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Generalstaatsanwältin Umstrittenes Projekt

Laura Codru]a Kövesi Ro[ia Montana: Goldrausch


im Interview in den Westkarpaten
Nr. 1/03. 2010

politik • wirtschaft • gesellschaft

Machtwechsel in der PSD

„Lieber der junge


Schlaukopf
als der Tölpel!“
Foto: Octav Ganea
editorial

Auf den Punkt gebracht

stets in Krisenzeiten) überall wimmelt.


Ich kann aber − will ich annehmen −
noch lesen. Und was ich lese, gefällt mir
nicht. Wir sind als Presseleute faul
von alex geworden. Wir haben vergessen,
gröblacher Geschichten zu entdecken und zu
erzählen, obwohl das, meiner bescheide-

M
nen Meinung nach, eigentlich unsere
edien, wird uns Hauptaufgabe war, ist und bleibt. Da
von überall (ein- müssen wir, denke ich, ansetzen.
schließlich von Wie dem auch sei − mitten in diesen
ihnen selbst) regel- Krisenkontext platzt punkto.ro auf den
mäßig eingetrich- Markt, ein deutschsprachiges Nachrich-
tert, stecken in der Krise. Wo man tenmagazin, das zudem auf einen täg-
hinguckt, schließt eine Zeitung, entläßt lich aktualisierten Online-Auftritt setzt,
ein Radiosender Mitarbeiter, geht eine der die Leser zwischen zwei Ausgaben
Nachrichtenagentur auf Sparkurs, gehen auf dem Laufenden halten soll. Wieso
Werbeeinnahmen zurück. Experten such- und weshalb eigentlich? Weil wir den-
en fieberhaft nach Lösungen, setzen auf ken, dass Leute, die Deutsch lesen und
Zusammenschlüsse und Partnerschaften. sprechen und an Rumänien interessiert
Geht es nach den Marketing-Experten, sind, ein gutes Recht auf Information in
so ist alles eine Vertriebs- und Wettbe- ihrer eigenen Sprache haben. Weil wir
werbsfrage: Das Internet frisst uns alle, glauben, dass Rumänien ein noch unbe-
weil wir Inhalte kostenlos ins Netz schriebenes Blatt ist und zu solchen
stellen. Wir müssen uns im Zeitalter von Blättern gute Stories − also Geschichten
i-Pad und Netbooks, von Smartphones − passen. Geschichten aus und über Ru-
und e-Readers eben wiedererfinden, den- mänien als Land im europäischen Staa-
ken Inhaltsgestalter – frei nach McLuhans tengefüge: Politik, Wirtschaft, Gesellschaft,
Bonmot „the medium IS the message“. Kultur, Zeitgeschehen − was tatsächlich
Manager glauben, dass ihre Redaktionen relevant ist, darf und wird in punkto.ro
überbesetzt seien, drücken auf Journal- nicht fehlen. Können wir es besser machen
istengehälter. Kollegen klagen, sie seien als andere, die deutschsprachige Inhalte
überlastet. Mag alles stimmen − ich kann über Rumänien vermitteln − sprich die
es nicht beurteilen. Ich bin kein Fach- Konkurrenz?
mann für Logistik oder Betriebs- Vielleicht. Und eben das wollen wir
wirtschaft. Und ich bin auch kein zusammen mit Lesern und Freunden
Medienguru, von denen es heute (wie ergründen.

Nr. 1 | MÄRZ 2010 3


inhalt

3. Auf den Punkt gebracht


Machtwechsel in der PSD

US-Raketenabwehrschild zu
6. Verteidigungsrat stimmt
„Lieber der junge Schlaukopf
7. Einsichten als der Tölpel!“
„Sind der EU beigetreten, haben uns aber noch
nicht integriert“
Nach endlosen
8. Legislative Prioritäten Machtkämpfen und 15-
Ministerpräsident Boc erklärt „Modernisierung des Staates“ stündigem Parteitag-
zum obersten Gebot
Marathon kam Mitte
9. Der Kommentar Februar der Paukenschlag:
Die Boc-Regierung vor dem Belastungstest Victor Ponta ist der neue
10. Geoan`s Hang zum Esoterischen belustigt die Welt Partei-Chef der Sozis. seite 11

11. Machtwechsel in der PSD


„Lieber der junge Schlaukopf als der Tölpel!“
„Unsere einzige Antwort
12. Eklat auf Unterstellungen
Nach Bespitzelungsaffäre: Diaconescu kehrt
PSD den Rücken bezüglich politisch ge-
steuerter Verfahren ist
13. Kämpfen auf verlorenem Posten
Europaabgeordnete Macovei und Preda fordern gute Ermittlungsarbeit“
Reformierung der PDL
Generalstaatsanwältin Laura
14. Parteitag und -wahlen Codru]a Kövesi über
Die Kardinalfrage der Liberalen: Für oder wider die PDL?
Korruptionsbekämpfung,
15. Analyse verschleppte Gerichtsverfahren
2. Amtszeit: Der Präsident und seine Ziele und die Akte der „rumänischen
16. „Unsere einzige Antwort auf Unterstellungen bezüglich
Revolution“ seite 16

politisch gesteuerter Verfahren ist gute Ermittlungsarbeit“

20. Start für Europas neue Kommission


Statistikamt: Weiterhin kein
21. Erste Anzeichen einer Regierungsumbildung
Rezessionsende in Sicht
22. Fitch, S&P und Moody’s sehen Grund zur Hoffnung
seite 23 Mit einem Schlag machte
23. Statistikamt: Weiterhin kein Rezessionsende in Sicht
das Statistikamt die zag-
24. Regierung hebt staatliche Energiekolosse aus der Taufe haften Hoffnungen der
Behörden auf eine leichte
25. Der Kommentar
Wirtschaftserholung
Haushaltsgesetz 2010: Nüchterner Pragmatismus
zunichte: Die rumänische
26. Unternehmen Wirtschaft ist auch im 4.
TAROM: Take-off für die Privatisierung
Quartal 2009 überra-
27. Business schend auf Quartalssicht
Lidl übernimmt Plus-Filialen und setzt auf Großexpansion geschrumpft.

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inhalt

28. VIP&Premium-Tourismus
VIP&Premium-Tourismus
Ferien ’mal anders: Rumänien, wie Sie es (noch)
nicht kennen
Ferien ’mal anders: Rumänien,
36. „Wer das Prinzip Kundenzufriedenheit nicht auf die
wie Sie es (noch) nicht kennen leichte Tour kapiert, kriegt es vom Markt mitleidslos
eingehämmert“
seite 28 Besser spät als nie: Langsam
39. Energiemarkt
beginnen auch Tourismus-
Rumänien liebäugelt mit South Stream Gas-Pipeline
Manager und Investoren
einzusehen, dass Rumänien 40. KMU
„Wie zu Opas Zeiten“: Der lange Weg zur modernen Imkerei
selbst anspruchsvollen
Reisenden etwas zu bieten 41. Steuerlast
hat – und man sich damit Trauerspiel: Mikrounternehmen siechen dahin
im Wettbewerb oft durchaus
42. Goldrausch in den Westkarpaten
sehen lassen kann.
44. EU-Topf: Regierungschef Boc will heuer 4,3 Mrd. Euro abrufen

Ion }iriac: 44. EU-Agrarpolitik: Ciolo[ sieht schweren Zeiten entgegen

Spitzel und Bespitzelter 45. Euro-Träume


Euro-Münzen „made in Bra[ov“?
Der CNSAS bestätigte 46. Erzbischof Robu im Vatikan
jüngst, dass Ion Țiriac, Papst Benedikt XVI. auf Pastoralreise nach Rumänien
ehemaliger Tennisstar eingeladen
und später erfolgreicher 47. Rumänische MdEP halten EU-Parlament auf Trab:
Manager von Boris „Whopper-Tax“...
Becker, in seiner Jugend
47. .... und Straßenköter auf der Strassburger Tagesordnung
der Securitate als IM
(inoffizieller Mitarbeiter) 48. Ceau[escu-Erben klagen gegen Odeon-Theater
gedient hat. seite 50
49. Schlaglöcher: „Wir tun ’mal eine Woche so, als ob wir
sie stopfen würden!“

Herta Müllers Schatten in 50. Ion }iriac: Spitzel und Bespitzelter

Nitzkydorf 52. Herta Müllers Schatten in Nitzkydorf

54. Lesekultur
Seit es im Fernsehen hieß, seite 52
Reiselektüre für Fahrgäste der Bukarester U-Bahn
dass Literatur-Nobelpreis-
trägerin Herta Müller in 55. Im Unterricht die Schere angesetzt
Rumänien geboren ist, 56. Behörden wollen Energie-Effizienz der Plattenbauten
stellen sich die Menschen verbessern
in ihrem Heimatort Fragen:
57. Brauchtum
Was ist denn ein Nobel- „Hirräi!“: Urzellauf in Agnetheln
preis? Und wer ist über-
haupt diese Herta Müller? 58. Zahl des Monats

