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Jo h annes Tau ler Pr ed ig t 57

Diese Predigt lehrt, wie wir unsere bösen Neigungen bekämpfen sollen, und legt das
Verhalten dar, wenn Gott uns im Grunde unserer Seele heimsucht.

LIEBE SCHWESTERN, in der letzten Predigt habe ich zu euch über diese Worte
gesprochen, die die ewige Weisheit sagte; man bezieht sie auf Unsere Liebe Frau,
deren Würde und Ehre niemand auf irgendeine Weise und mit irgendeinem Wort
auszusprechen vermag, denn diese Würde übertrifft alle Fassungskraft unserer
Sinne.
Ich habe, meine Lieben, euch gesagt, welche Übungen, welche Werke für den
"beginnenden Menschen" nötig sind, um auf den Weg der Wahrheit zu gelangen, und
ferner, was die '"zunehmenden Menschen" zu tun haben, und schließlich, wie der
"vollkommene Mensch", soweit man hienieden Vollkommenheit erlangen kann, und
wo er zu seinem Ziel gelange und welches dieses Ziel sei.
Und ich habe gesagt, wie der beginnende Mensch notwendigerweise allen Dingen die
groben, unreinen Haare der schweren Sünde abscheren müsse, als da ist Unreinheit,
Geiz, Hoffart, Zorn und die weltliche Eitelkeit des Herzens mit all der törichten Lust
an all dem, was geschaffen ist, sei dies nun lebend oder tot. Kurz gesagt: ist es so um
einen Menschen bestellt, daß er sich nicht mit frisch entschlossenem Herzen und
ganzem Willen zu Gott kehrt, derart, daß er Gott in seinem Grunde lieben will und
ihn vor allem suchen, so gelangt er nie zu Gott, und täte er ebenso viele gute große
Werke wie alle Menschen zusammen und hätte er einen noch so großen Verstand
und spräche mit Engelszungen und ließe seinen Leib um Gottes willen verbrennen
und gäbe all sein Gut den Armen, wie Sankt Paulus sagt. Wie können die ihre Liebe
und ihren Willen auf Gott wenden, die Herzen und Begehr mit freiem Willen den
Geschöpfen zugekehrt haben; sie wissen, daß diese den Platz eingenommen haben,
der Gott gebührt, und daß sie ihm diesen Platz wissentlich entziehen.
So liegt auch Gott an ihren Werken nichts, wenn er der Herzen und der Liebe
(dieser Menschen) beraubt ist. Was soll ihm die Spreu, wenn ein anderer das Korn
hat? Die beginnenden Menschen haben die groben Haare (der schweren Sünden)
mit dem scharten, eisernen Fleiß, von dem ich schon mehr gesprochen habe,
abgeschnitten1.

1
Diese Stelle, Vetter 235,22 ff. schwer verständlich, habe ich zerlegt. Corin verfährt ähnlich.
Dieser Fleiß muß wie ein scharfes Schermesser sein, geschärft und gewetzt an der
großen Gerechtigkeit Gottes, der kein Wörtlein, keine Begierde, und seien sie noch
so klein, ungestraft läßt. Und (geschärft und gewetzt muß das Schermesser auch
sein) an dem verborgenen schrecklichen Urteil Gottes, von dem niemand weiß, was
es ihm bringen wird. Ist doch dem Menschen unbekannt, ob er sich unter Gottes
Zorn befinde oder in seiner Huld. Wenn nun der beginnende Mensch die böse
Untugend abgeschoren hat, soll er die Schoßhaare ins Auge fassen, das sind die
Neigungen, die ihm infolge langer Gewohnheit im Grunde geblieben sind: die
entschuldigen sich und geben sich für Tugenden aus; und sind nur falscher Schein,
denn im Grunde verborgen liegt die Hoffart; Und man glaubt sie überwunden zu
haben. Es bleibt aber der Wetteifer in der Kleidung und dergleichen
Angelegenheiten; das nennt man Sauberkeit; und die Begierde nach allen Dingen der
Sinne, nach Speise und Trank nennt man Notdurft. Dann gibt es Menschen voll des
Zornes und Grimmes: die wollen jeden belehren, und sind dazu schrecklich rasch
bereit; und das nennen sie Vernunft und Gerechtigkeit; und wo nichts anderes als
Trägheit ist, da denkt man oft, es sei Schwäche. Meine Lieben! Wenn ihr an einem
dieser Dinge haftenbleibt, wenn ihr eure eigene Selbstzufriedenheit und
Selbstgefälligkeit und eure eigenen vernünftigen hohen Weisen. und Worte zur Schau
tragt2, dann kommt in eurer Todesstunde der Teufel und
nimmt euch mit; die, welche so gut daran zu sein glauben, vor allem die mit
verborgener Hoffart, und unter dem Schein der Demut und in ihrer vernünftigen
Lebensweise: die gehören so recht unter Luzifers Banner. Und je höher sie ihre
Selbstzufriedenheit erhoben hat, um so tiefer stürzen sie in den Abgrund.
