Sie sind auf Seite 1von 19

Inhalt:

1. Der Vampirhype der Moderne 2

2. Dämonisches Treiben im Volksglauben 3

3. Die ersten literarischen Ergüsse 7


3.1 Große Vampirdiskussion des 18. Jahrhunderts 7
3.2 Anfänge der Horrorliteratur 8
3.3 Auf dem Weg zum modernen Bild des Vampirs 9
3.4 Erotisierung des Vampirs in der deutschen
Literatur 10
3.4.1 „Der Vampir“ von Heinrich Ossenfelder (1748) 10
3.4.2 „Der Vampir“ von Baudelaire 11

4. Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts 13


4.1 Das Dämonische als gesellschaftliches Tabu 13
4.2 Das Dämonische als kindliches Vorbild 15

5. Und wie wird es weiter gehen? 16

Quellenverzeichnis 17
Buchquellen 17
Internetquellen 18
2

Das Dämonische in der Literatur

1. Der Vampirhype der Moderne

Geht man heute in ein Buchgeschäft, lässt sich schon auf dem ersten Blick
ein Buch über Vampire finden. Und nicht nur eines. Die Geschäfte sind voll
davon und sie scheinen regelrecht wie Pilze aus dem Boden zu schießen.
Und nicht nur in den Büchergeschäften begegnet uns der Vampir, auch im
Kino ist er immer präsent und grinst uns als junger Teenager von der
Leinwand her an. Wohin man auch sieht, der Vampir ist in Gestalt junger,
charmanter Männer fast überall zu entdecken und man kann ihm kaum
entkommen.
Die Stadtbibliothek München hat sogar eigens zwei Broschüren „Biss & Co
– Die schönsten Vampirbücher“ und „Wer zuletzt beißt – Vampir-Romane“
zu diesem Thema herausgegeben. Schon wenn man sich diese nur anschaut,
erhält man einen Überblick, wie vielseitig die Literatur zum Thema
Vampire ist: Angefangen von Büchern für Kinder ab 9 Jahren, bis hin zu
erotischer Vampirliteratur für Erwachsene.
Und die Bandbreite reicht noch weiter: Die Buchreihe rund um „Das
Vamperl“ von Renate Welsh1 begeistert sogar schon Kinder im Alter ab 7
Jahren2. Und auch der Kinderkanal erfreut schon Kinder ab 6 Jahren3
wochentags um 16:50 Uhr mit der Serie „Die Schule der kleinen Vampire“.

1
Buchtitel: „Das Vamperl“, „Wiedersehen mit Vamperl“ & „Vamperl soll nicht alleine
bleiben“
2
Altersempfehlung des Herstellers; Quelle: Amazon
3
FSK nach tvDIGITAL Nr. 20 18.9.2009
3

Aber wie entwickelte sich die heutige Sicht auf den Vampir – vom
Schreckgespenst der Sagen und Mythen, zum charmanten, jungen
Frauenheld und freundlichen Kinderstar? Gibt es den ursprünglichen
Vampir überhaupt noch, der Nachts in die Häuser schleicht und jungen
Frauen das Blut aussaugt, in der modernen Literatur?
Und wie ergeht es den anderen dämonischen Gestalten der Mythen und
Legenden? Teilen diese das Schicksal des Vampirs?

2. Dämonisches Treiben im Volksglauben

Schauen wir uns doch zuerst einmal an, wie der Vampir am Anfang aussah,
bevor er überhaupt zu Papier gebracht wurde. Dazu muss zuerst einmal
gesagt werden, dass sich die Überlieferungen von Landstrich zu Landstrich
unterscheiden, zum Teil sogar in benachbarten Dörfern unterschiedliche
Überlieferungen zum Vampir existieren. Und nicht nur im Osten Europas
gibt es Vampire. Fast jede Region der Welt hat einen eigenen Glauben an
eine Art Blutsauger4. Ziemlich viel Verwirrung also. Hier wollen wir uns
erst einmal auf den Vampirglauben in Osteuropa beschränken, da dieser die
literarischen Vorstellungen des heutigen Vampirs am meisten geprägt hat.

