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Johannes Tauler Predigt 60

Die dritte Predigt vom heiligen Kreuz1 spricht von einem aus vier Holzstücken gezimmerten
Kreuz. Diese vier Holzstücke versinnbilden vier Tugenden: die Liebe zu Gott, tiefe Demut,
innere Reinheit und vollkommenen Gehorsam.
WIR BEGEHEN HEUTE den Tag der Erhöhung des edlen, liebenswerten Kreuzes,
dessen Wert niemand vollends ausdenken kann. Auf dieses edle Kreuz kann man die
Worte anwenden, die im Buch der Weisheit stehen: "Quasi cedrus „ Ich bin erhöht
wie die Zeder auf dem Libanon und wie eine Zypresse auf dem Berge Sion." "Auf dem
Libanon": darunter sollen wir den Weihrauch verstehen (der dort wächst), und der
versinnbildet ein göttliches, geistliches Opfer; wir sollen darunter verstehen, daß wir
Gott ein besonderes Opfer sein sollen. Der Duft des Zedernbaumes (aber) macht das
Gift der Schlange unschädlich: so wird auch durch das Kreuzesholz alles Gift des
bösen Feindes, der giftigen Schlange, in all ihrer Heimtücke unschädlich gemacht. An
jener Stelle heißt es weiter: "Ich bin erhöht wie die Zypresse auf dem Berge Sion." Die
Zypresse aber hat die Eigenschaft: wer Nahrung nicht bei sich behalten kann, wird von
diesem übel befreit, wenn er das Holz der Zypresse zu sich nimmt.
Der (tiefere) Sinn aber ist dieser: wer das Kreuz aufnimmt und trägt, dem bleibt die
edle Speise des Gotteswortes erhalten, das Heilige und Propheten gesprochen haben;
derart, daß das Wort Gottes unverloren bleibt in dem Menschen, der es bereitwillig
aufnimmt, und es wirkt (in ihm) zu seinem Besten: denn der edle Duft zieht an und
kräftigt; so geht auch von diesem Gotteskreuz ein edler Duft aus, der allen Wohlgeruch
übersteigt und das Menschenherz zum Kreuz hinzieht, wie (ja) unser Herr sprach:
"Wenn ich erhöht bin, werde ich alles an mich ziehen."
So wie er mittels dieses Kreuzes, an dem er erhöht werden sollte, (alles an sich zieht,)
so wollte er alle Menschen durch Demut, Geduld und Liebe an sich ziehen; denn so
wie er gelitten hat, sollen wir ihm folgen nach dem Maß unserer Kräfte, um so auf
geistige Weise gefangen und gebunden zu werden. Unser Herr wurde so nackt und
bloß an das Kreuz geschlagen, daß ihm nichts von seiner Bekleidung am Leibe
verblieb, und vor seinen Augen (würfelten die Soldaten) um seine Kleider. Sei dessen
gewiß: willst du jemals zur Vollkommenheit gelangen, so mußt du alles dessen
entblößt sein, was nicht Gott ist; du darfst nichts davon zurückbehalten; das muß alles
verspielt und vernichtet werden und (dieses Spiel) anderen Menschen ein Gegenstand
des Spottes sein (und ihnen) als Torheit und Narrheit erscheinen.

1
Diese „Kreuzpredigt" ist nach Corin, Wi 2, S. 299 ff. übersetzt.
Unser Herr sprach: "Wer zu mir kommen will, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir
nach"; und so sagte er auch dem Jüngling: "Willst du vollkommen werden, verkaufe,
was du hast, nimm dein Kreuz auf dich, und folge mir nach." Du sollst also Kreuzträger
sein. In der Geheimen Offenbarung lesen wir, daß große, unsägliche Plagen (über die
Menschheit) kommen werden, nicht viel geringer als die des Jüngsten Gerichtes,
obwohl dieses noch nicht da ist. Die Zeit der Geschichte, auf die sich diese Vorhersage
bezieht, ist erfüllt; wir warten auf sie alle Tage, alle Jahre, jeden Augenblick und wissen
nicht, wann diese Plagen eintreten und von wannen sie kommen werden. Aber
niemand wird gerettet werden, der nicht, das Zeichen des Kreuzes an sich trägt.
