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Version 27.1.

2009

BSG-Rechtssprechungsinfo SGB II Info 2009


von Bernd Eckhardt, Ökumenisches Arbeitslosenzentrum Nürnberg (e-mail: oeaz-nuernberg@t-online.de,
Jakobstraße 52, 90402 Nürnberg)

Im ersten Rechtssprechungsinfo habe ich die in meinen Augen wichtigsten Entscheidungen


des BSG zum SGB II aus dem Jahr 2008 zusammengestellt. Dieses finden Sie auf
www.sozialpaedagogische-beratung.de unter der Rubrik SGB II Infos. Hier gibt es
demnächst mehr.
Meine BSG-Rechtsprechungsinfo soll wie immer nur als erster Hinweis dienen. Sie ist
selektiv und ersetzt nicht die Originalentscheidungstexte. Die BSG Urteile sind in Kurzform
als Terminberichte auf den Seiten des BSG einsehbar. Auch die kompletten Entscheidungen
sind dort kostenlos abrufbar. Die nachfolgende Aufarbeitung der Entscheidungen erforderte
sehr häufig, die Entscheidungstexte heranzuziehen. Für Entscheidungen ab dem Oktober
2009 stehen die Entscheidungstexte aktuell (Januar 2010) noch nicht zur Verfügung.
Nach Veröffentlichung aller Urteile werde ich diese Übersicht nochmals überarbeiten.
Entscheidungen des BSG umfassen oftmals gleichzeitig viele Einzelfragen des SGB II.
Wenn im Folgenden jede Entscheidung mit der „zu klärenden Frage“ eingeleitet wird, heißt
das nicht, dass diese Frage die einzige für die Entscheidung zu klärende Frage war.
Vielmehr sind dies von mir ausgewählte Fragen, die bisher in der Rechtsprechung und
Kommentarliteratur nicht eindeutig beantwortet waren, und nun innerhalb der BSG
Entscheidung beantwortet wurden. Manchmal sind es auch „nur“ Bestätigungen bisheriger
BSG Urteile.
Ein ausführliches Inhaltsverzeichnis bietet auf gut 2 Seiten einen Überblick über die
behandelten Fragen.
Zu guter Letzt in dieser Einleitung ein bisschen Gerichtschelte:
Keineswegs sind die Antworten des BSG auf ungeklärte Fragen des SGB II aufgrund des
gesetzten Rechts immer zwingend oder zumindest überzeugend. Als Berater, der täglich mit
den Auswirkungen des SGB II und dessen in der Praxis ungeklärten oder unbestimmten
Regelungen zu tun hat, würde ich mir manchmal mehr lebensweltliche Weisheit wünschen.
Die BSG-Entscheidungen sind wichtig für eine einheitliche Behördenpraxis. Sie müssen aber
auch immer wieder durch Sozialgerichte und Kommentare in Frage gestellt werden. Hier
wäre manchmal etwas mehr Pluralität wünschenswert.1
Weniger Pluralität wünscht man sich dagegen von den ARGEN. Behördenleiter/innen sind im
Gegensatz zu Richtern in ihren Entscheidungen nicht unabhängig. Höchstrichterliche
Rechtsprechung dürfen sie nicht ignorieren, was leider oft der Fall ist und zu unnötigen
Verwaltungsverfahren, Widersprüchen und Klagen führt.
Die nicht gewählten Bundessozialrichter/innen haben nicht die Aufgabe das SGB II
weiterzuentwickeln und an Stelle des Gesetzgebers zu treten. Wenn dieser aber nicht
handelt, sind sie oftmals gezwungen dieses zu tun oder fühlen sich dazu gezwungen.2 Dass
landesrechtliche Wohnraumförderungsbestimmungen nun darüber entscheiden, dass
Alleinerziehende in Bayern anders behandelt werden als in Niedersachsen (3.3.2009 B4

1
Vgl. Löns/Herold-Tews, SGB II, Vorwort zur 2.Aufl., V
2
Vgl. Wolfgang Spellbrink, Freiheit und Bindung des Richters am Beispiel der Rechtsprechung zum
SGB II in: info also 3/2009, 99-105

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AS 17/08 R) ist Folge des „BSG-Gesetzes“ zur Bestimmung der Angemessenheit der Kosten
der Unterkunft. Eine andere Entscheidung wäre hier möglich gewesen, da die Orientierung
an den Wohnraumförderungsbestimmungen eben gerade kein Gesetz ist, auch wenn es vom
BSG fast wie ein solches angewendet wird.
Wie auch bei meinem vorherigen Rechtssprechungsinfo möchte ich auf Fortbildungen im
Bereich des SGB II hinweisen, die ich anbiete.
Ohne die Ausarbeitung dieser Fortbildungsseminare wäre diese
Rechtsprechungsinformation nicht entstanden. Ab Februar 2010 finden sich alle
Fortbildungsangebote auf der neugestalteten Seite (die Suchmaschinen finden sie noch
nicht).
www.sozialpaedagogische-beratung.de
Auf dieser Seite werden unter der Rubrik „SGB II Infos“ noch weitere Informationen zu
Fragen des SGB II von mir eingestellt. Unter "Aktuell" finden sich aktuell ausgeschriebene
Seminare. Zudem gibt es hier interessante methodische Seminare für die Beratungsarbeit
von Martina Beckhäuser.
Meine Fortbildung „ARGE-Schreiben verstehen – die richtigen Fragen stellen“ werde ich am
12. April 2010 in München anbieten:
„ARGE-Schreiben verstehen – die richtigen Fragen stellen“ (Tagesseminar)
Termin: Montag, 12. April 2010
Zeit: 9.00 – 16.00 Uhr
Ort: Im Seminarraum "orange" der diakonia
Seidlstraße 4, 80335 München
Kosten: 70,- €
Anmeldungen bitte bis 31.03.2010
Auch wenn die Schreiben nach der Auflösung der ARGE wieder eine andere Form erhalten
werden, ist diese Fortbildung wichtig. Das SGB II bleibt inhaltlich weitgehend gleich. Das
heißt für die Schreiben: Nur die Form der Bekanntgabe der Verwaltungsakte wird sich
ändern. Die Fragen werden bleiben und mit ihr die Notwendigkeit einer kritischen Sichtweise:
Anmeldeformular: auf www.sozialpaedagogische-beratung.de unter Rubrik "Aktuell"
Ein Tagesseminar zur aktuellen Rechtsprechung SGB II werde ich voraussichtlich noch vor
den Sommerferien in Nürnberg anbieten. Sobald der Termin feststeht, werde ich eine
Ausschreibung verschicken.
Bei Interesse an Inhouse-Seminaren schreiben Sie bitte an:
info@sozialpaedagogische-beratung.de

Und nun viel „Spaß“ bei der Lektüre!

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Übersicht über die Auswahl der vom BSG behandelten


Fragen

I. Zu Kindern, Jugendlichen und Auszubildenden ...................6


Ist die Regelsatzhöhe für Kinder bis zur Vollendung des 14. Lebensjahres
verfassungswidrig?..................................................................................................................... 6
Steht einem Alleinerziehenden, der Kinderpflegegeld nach § 39 SGB VII (einschließlich des
darin enthaltenen Erziehungsbeitrags) erhält, zusätzlich ein Mehrbedarf für Alleinerziehende
zu? ............................................................................................................................................. 6
Haben Leistungsberechtigte, die sich die Betreuung ihres Kind mit dem getrennt lebenden
Partner im wöchentlichen Wechsel teilen, Anspruch auf einen Mehrbedarf für
Alleinerziehende?....................................................................................................................... 7
Welcher Teil des BAFÖG ist zweckgebunden für ausbildungsbedingte Kosten und darf daher
nicht als Einkommen angerechnet werden? ............................................................................... 7
Haben auch minderjährige Kinder, die aufgrund von eigenem Einkommen (wie Kindergeld,
Unterhalt, Wohngeld) nicht bedürftig sind und damit nicht zur Bedarfsgemeinschaft gehören,
einen Anspruch auf die Bereinigung des Einkommens um die Versicherungspauschale?.......... 8
Ist der Vermögensfreibetrag in Höhe von 3100,- €, der jedem Kind der Bedarfsgemeinschaft
zusteht, innerhalb der Bedarfsgemeinschaft übertragbar?.......................................................... 9
Ein Kind wohnt aufgrund umgangsrechtlicher Vereinbarungen nur teilweise in der
Bedarfsgemeinschaft und der zur Bedarfsgemeinschaft zählende Elternteil ist nicht
kindergeldberechtigt. Darf dann ein anteiliges Kindergeld als Einkommen angerechnet
werden? Und wie wird die Anzahl der Tage ermittelt, an denen eine zeitweise
Bedarfsgemeinschaft besteht? ................................................................................................... 9
Können Fahrtkosten zur Ausbildung bei BezieherInnen von ALG II und sogenanntem
„kleinen“ BAFÖG von der ARGE übernommen werden? Ist zumindest die darlehensweise
Übernahme möglich? ............................................................................................................... 10
Erhalten BAFÖG-Bezieher SGB II Leistungen, wenn sie lediglich Schüler-BAFÖG aus dem
Grund erhalten, weil die Ausbildungsstätte von der elterlichen Wohnung erreichbar ist, sie
aber nicht in dieser wohnen?.................................................................................................... 10

II. Unterkunft und Heizung........................................................11


Wie ist die Angemessenheit von Kosten der Unterkunft zu bestimmen und wann kann die
Senkung der Unterkunftskosten durch Umzug unzumutbar sein? ............................................ 11
Gehören Gebühren für die Kabelnutzung, die nicht mietvertraglich geschuldet sind, zu den
Unterkunftskosten? .................................................................................................................. 12
Steht einer Alleinerziehenden mit einem Kind eine größere und damit teurere Wohnung
sozialhilferechtlich zu als einem Paar? ..................................................................................... 12
(1) Kann bei Wohneigentum eine monatliche Erhaltungspauschale als Kosten der Unterkunft
geltend gemacht werden? ........................................................................................................ 13