Auf eines jedoch, kann man sich verlassen: der Vampir kehrt nach seinem
Tod zu den Lebenden zurück und quält diese5. Er saugt nicht nur ihr Blut6,

4
Vgl. Heitz, S. 15ff
5
Vgl. Heitz, S. 79
6
Vgl. Heitz, S. 67
4

er verbreitet auch Krankheiten7 und tötet seine Opfer sogar8. Ebenso sind
Vergewaltigungen durch Vampire an der Tagesordnung9.
Klassischer Weise wurden zuerst die nächsten Verwandten, dann das Dorf
und später auch die umliegenden Dörfer von einem Vampir heimgesucht,
bis dieser unschädlich gemacht wurde10. Verabschieden wir uns auch von
den sonstigen Vorstellungen seines Beuteschemas: Es mag durchaus
wählerische Vampire geben, die nur über Jungfrauen herfallen11, in den
meisten Fällen jedoch, nehmen sie, was sie bekommen können, selbst wenn
es nur das Vieh ist12.
Auch seine Verwandlungskünste sind vielfältiger, als die meisten Leute
annehmen, denn nicht nur die Verwandlung in eine Fledermaus ist möglich.
Es ist auch die Rede von Ochsen, Wölfen, Ziegen, Hennen, Wanzen, Flöhe,
Frösche, Schmetterlinge und noch so einige Tiere mehr. Und nicht nur in
Tiere kann sich der Vampir verwandeln, nein, auch in blutgefüllte Töpfe
und Wagenräder13. Man sollte also immer auf der Hut sein, denn hinter
jeder Ecke könnte ein verwandelter Vampir lauern.
Und wie ist es mit den anderen Klischees zum Vampir, z.B. dem Spiegelbild
oder dem Eintreten in Häuser? Tatsächlich braucht der Vampir als
Sagengestalt keine Erlaubnis, um ein Haus zu betreten14 und auch besitzt er
in den meisten Fällen ein Spiegelbild15. Kann man da noch einen Vampir
erkennen, bevor man angegriffen wird?

Wer wird denn nun eigentlich alles zum Vampir?

7
Vgl. Heitz, S. 73
8
Vgl. Heitz, S. 79
9
Vgl. Heitz, S. 70
10
Vgl. Heitz, S. 74
11
Vgl. Heitz, S. 80
12
Vgl. Heitz, S. 68
13
Vgl. Heitz, S. 80f
14
Vgl. Heitz, S. 79
15
Vgl. Heitz, S. 67
5

Wo heute nur noch der zum Vampir wird, der das Blut eines Vampirs trinkt,
nachdem er von diesem gebissen wurde, gibt es im Volksglauben noch ganz
andere Möglichkeiten. Natürlich erst mal das Verzehren von infizierten
Fleisch16.
Außerdem werden auch unehelich geborene Kinder nach ihrem Tod zu
Vampiren17, ebenso wie Kinder, die mit Zähnen geboren werden.
Rothaarige mussten auch nicht immer zwangsläufig Hexen sein, nein, sie
konnten auch nach ihrem Tod zu Vampiren werden18.
Aber auch im späteren Leben gibt es noch viele Möglichkeiten, zum Vampir
zu werden: Man wird von seinen Eltern verflucht, von der orthodoxen
Kirche exkommuniziert oder verweigert den Auftrag, Rache zu nehmen.19
Auf der Liste der zukünftigen Vampire stehen außerdem: Prostituierte,
bösartige Menschen, Selbstmörder, Mörder, sonstige Straftäter, Zauberer,
Personen, die gegen die Gebote der Kirche verstoßen haben und noch so
einige mehr.20

