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19.06.2008

Fördern funktioniert nicht


Fordern ist verschleierte Schikane
Was wurde mit den Hartz-Gesetzen real bezweckt?

Selbst die "Bundesagentur für Arbeit" (BA) mußte es nun eingestehen:


Nach einer gestern (Mittwoch) veröffentlichten Studie funktioniert das
als "Fördern" propagierte Ziel von Hartz IV, die Betroffenen "in den
ersten Arbeitsmarkt zu integrieren" nur in Ausnahmefällen. Laut den
von der BA vorgelegten Zahlen können gerade einmal 3,4 Prozent der
erwerbsfähigen Bezieher von Arbeitslosengeldes II - und dies ist
bereits eine künstlich sehr eng begrenzte Auswahl - in Jobs in der
Wirtschaft vermittelt werden.

Bereits im März wies eine Studie des Instituts für Makroökonomie und
Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-
Stiftung nach, daß die Hartz-Gesetze in der Gesamtbilanz eine negative
Wirkung aufweisen. Immer mehr Menschen in Deutschland steigen
sozial ab. Auch die Mittelschichten wurden seit 2002 um acht Prozent
geschrumpft. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW)
kam in einer ebenfalls im März veröffentlichten Studie zum selben
Ergebnis.

Zu den Mittelschichten werden in der Soziologie jene Personen


gezählt, die in Haushalten mit 70 bis 150 Prozent des
Durchschnittseinkommens leben. Über einen langen Zeitraum in der
Geschichte der Bundesrepublik stellten die Mittelschichten stabil 62
Prozent der Bevölkerung. Es war - vereinfacht formuliert - jener Teil des
früheren Proletariats, der sich für Automobil und Eigenheim in die
"bürgerliche Existenz" locken ließ und so den sozialen Kitt zum Erhalt
des Kapitalismus bildete.

Doch bereits seit der Jahrtausendwende - und zugleich seit


Überschreiten des globalen Peak Oil im Jahr 2001 - können die
gewohnten Profitraten nicht mehr allein aus der Steigerung der

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Produktivität, sondern nur noch bei zunehmendem Sozialabbau erzielt


werden. Dies hat in den vergangen acht Jahren unter anderem dazu
geführt, daß die Mittelschichten erodieren. Bis 2006 sank deren Anteil
an der Gesamtbevölkerung von 62 auf 54 Prozent - eine Umschichtung
um rund 6,4 Millionen Menschen, die sich als Teil der Unterschichten
wiederfinden. Seit dem Jahr 2000 stieg der Anteil der Unterschichten
um gut 7 Prozent - 2006 machten sie mit rund 20 Millionen bereits ein
Viertel der Gesamtbevölkerung aus.

Laut DIW-Studie sind besonders Familien mit minderjährigen Kindern


immer stärker von sozialem Abstieg bedroht. Ein weiteres Merkmal der
sozialen Veränderungen stellt die Abnahme der Vollzeitjobs dar. Der
Anteil der Menschen mit Vollzeitjob sank von 64 Prozent im Jahr 2000
auf nunmehr 55 Prozent. Und wie die DIW-Studie ergab, verfügen zwei
Drittel der erwachsenen Bevölkerung über gar keine oder nur geringe
Besitztümer. Das reichste Zehntel hingegen nennt knapp 60 Prozent
des in Deutschland vorhandenen Vermögens sein Eigen.

Sozial abgestiegen sind auch alle, die vom Staat Geld beziehen:
RentnerInnen, Erwerbslose, Kindergeld- und BAFöG-EmpfängerInnen.
Deren Einkommen sank in den vergangenen drei Jahren real um fast 6
Prozent. Den Rückgang erklären die WissenschaftlerInnen mit
"Nullrunden bei den nominalen Renten, stagnierenden nominalen
Leistungen bei Kindergeld, BAFöG und anderen staatlichen
Leistungen."

Seit der Einführung von "Hartz IV" zum Januar 2005 mit dem
Sozialgesetzbuch II (SGB II) sind in Deutschland die Bedingungen an
die Auszahlung von Arbeitslosengeld und Sozialhilfe, die ab diesem
Zeitpunkt zum ALG II zusammengelegt wurden, rigoros verschärft
worden. Mit der propagierten Formel des "Fördern und Fordern" wurde
ein sogenanntes Aktivierungsprinzip eingeführt, das zur Schikane von
Erwerbslosen und zur Schönung der Statistiken dient.