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(2) Bleibt die Eigenheimzulage anrechnungsfrei, wenn sie für die Begleichung von Steuern
und Gebühren verwendet wird?................................................................................................ 13
Wie sind Vermietungen zwischen Familienangehörigen zu werten, wenn sie von üblichen
Vermietungen zwischen Fremden abweichen? ........................................................................ 13
Ist ein monatlicher Mietzuschlag für die Kücheneinrichtung als Teil der Kosten der Unterkunft
zu übernehmen? ...................................................................................................................... 14
Sind Kosten der Unterkunft teilweise zu übernehmen, wenn der Antrag z.B. erst Mitte des
Monats gestellt wird?................................................................................................................ 14
Welche Finanzierungskosten sind bei selbstgenutzten Immobilien als angemessen
anzusehen?.............................................................................................................................. 14
Welche Heizkosten sind bei selbstgenutzten Immobilien angemessen, die oftmals größer
sind als angemessenen Mietwohnungen für die gleiche Personenzahl? .................................. 14
Ist die Übernahme von Heizkosten zu kürzen, wenn die Wohnung zwar angemessen teuer
ist, aber nach den Wohnraumförderbestimmungen für die Anzahl der Haushaltsmitglieder zu
groß ist? ................................................................................................................................... 15
Muss der Grundsicherungsträger auch dann die mietvertraglichen Unterkunftskosten tragen,
wenn diese nach dem Mietrecht zivilrechtlich unwirksam sind (in diesem Fall unwirksame
Staffelmiete) ? Kann er ein Kostensenkungsverfahren einleiten und sind an diesem dann
besondere Ansprüche zu knüpfen? .......................................................................................... 16

III. Sonstiges ..............................................................................18


Ist die ARGE verpflichtet den Zuschlag nach Bezug von Arbeitslosengeld I an
Unterhaltsberechtigte abzuzweigen, wenn ein Titel vorliegt?.................................................... 18
Steht langjährig Selbstständigen, die nur einen geringen Rentenanspruch haben, höheres
Schonvermögen für die Altersvorsorge zu,? ............................................................................. 18
Wann kann die ARGE eine Haushaltsgemeinschaft zwischen Verwandten vermuten? ............ 19
Darf das Einkommen von Verwandten, die nicht unterhaltspflichtig sind, in der
Haushaltsgemeinschaft im Sinne einer Wirtschaftsgemeinschaft angerechnet werden? .......... 19
Darf die ARGE auch bei jedem Folgeantrag die Vorlage der Kontoauszüge der letzten drei
Monate verlangen?................................................................................................................... 20
Entsteht bei einem durch die ARGE veranlassten Umzug ein Anspruch auf Erstausstattung,
wenn einzelne notwendige Einrichtungsgegenstände durch den Umzug unbrauchbar
werden? ................................................................................................................................... 20
Kann eine Erstausstattung (für die Wohnung einschließlich Haushaltsgeräte) auch noch
beantragt werden, wenn jahrelang ohne die beantragten Ausstattungsgegenstände in einer
Wohnung gelebt wurde? Woran richtet sich der Begriff der Erstausstattung? Ist er eng oder
weit auszulegen?...................................................................................................................... 21
Haben Leistungsberechtigte einen Anspruch darauf, über den Abschluss einer
Eingliederungsvereinbarung zu verhandeln?............................................................................ 21
Haben Leistungsberechtigte einen Anspruch darauf, einen persönlichen Ansprechpartner zu
benennen? ............................................................................................................................... 21
Weigerung eine Eingliederungsvereinbarung abzuschließen führt nicht mehr zu Sanktionen:.. 22

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Erlischt ein Antrag auf SGB II Leistungen dadurch, dass er nicht weiter verfolgt wird und
dadurch verwirkt wird?.............................................................................................................. 22
Ist die Ungleichbehandlung beim Mehrbedarf für Behinderte von erwerbsfähigen und
nichterwerbsfähigen Hilfebedürftigen ein Verstoß gegen Art. 3 Abs. 1 GG
(Gleichbehandlungsgrundsatz)?............................................................................................... 23
Dürfen Mitglieder der Bedarfsgemeinschaft aus dem Berechtigtenkreis des SGB II
ausgeschlossen werden, wenn sie die Voraussetzungen der Leistungen nach dem
Asylbewerberleistungsgesetz erfüllen?..................................................................................... 23

IV Sanktionen.............................................................................23
Welche Voraussetzungen haben Sanktionen, wenn eine Arbeitsgelegenheit (ein Euro-Job)
verweigert wird? ....................................................................................................................... 23
Können Sanktionen bei Nichtteilnahme an einer angebotenen Eingliederungsmaßnahme
auch dann verhängt werden, wenn keine Eingliederungsvereinbarung abgeschlossen
wurde? ..................................................................................................................................... 24

V. Rechtsschutz.........................................................................24
Sind aufgrund des oftmals geringen Streitwertes die Gebühren der Rechtsvertretung ohne
Berücksichtigung der Bedeutung der Sache für den Leistungsberechtigten eher gering
anzusetzen?............................................................................................................................. 25

VI. Entscheidungen zur sogenannten modifizierten


Zuflusstheorie............................................................................25
Sind Abfindungen als einmaliges Einkommen anzusehen?...................................................... 25
Sind verspätet ausgezahlte Sozialleistungen, die für den Lebensunterhalt des Vormonats
bestimmt sind, als Einkommen im Zuflussmonat anzurechnen?............................................... 26

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I. Zu Kindern, Jugendlichen und Auszubildenden


Zu klärende Frage:

Ist die Regelsatzhöhe für Kinder bis zur Vollendung des 14. Lebensjahres
verfassungswidrig?
Das BSG bejahte dies am 27.1.2009. In einem Vorlagebeschluss an das BVerfG -
Verfassungswidrigkeit der Höhe des Sozialgeldes für Kinder bis zur Vollendung des 14.
Lebensjahres – legt das BSG seine Gründe da. Bezüglich der Neuregelung der Regelsätze
ab Juli 2009 und der Beihilfe in Höhe von 100,- € für Schulmaterialien (§ 24a SGB II) führt
das BSG aus: „... § 24a SGB II sowie diese geplante Erhöhung der Regelleistung für Kinder
in § 28 SGB II sind nicht geeignet, den aufgezeigten Verfassungsverstoß der
Ungleichbehandlung bzw mangelnden Folgerichtigkeit bei der Festsetzung der Regelleistung
für Kinder und Jugendliche zu Beginn des Jahres 2005 zu heilen; vielmehr unterstreichen sie
dessen Vorliegen.“
Das hessische Landessozialgericht hat ebenfalls einen Vorlagebeschluss dem BVerfG
vorgelegt, der eine weitergehende Kritik an der Verfassungsmäßigkeit der
Regelsatzbemessung enthält.
27.1.2009, B 14 AS 5/08 R

Zu klärende Frage:

Steht einem Alleinerziehenden, der Kinderpflegegeld nach § 39 SGB VII


(einschließlich des darin enthaltenen Erziehungsbeitrags) erhält, zusätzlich ein
Mehrbedarf für Alleinerziehende zu?
Dies war bisher umstritten, weil einige Rechtskommentare eine Zweckidentität von
Erziehungsbeitrag und Alleinerziehendenmehrbedarf annahmen. Das BSG hat diese Frage
nun bejaht und den Mehrbedarf in diesen Fällen zugesprochen. Es führt aus:
„Der Mehrbedarf wegen Alleinerziehung ist auch bei Pflege und Erziehung von Kindern zu
berücksichtigen, mit denen der Begünstigte keine Bedarfsgemeinschaft bildet. Abweichend
von § 7 Abs 3 Nr 4 SGB II kommt es bei Prüfung des § 21 Abs 3 Nr 1 SGB II nur auf das
Zusammenleben mit Kindern in einer Haushaltsgemeinschaft an (zu den Anforderungen an
die Aufnahme von Kindern in einen gemeinsamen Haushalt zuletzt BSG SozR 3-2600 § 48
Nr 6 = juris RdNr 11 mwN), sodass etwa das Zusammenleben von einem Großelternteil
allein mit seinen Enkelkindern bei dem Erziehenden den Anspruch auf einen Mehrbedarf
begründen kann (Behrend in jurisPK-SGB II, 2. Aufl 2007, § 21 RdNr 28; Lang/Knickrehm in
Eicher/Spellbrink, SGB II, 2. Aufl 2008, § 21 RdNr 28). Der Berücksichtigung des
Mehrbedarfs steht schließlich die Gewährung von Leistungen nach § 39 SGB VIII nicht
entgegen. Dem Gesetz lässt sich kein Anhalt dafür entnehmen, dass die Gewährung eines
Erziehungsbeitrages nach § 39 Abs 1 Satz 2 SGB VIII den Mehrbedarf wegen
Alleinerziehung schon dem Grunde nach entfallen lässt (aA offenbar Breitkreuz in Beck'scher
Online-Kommentar, SGB II, Stand 1. Dezember 2008, § 21 RdNr 8; Löns/Herold-Tews, SGB
II, § 21 RdNr 14).“
Diese Rechtsprechung betrifft nicht viele Menschen, ist aber gerade auch für BeraterInnen in
der Jugendhilfe interessant.

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Die zum Teil sehr restriktive Praxis der Jugendämter, Kinderpflegegeld auch Angehörigen,
die Kinder im Verwandtschaftsverhältnis betreuen, zu gewähren, ist ein anderer
Rechtsbereich.
Wichtig für den Bereich der Jugendhilfe/SGB II ist, dass der Erziehungsbeitrag i.S. des § 39
Abs. 1 Satz 2 SGB VIII als nicht bedarfsmindernd zu bewerten ist, also nicht als Einkommen
angerechnet werden darf, solange die Pflege nicht gewerblich betrieben wird. (vgl. B 7b AS
12/06 vom 29.3.2007. Ansonsten könnte niemand auf die Idee kommen, dass dieser
Erziehungsbeitrag den alleinerziehenden Mehrbedarf ersetzt, was er nach der neuen
Entscheidung des BSG aber nicht tut).
27.1.2009, B 14/7 AS 8/07 R

Zu klärende Frage:

