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Johannes Tauler Predigt 51

Diese Predigt nach Sankt Lukas auf den Dreizehnten Sonntag (nach Dreifaltigkeit) lehrt
uns, Gott allein zu suchen und unsere eigene Blindheit und Niedrigkeit zu erkennen. So
werden wir zu rechter Demut des Geistes und der Natur gelangen.
MAN LIEST, daß sich unser Herr einst freute, als er mit innerem Blick, die
betrachtete, die von seinem Vater auserwählt worden waren, und sprach: "Ich danke
dir, himmlischer Vater, daß du diese Dinge vor den Großen und Weisen dieser Welt
verborgen und sie den Kleinen geoffenbart hast." Dann wandte er sich zu seinen
geliebten Jüngern, sah sie an und hub mit der frohen Botschaft an, die man heute für
die Woche liest, im Offizium der Zeit: "Glücklich die Augen, die sehen, was ihr seht;
denn viele Könige und Propheten begehrten zu sehen, was ihr jetzt seht, und sahen
es nicht, zu hören, was ihr hört, und hörten es nicht." Da kam ein Meister im
Gesetze, :wollte unseren Herrn versuchen und zu Fall bringen, fragte ihn und sprach:
"Meister, was muß ich tun, um das ewige Leben zu besitzen?" Unser Herr antwortete
ihm freundlich, obwohl er wußte, daß sein Sinn böse war: "Wie liesest du im Gesetz?"
Da antwortete jener: »Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen und von ganzer
Seele, aus deinem ganzen Gemüte und deinen Nächsten wie dich selbst." Da sprach
unser Herr: "Tu das, und du wirst ewig leben."

Doch wir betrachten (jetzt) das erste Wort: "Selig die Augen, die sehen, was ihr
seht." Der Mensch besitzt zweierlei Augen, äußere und innere. Und hätte er di,e
inneren nicht, so wäre es um das äußere als ein sehr geringes und schwaches Ding
schlecht bestellt und auch um den ganzen Menschen, und dieser unterschiede sich
nicht von gezähmtem oder wildem Getier.
Wie kann es, meine Lieben, nun dazu kommen, daß der edle Verstand, das innere
Auge, so erbarmungswürdig verblendet ist, daß es das wahre Licht nicht sieht? Der
verderbliche Schaden ist daher gekommen, daß (über des Menschen inneres Auge)
eine dicke, grobe Haut gelegt, ein dickes Fell gezogen wurde; das ist die Liebe und die
Neigung zu den Geschöpfen, zu sich selbst oder etwas des Seinen; davon ist der
Mensch blind und taub geworden, er sei in welchem Stand auch immer, dem
weltlichen oder geistlichen. Und in diesem Zustand empfangen diese Leute den
heiligen Leib unseres Herrn, und je öfter sie das tun, um so tauber und blinder
werden sie, und jene Haut wird immer dicker. Woher, glaubt ihr wohl, kommt das,
daß der Mensch auf keine Weise in seinen Grund gelangen könne? Das kommt
daher, daß so manche dicke, schreckliche Haut darüber gezogen ist, ganz so dick wie
eine Ochsenstirn: die haben ihm seine Innerlichkeit verdeckt, daß weder Gott noch
er selber da hineingelangen kann; der Eingang ist verwachsen. Wisset, manche
Menschen können dreißig oder vierzig (solcher) Häute haben, dick, grob, schwarz,
wie Bärenhäute, Was sind das für Häute?
Das ist ein jegliches Ding, dem du dich mit freiem Willen zukehrst: Antrieb zu
(selbstsüchtigen) Worten und Werken zur Gewinnung von Gunst oder (aber) Trieb
zur Abneigung (gegen einen anderen Menschen), Hochmut, Eigenwillen,
Wohlgefallen an irgendeinem Ding, das mit Gott nichts zu tun hat, Härte,
Leichtfertigkeit, Unachtsamkeit im Betragen und dergleichen mehr. Solche Dinge
bilden alle dicke Häute und große Hindernisse, die dem Menschen die Sicht
verdunkeln. Sobald aber der Mensch sich mit Schmerzen davon Rechenschaft gibt,
sich demütig vor Gott schuldig bekennt und, was noch besser ist, den Entschluß faßt,
sich zu bessern, soweit das nur in seinen Kräften steht, wird (noch) alles gut.
