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Jo h annes Tau ler Pr ed ig t 52

Die dritte Auslegung des Evangeliums vom dreizehnten Sonntag (nach Dreifaltigkeit)
spricht von drei Arten des Pharisäismus, von dreierlei Liebe, dargestellt durch drei Bilder,
und unterscheidet drei Arten starker Liebe.
EIN PHARISÄER WOLLTE unseren Herrn versuchen und fragte ihn, was er tun
solle, um das ewige Leben zu erlangen. Unser Herr verwies ihn auf sein eigenes
Wissen und seine eigene Überlegung und fragte ihn, was er im Gesetz gelesen habe.
Der Pharisäer antwortete: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem
ganzen Herzen, deiner ganzen Seele und deinem ganzen Gemüte.“
Liebe Schwestern! Dieser Mann suchte nicht Gott, nicht das ewige Leben, denn
seine Absichten waren treulos. Ach, wie ist ein solches Pharisäertum jetzt über die
ganze Erde verbreitet! Unter religiösem Äußeren suchten die Leute in ihren Worten
und Werken äußere Vorteile; und trotz des Scheines denken sie mehr an äußere
Dinge, an Gut und Ehre und Vorteil; man will gekannt und beachtet sein, will Gunst
und Vergnügen gewinnen.
Kurz gesagt: all die Menschenwerke, die getan werden mehr oder lieber in der
Absicht, zu scheinen, gesehen oder gekannt zu werden, als verborgen zu bleiben1, um
all diese Werke kümmert Gott sich nicht, wie groß und hoch sie immer auch
scheinen mögen. Wer die Ursache eines Werkes ist, wer die Geburt gebiert, dem ist
die Geburt zu eigen und niemand anderem; das Ende entspricht dem Anfang.
Aber es gibt auch ein inneres Pharisäertum. Bei allem, was ein pharisäischer Mensch
auch tut, denkt er immer nur an sich. So verhalten sich manche geistlichten Leute,
die glauben gut mit Gott zu stehen. Betrachtet man aber ihr Werk recht, so lieben sie
sich nur selbst und haben sich im Grunde nur immer selbst im Sinn, ob es sich nun
um (ihr) Gebet oder sonst etwas handelt.
Aber sie geben sich davon keine Rechenschaft. Und bei einem solchen Menschen
wird der Grund kaum je gefügig, in dem einen (freilich) mehr als in dem anderen.
Solche Leute tun viele Werke, die (nach außen) als groß erscheinen, laufen um
(jeden) Ablaß, beten, schlagen sich an die Brust, betrachten die schönen Bilder (in
den Kirchen), fallen auf die Knie und laufen in der Stadt umher von einer Kirche zur
anderen. Und Gott hält von all dem nichts, denn ihr Herz und ihr Sinn sind nicht zu
ihm gekehrt.

1
Die Lesart des BT (bei Vetter Lesart zu 246, 18-19) gibt den Sinn, den Tauler meint, deutlich wieder.
Sie neigen sich (vielmehr) den Geschöpfen zu: da finden sie ihre Lust und ihr
Genüge mit Willen und Wissen, oder es ist ihr eigen Gut, ihre Bequemlichkeit, ihre
Lust, ihr Nutzen, innen oder außen (dem sie sich zuwenden). Das ist nicht der Sinn
des Gebotes, daß man Gott lieben solle von ganzem Herzen, von (ganzer) Seele und
aus (ganzem) Gemüte. Und darum kümmert sich Gott um all dies nicht.
Dann findet man auch Leute, die ein wenig besser daran sind. Die haben sich nach
einer ·ersten Verirrung von den weltlichen Dingen abgekehrt, soweit sie nur
vermögen. Aber ihr religiöses Leben ist noch ganz sinnenhaft, ganz auf bildliche
Erfassung ausgerichtet. Sie können so viel denken an den liebreichen Menschen
Jesus, wie er geboren ward, sein Leben führte, den Tod erlitt, und all das fließet mit
viel Lust oder (auch) mit Tränen durch (ihre. Seele), ganz so glatt wie ein Schiff den
Rhein hinunterfährt, und das alles ist rein sinnenhaft: das nennt man in den
Predigten die fleischliche Liebe. Wir wollen es aber sinnenhafte Liebe nennen, das
heißt, daß diese Menschen in bildhafter Weise nach (der Kraft) ihrer Sinne an
unseren Herrn denken, recht vom Haupt bis zu den Füßen. Und diese Leute zieht
zuweilen mehr die Lust und das wohlige Gefühl (zu ihrer Betrachtung) als die wahre
göttliche Liebe.