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in punkto politik

US-Schutzschild?
Volksbefragung wegen Verteidigungsrat stimmt
Der Ehrenvorsitzende der Sozis, US-Raketenabwehrschild zu
Altpräsident Ion Iliescu, zeigte sich

R
in einer ersten Reaktion äußerst re- umänien be-

Foto: US Department of Defense


serviert gegenüber der Beteiligung teiligt sich am
Rumäniens am US-Raketenabwehr- Raketenab-
system. „Ich persönlich wäre dagegen wehrsystem der USA in
gewesen“, sagte Iliescu vor Journalis- Osteuropa. Der Oberste
ten. Der Beschluss der Verteidigungs- Verteidigungsrat habe
rates müsse schleunigst im Parlament einem Antrag von US-
debattiert werden, das seinerseits Präsident Barack Obama
stattgegeben und den
Plänen zur Stationierung
von „Komponenten“ des
US-Abwehrsystems hier-
zulande zugestimmt,
teilte Staatschef Traian
B`sescu Anfang Februar
mit. Der Präsident unter-
strich zudem, dass das
System nicht gegen Russ-
land gerichtet sei. Die
Komponenten sollen ab
2015 in Rumänien sta-
eine Volksbefragung zu diesem Thema tioniert werden. Dem
erwägen sollte. „Die Konsequenzen Sprecher des US-Außen-
der Installierung von Komponenten amts, Philip Crowley, zu-
SM-3-Abwehrrakete
des US-Abwehrschutzschirms auf folge handelt es sich dabei
rumänischen Territorium müssen um SM-3-Abwehrraketen. Die Zustim- mobiles System aus Raketen von kürze-
wohl überlegt werden“, so Iliescu. mung des Parlaments steht zwar noch rer und mittlerer Reichweite, das vor
„Man sollte genau kalkulieren: aus, ist aber laut Teodor Mele[canu, allem gegen Angriffe aus dem Iran
Brauchen wir das Abwehrsystem dem Vorsitzenden des Verteidigungs- schützen soll.
oder brauchen wir es nicht? Welche ausschusses im Senat, eine reine Form- Dennoch sorgte die rumänische
Bedingungen stellen die USA? Und sache. Beteiligung am US-Schutzschild in
welche Bedingungen stellen wir?“ Der Antrag der US-Behörden war Moskau für Irritationen. Der russische
Aus Sicht des Altpräsidenten sind von Ellen Tauscher, US-Unterstaatsse- Außenminister Sergej Lawrow forderte
Raketenabwehrsysteme sowieso über- kretärin für Rüstungskontrolle, übermittelt eine „Erklärung Washingtons“, zudem
holt, derlei Projekte seien schließlich worden. Davor hatte US-Vizepräsident stellte Moskau eine Aufrüstung seiner
ein Überbleibsel der Reagan/Bresch- Joe Biden bereits im Oktober Polen, Schwarzmeerflotte in Aussicht. Der rus-
new-Ära. „Wie aktuell ist ein derar- Tschechien und Rumänien besucht, um sische Nato-Botschafter Dmitri Rogosin
tiges Projekt heute noch? Ist es zu die US-Pläne zu erläutern. Diese sehen warnte davor, durch die Stationierung
Beginn des XXI. Jahrhunderts noch in Osteuropa nun mit Rücksicht auf einer „gegnerischen militärischen Infra-
zeitgemäß?“, fragte Iliescu rhetorisch Russland keinen Schild gegen Land- struktur“ vor den Grenzen Russlands
in die Journalistenrunde. streckenraketen mehr vor, sondern ein dessen Sicherheitsinteressen zu verletzen.

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politik

Foto: S. Lupsa/Rum. Präsidentschaft


politik • wirtschaft • gesellschaft

impressum

herausgeber:
Warmer Empfang für Traian Băsescu in der Universitätsstat Cahul Punkto Press Service S.R.L.

geschäftsführender gesellschafter:
Einsichten Alex Gröblacher

verlag und abo-service:

„Sind der EU beigetreten, haben punkto@punkto.ro

uns aber noch nicht integriert“ redaktion:

Sabina Fati

L
sabina.f@punkto.ro
aut Staatspräsident Traian B`sescu hat Rumänien noch viel Aufholar-
beit zu leisten, bevor von einer tatsächlichen Integration des Landes Sorin Georgescu
in die europäische Gemeinschaft gesprochen werden kann. Obwohl sorin.g@punkto.ro
inzwischen drei Jahre seit dessen EU-Beitritt vergangen sind, sei Rumänien
Alex Gröblacher
noch keineswegs integriert, sagte B`sescu anläßlich seines Ende Januar absol-
alex.g@punkto.ro
vierten Staatsbesuchs in der Republik Moldawien − im Übrigen der erste Aus-
landsbesuch des rumänischen Staatschefs seit dessen Wiederwahl. Alex Sterescu
alex.s@punkto.ro
„Wir sind der EU zwar beigetreten, ale Integrität des Nachbarn und sei
haben uns aber noch nicht integriert“ − gewillt, mit der neuen bürgerlichen Anne Warga
diesbezüglich müsse Rumänien auch Regierung ein Partnerschaftsabkommen anne.w@punkto.ro
drei Jahre nach dem EU-Beitritt noch zur europäischen Integration des Lan- Ada Com`nescu
jede Menge Bemühungen unternehmen, des einzugehen. Heiner Krems
erklärte B`sescu vor Studenten der Uni- Dessen EU-Integration gehört Camelia Popa
versität von Cahul. Während seines schon seit geraumer Zeit zu den priori-
Moldawien-Besuches machte der Staats- tären außenpolitischen Projekten des korrespondenten:
chef auch ein zweites Eingeständnis: rumänischen Präsidenten − es sei dies
Hans Butmaloiu (kronstadt)
Schuld an den schlechten bilateralen eben „eine Herzensangelegenheit“, er-
Alecs Dina (temeswar)
Beziehungen der letzten Jahre sei seine läuterte B`sescu beim Jahrestreffen mit Ruxandra St`nescu (hermannstadt)
eigene „Naivität“ gewesen. „Ich hatte den in Bukarest akkreditierten Bot-
tatsächlich geglaubt, dass (der ehema- schaftern. Auch anläßlich der Mitte Januar anzeigen:
lige) Präsident Woronin meint, was er erfolgten Bukarest-Visite des EU-Rats-
spricht − hatte ihn mit anderen Worten vorsitzenden Herman van Rompuy hauptanzeigenleitung:
eingangs als Proeuropäer eingeschätzt“, hatte sich der Staatschef für eine klare Tel.: (004) 0752 111 347
sagte B`sescu dem Sender ProTV Chi- EU-Perspektive des Nachbarlandes key account manager:
[in`u. Nun aber sei die Ära der „Miss- eingesetzt: „Moldawien braucht posi- Mariana Epure
verständnisse“ zwischen den beiden tive Signale und sowohl finanzielle als Tel.: (004) 0734 722 050
Ländern beendet. auch politische Unterstützung“, erklär- maria.e@punkto.ro
Für Moldawien sei fortan ausschlag- te B`sescu, der − offenbar mit gutem
art director: Alex Baciu
gebend, die „graue Zone“ zwischen EU Beispiel vorangehend − trotz der deso-
einerseits und dem ex-sowjetischen Raum laten Haushaltslage Rumäniens Chi[i- druck: Master Print Super Offset
andererseits zu verlassen und den Weg n`u immerhin eine Hilfe über 100 Mio.
zur EU zu suchen. Rumänien respek- Euro zwecks Modernisierung der mol- vertrieb: Premiere Consulting Press
tiere die Unabhängigkeit und territori- dawischen Infrastruktur versprach. premierepress@yahoo.com

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politik

Wiedersehen Legislative Prioritäten


vor Gericht
Ministerpräsident Boc erklärt
R
egierungschef Emil Boc
(PDL) und seinem libe-
ralem Vorgänger C`lin
„Modernisierung des Staates“ zum
Popescu T`riceanu ist ein Wiederse- obersten Gebot
hen garantiert − und zwar vor