Manchen Leuten kann man aber sagen, was man will: s.ie hören davon nicht mehr,
als wenn sie schliefen. So sehr sind ihnen die Felle vor den Augen und Ohren
gewachsen. Von ihren Götzen wollen" sie nicht lassen, welcher Art die auch seien. Sie
verhalten sich wie Rahel, die sich auf ihre Abgötter setzte. Die Bilder, die man von
diesen besitzt, die machen die Hindernisse (im Fortschreiten) aus. Und die Felle
bedecken die inneren Augen und die Ohren so dicht, daß die Augen der Vernunft
nicht sehen können, wovon sie selig werden: "Selig sind die Augen, die sehen, was ihr
sehet."
Ein Mensch, der bei Sinnen ist, könnte von sich selbst aus beobachten, wie
wunderbar es sein muß, mit dem zu sein, der der Ursprung all dieser Wunder ist,
wenn nichtige und weltliche Menschen sich (schon) so wohl fühlen bei den
Geschöpfen, die doch gar nichts sind.
Unser Herr nannte seine Jünger selig, um dessentwillen, was sie sahen. Betrachten
wir die Dinge näher, so sollten wir uns (wohl auch) selig schätzen, denn wir sehen
von unserem Herrn Jesus Christus weit mehr als (etwa) Sankt Petrus oder Sankt
Johannes. Sie sahen einen armen, schwachen, leidenden, sterblichen Menschen vor
sich; wir aber erkennen kraft unseres heiligen, edlen Glaubens (in ihm) einen
großen, ehrwürdigen, gewaltigen Gott und Herrn, der Himmel und Erde und alle
Geschöpfe aus nichts geschaffen hat. Betrachten wir das richtig, so finden unsere
Augen und unsere Seelen (darin) ewiges Heil.
Meine Lieben! Die großen Gotteslehrer und die Lesemeister streiten sich über die
Frage, ob Erkenntnis oder Liebe (für die Heiligung des Menschen) wichtiger und
edler sei. Wir aber wollen hier jetzt sprechen von den Lebemeistern. Wenn wir in den
Himmel kommen, werden wir gewiß aller Dinge Wahrheit schauen. Unser Herr
sagte: "Eines ist Not!" Welches ist nun dieses eine? Dieses eine besteht darin, daß du
erkennest dein Nichts, das dein eigen ist, erkennest, was du bist und wer du ;aus dir
selber bist. Um dieses eine hast du unserem Herrn solche Angst .eingeflößt, daß er
Blut geschwitzt hat. Darum, daß du dieses eine nicht erkennen wolltest, hat er am
Kreuz gerufen: "Mein Gott, mein Gott, wie hast du mich verlassen!", denn

dieses eine, das Not ist, sollte von allen Menschen so ganz preis. gegeben werden.
Laßt darum fahren alles, was ich selbst und alle Lehrmeister je gelehrt haben, (alles,
was sie) über Wirksamkeit und Beschauung, über erhabene Betrachtung (gesagt
haben), und lernt allein dieses eine, daß euch das werde: dann habt ihr gut
gearbeitet. Darum sprach unser Herr: "Maria hat das beste Teil erwählt", ja das beste
von allem.
Wahrlich, könntest du dies erlangen, du hättest alles erlangt, nicht einen Teil,
sondern alles. Freilich besteht dies nicht darin, wie etliche Leute das tun, so
vernünftig und demütig von ihrem Nichts zu reden, ganz so, als ob sie diese edle
Tugend wesenhaft besäßen, und dabei kommen sie sich in ihrer Selbsteinschätzung
höher vor als der Dom dieser Stadt. Solche Leute wollen groß scheinen; sie betrügen
die anderen (damit), zuallermeist aber sich. selbst, denn sie sind diejenigen, welche
in Wahrheit betrogen bleiben.
Meine Lieben! Dieser Grund ist wenigen bekannt. Nehmt an, es seien drei von all
den Leuten, die hier sind, die das betrifft.