Und wie sahen die anderen dämonischen Gestalten der heutigen Literatur
ursprünglich aus? Sind Hexen schon immer auf ihren Besen durch die Luft
geflogen und haben Menschen nach belieben geholfen oder verzaubert?
Lebten Geister schon immer hauptsächlich in Burgen und Ruinen und sahen
aus, als hätte man ihnen ein Bettlaken über den Kopf geworfen?
Tatsächlich ist es jedoch so, dass Hexen in der urtümlichen Vorstellung
nicht auf Besen, sondern auf Grenzen, wie zum Beispiel Zäunen, „ritten“,
um ihre Fähigkeit, zwischen verschiedenen Welten zu wandeln, bildlich
darzustellen. Erst in den Märchenillustrationen wurden daraus Besen.21 Erst
zu Zeiten der Hexenverfolgung wurde aus der wissenden Frau, die frei war
16
Vgl. Heitz, S. 51
17
Vgl. Heitz, S. 52
18
Vgl. Heitz, S. 54
19
Vgl. Heitz, S. 56
20
Vgl. Heitz, S. 57
21
Wikipedia: „Hexe“
6

zu helfen oder zu verderben, ein Schreckgespenst, da ihnen ein Pakt mit


dem Teufel zugeschrieben wurde.22
Die literarische Vorstellung von Geistern ist heute noch dem ursprünglichen
Volksglauben recht ähnlich. So sind auch dort Geister Personen, die nicht
über die Schwelle des Todes getreten sind, da sie in der unseren Welt noch
etwas zu erledigen haben. Somit sind sie oftmals auch an einen bestimmten
Ort gebunden.23 Und wen wird es jetzt noch wundern, dass sie besonders
häufig in Schlössern und Burgen anzutreffen sind - Orten, die schon immer
ein Sammelpunkt für Verrat, Lügen und Intrigen waren? Die Gestalt der
Geister reichte auch schon im Volksglauben von schemenhaften oder auch
nur akustischen, bis hin zu vollkörperlichen Erscheinungen24.
Und natürlich darf man auch nicht den heutigen Gegenspieler des Vampirs
vergessen: den Werwolf. Im Volksglauben war jedoch von einer
Feindschaft nichts zu erkennen, eher im Gegenteil, gibt es doch Quellen
nach denen sich Vampire in Werwölfe verwandeln können.25 Auch wurde
der Werwolf oftmals eher als Opfer eines Fluches gesehen, der ihm durch
andere auferlegt wurde, denn als eigentlicher Sünder.26

22
Vgl. Diefenbach, S. 52
23
Vgl. Brüggemann, S. 4f
24
Vgl. Brüggemann, S. 5
25
Vgl. Heitz, S. 81
26
Vgl. Sheja, S. 1
7

3. Die ersten literarischen Ergüsse

Nachdem wir uns nun angeschaut haben, wie sich unsere Vorfahren einige
der bekannten Sagenwesen vorgestellt haben, wollen wir uns nun damit
befassen, wie es denn eigentlich zu dem Bild kam, das wir heute von ihnen
haben.

3.1 Große Vampirdiskussion des 18. Jahrhunderts

Das Bekanntwerden von „Vampirfällen“ im Osten Europas löste in ganz


Europa eine Welle von Publikationen zum Thema Vampirismus aus.
Begonnen hatte es damit, dass sich verzweifelte Bewohner aus dem Dorf
Kisolova an die Behörden wanden und diese um Beistand gegen die Plage
baten. Durch diesen Vorfall wurde der Vampir zum ersten mal auch der
Beamtenschaft in Wien ein Begriff.27 Flugblätter machten ihn auch bei der
einfachen Bevölkerung bekannt.28 Vorerst jedoch, blieb das Thema
hauptsächlich den Gelehrten vorbehalten.29
Als sich jedoch die Diskussion in Zeitschriften verlagerte, fand auch der
Adel und das Bildungsbürgertum reges Interesse an diesem Thema.30 Auf
diese Weise war der Vampir zum ersten Mal allgegenwärtiges Thema in der
Öffentlichkeit. Er war sowohl in den Privathaushalten, als auch an
Universitäten und Akademien zu finden. Jeder suchte nach einer Erklärung
für die Vampire.31 Nicht einmal die Kirche schreckte vor diesem Thema
zurück und machte den Vampir zu einem gotteslästerlichen Wesen.32