Und das ist auch eine pharisäische Weise: diese Leute sehen mehr auf ihr Werk als
auf den, in dem alle Werke ihr Ziel finden. Denn sie haben im Sinn und lieben mehr
ihre Zufriedenheit und ihr wohliges Gefühl (die ihnen aus solcher Übung
erwachsen) als den, auf den ihr Sinn gehen sollte. Darum sehen sie mehr auf das
Drum und Dran als auf das Wesen, mehr auf den Weg als auf das Ziel, mehr auf das
Außen als das Innen.
Und sie lieben das Dazukommende so sehr, daß sie Gott nur zum geringsten Teil
lauter im Sinn haben; denn die natürliche und die göttliche Liebe laufen gleichen
Schrittes nebeneinander her, daß man die eine vor der anderen nicht gut erkennen
kann. Und es ist wohl sicher, daß, wenn ein Mensch auch keine Empfindung der
Süßigkeit hätte und alles täte, was in seinen Kräften stünde in jeglicher Weise, er sich
selber besser kennenlernte. Zwar ist diese Art und diese Empfindung (religiösen
Lebens) nicht das Höchste; aber wollte Gott, daß wir viele solcher Leute hätten!
Liebe Schwestern! Von dieser Liebe, die uns geboten ist, spricht Sankt Bernhard: er
unterscheidet die süße und die weise Liebe; eine dritte Art nennt er die starke Liebe.
Diese drei Arten sollt ihr an einem Vergleich mit dreierlei Bildwerken (besser)
verstehen lernen. Die erste ist ein hölzernes Bildwerk, über und über vergoldet; die
zweite ein solches aus Silber, auch vergoldet; die dritte ist ein Werk aus feinem,
lauterem Gold. Das hölzerne versinnbildet die süße, das silberne die weise Liebe; die
starke Liebe wird durch das goldene Bildwerk dargestellt.
Die erste, sinnenhafte, liebevolle, bildhafte Liebe gleicht dem hölzernen Bildwerk:
dessen Anblick bereitet dem Betrachtenden große Freude, wenn es wohl geformt
und gebildet und vergoldet ist. Schabt man indes das Gold ab, so ist es kaum zwölf
Pfennig wert.
So ist es mit dieser süßen, bildhaften Liebe bestellt: sie ist vergoldet mit (dem Gold)
der guten Meinung. Schabt man die Vergoldung ab, so ist, was da übrigbleibt,
geringen Preises wert; aber es erfreut die sinnenhafte Natur (des Menschen). Gott
aber zieht und lockt mit solcher Süße den Menschen weiter vorwärts, daß die wahre
Liebe in diesem Empfinden zunehme, in ihm gebildet und geboren werde und daß
dadurch Freude und Lust an den Geschöpfen und allen anderen Dingen in ihm
verlösche. Der Mensch soll all (diesen Weg) nicht verwerfen; er soll ihn in Ehrfurcht
und Demut gehen und es seiner Kleinheit und seinem Unwert zuschreiben, daß man
ihn dazu so locken und antreiben muß. Er soll über die bildhaften Vorstellungen auf
die Stufe der Bildlosigkeit steigen, durch die äußeren sinnhaften Übungen (der
Frömmigkeit) (hinein) in sich selber, in den Grund, wo das Reich Gottes in
Wahrheit ist. Denn man findet (gar) manchen Menschen, der in der bildhaften
Weise (der Frömmigkeit) sehr bewandert ist und große Freude an solcher Übung
besitzt, aber keinerlei Zugang zur Innerlichkeit (seiner Seele) hat: ganz wie ein Berg
aus Eisen, in dessen Inneres kein Weg führt. Das kommt (bei diesen Menschen)
vom Mangel an Übung und auch daher, daß sie zu sehr bei den sinnlichen Bildern
verweilen und dabei verharren und nicht vorwärtskommen und nicht in den Grund
durchbrechen, wo die lebendige Wahrheit leuchtet: denn man kann nicht zwei
Herren dienen: den Sinnen und dem Geist.