Als unser Herr dem Engel Erlaubnis gab, alles, was auf Erden war, zu schlagen und zu
vernichten, sprach er: "Du, sollst nur derer schonen, die das Siegel, das heißt das
Zeichen des Kreuzes, auf ihrer Stirn tragen. " Wer aber das Kreuz nicht in sich noch auf
der Stirne trägt, dessen wird nicht geschont. Kreuz aber bedeutet Leiden. Nicht die
Gelehrten, nicht die Beschaulichen noch die Tätigen werden geschont werden,
sondern die Leid getragen haben. Unser Herr sagt auch nicht: »Wer mir nachfolgen
will, soll mir, will er zu mir gelangen, in beschaulicher Betrachtung folgen", sondern:
"Er soll mir folgen, indem er sich selbst verläßt und leidet."
Wer (aber) das Kreuz, von dem ich jetzt sprechen werde, auf sich nimmt, wird der
allerbeste Mensch auf Erden; keine Plage kann ihm schaden, ja die ganze Welt nicht,
und er wird auch nicht ins Fegefeuer kommen. Es ist (dabei) nicht die Rede von
(besonders) großen Leiden; denn es ist (heute) leider so, daß die Menschen glauben,
große Leiden nicht mehr ertragen zu können; sie sind schwach geworden, und leider
ist der Eifer und die Festigkeit der früheren Zeiten erkaltet und erloschen, und
niemand will sich mehr etwas sauer werden lassen.
Vermöchten wir nur einen Weg zu finden, der niemandem schwerfiele, den könnten
wir wohl vorschlagen, und ohne Zweifel würde der eine oder andere ihn einschlagen;
denn zu viele Menschen lieben sich selbst. Dabei handelt es sich nicht um Kniefälle
und Fasten, nicht um den Entzug des Schlafes oder Liegen auf harter Bettstatt, um
Wallfahrten, große Almosen, (freiwillige) Armut, nichts von alledem; doch dient dies
alles dem (gesetzten) Ziel, als da ist: Fasten, Wachen, jegliche sonstige Übung; und
alles, was du in diesen verschiedenen Übungsweisen tust, kann dir dienlich sein und
dich dem Ziel näher bringen. Für das, was ich meine, ist (jedoch) niemand zu schwach,
zu alt oder zu unerfahren, nämlich: dieses edle Kreuz auf sich zu nehmen.
Dieses Kreuz setzt sich aus vier Stücken Holzes zusammen: eines oben, eines unten,
zwei nach den bei den Seiten.
Der obere Teil bedeutet die wahre Liebe zu Gott, der linke Balken tiefe Demut; an ihn
wird ein Mensch geheftet mittels der Geringschätzung seiner selbst und aller Dinge,
die ihm zufallen können2. Das bedeutet mehr als Verachtung, denn dieser wohnt (gar
leicht) ein wenig geheime Hoffart bei. Der rechte Kreuzesarm mag wahre Lauterkeit
bedeuten; an ihn wird man geheftet durch rechte, bereitwillig (ertragene) Armut,
durch Entäußerung alles dessen, was die Lauterkeit beflecken oder trüben könnte das
sei auf Erden, was immer es sei. Der Fußteil, an den die Füße geheftet sind,
versinnbildet wahren, vollkommenen Gehorsam: Der bedeutet wahre, willige
Gelassenheit gegenüber alldem, womit du verbunden bist und was du besitzest nach
eigenem Willen. Was das immer auch sein mag, überlasse dich (Gott) ohne Zaudern,
sobald du dein eigen Ich darin findest. Die Hölzer des (Kreuzes) werden in der Mitte
zusamenengefaßt durch „fiat voluntas tua", das heißt, da ein Holzstück in das andere
eingefalzt wird, ein wahres und vollkommenes Ende deines eigenen Willens; eine
wahre Beseitigung, ein wahrer Fortfall des freien Entschlusses.
