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Jo h annes Tau ler Pr ed ig t 61

Diese Predigt aus dem Brief des heiligen Paulus vom fünfzehnten Sonntag (nach
Dreifaltigkeit) spricht von dreierlei Arten des Lebenswandels: die erste (besteht darin), daß
wir uns nicht im Zorn gehenlassen, die zweite, daß wir dem Vorbild Christi in allen
Tugenden folgen, die dritte, daß wir die dunklen Wege, auf denen uns weder Bild noch
Anschauung vorwärtshelfen, bis zu Ende gehen sollen.

"BRÜDER, WENN WIR IM GEIST leben, laßt uns auch im Geist wandeln; wir
wollen nicht eitlem Ruhm nachjagen, nicht einander herausfordern und mißgünstig
sein. Wenn einer unversehens einen Fehltritt tut, so richtet ihn im Geist der Sanftmut
auf; dabei gebt auf euch selbst acht, daß ihr nicht auch in Versuchung kommt. Einer
trage des anderen Last. So werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Wer sich einbildet,
etwas zu sein, obwohl er doch nichts ist, täuscht sich selbst. Ein jeglicher prüfe sein
eigenes Tun und behalte seinen Ruhm für sich, statt ihn vor andere zu bringen. Jeder
hat doch seine eigene Last zu tragen." Diese Worte sprach Sankt Paulus, und sie sind
voll (guten) Sinnes, besonders das erste Wort der Briefstelle: "Wenn wir im Geist
leben, laßt uns auch im Geist wandeln", das heißt: im Heiligen Geiste. Denn ebenso
wie unsere Seele dem Leibe Leben gibt und unser Leib durch die Seele lebt, so ist
der Heilige Geist das Leben der Seele, und die Seele lebt durch den Heiligen Geist,
und er ist das Leben unserer Seele. Nun sprach Sankt Paulus:
"Wenn wir im Geist leben, laßt uns auch im Geist wandeln." Hier haben wir dreierlei
Art des (Lebens)wandels zu unterscheiden: die erste Art ist unser äußeres Verhalten
im Hinblick auf uns selbst und unseren Nächsten; die zweite Art wird verwirklicht
gemäß dem Vorbild unseres Herrn; die dritte Art vollzieht sich außerhalb
(anschaulicher) Bildhaftigkeit1.
Der Text sagt: "Ihr sollt nicht eitlem Ruhm nachjagen." Man sieht wohl, wie weltliche
Leute Tag und Nacht mit allem Fleiß auf eitle Ehre aus sind; in solchen wohnt der
Heilige Geist nicht, und sie sind nicht Glieder Gottes, denn sie sind (von seinem
Leibe) getrennt. Gott legt auf sie keinen Wert. Es gibt andere Leute, die unter
geistlichem Gewand weltliche Herzen tragen und Ehre an allen Dingen suchen: an
Kleidern, Schmuck, an Freundschaften, an Gesellschaft, Verwandtschaft,
Kameradschaft und dergleichen mehr.

1
Corin, Sermons Irr, 66 erinnert in Anm. 2 mit Recht daran, daß das Wort „bilde" bei Tauler nicht nur unserem Worte
„Bild" als bildhafte Darstellung von Ideen entspricht, sondern auch alle unsere Ideen bezeichnen kann, insofern sie nämlich
von Bildern abstrahiert sind.
Je länger das währt, um so schädlicher ist es. In ihnen wohnt der Heilige Geist nicht.
Sie leben in größerer Gefahr, als sie (selbst) glauben mögen. Eitle Ehre, das ist alles,
wodurch man mehr als andere beachtet, geehrt, geliebt sein will. Diese Sucht, meine
Lieben, schleicht sich so sehr in alle guten Übungen, Worte, Taten, Haltungen ein,
daß der Mensch mit vollem Fleiß auf seiner Hut sein und Gott bitten muß, ihn zu
schützen, denn von sich selbst vermag er nichts. Dies betrifft unser Verhalten im
Hinblick auf uns selbst.
Wir sollen auch Vorsicht walten lassen in dem, was unseren' Nächsten betrifft, nicht
zänkisch sein, uns nicht vom Zorn fortreißen lassen, niemanden betrüben. Das vor
allen Dingen soll der Mensch lernen, daß niemand über einen anderen mit harten
oder bitteren Worten herfallen, sondern liebevoll und sanftmütig (mit ihm
sprechen) soll. Jeder habe acht auf sich selbst; er betrübe seinen Nächsten nicht und
bringe ihn nicht aus der Fassung. Manche kommen uns mit den schrecklichsten
Worten und Gebärden, die sie nur finden können, und um einer unbedeutenden
Sache willen geraten sie in Wut, Zorn und Bitterkeit.