Haben Leistungsberechtigte, die sich die Betreuung ihres Kind mit dem
getrennt lebenden Partner im wöchentlichen Wechsel teilen, Anspruch auf
einen Mehrbedarf für Alleinerziehende?
Das BSG bejaht die Frage dahingehend, dass es hier den Anspruch auf einen halben
Mehrbedarf feststellt. Allerdings sieht das BSG den Mehrbedarf erst dann als gerechtfertigt
an, wenn das Betreuungsintervall mindestens eine Woche beträgt. Auch eine weitere
Fallgestaltung, die z.B. einen Drittel Mehrbedarf vorsieht, lehnt das BSG ab (vgl. unten
zitierten Absatz 22).
„Der genannte Mehrbedarf wird unabhängig von der konkreten Höhe des Bedarfes gewährt,
wenn bei einem Leistungsberechtigten die besondere Bedarfssituation der Alleinerziehung
vorliegt. Das Gesetz geht insoweit von besonderen Lebensumständen aus, bei denen
typischerweise ein zusätzlicher Bedarf zu bejahen ist. Derartige besondere
Lebensumstände, die die Zuerkennung des in § 21 Abs 3 SGB II geregelten Mehrbedarfs
rechtfertigen, liegen grundsätzlich vor, wenn sich geschiedene und getrennt wohnende
Eltern bei der Pflege und Erziehung des gemeinsamen Kindes in größeren, mindestens eine
Woche umfassenden Intervallen abwechseln und sich die anfallenden Kosten in etwa hälftig
teilen.“ (Absatz 16)
„Im Übrigen weist der Senat darauf hin, dass er es vor dem Hintergrund des Zwecks des §
21 Abs 3 SGB II nicht für gerechtfertigt hält, die vorstehenden Überlegungen auf andere
Gestaltungen, bei denen tatsächlich ein abweichender Anteil der Betreuungsleistungen
praktiziert wird, zu übertragen. Ist ein Elternteil in geringerem als hälftigem zeitlichen Umfang
für die Pflege und Betreuung des Kindes zuständig, so steht die Leistung allein dem anderen
Elternteil zu. Die Zuerkennung des hälftigen Mehrbedarfs erscheint auf der Grundlage der
vorstehenden Überlegung auch dann nicht gerechtfertigt, wenn sich Betreuung in kürzeren
als wöchentlichen Intervallen vollzieht“ (Absatz 22)
3.3.2009 B 4 AS 50/07 R

Zu klärende Frage

Welcher Teil des BAFÖG ist zweckgebunden für ausbildungsbedingte Kosten


und darf daher nicht als Einkommen angerechnet werden?
Das BSG folgt der Pauschalierung, die bisher im Grunde schon von der BA empfohlen
wurde. 20 % des BAFÖGs dienen demnach dem Zweck des ausbildungsbedingten Bedarfs.

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Klargestellt wurde, dass die 20%-Pauschale sich immer auf den jeweiligen BAFÖG-
Höchstsatz bezieht. Die Bundesagentur hat dies nun ebenfalls klargestellt. In den
Durchführungshinweisen hat sie aufgrund des Urteils eine übersichtliche Tabelle eingefügt:

Quelle: Bundesagentur für Arbeit,


Durchführungshinweise zum
Arbeitslosengeld II, Rz. 11.102, in
Bezug auf das BSG Urteil vom
17.3.2009
(Stand 14.7.2009)

Der Abzug der 20%-Pauschale gilt übrigens nicht für die Berufsausbildungsbeihilfe, da hier
entstehende ausbildungsbedingte Kosten zusätzlich übernommen werden.
17.3.2009 B 14 AS 61/07 R

Zu klärende Frage:

Haben auch minderjährige Kinder, die aufgrund von eigenem Einkommen (wie
Kindergeld, Unterhalt, Wohngeld) nicht bedürftig sind und damit nicht zur
Bedarfsgemeinschaft gehören, einen Anspruch auf die Bereinigung des
Einkommens um die Versicherungspauschale?
Das BSG sagt ja. Die Frage stellt sich immer dann, wenn das sogenannte überschießende
Kindergeld, das vom Kind nicht zum Lebensunterhalt benötigt wird, bei den Eltern als
Einkommen angerechnet wird. Nach der Entscheidung des BSG muss das Kindergeld um
30,- € schon als Einkommen beim nicht bedürftigen Kind bereinigt werden. Auch der
überschießende beim Kindergeldberechtigten anzurechnende Teil ist um 30,- € zu
bereinigen, wenn die Versicherungspauschale nicht schon anderweitig abgesetzt wurde. Das
BSG hält diese „doppelte“ Berücksichtigung der Versicherungspauschale für rechtens. Für
viele Familien, insbesondere Alleinerziehende bedeutet dies, dass sie nun eine um 30,- €
monatlich höhere Leistung erhalten können. Die ARGEN setzen dieses Urteil nach meinen
Erfahrungen bisher nicht um. Hier muss gezielt darauf hingewiesen werden.
13.5.2009 B 4 AS 39/08 R
Die Freude über das Urteil währte nur kurz. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales
änderte die Arbeitslosengeld II Verordnung, so dass Minderjährigen grundsätzlich dieser
Freibetrag nicht zusteht. Die Änderung trat am 1.August 2009 in Kraft. Allein für den
Zeitraum vom 13.5.2009 bis zum 31.7.2009 kann nun dieser „doppelte“ Freibetrag per
Überprüfungsantrag geltend gemacht werden.

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Zu klärende Frage:

Ist der Vermögensfreibetrag in Höhe von 3100,- €, der jedem Kind der
Bedarfsgemeinschaft zusteht, innerhalb der Bedarfsgemeinschaft
übertragbar?
Das BSG folgt der Praxis der ARGEN und lehnt die Möglichkeit der Übertragbarkeit des
Vermögensfreibetrags ab. Auf die aus der Begründung des Gesetzes und aus dem Zweck
der Rechtsnorm abgeleiteten Begründung der Entscheidung gehe ich hier nicht ein, zumal
die Entscheidung (Stand 17.7.2009) noch nicht veröffentlicht ist. (Spannend ist, wie eine
Übertragung von Vermögen nach Antragstellung gewertet wird - als unzulässige
Schenkung, die Erstattungspflicht auslöst? Hierzu hoffe ich, in der nächsten Info etwas
berichten zu können.)
Zuerst einmal bleibt festzustellen: Die kluge Vermögensordnung vor der Antragstellung ist
wichtiger Bestandteil für Menschen, die schnell in den Zugriffbereich des SGB II rutschen
können. Gerade bei Alleinerziehenden finden sich oft ungeschickte Vermögensverteilungen.
(Da legen Großeltern ein Sparbuch für die Kinder an, dann sind diese nicht bedürftig, oder
führen es auf dem Namen der Mutter, dann sind manchmal alle nicht bedürftig...)
13.5.2009 B 4 AS 58/08 R

Zu klärende Frage:

Ein Kind wohnt aufgrund umgangsrechtlicher Vereinbarungen nur teilweise in


der Bedarfsgemeinschaft und der zur Bedarfsgemeinschaft zählende Elternteil
ist nicht kindergeldberechtigt. Darf dann ein anteiliges Kindergeld als
Einkommen angerechnet werden? Und wie wird die Anzahl der Tage ermittelt,
an denen eine zeitweise Bedarfsgemeinschaft besteht?
Das BSG hat diese Frage verneint, da der zeitweise bestehenden Bedarfsgemeinschaft kein
Kindergeld zur Verfügung steht. Ob eventuell Unterhaltsansprüche bestehen, muss nicht der
Leistungsberechtigte klären. Es ist Sache des beklagten Grundsicherungsträgers,
gegebenenfalls bestehende Unterhaltsansprüche nach § 33 SGB II geltend zu machen.
(Anm. B.E.: Letztere dürften in vielen Fällen des geteilten Umgangsrechts nicht bestehen,
wenn die zeitweise bestehende Bedarfsgemeinschaft deutlich weniger als die Hälfte der
Betreuungszeit ausmacht. Aufgrund des Betreuungsunterhalts des überwiegend
betreuenden Elternteils kann im Regelfall kein Barunterhalt von diesem für die Zeit des
Umgangsrechts eingefordert werden.)
Das BSG hat hier nochmals betont, dass es keine Abschläge vom Regelsatz geben darf,
jeder gezählte Tag (s.u.) einen Leistungsanspruch von 1/30stel der Regelleistung umfasst.
Das BSG hat sich in dieser Entscheidung auch der Frage zugewandt, welche Tage gezählt
werden und klargestellt, dass es nur ganze Tage gibt: „Eine zeitweise Bedarfsgemeinschaft
mit dem umgangsberechtigten Elternteil besteht grundsätzlich für jeden Kalendertag, an dem
sich das Kind überwiegend dort aufhält. Hierfür kann in der Regel ausschlaggebend sein, wo
sich das Kind länger als 12 Stunden bezogen auf den Kalendertag aufhält. Normativer
Anhaltspunkt dafür ist die Regelung des § 41 Abs 1 Satz 1 SGB II, wonach der Anspruch auf
Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts für jeden Kalendertag besteht. Ein
Kalendertag ist damit die kleinste im Gesetz vorgesehene zeitliche Einheit, für die Ansprüche

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auf Leistungen für den Lebensunterhalt bestehen und entsprechende Leistungen bemessen
werden können. Dass bei dieser Auslegung der Vorschrift bestimmte Teilbedarfe tatsächlich
ungedeckt bleiben (können), weil einzelne Mahlzeiten an Tagen bestritten werden müssen,
an denen sich das Kind nicht überwiegend in der zeitweisen Bedarfsgemeinschaft aufhält
(hier etwa das Abendessen am Freitagabend), ist dem System der Pauschalierung der
Regelleistungen geschuldet und hinzunehmen, zumal - auch dies zeigt der vorliegende Fall -
andererseits (volle) Leistungen auch für Tage zu gewähren sind, an denen sich die Kinder
nicht durchgängig beim umgangsberechtigten Elternteil aufhalten.“
2.7.2009 B 14 AS 75/08 R
Zu klärende Frage:

Können Fahrtkosten zur Ausbildung bei BezieherInnen von ALG II und


sogenanntem „kleinen“ BAFÖG von der ARGE übernommen werden? Ist
zumindest die darlehensweise Übernahme möglich?
Beides verneint das BSG mit dem Verweis auf die abschließend festgelegten Bedarfe im
SGB II. Das BSG sieht auch außerhalb des SGB II keine Möglichkeit der Übernahme. § 73
SGB XII sei nicht anwendbar, weil Schülerbeförderungskosten kein atypischer Bedarf sei.
Die Förderung der Ausbildung sei spezialgesetzlich abschließend im BAFÖG geregelt. (Das
BAFÖG sieht im Gegensatz zum BAB keine Erstattung der Fahrtkosten vor. Dies wird
dadurch gemildert, dass vom BAFÖG ein ausbildungsbedingter Bedarf in Höhe von 20% des
maximalen Förderungsbetrags anrechnungsfrei bleibt).
28.10.2009 B 14 AS 44/08 R
Zu klärende Frage:

