun, daß so viel geklagt wird und jeder sich über seine Arbeit
beschwert, als sei sie ihm ein Hindernis (für seine Heiligung)? Ist sie ihm doch von
Gott gegeben, und Gott legt niemandem ein Hindernis in den Weg. Woher doch das
Schelten im Inneren so mancher Menschen? Kommt nicht die Arbeit von Gottes
Geist? Und doch läßt man sie nicht gelten und erzeugt Unzufriedenheit! Wisse: nicht
die Arbeit läßt dich unzufrieden werden, sondern die Unordnung, die du in deine
Arbeit trägst. Tätest du deine Arbeit, wie du sie nach Recht und Billigkeit tun solltest,
hättest du Gott lauter und allein im Sinn und nichts des Deinigen, liebtest oder
fürchtetest du, weder Gefallen noch Mißfallen und suchtest du (bei deiner Arbeit)
weder (eigenen) Nutzen noch (eigene) Lust, sondern nur die Ehre Gottes und diente
deine Tätigkeit Gott allein, so könnte es nie zu Tadel oder Gewissenbissen kommen.
Und ein geistlicher Mensch sollte sich wahrlich dessen schämen, seine Arbeit so
unordentlich und so unlauter getan zu haben, daß sie ihn nach seinen eigenen Worten
beunruhigten. Denn (auf diese Weise) erfährt man, daß seine Werke nicht in Gott
noch in rechter, lauterer Meinung getan waren, noch aus wahrer, lauterer Liebe zu
Gott und dem Nächsten zu Nutz. Und daran, ob du zufrieden bleibst (bei deiner
Arbeit) oder nicht, sollst du auch erkennen und soll erkannt werden, ob du nur im
Hinblick auf Gott gearbeitet hast.

1
Weitere Beispiele gibt Tauler nicht.
Unser Herr tadelte Martha nicht um ihrer Arbeit willen, denn die war heilig und gut,
sondern weil sie (zuviel) Sorge darauf verwandte.
Der Mensch soll gute, nützliche Arbeit verrichten, wie sie ihm zufällt; die Sorge aber
soll er Gott anheimstellen, und seine Arbeit gar behutsam und im stillen tun. Er soll bei
sich selbst bleiben, Gott in sich hereinziehen und oft in sich schauen mit in sich selbst
gekehrtem Gemüte!2 gar innig und andächtig; und immer soll er auf sich selbst achten
(und auf das), was ihn zu seiner Arbeit treibt und ihn ihr geneigt macht. Auch soll der
Mensch gar innerlich darauf achten, wann ihn der Geist Gottes zum Ruhen oder zum
Wirken treibt, daß er jedem Antrieb folge und gemäß der Weisung des Heiligen
Geistes handle: jetzt ruhen, jetzt wirken, und daß er dann seine Arbeit voll guten
Willens und in Friede vornehme. Wo ein alter, schwacher, behinderter Mensch ist,
dem sollte man (noch ehe er darum bittet) entgegenkommen; einer sollte dem
anderen die Gelegenheit, ein Werk der Liebe zu tun, streitig machen und ein jeder des
anderen Last tragen. Und tust du das nicht, sei gewiß, Gott wird dir nehmen (was du
hast3) und es einem anderen geben, der sich seiner gut bedient; und dich wird er an
Tugend leer und ledig lassen und ebenso an Gnade. Und erfährst du in deiner Arbeit
eine innere Berührung, so gib auf sie in deiner Arbeit recht acht, und lerne so Gott in
deine Arbeit tragen und entziehe dich nicht allsogleich jener Berührung. So, ihr
Lieben, soll man lernen, sich in Tugenden zu üben. Denn üben mußt du dich, willst du
ein Meister werden. Doch erwarte nicht, daß Gott dir die Tugenden eingieße ohne
deine Mitarbeit. Man soll nie glauben, daß Vater, Sohn und Heiliger Geist in einen
Menschen einströmen, der sich der Tugendübung nicht befleißigt. Man soll von
solchen Tugenden auch nichts halten, solange der Mensch sie nicht durch innere oder
äußere Übung erlangt hat.
Ein wackerer Mann war gerade beim Dreschen seines Korns, als er in Verzückung
geriet. Hätte sein Engel nicht den Dreschflegel gehalten, er hätte sich selbst
geschlagen. Ihr freilich möchtet am liebsten (von jeder Arbeit) frei sein (um der
Betrachtung willen, wie ihr sagt)4. Das sieht sehr nach Faulheit aus: ein jeder will Auge
sein; alle wollen betrachten und nicht arbeiten.
Ich kenne einen der allerhöchsten Freunde Gottes: der ist ,,all seine Tage ein
Ackersmann gewesen, mehr denn vierzig Jahre, und ist es heute noch. Der fragte einst
unseren Herrn, ob er sein Arbeit drangeben und zur Kirche gehen solle.