Es befindet sich weder im Denken noch in der Vernunft. Aber es hilft wahrlich schon
viel, wenn man es sich immer wieder vor Augen rückt, und auch durch die Übung
kommt man zum Sein, denn fleißige Übung läßt uns das Ziel zuletzt nach Form und
Sein erreichen. Sobald man merkt, daß man innerlich – bei Gott - oder äußerlich -
bei den Menschen - Aufsehen erregen will, soll1 man sogleich sich niedersinken
lassen in den allertiefsten Grund, schnell, unverzüglich; in dem Grunde entsinke
(dann) in dein Nichts. Da kommen dann etliche, die auch sagen: "Ich tue alle Tage
dies oder das, das ist das Leben unseres Herrn", und solcher Worte mehr. Hieltest du
von irgendeiner deiner Tätigkeiten oder Übungen irgend etwas, so als ob das einen
Wert habe, so wäre dir viel besser, daß du nichts tätest und dich in dein lauteres
Nichts kehrtest, in deine Untauglichkeit, dein Unvermögen, als daß du in großer
Wirksamkeit stündest, innen oder außen, und du deines Nichts vergäßest.

1
Die in den Lesarten unterschiedliche Stelle - Vetter, 197,22-23 und der LT: "enies ufsehendes“, Wi I, S. 91,19:
„vpscheissens“, der KT: .erhebens·läßt sich durch Quints Hinweis - Textbuch S. 104 Anm. 13 auf Pred. 43, Vetter 186, 4 -
wohl verstehen; demgemäß ist hier übersetzt.
Beginnen wir nun mit dem äußeren Menschen: sieh, was du bist. Woher bist du
gekommen? Aus unsaubereren, faulem, bösem, unreinem Stoff, widerlich und
ekelerregend in sich selbst und für alle Menschen. Und was ist aus dir geworden? Ein
unreines übelriechendes Behältnis voll des Unrates. Und keine noch so reine und
noch so edle Speise, kein noch so herrliches noch so klares Getränk kann in dich
eingehen, ohne in dir unsaubere, übelriechende Unreinheit anzunehmen. Und kein
Mensch hat den anderen so lieb, und hätte der um seinetwillen auch das ewige
Leben und die Höllenstrafe gewagt - in der Todesstunde verläßt er ihn und flieht in
wie einen toten Hund.
Nun hat Gott alle Geschöpfe der (menschlichen) Natur gegenübergestellt: Himmel,
Sonne und Sterne. Jetzt friert dich, dann ist dir wieder zu heiß; heute reift, morgen
schneit es; einmal fühlst du dich wohl, dann (wieder) schmerzt dich (etwas); jetzt
hungert, dann dürstet dich; dieses Mal (plagen dich) Wanzen, ein andermal Spinnen,
Fliegen und Flöhe2, und du kannst dich oft ihrer nicht erwehren. Sieh, wieviel besser
das vernunftlose Vieh seiner Natur nach daran ist: ihm wachsen die Kleider, daran
genügt es ihm, sei es warm oder kalt; du mußt deine Kleidung dir von ihnen leihen
lassen! Und an solcher Armut gewinnst du Vergnügen, Freude, Stolz! Ist das nicht
eine unaussprechliche Blindheit? Den Tieren, dem Vieh genügt es an ihrer Speise,
ihrern Trank, an Kleidern und Lager, wie Gott es (ihnen) gegeben hat.
Nun sieh, was Wunders du alles brauchst, um deine arme Natur zu erhalten! Und
das bereitet dem Menschen auch noch große Lust, und er begeht schwere Sünden
bei Ausnutzung der toten Tiere. Früher weinten die Heiligen, wenn sie essen sollten,
und lachten, wenn es in den Tod ging. Aber betrachte dein Nichts weiter! Welch
Elend in deiner Natur! Betest du, fastest und wachst du gerne? Bittest du gerne im
Konvent hingestreckt um Verzeihung deiner Sünden?3 Was wird aus all dem? Was du
willst, tust du nicht; was du nicht willst, tust du. Wie viele furchtbare Versuchungen
bedrängen dich; sieh, Gott verhängt manche Gebrechen über dich, innen und

2
Die Lesart bei Corin Wi 2, S. 93, 13 und die Lesarten zu Z. 13, die eine Verbindung zu dem LT und AT herstellen - der
KT hat wieder .woelff" - verdienen den Vorzug.
3
Vetter 198,23 hat eingefügt: .venjest du gerne?· Die Drucke der LT, AT, KT, haben daraus" weinestu gerne?" gemacht.
