Sie sind auf Seite 1von 8

Jo h annes Tau ler Pr ed ig t 63

Diese Predigt über die Briefstelle beim heiligen Paulus vom sechzehntem Sonntag (nach
Dreifaltigkeit) lehrt unter vielen anderen tiefen Betrachtungen, wie der Mensch mit Hilfe
dreier Tugenden in die Höhe der über allem Sein erhabenen Gottheit gelangen kann: durch
Gelassenheit infolge der Ergebung in Gottes Willen, Entsagung gegenüber äußeren Dingen
und Verzicht darauf, sich selbst etwas zuzuschreiben (weil alles von Gott kommt)1.
SANKT PAULUS SPRICHT: »Ich beuge meine Knie vor dem Vater unseres Herrn
Jesus Christus, von dem jeder Vatername kommt im Himmel und auf Erden, damit
ihr nicht um meiner Leiden willen verzagt, die ich für euch erdulde, und er euch den
Reichtum seiner Herrlichkeit gebe und mit Tugenden seines Geists in dem inneren
Menschen stärke und Christus in eurem Herzen wohnen lasse, eingewurzelt durch
den heiligen Glauben in der Liebe, damit ihr begreift mit allen Heiligen, welches die
Breite und Länge, die Höhe und Tiefe sei, um so die höchste Liebe Christi zu
erkennen und mit aller Gottesfülle erfüllt zu werden."
Diese Worte sind so reich und so voll des Sinnes, daß wir nicht zu den Erläuterungen
zu greifen brauchen, um sie einzusehen oder etwas zu ergänzen. Als Sankt Paulus
diesen Brief schrieb, lag er gefangen und wollte (nur), daß seine Freunde sich darum
nicht betrübten, wie er sagt: »daß etlichen Menschen meine Gefangenschaft
Kummer bereitet, das ist mir wahrlich leid, und sie sind mir darum um nichts lieber".
Und da er in dem Gefängnis war, verwies er seine Freunde auf den Weg der
Gelassenheit: sie sollten sich weder über seine Gefangenschaft noch über sonst
etwas betrüben; etlichen Menschen geht ihrer Freunde Leid näher als ihr eigenes;
damit wollen sie sich entschuldigen, aber es ist doch unrecht (von ihnen)2. Das
wollte er, daß sie allerwege recht gelassen wären; denn rechte Gelassenheit macht
(einen Menschen) empfänglich für alle Gnaden, Gaben und Tugenden, die Gott je
gab oder jemals geben wird. Er wollte sie ohne Betrübnis wissen; denn Betrübnisse
sind ein großes Hindernis: sie ersticken das Leben, verdunkeln das Licht, verlöschen
das Feuer der Liebe. Und darum sagt Sankt Paulus: "Freuet euch stets in unserem
Herrn, nochmals sage ich: Freuet euch!" Dann sagt er: „Ich beuge meine Knie"; er
meinte das in einem inneren Sinn und sprach nicht von den leiblichen Knien.

1
Vetter 366,29 : .. lidikeit" deutet auf "geduldiges Ertragen"; Corin, Wi 2, S. 191,19 und App. 2 wie auch öfters "ledicheit"
wäre durch Entsagung gegenüber äußeren Dingen" umschreibend wiederzugeben; auch . Lossagung, Loslösung. von
äußeren Dingen" kommt in Frage. Auch „unanemlichheit „ bedarf einer Umschreibung ·mit erläuterndem Zusatz. So wie
oben sind diese Begriffe auch im folgenden aufzufassen; die Umschreibungen in jedem Einzelfall erübrigen sich dann.
2
Die Drucke, der AT und KT, geben zum Sinn dieser Stelle - s. Corin Wi 2, S. 190,8 und Lesarten - einen erläuternden
Textzusatz : .obwohl es doch! keine wahre Gelassenheit ist, man soll alles Gott anbefehlen'.
Denn die Innerlichkeit ist hunderttausendmal weiter und breiter, tiefer und länger als
das, was äußerlich ist. Die Knochen geben uns den äußeren Halt; ebenso soll der
Mensch all sein Können vor Gott beugen. Alles, was er ist und kann, soll er ganz
unter die gewaltige Hand und Kraft Gottes beugen und soll von Grund aus sein
natürliches und sein gebrechliches Nichts erkennen. Das natürliche Nichts, das ist,
.daß wir von Natur aus nichts sind; das gebrechliche Nichts ist unsere Sünde, die uns
zu einem Nichts gemacht hat3.