Danach kommt die andere (Art der) Liebe, von der Sankt Bernhard schreibt, die er
eine weise, das heißt eine vernünftige Liebe nennt. Meine lieben Schwestern! Diese
Liebe steht in wunderbarer Weise hoch über der ersten. Und wir vergleichen sie dem
silbernen Bildwerk, das vergoldet ist. Das ist an sich so kostbar, daß (wäre es groß
genug) man eine ganze Kirche damit zieren könnte. So ist diese edle, vernünftige,
weise Liebe ein gar edles, kostbares, herrliches Ding. Nun überlege, wie du dahin
gelangen kannst. Du sollst deinen Grund den ewigen Dingen zuwenden.
Wie du zuvor in deiner Betrachtung dich der Bilder bedientest, indem du an die
(zeitliche) Geburt (des Herrn) dachtest, an sein Leben, seine Werke, so wende dich
nun zur Betrachtung seines inneren Lebens, seines inneren Werkes, seiner ewigen
Geburt: wie das ewige Wort in dem väterlichen Herzen geboren wird, getrennt von
ihm und doch darinnen bleibend, und wie der Heilige Geist ausfließt und sich (aus
dem Vater und dem Sohn) ausbreitet in unaussprechlicher Liebe und in
Wohlgefallen, und wie das göttliche Wesen in drei Personen eine einfache lautere
Einheit ist.
Dorthin begib dich, dorthin trag dein Nichtsein, dein Nichts und deine vielfältige
Zerstreuung; betrachte das Geheimnis der inneren Verborgenheit der heiligen
Dreifaltigkeit, und stelle ihr gegenüber deine nach außen drängende Äußerlichkeit.
Betrachte seine Ewigkeit, die kein "Zuvor" noch "Nachher", sondern nur ein
gegenwärtiges Besitzen seines Selbst in einem einzigen Augenblick und aller Dinge in
ihm kennt, und das ohne allen Wandel; dahin trag das Zerfließen und die
Unbeständigkeit deiner Zeit, deines wandelbaren Lebens und Seelengrundes, die
keine Beständigkeit in sich haben. Auf diese Weise erhebt sich die Liebe besser zur
Abgeschiedenheit; sie wird der weisen Liebe gleich und steigt über alle Bilder,
Formen und Gleichnisse und erhebt sich dank der Bilder über alle Bilder.
Liebe Schwestern! Diese weise Liebe zieht des Menschen Grund fernab von den
fremden, äußerlichen Dingen, daß er schließlich ihrer ganz vergißt. In der ersten Art,
der süßen Liebe, wendet er sich wohl (nur) mit großem Schmerz von diesen Dingen
ab. In der weisen Liebe aber entfallen die Dinge ihm; er verschmäht sie, und es
entsteht in ihm ein Ekel und eine Verachtung alles dessen, was Unordnung heißt,
und dieses Gefühl treibt deine Gunst von den zeitlichen Dingen viel weiter weg, als es
große äußere Übungen der Frömmigkeit vermöchten. Hier, meine Lieben, wird der
Mensch in innerlicher Weise in Gott geboren und schaut die göttliche Finsternis, die
(sonst) das Erkenntnisvermögen und die Kraft des Schauens jedes geschaffenen
Geistes bei weitem übersteigt, der Engel und aller Geschöpfe; so wie die Sonne die
Augen des Menschen durch ihren Glanz blendet, so schreibt Sankt Dionysius, daß
Gott über all dem steht, was man an Namen, Weisen oder in Bildern von ihm sagen
kann, jenseits des Wesens aller Dinge.