Meine Lieben! Seht euch vor! Es geht nicht um Kleinigkeiten. Müßtet ihr Nacht und
Tag in einer überheizten Stube liegen, das käme euch zu beschwerlich vor. Was soll
ich da sagen von einem Aufenthalt mitten in der Feuersglut, viele Jahre oder gar für
alle Ewigkeit?
Liebe Schwestern! Kehrt euch zu euch selber; denn "das Reich ist in euch". Schaut,
womit ihr umgeht und wo ihr mit all eurem Fleiß geblieben seid, und seht in euren
Grund und auf eure gewohnheitsmäßigen Neigungen. Denn wenn ein Mensch ein
oder zwei Jahre in einem Fehler verharrt, dann wurzelt der sich so tief im Menschen
ein, daß dieser ihn auch mit allem Fleiß kaum überwinden kann. Darum sollten junge
Leute sich mit allem Fleiß davor hüten, die Gebrechen in ihnen Wurzel fassen zu
lassen, und sollten sie gleich zu Beginn ausreißen; das wäre leicht, während es später
sehr schwerfiele.

2
Vgl. Anm. 2 zu Predigt 52.
Und vor allem soll man mit allem Fleiß vier Dinge in vier Kräften beachten, in deren
Bereich gar leicht und unmerklich schädliche, böse Haarbüschel wachsen. Das erste
ist die Freude an äußeren sinnlichen Dingen: die hat ihren Sitz in der Begehrlichkeit.
Die Menschen lassen sich gewöhnlich hier festhalten.
Wie schädlich das ist, vermag kein Mensch zu sagen. Alle, die gerne gut wären,
nehmen sich diese oder jene Übung vor und bleiben im · Bereich ihrer Sinne und
fern von der lauteren Wahrheit; sie kehren sich nicht in sich selbst, und ihr Inneres
bleibt ihnen verschlossen, als ob es ein ganz fremdes Ding wäre, tausend Meilen und
mehr entfernt. Aber äußere, sinnliche Dinge, die sind ihnen durchaus gegenwärtig,
und dabei bleiben sie und entfremden sich sich selbst, so daß sie nicht mehr wissen,
woran sie sind.
Die zweite Kraft ist die des Zornes, davon wird ein recht ungehöriger Gebrauch
gemacht. Sie sollte sich nicht nur auswirken bei Dingen, die Gott zuwider sind; denn
sie ist, an sich betrachtet, eine edle Kraft. Aber darin wachsen in manchen Menschen
gar schlimme Haare, daß sie mit Ungestüm über alles herfallen, und das in
ungeordneter Weise und unter dem falschen Schein der Gerechtigkeit. Sie wollen
alles besser haben: Menschen, Lebensweisen, Werke, und betrügen sich selber und
andere Leute mit ihrem Ungestüm, ihrem hartnäckigen Zorn, ihrer mangelnden
Gelassenheit, die sich in rügenden, harten, peinlichen, Arger erregenden Worten
kundtut.
Der dritte Fehler entspringt der Kraft der Vernunft; an ihr bleiben gar manche
Menschen auf schadenbringende Weise haften; sie verlassen sich auf ihre Vernunft,
dünken sich darin etwas Besonderes und verfehlen durch die Wahrheit der Vernunft
die lebendige und wesentliche Wahrheit. Denn damit, daß man die Wahrheit
erkennt, besitzt man sie noch nicht. Das machen sich manche Leute selbst vor und
glauben, sie besäßen die Wahrheit, wenn die Vernunft ihnen das vorspiegelt; und sie
ist ihnen doch hundert Meilen fern, und sie gehen auf solche Weise, indem sie sich
selbst und andere Leute täuschen, des edlen Schatzes verlustig, nämlich einer tief
versinkenden Demut.