Mit diesem doppelten Nichts sollen wir uns vor Gottes Füße legen. Dieses
Niederbeugen weist uns auf eine rechte Unterwerfung, auf rechte Gelassenheit, auf
Entsagung (gegenüber äußeren Dingen) und auf den Verzicht jeglicher Anmaßung.
Diese drei sind recht wie drei Schwestern, die die gleichen Kleider tragen: wahre
Demut. Der Mensch soll in geordneter Ausgeglichenheit stehen gegenüber Lieb und
Leid, Haben und Darben, Hart und Weich und jegliches Ding (als) von Gott
(gekommen) annehmen und nicht von den Geschöpfen. Der Mensch ist gleichsam
aus dreien zusammengefügt.
Den Menschen der Sinne soll man zwingen, soweit man immer kann, gelassen zu
sein und ihn in den zweiten Menschen ziehen, derinnen ist; das ist der geistige
Mensch, das heißt, der seinen Sinnen nachlebende Mensch darf nicht tätig sein oder
irgendwohin laufen, außer nach den Anweisungen des geistigen Menschen, und nicht
nach seinen tierischen Trieben handeln. Wenn dann der zweite Mensch, der geistige,
in rechter, entsagender Gelassenheit steht und sich nicht Dinge zuschreibt (die von
Gott sind), dann hält er sich in seinem lauteren Nichts, läßt Gott den Herrn sein .und
unterwirft sich ihm. Dann wird der dritte . Mensch (in diesem Menschen) zu seiner
ganzen Größe aufgerichtet, bleibt ungehindert, kann sich in seinen Ursprung kehren
und in den Zustand seiner Ungeschaffenheit, worin er ewig gewesen ist, und steht da
ohne Bilder und Formen in rechter Entsagung (eigenen Tuns). Da gibt ihm (denn)
Gott nach dem "Reichtum seiner Herrlichkeit"4. So reichlich geschieht das, daß
davon die niederen, mittleren und oberen Kräfte beschenkt und gestärkt werden in
empfindender und verkostender Weise.
Das ist es, was Gott nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit schenkt. Hier wird der
Mensch mit Tugenden gestärkt, was den inneren Menschen betrifft. Gebe euch
Gott, daß Christus in eurem Herzen wohne. Versteht mir diese Worte recht: wohnen
durch den heiligen Glauben.

3
Diese Stelle - Vetter 365,22 - findet im KT einen erläuternden Zusatz der manches für sich hat und den ich in die
Übersetzung aufgenommen· habe:

4
Vgl. Rösch, a. a. o. Eph. 3,16 u. Regensburger NT, Bd. 7, S. 142.
So wie der Mund spricht: "Ich glaube an Gott Vater, den Allmächtigen", so besitzen
diese Menschen den Glauben innerlich in einer viel höheren Weise, ihn empfindend
und verkostend. Gleichermaßen wie wenn ein sechsjähriges Kind dieses Bekenntnis
spräche und ein Lehrmeister von Paris auch: es ist zwar ein Bekenntnis, aber es wird
von beiden sehr unterschiedlich verstanden: so haben diese Menschen es in dem
inneren Menschen, im Licht, in Klarheit und mit Unterscheidung. In dem dritten,
dem obersten Menschen, dem verborgenen, da besitzen sie diesen Glauben oberhalb
des Lichtes im Dunkel ohne Unterscheidung, jenseits der Bilder und Formen und
(begrifflichen) Unterscheidungen in einfacher Einheit.
Diese Leute besitzen den Glauben in fühlbarer, empfindlicher, verkostender Weise.
Sankt Paulus sagt: "Gott gebe euch, dass Christus in euerem Herzen wohne."
"Christus" bedeutet soviel wie "Salbung"5. Wo Gott den Grund (eines Menschen) so
bereitet und ihm zugekehrt findet, dahin fließt die Salbung Christi und wohnt da;
dadurch werden diese Menschen von Grund aus so gütig und freundlich und können
keine Härte mehr zeigen. Wo diese drei Tugenden in dem Grunde gefunden werden:
Gelassenheit, Entsagung6, die Nichtanmaßung (göttlichen Gaben gegenüber), da
fließt die Salbung Christi ununterbrochen hinein und macht den Grund so gütig und
freundlich. Könnten diese Menschen sich selbst gleich einer Salbung allen Menschen
mitteilen, das bedeutete eine Freude für sie. Ihre Liebe weitet und verbreitet sich: sie
umschließt alle, und sie möchten (gerne), wie Sankt Paulus, alle Menschen selig
machen; er war den Heiden ,ein Heide, den Juden ein Jude, damit er alle
gewinnenach dem Beispiel unseres Herrn Jesus Christus, der mit den Sündern aß
und mit ihnen verkehrte.
Christi Salbung durchfließt sie in gütiger, allgemeiner Liebe. Nun sagt Sankt Paulus
auch: "auf daß ihr verwurzelt und gegründet seiet in der Liebe". Liebe Schwestern!
Danach strebt mit all eurer Kraft, daß ihr verwurzelt werdet und gegründet seid in
der Liebe. Je tiefer der Baum und je besser er verwurzelt ist, um so höher und weiter
und breiter wächst er. Ach, wie wird mancher kräftig scheinende Baum, der
scheinbar so schön geblüht hat, niederstürzen zu Boden, wenn die heftigen Winde
kommen! Unser Herr spricht: "Alle Pflanzen, die nicht mein Vater gepflanzt hat,
werden mit den Wurzeln ausgerissen werden." Seht zu, daß ihr in der Liebe
festgewurzelt und gegründet seid, damit ihr begreifen könnt mit allen Heiligen,
welches die Breite, die Länge, die Höhe und die Tiefe (Gottes) ist.

