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Jo h annes Tau ler Pr ed ig t 58

Diese Predigt vom Fest Kreuzerhöhung spricht von der geringen Achtung, die man dem
Kreuze unseres Herrn erweist, von der Bedeutung des häufigen Empfangens der hl.
Kommunion für den Fortschritt im Guten; sie zeigt, wie das Kreuz Christi, d. h. der
gekreuzigte Heiland in uns durch Überwindung unserer bösen Neigungen geboren werden
könne.
HEUTE IST DER TAG der Erhebung des heiligen Kreuzes, des liebevollen Kreuzes,
an dem das Heil der ganzen Welt aus Liebe gehangen hat. Durch das Kreuz sollen
wir erneuert werden in dem hohen Adel, den wir in der Ewigkeit besessen hatten;
dahin sollen wir aus der Liebe dieses Kreuzes wieder hineingeboren und getragen
werden. Die übergroße Würde dieses Kreuzes läßt sich nicht in Worten ausdrücken.
Nun hat unser Herr gesagt: „Wenn ich erhöht bin, werde ich alles an mich ziehen."
Er will sagen, daß er unsere irdischen Herzen, die von der Liebe zu den Geschöpfen
eingenommen sind, und unsere Lust und Befriedigung an irdischen Dingen sich
zuwenden und an sich ziehen will; und an sich ziehen will er den hoffärtigen, stolzen
Grund unserer Seele mit seiner Selbstgefälligkeit, mit seiner Liebe zu
vorübergehender Befriedigung unserer Sinnlichkeit, damit er so erhaben werde in
uns und groß in unserem Herzen; denn wem Gott je groß ward, dem sind alle
Geschöpfe klein, und vergängliche Dinge bedeuten ihm nichts.
Das liebevolle Kreuz ist der gekreuzigte Christus; er ist erhoben weit und
unvorstellbar über alle Heiligen und Engel und über all die Freude und Lust und
Seligkeit, die sie alle zusammen besitzen; und da seine rechte wesentliche Wohnstatt
im obersten Himmel ist, will ;er auch in dem wohnen, was (bei uns Menschen) das
oberste ist, das heißt in unserer obersten, innerlichsten, empfindendsten Liebe und
Gesinnung. Er will die niederen Kräfte in die oberen und diese mitsamt jenen in sich
selbst ziehen: Fügen wir uns dem, so wird er auch uns nach sich ziehen in seine
oberste und letzte Wohnstatt. Denn so muß es sein: sollen wir dahin kommen und
dort verbleiben, so muß ich ihn notwendigerweise hier in das Meine aufnehmen:
soviel ich ihm gebe, soviel wird er mir geben: das ist ein angemessener Tausch.
Aber acht Wie vergißt man doch dieses liebevolle Kreuz fast ganz, und wie wird ihm
der Grund (der menschlichen Seele) und ihr Innerstes so ganz verschlossen und
ihm (der Eintritt) verweigert durch die Hinneigung und die Liebe zu den
Geschöpfen, die leider in dieser betrüblichen Zeit unter geistlichen Leuten herrscht,
so sehr, daß deren Herzen mit den Geschöpfen verlorengehen. Meine Lieben! Das
ist die jammervollste Verblendung, die sich des Menschen Herz und seine Sinne
vorstellen können. Und wüßte man, was hernach kommt, welche Strafe, welcher
Zorn Gottes, man könnte vor Angst vergehen. Aber darum kümmert man sich nicht;
man läßt es gehen und duldet es, als' sei es ein Spiel. Es ist leider zur Gewohnheit
geworden, und man läßt es gut sein. Das Kreuz sollte ein Gegenstand des Ruhmes
sein, und es ist, als sei es ein Spott: darüber würden alle Heiligen, wenn sie es
könnten, blutige Tränen vergießen. Die Liebeswunden unseres Herrn werden von
diesem Jammer aufgerissen darum, daß das Herz, um das er sein liebevolles, junges,
blühendes Leben gegeben hat, und seine liebe heilige Seele ihm in so schändlicher
Weise genommen und er selbst so schmählich daraus vertrieben wird. Das soll Gott
immer geklagt sein! Möge Gott sich dessen erbarmen!