27
Vgl. Heitz, S. 141f
28
Vgl. Heitz, S. 142
29
Vgl. Heitz, S. 148
30
Vgl. Heitz, S. 149
31
Vgl. Heitz, S. 154
32
Vgl. Heitz, S. 169
8

3.2 Anfänge der Horrorliteratur

Zwar gibt es schon in der römischen Antike und auch in der Klassik (z.B.
Goethes „Faust“) Geschichten, die Elemente der Horrorliteratur enthalten,
wirklich großes Aufsehen erregt die Horrorliteratur jedoch erst im 18.
Jahrhundert unter der Bezeichnung „Schauerroman“. Damit wurde auf die
aufklärerischen Ideale der vorangegangen Zeit reagiert, es wurde sich
wieder mehr auf das Unerklärliche und Außergewöhnliche bezogen.33 Seine
Blütezeit erlebte die Horrorliteratur jedoch erst im 19. Jahrhundert.34
Zu den bedeutensten, internationalen Autoren dieser Zeit zählen: Edgar
Allan Poe („Die Maske des roten Todes“), Mary Shelley („Frankenstein“) &
Robert Louis Stevenson („Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr.
Hyde“).35 Auch die Gedichtsammlung „Les Fleurs du Mal“ von Charles
Baudelaire stammt aus dieser Zeit.36
Im deutschsprachigem Raum wären als wichtig zu nennen: E.T.A.
Hoffmann („Der Sandmann“), Theodor Storm („Der Schimmelreiter“),
Joseph von Eichendorff („Das Marmorbild“) und Heinrich von Kleist („Das
Bettelweib von Locarno“).37
Kleists Novelle „Das Bettelweib von Locarno“ ist ein schönes Beispiel, wie
sich das Dämonische der Literatur von dem Volksglauben unterscheidet. Ist
die Rache im Volksglauben der Tat meist sehr ähnlich oder äquivalent, so
ist sie bei Kleist einfach nur unverhältnismäßig. Der Marchese wird vom
Geist des durch einen tragischen Unfall verstorbenen Bettelweibes nicht nur
in den Wahnsinn getrieben – dies wäre wohl im Volksglauben die Strafe für

33
Vgl. Wikipedia: „Horrorliteratur“
34
Vgl. Bücherwiki: „Horrorliteratur“
35
Vgl. Bücherwiki: „Horrorliteratur“
36
Vgl. Wikipedia: „Horrorliteratur“
37
Vgl. Literatur.de: „Horror- und Fantasyliteratur“
9

seine Teilschuld gewesen – , sondern zündet in seinem Wahnsinn auch sein


Gut an und kommt dabei ums Leben.38

3.3 Auf dem Weg zum modernen Bild des Vampirs

Im 19. Jahrhundert wurde auch das Motiv des Vampirs wieder verstärkt
aufgegriffen. Diesmal jedoch nicht um eine wissenschaftliche Erklärung für
dieses Phänomen zu finden, sondern er wurde die Hauptfigur verschiedener
Werke. Dabei sind als die bekanntesten zu nennen: John William Polidoris
„The Vampyre“ (1819), Joseph Sheridan Le Fanus „Carmilla“ (1872) und
Bram Stokers „Dracula“ (1897).39 Jeder der genannten Romane hatte für die
weiter Entwicklung der Vampirliteratur einen entscheidenden Beitrag
geleistet.
Schon Polidori führt die im Vampirroman übliche Warnung an die
menschliche Hauptfigur ein, sich vor den Vampiren in Acht zu nehmen,
doch schon in dieser „Vorbildszene“ lacht der Protagonist über dieser
Warnung. Dieses Motiv wird auch in späteren Vampirromanen immer
wieder aufgegriffen.40 Und auch ist schon in diesen Anfängen der Vampir
ein Adeliger, der mit dem Geld nur so um sich schmeißt.41
Le Fanu schuf im Gegenzug mit seiner „Carmilla“ die bis heute bekannteste
Vampirin der Weltliteratur.42 Außerdem bringt Le Fanu ein bis heute
entscheidendes Element in die Vampirliteratur: die Erotik, wenn diese auch
immer nur versteckt und bewusst nur angedeutet bleibt.43
Auch wenn Bram Stoker mit seinem „Dracula“ nicht viel neues zur
Entwicklung des Vampirromans beitrug, so ist dieser dennoch bis heute der