Erhalten BAFÖG-Bezieher SGB II Leistungen, wenn sie lediglich Schüler-


BAFÖG aus dem Grund erhalten, weil die Ausbildungsstätte von der
elterlichen Wohnung erreichbar ist, sie aber nicht in dieser wohnen?
Ja. Das BSG folgt hier konsequent dem Wortlaut des Gesetzes und bejaht die Frage. Der
Terminbericht des BSG lautet: „Die Vorinstanzen sind zu Recht davon ausgegangen, dass
dem Kläger für den streitigen Zeitraum ein Anspruch auf Leistungen nach dem SGB II dem
Grunde nach zusteht. Alle Anspruchsvoraussetzungen für einen Anspruch auf Alg II
sind dem Grunde nach erfüllt; die Ausschlussregelung des § 7 Abs 5 Satz 1 SGB II,
wonach Auszubildende, deren Ausbildung ua im Rahmen des BAföG dem Grunde
nach förderungsfähig ist, keinen Anspruch auf Leistungen zur Sicherung des
Lebensunterhalts haben, greift entgegen der Auffassung des Beklagten nicht ein, weil
der Kläger lediglich sog Schüler-BAföG (nach § 12 Abs 1 Nr 1 BAföG) bezog, weshalb
der Ausschluss von Leistungen nach dem SGB II (nach § 7 Abs 6 Nr 2 SGB II)
aufgehoben ist. Maßgebend dafür, dass der Kläger lediglich Schüler-BAfög erhielt, war die
Tatsache, dass die Ausbildungsstätte vom Wohnort des Vaters aus erreichbar war.
Unerheblich für die Bemessung der Ausbildungsförderung nach § 12 Abs 1 Nr 1 BAföG ist
dagegen, ob der Auszubildende tatsächlich bei seinen Eltern wohnt. Die Privilegierung in § 7
Abs 6 Nr 2 SGB II beruht allein darauf, dass der Auszubildende nur den niedrigeren Satz des
sog Schüler-BAföG nach § 12 Abs 1 Nr 1 BAföG erhält.“
Exkurs:
Manche ARGEN versuchen hier doch einen Leistungsausschluss durch die Hintertür
einzuführen. Der Landkreis Zwickau unterstellt in seinen Verwaltungsrichtlinien (Juli 2009),

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dass bei kleinem Bafög generell Absicht im Sinne von § 22 Abs. 2a Satz 4 unterstellt werden
kann und damit keine Kosten für die Unterkunft gewährt werden müssten:
„Absicht kann insbesondere angenommen werden, wenn
...
2. ein Ablehnungsbescheid anderer Leistungsträger bzgl. Unterkunftskosten bereits vorliegt
(z. B. USG, BAföG). Dies ist auch zu bejahen, wenn aufgrund des Weg-Zeit-
Diagramms (Ausbildungsstätte ist vom Wohnort der Eltern aus zumutbar zu erreichen eine
eigene Wohnung daher lt. BAföG nicht erforderlich) lediglich kleines BAföG gewährt wird.“
(Verwaltungsvorschrift Zwickau)“
Dieser falschen Interpretation des Begriffs der Absicht ist rechtlich entgegenzutreten. Wenn
willkürliche Unterstellungen des Missbrauchs zum Abbruch der Ausbildung führen, ist diesem
auch politisch entgegen zu treten. (Der § 22 Abs. 2 verletzt m.E. ohne hin das
Maßhaltegebot).
21.12.2009 B 14 AS 61/08 R

II. Unterkunft und Heizung

Zu klärende Frage:

Wie ist die Angemessenheit von Kosten der Unterkunft zu bestimmen und
wann kann die Senkung der Unterkunftskosten durch Umzug unzumutbar
sein?
Zur Frage der Angemessenheit der Unterkunftskosten folgt das BSG seiner bisherigen
Rechtsprechung, die ich hier nicht weiter ausführe. Es stellt nochmals klar, dass die maximal
sechsmonatige Übernahme auch unangemessener Unterkunftskosten ab dem Zeitpunkt der
Aufforderung zur Kostensenkung nur gilt, wenn sich der Leistungsberechtigte um eine
Kostensenkung bemüht. Leistungsberechtigte, die sich dahin äußern, keine
Kostensenkungsanstrengungen zu unternehmen, genießen diesen Schutz nicht.
Das BSG hat in dieser Entscheidung auch ausgeführt, wann ein Umzug trotz
unangemessener Unterkunftskosten unzumutbar ist. Hier hat das BSG ausdrücklich
besonderen Schutz für Alleinerziehende und für schulpflichtige Kinder genannt. In diesen
Fällen werden weiterhin die unangemessenen Kosten übernommen. Allerdings bleibt auch
die Verpflichtung, sich um die Senkung der Kosten zu bemühen bestehen. Unangemessene
Kosten werden also durch unzumutbaren Umzug nicht zu angemessenen. Nur der Bereich
der Wohnungssuche wird in der Regel eingeschränkt.
„Den besonderen Belangen und der konkreten Situation des jeweiligen Hilfebedürftigen (zB
von Alleinerziehenden oder von Familien mit minderjährigen schulpflichtigen Kindern) ist
nicht bereits bei der (abstrakt-generell vorzunehmenden) Festlegung der Vergleichsräume,
sondern erst im Rahmen der Zumutbarkeitsregelung des § 22 Abs 1 Satz 3 SGB II
Rechnung zu tragen (dazu unter 2).“ (Absatz 23).
„Die Erstattung nicht angemessener KdU bleibt der durch sachliche Gründe
begründungspflichtige Ausnahmefall und die Obliegenheit zur Kostensenkung bleibt auch bei
Unmöglichkeit oder subjektiver Unzumutbarkeit bestehen; unangemessen hohe KdU werden

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auch bei Unmöglichkeit und Unzumutbarkeit von Kostensenkungsmaßnahmen nicht zu


angemessenen KdU.“ (Absatz 32)
„Beruft sich ein Hilfebedürftiger darauf, sich zB örtlich nicht verändern oder seine Wohnung
nicht aufgeben zu können, müssen hierfür besondere Gründe vorliegen, die einen
Ausnahmefall begründen können. Hierfür kommen insbesondere grundrechtsrelevante
Sachverhalte oder Härtefälle in Betracht. Dazu gehört etwa die Rücksichtnahme auf das
soziale und schulische Umfeld minderjähriger schulpflichtiger Kinder, die möglichst
nicht durch einen Wohnungswechsel zu einem Schulwechsel gezwungen werden
sollten; ebenso kann auf Alleinerziehende Rücksicht genommen werden, die zur
Betreuung ihrer Kinder auf eine besondere Infrastruktur angewiesen sind, die bei
einem Wohnungswechsel in entferntere Ortsteile möglicherweise verloren ginge und
im neuen Wohnumfeld nicht ersetzt werden könnte. Ähnliches kann für behinderte
oder pflegebedürftige Menschen bzw für die sie betreuenden Familienangehörigen
gelten, die zur Sicherstellung der Teilhabe behinderter Menschen ebenfalls auf eine
besondere wohnungsnahe Infrastruktur angewiesen sind. Derjenige, der insbesondere
als alleinstehender erwerbsfähiger Hilfeempfänger solche oder ähnliche Gründe nicht
anführen kann, wird bereits den Tatbestand der subjektiven Unzumutbarkeit von
Kostensenkungsmaßnahmen kaum erfüllen.“ (Absatz 35)
19.2.2009 B 4 AS 30/08 R

Zu klärende Frage:

Gehören Gebühren für die Kabelnutzung, die nicht mietvertraglich geschuldet


sind, zu den Unterkunftskosten?
Das BSG sagt: nein, solange keine mietvertragliche Verpflichtung besteht.
19.2.2009 B 4 AS 48/08 R

Zu klärende Frage:

Steht einer Alleinerziehenden mit einem Kind eine größere und damit teurere
Wohnung sozialhilferechtlich zu als einem Paar?
Hintergrund ist der tatsächlich bestehende größere Wohnbedarf, der dann der Fall ist, wenn
als Bedarf anerkannt wird: ein eigenes Zimmer für die Mutter, ein eigenes Zimmer für die
Tochter und ein gemeinsames Wohnzimmer. Die Antwort auf diese Frage wurde mit
Spannung von vielen Alleinerziehenden erwartet. Leider gibt’s hier kein Urteil, weil ein
Vergleich geschlossen wurde, der allerdings der bisherigen Rechtsprechung des BSG folgt.
Diese lautet: Solange der Gesetzgeber nicht von der in § 27 SGB II formulierten
Verordnungsermächtigung Gebrauch macht und bundeseinheitliche Regelungen trifft, gilt:
Die jeweils gültigen länderspezifischen Wohnraumförderungsbestimmungen entscheiden
darüber, ob Alleinerziehenden ein größerer Wohnraumbedarf zugesprochen wird. Dies ist
beispielsweise in Niedersachsen (+ 10 m²) der Fall, in Bayern nicht. Die länderspezifischen
Wohnraumförderungsbestimmungen finden sich im Internet auf unterschiedlichen Seiten. Als
Suchbegriff innerhalb der Bestimmungen eignet sich der Begriff „Wohnflächengrenzen“. Die
Länderspezifische Ungleichbehandlung gleicher Sachverhalte lässt sich nicht aus dem
SGB II ableiten und auch sonst gesetzlich nicht rechtfertigen. Ursache hierfür ist allein die
Rechtsprechung des BSG, dass bei der Bestimmung der angemessenen Unterkunftskosten

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die Wohnraumförderungsbestimmungen der Länder heranzieht. Das BSG argumentiert, dass


es keine andere Möglichkeit gebe, da die Bundesregierung hier nicht keine Einheitlichkeit
stiftende Verordnung erlassen hat. Die ganze Argumentation des BSG überzeugt nicht, auch
wenn die Stoßrichtung klar ist, den Gesetzgeber zu bewegen endlich eine Verordnung zu
erlassen.
3.3.2009 B4 AS 17/08 R
Zu klärende Fragen:

(1) Kann bei Wohneigentum eine monatliche Erhaltungspauschale als Kosten


der Unterkunft geltend gemacht werden?