D
Gericht. Die Richter des 5. haupt-
städtischen Bezirksgerichts beschlos- ie neue Legislaturpe-
sen, im Rahmen der von T`riceanu riode ist eröffnet,
gegen Boc eingeleiteten Klage wegen demzufolge knöpfte
Verleumdung beide Politiker per- sich Rumäniens alter
sönlich vorzuladen. und neuer Minister-
Boc hatte Anfang 2009 seinen präsident Emil Boc (PDL) Anfang Feb-
Vorgänger wiederholt bezichtigt, ruar dann auch sofort Senatoren und
durch die Konzessionierung der Abgeordnete vor. In separaten Ansprachen
Förder- und Prospektionsrechte für vor den beiden Parlamentskammern
die Schwarzmeer-Areale Pelikan XIII stellte der Regierungschef die legisla-
und Midia XV an die kanadische Fir- tiven Prioritäten seines Mandats vor. Die
ma Sterling „die Gesetze des Landes Pläne erwiesen sich jedoch nicht nur als aufzufordern − bekanntlich eine weitere
verletzt und dessen Interessen schwer diffus, sondern auch als abgekupfert − Initiative des Staatspräsidenten, die die
geschädigt“ zu haben. Nachdem der teils bei Staatschef Traian B`sescu, teils Wählerschaft im letzten November per
Weltgerichtshof Rumänien im Disput beim IWF bzw. dessen Auflagen. Referendum gutgeheißen hatte. Weitere
mit der Ukraine rund 80% des Schelf- Zum obersten Gebot seines Mandats legislative Vorhaben, die die Regierung
gebiets zugesprochen hatte, stellte erklärte Emil Boc die „Modernisierung“ heuer durchboxen will, sind die Verab-
sich nämlich heraus, dass ein guter des Staates − ein Vorhaben, das Präsi- schiedung des Zivil- und Strafrechtbu-
Teil der Areale, in dem die Behörden dent B`sescu schon während des Wahl- ches, die ab 2011 in Kraft treten sollen,
erhebliche Gas- und Erdölvorkom- kampfes vom letzten Spätherbst zur des Rentengesetzes und der Entwürfe
men vermuten, bereits konzessioniert Chefsache gemacht hatte. „Modernisie- zur Steuerverantwortung sowie zum
war. Die neuen Machtinhaber laste- rung“ scheint im Übrigen das neue Mo- Unterricht − allerdings handelt es sich
ten T`riceanu daraufhin an, kurz vor dewort in der rumänischen Politik zu dabei zumeist um Pläne, die noch im
Mandatsende seinem Parteifreund sein: An allen Ecken und Enden wird letzten Jahr durchgezogen werden soll-
Dinu Patriciu noch schnell ein lukra- „modernisiert“ und gefeilt − ob nun in- ten. Zu den Regierungsprioritären
tives Geschäft zugeschoben zu ha- nerhalb der Parteien selbst an den eigenen, gehört, last but not least, auch ein dras-
ben, da dessen Rompetrol-Konzern verknöcherten Strukturen oder, allgemein- tisches Sparpaket, um das Budgetdefizit
Verbindungen mit der rumänischen er, an Väterchen Staat −, allerdings nur für 2010 von 7,3 auf 5,9% des Bruttoin-
Tocherfirma der Kanadier nachge- auf rhetorischer Ebene. landsproduktes zu drücken.
wiesen werden konnten. Dementsprechend sah der Regie- Die Opposition kritisierte Bocs Prio-
T`riceanu verklagte seinen Nach- rungschef davon ab, die von ihm ange- ritätenliste heftig. Sie beinhalte keine
folger schließlich wegen Verleumdung; strebte „Modernisierung“ genauer zu einzige Maßnahme zur Ankurbelung
auch fordert er eine Entschädigung erläutern, und begnügte sich damit, die der Wirtschaft oder zum Schutz der
über 100.000 Lei sowie eine öffent- Volksvertreter zu einer zügigen Verfas- Jobs in der Privatwirtschaft, monierte
liche Bekanntmachung des Richter- sungsänderung mit Hinblick auf die der Vize-Parteichef der Liberalen (PNL),
spruchs in den Medien. Einführung des Einkammerparlaments Ludovic Orban.

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politik

Der Kommentar

Die Boc-Regierung vor dem Belastungstest


nen Löhne das Barometer bereits auf zulande weder erörtert noch angewendet,
Sturm steht. während die okkulten Interessenskreise
Die Regierung baut augenscheinlich unabhängig der jeweiligen Machtinha-
nur auf den internationalen Kontext. Sie ber business as usual betreiben. Das
hofft auf ein Abflauen der Weltwirtschafts- Netz parteiübergreifender Beziehun-
krise, noch bevor sie sich mit lästigen gen, Einflüsse und Interessen ist bereits
von sabina fati Fragen über potenzielle Wirtschaftsstra- so eng gewebt, dass es inzwischen weit
tegien den Kopf zerbrechen müsste. Die besser funktioniert als der gesamte Rechts-

D
wenigen angekündigten Einzelprojekte staat hierzulande. Aus eben diesem
ie neue Regierung und Reformvorhaben betreffen zumeist Grund sind öffentliche Ausschreibun-
Rumäniens steht auf die Infrastruktur − Er- gen längst zur Farce
wackeligen Beinen. ziehung und Gesund- geworden, bedient
Ihre Stabilität wird heitswesen bleiben wird letzten Endes
nicht nur durch die weiterhin vernachläßigt. Die Regierung baut doch nur die Klientel
Wirtschaftskrise − der das Team um Allerdings könnte die augenscheinlich nur auf den der jeweiligen Regie-
Ministerpräsident Boc offenkundig kaum Exekutive, selbst wenn internationalen Kontext. Sie rungsparteien. Selbst in
Herr wird − oder die hauchdünne Stim- sie es wollte, organische hofft auf ein Abflauen der Krisenzeiten schaut der
menmehrheit im Parlament gefährdet, Gesetze zur Reform Weltwirtschaftskrise, noch Exekutive niemand
sondern auch durch die Einflussnahmen etlicher Schlüsselbereiche bevor sie sich mit lästigen genauer auf die Finger
und Ränkespiele der verschiedenen In- wohl kaum durchs Par- Fragen über potenzielle − mit dem öffentlichen
teressensgruppen, die die Staatsmacht lament bringen − sie Wirtschaftsstrategien den Geldern kann sie folg-
sowohl intern als auch extern schwächen. stützt sich nämlich auf Kopf zerbrechen müsste. lich weiterhin nach Be-
Zu diesen Belastungen gesellt sich das eine klägliche Mehrheit lieben schalten und
Risiko der eigenen Trägheit, da die apa- von nur 6 Stimmen. Und auch die kam walten, ohne befürchten zu müssen,
thische Boc-Regierung bislang außer lediglich dank der 25 Abtrünnigen zu- dass sie irgendwann zur Rechenschaft
den Lösungen (sprich Auflagen) des stande, die von den Liberaldemokraten gezogen würde.
IWF mit keinerlei eigenen politischen in allerletzter Minute zum Überlauf be- 2010 birgt erhebliche Gefahren für
oder wirtschaftlichen Projekten aufwar- wegt werden konnten. die Boc-Regierung: erstens soziale Un-
tete. Das Regierungsprogramm 2010 Die Fragilität der derzeitigen Regie- ruhen, bedingt durch die wirtschaftlichen
entbehrt jeglicher Maßnahmen zur rungskoalition bestehend aus Liberalde- Ungleichgewichte und die steigende
Ankurbelung der krisengebeutelten mokraten (PDL), Ungarnverband Arbeitslosigkeit, und zweitens eine
rumänischen Wirtschaft, die Exekutive (UDMR) und der „Gruppe der Unab- neuerliche politische Instabilität, da die
scheint sich offenbar mit der Kürzung hängigen“ ist jedoch nicht nur quantita- oppositionellen Parteichefs dem der PDL
der öffentlichen Ausgaben voll und ganz tiver, sondern auch qualitativer Natur − nahestehenden Staatspräsidenten längst
zufriedenzugeben. Doch lassen die ersten denn bei den einheimischen Abgeord- unverblümt zu verstehen gaben, ihn ihre
positiven Effekte im Staatshaushalt noch neten hängen Stimmung und Stimme Niederlage bei der Präsidialwahl bitter
auf sich warten, während bei den Gewerk- bekanntlich größtenteils von den eige- bezahlen lassen zu wollen. Und mit
schaften aufgrund der angekündigten nen Interessen ab. Die Prinzipien der Staatschef B`sescu steht und fällt auch
Entlassungswelle sowie der eingefrore- guten Regierungsführung werden hier- die Macht der PDL.

Nr. 1 | MÄRZ 2010 9


politik

Dunkle Wolken am
Sozi-Himmel
Die Antikor-
ruptionsstaatsan-
waltschaft (DNA)
hat unlängst die
einstweilige Sicher-
stellung einer Im-
mobilie des wie-
derholt der Großkorruption bezich-
tigten Ex-Ministerpräsidenten Adrian
N`stase verfügt. Kaum besser erging
Geoan`s Hang zum Esoterischen
es dem zweiten Mann im Staat: Se-
natsvorsitzendem Mircea Geoan` belustigt die Welt