Ich versuche, durch Einschiebung des Wortes "hingestreckt" die Sachlage zu verdeutlichen.
außen, damit du darauf achtest, das eine zu lernen, was not tut. Bleibe fest! Gott lässt
dies alles zu um deines Besten willen, damit du durch all das zum Bewußtsein deines
Nichts gelangest; und das ist dir vielleicht besser, als wenn du mit großen Dingen
beschäftigt wärest.
Aber da kommen die Leute zu dir mit drohenden Gebärden und harten Worten,
ferner die großen "Vernünftler" mit ihren ungestümen, großen und erhabenen
Ausdrücken, als wenn sie die Apostel (selbst) wären. Laß dich (da) tief in den
Grund sinken, in dein Nichts, und laß den Turm mit all seinen Stockwerken über
dich fallen. Laß alle Teufel, die in der Hölle sind, über dich kommen, Himmel und
Erde mit all ihren Geschöpfen!
Das alles wird dir auf wunderbare Weise zum Nutzen sein; versenke dich nur (in
deinen Grund), und alles wird für dich zum besten ausschlagen. .
Nun sagt man mir: "Herr, ich betrachte alle Tage das Leiden unseres Herrn, wie er
vor Pilatus stand, vor Herodes, an der Geißelsäule und hier und dort." Darüber will
ich dich belehren: du sollst deinen Gott nicht wie einen reinen Menschen ansehen,
sondern ihn betrachten als allergrößten, gewaltigen, ewigen Gott, der Himmel und
Erde mit einem Worte geschaffen hat und (wieder) vernichten kann, als alles Sein
überragenden, unerkennbaren Gott; betrachte, daß Gott für seine armen Geschöpfe
so zunichte hat werden wollen, und (dann) erröte vor Scham, dass du sterblicher,
hündischer Mensch jemals an Ehre,' Vorteil, Hoffart gedacht hast; beuge dich unter
das Kreuz, woher es auch kommt, von außen oder innen. Beuge deinen stolzen Sinn
unter (des Heilandes) Dornenkrone, und folge deinem gekreuzigten Gott mit
unterworfenem Gemüt nach, in wahrer Selbstverkleinerung jeder Art und Weise,
innen und außen, da dein großer Gott so zunichte geworden ist, von seinen
(eigenen) Geschöpfen verurteilt und gekreuzigt worden ist und den Tod er litten
hat. Auf solche Weise sollst du dich geduldig leidend und in aller Demut seinem
Leiden nachbilden und dich ihm einfügen4
Das aber tun die Leute nicht; ein jeder denkt wohl an das heilige Leiden unseres
Herrn, doch in einer erloschenen, blinden Liebe, ohne Mitgefühl5, so daß dieser
Gedanke nicht in ihr Tun und Treiben hineinwirkt und niemand bereit ist, auf sein
Vergnügen, seinen Stolz, seine Ehre, die leibliche Befriedigung seiner Sinne zu
verzichten, und alle bleiben ganz, wie sie sind.

4
Wörtlich zu Vetter 199,21: "dich da hineindrücken".
5
Vetter 199, 23 fügt hinter "blinder" das Wort "rower" (von "rou, ro, raa), was ich durch "ohne Mitgefühl" dem
Sinnzusammenhang gemäß wiedergegeben habe.
Ach, wie wenig Frucht bringt das liebevolle Leiden in diesen Menschen! Die Frucht
erscheint in der Nachahmung, der wahrnehmbaren Lebensführung, in den Sitten
und Handlungen. Auf solche Weise sollst du das heilige Leiden unseres Herrn üben
und betrachten und darauf bedacht sein, daß es lebendige Frucht in dir bringe.
Und du sollst dich selber vernichten und dich bedünken lassen, daß die Erde dich
unverdientermaßen auf ihrem Rücken trage und dich (wundern, daß sie dich deiner
Sünden wegen) nicht verschlinge. Bedenke (auch), daß Tausende von Menschen in
der Hölle sind, die vielleicht nie soviel Bosheit besessen haben (wie du). Hätte ihnen
Gott ebensoviel des Lichtes und großer guter Gaben verliehen wie dir, aus ihnen
wäre etwas ganz anderes geworden, als du bist! Deiner hat er geschont, auf dich hat
er gewartet, sie aber hat er ewig verdammt. Das sollst du oft bedenken und sollst
keinen Tropfen Wassers mit (ungehöriger) Freiheit noch vermessener Kühnheit zu
dir zu nehmen wagen, sondern in demütiger Furcht. Gebrauche alle Dinge nach den
Bedürfnissen deiner Schwachheit und nicht zu deiner Befriedigung.