Wisset in Wahrheit: wo dergleichen sich bei euch oder anderen findet, da ist der
Heilige Geist nicht. Und hat man sich irgendwie vergangen, so wollen solche Leute
das nicht verzeihen.
Hier muß jeder sein eigenes Verhalten beobachten; aber jeder soll (auch) des
anderen Last tragen; es soll ein Leib in Christus sein, in wahrer brüderlicher Liebe.
Die Oberen sollen ihre Untergebenen gütig belehren und liebevoll tadeln, wie unser
Vater Dominikus tat, dessen Sanftmut bei (allem) heiligen Ernst so groß war, daß,
wie verkehrt auch seine Untergebenen gehandelt haben mochten, sie von der Art
seines Tadels bekehrt wurden. So soll ein milder Mensch einen harten und strengen
durch seine Geduld zur Milde bekehren. Und die Unwissenden soll man, nach dem
Worte des heiligen Paulus, durch das Vorbild der Sanftmut unterweisen. Jeder
beachte, wie er mit seinem Nächsten umgehe, daß er Gottes Tempel in ihm nicht
zerstöre und er selbst nicht Gottes Strafe verfalle.
Die zweite Art des Lebenswandels, die wir besitzen sollen, soll sich nach einem
Vorbild richten, nämlich dem liebevollen Vorbild unseres Herrn Jesus Christus.
Dieses Vorbild sollen wir einem Spiegel gleich uns vorhalten, wie der tut, der etwas
abbilden will, damit wir all unser Tun nach ihm richten, soweit es in unserer Macht
steht. Wir. sollen betrachten, wie geduldig und sanftmütig, wie gütig, schweigsam und
getreu, wie milde, gerecht und wahrhaftig seine überströmende Liebe und sein
ganzes Leben gewesen sind. Diese überlegung soll die Form eines Gebetes haben.
Der Mensch soll Gott aus dem Grunde seines Herzens bitten, daß er ihm helfe,
diesen Weg einzuschlagen, denn aus eigener Kraft können wir das nicht: wir sollen
gar dringlich Gottes unerschöpfliche Güte anrufen, denn von dir selbst bist, hast und
vermagst du nichts. Stelle deinen Mangel an Übereinstimmung mit Gottes Gebot der
Übereinstimmung des Lebens des Herrn mit dem Willen Gottes gegenüber, und
sieh, wie fern und fremd du diesem liebevollen Weg bist. Opfere alle Tage dem
himmlischen Vater die vollkommene Übereinstimmung des Heilandes (mit Gottes
Wort) für deine Abweichung von demselben, seine schuldlosen Gedanken, Worte,
Werke, seine Tugend, seinen Wandel, sein unschuldiges, bitteres Leiden für deine
Schuld und die aller Menschen, lebender und toter.
Unser Herr, meine Lieben, ist .so gut, daß der, welcher sich richtig ihm gegenüber
verhielte, von ihm alles, was er nur wollte, empfinge. Er will so gerne gebeten sein, er
erhört seine Freunde so gerne. Er ist so gerne bereit, dem, der sich von Grund aus
und innerlich an ihn wendete, die Strafe des Fegfeuers zu erlassen, derart, daß von
einer solchen Seele alle Gebrechen abfielen, aller Mangel an Übereinstimmung (mit
Gott), jedes Hindernis und daß alle verlorene Zeit eingebracht würde. Die Umkehr
freilich, die muß Gott geben und wirken, und um diese Kehr soll der Mensch so
herzlich und demütig Tag für Tag unseren Herrn bitten, und der Mensch soll wohl
darauf achten, daß, wenn er zu solcher Umkehr aufgefordert wird, er alles fahren
lasse, was ihn hindere, und er auf Gottes Wirken in seinem Inneren warte.
Das innere Gebet, meine Lieben, durchdringt die Himmel, sofern man dabei den
liebenswerten Fußstapfen unseres Herrn Jesus Christus nachfolgt. "Adorabimus in
loco, ubi steterunt pedes eius." Denn meine und aller Lehrer Bemühen zielt dahin,
daß wir in unseres Herrn liebliche Fußstapfen treten.