38
Vgl. Brittnacher, S. 85
39
Vgl. br-online: „Geschichte des Vampirismus“
40
Vgl. Copper, S. 77
41
Vgl. Copper, S. 76
42
Vgl. br-online: „Geschichte des Vampirismus“
43
Vgl. Vampyr-Journal: „Carmilla“
10

bekannteste Roman dieses Genres. Er übernahm nicht nur die oben


genannten Elemente Polidoris und machte Dracula zu einem
aristokratischen Vampir, er eiferte auch Le Fanu nach und lies seinen in
seinen Roman ähnliche erotische Elemente einfließen. Mit seinem Roman
löste Broker eine neue Lawine von Schriften zum Thema Vampirismus
aus.44

3.4 Erotisierung des Vampirs in der deutschen Literatur

So viel zur internationalen Lage in der Vampirliteratur. Widmen wir uns


nun der deutschen Literatur und ihren Ausprägungen. Schauen wir uns dazu
zwei deutschsprachige Gedichte an: „Der Vampir“ von Heinrich August
Ossenfelder und das gleichnamige Gedicht von Baudelaire in der
Übersetzung von Stefan George.

3.4.1 „Der Vampir“ von Heinrich August Ossenfelder (1748)

Das Gedicht „Der Vampir“ von Heinrich August Ossenfelder ist eines der
ersten heute noch bekannten, deutschsprachigen Gedichte zum Thema
Vampire.45

„Mein liebes Mägdchen glaubet


Beständig steif und feste,
An die gegebnen Lehren
Der immer frommen Mutter;
Als Völker an der Theyse
An tödtliche Vampiere
Heyduckisch feste glauben.
Nun warte nur Christianchen,
Du willst mich gar nicht lieben;

44
Vgl. br-online: „Geschichte des Vampirismus“
45
Vgl. Wurzel Werk: „Eine kleine Geschichte der Vampire“
11

Ich will mich an dir rächen,


Und heute in Tockayer
Zu einem Vampir trinken.
Und wenn du sanfte schlummerst,
Von deinen schönen Wangen
Den frischen Purpur saugen.
Alsdenn wirst du erschrecken,
Wenn ich dich werde küssen
Und als ein Vampir küssen:
Wenn du dann recht erzitterst
Und matt in meine Arme,
Gleich einer Todten sinkest
Alsdenn will ich dich fragen,
Sind meine Lehren besser,
Als deiner guten Mutter?“46

Schon in hier zeigt sich der Vampir als Verführer, sowohl in sexueller
(„schöne Wangen“/ „küssen“) als auch in religiöser Hinsicht („Lehren“/
„fromm“).47

3.4.2 „Der Vampir“ von Baudelaire

Das in der Blütezeit der frühen Horrorliteratur entstandene Gedicht „Der


Vampir“ von Baudelaire, erschienen in „Les Fleurs du Mal“ (zwischen 1857
und 1868), wurde als erstes von Stefan George in die deutsche Sprache
übersetzt.

„Du die wie ein messerstoss


Ins klagende herz mir zückte
Wie schwärme von teufeln stark und gross
Kamest du Tolle Geschmückte

46
„Der Vampir“ Ossenfelder
47
Vgl. Les Vampires: „Der Vampir“
12

Und machtest zu haus und bette


Meinen erniedrigten sinn –
Ruchlose! eins mit dir bin
Ich wie sträfling mit kette

Wie spieler mit ihrer sucht


Wie trinker mit ihrem glase
Wie das gewürm mit dem aase –
Verflucht seist du! verflucht!

Ich flehe zu schwertes schnelle:


„Gib mir meine freiheit zurücke!“
Ich sprach zu des giftes tücke:
„Sei meiner schandtat geselle!“

Da hat das gift und das schwert


Verächtlich zu mir gesprochen:
„Aus deinen verwünschten jochen
Dich reissen bist du nicht wert.