(2) Bleibt die Eigenheimzulage anrechnungsfrei, wenn sie für die Begleichung
von Steuern und Gebühren verwendet wird?
Zu (1): Die Geltendmachung einer Erhaltungspauschale lehnt das BSG ab. Nur tatsächlich
anfallende Bedarfe sind zu berücksichtigen.
Zu (2): Die Eigenheimzulage wird angerechnet, weil sie nicht der Finanzierung dient. Dieser
zweckbestimmte Schutz kann nicht zu weit ausgelegt werden.
3.3.2009 B 4 AS 38/08 R

Zu klärende Frage:

Wie sind Vermietungen zwischen Familienangehörigen zu werten, wenn sie


von üblichen Vermietungen zwischen Fremden abweichen?
Leitsatz des BSG: „Tatsächliche Aufwendungen für Unterkunft sind vom
Grundsicherungsträger bis zur Angemessenheitsgrenze zu übernehmen, wenn sie auf Grund
einer wirksamen rechtlichen Verpflichtung vom Hilfebedürftigen zu tragen sind, unabhängig
davon, ob die Höhe oder die Vertragsgestaltung einem Fremdvergleich standhält.“
In der Regel sind die Mieten zwischen Familienangehörigen günstiger. Insbesondere wird
auch mit unregelmäßigen Mietzahlungen nicht wie zwischen Fremden umgegangen. Manche
ARGEN bezweifeln das Vorliegen eines Mietverhältnisses, wenn trotz – vielleicht sogar von
der ARGE verursachter - erheblicher Mietrückstände, keine üblichen Mechanismen wie
Kündigungsdrohung, Kündigung usw. eintreten. Hier wird dann leichtfertig unterstellt, dass
der Wohnraum mietfrei zur Verfügung gestellt wird. Das BSG lehnt diesen Fremdvergleich
ab. Entscheidend ist:
"Tatsächliche Aufwendungen für eine Wohnung liegen allerdings nicht nur dann vor, wenn
der Hilfebedürftige die Miete bereits gezahlt hat und nunmehr deren Erstattung verlangt.
Vielmehr reicht es aus, dass der Hilfebedürftige im jeweiligen Leistungszeitraum einer
wirksamen Mietzinsforderung ausgesetzt ist.“ (aus dem Terminbericht)
3.3.2009 B 4 AS 37/08 R (s.a. 7.5.2009 B14 AS 31/07 R)

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Zu klärende Frage:

Ist ein monatlicher Mietzuschlag für die Kücheneinrichtung als Teil der Kosten
der Unterkunft zu übernehmen?
Das BSG bejaht dies.
7.5.2009 B 14 AS 14/08 R

Zu klärende Frage:

Sind Kosten der Unterkunft teilweise zu übernehmen, wenn der Antrag z.B.
erst Mitte des Monats gestellt wird?
Das BSG hat erwartungsgemäß die Frage bejaht. Das Zuflussprinzip korrespondiert nicht mit
einem „Abflussprinzip“. Die ARGE kann nicht darauf verweisen, dass die Kosten der
Unterkunft schon vor Antragstellung angefallen und vom Leistungsberechtigten beglichen
wurden. Wer z.B. am Zehnten eines Monats sein letztes Gehalt erhält und am Elften des
Monats seinen Antrag stellt, hat Anspruch auf Zweidrittel der Kosten der Unterkunft. Das vor
Antragstellung zugeflossene Gehalt stellt dagegen Vermögen dar und ist nicht zu
berücksichtigen, wenn das Gesamtvermögen das Schonvermögen nicht übersteigt.
7.5.2009 B 14 AS 13/08 R

Zu klärende Frage:

Welche Finanzierungskosten sind bei selbstgenutzten Immobilien als


angemessen anzusehen?
Das BSG führt seine Rechtsprechung im Sinne des entwickelten
Gleichbehandlungskriteriums fort: Mieter und Eigentümer sind hinsichtlich der Übernahme
der Kosten der Unterkunft dahingehend gleich zu behandeln, als die im Mietbereich
gewonnenen Richtwerte auch für Eigentümer gelten. Das Vermögensprivileg führt nicht zu
einer weiteren Privilegierung. Das heißt: Finanzierungskosten (Zinsen, in der Regel nicht
Tilgung) sind nur insoweit zu übernehmen als sie die Richtwerte für Mietwohnungen gleicher
Personenzahl nicht übersteigen.
2. 7. 2009 B 14 AS 32/07

Zu klärende Frage:

Welche Heizkosten sind bei selbstgenutzten Immobilien angemessen, die


oftmals größer sind als angemessenen Mietwohnungen für die gleiche
Personenzahl?
Das BSG folgt auch hier seinem Gleichbehandlungskriterium. Während früher Gerichte
den Grundsatz vertraten, dass die als Vermögen geschützte Immobilie immer auch als
angemessen hinsichtlich der Größe und damit zusammenhängender Kosten der Unterkunft
war, sieht das BSG dies nun anders. Vereinfacht ausgedrückt konnte bisher gesagt werden:
wem ein größeres Haus zugebilligt wurde, dem mussten auch die entsprechend höheren
Kosten zur Beheizung des Hauses zugestanden werden. Das BSG sagt nun, das dem nicht

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so sei. Werden die Richtwerte allein deshalb überschritten, weil die Immobilie größer ist als
die entsprechende Quadratmeterzahl zur Bestimmung der Angemessenheit bei
Mietwohnungen, sind die Heizkosten auf diese angemessenen Kosten zu begrenzen. Im
Klartext wird nur eine teilweise Beheizung als angemessen betrachtet.
2.7.2009 B 14 AS 33/08 R

Zu klärende Frage:

Ist die Übernahme von Heizkosten zu kürzen, wenn die Wohnung zwar
angemessen teuer ist, aber nach den Wohnraumförderbestimmungen für die
Anzahl der Haushaltsmitglieder zu groß ist?
Hier betont das BSG, dass grundsätzlich die Kosten der Heizung in tatsächlicher Höhe
übernommen werden müssen. Bei Überschreitung der Grenzwerte (Richtwerte) muss eine
konkrete Einzelfallprüfung stattfinden, „wobei die Grenzwerte im Interesse der
Gleichbehandlung von Mietern und Wohnungs- bzw. Hauseigentümern nach der jeweils
angemessenen Wohnungsgröße zu bestimmen sind.“ (aus dem Terminbericht)
Das BSG entwickelt in diesem Urteil erstmals Kriterien, nach denen die Angemessenheit von
Heizkosten ermittelt wird. So heißt es:
„Die tatsächlich anfallenden Kosten sind als angemessen anzusehen, soweit sie nicht einen
Grenzwert überschreiten, der unangemessenes Heizen indiziert“ (Absatz 15)
Wird der Grenzwert überschritten, dann ändert sich laut BSG die Beweislast. Nun muss der
Leistungsberechtigte darlegen, warum seine Heizkosten immer noch angemessen sind.
Wörtlich heißt es:
„Soweit jedoch der genannte Grenzwert erreicht ist, sind auch von einem Hilfebedürftigen
Maßnahmen zu erwarten, die zur Senkung der Heizkosten führen. Es obliegt in solchen
Fällen dann dem Hilfesuchenden, konkret vorzubringen, warum seine Aufwendungen
für die Heizung über dem Grenzwert liegen, im jeweiligen Einzelfall aber gleichwohl
noch als angemessen anzusehen sind.“ (Absatz 23)
Zur Bestimmung der Grenzwerte verweist das BSG auf
vorhandene kommunale Heizspiegel. Existieren diese nicht,
was meist der Fall ist, muss auf den Bundesheizspiegel
zurückgegriffen werden. Als Grenzwert wird die rechte Spalte
angesehen.
Rechts ist die für die Rechtsprechung interessante Tabelle
abgebildet. Der Grenzwert variiert je nach Größe des
Wohnblocks und der Art der Heizung.
Ein typischer Wohnblock wird 501-1000m² Wohnfläche
haben. Wird er mit Fernwärme beheizt, ergibt sich folgender
Grenzwert z.B. für drei Personen für das Jahr 2008:
Abstrakte Wohnfläche nach den Richtlinien des sozialen
Wohnungsbaus (in Bayern 3 Personen = 75 m²) und
entsprechend der Anzahl der Bewohner multipliziert mit der
rechten Spalte:

75*16,3 €= 1222,50, d.h im Monat 101,87 €

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Wie bei vielen Entscheidungen und Überlegungen des BSG zum SGB II stellt sich die Frage nach der
Praxistauglichkeit der Entscheidung. Der Heizspiegel berücksichtigt die jeweiligen Energiekosten und auch die
klimatischen Besonderheiten der Heizperiode. Der Heizspiegel für das Abrechnungsjahr 2008 erschien am
1.10.2009. Eine sachgerechte Entscheidung im Bedarfszeitraum kann aufgrund z.T massiver
Preissteigerungen mit Hilfe des BSG-Vorschlags kaum erfolgen. Er bietet nur Anhaltspunkte und muss
entsprechend korrigiert werden.
Anmerkung: Während der 14.Senat hier bei Überschreitung des oberen Bereichs des
Heizspiegels die Leistungsberechtigten in die Nachweispflicht bringt, argumentiert der
4.Senat in einer Entscheidung vom 22.9.2009 wesentlich vorsichtiger:
„Das Überschreiten der oberen Grenzwerte eines lokalen bzw, soweit ein solcher nicht
existiert, des bundesweiten Heizspiegels kann insoweit lediglich als Indiz für die fehlende
Erforderlichkeit angesehen werden (vgl die im Terminbericht Nr 40/09 zur Entscheidung vom
2.7.2009 - B 14 AS 36/08 R wiedergegebenen Erwägungen). Bei der in jedem Fall
durchzuführenden konkreten Prüfung müssen sodann ggf auch die besonderen individuellen
Gegebenheiten mit einbezogen werden. Hierzu gehören zB die besonderen klimatischen
Bedingungen des Wohnortes der Klägerin.“ (Absatz 19 in BUNDESSOZIALGERICHT Urteil
vom 22.9.2009, B 4 AS 70/08 R)
2.7.2009 B 14 AS 36/08 R

Zu klärende Frage:

Muss der Grundsicherungsträger auch dann die mietvertraglichen


Unterkunftskosten tragen, wenn diese nach dem Mietrecht zivilrechtlich
unwirksam sind (in diesem Fall unwirksame Staffelmiete) ? Kann er ein
Kostensenkungsverfahren einleiten und sind an diesem dann besondere
Ansprüche zu knüpfen?
Im Gegensatz zur Vorinstanz bejaht das BSG die erste Frage entschieden: „Schon nach
dem Wortlaut des § 22 Abs 1 Satz 1 Halbsatz 1 SGB II ist auf die tatsächlichen Zahlungen
abzustellen. Danach werden die Leistungen für Unterkunft und Heizung "in Höhe der
tatsächlichen Aufwendungen" erbracht. Für die Auffassung des LSG, der
Grundsicherungsträger könne sich auf die Unwirksamkeit bestimmter Klauseln des
Mietvertrages berufen und deshalb gegenüber den tatsächlich geleisteten Zahlungen
Abzüge vornehmen, finden sich hingegen keinerlei Anhaltspunkte im Wortlaut des
Gesetzes.“(Absatz 17)
Allerdings schränkt das BSG diese grundsätzliche Übernahme der tatsächlichen Kosten
dahingehend ein, dass unwirksame Mietforderungen nicht auf Dauer übernommen werden:
„Aufwendungen für KdU, die auf einer zivilrechtlich unwirksamen Grundlage beruhen,
können und dürfen allerdings nicht dauerhaft aus öffentlichen Mitteln bestritten werden.“
(Absatz 21)
Das BSG sieht hier die Möglichkeit, dass ein Kostensenkungsverfahren eingeleitet wird,
auch wenn die Kosten der Unterkunft ihrer Höhe nach im Rahmen der Richtlinien der
Angemessenheit (Mietobergrenzen) liegen. An das Kostensenkungsverfahren knüpft das
BSG in diesem Sonderfall aber besondere Anforderungen:
„Die Kostensenkungsaufforderung darf sich - unbeschadet der ansonsten hierzu geltenden
Grundsätze (BSG, Urteil vom 19.3.2008 - B 11b AS 41/06 R, SozR 4-4200 § 22 Nr 7; BSG,
Urteil vom 19.2.2009 - B 4 AS 30/08 R) - in diesem Fall ausnahmsweise nicht darauf