Denkt nicht, ich sage dies von mir aus, nein, die ganze Heilige Schrift sagt euch
dasselbe. Spricht nicht das Evangelium: niemand kann zwei Herren dienen; er wird
den einen lieben und den anderen hassen"; und ferner: "Wenn dein Auge dich zur
Sünde verführt, reiß es aus", und anderswo: "Wo dein Schatz ist, da ist dein Herz."
Sieh zu, wieviel deines Herzens Gott besitzt und ob er (wahrhaft) dein Schatz sei.
Sankt Augustinus sagt: "Wenn du die Erde liebst, bist du Erde, denn die Seele ist
mehr da, wo sie liebt, als wo sie Leben gibt." Und Sankt Paulus: "Wenn ich meinen
Leib den Flammen preisgäbe, wenn ich mit Menschen und Engelszungen redete,
wenn ich all meine Habe den Armen austeilte, hätte aber die Liebe nicht, so wäre ich
nichts."
Ihr solltet, meine lieben Schwestern, mit großer Dankbarkeit und in tätiger Liebe die
große Gnade aufnehmen, die Gott euch in diesem Orden durch den (häufigen)
Empfang des Leibes unseres Herrn gegeben hat. Und ich wünsche von ganzem
Herzen und ganzer Seele, daß diese liebevolle Übung nicht nachlasse in dieser
sorgenvollen Zeit und nicht einschlafe; denn die Natur kann heute nicht mehr so
feststehen, wie sie früher tat: entweder man muß Gott mit aller Kraft anhangen oder
gänzlich hinabstürzen.
So war es früher nicht. Und darum bedürfen die Menschen heute einer großen,
kräftigen Unterstützung, um vor diesem sorgen bringenden Sturz bewahrt zu
werden. Und glaubet nicht, daß man um großer, hoher Vollkommenheit willen
(häufig zum Tisch des Herrn gehen solle); nein, das ist notwendig (geworden)
wegen der verderblichen Schwäche des Menschen; der Kranke bedarf des Arztes;
der Gesunde -braucht ihn nicht. Es ist eine Hilfe und eine Kraft, um behütet und
bewahrt zu bleiben vor diesem sorgenvollen Sturz, der sich heute so sehr unter
geistlichen Leuten findet. Und darum soll niemand von ihnen sprechen, falls sie nicht
von großer Vollkommenheit sind oder große Werke vollbringen. Es genügt, daß sie
die heilige Regel beobachten wollen, soweit sie das vermögen, und daß sie die
Absicht haben, das zu tun; vermögen sie es aber nicht, daß sie sich davon befreien
lassen.
Man benötigt hierzu auch keines großen Verständnisses, sondern es ist durchaus
genug, daß sie es gerne recht und gut machten und daß die Augen ihnen so weit
geöffnet seien, um sich vor diesem todbringenden Schaden bewahren zu wollen,
und daß sie ihnen auf diese Weise offenbleiben. Und darum sollen unsere lieben
jungen Schwestern oft und gerne zum Tisch des Herrn gehen.
Nun aber will ich etwas zur Entschuldigung und Verteidigung unserer alten
Schwestern sagen: die sind in großer Heiligkeit in den Orden gekommen damals, als
es noch nicht so übel um die Menschen stand, und sie haben die Regeln und
Gesetze in großer, harter Strenge gehalten. Und weil sie die Vorschriften geliebt
und im Sinn gehabt haben, möchten sie auch gerne sie in alter guter Weise halten
und (nur) alle vierzehn Tage zum Tisch des Herrn gehen. Bei ihrer großen
Vollkommenheit und Frömmigkeit genügt das auch wohl; denn damals waren die
Zeiten besser und nicht so schädlich für die verdorbene Natur in den jungen Leuten,
denn sie neigen heute viel mehr zum Bösen, als es damals der Fall war. Darum ist
heute eine stärkere Hilfe nötig als damals, und ohne besondere Unterstützung kann
man sich in den höchsten guten Übungen nicht behaupten. Heute sinkt alles in den
Grund tierischer Lust, sinnlicher Begierden. Darum hüte dich vor der Gesellschaft
derer, die sich derart benehmen oder ebenso jung und schwach und aus demselben
Holz1 sind wie jene.