S
warf die Nationale Integritätsbehörde
(ANI) Falschangaben in seiner Ver- enator Mircea Geoan` sitzender Geoan`s Parteikollege Adrian
mögenserklärung vor − er habe es erweist sich nicht nur als Severin ist, streckte der spanische Sozia-
unterlassen, einen Bauvertrag über schlechter Wahlverlierer, list Miguel Angel Martinez urplötzlich
ein 700.000 Euro-Appartement sondern für einen Ver- seine Arme in Richtung Severin aus,
anzuführen, die „Akte Geoan`“ sei treter der Linken auch fuchtelte in dieser Pose sodann mit den
bereits an die DNA-Ermittler weiter- als erstaunlich abergläubig. Dass er sei- Händen herum, als ob er einen Zauber-
geleitet worden. Der Ex-Sozi-Chef ne Wahlniederlage im Präsidentschafts- stab handhabe, und forderte den rumä-
bezeichnete das Vorgehen als „politi- rennen letzten Endes esoterischen Kräften nischen Tagungsvorsitzenden lautstark
sche Vendetta“. Es habe sich ledig- bzw. „energetischen Angriffen“ zuge- auf, ihm das Wort zu erteilen. Ihm sei
lich um einen Vorvertrag gehandelt, schrieb, denen er angeblich ausgesetzt zu Ohren gekommen, dass in Rumäni-
die Fertigstellung der Luxuswohnung, worden war, amüsiert seit Wochen nicht en „energetische Angriffe“ an der
für die er allerdings einen Bankkredit nur die einheimische Polit- und Medien- Tagesordnung seien, erläuterte Mar-
beantragt hatte, sei wegen der Wirt- welt, sondern auch das Ausland. tinez − der sich davor minutenlang be-
schaftskrise ins Wasser gefallen. Es So berichtete der US-Nachrichten- müht hatte, das Wort zu ergreifen, von
sei augenscheinlich, dass man es an- sender CNN, dass „im Land des Grafen Severin aber unbeabsichtigt übersehen
gesichts der Neuwahl der PSD-Par- Dracula“ der „unterlegene Präsident- worden war −, deshalb greife er nun
teispitze auf seine Diskreditierung schaftkandidat mittlerweile einem Eso- auf Zauberei zurück, um von seinem
angelegt habe. teriker vorwirft, ihn mit einem Fluch rumänischen Kollegen beachtet zu
Einen ähnlichen Tenor stimmten belegt und somit um den Wahlsieg ge- werden.
die Verteidiger des früheren Regie- bracht zu haben. Der Unterlegene hätte Als „not amused“ über Geoan`s
rungschefs Adrian N`stase an: Die wohl mehr Knoblauch essen sollen“, Hang zum Esoterischen erwies sich
Verfügung zur Sicherstellung der spöttelte CNN. hingegen Sozi-Ehrenvorsitzender und
„Zambaccian“-Immobilie sei „reine Köstlich amüsiert dürften sich un- Altkommunist Ion Iliescu. Von der
Augenwischerei“, man werde sie an- längst auch die Europaabgeordneten Presse mit Fragen über die potenziellen
fechten. Im „Zambaccian-Fall“, so be- haben: Während einer Tagung des Aus- Auswirkungen „energetischer Angriffe“
nannt nach dem Namen der Straße, in schusses für Auswärtige Angelegenheiten auf Wahlkampfergebnisse bestürmt,
der die umstrittene Immobilie liegt, der Fraktion der Progressiven Allianz grantelte der Altpräsident: „Kehren wir
werden N`stase Bestechung und der Sozialisten und Demokraten im Eu- etwa zurück zu Nostradamus? Wir sind
Amtsmissbrauch zur Last gelegt. ropäischen Parlament, dessen Vize-Vor- doch im 21. Jahrhundert!“

10 Nr. 1 | MÄRZ 2010


coverstory

können. Ponta wird sich folglich hüten,


Machtwechsel in der PSD einen Lokalbonzen vor den Kopf zu
stoßen oder auf die Rückendeckung

„Lieber der junge Schlaukopf und den unerlässlichen Einfluss der


alten Garde zu verzichten.

als der Tölpel!“


Es bleibt abzuwarten, ob unter der
neuen Führung die Spaltung der PSD
noch vermieden werden kann. Die

N
Chancen dafür stehen eher schlecht:
ach endlosen selbst- von 2005, die jetzigen Verlierer hätten Seit Monaten brütet der Reformer-Flügel
zerfleischenden „ihr Schicksal allesamt verdient“, froh- aus Klausenburg über dem Projekt einer
Machtkämpfen und lockte daher „Micky Bakschisch“ Mih`i- neuen Mitte-Links-Partei; nach Pontas
15-stündigem Par- lescu, eine andere Ikone der alten Garde. Wahl hagelte es Rücktritte aus der PSD.
teitag-Marathon kam Nun steckt Victor Ponta in den Schu- Die meisten Abtrünnigen liefen zur
Mitte Februar der Paukenschlag: Victor hen seines Vorgängers. Seine Wahl ver- „Gruppe der Unabhängigen“ über, um
Ponta ist der neue Partei-Chef der Sozis. dankt er einzig dem Einfluss und den gemeinsam mit Gabriel Oprea, ihrem
856 der 1.700 Parteitags-Delegierten ehemaligen Parteikollegen und derzeiti-
stimmten für den 38-Jährigen; der bis- gen Fraktionschef der „Unabhängigen“,
herige PSD-Vorsitzende und unterlegene eine ebenfalls linksorientierte Partei zu
Präsidentschaftskandidat Mircea Geoan` gründen. Last but not least wackelt auch
ging als ewiger Loser in die Parteige- Mircea Geoan`s Stuhl als Senatsvorsit-
schichte ein − auf ihn entfielen trotz der zender gewaltig: Die regierenden Libe-
verzweifelten Strippenziehereien seines raldemokraten spitzen zunehmend auf
Flügels letztendlich nur 781 Stimmen. das Amt des zweiten Mannes im Staat,
9 Kandidaten waren für das Amt des das sie noch zu Zeiten der Großen Ko-
Parteichefs angetreten − vor der Abstim- alition an den damaligen PSD-Chef
Foto: Mircea Moiră
Foto: Octav Ganea

mung waren es schließlich nur noch zwei. abgetreten hatten. Dass die PSD-Fraktion
Der Reihe nach hatten sich PSD-Schwer- den unglückseligen Geoan` zumindest
gewichte wie Adrian N`stase, Miron Glücksvogel Ponta und Pechvogel Geoană
im Senat noch geschlossen unterstützen
Mitrea und Constan]as bürgermeister- würde, scheint eher utopisch, zu sehr
licher „Lokalbaron“ Radu Maz`re zu- Machenschaften Iliescus, N`stases, Mit- haben sich die Flügelkämpfe bereits in
rückgezogen, um dem blutjungen und reas und Maz`res − genauso wie Geoan` der Partei eingebürgert.
politisch unerfahrenen Ponta den Weg 2005 seinen Aufstieg der Unterstützung Von seinem Mentor Adrian N`stase
zu ebnen. „Wir setzen lieber auf den jun- des Klausenburger Flügels sowie der hat Victor Ponta Einiges geerbt − dessen
gen Schlaukopf als auf den «Tölpel»“, Strippenzieherei Viorel Hrebenciucs, der Arroganz, aber nicht auch dessen feine
brachte es ein oltenischer Delegierter grauen Eminenz der Partei, zu verdan- Ironie, dessen Aggresivität, aber nicht
mit direkter Anspielung auf den von Ion ken hatte. Dass Ponta seinen Förderern auch dessen Entschlossenheit und feste
Iliescu geprägten Spottnamen Geoan`s künftig die Stirn bieten bzw. versuchen Hand. Zwar gilt er als kalkülierter und
auf den Punkt. würde, deren Einfluss abzuschütteln, kaltschnäuziger als sein Vorgänger, wes-
Pontas Sieg ist ein deutlicher Sieg der bleibt ebenso undenkbar wie zu Geoan`s wegen manche Politbeobachter dem
alten Garde über Mircea Geoan`, der Zeiten. Die Macht in der PSD ist längst „Schlaukopf“ mehr Führungsstärke zu-
2005 überraschend die Gallionsfigur gesplittet, sie liegt hauptsächlich in Hän- trauen. Doch wird er die Partei ebenso
der Sozis, Altpräsident Ion Iliescu, sowie den der Lokalbarone, ohne deren kon- wenig wie Mircea Geoan` reformieren −
den herrischen N`stase von der Partei- krete Mobilisierung kein Parteichef wie- dafür werden seine Gönner unweigerlich
spitze verdrängt hatte. Der Machtwech- dergewählt und keine Allgemein- oder sorgen.
sel sei die „Rache“ für die „Mauscheleien“ Lokalwahlen mehr gewonnen werden anne warga