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beschränken, dem Hilfebedürftigen lediglich den nach Auffassung des


Grundsicherungsträgers angemessenen Mietzins und die Folgen mangelnder
Kostensenkung vor Augen zu führen. Vielmehr muss dem erwerbsfähigen Hilfebedürftigen
der Rechtsstandpunkt des Grundsicherungsträgers und das von diesem befürwortete
Vorgehen gegenüber dem Vermieter in einer Weise verdeutlicht werden, die ihn zur
Durchsetzung seiner Rechte gegenüber dem Vermieter in die Lage versetzt. Bis zu den
erforderlichen Erläuterungen durch das Informationsschreiben sind Maßnahmen der
Kostensenkung für den erwerbsfähigen Hilfebedürftigen regelmäßig subjektiv unmöglich iS
des § 22 Abs 1 Satz 3 SGB II ....“(Absatz 23)
Diese Entscheidung dürfte auch bei Mietwucher (insbesondere im Bereich von
Kleinstwohnungen) eine Rolle spielen. Hier gibt es einige ARGEN, die den maximalen
Quadratmeterpreis deckeln, ohne die sogenannte Produkttheorie zu berücksichtigen. (Nach
dieser wären solche Wohnungen aufgrund ihrer kleinen Größe trotz des hohen
Quadratmeterpreises angemessen).
BUNDESSOZIALGERICHT Urteil vom 22.9.2009, B 4 AS 8/09 R

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III. Sonstiges
Zu klärende Frage:

Ist die ARGE verpflichtet den Zuschlag nach Bezug von Arbeitslosengeld I an
Unterhaltsberechtigte abzuzweigen, wenn ein Titel vorliegt?
Das BSG sieht diese Möglichkeit nach § 48 SGB I auch für den Bereich des SGB II in
bestimmten Fällen gegeben. Die ARGE kann nicht durch Heranziehung des Selbstbehalts
nach der Düsseldorfer Tabelle eine Abzweigung ablehnen. Bei der Prüfung der Abzweigung
muss pflichtmäßiges Ermessen ausgeübt werden. Unstrittig können nicht die Regelleistung
und die Leistungen zur Deckung der Unterkunftskosten abgezweigt werden. Eine
vollständige oder teilweise Ablehnung der Abzweigung des Zuschlags nach § 24 SGB II
kann auch in Frage kommen, wenn anderweitige Umstände (ungedeckte Unterkunftskosten,
unterhaltsberechtigte Kinder im eigenen Haushalt) dafür sprechen. Die ARGEN haben hier
pflichtmäßiges Ermessen auszuüben. Prinzipiell steht der Zuschlag aber zur Disposition.
17.3.2009 B 14 AS 34/07 R

Zu klärende Frage:

Steht langjährig Selbstständigen, die nur einen geringen Rentenanspruch


haben, höheres Schonvermögen für die Altersvorsorge zu,?
Das BSG hat dies grundsätzlich bejaht. Auch ein besonderer Verwertungsausschluss ist
nicht nötig. Maßgeblich ist allein, dass eine besondere Härte, die Verwertung des Vemögens
ausschließt (Härteregelung in § 12 Abs 3 Satz 1 Nr 6 2. Alternative SGB II ). Die Härte
existiert dann, wenn Anspruchsberechtigte eine Versorgungslücke bei ihrer Altersvorsorge
haben und sich in einem rentennahen Alter befinden. Zur Frage, was rentennah ist, äußert
sich das BSG nicht genau. Die in der Urteilsbegründung angestellten Überlegungen lassen
nichts Gutes erwarten:
„Soweit die Gesetzesmaterialien als Beispiel für einen Härtefall die Notwendigkeit
einer Auflösung von Altersvorsorgewerten "kurz vor Renteneintritt" nennen, ist der
Einwand des Beklagten beachtlich, dass die Klägerin bei Antragstellung 55 Jahre alt
war. Angesichts der generell angestrebten Verlängerung der Lebensarbeitszeit (vgl §
36 SGB VI nF mit seiner Verlängerung des Renteneintrittsalters auf die Vollendung
des 67. Lebensjahres) kann im Hinblick auf den Altersrentenfall nicht generell davon
ausgegangen werden, dass ein 55jähriger Antragsteller auf Leistungen nach dem
SGB II "kurz vor dem Rentenalter" steht.“ (Absatz 22)“
Aufgrund der Schwerbehinderung hat das BSG dieses für den verhandelten Fall dann doch
bejaht.
Insgesamt wirft das Urteil mehr Fragen auf, als es beantwortet.
7.5.2009 B 14 AS 35/08 R

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Zu klärende Frage:

Wann kann die ARGE eine Haushaltsgemeinschaft zwischen Verwandten


vermuten?
Leitsatz des BSG:
„Der Grundsicherungsträger trägt die Beweislast für das Vorliegen einer
Haushaltsgemeinschaft zwischen Verwandten (im Sinne eines Wirtschaftens aus einem
Topf).“
„Für die Unterhaltsvermutung in § 9 Abs 5 SGB II reicht es gerade nicht aus, wenn
Verwandte oder Verschwägerte in einem Haushalt lediglich zusammen wohnen. Vielmehr
muss über die bloße Wohngemeinschaft hinaus der Haushalt im Sinne einer
Wirtschaftsgemeinschaft gemeinsam geführt werden (vgl Hengelhaupt in Hauck/Noftz, SGB
II, K § 9 RdNr 157 ff, Stand 2/2007; Peters in Estelmann, SGB II, § 9 RdNr 67 ff, Stand
10/2006; H. Schellhorn in Hohm, SGB II, § 9 RdNr 52 ff; Mecke in Eicher/Spellbrink, aaO,
RdNr 52 ff). Nach der Begründung des Gesetzentwurfs des Vierten Gesetzes für moderne
Dienstleistungen am Arbeitsmarkt vom 5. September 2003 (BT-Drucks 15/1516, S 53) ist
dies dann der Fall, wenn die Verwandten oder Verschwägerten mit dem im selben Haushalt
lebenden Hilfebedürftigen "aus einem Topf" wirtschaften. Die Anforderungen an das
gemeinsame Wirtschaften gehen daher über die gemeinsame Nutzung von Bad, Küche und
ggf Gemeinschaftsräumen hinaus. Auch der in Wohngemeinschaften häufig anzutreffende
gemeinsame Einkauf von Grundnahrungsmitteln, Reinigungs- und Sanitärartikeln aus einer
von allen Mitbewohnern zu gleichen Teilen gespeisten Gemeinschaftskasse begründet noch
keine Wirtschaftsgemeinschaft.“
Die Frage spielt rechtlich meist keine Rolle, weil der Unterhaltsvermutung leicht – mit
einfacher Erklärung - widersprochen werden kann. Dies müssen die Leistungsberechtigten
aber auch wissen.
„Ist der/die Angehörige dem Hilfebedürftigen nicht zum Unterhalt verpflichtet, so reicht eine
entsprechende schriftliche Erklärung des Angehörigen dann aus, wenn keine anderweitigen
Erkenntnisse den Wahrheitsgehalt dieser Erklärung in Zweifel ziehen.“
(Durchführungshinweis zu § 9 SGB II, Rz. 9.35; Stand 17.7.2009)
Allerdings wird dies den Betroffenen nicht gesagt. Aufgrund von Indizien und Angaben
kommt es dann doch schnell zur Vermutung, insbesondere dann, wenn Leistungsberechtigte
bisher von Verwandten unterhalten wurden, diese aber nicht mehr bereit sind, dieses
weiterhin zu tun, wenn SGB II Leistungen möglich sind (Hier greift das Subsidiaritätsprinzip
nicht mehr).
27.1.2009 B 14 AS 6/08 R

Zu klärende Frage:

Darf das Einkommen von Verwandten, die nicht unterhaltspflichtig sind, in der
Haushaltsgemeinschaft im Sinne einer Wirtschaftsgemeinschaft angerechnet
werden?
In der Regel ist die Vermutung einer Haushaltsgemeinschaft i.S. einer
Wirtschaftsgemeinschaft leicht zu entkräften. Hier reicht es (laut der Bundesagentur für
Arbeit), der fälschlicherweise unterstellten Unterhaltsvermutung zu widersprechen.