Du tor wenn auch unsre streiche


Dich lösten aus dem verschluss
So weckte wieder dein kuss
Deines vampirn leiche.““48

Das am Anfang angesprochene Du, bezeichnet in diesem Gedicht eine


weibliche, dämonische Gestalt, die vom lyrischen Ich direkt angesprochen
wird. Das lyrische Ich fühlt sich „wie ein sträfling“ an das „Du“ gekettet,
andererseits, schreibt er diesen Umstand jedoch auch seiner eigenen Sucht
(„Spieler“/ „Trinker“) nach dem Ideellen des „Du“ zu. Es sehnt sich nach
dessen Stärke und Macht. Um sich aus dieser Sucht zu befreien, versucht es
die Flucht in den Freitod durch Schwert und Gift. Da dies durch seine
Feigheit misslingt, wird dem lyrischen Ich seine Unvollkommenheit noch
deutlicher vor Augen geführt, des „vampirn leiche“ wird wieder erweckt.49
Somit steht der Vampir – wenn auch nur als metaphorisches Gestalt – auch
bei Baudelaire für die typischen Eigenschaften des modernen Vampirs:

48
zeno.org: „XXXIII Der Vampir“
49
vgl. abgedichtet: „Interpretation: Le vampir“
13

Todessehnsucht, Tragik der Existenz, Triebe und das übersinnliche


Anziehende.

4. Die Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts

Aus diesen Beispielen der frühen Vampirliteratur kann man also schon
sehen, dass der Vampir als erotisches Ideal keine Erfindung der Neuzeit ist,
sondern schon in den Anfängen zum Bild des literarischen Vampirs gehörte.
Aber wie genau sieht jetzt eigentlich das Bild des literarischen Vampirs im
20. und 21. Jahrhundert aus und welche Bedeutung haben andere
Schreckensgestalten des Volksglaubens erhalten?

4.1 Das Dämonische als gesellschaftliches Tabu

Da der Vampir sowohl in der Opfer- als auch in der Täterrolle gesehen
werden kann – als tragisches Opfer seines Schicksals, aber auch Mörder –
eignet er sich wie kein zweites phantastisches Wesen, sexuelle Phantasien
zu verkörpern. Durch diese Dualität kann er sowohl masochistische, als
auch sadistische Phantasien verkörpern und an Stelle des Lesers ausüben.
Diese Dualität lässt sich zwar auch dem Werwolf zuschreiben, dieser kann
durch seine Wolfsgestalt und seine brachiale Brutalität jedoch kaum als
sexuelles Ideal herhalten.50 Während der Vampir sich im Laufe der Zeit dem
Schönheitsideal und den Vorstellungen anpassen konnte, hat der Werwolf
durch seine Tiergestalt kaum Möglichkeiten, sich zu verändern. Dennoch ist

50
Vgl. Brittnacher, S. 126
14

er sich schon allein durch diese Ähnlichkeit für die Rolle des Gegenspieler
des Vampirs geradezu prädestiniert.
Ein weiterer Punkt, der die Unterschiede zwischen dem Vampir und dem
Werwolf noch einmal deutlicher macht, ist die moderne Stellung in der
Gesellschaft. Während etwa 90% der Vampire eine gehobenere Stellung
haben51, gehört der Werwolf eher zum einfachen Proletariat.52 Der alte,
ewige Klassenkampf also.
Dennoch sind sie durch ihre Symbolisierung der Tabuthemen mit einander
verbunden. Während der Vampir für das sexuelle Spiel und den Tod steht53,
symbolisiert der Werwolf das Animalische, das aus der Gesellschaft
Ausbrechende.54

Welche Bedeutung der Vampir auch heute noch in der erotischen Literatur
inne hat, zeigt sich zum Beispiel auch an der deutschen Anthologie „Blutige
Lippen“, wo das erotische Symbol der Lippen schon im Buchtitel erscheint.
Zu den bekanntesten Vertretern zählen zwar unter anderem die Vampire der
„Chronik der Vampire“ von Anne Rice55 und „Bis(s)“-Reihe von Stephenie
Meyer56, es sollte aber auch erwähnt werden, dass die moderne Literatur
auch das brutale Wesen des Vampirs kennt, was sich in „Ich bin Legende“
von Richard Matheson zeigt.
Um ein paar Beispiele der deutschen Werke zu geben sollen hier einmal
„Edens Asche“ von Monika de Giorgi, „Die Kinder des Judas“ von Markus
Heitz und „Die Chronik der Unsterblichen“ von Wolfgang Hohlbein57
genannt werden.