Nr. 1 | MÄRZ 2010 11


politik

Eklat

Nach Bespitzelungsaffäre: Diaconescu


kehrt PSD den Rücken

E
lungen werde er seine Zukunft in der
rdbeben in der PSD: „Ja, ich bin eben aus der Sozialdemokrati- PSD abhängig machen, er könne nur
schen Partei (PSD) ausgetreten und werde mich der «Gruppe der hoffen, dass keiner seiner jahrelangen
Unabhängigen» anschließen. Zu weiteren Erklärungen bin ich Kollegen ihn bespitzelt habe, sagte Dia-
nicht bereit“, verlautbarte Ex-Außen- und Ex-Justizminister conescu im Fernsehen. Tags darauf er-
Cristian Diaconescu (51) Ende Februar. Grund für seinen Rück- folgte bereits sein Parteiaustritt.
tritt dürften eine Bespitzelungsaktion und möglicherweise sogar Erpressungsver- Der neue PSD-Chef Victor Ponta
suche im Vorfeld des PSD-Parteitages und der dabei anstehenden Vorstandswahl bedauerte Diaconescus Abgang. „Sollte
gewesen sein. sich die Bespitzelung bewahrheiten und
tatsächlich von einem Mitglied der PSD
Wenige Tage vor Diaconescus Par- angeordnet worden sein, so kann sich
teiaustritt hatte die Journalistin Floriana diese Person auf die allerdrastischsten
Jucan, Herausgeberin des Magazins „Q“, Sanktionen gefasst machen“, so Ponta.
eröffnet, im Besitz eines 36-seitigen Er bitte Diaconescu um Aufschluss so-
Spitzelberichts zu sein, der Aufschluss wohl mit Bezug auf dessen Kandidatur-
über den gesamten Tagesablauf Diaco- rückzug vor der PSD-Vorstandswahl als
nescus in den ersten 10 Februartagen auch mit Hinblick auf die Gründe, die
biete. Jucan zufolge war Diaconescu Tag ihn zu seinem Parteiaustritt bewogen
und Nacht ausspioniert worden, der hätten. PSD-Guru Ion Iliescu äußerte
Bericht sei mit Videoaufnahmen belegt. sich hingegen ungerührter: Diaconescus
Einige der Videos würden „recht kom- Abgang sei zwar bedauerlich, doch han-
promittierende“ Einblicke in das Privat- ter Letzt vor, seine Kandidatur zurück- dele es sich wohl eher um einen Fall von
leben des Spitzenpolitikers gewähren, zuziehen. „Enttäuschung“ darüber, es nicht in die
fügte Jucan hinzu. „Zu mir kam eine Nachdem der rumänische Nachrich- Parteileitung geschafft zu haben.
Person − ich wähnte sie damals dem tendienst erste Unterstellungen der Op- Diaconescu gehört nunmehr der
Flügel Mircea Geoan`s nahestehend −, position mit Bezug auf eine Beteiligung mitregierenden „Gruppe der Unabhän-
die mir den Bericht samt Videos zwecks an der Spitzelaffäre zurückwies, erstatte- gigen“ um Verteidigungsminister Gabri-
Veröffentlichung überließ. Angesichts te Diaconescu bei der Staatsanwaltschaft el Oprea an, die noch in diesem Frühjahr
des bevorstehenden PSD-Parteitages und Anzeige gegen Unbekannt. „Ich möchte in eine Partei umgewandelt werden soll.
der Vorstandswahl, bei der ja auch Dia- klären, ob eine solche Aktion wahrhaftig Pressespekulationen zufolge könnte Dia-
conescu für das Amt des Parteichefs an- stattgefunden hat, ob und wieviel davon conescu deren Parteivorsitz angeboten
treten wollte, beschloss ich, mich aus wahr ist. Meines Wissens nach hat sich werden; auch der Botschafterposten in
diesem schmutzigen Spiel herauszuhalten“, keine Behörde an dieser Aktion beteiligt. Paris und selbst eine Rückkehr an die
sagte die Journalistin dem TV-Sender Deshalb ist es nötig zu wissen, worum Spitze des Auswärtigen Amtes sind an-
Antena 3. Mit oder ohne Druckausübung es hier überhaupt geht“, erklärte der Be- geblich im Gespräch.
zog der PSD-Senator es jedenfalls zu gu- spitzelte. Von dem Befund der Ermitt- heiner krems

12 Nr. 1 | MÄRZ 2010


politik

sei und demzufolge den Sachverhalt


Kämpfen auf verlorenem Posten nicht genau kenne. Wenige Tage später
monierten Hardliner wie Innenminister

Europaabgeordnete Macovei
Vasile Blaga und Partei-Vize Cezar Preda
bereits, dass derartige Angelegenheiten
ausschließlich innerhalb der Partei, nicht

und Preda fordern aber in der Presse oder auf Blogs erörtert
werden sollten. Man werde einen Ausschuss

Reformierung der PDL


zur Novellierung des Parteiprogramms
einberufen, doch sei die Erneuerung der
Partei keineswegs ein neues, sondern

A
ein ständiges Anliegen ihrer Mitglieder.
ls die Liberaldemokra- Auf Distanz gingen letzten Endes sogar
tische Partei (PDL) die restlichen liberaldemokratischen Eu-
vor gut 5 Jahren erst- ropaabgeordneten. Er könne die Kritik
mals an die Macht kam, seiner beiden Kollegen nicht nachvoll-
glaubten die meisten ziehen, sagte MdEP Marian Jean Mari-
Rumänen noch, dass sie es anders als ihr nescu, beide seien der PDL „über Nacht
sozialistischer Vorgänger mache wolle − beigetreten und wissen gar nicht, was
schließlich hatte der wichtigste Exponent bislang alles getan worden ist.“ Die
der Partei, Staatspräsident B`sescu, das Partei sei eine höchst offene, Macovei
Wahlrennen aufgrund seiner Kampfan- und Preda hätten „von dieser Offenheit
sage an die weitverbreitete Korruption profitiert“ und „nun meckern sie, die Par-
gewonnen. Seither sind Jahre vergangen, tei sei nicht offen genug“, so Marinescu
eine neue Ära in der einheimischen Poli- „Korruption bringt Armut“ − gegenüber der Presse.
mit diesem Wahlslogan war Monica Macovei
tik ist durch PDL allerdings nicht ange- Wie allein die beiden Reformer in
in die Europawahlen gezogen
brochen. Ihre Parteistrukturen erweisen ihren Bemühungen um einen Wandel in
sich als ebenso verknöchert wie jene der der Notwendigkeit einer neuen Richtli- der PDL tatsächlich sind, wurde Anfang
Sozialisten, Filz und Klungelei florieren nie sowie einer Neugestaltung der Bezie- Februar ersichtlich, als Präsidialberater
wie eh und je. Jüngst mahnten die libe- hungen zwischen Parteispitze, Lokalleitung Sebastian L`z`roiu in einem Zeitungs-
raldemokratischen Europaabgeordneten und Basis. Macovei rügte die Kriterien, interview verlautbarte, dass „hinter den
Monica Macovei, ehemalige Justizminis- aufgrund derer Parteimitglieder heutzu- reformistischen Äußerungen Monica
terin und Bürgerrechtlerin, und Cristian tage befördert werden − es sei nicht Macoveis und Cristian Predas einzig der
Preda, Politikwissenschaftler und ehema- hinnehmbar, dass Ernennungen „per Wunsch nach einem Parteiamt steckt“.
liger Berater des Staatschefs, eine tiefgrei- Telefon verordnet“ würden und dabei Beide verzichteten daraufhin, ihr 10-
fende Reformierung ihrer Partei an ... einzig die Cliquenwirtschaft zähle. Die Punkte-Reformprogramm noch öffent-
und stießen dabei auf breite Ablehnung. ehemalige Justizministerin regte in die- lich zu machen, es soll nun hinter ge-
In einer Vielzahl von Stellungnahmen sem Sinne die Klärung der überaus ver- schlossenen Parteitüren erörtert werden.
forderten Macovei und Preda seit Jahres- quickten Beziehungen zwischen der Deutlicher hätte es die Präsidentschaft
beginn einen Satz grundlegender Prin- Polit- und Wirtschaftswelt an. allerdings auch kaum signalisieren kön-
zipien und Normen für die PDL − teils, Bei der Parteispitze stießen die For- nen − in ihrem Reformkampf bleiben
um sich doktrinär klarer festzulegen, teils, derungen der beiden Reformer erst auf Macovei und Preda auf sich selbst ge-
um die Oligarchisierung der Partei sowie verhaltene Ablehnung und schließlich stellt. Der Präsident strebt wohl die Re-
deren zunehmenden Klientelismus zu auf offenen Groll. Regierungs- und formierung des Staates, nicht aber auch
unterbinden. Vor dem Leitungsausschuss PDL-Chef Emil Boc erklärte zunächst, seiner eigenen Partei an.
bestanden beide Europarlamentarier auf dass „Herr Preda noch neu in der Partei“ anne warga

Nr. 1 | MÄRZ 2010 13


politik

Parteitag und -wahlen

Die Kardinalfrage der Liberalen: Für oder wider die PDL?