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„Ist der/die Angehörige dem Hilfebedürftigen nicht zum Unterhalt verpflichtet, so reicht eine
entsprechende schriftliche Erklärung des Angehörigen dann aus, wenn keine anderweitigen
Erkenntnisse den Wahrheitsgehalt dieser Erklärung in Zweifel ziehen.“
(Durchführungshinweis der BA R 9.35; Stand Januar 2010)
Das BSG verlangt hier mehr, was dazu führen könnte, dass auch die ARGE irgendwann
diesem folgen wird, bzw. es abweichend von den Durchführungshinweisen auch darf:
„Die Vermutung des § 9 Abs 5 SGB II iVm § 1 Abs 2 SGB II, dass Hilfebedürftige von mit
ihnen in Haushaltsgemeinschaft lebenden Verwandten oder Verschwägerten Leistungen
erhalten, kann im Einzelfall widerlegt werden, wenn vom Antragsteller Tatsachen benannt
werden, die geeignet sind, Zweifel an der Richtigkeit der Vermutung zu begründen
(Hengelhaupt in Hauck/Noftz, SGB II, § 9 RdNr 184; Klaus in jurisPK-SGB II, 2. Aufl 2007, §
8 RdNr 91; Peters in Estelmann, SGB II, § 9 RdNr 84) . Derartige Tatsachen sind von der
Klägerin jedoch während des gesamten Verfahrens nicht dargetan worden.“ (Absatz 15)
Die BA hat ebenfalls höhere Anforderungen bei der Widerlegung der Unterhaltsvermutung,
wenn Unterhaltspflichten des BGB berührt werden, insbesondere Unterhaltspflichten der
Eltern gegenüber ihren über 25 jährigen Kindern (Unter 25 Jährige bilden mit ihren Eltern, so
sie zusammenwohnen, ohnehin eine Bedarfsgemeinschaft).
Wenn die Entkräftung der Unterhaltvermutung jedoch nicht geschieht, dann ist die
Anrechnung von Einkommen nach dem in der ALG II Verordnung beschriebenen Verfahren
rechtens. In diesem Urteil war nur die Höhe der Unterhaltsvermutung strittig.
19.2.2009 B 4 AS 68/07 R

Zu klärende Frage:

Darf die ARGE auch bei jedem Folgeantrag die Vorlage der Kontoauszüge der
letzten drei Monate verlangen?
Das BSG bejaht diese Frage. Um Leistungsberechtigung zu überprüfen, darf die ARGE die
Vorlage der Kontoauszüge routinemäßig verlangen. Der Nachweis eines Verdachtsmoments
ist nicht nötig.
19.2.2009 B 4 AS 10/08 R

Zu klärende Frage:

Entsteht bei einem durch die ARGE veranlassten Umzug ein Anspruch auf
Erstausstattung, wenn einzelne notwendige Einrichtungsgegenstände durch
den Umzug unbrauchbar werden?
Das BSG bejaht hier den Anspruch auf Erstausstattung. Dieser gilt auch, wenn die
Einrichtung nicht in die neue Wohnung passen sollte. Im Einzelfall ist der
Leistungsberechtigte allerdings nachweispflichtig. Diese BSG-Entscheidung dürfte nur
Ausnahmen tangieren. Vorbeugend hat das BSG darauf hingewiesen, dass es sich um eng
begrenzte Ausnahmen handelt. Waren die Einrichtungsgegenstände ohnehin in
unbrauchbarem Zustand oder passen sie nur geschmacklich oder nicht optimal in die neue
Wohnung, kann keine Erstausstattung geltend gemacht werden.
1.7.2009 B 4 AS 77/08 R

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Zu klärende Frage:

Kann eine Erstausstattung (für die Wohnung einschließlich Haushaltsgeräte)


auch noch beantragt werden, wenn jahrelang ohne die beantragten
Ausstattungsgegenstände in einer Wohnung gelebt wurde? Woran richtet sich
der Begriff der Erstausstattung? Ist er eng oder weit auszulegen?
Das BSG hat versucht den Rahmen der Erstausstattung näher zu bestimmen: „Entscheidend
ist mithin, ob ein Bedarf für die Ausstattung einer Wohnung besteht, der nicht bereits durch
vorhandene Möbel und andere Einrichtungsgegenstände gedeckt ist. Leistungen nach § 23
Abs 3 Satz 1 Nr 1 SGB II sind für die Ausstattung mit wohnraumbezogenen Gegenständen
zu erbringen, die eine geordnete Haushaltsführung und ein an den herrschenden
Lebensgewohnheiten orientiertes Wohnen ermöglichen.“ (Abs.14) Das BSG hat deutlich
gemacht, dass über den Anspruch auf Leistungen nach § 23 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 SGB II nur
aktuell bedarfsbezogen entschieden werden darf und nicht zeitbezogen. Die
Verwaltungspraxis den Unterschied zwischen Erstausstattung (Zuschuss) und
unabweisbarem Bedarf (Darlehen) zeitbezogen zu bestimmen, ist danach rechtswidrig.
Damit stellt sich natürlich die Frage, wie nun zwischen beiden bedarfsbezogenen
Ansprüchen unterschieden werden kann. Ob das BSG hier Klarheit für die Praxis schafft
mag dahingestellt bleiben:
„Nach § 23 Abs 1 Satz 1 SGB II darf ein Darlehen nur dann erbracht werden, wenn
im Einzelnen ein unabweisbarer Bedarf besteht. Auf Grund des
Gesamtzusammenhangs der Feststellungen und des Prüfberichts des Beklagten vom
Mai 2006 steht fest, dass die Wohnungseinrichtung des Klägers insgesamt nicht
einem Standard genügte, der den herrschenden Lebensgewohnheiten auch unter
Berücksichtigung einfachster Verhältnisse entsprach.“
Trotz dieser Gesamtschau können auch einzelne Ausstattungsgegenstände einen
Erstausstattungsanspruch begründen. Insgesamt hat sich das BSG für eine weite Auslegung
des Erstausstattungsbegriffs entschieden. Gerade die Entkoppelung des Begriffs von der
Zeitdimension und die Betrachtung der Bedarfssituation ist in vielen praktischen Fällen
wichtig. (Z.B. bei Trennungen in Partnerschaften). Anspruchsentscheidend ist die aktuelle
Bedarfssituation und nicht die sachlichen Zusammenhänge eines zeitlich zurückliegenden
Verlustes der Ausstattungsgüter.
BUNDESSOZIALGERICHT Urteil vom 20.8.2009, B 14 AS 45/08 R
Zu klärende Fragen:

Haben Leistungsberechtigte einen Anspruch darauf, über den Abschluss einer


Eingliederungsvereinbarung zu verhandeln?

Haben Leistungsberechtigte einen Anspruch darauf, einen persönlichen


Ansprechpartner zu benennen?
In vielen Beratungsstellen wurde SGB II Leistungsberechtigten geraten,
Eingliederungsvereinbarungen, mit denen sie nicht einverstanden waren, nicht zu
verweigern, ohne ein prinzipielles Verhandlungsangebot zu machen. Andererseits wurden
Hilfeempfänger ermuntert aktiv individuelle Eingliederungsvereinbarungen zu verhandeln.
Nach der Entscheidung des BSG hat die Eingliederungsvereinbarung weiter deutlich an
Stellenwert verloren. Die Auforderung des SGB II, eine Eingliederungsvereinbarung
abzuschließen, ist eine „reine Verfahrensvorschrift, die das Verhalten und Vorgehen der
Grundsicherungsträgers steuern soll“ (Terminbericht des BSG). „Der Grundsicherungsträger

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trifft insoweit eine nicht justiziable Opportunitätsentscheidung darüber, welchen


Verfahrensweg er zur Erfüllung des Ziels der Eingliederung des erwerbsfähigen
Hilfebedürftigen er wählt“ (ebd.)
Wer bestimmte Eingliederungsleistungen erhalten will, kann nicht auf ein Nachverhandeln
bei der Eingliederungsvereinbarung bestehen, wenn dazu auf der Seite der Behörde keine
Bereitschaft besteht. Er kann bestimmte Eingliederungsleistungen beantragen, über die dann
per Verwaltungsakt entschieden werden muss. Das inhaltliche Ergebnis einer durch
Verwaltungsakt bewilligten oder abgelehnten Eingliederungsleistung ist dann wiederum voll
gerichtlich überprüfbar. (s. ebd.)
Exkurs:

Weigerung eine Eingliederungsvereinbarung abzuschließen führt nicht mehr


zu Sanktionen:
Die Bundesagentur hat am 20.12.2008 die ARGEN angewiesen, bei der Weigerung, eine
Eingliederungsvereinbarung abzuschließen, keine Sanktionen mehr auszusprechen. Trotz
dieser Anweisung wurden weiterhin in vielen Fällen Sanktionen ausgesprochen. Die
Bundesagentur hat daher die ARGEN am 13.10.2009 darauf hingewiesen, diese Fälle bis
zum 31.12.2009 zu überprüfen, und die Sanktionen aufzuheben. Hier heißt es.
„Dabei sind weisungswidrig festgestellte Sanktionen nach § 31 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1
Buchstabe a SGB II gem. § 44 SGB X zurückzunehmen und die zu Unrecht geminderten
Beträge wieder auszuzahlen“
Wenn diese Überprüfung nach § 44 SGB X nicht von Amtswegen durchgeführt wurde, sollte
sie von den Betroffenen beantragt werden.
Bisher liegt hier lediglich der Terminbericht vor.
BUNDESSOZIALGERICHT Urteil vom 22.9.2009, B 4 AS 13/09 R

Zu klärende Frage:

Erlischt ein Antrag auf SGB II Leistungen dadurch, dass er nicht weiter verfolgt
wird und dadurch verwirkt wird?
Nein, sagt das BSG: Das LSG Sachsen hat zuvor in der Berufung der ARGE Recht
gegeben. Ein Hilfebedürftiger hatte einen Antrag, den er im Juni 2005 stellte (Datumstempel)
nicht weiterverfolgt, das abgeben der Unterlagen immer vor sich hergeschoben. Die ARGE
hat an ihn keine Mitwirkungsaufforderungen gerichtet. Nachdem der Hilfebedürftige seine
letzten Mittel und ein Darlehen verausgabt hatte, wendete er sich im Januar 2006 wieder an
die ARGE und begehrte nun Leistungen ab dem Zeitpunkt der erstmaligen Antragstellung.
Die ARGE und das LSG sahen den Erstantrag als verwirkt an, weil er nicht weiterverfolgt
wurde.
Das BSG hat entschieden, dass die zivilrechtliche Rechtsfigur der Verwirkung im SGB II
nicht anwendbar ist, da die ARGE verpflichtet ist auf die Mitwirkung der Antragstellenden
einzuwirken. Dies hat die ARGE in diesem Fall nicht gemacht.
Auch die verbreiteten Schreiben der ARGE (z.B. in Nürnberg), dass ein Antrag als nicht
gestellt gilt, wenn bis zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht die georderten Unterlagen
vorliegen, sind rechtswidrig. Das heißt aber auch: Den ARGEN bleiben die

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Version 27.1.2009

Mitwirkungsregelungen des SGB I und die dort beschriebene Möglichkeit des Versagens der
Leistung. Diese sind laut BSG ausreichend.
B 14 AS 56/08 R
Zu klärende Frage:

Ist die Ungleichbehandlung beim Mehrbedarf für Behinderte von


erwerbsfähigen und nichterwerbsfähigen Hilfebedürftigen ein Verstoß gegen
Art. 3 Abs. 1 GG (Gleichbehandlungsgrundsatz)?
Nach Ansicht des BSG: Nein. Näheres lässt sich erst nach der Veröffentlichung der
Entscheidung sagen. Die Abwägung zwischen der Legitimität des gestalterischen Freiraums
des gewählten Gesetzgebers und der engen oder weiten Interpretation grundgesetzlicher
Normen, ist m.E. nicht einfach. Falls der Entscheidungstext hier interessante Aspekte haben
sollte, werde ich dieses später ergänzen.
21.12.2009 B 14 AS 42/08 R