Schon der Begriff "Aktivierungsmaßnahme" stellt eine versteckte


Diskriminierung dar. Er unterstellt, daß passive Erwerbslose erst
gedrängt werden müßten, sich aus ihrer unerfreulichen Lage zu
befreien. So haben detaillierte Studien ergeben, daß 90 bis 95 Prozent
der an einer "Aktivierungsmaßnahme" Beteiligten ohnehin eine Arbeit
gefunden hätten.

Selbst wenn die "Aktivierungsmaßnahmen" mehr Menschen als je


zuvor erreichen, können sie nicht als effektiv bezeichnet werden. Eine
interne Evaluation wies nach, daß 50 Prozent der TeilnehmerInnen
solcher Kurse einen Job fanden - verglichen mit 48 Prozent bei Nicht-
KursteilnehmerInnen. In anderen Worten: Es fand sich keine
signifikante Differenz zwischen TeilnehmerInnen und

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NichtteilnehmerInnen. Wissenschaftliche Untersuchungen legen


darüber hinaus nahe, daß die Auswahl der KursteilnehmerInnen
selektiv ist, und zwar insofern, als denjenigen die Kursteilnahme
ermöglicht wird, die ohnehin eine höhere Chance auf einen
Arbeitsplatz haben.

Diese Ergebnisse decken sich mit den Erfahrungen der Betroffenen.


Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hat dies bereits im
Jahr 2007 dokumentiert. Eine Befragung von mehr als 20.000
Arbeitslosengeld-II- und ehemaligen ArbeitslosenhilfeempfängerInnen
ergab, daß mehr als zwei Drittel von ihnen weder an eine Verbesserung
ihrer Lebenssituation noch an eine Aufwertung ihrer
Arbeitsmarktchancen durch Hartz IV glauben. Auch die
"Aktivierungsmaßnahmen" werden nicht positiver beurteilt: Mehr als 80
Prozent haben nicht das Gefühl, daß sich jemand um ihre Probleme
kümmert. Daß die Annahme von Jobs auch dann verlangt wird, wenn
sie weit unter dem eigenen Qualifikationsniveau liegen, erleben knapp
40 Prozent als "Abwertung ihrer beruflichen Erfahrungen und
Leistungen". Mit der Furcht vor Verarmung und sozialer Deklassierung
lebt fast die Hälfte aller Hartz-IV-Betroffenen.

Hier zeigt sich nun der hauptsächliche Zweck, der mit der Einführung
der Hartz-Gesetze verfolgt wurde: Die Ausweitung des Niedriglohn-
Sektors auf dem Arbeitsmarkt. Innerhalb weniger Jahre hat
Deutschland in einem von den Mainstream-Medien kaum beachteten
Rennen alle anderen europäischen Länder überholt und liegt jetzt nur
noch knapp hinter den USA. Laut einer bereits seit Januar
vorliegenden und am 18. April in Amsterdam vorgestellten Studie des
Instituts für Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität
Duisburg-Essen ist der Anteil des Niedriglohn-Sektors in Deutschland
auf 22,2 Prozent angestiegen. In den USA liegt der Anteil der Billig-
Jobber bei 25 Prozent.

In absoluten Zahlen bedeutet dies, daß heute rund 6,5 Millionen


Menschen in Deutschland für weniger als zwei Drittel des
durchschnittlichen Stundenlohns (OECD-Definition) arbeiten müssen,
für weniger als 9,13 Euro. In den "neuen Bundesländern" liegt diese
Grenze bei 6,81 Euro, im Westen bei 9,61 Euro. Unterhalb der Grenze
liegen 41,1 Prozent der Beschäftigten im Osten und 19,1 Prozent im
Westen. Besonders hart trifft auch diese Form des Sozialabbaus
Frauen: 76 Prozent der Niedriglohn-Beschäftigten sind Frauen.1

Und: NiedriglöhnnerInnen sind keineswegs nur gering Qualifizierte.


Rund 68 Prozent der Niedriglohn-Beschäftigten haben laut IAQ-Studie
entweder eine abgeschlossene Berufsausbildung oder gar einen
akademischen Abschluß. Das zeige - so die AutorInnen - , daß die
Niedriglöhne den Kern des Arbeitsmarktes erreicht haben. Die

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"Flexibilisierung" des Arbeitsmarkts hat zudem dazu beigetragen, daß


Tariflöhne unterminiert werden. So erhalten neun von zehn
LeiharbeiterInnen Niedriglöhne unter 7 Euro.