Hat der Mensch (erst einmal) diese innerliche Liebe verkostet, so läßt ihn das
versinken in sein eigen Nichts und in seine Kleinheit und mit ihnen verschmelzen;
denn je klarer und lauterer Gottes Größe in ihn leuchtet, um so deutlicher wird er
sich seiner Klarheit und Nichtigkeit bewußt. Und daß dieses göttliche Einleuchten in
Wirklichkeit ein wesentliches Einleuchten war, nicht in Bildern, nicht in die Kräfte,
sondern in den Grund der Seele, das erkennt man daran, daß der Mensch tiefer in
sein eigenes Nichts versinkt. Dies richtet sich gegen die freien Geister, die mit ihrer
falschen Erleuchtung die Wahrheit erkannt zu haben glauben und die sich mit ihrem
eigenen Wohlgefallen und ihrer Selbstgefälligkeit erheben, die ihren Sinn auf ihre
falsche Untätigkeit kehren und in unehrerbietiger Weise von unserem Herrn
sprechen, ob man noch nicht über solche Bilder (wie die des Heilandes)
hinausgekommen sei und andere ungehörige Worte mehr.
Wisset, ein guter Mensch hält sich niemals für über irgendein Ding erhaben, wie klein
oder schwach das auch immer sei, wen~ es nur gut ist; und selbst wenn er diese
unteren Formen (der Frömmigkeit) hinter sich gelassen hat, so liebt und schätzt er
sie doch ebenso wie je. Von sich glaubt er, unter allen Dingen zu stehen und über
keines hinausgekommen zu sein.
Jene (freien Geister) aber kommen in ihrer vernünftigen Weise, machen viel
Aufhebens2 und glauben, wenn sie nur wilde Worte hören, die (doch) weder Leben
noch Lebensregeln mit sich bringen, sie hätten nun die reinste Wahrheit gehört. Hört
man sie nur reden, so weiß man schon, wen man vor sich hat. Aber die lebendige,
reine Wahrheit, die sie viel nötiger hätten, die sagt ihnen nicht zu. Das sind
zurückbleibende Menschen. Sie verlassen sich auf ihren natürlichen Verstand, sind
sehr stolz darauf, sind niemals wirklich in das ehrwürdige Leben unseres Herrn Jesus
Christus eingedrungen, haben ihre Natur auch nicht zu bessern versucht durch
Tugendübungen und sind nicht den Weg der wahren Liebe gegangen; doch halten
sie fest an ihrer Vernunft und an falscher innerer Untätigkeit. Und das ist so
angenehm für ihre Natur, daß sie in diesem bilderlosen Grund in Stille und Ruhe
verbleiben; das ist so eingewurzelt in die Natur, Rast und Ruhe, daß es den
barmherzigen Gott erbarmen muß (zu sehen), wie sehr die Neigung der Menschen
jetzt in dieser Richtung geht.
Denn in dieser kranken Zeit will keiner sich selbst wehe tun; und die Menschen sind
in sich selbst verliebt. Die liebenswerten Menschen aber, die recht zu dieser weisen
Liebe gelangt sind, die dürstet nach dem Leiden und nach Verkleinerung ihres
eigenen Selbst; sie wollen der liebevollen Lehre ihres geliebten Herrn Jesus Christus
nachfolgen. Und sie verfallen auf keine falsche Untätigkeit noch auf unrechte Freiheit
und zeigen sich nicht unbeständig; denn sie sind klein und nichts in ihren Augen, und
darum sind sie groß in Gottes Augen und ihm wert. Nun kommen wir zur dritten Art
der Liebe, die starke genannt. Das ist die wesentliche: die vergleichen wir mit dem
reinen, lauteren Gold. Findet ein Mensch in sich keine dieser drei Arten und findet er
auch in seinem Grund keine, so soll er wissen, daß es gar sorglich und beängstigend
um ihn steht; solche Leute sollten wohl Tag und Nacht weinen.
Liebe Schwestern! Das Gold, mit dem wir diese Liebe vergleichen, ist so glänzend
und strahlend, daß man es kaum anblicken kann. Sein Glanz ist den Augen zu stark.