2
Beispiel für das "Niederbeugen des Gemütes in den Grund". Vgl. Wyser, n. a. O. S. 234.
3
Zweckmäßige Einfügung nam Corin, Sermons, S.295 zu Vetter 179,5.
4
Die Einfügung in der Klammer zu Vetter 179,18 nach Corin, Sermons H,
296 und Anm. 2 dient der Verdeutlichung der knappen Ausdrucksweise Taulers.
Da sprach dieser: Nein, das solle er nicht tun; er solle im Schweiß seines Angesicht sein
Brot gewinnen, zu Ehren des kostbaren Blutes des Herrn.
Der Mensch soll sich bei Tag oder in der Nacht eine Zeitspann nehmen, in der er sich
in seinen Grund senken kann, jeder nach seiner Weise. Die edlen Menschen, die in
Lauterkeit ohne Bilder und Formen sich in Gott versenken können, mögen es auf ihre
Weise tun. Die anderen mögen, ein jeder auf seine Art, eine gute Stunde auf diese
Übung verwenden, denn wir können nicht alle Auge sein (nicht alle der, Beschauung
obliegen).
Dann sollen sie sich der Tugendübungen befleißigen, wie Gott sie ihnen bestimmt hat,
und dies in großer Liebe, in Frieden und Güte, gemäß dem Willen Gottes. Wer Gott
dient nach Gottes Willen, dem wird Gott antworten nach des Menschen Willen. Wer
aber Gott dient nach seinem eigenen, menschlichen Willen, dem wird Gott nicht
antworten nach des Menschen, sondern nach seinem, nach Gottes Willen.
Von diesem Verzicht auf den eigenen Willen entsteht und geht aus wesentlicher
Friede, der aus der Tugendübung erworben wird. Seid dessen gewiß: jeder Friede, der
nicht aus der Übung der Tugend kommt, ist trügerisch; der will im Innern und
Äußeren geübt werden; der Frieden, der von innen kommt, den kann euch niemand
nehmen.
Da kommen nun die eingebildeten Leute mit ihrer dünkelhaften Art: es sollte (sagen
sie) dies so oder so sein; und sie wollen einen jeden nach ihrem Kopf beurteilen, nach
ihren Sinnen, auf ihre Weise. Vierzig Jahre haben sie in geistlichem Gewand gelebt
und wissen heute noch nicht, woran sie sind.
Die sind viel kühner als ich. Ich bin zum Lehren bestimmt; aber wenn ich diese Leute
höre, frage ich, wie ihnen sei und wie sie dazu gekommen sind. Doch selbst dann wage
ich kein Urteil über sie und wende mich an unsern Herrn; und erhalte ich es nicht von
ihm, so sage ich: "Liebe Leute, wendet euch selbst an unseren Herrn; er wird es euch
geben." Ihr aber wollt einem jeden seinen Platz anweisen und jeden nach euerer Art
und eurem Gutdünken beurteilen.
Da kommen denn die Würmer und fressen das gute Kräutlein auf, das in Gottes
Garten wachsen sollte. Jene sagen dann: "Das pflegten wir so nicht zu machen; das ist
eine neue Art und sieht nach Neuerung aus." Und sie vergessen dabei, daß ihnen die
verborgenen Wege Gottes unbekannt sind. Ach, was Wunders wird man sehen
hernach bei denen, die sich jetzt in Sicherheit wiegen!
Sankt Paulus sagt: "Der Geist wirkt und verleiht die Gabe der Unterscheidung der
Geister. Wer, glaubt ihr wohl, seien die Leute, denen Gott diese Gabe verleiht? Wisset:
die Leute, denen diese zuteil wird, die sind durch und durch geübt auf jegliche Weise,
derart, daß es ihnen durch Fleisch und Blut gegangen ist; sie haben die schrecklichsten
und schwersten Versuchungen ausgehalten, der böse Feind ist durch sie gefahren und
sie hinwiederum durch ihn; und so ging diese (ihre) Übung (ihnen) durch Mark und
Bein. Diese Leute besitzen die Gabe der Unterscheidung der Geister.
Wenn sie sich dieser Gabe bedienen wollen und sie die Leute anschauen, so erkennen
sie sogleich, ob ihr Geist von Gott ist oder nicht, welches für sie die nächsten Wege
(zur Heiligung) sind und was sie am Voranschreiten hindert.
Ach, wie bringen wir uns selbst in so schädlicher Weise um die edle, höchste Wahrheit,
und das um so nichtiger Dinge willen. Und immer und ewig sind wir dann jener
höchsten Wahrheit beraubt, solange Gottes Ewigkeit währt. Was wir jetzt versäumen,
das wird uns nie mehr zuteil.
Daß wir alle in Wahrheit Dienst und Arbeit, die Gottes Geist uns gegeben und gelehrt
hat, so verrichten, ein jeder wie Gottes Geist es ihm eingegeben hat, dazu helfe uns
Gott.
AM E N.