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WOZ Die Wochenzeitung - Sachbuch Seite 1 von 3

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<rUtrer Marx hinaus>>

Mit Marx aufs weite Meer


\"on \lischa sutcr'

Ein Sammelband mit Positionen von den unorthodoxen Rändern des Mar xismus kommt zum
Marx analysierte die Logik des Kapitals, aber kaum die Situatiore arbeitender Leute.
Schluss:

Es ist nicht lange heq da haben viele Bücher bang geftagl was noch übrig bleibe von marxi:.stischen Perspekliven. Übrig
btieb aufjeden Fall Marx' Problemstellung: die Widersprüche des Kapitalismus. Heute steckt der in der Krise, und die halbe
Welt spricht deshalb von einer Rückkehr zu Marx. Nur: zu welchem Marx? Und zu was für einem Theoriegebäude?

Als Karl Marx I 867 den ersten Band des <Kapitals> veröffentlicht hatte, lief etwas schief. ;'leine Kritik der politischen
Ökonomie war auf sechs Bände angelegl. Nach dem Buch über das Kapital plante er je einr.:s zur Lohnarbeiq zum
Grundeigentum, zum Staat zum auswärtigen Handel und zum Weltmarkt. Aber schon die \y'ollendung des nächsten
Teilbands des ersten Buchs zögerte Marx immer wieder hinaus..weil er angesichts der Wirt schaftskrise der l870er Jahre
seine Hypothesen überprüfen und erweitem wollte: das Theoriewerk als Buch in Echtzeit. Ä larx' Wettlauf gegen die Zeit
endete im rasenden Stillstand. Die Bände zwei und drei erschienen erst nach seinem Tod, hrerausgegeben von Friedrich
Engels, der als Einziger die handschriftlichen Notizen lesen konnte. <Das Kapital> ist der g ewaltige Torso aus dem Nachlass
9^i11e-sprgkari-ric^rf e.rr-P.rtxa!ts^te.hr.tc;rr.

Das heisst nicht, dass hinter der fragmentarischen Aufzeichnung keine zusammenhängende Theorie steckte. Doch ist <Das
Kapitabr gerade für unorthodoxe Marxistlnnen Anlass zum Weiterdenken gewesen. Die So.:zialhistoriker Marcel van der
Linden und Karl Heinz Roth lügen Sich nicht einläch in die herrschende Marx-Rendissance . Für sie bedeutet von Marx
auszugehen vielmehr. <über Marx hinaus>zugehen, wie ein jetzt von ihnen herausgegebene r Sammelband heisst.

Erfrisc,he,nde*rd.iläernssen
Umrahmt von einem Problemaufriss und einer Bilanz, wird in achtzehn Beiträgen Marx als Startpunkt der Überlegungen
3enommerL wird seine Theorie inspiziert und geschichtlich situiert. Die Herausgeber hatter:r ihre Anfragen 2007, also noch
,su: Arulurullr,4r.:l altlrJ]r,K-d..J:,,.r..rsanrll".f!e-Brifräg',ntrrnrvr,stammr.t.?tr;,lro.tiaksrarü' ke]ro.Vrrimlrargul'nar.h,1'(X&'.
Manche kommen aus der neuen Frauenbewegung; andere sind geprägt vom Operaismus, eirner mit den italienischen
Fabrikkämpfen der I 960er Jahre entstandenen sozialen Bervegung, welche die Subjektivitäl- und die Handlungsmacht der
Arbeiterlnnen ins Zentrum stellte. Wieder andere betreiben eine vom englischen Sozialhistt rriker Edward P. Thompson
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lelbstbewusste Behauptung der Herausgeber überrissen ist, hier werde (mit ganz wenigen l\bstrichen) eine Gesamtschau des
richtorthodoxen Marxismus vorgelegt.

Mit dem <Kapital> steht ein Teil fürs Ganze. Damit bildete Marx' Hauptwerk nur eine Seit(.: des Gegensatzes kapitalistischer
Gesellschaften ab, finden die Herausgeber des Sammelbandes. Das <Kapitab> handelt im w*'esentlichen von, nuq dem
Kapital und nicht von arbeitenden Leuten. Zwar kommen dmin Arbeiterlnnen vor, in quelle 'ngesättigten Fusmoten und als
schemenhafte Gestalten, die mit der Arbeitskraft ihre Haut verkauft und in der Fabrik nicht:; anderes zu erwarten haben als
rdie Gerberei>r, wie es im ersten Band heisst. Aber Marx, so die Herausgeber, habe die Vie ltält und Widersprüchlichkeit der
Lebenslagen und Ausbeutungssituationen von Arbeiterlnnen nicht zum Ausdruck gebracht-

?.tlh.'rnrlr.r.irrdt"r Undnr'rrrrrfor.in!r',trrshrJlrrgvgur.t;nohroslhn'arl*c Arllhnrsrnrg'rtnr'üYi fr{rhtrfßirnnn;rldn*ll,'liaenen'


bestimmten Segment eine privilegierte Rolle zuschreibl. Sie sprechen von <Arbeitsgeschictrte> als der Geschichte
wandelbareg aktiver Tätigkeiten, statt vom (prototypisch miinnlichen) <freien Lohnarbeiter: r, der seine Ware Arbeits kraft
auf dem Markt verkauft. So gehört die von Frauen geleistete Reproduktionsarbeit ebenso zr r Arbeitsgeschichte wie die
:rbsrige Spannörerte unrferbr ArÖerl olb von SRrhvereiriöer Scrlur'oltnecrlrscdartuno'r(onfraii*erddltht3se Ör's zur

Kinderarbeit reicht.