Der vierte Schaden entsteht aus der inneren Lust des Geistes. Liebe Schwestern!
Dieser Fehler findet sich bei vielen Menschen. Sie lassen sich durch den guten Schein
betrügen: die Begierde zieht sie mehr an als die göttliche Liebe, und sie halten diese
Begierde für Gott; und was sie für Gott halten, das ist ihre Begehrlichkeit. Denn
verginge ihre Lust, so wäre es auch bald mit ihrem Eifer zu Ende.
Seht euch vor! Oft scheint manches Ding aus göttlicher Liebe zu stammen ; es hat
aber doch so manches an sich, das euer Vergnügen, euern Geschmack, eure
Empfindung mehr reizt, als man denkt; und es kommt bisweilen von einem neuen
Anreiz, einer neuen Neigung, aus der Furcht vor der Hölle oder dem Wunsch, selig
zu werden, wie es der Mensch von Natur aus begehrt.
Wisset: wo man Gott nicht im Sinn hat, erreicht man kein göttliches Ziel und
empfängt keinen göttlichen Lohn. - All diese Dinge, von denen ihr gehört habt,
müssen mit eifrigem, eisernem Fleiß abgeschoren werden.
Den Fleiß, das Schermesser soll man an dem strengen Urteil Gottes schärfen und an
seiner unerschütterlichen Gerechtigkeit, die kein Ding unbeachtet läßt.
Wenn nun diese äußeren groben Gebrechen abgeschoren sind, bleiben im Grund
der Neigung die Bilder der früheren Gewohnheit; die soll der Mensch vertreiben mit
Hilfe der lieblichen Vorbilder unseres Herrn Jesus Christus und soll die
Anhänglichkeit an jene Bilder durch die Anhänglichkeit an unseren Herrn (und
Heiland) ersetzen und soll dessen Vorbild so innerlich und mit so großer Andacht in
den Grund seiner Seele ziehen und einprägen, daß alle Ungleichheit (zwischen dem
göttlichen Vorbilde und uns) in unserem Grunde zunichte und ausgelöscht werde.
Da Gott sein Wort gegeben hat, daß ein Stein oder ein Kraut die Kraft haben sollten,
viele schwere Krankheiten zu heilen: wieviel mehr Macht, glaubt ihr wohl, hat der
lebendige Gottessohn, alle Krankheiten der Seele durch sein heiliges Vorbild, sein
Leiden und seinen bitteren Tod zu vertreiben?
Da also der Mensch von sich aus nichts vermag, soll er das ehrwürdige Leiden
(unseres Herrn) in der Form des Gebetes verehren, indem man sich innerlich dem
himmlischen Vater zu Füßen werfen und um seines geliebten Sohnes und eines jeden
besonderen Punktes seines Leidens willen ihn bitten soll, daß er uns helfe, denn ohne
ihn vermögen wir nichts. Man soll sich angewöhnen, das ehrwürdige Leiden und das
liebevolle Vorbild (unseres Herrn) nie aus dem Herzen zu verlieren, und sich davor
hüten, daß jemals ein fremdes Bild dort Platz finde. Und dann soll man seinen Grund
und seinen Geist zu der glorwürdigen hohen Gottheit erheben und sie mit großer,
demütiger Furcht und Selbstverleugnung betrachten. Wer so vor Gott seine dunkle,
elende Unkenntnis ausbreitet, der versteht, was Job spricht: "Der Geist ging vor mir
vorüber." Von diesem Vorübergang des Geistes entsteht in (der Seele des)
Menschen eine starke Bewegung. Je klarer, wahrer, unverhüllter dieser Vorübergang
ist, um so geschwinder, stärker, schneller, wahrer und lauterer ist das Werk, der
Antrieb, die Umkehr in diesem Menschen; um so deutlicher erkennt der Mensch
sein Zurückbleiben (auf dem Weg der Vervollkommnung).
Und dann kommt der Herr in einem geschwinden Augenblick und leuchtet in den
Grund und will da selber Werkmeister sein. Und wird man der Gegenwart des Herrn
gewahr, so soll man ihm freie Hand lassen und sich untätig verhalten, und alle Kräfte
sollen schweigen und (Gott) eine große Stille bereiten; in diesem Augenblick wäre
des Menschen Tätigkeit ein Hindernis (für Gottes Wirken), sogar seine guten
Gedanken.