Nachdem "Rot-Grün" die gesetzlichen Hürden gegen die Ausbeutung


von LeiharbeiterInnen 2004 beseitigt hat, explodieren
Beschäftigtenzahl, Umsätze und Gewinne in der Zeitarbeits-Branche.
Rund 1.500 Zeitarbeits-Unternehmen beschäftigen eine Million
LeiharbeiterInnen, nutzen deren prekäre wirtschaftliche Lage aus und
erzielen damit satte Gewinne. 2006 wurden 75 Prozent aller neu
geschaffenen Arbeitsplätze durch LeiharbeiterInnen besetzt. Etwa 40
Prozent des Jahresumsatzes der Branche von zwölf Milliarden Euro
erzielen dabei die 15 Branchenführer, allen voran die Schweizer
Adecco, der US-Konzern Manpower und der niederländische Konzern
Randstadt. Diese drei Branchenführer erzielen Gewinne im
zweistelligen Millionenbereich und verzeichnen ein jährliches
Wachstum von bis zu 60 Prozent.

Der Umsatz von Adecco, stieg allein im zweiten Quartal 2007 um 24


Prozent auf 251 Millionen Euro. Der Gewinn betrug 28 Millionen Euro.
Seit 2006 befindet sich der frühere "rot-grüne" Arbeits- und
Wirtschaftsminister Wolfgang Clement als Vorsitzender des 'Adecco
Institute für die Erforschung der Arbeit' auf der Gehaltsliste des
Konzerns. Clement zeichnete von 2002 bis 2005 als "Superminister" für
die Deregulierung des Zeitarbeitsmarktes verantwortlich.

Die AutorInnen der IAQ-Studie nennen die Ursache beim Namen: "Die
Politik hat mit umfassenden Deregulierungen die Schleusen geöffnet
für die weitere Ausdehnung der Niedriglohn-Beschäftigung." Dabei
steigt nicht nur die Zahl der betroffenen Beschäftigten, sondern
gleichzeitig sinkt auch seit 2004 deren durchschnittlicher Stundenlohn
- im Westen innerhalb eines Jahres von 7,16 Euro (2005) auf 6,89 Euro
(2006), im Osten im gleichen Zeitraum von 5,38 Euro auf 4,86 Euro. Bei
einer vierzigstündigen Wochenarbeitszeit ergibt sich so ein
Monatslohn von rund 1.100 Euro brutto im Westen und von rund 800
Euro brutto im Osten. 2006 arbeiteten insgesamt 1,9 Millionen
Menschen sogar für eine Stundenlohn unter fünf Euro. Innerhalb von
nur zwei Jahren sanken 400.000 Beschäftigte in diesen untersten
Bereich ab.

Eine weitere Folge von Hartz IV besteht darin, daß nun der Staat auch
noch den Niedriglohn-Sektor subventioniert. 1,18 Millionen
Niedriglohn-Beschäftigte beziehen nach offiziellen Angaben
Arbeitslosengeld II, um trotz Arbeit überhaupt über die Runden
kommen zu können. Der Staat übernahm unter "rot-grüner" Regie in
diesem Bereich zudem auch eine Vorbild-Funktion: Mit der Einführung
und dem Einsatz von Ein-Euro-Jobs wurden entgegen der rein

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dekorativen gesetzlichen Vorschriften reguläre Arbeitsplätze verdrängt


und eine Abwärts-Spirale in Gang gesetzt. Immer deutlicher wird
inzwischen, daß Ein-Euro-JobberInnen trotz guter Leistungen und viel
Engagement von vornherein keine Chance auf eine feste Anstellung
haben.

Mit der Einführung der Hartz-Gesetze hat die "rot-grüne"


Bundesregierung unter Gerhard Schröder nicht nur das Ziel verfolgt,
den staatlichen Sozialetat zu reduzieren, sondern in erster Linie, den
Niedriglohn-Sektor massiv auszuweiten. Hartz IV hat eben auch den
Zweck, BezieherInnen von ALG I zu zwingen, jeden auch noch so
schlecht bezahlten Job anzunehmen. Durch die verschärften
Zumutbarkeitsregeln wird Druck ausgeübt, auch Jobs mit einer
Entlohnung unter Tarif und außerhalb der Sozialversicherung zu
akzeptieren. Mehr noch als die Steuerreform des Jahres 2000, die dem
Kapital Steuererleichterungen von jährlich über 20 Milliarden Euro
verschaffte, war dies ein unschätzbares Geschenk. Seitdem breitet sich
der Niedriglohn-Sektor in Deutschland rasant aus. Zugleich wurde so
der Einfluß der Gewerkschaften massiv geschwächt.

REGENBOGEN NACHRICHTEN

Anmerkungen

1
Siehe auch unseren Artikel:

Sozialabbau trifft Frauen härter (8.03.08)

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