Eine solche Arbeitsgeschichte entgrenzt Prozesse der Proletarisierungräumlich.-zeitlich un,d begrilflich. Das entstehende
Proletariat lässt sich in vorindustriellen Epochen finden. Der Blick wird dabei auf die ganze, Welt und ihre Meere geweitet
Hierhin, auf die europ?üschen Kriegsschiffe des 18. Jahrhunderts, verschlug es etwa landlos e junge Männer, als das

http://www.woz.ch/artikeVprint_1 9I 25.html 31.03.2010


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3emeindeland eingehegt wurde. Krieg und Gewalt waren nicht allein zur Unterwerfung derr: Bevölkerung in neue
Produktionsverhiiltnisse zentral. Sondem die Gewalt selbst war <eine ökonomische Potenz r (Marx), ein Wirtschaftssektor,
ler den Kapitalismus anschob. Diese Perspektive lässt an weitere neuere Forschungen ankrrüpt-en, welche die Rolle von
3ewaltmärkten hervorheben. Doch die Ozeane eröffneten auch Horizonte proletarischer So,lidarität über Herkunfts- und
vormalige Statusgrenzen hinweg. Ideen und Kampfformen zirkulierten zwischen den Konti nenten. Und zudem bewegte sich
auf den Meeren ein Strom von Menschen in die Neue Welt zunächst versklavt, später getrireben von den Verhältnissen: die
irische Hungersnot der I 840er Jahre. die Verelendung italienischer Bäuerlnnen, die Flucht r :ussischer Jüdlnnen vor
"lllskriminierury'rrnj-Prgromen -H.eure-schties"stictl-L\rdieJ-röasts9imenmig:ratronrler-Indr-rstri,qEeschichre-im Gatg'. wenn
iber hundert Millionen chinesische Wanderarbeiterlnneq vor allem junge Fraueq in die In dustriestädte der Südküste
ziehen. Der globale Prozess eines sich immer wieder neu formierenden Proletariats nimmt l<ein Ende. Die Herausgeber
;chreiben deshalb von einem <<Multiversum> der Arbeiterlnnenklasse.

Die Logik der Revolten


Marx selbst verfolgte dabei einen hozess mit, der seine Theorie tief geprägt hat: das Ende <Jer europiüschen Brotunruhen in
den 1840er Jahren. Ahlrich Meyer betont in seinem Beitrag, dass Marx' Theorie die Logik rCer nsozialen Forderungen von
unten> nicht erfassen konnte. In den Hungerrevolten setzten die Massen <gerechte> Preise ,fest. Damit forderten sie ein
Recht auf Existenz ein, das direlrt mit den Marktgesetzen kollidierte. ln Marx' Modell aber bestritt der (mäinnlich gedachte)
Arbeiter sein Leben komplett unter Marktbedingungen. Marx war blind für die von Frauen geleistete Reproduktionsarbeit,
für Formen der Familien' und Subsistenzökonomie: Bei ihm geschah Reproduktion allein cillurch das Kapitalverhältnis.

Doch zugleich nahm er mit seiner theoretischen Unterwerfung der Arbeiterlnnen unter das lKapital etwas vorweg.
Tatsächlich war nach den gescheiterten Revolutionen von I 848 auch die Zeit der Hungerreryolten in Europa vorbei. Dies
hatte, sagt Meyer, wieder Rückwirkungen auf Marx' Theoriebildung: <Das Pathos einer Th eorie der Revolution war der
nüchtemen Anatomie der bülgerlichen Gesellschaftgewichen.n Im <K4oita.l> hat Marx die Moderne beJrifflich sezierf
rhne der revolutionären Subjektivität einen systematischen Platz einzuräumen. Aber die Hr rngerrevolten kehren in
;pätmodernen Verhältnissen rvieder: für Brot, Reis oder Benzin. wie 2008 in Agl,pteir, Hail .i und Bangladesch.

Dte AuSdtenöung öerReproörirrronsarodit'ndt öerlrlarxrsmus von öer'dürgeffrdnenGesdnle :driterorönung iioemommen.