Sankt Peter sprach: "Unser Herr hat für uns gelitten, damit wir seinen Fußstapfen
nachfolgten." Niemals wird ein Mensch so hoch steigen, daß er sie je verlassen wird.
Je höher er sich hebt, um so nachdrücklicher wird er den Schritten des Herrn
nachfolgen, und dies wird durch die Tat oder durch Betrachtung geschehen. Da
kommt mir eine Jungfrau bis2 vors Markustor und setzt sich nieder, als ob alle Arbeit
schon getan sei. Nein, so weit sind wir noch nicht. So geht es nicht. "Sie sollen", sagt
Sankt Paul, "ihren Leib mit all seinen Begierden ans Kreuz geschlagen haben." Sie
klagen über Hindernisse; aber wenn sie beten sollen, schlafen sie. Fürwahr, das ist
kein Wunder. Sie hätten (sagen sie) keine Annehmlichkeit. Ja, willst du da
Annehmlichkeit suchen und empfinden, wo dein Herr in großer, unleidlicher
Bitternis war?

2
Vetter 210,22: "So kumet min jungfröwe von der Marporzen"; der Vettersche Text erlaubt nicht, Corins Auffassung:
"Mademoiselle qui arrive devant la Porte de Mare", zu rechtfertigen. Da aber der Sinnzusammenhang mir diese Deutung
nahezulegen scheint, habe ich sie in die Übersetzung übernommen.
Deine Trägheit3 entfernt und entfremdet dich von seinen Fußspuren. Das kommt
daher, daß du stets das Deine in allen Dingen suchst, in allen Übungen, all deinem
Tun. Nein, suche niemals (deine) Lust, weder in Bildern noch in dem, was die
Vernunft dir bieten kann; sondern beuge dich demütig und innerlich unter das
Vorbild des Heilandes, und blicke in dein Nichts, das du bist; je mehr du dich
niederbeugest, um so höher wirst du erhoben werden; denn die sich erniedrigen,
werden erhöht werden. Setze dein Nichts in das über allem Sein erhabene göttliche
Sein, und sieh, wie es durch dich dieses Nichts geworden ist, und glaube doch nicht,
deine unüberwundene Natur müsse nicht angegriffen werden.
Die Vollkommenheit wird dir vom Himmel nicht in den Schoß fallen. Manche Leute
sind so begierig (nach geistlichen Freuden), daß ihnen Gott ihren Reichtum nehmen
muß. Aber wäre ein Mensch gelassen, Gott nähme ihn ihm nicht, ja er ließe ihn noch
reicher werden. Was nichts kostet, gilt auch nichts. Nein, dass junge, gesunde, starke,
ungebändigte Naturen, die (noch) in ihrem Fleisch und Blut leben, klagen, sie hätten
zuviel Zerstreuung, Bewegung, zuviel (Phantasie)Bilder, das ist wohl möglich, denn
du hast ja noch gar nicht recht gesucht. Du mußt einen anderen Weg einschlagen,
um zum Ziel zu kommen. Solche Leute sind ganz von Simons Geschlecht, der des
Herrn Kreuz aus Zwang trug und nicht aus Liebe.
Der Mensch soll in allem, was er tut, in sich bildlich darstellen das ehrwürdige Kreuz
und den gekreuzigten Heiland. Wenn du schlafen willst, so lege dich auf das Kreuz,
und laß, nach deinem Wunsche, den liebreichen Schoß dein Bett, sein mildes Herz
dein Kopfkissen, die liebevollen Arme dein Deckbett sein. Diese, weit geöffnet, sollen
deine Zuflucht sein in all deinen inneren und "äußeren Nöten: so bist du wohl
behütet. Wenn du issest und trinkst, sollst du jeglichen Bissen in das Blut von Christi
Liebeswunden tauchen. Wenn unsere Schwestern ihre Psalmen singen, sollen sie
jeglichen Psalm für sich in je eine besondere Wunde (des Heilandes) legen. So
bildest du ihn in dir nach und gestaltest dich in ihm. Was hilft das, in schlichter Weise
zu versichern, wie die Leute das tun, daß sie an unseren Herrn denken und seine
Gebete sprechen, wenn sie sich nicht seinem Vorbild nachbilden durch Leiden und
Nachfolge. Die dritte Art des Lebenswandels vollzieht sich außerhalb anschaulicher
Vorstellungen, ganz und gar unbildhaft.