Zu klärende Frage:

Dürfen Mitglieder der Bedarfsgemeinschaft aus dem Berechtigtenkreis des


SGB II ausgeschlossen werden, wenn sie die Voraussetzungen der
Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz erfüllen?
Ja. Das BSG hat klargestellt, dass die rechtliche Konstruktion der Bedarfsgemeinschaft
keinen Anspruch auf „familieneinheitlichen existenzsichernden Leistungen“ normiert. Auch
hier liegt noch kein Terminbericht vor. Die Rechtskonstruktion der Bedarfsgemeinschaft ist
vollkommen missglückt und zudem (wie das SGB XII zeigt) unnötig.
21.12.2009 B 14 AS 66/08 R

IV Sanktionen
Zu klärende Frage:

Welche Voraussetzungen haben Sanktionen, wenn eine Arbeitsgelegenheit


(ein Euro-Job) verweigert wird?
Das BSG folgt seiner Entscheidung vom 16.12.2008. Demnach können nur dann Sanktionen
verhängt werden, wenn mindestens zwei Voraussetzungen (neben der Weigerung
teilzunehmen ohne wichtigem Grund) vorliegen:
1. Das Angebot der Arbeitsgelegenheit muss eindeutig bestimmt sein. Es reicht nicht
eine unbestimmte Bezeichnung wie z.B. „als Gemeindearbeiter“. Das BSG folgt dem
BVerwG: „Das BVerwG hatte als Anforderungen an die Bezeichnung von
Arbeitsgelegenheiten formuliert, es müsse die Art der Arbeit, ihr zeitlicher Umfang und
ihre zeitliche Verteilung sowie die Höhe der angemessenen Entschädigung für
Mehraufwendungen im Einzelnen bestimmt sein.“ (BSG vom 16.12.2008, B 4 AS 60/07
R, Abs.32)
2. Die Rechtsfolgenbelehrung muss den folgenden Anforderungen gerecht werden: „Der
Senat hat bereits in seiner Entscheidung vom 16.12.2008 ausgeführt, dass die
Wirksamkeit einer solchen Rechtsfolgenbelehrung voraussetzt, dass sie konkret,

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richtig und vollständig ist, zeitnah im Zusammenhang mit dem jeweiligen Angebot
einer Arbeitsgelegenheit erfolgt, sowie dem erwerbsfähigen Hilfebedürftigen in
verständlicher Form erläutert, welche unmittelbaren und konkreten Auswirkungen
sich aus der Nichtteilnahme für ihn ergeben, wenn hierfür kein wichtiger Grund
vorliegt. Diesen Anforderungen genügt die Rechtsfolgenbelehrung nicht. Insoweit gilt
ein objektiver Maßstab. Es ist also nicht zu berücksichtigen, dass der Kläger
möglicherweise über hinreichende Kenntnisse der einschlägigen Rechtsgrundlagen
verfügte. Die Warnfunktion der Rechtsfolgenbelehrung geht verloren, wenn - wie im
vorliegenden Fall - lediglich der Gesetzestext mit unterschiedlichen Alternativen
formelhaft wiederholt und nicht deutlich wird, welches Verhalten dem Hilfebedürftigen
obliegt.“ (aus dem Terminbericht)
17.12.2009 B 4 AS 30/09 R
Zu klärende Frage:

Können Sanktionen bei Nichtteilnahme an einer angebotenen


Eingliederungsmaßnahme auch dann verhängt werden, wenn keine
Eingliederungsvereinbarung abgeschlossen wurde?
Das BSG sagt nein. Alle Sanktionen nach § 31 Abs. 1 Nr. 1c setzen zwingend eine
Eingliederungsvereinbarung voraus, in der die konkreten Pflichten und die Rechtfolgen
konkret beschrieben sind. Bei Weigerung, eine Eingliederungsvereinbarung abzuschließen,
tritt an deren Stelle ein Verwaltungsakt. Ist beides nicht vorhanden, kann keine Sanktion
verhängt werden. Die Möglichkeit der ARGE auf § 31 Abs.4 Nr.3 Buchstabe b SGB II
auszuweichen besteht nicht. Diese soll nur Obliegenheitsverletzungen erfassen, die zeitlich
dem Bezug von Arbeitslosengeld II vorgelagert sind. „Eine wie hier vorliegende
Pflichtverletzung im Zusammenhang mit Arbeitsstellen, -gelegenheit oder Maßnahmen
während eines reinen Arbeitslosengeld II-Bezuges wird nur über § 31 Abs. 1 SGB II
sanktioniert.“ (so die Vorinstanz, der das BSG folgt).
Diese Entscheidung steht im Widerspruch zur Rechtsauffassung der BA, die § 31 Abs.4 Nr.3
Buchstabe b SGB II als Ausweichnorm nutzt, um Sanktionen ohne eine hinreichend
bestimmte Eingliederungsvereinbarung durchzusetzen.
Wenn der Entscheidungstext vorliegt, werde ich mich hier noch deutlicher äußern können.
Zahlreiche Sanktionen, die bei der Aufgabe von geringfügigen Beschäftigungen während des
Leistungsbezugs verhängt werden, dürften demnach auch keinen Bestand haben.
Im Gegensatz zu Entscheidung des gleichen Senats vom 22.9.2009, in der die
Eingliederungsvereinbarung zur bloßen Verfahrensweise der Behörde degradiert wird, hat
sie hier wieder eine zentrale Funktion im Rechtsverhältnis zwischen Bürger/in und Behörde.
(siehe oben: BUNDESSOZIALGERICHT Urteil vom 22.9.2009, B 4 AS 13/09 R) Auch hierzu
gilt es die Veröffentlichung der Entscheidungstexte abzuwarten.
17.12.2009 B 4 AS 20/09

V. Rechtsschutz
Zu klärende Frage:

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Sind aufgrund des oftmals geringen Streitwertes die Gebühren der


Rechtsvertretung ohne Berücksichtigung der Bedeutung der Sache für den
Leistungsberechtigten eher gering anzusetzen?
Das BSG verneint dies. Diese Entscheidung ist zu begrüßen. Nur dadurch, dass
Rechtsvertretungen entsprechend vergütet werden, kann Rechtsschutz garantiert werden.
Mit der aktuellen positiven Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Beratungshilfe
haben sich zumindest die Gerichte gegen die Entrechtlichung bedürftiger Menschen
gewandt. Politisch ist hier nichts entschieden, wie die immer wieder erneut geführte
Diskussion um Prozesskostenhilfe und Beratungshilfe zeigt.
1.7.2009 B 4 AS 21/09 R

VI. Entscheidungen zur sogenannten modifizierten


Zuflusstheorie
Aufgrund anhängiger Verfahren muss sich das BSG ständig mit gleichgelagerten
Sachverhalten (Altfällen) auseinandersetzen. Typisch sind Entscheidungen zur
Unterscheidung von Einkommen und Vermögen. Da ich eine ausführliche Info hierzu
herausgebe, habe ich Entscheidungen hier weggelassen. Nur soviel in Kürze:
Die „modifizierte Zuflusstheorie“ ist eine vom Bundesverwaltungsgericht im Sozialhilferecht
entwickelte Anschauung, die es erlaubt, eine Sache in Geldeswert als Einkommen oder
Vermögen zu klassifizieren. Diese in der Rechtsprechung des Sozialhilferecht entwickelte
Auffassung sollte nach dem Willen des Gesetzgebers auch im SGB II gelten. Vereinfacht
ausgedrückt lautet die Zuflusstheorie:
„Einkommen ist alles das, was jemand in der Bedarfszeit wertmäßig dazuerhält,
Vermögen alles das, was er in der Bedarfszeit bereits hat.“ (Mecke in Eicher/Spellbrink
§ 11 Abs.1 Rz. 18)
Das ist das Erste: die Zuflusstheorie erlaubt eine Unterscheidung von Einkommen und
Vermögen. Die Zuflusstheorie legt den Kalendermonat als Einheit der Bedarfszeit fest: Im
Kalendermonat zufließende Einnahmen werden mit dem Bedarf des Kalendermonats
verglichen.
Modifiziert ist die Zuflusstheorie insofern, als sie bei einmaligen Einkommen eine
Verteilung des Einkommens über mehrere Monate zulässt, d.h. monatliche
Einkommenszuflüsse fingiert. Auch bei Einkommen aus selbständiger Tätigkeit wird vom
Zuflussprinzip abgewichen.
Die zahlreichen Entscheidungen des BSG zur Zuflusstheorie folgen dem BVerWG. Sie
strapazieren das Gerechtigkeitsgefühl, wenn sie einerseits, vollkommen vom Zuflussprinzip
geleitet, verspätet geleistete Sozialleistungen als Einkommen anrechnen, andererseits aber
der Behörde ermöglichen Zuflüsse fiktiv in Bedarfszeiten anzurechnen.
Die Zuflusstheorie wirft zahlreiche Beratungsfragen auf, denen ich in einem eigenen Info
nachgehe.
Aktuelle Urteile des BSG beispielweise:
Zu klärende Frage:

Sind Abfindungen als einmaliges Einkommen anzusehen?


Abfindungszahlungen sind als einmaliges Einkommen voll bedarfsmindernd (abgesehen von
der monatlichen Versicherungspauschale in Höhe von 30,- €, die abzusetzen ist) auf
mehrere Monate zu verteilen. (nach Terminbericht)

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28.10.2009 B 14 AS 64/08 R und B 14 AS 55/08 R


Zu klärende Frage:

Sind verspätet ausgezahlte Sozialleistungen, die für den Lebensunterhalt des


Vormonats bestimmt sind, als Einkommen im Zuflussmonat anzurechnen?
Das BSG setzt die unbefriedigende Zuflusstheorie fort, ohne die Möglichkeit des Härtefalls
zu schaffen, die nach dem Wortlaut der ALG II Verordnung durchaus gegeben ist. Hier
wurde beispielsweise Arbeitslosenhilfe nachträglich im Januar 2005 ausgezahlt. (Also nach
ihrer Abschaffung zum 1.Januar 2005). Das BSG und die Vorinstanzen haben nun
entscheiden, dass die nachträgliche Zahlung zum Anspruchsverlust im Monat Januar führt.
Ausführlich zur „modifizierten Zuflusstheorie“ verweise ich auf meinen gleichnamigen
Aufsatz:
Er findet sich unter: www.sozialpaedagogische-beratung.de (Rubrik SGB II Infos, ab
30.1.2009)

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