Darum, meine lieben Schwestern; meine lieben, teuren Töchter, verlange ich von
euch keine große Vollkommenheit noch Heiligkeit, sondern (nur) daß ihr euren
heiligen Orden liebt und danach strebt, die schönen Vorschriften zu halten, soweit
ihr (nur) könnt, daß ihr euer Schweigegebot gerne beachtet, überall da, wo es gilt,
und am allermeisten bei Tisch und im Chor, und daß ihr euch gerne hüten wollet vor
aller Menschen Vertraulichkeit, die euch Gott entfremdet. Die älteren unterließen es
aus heiliger Gesinnung, die jüngeren sollen es tun um ihrer Schwäche willen. Seid
dessen sicher: beachtet ihr dies in aller Andacht, so werdet ihr mit Gott vertraut, und
ihr entflieht all den Ursachen, die solchen Schaden, Verderbnis des Herzens, mit sich
führen. Wißt, daß unerträgliches Leiden über etliche Klöster gekommen ist. Und
hätten sie jene liebevolle Übung vordem nicht fleißig beachtet, so hätten sie wohl
zugrunde gehen können.
Und empfindet ihr, meine lieben Schwestern, in dem heiligen Mahl nicht Süßigkeit,
so erschreckt darob nicht. Tut der Mensch sein Mögliches und ist dann innerlich
verlassen, wenn alle Kräfte nach Gott begehren und er ganz gelassen ist und danach
dürstet, Gott empfindend zu lieben, und er (dennoch) in dunkler, kalter Härte steht -
so ist das mehr als das Verkosten und Empfinden, das man haben mag.

1
Vetter 233,15 wörtlich: .desselben Leders· durch eine zeitgemäße Wendung ersetzt.
Meine Lieben! Dieses Kreuz geht über alle Kreuze, die man erleiden kann. Dieses
bittere Leid trägt den Menschen näher in den Grund der lebendigen Wahrheit als
alles Empfinden. Unser Herr sprach: "Mein Gott, warum hast du mich verlassen?"
und am Ölberg: "Herr, dein Wille geschehe, nicht der meine!"
Liebe Schwestern, fürchtet euch nicht. Unser Herr sprach: "Die mir nachfolgen
wollen, sollen ihr Kreuz aufnehmen und mir folgen."
Dieses Kreuz ist der gekreuzigte Heiland. Der soll und muß (in uns) geboren werden
durch alle Kräfte hindurch, Vernunft, Wille, den äußeren Menschen, die Sinne, vor
allem durch die folgenden vier:
Die erste ist die äußere Begehrlichkeit: da muß das Kreuz hindurch, um geboren zu
werden. Sankt Paulus sprach: "Die Gott gehören, haben ihr Fleisch mit all seinen
Lüsten ans Kreuz geschlagen." Diese Lüste müssen gezähmt und niedergehalten
werden.
Die zweite Kraft ist der Zorn. (Man muß dahin kommen,) daß man sich in allen
Dingen lassen kann und stets denken, daß ein anderer mehr recht habe als man
selbst, und nicht streiten und zanken, sondern lernen, sich zu lassen, und stille sein
und gütig, woher der Wind auch weht.
Ein Mensch befindet sich in einer Versammlung, und da sind einige, die schwätzen
und kaum je den Mund halten können. Da sollst du lernen, dich zu lassen, zu leiden
und dich auf dich selbst zu kehren. Wollte ein Mensch eine Kunst verstehen und sie
nicht lernen; wollte er Fechtmeister werden und nicht fechten lernen, so könnte er
großen Schaden anrichten, wollte er die Kunst ausüben, ohne sie gelernt zu haben.
So muß man in jeglicher Widerwärtigkeit streiten lernen.
Die bei den anderen Kräfte, durch die das Kreuz hindurch muß, um (in uns)
geboren zu werden, sind von feinerer Beschaffenheit: es ist die Vernunft, und ,es sind
die inneren geistigen Begierden. Kurz, durch den äußeren und inneren Menschen
(hindurch gehend) wird der gar liebevolle, gekreuzigte Heiland in uns und außer uns
geboren werden; und so werden wir wiedergeboren in der Frucht seines Geistes, wie
geschrieben steht: "Ihr werdet sein wie neugeborene Kinder."
Liebe Schwestern, lebt ihr so, dann habt ihr alle Tage Kirchweihe in euch, und in
dieser Geburt des heiligen Kreuzes werden euch alle eure Sünden ganz vergeben.
Daß wir dem liebevollen Kreuz, das Christus (selbst) ist, so anhangen mögen, daß er
ohne Unterlaß in uns neu geboren werde, dazu helfe uns Gott.

AM E N.