5
Wörtlich : Salbe" (Vetter 366,25).
6
Vgl. der erläuternden Zusätze wegen Anm. 1 zu dieser Predigt.
Die Breite in Gott bedeutet, daß man seiner Gegenwart überall gewahr werde7 an
jedem Orte, bei jeder Übung, in jeder Arbeit. Sankt Augustinus sagt: "Mensch, du
kannst dich Gottes Gegenwart nicht entziehen; verlässest du ihn, wenn er dir ein
freundliches Antlitz zeigt, wohlwollend, liebreich, so wirst du ihn mit
furchterregender Miene wiederfinden, grimmig zürnend, verurteilend." Diese Breite
kennt in Gott keine Grenze. Man soll sie auch in uns erkennen: sie stellt sich dar als
uneingeschränkte Liebe. Die Liebe ist in diesen schlimmen Zeiten ganz erloschen.
Man kennt nur noch die Liebe mit Vorbehalten: "indem einer (nur) seinen
Mitbruder, die Mitglieder seines Ordens oder seines Konvents liebt, stets nur eine
bedingte Liebe!" Nein, meine Lieben, die Liebe muß allen erzeigt werden, soweit es
nur geht. Die allgemeine Liebe schließt alles in sich. Könnte sie sich allen Menschen
mitteilen, sie täte es gerne, wie unser Vater, der heilige Dominikus, getan; er bot sich
selber feil, daß man mit dem Erlös denen hülfe, die Not litten. Man soll stets aus dem
Geist der Liebe wirken und, so man kann, alles darin einschließen. Dann die Länge
(Gottes).
Das bedeutet, daß man sich in da immerwährende Jetzt der Ewigkeit kehre, deren
Länge weder ein Vorher noch ein Nachher kennt und ganze Unwandelbarkeit ist.
Dort kosten, erkennen und lieben die Heiligen dasselbe, was Gott verkostet. Wir
sollten mit ihnen zusammenwirken, liebreich mit ihnen lustwandeln ohne Unterlaß,
wirkend und kostend, soweit das uns hienieden möglich ist. Die Tiefe, die in Gott ist:
ein solcher Abgrund, daß alle geschaffene Erkenntniskraft sie nicht erreichen noch
durchdringen kann, nicht einmal die Seele unseres Jesus Christus; sie kann auch
nicht erreicht oder ergründet werden als nur von Gott allein. Dieser Tiefe sollen die
Menschen in der Weise nachgehen, daß sie ihr mit (ihrer eigenen) Tiefe begegnen,
das heißt der bodenlosen Tiefe unergründlicher Selbstvernichtung. Könnten sie,
anders gesagt, zu einem lauteren Nichts werden, das dünkte sie recht und billig. Das
kommt aus der Tiefe und der Erkenntnis ihres Nichts. Sie gehen unter die
verblendeten verdorbenen Sünder, erleiden qualvollen, empfindlichen Schmerz,
empfindliches Leiden und haben Erbarmen mit deren Blindheit.
Ihre Tiefe ist so unergründlich, daß sie in den Grund der Hölle gezogen werden, so
daß - wäre das möglich und hätte es Gott so bestimmt, was er aber nicht getan hat -
alle, die in der Hölle sind, sie verlassen dürften, sie selbst aber an ihrer aller Statt
dableiben': das täten sie aus Liebe gerne. Aber niemand darf das tun noch auch nur
daran denken, außer im Gebet, denn sonst wäre es gegen die göttliche Ordnung.

7
Nach Corin, Wi 2, S. 195,12-13, da Vetter 367,12 und seine übersetzer Lehmann 2,175 und Oehl S. 119 eine auf eine
Lücke deutende Kurzfassung aufweisen.
Liebe und Demut aber haben sie so benommen gemacht wie den liebevollen Paulus
der diesen Wunsch aussprach: "Herr, tilge mich aus dem Buch der Lebenden, damit
sie gerettet werden." Diese Tiefe wird in uns
geboren aus dem Abgrund der unergründlichen Tiefe Gottes die kein Verstand der
Menschen oder Engel, erreichen und begreifen kann. Wie sollte man etwas darüber
aussagen können, was sie ist? Es ist uns unbekannt; darin 'liegt nichts Erstaunliches8.
Dann (sprechen wir) von der Höhe Gottes. Ach, dergleichen gibt es sonst nicht. Sie
ist derart, daß Gott, der alles kann, kein so edles, so erhabenes Geschöpf hätte
schaffen können, über den Cherubim und Seraphim stehend, das aus seiner Natur
die Höhe Gottes hätte erreichen oder erkennen können. Selbst dann aber wäre
solche Höhe ein abgründiges Nichts vor Gottes Höhe da sie ja geschaffen wäre.
Diese Menschen streben der Höhe Gottes in der Weise nach, daß ihr Seelengrund
zur Höhe überschäumt, oberhalb von allem, mit so großer Dankbarkeit und solch
hohem Gedankenflug, daß es ohnegleichen ist. Gott erscheint diesen Menschen
dann so groß, daß alles, was nicht Gott ist, ihnen klein und nichtig erscheint, wie der
Prophet spricht: "Der Mensch wird sich erheben zu einem hohen Herzen: da wird
Gott erhöht." Denn Gott ist für den Menschen niemals hoch und groß, der etwas,
das geringer ist als Gott, für hoch und groß halten kann.
Wer aber die Höhe Gottes verkostet hat, dem erhebt sich sein Seelengrund so hoch
in Liebe und Dankbarkeit und im Gefühl von Gottes hoher Würde, daß ihm nichts
mehr zusagt, was unterhalb Gottes ist. Denn alles Geschaffene steht so
unaussprechlich tief unter Gott wie ein reines Nichts gegenüber vollkommenem
Sein9. Diese Höhe des über allem Wesen stehenden Seins zieht des Menschen
Seelengrund hoch über sich hinaus in Liebe, Dankbarkeit und Lob. Sie erheben sich
wie im Flug so weit über sich hinaus, daß sie all ihr Lob und das der Geschöpfe, der
Engel und Heiligen hinter sich lassen. Wenn sie diesen in liebevollem Begehren
begegnen, so dringt ihr Lob über all diese empor (zu Gott). Gleichwie durch
Entzündung vieler Kohlen ein ganz großes Feuer entsteht und die helle Flamme über
alle Kohlen und alle Dinge in die Höhe schlägt, so soll der Mensch in einer über alle
Gedanken und Vorstellungen und Wirkungen seiner niederen und oberen Kräfte
hinausgehenden Weise seinen Grund durchdringen lassen, auf zur Höhe, weit über
alles Vermögen und Wirken seiner selbst und aller Geschöpfe, zur jenseits alles
Wesens stehenden Gottheit.