Ginge es nach Parteichef Crin Anto- landesweite Debatten zu unseren Projek-

A
uf den ersten Blick mag nescu, der für ein weiteres Mandat antritt, ten und Vorschlägen einleiten, die eine
die Atmosphäre in der Li- so wäre die PDL schon längst von der Alternative zur Regierungspolitik dar-
beralen Partei (PNL) zwar Bühne. Vor wenigen Wochen hatte Anto- stellen könnten.“ Doch kommt der frühe
harmonischer wirken als in der zer- nescu verkündet, beim Parteitag ein Pro- Parteitag nicht von ungefähr: Antonescu
rissenen PSD, doch trügt der Schein: gramm vorlegen zu wollen, das auf die führt seine Partei derzeit mit eiserner
Die unterschwelligen Animositäten „politische Vernichtung“ der PDL abzie- Hand, wer aufmuckt, lokale Koalitionen
an der liberalen Parteispitze könnten le. „Entweder sie oder wir“, so Antonescu, mit dem liberaldemokratischen Erzfeind
im Verlauf des vom 5. bis 7. März demzufolge im politischen Leben der ins Auge fasst oder gar dem ausgeschlage-
geplanten Parteitags durchaus ex- Landes nur Platz für eine einzige Mitte- nen Angebot einer Regierungskoalition
plodieren. 1.400 Partei-Delegierte Rechts-Partei ist. „Dem Land reichen mit demselben nachtrauert, riskiert in
werden nämlich nicht nur über die zwei große Parteien. Eine davon wären Bausch und Bogen aus der Partei zu flie-
neue Führungsriege, sondern auch wir − als Vertreter der Rechten, die an- gen. Bis zum Herbst hätte der allgemeine
über die Zielsetzungen der Partei dere wäre wohl die PSD als Vertreter der Unmut in der Partei zugenommen, An-
entscheiden. Im Kern geht es darum, Linken. Das ist die Strategie, zu der ich fang März hingegen dürfte Antonescus
ob die PNL tatsächlich das Kriegs- stehe“, erläuterte der Liberalen-Chef. Wiederwahl mehr oder minder in trocke-
beil gegen die regierenden Liberalde- Seine radikalen Ansichten und auch nen Tüchern sein. Ernstzunehmende
mokraten ausgraben will oder nicht. sein autoritärer Führungsstil, der viele Rivalen hat er bislang nicht − denn der
an das gebieterische Gehabe des ehema- liberale Geschäftsmann Viorel Cataram`,
ligen sozialischen Regierungschefs Adri- bis Ende Februar einziger offizieller Her-
Foto: pnl.ro

an N`stase erinnert, ecken jedoch bei ausforderer, stellt für den derzeitigen
immer mehr Liberalen an. So fiel der dem Parteichef keine Gefahr dar. Falls jedoch
moderaten Flügel angehörende Vize-Vor- Ludovic Orban, Erster Vizevorsitzender
sitzende der PNL, Varujan Vosganian, der PNL, oder gar Ex-Ministerpräsident
aus allen Wolken, als Journalisten ihn Popescu T`riceanu im letzten Moment
über diese Kriegsansage unterrichteten: antreten, so könnte der Parteitag für An-
„Das kann ich einfach nicht glauben! tonescu durchaus zur Zitterpartie werden.
Soll das ein Witz sein? So etws kann er Seine Ressentiments gegen Traian B`-
(Antonescu – Anm. d. Red.) nicht gesagt sescu und den liberalen Flügel der Demo-
haben“, lautete Vosganians Reaktion. kraten scheinen der Liberalen-Chef derart
Auch der Ehrenvorsitzende der Libera- zu blenden, dass er die Gefahr, in der
len, Mircea Ionescu Quintus, monierte: seine eigene Partei schwebt, offenbar
„Wir sollten keine Partei anfeinden, son- nicht einmal wahrnimmt: Denn sollten
dern uns auf unser eigenes politisches sich PDL und PSD tatsächlich auf eine
Programm und die Festigung unserer künftig authentische Direktwahl einigen,
Parteistrukturen konzentrieren.“ wofür sich beide Parteien aussprechen,
Ex-Parteichef Popescu T`riceanu so hätte die PNL das große Nachsehen
beanstandete seinerseits die frühzeitige − sie könnte nämlich schon ab 2012 zur
Einberufung des Parteitages. „Ich sehe außenparlamentarischen Partei werden.
Für viele zu autoritär: Crin Antonescu keinen Grund dafür. Wir sollten lieber heiner krems

14 Nr. 1 | MÄRZ 2010


politik

wendig seien. Tatsächlich will der Staats-


chef aber gar keine neue Verfassung,
obwohl die gegenwärtige vor 20 Jahren
verabschiedet wurde und längst über-

Foto: S. Lupsa/Präsidentschaft
holt ist. Wie den meisten anderen Spit-
zenpolitikern schwebt auch ihm bloß ein
„Facelifting“ des derzeitigen Grundgeset-
zes vor − eine Rundum-Novellierung
könnte schließlich die Gefahr einer au-
thentischen parlamentarischen Republik
Analyse und damit die Einschränkung der präsi-
dentschaftlichen Prärogative in sich

2. Amtszeit: Der Präsident


bergen.
Auch mit Bezug auf seine Partei hat
Traian B`sescu keine klare Strategie, ja

und seine Ziele


nicht einmal einen klaren Nachfolger.
Ministerpräsident Boc, der der PDL seit 5
Jahren vorsteht, besitzt weder die notwen-
dige Autorität noch die Führungsquali-
Traian B`sescu weiß, dass er in seiner über 70% der Beteiligten für die Ein- täten, um sich gegen die einflußreichen
2. Amtszeit auf sein ewiges Säbelrasseln führung der Direktwahl ausgesprochen und finanzkräftigen „Barone“ seiner
verzichten muss: keine Scharmützel mit hatten, konnte das Ergebnis des Referen- Partei durchzusetzen. Letztere wollte
dem Parlament, keine überraschenden dums letzten Endes nicht validiert wer- B`sescu zwar zumindest teilweise aus
Beschuldigungen, kein Frontalangriff den, da sich unter 50% der Wählerschaft der Regierung fernhalten, setzte dabei
auf die politische Klasse. Er weiß, dass an der Volksbefragung beteiligt hatten. aber auf ein falsches Pferd: Zu den von
er sich mit der Fortsetzung des Dauer- Das Gesetz wurde abgeändert und trat ihm geförderten jungen PDL-Politikern
krieges ein weiteres Amtsenthebungsver- schließlich in einer äußerst komplizier- gehörte auch Ex-Jugend- und Sportmi-
fahren einhandeln würde − das diesmal ten Form in Kraft − Wirkung zeigte es nisterin Monica Jacob Ridzi, gegen die
angesichts seiner schwindenden Popula- dennoch, da die Legislative aufgrund der die Staatsanwaltschaft mittlerweile wegen
rität durchaus Erfolg haben könnte. B`- Allgemeinwahlen von 2008 um etwa Korruption ermittelt. Dieser Fehlgriff
sescu weiß, dass er viel diskreter auftreten 50% erneuert wurde. Das gleiche Rezept hat einerseits B`sescu vorsichtig gemacht
muss: gefragt sind diesmal weniger Worte der Volksbefragung wendete B`sescu so- und andererseits die Position der altein-
und mehr Taten. Seine Prioritäten visie- dann mit Bezug auf das Einkammern- gesessenen Schwergewichte gestärkt.
ren dementsprechend drei Bereiche: Än- parlament an − wohlwissend, dass er in Einzig seine dritte und letzte, geo-
derung des Grundgesetzes, Reformierung diesem Punkt auf keinerlei Unterstüt- strategische, Priorität scheint beschei-
der eigenen Partei, Stärkung des geostra- zung der Parteien bauen kann. Bislang dene Aussichten auf Erfolg zu haben,
tegischen Einflusses Rumäniens in der konnte der Präsident nicht einmal seine zumal die USA nun Rumänien in ihr
Region. eigene Partei von der Notwendigkeit neues Konzept für ein Raketen-Schutz-
Seine Vision über die Wege zur Neu- dieses Schrittes überzeugen − die Liberal- schild eingebunden haben. Auch tritt
gestaltung der einheimischen Politik hat demokraten (PDL) gehen das Vorhaben der Präsident zunehmend aktiver in der
der Präsident schon 2005 verkündet: eher lustlos und schleppend an. Zudem Schwarzmeer-Region auf, um die Bezie-
Direktwahlen und Einkammerparlament. hat der mitregierende Ungarnverband hungen zur Republik Moldau neu zu
2007 hatte er die Novellierung des Wahl- das Projekt bereits beanstandet und dar- gestalten und die Eisschollen, die sich
gesetzes für die Parlamentswahlen an- auf hingewiesen, dass im Zuge der Re- zwischen Bukarest und Moskau auftür-
hand einer Volksbefragung mehr oder gionalisierung und Dezentralisierung des men, einigermaßen zu umschiffen.
minder erzwungen, doch obwohl sich Staates beide Parlamentskammern not- sabina fati

Nr. 1 | MÄRZ 2010 15


interview

„Unsere einzige Antwort auf Unterstellungen


bezüglich politisch gesteuerter Verfahren
ist gute Ermittlungsarbeit“
Generalstaatsanwältin Laura Codru]a Kövesi über Korruptionsbekämpfung,
verschleppte Gerichtsverfahren und die Akte der „rumänischen Revolution“