51
Vgl. Brittnacher, S. 130
52
Vgl. Brittnacher, S. 219
53
Vgl. Brittnacher, S. 148
54
Vgl. Brittnacher, S. 219
55
z.B.: „Interview mit einem Vampir“, „Die Königin der Verdammten“, „Memnoch der
Teufel“
56
„Bis(s) zum Morgengrauen“, „Bis(s) zur Mittagsstunde“, „Bis(s) zum Abendrot“, „Bis(s)
zum Ende der Nacht“
57
11 Bände, u.a.: „Am Abgrund“, „Der Vampyr“, „Der Todesstoß“, „Der Untergang“
15

Um auch den Werwolf hier nicht zu kurz kommen zu lassen, sei an dieser
Stelle auch der Roman „Die Werwölfe“ von Christoph Hardebusch erwähnt.

4.2 Das Dämonische als kindliches Vorbild

Das Dämonische steht im 20. und 21. Jahrhundert jedoch nicht nur für das
erotische Tabu, sondern erhielt auch in die Kinderliteratur Einzug. Allein
die deutsche Literatur bietet hierfür genügend Beispiele. In den
Kinderbuchreihen „Das Vamperl“ von Renate Welsh und „Der kleine
Vampir“ von Angela Sommer-Bodenburg58 treiben Vampire ihr
spielerisches Unwesen, während Hexen in der Kinderbuchreihe „Hexe Lilli“
von Knister59 und in Otfried Preußlers „Die kleine Hexe“ die Welt ein
wenig in Unordnung bringen. Ebenfalls nicht fehlen darf natürlich Preußlers
„Das kleine Gespenst“.
Doch anders als in der Erwachsenenliteratur stellen die Wesen des
Volksglaubens hier keine Symbolisierungen gesellschaftlicher Tabus da,
sondern bieten den lieben Kleinen vielmehr ein moralisches Vorbild. Durch
ihre Andersartigkeit eignen sich solche Wesen perfekt, um Freundschaften
trotz äußerer und innerer Unterschiede darzustellen, und die
Hilfsbereitschaft, die sie gegenüber vermeintlich Schwächeren zeigen, ist
beispielhaft. Jedoch verliert auch grade der Vampir viele seiner
Eigenschaften und wird doch sehr vermenschlicht.60

58
z.B.: „Der kleine Vampir“, „Der kleine Vampir hat Geburtstag“, „Der kleine Vampir im
Jammertal“
59
z.B.: „Hexe Lilli stellt die Schule auf den Kopf“, „Hexe Lilli bei den Piraten“, „Hexe
Lilli und der Weihnachtszauber“
60
alliteratus: „Vampire in der Kinder- und Jugendliteratur“
16

5. Und wie wird es weiter gehen?

Natürlich kann man über die Zukunft der Literatur nur spekulieren, wenn
man jedoch betrachtet, wie sich die Literatur im Laufe der Zeit entwickelt
hat, so zeichnet sich eindeutig eine Tendenz ab, dass das Dämonische nie
aus der Literatur wegzudenken sein und immer wieder als Motiv verwendet
werden wird.
Der momentane Rummel um den Vampir wird zwar in Zukunft wieder
abflauen, jedoch wird er nie ganz von der Bildfläche verschwinden, bis er
erneut einen Höhepunkt erlebt. Ob er dabei für immer der ewig junge und
gebildete Charmeur bleiben wird, der er in der Gegenwart hauptsächlich ist,
bleibt dabei abzuwarten, da sich auch immer wieder Tendenzen zurück zum
grausamen, hinterhältigen Jäger zeigen.
Auch die anderen vertrauten Gestalten des Volksglaubens werden uns
weiterhin begleiten, wenn auch heute noch nicht abzusehen ist, wie sie sich
verändern werden. Lassen wir uns überraschen, was sich die Autoren in der
Zukunft ausdenken. Vielleicht erleben wir ja bald statt des wohlbekannten
„Bettlakengespenstes“, ein Gespenst, das sich als muskelbepackter
Footballspieler mit Teenyproblemen herumschlagen muss? Oder Hexen die
nicht mehr mit dem alten Besenmodel durch die Lüfte jagen, sondern auf
Computertastaturen durch die Nacht reiten und ihre Zauber über die Welt
verteilen?
17