8
Von „Wie sollte ... " ab nur In Corin, Wi 2, S. 199,2-4. Vgl. Vetter 368,15

9
Eine wohl schon früh durch Textänderung schwer verständlich gewordene Stelle, da bereits der von Vetter eingesehene
BT - vgl. Vetter, Lesart zu 368,22 _ bessert, wie später auch Lehmann 2,177 und Oehl, S. 122.
Dergleichen erlebte eine junge Frau, die in der Ehe lebte: ihr Geist schwang sich in
die Höhe, und darin ward ihr ihr eigener Grund entdeckt und gezeigt, und sie sah ihn
in unaussprechlicher Klarheit und unerreichbarer Höhe, die kein Aufhören hatte, in
endloser Länge, Breite und Tiefe, alles unergründlich.
So also, wie ihr jetzt gehört habt, gelangt man zu dem, was Sankt Paulus in die Worte
faßte: "damit ihr erkennet die Höhe, die Länge, die Breite und Tiefe Gottes". Liebe
Schwestern!10 Die, welche ohne die genannten drei Tugenden, rechte Gelassenheit,
Entsagung und Nichtanmaßung (gegenüber göttlichen Gaben), alle gekleidet in
Demut, hierherkommen - und diese Tugenden wohnen im Kloster der Liebe - und
die nicht in rechter Übung hier durchgegangen sind, stürzen in den Abgrund. Aber
du bist hierhergekommen mit diesen Tugenden, so bleibt dir jener Stand, und du
stehst (fest) darinnen. Entfällt er dir (wirklich), so kann das (nur) von der
Anmaßung (dir die Gaben Gottes zuschreiben zu wollen) und vom Eigenwillen
gekommen sein. Hier wird die Gnade geboren. Der Same ergießt sich in den Grund.
"Tretet zu mir herüber und sättigt euch an den Früchten meiner Geburt" (Sir. 24,
19).' Man muß über all diese (Irdischen) Dinge hinauskommen. Das wird wohl
manchen gezeigt, ist aber nicht mit ihnen geboren. Der Mensch Jedoch, der außen
wie innen auf rechte Gelassenheit abzielt, in dem kann jene Geburt geschehen, falls
er jenen Weg durchlaufen hat. Von diesem Geist finde ich etwas in jungen Leuten; in
den alten aber ist er verdorben; denn sie halten sich zu sehr mit Eigenwillen auf ihren
Vorhaben und ihren alten erfahren und sind mürrisch und voll absprechenden
Urteils; Ihnen fehlt der Geist liebevoller Sanftmut. Sanftmut jedoch dient diesem
meinen Geist, sie hat mehr Wirkung nach innen als Gelassenheit; die hat mehr mit
dem äußeren Menschen zu tun.
Dieser innere Grund muß notgedrungen denen verborgen bleiben, die mit Ihrer
ganzen Wirksamkeit im äußerlichen, sinnlichen Menschen (stecken)bleiben. Solch
ein Mensch ist zu bäurisch und zu grob für diesen edlen, grundlosen Geist. Denn es
gibt manchen, der sich sehr hochstehend dünkt und (doch) nicht einmal die
niederste Stufe seines inneren Menschen kennenlernte.
Und wenn Gott die Menschen in die Innerlichkeit ziehen will und sie auf
Gelassenheit und Verzicht hinweist, so treiben sie Gott mit all Ihren Kräften ganz
von sich weg, als wenn er der Teufel wäre; sie verharren bei ihren eigenen
Lebensgewohnheiten, in ihrer Anmaßung dessen, was von Gott kommt, und in ihrer
Ungelassenheit. Das ist wie ein recht böser Mehltau; wie diese Pflanzenkrankheit die
Frucht verdirbt, so verderben jene Menschen die Frucht, die hier geboren werden
sollte.