Justizminister Predoiu erklärte un- klagte an. 244 Angeklagte waren früher Diese Frage muss ich Ihnen als
längst, keinen günstigen Zwischenbe- hohe Würdenträger, Führungsbeamte CSM-Mitglied beantworten, nicht als
richt der EU über die Lage der rumänischen oder hatten wichtige Ämter inne. Kon- Generalstaatsanwältin. Optimierungs-
Justiz zu erwarten. Sie haben sich dies- kret: 1 Minister, 1 Ex-Minister, 1 Ex-Pre- maßnahmen wurden auch beim CSM
bezüglich optimistischer geäußert. mierminister, 2 Abgeordnete, 1 Geheim- ergriffen, doch gibt es hier etliche Alt-
Wieso eigentlich? dienstdirektor, 2 Subpräfekten, 2 Staats- lasten, die noch abgebaut werden müssen.
Ich hoffe, dass auch im jüngsten anwälte, 1 Richter, 7 Rechtsanwälte u. a. Ein Problem ist beispielsweise das Ge-
Zwischenbericht der EU zum Stand der Die positiven Ergebnisse sind zu einem richtskontrollamt des CSM. Obwohl
rumänischen Justiz sowohl General- guten Teil darauf zurückzuführen, dass das Gesetz vorsieht, dass die Kontrol-
staatsanwaltschaft als auch die Nationale die DNA mit spezialisierten Staatsanwäl- leure aufgrund von Wettbewerben
Antikorruptionsdirektion DNA positiv ten, einer eigenen Kripotruppe und eige- oder Prüfungen eingestellt werden, gab
erwähnt werden. Die EU hat bislang nen Gutachtern arbeitet und Prioritäten es in einigen Fällen nur einfache Vor-
der Arbeit der Staatsanwaltschaft „kon- setzt. Nun heißt es für uns alle, Staats- stellungsgespräche. Deshalb habe ich
stante Fortschritte“ bescheinigt – auch anwaltschaft und Öffentlichkeit, die Ur- gegen die Plenumsbeschlüsse bei der
mit Bezug auf die Korruptionsbekämp- teile abzuwarten. letzten Einstellung Rechtsmittel ein-
fung, einem Bereich, in dem wir streng Das Monitoringverfahren der EU gelegt – ein Vorstellungsgespräch ist
gemonitort werden. In Rumänien wird betrifft aber auch andere Aspekte: die schließlich subjektiv, es fehlen transpa-
je nachdem, wie hoch die Korruptions- einheitliche Rechtspraxis, Personalmaß- rente Bewertungskriterien. Diese Kon-
summe ist und wer der Bestechlichkeit nahmen, die Optimierung der Arbeit im trolleure sind nämlich sehr wichtig –
verdächtigt wird, wegen Klein- oder Allgemeinen. Klar ist: Es wird nur dann sie prüfen die Arbeit an Gerichten und
Großkorruption ermittelt. Ermittlungen eingestellt werden, wenn alle geprüften Staatsanwaltschaften, die Führung der
in Fällen von Großkorruption führt eine Einrichtungen der rumänischen Justiz Anfangsermittlungen, sie entscheiden
Sonderstaatsanwaltschaft, die DNA. genügend Fortschritte vorweisen kön- über Disziplinarverfahren und können
Diese Behörde hat bislang gegen eine nen, um die von der EU-Kommission die Absetzung leitender Staatsanwälte
Reihe ehemaliger und amtierender Minis- angestrebten Ziele zu erreichen. oder Generalstaatsanwälte beantragen.
ter oder Parlamentsmitglieder ermittelt Deshalb müssen sie einfach die Besten
und Anzeige erhoben… Allerdings ist z. B. der Oberste Rat der des Systems sein. Ein Vorstellungsge-
Richter und Staatsanwälte (CSM) in sämt- spräch ohne Standardfragen, ohne
Im Übrigen hat die DNA eben ihren lichen Berichten Brüssels gerügt worden. transparente Kriterien für alle Bewer-
Jahresbericht für 2009 vorgelegt… Meinen Sie, das Gremium hätte sich in- ber bietet keinerlei Garantie, dass
…genau − und der führt insgesamt zwischen derart modernisiert, dass es auch tatsächlich die Besten genommen
168 Anklageschriften gegen 552 Ange- nun den EU-Ansprüchen gerecht würde? würden.

16 Nr. 1 | MÄRZ 2010


Weitere Probleme wären das Perso-
naldefizit und die veraltete Strafprozess-
ordnung …
Das Defizit ist über die Jahre kon-
stant geblieben – landesweit gibt es über
500 unbesetzte Stellen. Doch gehört die
Laufbahn der Staatsanwälte nicht zu
meinen Aufgaben: Einstellung, Beurtei-
lung, Versetzung oder Bestrafung fallen
in den Zuständigkeitsbereich des CSM.
Mit Bezug auf Strafgesetzbuch und
Strafprozessordnung ist und bleibt un-
ser größtes Problem die derzeitige Ver-
fahrensdauer. Wer zur Polizei oder
Staatsanwaltschaft geht, möchte natür-
lich, dass die Ermittlungen möglichst
zügig vorangehen. Wir aber arbeiten
nach völlig veralteten Gesetzbüchern −
so etwa stammt das Strafgesetzbuch aus
dem Jahr 1968, es wurde nie an die neue
Wirklichkeit angepasst. Zudem legen
viele Sondergesetze Straftatbestände
fest, wobei sich durch die Koppelung
dieser Sondergesetze mit dem Strafge-
setzbuch Auslegungsprobleme und
damit eine uneinheitliche Rechtspraxis
ergeben. Die neuen Gesetzbücher und
Prozessordnungen können sowohl das
Problem der Verfahrensdauer als auch
jenes der Überbelastung des Personals
einigermaßen lösen.

Politiker, die unter Korruptionsver-


dacht stehen, behaupten im Falle von
Verzögerungen oder langen Verhand-
lungspausen stets, dass die Staatsan-
wälte schlampig ermittelt hätten. Wie
stehen Sie dazu?
In jenen Fällen, in denen Politiker
Beschuldigte sind, wurden die Ermitt-
lungen größtenteils längst abgeschlossen,
es wurde Anklage vor Gericht erhoben.
Dass es in einigen Fällen jedoch auch
nach 3−4 Jahren nicht einmal zur Haupt-
verhandlung kam, kann keineswegs der
Staatsanwaltschaft zur Last gelegt
Foro: Mircea Moiră
interview

werden. Denn sind die Ermittlun- Ich weise die Behauptung, wir wür- weisungsfrei und unabhängig. Inzwi-
gen einmal abgeschlossen, ist der Staats- den auf Befehl arbeiten oder aufgrund schen sind Staatsanwälte, die gegen
anwalt zwar auch im Gericht dabei, der politischen Couleur eines Verdächti- „große Fische“ ermitteln, zunehmend
doch ist ab dem Zeitpunkt einzig der gen ermitteln, mit aller Entschiedenheit stressfester, sie geben keinem Druck
Richter Herr des Verfahrens. zurück. Seit Oktober 2006, als ich dieses nach. Heutzutage stehen sie eher unter
mein Mandat antrat, hat es keinerlei Er- indirektem Druck – durch Medien,
Und wenn Strafakten der Staatsan- mittlungen gegeben, die auf politisches durch enge Termine. Laut Gesetz kann
waltschaft zurückerstattet werden? Kommando hin angeregt worden wären. sich ein Staatsanwalt beim CSM be-
In einigen Fällen haben wir selbst Dafür verbürge ich mich. Ich sehe aber schweren, falls sich sein Vorgesetzter
über die üblichen Rechtswege Verfah- selbstverständlich genau wie meine Kol- oder sonstwer in seine Arbeit einmischen
rensfehler gerügt und die Akten überar- legen, wie Beschuldigte gleich nach ihrer sollte. Derlei Fälle gab es. Doch hat sich
beitet, diese Fälle Vernehmung durch in letzter Zeit auch der Habitus in der
sind aber wieder vor den Staatsanwalt Politik geändert – ich selbst erhielt noch
In jenen Fällen, in denen Politiker
Gericht anhängig. In schnurstracks ins nie einen Anruf, in dessen Verlauf mir
Beschuldigte sind, wurden die
anderen Fällen – be- nächste TV-Studio ein Politiker sagen würde, stellen Sie
Ermittlungen größtenteils längst
sonders bei Großkor- rennen und sich dann Verfahren X ein oder eröffnen Sie Ver-
abgeschlossen, es wurde Anklage
ruption – wurde zur Akte und den fahren Y. Ich bin zuversichtlich, dass
vor Gericht erhoben. Dass es in
jedoch von den Ver- Beweisen äußern. meine Kollegen – sollten sie denn einem
einigen Fällen jedoch auch nach
teidigern Verfassungs- Wir dürfen das na- solchen Druck ausgesetzt sein – sofort
3−4 Jahren nicht einmal zur
klage erhoben; das türlich nicht. Unsere an die Öffentlichkeit gehen würden.
Hauptverhandlung kam, kann
Verfassungsgericht hat einzige Antwort auf
keineswegs der Staatsanwalt-
diesen Klagen stattge- derlei Unterstellun- Die von Ihnen angesprochene
schaft zur Last gelegt werden.
geben, was der ermit- gen ist gute Ermitt- Unabhängigkeit hat aber auch zu einer
Denn sind die Ermittlungen einmal
telnde Staatsanwalt lungsarbeit. Haben uneinheitlichen Praxis geführt, ein-
abgeschlossen, ist der Staatsan-
natürlich unmöglich wir ausreichend Be- schließlich in Ihren Behörden. Gibt es
walt zwar auch im Gericht dabei,
hätte voraussehen weise, müssen wir sie denn keinen goldenen Mittelweg zwi-
doch ist ab dem Zeitpunkt einzig
können – diese Akten vor Gericht bringen schen Weisungsfreiheit und Rechts-
der Richter Herr des Verfahrens.
wurden uns ebenfalls und ein Urteil ab- sicherheit für den Bürger?
zurückgeschickt. Das warten. Ich kom- Dies ist tatsächlich ein Grundprob-
Problem ist, dass das Verfahren an sich mentiere ungern, was Politiker sagen, lem unseres Rechtssystems – unter-
ruht, bis die Verfassungsklage entschieden doch habe ich diese „Verteidigungsstra- schiedliche Lösungen in eigentlich
ist. Wir haben eine Novellierung der tegie“ nur allzu oft gesehen. Dagegen identischen Fällen. Das verstört den
Gesetze angeregt, damit das ordentliche können wir nichts unternehmen. Ich Bürger und schadet unserem Ansehen.
Gerichtsverfahren weiterlaufen kann, kann nur immer wieder hervorheben, Es ist sehr schwer, einem Menschen be-
während das Verfassungsgericht ent- dass Anklageerhebungen oder Verfah- greiflich zu machen, weshalb er einen
scheidet, aber der Vorschlag ist im Par- renseinstellungen Politiker aller Parteien Prozess verloren hat, wo doch in einem
lament durchgefallen − leider. betreffen. identischen Fall ein anderer gewonnen
hatte. Dass es dabei ausschließlich um
Oppositionspolitiker im Visier der Wie ist es derzeit um die ermitteln- unterschiedliche Auslegungen geht …
DNA beklagen ausnahmslos, dass sie den Staatsanwälte bestellt? Stehen sie Und das betrifft leider nicht nur die
Opfer politisch gesteuerter Verfahren noch unter Druck? Urteilssprüche, sondern auch die Praxis
seien. Mit anderen Worten wird unter- Die Lage hat sich in den letzten der Staatsanwälte. Wir selbst konnten
stellt, dass die Staatsanwaltschaft ei- Jahren stark geändert – und zwar zum bislang etliche Maßnahmen identifizie-
gentlich auf Befehl der jeweiligen Guten. 2004 wurde das Gerichtsverfas- ren, um eine Vereinheitlichung herbei-
Machtinhaber handelt. Wie stehen Sie zu sungsgesetz abgeändert, die Staatsan- zuführen. So werden unrechtmäßige
derlei Äußerungen? wälte sind in ihrer Arbeit weitgehend Entscheidungen widerrufen, auch legen