Quellenverzeichnis

Buchquellen:

Brittnacher, H., Ästhetik des Horrors, Baden-Baden, Suhrkamp


Taschenbuch Verlag, 1994
Brüggemann, J., Im Zwischenraum – Betrachtung zu spektralen
Grenzräumen der Kommunikation, o.O., GRIN Verlag,
2005
Copper, B., Der Vampir in Legende, Kunst und Wirklichkeit, Leipzig, Festa
Verlag, 2006²
Diefenbach, J., Der Zauberglaube des sechzehnten Jahrhunderts, Mainz,
Verlag von Franz Kirchheim, 1900
Heitz, M., Vampire! Vampire!, München, Piper Verlag, 2009³
18

Internetquellen:

Wikipedia: „Hexe“
http://de.wikipedia.org/wiki/Hexerei#Herkunft_des_Hexenglaubens
vom 21.1.10 (aufgerufen: 22.1.10)
Fantastik-online: „Geschöpfe der Nacht und ihre Ursprünge im
Volksglauben“
http://www.fantastik-online.de/ (Artikel -> Fantasy)
Artikel von 1994 (aufgerufen: 24.1.10)
Wikipedia: „Horrorliteratur“
http://de.wikipedia.org/wiki/Horrorliteratur#.C3.9Cberblick_und_Entwickl
ung_des_Genres
vom 20.1.10 (aufgerufen: 22.1.10)
Bücherwiki: „Horrorliteratur“
http://www.buecher-wiki.de/index.php/BuecherWiki/Horrorliteratur
vom 10.2.09 (aufgerufen: 22.1.10)
Literatur.de: „Horror- & Fantasyliteratur“
http://www.literaturnetz.com/index.php?/Magazin/Specials/Horror-und-
Fantasy-Literatur.html
vom 1.9.09 (aufgerufen: 22.1.10)
br-online: „Geschichte des Vampirismus“
http://www.br-online.de/kultur/film/vampirfilm-
DID1243510523098/vampirfilm-vampire-vampirismus-
ID1243510714578.xml
vom 16.11.09 (aufgerufen: 22.1.10)
Vampyr-Journal: „Carmilla“
http://www.vampyrjournal.de/carmilla.htm
(aufgerufen: 22.1.10)
Wurzel Werk: „Eine kleine Geschichte der Vampire“
http://www.wurzelwerk.at/thema/eswareinmal18.php
19

(aufgerufen: 22.1.10)
„Der Vampir“ Ossenfelder
http://web.uvic.ca/geru/487/ossenfelder.html
(aufgerufen: 22.1.10)
Les Vampires: „Der Vampir“
http://www.lesvampires.org/ossenf.html
(aufgerufen : 23.1.10)
zeno.org: „XXXII Der Vampir“
http://www.zeno.org/Literatur/M/George,+Stefan/Gesamtausgabe+der+We
rke/Baudelaire.+Die+Blumen+des+B%C3%B6sen/Tr%C3%BCbsinn+und
+Vergeistigung/XXXII+Der+Vampir
(aufgerufen: 23.1.10)
abgedichtet: „Interpretation: Le vampir“
http://abgedichtet.org/?p=47
vom 8.9.06 (aufgerufen: 23.1.10)
alliteratus: „Vampire in der Kinder- und Jugendliteratur“
http://alliteratus.com/pdf/lg_fant_Vampire.pdf
von Oktober 08 (aufgerufen: 26.1.10)