Da kommen denn welche, die reden von so großen, vernünftigen, überwesenhaften,
überherrlichen Dingen, ganz so, als ob sie über alle Himmel geflogen wären, und
doch haben sie nie auch nur einen Schritt aus sich selber getan in der Erkenntnis
ihres eigenen Nichts. Wohl mögen sie zu vernunftmäßiger Wahrheit gelangt sein,
aber zu der lebendigen Wahrheit, die wirklich Wahrheit ist, kommt niemand als auf
dem Weg seines Nichts.
Und wer diesen Weg nicht gegangen ist, wird mit großem Schaden und großer
Schande dastehen an dem Tag, an welchem alles offenbar wird.
Am, da möchten solche Leute wünschen, daß sie nie ein geistliches Kleid getragen,
nie von hohen vernunftgemäßen Erkenntnissen vernommen noch damit
umgegangen, nie berühmt geworden wären; und sie werden dann wünschen, sie
hätten täglich das Vieh auf die Weide getrieben und ihr Brot im Schweiß (ihres
Angesichts) gewonnen. Höret, der Tag wird kommen, da Gott Rechenschaft
verlangt von den Gaben seiner Liebe, die er jetzt so freigebig ausstreut und von
denen der Mensch einen so schlechten Gebrauch ohne alle Frucht macht.
Die Erniedrigung (deiner selbst) soll keine zweifelnde Furcht mit sich führen, wie das
bei den Zweiflern der Fall ist, sondern demütige Unterwerfung unter Gott und alle
Geschöpfe bewirken in rechter Gelassenheit.
Hielte der Mensch irgend etwas in sich für Demut, so wäre das falsch. Darum sprach
unser Herr: »Wenn ihr nicht werdet wie dieses Kind, werdet ihr nicht in das
Himmelreim eingehen."
Darum soll man von dem, was wir tun, nichts halten; denn unser Herr sprach:
"Lasset die Kleinen zu mir kommen." Das Erdreich ist das niederste aller Elemente
und ist deshalb am weitesten vom Himmel weggeflohen. Und darum gerade jagt ihm
der gewaltige Himmel mitsamt Sonne, Mond und Sternen mit all seiner Kraft nach;
und gerade auf die Erde übt er, vor allen höheren Elementen, den fruchtbarsten
Einfluß aus. Wo das Tal am tiefsten ist, da fließt das Wasser am reichlichsten, und die
Täler sind im allgemeinen fruchtbarer als die Berge.
Die wahre Verkleinerung seiner selbst versinkt in den göttlichen inneren Abgrund
Gottes. Da verliert man sich in völliger und wahrer Verlorenheit seines Selbst. "Ein
Abgrund ruft den anderen in sich hinein" (Ps. 41, 8). Der geschaffene Abgrund zieht
seiner Tiefe wegen an. Seine Tiefe und sein erkanntes Nichts ziehen den
ungeschaffenen offenen Abgrund in sich; der eine fließt in den anderen, und es
entsteht ein einziges Eins, ein Nichts in dem anderen.
Das ist das Nichts, von dem Sankt Dionysius sprach, daß Gott all das nicht sei, was
wir nennen, verstehen oder begreifen können; da wird der (menschliche) Geist
(dem göttlichen) ganz überantwortet; wollte Gott ihn ganz zunichte machen und
könnte er selbst (in dieser Vereinigung) zunichte werden, er würde es aus Liebe zu
dem Nichts, mit dem er ganz verschmolzen ist, tun, denn er weiß nichts mehr, liebt
und fühlt nichts mehr als das Eine.
Meine Lieben! Selig die Augen, die so sehend geworden sind! Von ihnen konnte
unser Herr wohl das Wort sprechen: »Selig die Augen, die das sehen, was ihr sehet!"
Könnten wir doch alle selig werden, dank einer wahren Anschauung unseres eigenen
Nichts.
Dazu helfe uns Gott. AM E N.