10
Die, folgende Stelle, Vetter 369,16, ist im BT stark verändert, wohl weil. man eine Erläuterung für angebracht hielt, die
sich bei Vetter, a. a. O. unter den Lesarten findet.
Wie hoch du immer steigen magst:....- besitzest du die drei miteinander
verschwisterten 'Tugenden nicht, so wird nichts aus deinem Streben; dann kommt
der böse Feind und wartet, ob er da nichts für sich finde. Findet er dich anhänglich
(an äußere Dinge), so hält er sich daran.
Was soll im von diesem edlen Sein zu denen sprechen, die ihren äußeren Menschen
nicht fernhalten von diesem Geplapper und der vielen äußeren Tätigkeit, ihren vielen
Vigilien, die alle ihrer Natur nach Geplapper sind. Liebe Schwester! sprich eine
Vigilie nach guter Ordnung nach außen gerichtet und zwei nach innen blickend mit
liebevollem Geist.
Wieviel du da, nach innen gerichtet, auch redest11 , es kann nicht zuviel sein. Laß dich
bei diesem inneren Gebet von niemandem hindern oder von ihm abziehen. Deinen
inneren Menschen sollst du niemandem unterwerfen außer Gott; aber deinen:
äußeren Menschen, den unterstelle in aller Demut unter alle Geschöpfe. Der äußere
Mensch sei wie ein Knecht, der untätig vor seinem Herrn steht, wartend auf das, was
dieser von ihm getan haben will. So soll auch der äußere Mensch innerlich warten,
was ihm der innere gebietet, um dem auf jede Weise mit jeder Arbeit genugzutun.
Das tun die nicht, die nur mit dem äußeren Menschen auf ihre sinnliche Weise nach
außen wirken und andere Menschen auf denselben Weg ziehen und zuviel
schwätzen.
Liebe Schwester, schweige, bleib gesammelt, dulde! Hättest du diese liebreichen
Tugenden, von denen du gehört hast: Gelassenheit, Entsagung, Fehlen jeder
Anmaßung (gegenüber den Gaben Gottes), du könntest dich einen ganzen Tag
mitten in aller Unruhe aufhalten, es würde dir nicht schaden, es sei denn, du wärest
zu schwach dazu: dann gehe deinen Weg. Liebe Schwestern! Wenn ich diesen
wahrhaften Grund finde, dann rate ich, was mir Gott zu sagen gibt, und lasse
jeglichen mich verwünschen und mich schelten, soviel er nur will. Unsere
Schwestern haben in dieser Sache ein gutes Verhalten: will sich von ihnen eine in
ihren Seelengrund kehren, so sind sie dessen froh und geben ihr soviel Erlaubnis, als
sie haben will; das geht doch weit und sehr über eure Satzungen hinaus: es ist aber
ein liebliches und heiliges Ding, vom Heiligen Geist ins Werk gesetzt. Liebe
Schwester! Bleib stets im Konvent der drei vorgenannten Tugenden, und hüte dich
vor deren Stiefschwester, der Anmaßung, und vor selbstsüchtiger Liebe:
der muß man wirklich den Kopf abschlagen, denn die will immer etwas (für sich)
haben. Sie geht zur Predigt, zum Tisch des Herrn, (nur) immer, daß sie etwas (für
sich) habe. Wer Ohren hat, zu hören, der höre!