Nun amtet zum ersten darauf, wie ihr die Bedeutung der linken Hand, die die Demut
versinnbildet, verstehen sollt! Sankt Augustinus sprach: »Wer in Demut wandelt wird
im Leiden gerettet." Wisset, der. Mensch muß in seinem Gemüt und in aller Menschen
Augen ganz zunichte werden, er muß entblößt werden von allem Inhalt und von allem,
was er ist; und das muß vor seinen Augen verspielt werden, wie unserem Herrn
geschah. Das heißt: du mußt in solchem Grad verspottet und verachtet werden, dein
Leben in solchem Maß verkannt und für Torheit gehalten werden, daß die, welche
dich umgeben, dich mit Schmach bedecken, und das vor deinem Angesicht, daß sie
deine Lebensweise für Irrung oder Ketzerei halten und sie hassen. Erfährst du davon
oder siehst du es, so sollst du ihre Haltung nicht für nichts achten, indem du denkst
oder (zu dir selbst) sagst: "Da wird schon Abhilfe geschaffen werden; das ist nun
einmal so ein Mensch", oder aber: "Mir geschieht von ihm Unrecht", sondern du sollst
denken; daß du niemals würdig seiest der Verachtung eines so edlen Menschen, und
du sollst dich neigen und unter seine Meinung (von dir) beugen und ihr (sonst) keine
Aufmerksamkeit schenken. Die rechte Hand bedeutet die wahrhafte Lauterkeit, sie ist
in das Kreuz geheftet durch bereitwillige Entbehrung all der Dinge, die nicht lauter
Gott sind, und alles dessen, was die Lauterkeit beflecken kann, aller Sinnenlust.
Der Fuß des Kreuzes bedeutet wahren Gehorsam gegenüber Obrigkeit und Kirche;
hier sind die Füße ans Kreuz geheftet mittels der Gelassenheit, dank deren man sich
bereitwillig (Gott über)lassen kann in jeglicher Sache.
Das Mittelstück versinnbildet einen freien Verzicht und ein wahres Ende deines
eigenen Willens, die dich bereitwillig jedes Leid annehmen lassen, das dir Gott und die

2
Unter Heranziehung von Hambergers Ausgabe (Frankfurt a. M. 1864).
Menschen auferlegen, daß du dich dessen freuen kannst und dich beugen unter das
Kreuz. Du könntest mir sagen:
"Herr, das kann ich nicht; dazu bin ich zu schwach!" Du mußt dir Rechenschaft
darüber ablegen, daß du zweierlei Willen hast, einen höheren und einen niederen, ganz
wie Christus auch. Der natürliche, niedere will allzeit Leid fliehen; der höhere aber soll
mit Christus sprechen: "Nicht wie ich will, sondern wie du willst."
Der Kopfteil (des Kreuzes) versinnbildet die Liebe. Christus hatte keine Stütze,
worauf er sein Haupt hätte ruhen lassen können, so sehr verlassen war er, trostlos,
ohne Freunde, hilflos. Er hatte keine Stütze, sondern nichts als ein Verlieren und
Verlassensein von Gott und allen Geschöpfen; daher seine Worte: "Mein Gott, mein
Gott, wie hast du mich verlassen!" Sein Haupt war ohne jegliche Stütze. Wenn ein
Mensch die Liebe hätte, wenn er Gottes wahrnähme und in jenen Zustand der
Gottergebenheit gelangen könnte und empfände jenen Zustand trostloser
Verlassenheit, was könnte ihn denn noch in Verwirrung bringen? Ein tugendhafter
Mensch fragte einst unseren Herrn, warum er seine Freunde so schrecklich leiden
lasse; er erhielt die Antwort: "Der Mensch ist allzeit geneigt, dem sinnlichen
Vergnügen nachzugeben und gefahrbringender Befriedigung; darum streue ich
Dornen auf seinen weg, damit er in mir seine einzige Befriedigung sehe." Der Kopf, der
die Liebe versinnbildet, hing hernieder, da er keine Stütze fand.