Heute wird die Pflegearbeit viel diskutiert, stets aber als reiner Kostenfaktor behandelt oder als unbezahlte Hausarbeit
abg€wertet. Silvia Federici, feministische Philosophin aus der Lohn-für-Hausarbeit-Bewegr.mg der l970er Jahre, erläutert
dies in einem Artikel über Altenpflege und die Grenzen des Marxismus. Pflege- und Sorgearrbeit als entstofflicht
rimmaterielle> oder <allbllive> Arbeit zu verstehen, wie es heute manche Denkerlnnen tur r, würde nicht über dibse Grenzen
rinausgehen. Denn die Reproduktionsarbeit verlange ein umfassendes Sicheinlassen, das el.ren nicht (immaterielb genannt
werden könne, sondern eine grundlegende Verbindung emotionaler und körperlicher Aspekte beinhalte. Für Federici gilt das
ruch in der politischen Arbeit: Sie vertritt die Position, dass eine politische Bewegung. die keine Antworten auf die Fragen
der Reproduktion finde! let*lich sich selbst - politisch - nicht reproduzieren wird und zumr Scheitem verurteilt ist.
Federicis Beitrag ist ein gutes Beispiet, wie Überlegungen, die zum Teil vor Jahrzehnten an gestellt wurden, eine heutige
Debatte bereichern können.

Auch DetlefHartrnanns Text entzündet sich an einer akiuellen Auseinandersetzung. Alhan d des Streiks der Flugzeug-
Catering-Firma (und Ex-Swissair-Tochter) Gate Gourmet von2007 zeig! er, wie Arbeiterlnrrnen sich gegen den
unternehmerischen Griffnach ihrer Subjektivität wehren. Herz und Verstand sind in der so|lenarmten Wissensgesellschaft
versttirkt zu Schauplätzen des Klassenkampfs geworden. Um diese Kämpfe zu erfassen, hil ft ein tätiger Begriff von
Erfahrung von einem alltäglichen Wissen in den informatisierten Kreisläufen des heutigen Kapitalismus.

Für die Kämpfe von heute


Solche Bezüge auf aktuelle Praxis bleiben in dem Buch aber die Ausnahme. Besonders deu tlich wird das im Beitrag von
Maria Mies. Es ist ein eigentlich erhellender Rückblick auf die feministische These der Har rsfrauisierung der Arbeit, der
rber um die Jahrtausendwende geschrieben und kaum überarbeitet wurde- Das heisst nicht, dass die grundsätzlichen
Überlegungen veraltet sind. im Gegenteil. Aber Mies bezieht ihre Ausführungen direkt auf die
Antiglobalisierungsbewegung der l990er Jahre, in der sie die neuste und eine entscheidendre Entwicklmg sieht. Das geht an
der ryklischen Dynamik sozialer Bewegungen vorbei: <Seattle> war vor elf Jahren und auc:h die Zeit der Sozialforen
scheint vorüber zu sein. Das Problem sind nicht überholte Begdffe, sondern vielmehr, sich damit in hier und heute
statffindende Auseinandersetzungen vorzrwagen. Da wird es rasch sehr blass. So sieht Carl o Vercellone mit viel Theorie
reute den <kognitiven Kapitalismus> am Werk - und endet mit der sozialdemokratischen F orderung nach einer
3emeinsamen Rückkehr zum Wohlfahrtsstaat.

Dnrt4nurh,'rrtn'ln:iThetlre,'{in,dr"<Jl{trkzr.rEl(ä3ßrD?+erargü?'wdJ',rnrg:mrDzr{td,ra.:tcätxi"ra
Er sei hier trotzdem riskiert: Aufs Ganze gesehen gibt das Buch wenig begriffliche Instrum(,]nte an "widfain"?nßnJo!1{intgvr,.
die Hand. trs liefert
kaleidoskopische Einblicke und gerade in den geschichtlichen Texten enorm interessante Errweiterungen. Eine Summe
entsteht daraus aber nicht. So gesehen könnte man sagen, dass die Autorlnnen zwar alle übr:r Marx hinausgehen, aber kaum
liüer rilre erigenen Posrhbnen o1b srb vor zwanzig, mancdmaf vor riöer cterbsr! l'aÄren enßvlicrtertrladen. r?as macdf olb
Aufsatzsammlung zu grossen Teilen selbst zu einem historischen Dokument, was völlig leg."itim ist. Aber es lässt jene, die
Marx - oder einen bestimmten Ztgang zu Marx - als <Wetzstein> (so Ben Diettrich in sein em Beitrag) für die Käimpfe der
Gegenwart nutzen wollen, etwas ratlos zurück.

Das hängt damit zusammerL dass in diesem Buch über das globale Proletariat kaum etwas v,om Multiversum und dessen
politischen Formen steht. Man liest fast nichts von Programmen, Strategien oder Organisati onsvorschlägen. Dabei sind es

http:/lwww.woz.ch/artikeyprint_l 9 125 .html 31.03.2010


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vor allem auch solche kollektiven Artikulationerl die das, was man <Marxismuu nennen k.anrl zu einer Einheit von Theorie
md Praxis machen, an der Abermillionen kämpfender Frauen, Männer und Jugendlicher aw:f der ganzen Welt teilnehmen.

<<Über Marx hinaus. Arbeitsgeschichte und Arbeitsbegriffin der Konfrontation mit rden $obalen
Arbeitsverhältnissen des 21. Jahrhunderts>

Autorln: Roth, Karl Heinz (Hrsg.) / van der Linden, Marcel (I{rsg.)
Verlag: Verlag Assoziation A Berlin und Hamburg 2009
Seiten, Preis: 608 Seiien. Fr.49.90

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