11
Wörtlich: „klaffest", Vetter 370,2i. Hier ist dieses Wort vermieden, um einem Mißverständnis vorzubeugen.
Nun spricht Sankt Paulus: "Daß ihr die Liebe12 Christi erkennet." Nun höret, was
darunter zu verstehen ist. Seine Liebe zeigte sich, als er des Teufels List durch den
bittersten, schändlichsten Tod überwand, den ein Mensch je erlitt und womit er uns
alle erlöste. Und als er vor allen Menschen der verlassenste war, da war er seinem
Vater am wohlgefälligsten, als er rief: "Mein Gott, mein Gott, wie hast du mich
verlassen!"
Denn er war bitterlicher verlassen, als je ein Heiliger verlassen war. Diese
Verlassenheit erkannte er bereits, als er auf dem Berg Blut schwitzte. Und war doch
zu gleicher Zeit nach seinen oberen Kräften im Besitz dessen, wessen er sich (auch)
jetzt erfreut: der Gottheit, die er selber war.
Das ist die Liebe Christi: sie ginge über alles Wissen, wenn der Mensch von außen
und innen auf jeglichen Trost verzichten, wenn er, verlassen und aller Stütze beraubt,
in rechter, sich Gleichbleibender Gelassenheit verharren könnte, so wie unser Herr
Jesus Christus verlassen war. Wer in dieser Verlassenheit und Trostlosigkeit am
wahrhaftigsten wäre, gefiele dem (himmlischen) Vater am meisten. In solch einem
Menschen herrscht und waltet Gott, und in dieses Menschen inwendigem Geist wird
der wesentliche Friede geboren. Diesen Frieden, den dir Gott da ge geben hat, sollst
du dir nimmer nehmen lassen, weder von Menschen noch Engeln, noch Teufeln;
doch soll man den äußeren Menschen in Zucht halten, in niedergedrückter
Unterwerfung, ihn beargwöhnen, ihm nicht trauen oder glauben, sondern ihn
niederhalten, daß er dem inneren Menschen in keiner Weise zum Hindernis werde,
besonders nicht in seinen sinnlichen Begierden.
Denn solange der Mensch in dieser Zeitlichkeit lebt, kann er nicht frei von
Befriedigung sein. Aber hier soll die Einsicht Meisterin bleiben, damit alle Lust, alle
Befriedigung in Gott oder durch Gott sei; und man soll bei Gott Hilfe suchen. Und
unser Herr stärkt mit eigener Kraft die, welche innerlich bei ihm Hilfe suchen: mit
seiner Weisheit erleuchtet er, mit seiner Güte durchdringt er sie. . . . Möchten wir
doch alle der liebevollen Mahnung des helligen Paulus folgen, damit wir die Wahrheit
ihrem vollen Sein nach erlangen.
Dazu helfe uns Gott!
AM E N.

12
Das in den Texten stehende Wort „kunst" kann nicht wörtlich mit „Liebe" Übersetzt werden. Doch stimmen
bedeutende übersetzer in dieser Wiedergabe der bei Vetter 371,22 angeführten Stelle aus Paulus, Eph. 3, 14 überein.