2
Vetter 250, 13: flogieren: wörtl. „von einem zum anderen schweifen, flattern,

mit dem Kopfputz schmücken". Letzteres führt zu der von Corin, Sermons

III, 346 – „prennent de grands airs“ - und mir verwandten Übersetzung.


So verhält es sich mit dem Geist in dieser starken Liebe, in der der Herr gegenwärtig
ist. Sie leuchtet so wesentlich in den Grund, dass der Geist in seiner menschlichen
Schwäche das nicht ertragen kann; er muß da notwendigerweise zerfließen und
wieder in seine Ohnmacht zurückgeworfen werden.
Da hat der Geist denn keine andere Stütze: er versinkt und entsinkt in dem göttlichen
Abgrund und verliert sich in ihm, so daß er von sich selber nichts weiß; denn das
Bild3 Gottes, das dieser Liebe entspricht, ist ihm zu übermächtig. Und dann tut er,
ganz wie Elias tat, als er im Eingang zur Höhle stand, was bedeutet: in seiner
menschlichen Schwäche an der Türe von Gottes Gegenwart. Er zog den Mantel
über die Augen, das heißt, der Geist entfällt seiner eigenen Erkenntnis und seiner
eigenen Wirksamkeit; Gott muß alle Dinge in ihm wirken; er muß in ihm erkennen,
lieben, denn der menschliche Geist ist in dieser starken Liebe sich selbst entsunken,
er hat sich in dem Geliebten verloren wie ein Tropfen Wasser im tiefen Meere; er ist
weit mehr eins mit ihm geworden als die Luft mit der Klarheit der Sonne, wenn diese
am lichten Tag scheint. Was da vor sich geht, das kann man eher erleben als davon
sprechen.
Was bleibt dem Menschen hier übrig: nur ein abgründiges Vernichten seines
(eigenen) Selbst und ein gänzliches Verleugnen aller Eigenheit an Willen, Gemüt,
Leben und Lebensführung.
Denn hier in dieser Verlorenheit versinkt der Mensch in die letzte Tiefe; könnte er
noch tiefer sinken, derart, daß er zunichte würde aus Liebe und Demut, er täte es gar
zu gerne. Denn der Drang solchen Vernichtens seines Selbst ist in ihm lebendig
geworden. Er dünkt sich unwürdig, ein Mensch zu sein, in eine Kirche zu gehen, das
Kruzifix anzublicken, das da an die Wand gemalt ist, (ja) er dünkt sich ärger als der
böse Feind. Aber das Leiden unseres Herrn und seine heilige Menschheit ist ihm nie
so von Grund aus lieb gewesen, und ihm ist, als beginne er (jetzt) erst zu leben; und
jetzt erst beginnt er so recht mit allen Tugenden und heiligen Übungen. Und dies
(neue Leben) wächst in ihm in wesenhafter Weise in dem geringsten wie in dem
größten Ding; denn das größte und das kleinste sind in ihm eins.
Denn Gott hat ja auch die Dinge der Natur so geordnet, dass das niederste dem
höchsten entspricht. Der Himmel ist das oberste und das Erdreich das niederste.
Nun wirkt der Himmel nirgendwo fruchtbringender als in der Niederung der Erde.
Und so wirkt auch Gottes Arbeit nirgendwo fruchtbringender und göttlicher als in
der tiefsten Niedrigkeit des Menschen.

3
Vetter 251, 15; wörtlich: der göttliche Gegenstand, der dieser Liebe entspricht, ist ihm zu übermächtig.
Und wie die Sonne die Feuchtigkeit aus dem niederen Erdreich zieht, so zieht der
hohe Gott den (menschlichen) Geist zu sich hinauf, dass dieser empfindet, wähnt,
glaubt ganz und gar Gott zu sein; und dann sinkt er ganz in sich ' nieder und glaubt
weniger als ein Mensch zu sein.