Meine Lieben! Es kann nicht anders sein, man drehe und wende es, wie man wolle: der
Mensch muß ein Kreuz tragen, will er anders ein guter Mensch werden und zu Gott
gelangen. So muß er immer leiden, er muß immer ein Kreuz tragen, welcher Art es
auch sei; flieht er das eine, so trifft er auf ein anderes. Der Mensch ward noch nicht
geboren, dessen schöne Worte dir es hätten ausreden können, daß du leiden müßest3
Fliehe, wohin du willst; tu, was du willst; es mag eine Weile wohl so scheinen, daß Gott
seine gütige Schulter unter dein Kreuz schiebt, die Bürde an dem schwersten Teil trägt
und sich empfinden und wahrnehmen läßt und dir die Schwere deiner Bürde verbirgt.
Ach, ihr Lieben, da fühlt sich der Mensch so frei und leicht; ihm dünkt nicht, daß er
jetzt leide, noch daß er je gelitten habe; und er weiß dann um kein Leiden mehr. Zieht
aber Gott seine Unterstützung zurück, so bleibt (dem Menschen) die Bürde in ihrer
ganzen Schwere, ganzen Bitternis und ihrer ganzen drückenden Last. Christus hat
solche Last uns vorangetragen unter der beschwerlichsten Form und der
schmerzlichsten Weise; und alle; die ihm die liebsten waren, sind ihm darin gefolgt.
Dieses Kreuz, das ist der feurige Wagen, der Elias zum Himmel führte, nachdem er
seinen Mantel dem Elisäus zurückgelassen hatte.

3
Dieser Satz erinnert an die Lehre der sog. .freien Geister", die in der .Passionskollazie" (Hildesheimer Hs.: Hi Nr. 17)
abgewiesen wird.
Und hört ein Gleichnis: Es war (einmal) eine Schwester unseres Ordens, die hatte
immer und immer wieder vom Herrn begehrt, er möge sich ihr als Kind zeigen; da
erschien ihr einst während ihrer Andacht unser Herr als kleines Kind, gewickelt und
gebunden in eine Fülle scharfer Dornen, so daß sie das Kind nicht (in die Arme)
nehmen konnte, ohne tapfer in die spitzen Dornen zu greifen. Auf solche Weise wurde
ihr zu verstehen gegeben: wer dieses Kind sein eigen nennen wolle, der müsse sich
entschließen, Leid zu tragen. Nun sagen manche Leute: "Ja, wäre ich so rein und
unschuldig, daß ich mit meinen Sünden (diese Leiden) nicht verdient hätte, so
könnten sie mir wohl von Nutzen sein." Dazu ist zu sagen: Ein schuldiger und sündiger
Mensch kann in der Weise leiden, wie ich gesagt habe, und zwar so, daß seine Leiden
ihm vorteilhafter, nützlicher, lohnender sind als manchem, der unschuldig ist.
Aber wie? Es ist wie bei einem Menschen, der einen großen Sprung tun will; er springt
zuerst zurück; davon gewinnt er Raum (zum Anlauf) und Kraft, mit Macht nach vorne
zu springen. So soll der Mensch sich für sündig achten und sich zurückziehen (zum
Anlauf); und je weiter er zurücktritt, um so stärker und tiefer wird sein Sprung ihn in
Gott tragen. Je mehr er sich fernhält und je mehr er sich (von der Vollkommenheit)
entfernt achtet, in Wahrheit und im Grunde seiner Seele, nicht in eitlem Fühlen,
sondern wahrhaftig und von Grund seines Herzens, um so weiter wird er wahrlich
nach vorne springen, um so vollkommener und tiefer wird sein Sprung ihn in Gott
tragen.
Möchten wir alle von dem Kreuz so angezogen werden, daß wir unser (eigenes) Kreuz
mit Liebe und Freude tragen.
Dazu helfe ,uns Gott.
AMEN