Meine Lieben! Das ist ein rascher, gerader, finsterer Weg, unbekannt und voll der
Einsamkeit. Von diesem sprach Job, und Gott sprach es durch ihn: "Dem Menschen
ist der Weg verborgen, und Gott hat ihn mit Finsternis umhüllt." Was bedeutet dies
anders als den Weg, von dem wir sprechen? Hier werden Frauen zu Männern; und
alle, die Männer, die Gott nicht folgen, werden zu nichts.

3
Nach dem BT, der .Iazheit" = "Trägheit" hat.
Dieser Weg nun ist gar dunkel, denn all das, wovon wir zuvor gesprochen haben, ist
denen (die diesen Weg gehen) entfallen, es zieht sie nicht mehr an; wohin der Weg
sie führen wird, ist ihnen unbekannt, sie sind hier in großer Drangsal, und der Weg ist
wahrlich für sie "mit Finsternis umhüllt" . Sankt Gregorius sagt zu diesem Wort, daß
der Mensch hier aller Erkenntnis beraubt ist. Es gibt in der Tat manche, die gar wohl
daran zu sein glauben; am Ende des Weges aber erwartet sie der ewige Tod.
Meine Lieben! Wer diesem finsteren, unbekannten Wege folgt, muß die weite, breite
Straße meiden, denn die führt zum ewigen Tod, wie das Evangelium spricht (Matth.
7, 13); man muß den engen, schmalen Weg einschlagen: das ist (nur) ein kleiner
Pfad. Der Weg, den da der Mensch vor sich sieht, ist Wissen und Unwissen.
Zwischen beidem muß der Mensch mit einem Auge hindurchsehen wie ein Schütze,
der einen Punkt aufs Ziel nimmt, den er treffen will. Ebenso muß sich dieser Mensch
verhalten, den kleinen, engen Pfad (nicht aus dem Auge) verlieren und den breiten
Weg meiden. Auf diesem gar engen Weg befinden sich zwei Punkte, zwischen denen
der Mensch hindurchschlüpfen soll. Der eine heißt" Wissen", der andere" Unwissen".
Bei keinem soll er sich aufhalten, sondern zwischen beiden schlichten Glaubens
hindurchgehen.
Zwei andere Punkte sind Sicherheit und Unsicherheit; zwischen diesen hindurch soll
der Mensch voll heiliger Hoffnung seinen Weg fortsetzen. Und noch zwei Punkte
(trifft der auf dem engen Pfad wandernde Mensch an): Friede des Geistes und
Unfriede der Natur. Zwischen ihnen soll den Menschen rechte Gelassenheit
hindurchführen. Und dann erfaßt ihn große Zuversicht und befällt ihn unbegründete
Furcht: zwischen beiden soll er seinen Weg nehmen voll Demut.
Auf diese engen Wege und diese Pfade muß der Mensch achten. Das Unwissen soll
man verstehen im Hinblick auf den inneren Grund. Aber was den äußeren
Menschen und die Fähigkeiten betrifft, so soll man wahrlich wissen, woran man ist
und womit man umgeht; denn es ist eine Schande für einen gewöhnlichen
Menschen, daß er andere Dinge kennt, sich selbst aber nicht. Dank dieser Kenntnis
wird er bewahrt vor dem furchtbaren Schrecken, von dem Sankt Gregorius sprach.
Denn im Wissen wie im Unwissen kann der Mensch irren: das eine kann ihn
erheben, das andere niederdrücken. Daher soll sich der Mensch in solchen Fällen
und in manch anderen, von denen man schreiben könnte, nur auf demütiges
Entsinken verlassen in rechter Gelassenheit, in allem, was ihn trifft Entsinke in dein
Nichts und deinen heiligen Glauben in göttlicher, lebendiger Hoffnung, und hüte
dich vor bösem Verzweifeln, das gar manchen zurück hat weichen lassen, da sie
glaubten, das Voranschreiten auf diesem Weg sei ihnen unmöglich: und so ließen sie
(von ihrem Vorhaben) ab. Nein, laß dich nicht zurücktreiben, sondern durchdringe
(die Schwierigkeiten) mit Liebe und Verlangen, und halte dich fest, und lehne dich
zarten und freundlichen Empfindens an deinen guten Gott.