Es ist wie in einem Kessel kochenden Wassers: das Wasser kocht und steigt, als ob es
überlaufen wolle; zieht man aber das Feuer weg, so sinkt es tief nieder. Ebenso treibt
und zieht die starke Liebe den Geist, daß dieser, über sich selbst hinausgetrieben,
ganz außer sich selbst in ein Nichtwissen will, das ihn in eine Unkenntnis, dann
wieder ia eine Erkenntnis seines Nichts führt.
Diese starke freie Liebe hat drei Eigenschaften: einmal, dass sie den Geist des
Menschen in überschwänglicher Weise in jenen erhebt, den er liebt, und ihn weit
wegzieht von allem Eigenen, aus der Kraft und der Wirksamkeit des Gedächtnisses
und des Willens. Das geht über allen Verstand4 und alle Sinne. Die zweite Eigenschaft
besteht darin, daß diese Liebe den Geist (des Menschen) niederdrückt in den
Grund, das heißt in ein unergründliches Vernichtern. Und diese Demut ist durch die
Sinne nicht mehr faßbar und hat in deren Bereich ihren Namen verloren.
Die dritte Eigenschaft der starken freien Liebe macht den Menschen wesentlich, und
das in wunderbarer Weise. Er wendet sich nach innen und bleibt in jeder Lebenslage
zufrieden, nimmt die Dinge, wie sie kommen, zeigt nicht viel (äußere) Wirksamkeit,
sondern verharrt in stiller Ruhe, bereit, überall hinzugehen, wohin der Herr ihn
führen will oder wozu er ihn gebrauchen will, wie ein Knecht, der an der Tafel seines
Herrn wartet und ihn nur ansieht, um ihm jeden Wunsch zu erfüllen.
Nachdem der edle Mensch all dies hinter sich gebracht hat, kann es wohl kommen,
daß der Feind ihm die übelsten und schlimmsten Versuchungen sendet, und dies in
der schwierigsten Weise, wie sie ein Mensch nur erfahren kann. Aber sie führen den
Menschen (nur) in unvorstellbarer Weise empor, jenseits alles Maßes. In diesem
Sturm werden die Felsen noch , stärker zerbrochen; und findet sich in der Natur
(des Menschen) etwas, das (von Gott) nicht durchdrungen ist, so geschieht das
jetzt, und alles (an ihm) wird ganz und gar geläutert.
Wenn der Mensch all diese Prüfungen überstanden hat, verhält es sich mit ihm wie
mit dem Priester am Altar, der auf Gottes Anordnung hin in der heiligen Kirche die
Weihe empfangen hat. Alles, was der Priester um und an hat, das ist geheiligt; er hat
die Vollmacht, den ehrwürdigen Leib unseres Herrn aufzuheben oder niederzulegen;
und bei allem Heben und Senken wagt er nicht zu sprechen: "Vater unser", es sei
denn, er sage zuvor und entschuldige sich gleichsam mit den Worten:

4
wisc", Vetter 252,24, mit .Verstand" umschrieben.
"Oremus; praeceptis salutaribus moniti", das heißt: "Gemahnt durch göttliches
Gebot und unterwiesen durch göttliches Gesetz, wagen wir zu sprechen: Vater
unser." In dem gewaltigen Abstand des kleinen Menschen von dem großen,
ehrwürdigen Gott ist es begründet, daß man Gott mit furchtsamem Zittern
aussprechen muß.
Solcher Art soll der Mensch betrachten, welch Wunder das ist, daß der Mensch in
seiner Kleinheit und Schwäche Gott seinen Vater nennen darf. Was bleibt nun dem
gottförmigen Menschen? Eine Seele Gottes voll und ein Leib voller Leiden. Dann
aber blickt Gott so oft wie ein Blitzstrahl in den Grund (dieses Menschen), daß ihm
alles Leid noch zu gering erscheint. Und in dem Licht des plötzlich in seinen Grund
kommenden Gottes erkennt der Mensch, was er tun soll, wofür er bitten oder auch
was er etwa predigen soll.
Möchten wir doch alle so leben, daß die wahre Liebe unseres Herrn uns erleuchte!
Dazu helfe uns der, der seinem Sein nach die wahre Liebe ist.

AMEN