Der Mensch aber soll nichts tun, als Gott gewähren zu lassen; wenn er jedoch dann
(wieder) sich selbst überlassen wird und Gottes 'Wirken in sich weder empfindet
noch erkennt, dann soll er selber in heiligem Fleiß wirken und seine frommen
Übungen (wieder) aufnehmen.
Und so soll der Mensch bisweilen wirken, bisweilen rasten, je nachdem er innerlich
von Gott getrieben und gemahnt wird, und ein jeglicher nach dem, was, wie er
empfindet, ihn am meisten zu Gott zieht, sei es im Wirken, sei es in der' Stille. Wer
nicht mit innerer (beschaulicher) Untätigkeit vorankommt, der versuche es in der
Wirksamkeit nach heiligen Vorbildern und Übungen, derart, daß man "in heiliger
Liebe“ verwurzelt und gegründet werde, damit ihr begreifen könnet mit allen
Heiligen, welches die Höhe, die Länge, die Tiefe und die Breite" sei, wie man (in der
Epistel) des heutigen Tages liest.
Liebe Schwestern. Das zu begreifen ist unmöglich; aber man muß daran hangen in
Liebe und mit lauterer Gesinnung; da soll der Geist sich in die über allem Sein
aufragende Höhe schwingen, alle niederen sinnlichen Dinge übersteigen und
betrachten, wie Gott, der doch alle Dinge kann, nicht imstande war, ein so edles
Geschöpf zu schaffen, das die hohe Seinsfülle seines (göttlichen) Seins mit seiner
natürlichen Erkenntniskraft erreichen oder ,erkennen konnte; denn die Tiefe des
göttlichen Abgrundes ist aller (menschlichen) Vernunft unerreichbar. Aber in diese
Tiefe wird man eindringen durch vertiefte Demut.
Darum verschwieg Unsere Liebe Frau all das große Gut, das Gott in sie gegossen
hatte, und sprach nur von ihrer grundlosen Demut, um derentwillen sie alle
Geschlechter seligpreisen sollten, "denn es hat dem Herrn gefallen, diese Niedrigkeit
anzusehen".
Was die Breite Gottes betriff, so soll der Mensch sie verstehen als die allgemeine
Liebe, durch die Gott sich gibt an allen Orten, in allen Landen, in jeglicher Art, in
allen guten Werken. Nichts ist so gerecht und so allgemein wie Gott, noch so nahe
unserem innersten Grunde: wer ihn dort suchen will, findet ihn da. Auch finden wir
ihn jeden Tag im heiligen Sakrament, in allen Gottesfreunden und in jeglichem
Geschöpf. Dieser Breite soll man mit fleißigem, innigem, ledigem Gemüt folgen,
unbehindert von allem anderen, und sich dem gegenwärtigen Gott mit allen Kräften
anheimgeben: da wird dem Menschen Freiheit des Geistes 'gegeben und eine
jegliches Sein übersteigende Gnade; der Geist erhebt sich (da) über alle Bilder und
Formen in einem Aufschwung über alle geschaffenen Dinge.
Hierzu sagt Sankt Gregorius: "Wenn wir zu einer Erkenntnis der unsichtbaren Dinge
kommen wollen, müssen wir uns über die sichtbaren erheben."
Die Länge (Gottes) endlich, das ist die Ewigkeit, die kein Vorher noch Nachher
kennt, denn es ist ein stilles, unwandelbares Jetzt, in dem alle Dinge gegenwärtig sind
in einem steten, unwandelbaren Anschauen Gottes seiner selbst und aller Dinge
Gegenwart in ihm: dieser "Länge Gottes" soll der Mensch mit stetem,
unwandelbarem Geiste folgen, mit einem unwandelbar in Gott versunkenen Geist
und sich getrösten der Liebe und des Leides und aller Geschöpfe, derart, daß man
sich in Gott getrösten könne, im Frieden bleibe und alles Gott überlasse.
Und so geht das edle Wort in Erfüllung: "Transite", (das bedeutet,) daß man sich
über alle Dinge erhebt. Und dies wird vollendet in der Geburt Gottes in uns. Der
liebevollen Jungfrau Maria sollen alle Menschen große Ehre erweisen, so sehr sie
immer können; und sollen ihr je eine abgemessene Zeit einräumen, um sie zu ehren
und ihr zu dienen. Könnten wir ihr nun alle so folgen, daß wir mit (den Früchten)
ihrer Geburt gesättigt würden.
Dazu helfe uns Gott.
AM E N.