Wo die Natur gut ist und die Gnade dazukommt, da geht es schnell voran, wie ich
von mehr als einem Menschen weiß, von jungen Leuten, fünfundzwanzig Jahre alt,
verheiratet, edler Abkunft, die vollkommen (ihren Platz) auf diesem Weg
einnehmen. Aber statt daß man (solche unter unseren Schwestern) ihres Zieles,
nämlich des Werkes Gottes (in ihnen), warten läßt, jagt man sie auf und läßt sie nach
Brot gehen. So können große Dinge versäumt werden. Es ist schwierig, mit Leuten
zu tun zu haben, die auf diesem finsteren Weg schreiten; sie können gar leicht (ihr
Ziel) verfehlen. Im Leben dieser Menschen gibt es drei Dinge zu beachten; das eine
ist: in ihnen wirkt Gott (selbst) alle ihre Werke, soweit sie sich ihm gelassen haben,
und in dieser Hinsicht sind sie durchaus gut und lobenswert. Anderseits sind, sobald
der Mensch sich mit seinem ganzen Seelengrunde in Gott gekehrt und mit Gott in
seinem (eigenen) Inneren mitwirkt und nach ihm verlangt und ihn liebt, seine Werke
wiederum gut. Sobald der Mensch sich (jedoch) mit der Selbstsucht und dem
Eigenwillen seiner Natur in Wohlgefälligkeit und voll Behagens zu Werken wendet, da
ist sein Verhalten ganz und gar böse und vernichtet (das Gute), und dadurch wird
die Finsternis vermehrt und verlängert.
In diesem Dunkel kommt die (menschliche) Natur in große Drangsal und Unruhe,
denn der Mensch steht hier inmitten zweier (einander widersprechender) Wege:
zwischen Bildhaftigkeit und Bildlosigkeit. Denn all das, wovon wir zuvor sprachen,
das ist ihm entfallen und hat keinen Reiz mehr für ihn. Und was ihn anzieht und was
er sucht, das findet er nicht mehr, und so steht er in großer Bedrängnis und
Bangigkeit. Diese Drangsal hat manchen (zur Wallfahrt) nach Aachen und Rom
oder unter die Armen und in Klausen getrieben. Je mehr sie draußen suchten, um so
weniger fanden sie. Und manche fallen (in ihrem Streben) wieder auf den Gebrauch
vernünftiger Bilder zurück, spielen mit ihnen, da sie die Bedrängnis nicht (bis zu
Ende) durchleiden wollen, und stürzen ganz und gar in die Tiefe4. Ach, ihr Lieben,
die edlen Menschen, die dieses Leiden in dieser einsamen Finsternis bis zu Ende
ertragen, werden die liebsten, edelsten Menschen. Die Natur freilich muß manchen
Todes sterben.
Ein Jünger fragte (einst) im Wald seinen Lehrmeister, was er tun solle. Der Meister
sprach: "Geh in deine Zelle, setze dich dort nieder, und rufe ohne Unterlaß mit dem
Propheten: Meine Tränen waren mein Brot, Tag und Nacht, da man mir jeden Tag
sagte: Wo ist dein Gott?'"
Meine Lieben! Der Mensch muß hart und fest in den lieblichen Fußstapfen (unseres
Herrn) stehen, von denen wir zuvor gesprochen haben; das muß so sein. Denn was
soll es, daß man viel (an unseren Herrn) denkt, wenn man ihm nicht nachfolgen
mag? Die Menschen (die ihn so nachahmen) verlieren ihre Mühe nicht.

4
Vetter 213,30: „Tiefe" statt des vieldeutbaren „Grund"
An welches Ziel werden diese Leute gelangen? Wie wird das enden? In einem kurzen
Augenblick - so geschwind wie ein Blitz fällt - kommt plötzlich der Herr und bringt
ihnen liebreich die verborgene Güte; da wird. ihnen in dem wunderbaren Licht alles
offenbar, die verborgene Wahrheit in dem Glanz und dem hellen Schein, die in den
inneren Grund (dieser Menschen) leuchten. Da wird ihnen deutlich, wohin und wie
sie der Herr auf den dunklen Wegen geführt und wie er sie nun in das Licht
hineingebracht und sie entschädigt hat für ihr langes Warten und ihr Leiden. Da ist
dem Menschen wie noch nie not, sich in den Grund tiefer Demut und rechter
Gelassenheit sinken zu lassen. Je tiefer und unergründlicher ein Mensch sich
niederbeugt, um so innerlicher und herrlicher nimmt Gott sich derselben und all
seiner Werke an und wirkt sie (selbst) in übernatürlicher Weise.
Möchten wir alle dem Heiland auf diesen dunklen Wegen folgen, auf daß er uns in
das wahre Licht führe!
Dazu helfe uns Gott.
AMEN.