18 Nr. 1 | MÄRZ 2010


interview

wir derzeit in unserem Intranet eine vir- 19 Jahren ist es extrem schwer, eindeu- Ihnen eröffnen, dass gegen ihn am 7.
tuelle Bibliothek mit Fachaufsätzen an, tige Beweise zu erbringen, die die jewei- Dezember 2004 eine erste Strafverfol-
die Orientierung bieten sollen. ligen Taten belegen. Wir kämpfen da gung einsetzte. Jedoch wurde er bis
mit wesentlichen strafprozessualen Pro- 2009 davon weder offiziell in Kenntnis
Im Dezember 1989 verfolgten Aber- blemen − etwa: Es gab keine Obduktion gesetzt, noch wurden ihm die Anschul-
millionen von Fernsehzuschauern aus der Opfer. Woher nun wissen, ob ein digungen mitgeteilt. Mit anderen Worten
aller Welt die Berichte über die blutigen Opfer erschossen oder totgeprügelt wur- wurde er trotz 2004 eingeleiteter Straf-
Wendeereignisse in Rumänien. Wie ist es de? Auch gab es keine Tatortermittlun- verfolgung bis zu dem Zeitpunkt, zu
derzeit um die Akte „Revolution“ bestellt? gen. Wie können wir nun feststellen, mit dem uns die Akte von der Militärstaats-
Weiß man mittlerweile, was in jenen welcher Waffe geschossen wurde, aus anwaltschaft zugestellt wurde, kein ein-
Tagen tatsächlich geschah? Kennt man welcher Richtung usw.? ziges Mal vernommen.
die genaue Zahl der Opfer? Weiß man, Was Ion Iliescu betrifft, so kann ich das interview führte anne warga
wer geschossen hat und auf wessen Be-

Foto: Mircea Moiră


fehl? Und wie können die Schuldigen
überhaupt noch zur Verantwortung
gezogen werden, wenn die Taten in vie-
len Fällen bereits verjährt sind? Altpräsi-
dent Ion Iliescu etwa, immerhin eine
Zentralfigur jener Tage, hatte sich bis-
lang noch vor keinem Gericht zu verant-
worten ...
Die Staatsanwaltschaft hat seit 1989
in insgesamt 4.500 Strafakten ermittelt
– davon sind zurzeit nur noch zwei in
Arbeit. In 112 Fällen wurde Anklage
erhoben, die Angeklagten wurden zum
Teil verurteilt, einige haben ihre Strafe
bereits abgesessen, andere sind noch im
Gefängnis.
Doch will ich offen gestehen – in der
„Revolutionsakte“ haben wir als Behörde
versagt. Dass wir nach 20 Jahren nicht
alles ermitteln, nicht feststellen konnten,
wer geschossen hat und auf wessen Be-
fehl, ist ein gewaltiges Armutszeichen
für unsere Behörde. Dazu müssen nun
sämtliche Staatsanwälte und deren Vor-
gesetzte stehen, die mit dieser Akte zu
tun hatten. Wir wissen zwar im Großen
und Ganzen, was geschehen ist – in den
112 Fällen ging es u.a. um 6 Armeege-
nerale und 12 Generale des Innenminis-
teriums, die für ihre Befehle vor Gericht
kamen. Doch gehen wir Staatsanwälte
nicht als Historiker an die Ereignisse her-
an, sondern als Juristen. Nach 17, 18,

Nr. 1 | MÄRZ 2010 19


politik

Start für Europas neue Kommission

N
ach einer langen Hän- wohl es zu einem äußerst schwierigen Zeit-
gepartie hat Kommis- punkt startet.“ Er sei bereit, die Reform
sionspräsident Jose der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP)
Manuel Barroso end- kontinuierlich weiterzuführen, sagte
Die Kommission Barroso II: lich offiziell ein Füh- Ciolo[ dem Radiosender RFI. Mit ihm
rungsteam. Das EU-Parlament bestätigte freuten sich in Brüssel auch rund 200
Präsident: José Manuel Barroso (53) die neue Mannschaft Anfang Februar Milchbauern, die das Ende der Amtszeit
Vizepräsidentin & Außenkommissarin: mit klarer Mehrheit: 488 Abgeordnete von Agrarkommissarin Mariann Fischer-
Baroness Catherine Ashton (53) stimmten in Straßburg für die neue EU- Boel feierten.
Wettbewerb: Joaquin Almunia (61) Kommission, 137 votierten dagegen, 72 Der parteilose Ciolo[ studierte Gar-
Arbeit und Soziales: Laszlo Andor (43) enthielten sich. Für Rumänien sitzt der tenbau an der Klausenburger Universität
Binnenmarkt & Dienstleistungen: ehemalige Landwirtschaftsminister Da- für Bodenkultur und Veterinärmedizin,
Michel Barnier (59) cian Ciolo[ im seinen agrarwirt-
Agrarressort: Dacian Cioloș (40) Gremium − ihm schaftlichen Dok-
Verbraucherschutz & Gesundheit: gehört nunmehr tor machte er in
John Dalli (61) das Agrarressort. Frankreich. Für
Fischerei & Maritime Angelegenheiten: Die Kommis- Brüssel war der 40-
Maria Damanaki (57) sion Barroso II Jährige bereits als
Handel: Karel de Gucht (55)
besteht aus insge- Task-Manager für
Erweiterung: Stefan Füle (47)
samt 27 Mit- Landwirtschaft
Forschung & Wissenschaft:
gliedern, darunter und Ländliche Ent-
Maire Geoghegan-Quinn (59)
9 Frauen, ihr Man- wicklung in der ru-
Regionale Entwicklung: Johannes Hahn (52)
dat reicht bis zum mänischen Delega-
Klimaschutz: Connie Hedegaard (49) Die neue Mannschaft um Kommisionspräsi-
Verkehr: Sim Kallas (61)
31. Oktober 2014. dent Barroso tion bei der EU-
Digitale Wirtschaft, Telekommunikation & Kommissions- Kommission tätig,
Medien: Neelie Kroes (68) präsident Barroso bedankte sich bei den ab 2005 arbeitete er sodann im rumäni-
Budget- und Finanzplanung: Europaabgeordneten für die „demokra- schen Ministerium für Landwirtschaft,
Janusz Lewandowski (58) tische Legitimierung“ seines Teams. Er dem er zwischen 2007 und 2008 sodann
Inneres: Cecilia Malmström (41) wolle das EU-Parlament zukünftig mehr als Ressortminister vorstand.
Energie: Günther Oettinger (56) einbinden und sich für einen größeren Gegen seine Ernennung als Agrar-
Entwicklung: Andris Piebalgs (52) Einfluss Europas in der internationalen Kommissar hatte es eingangs erhebliche
Umwelt: Janez Potocnik (51) Politik einsetzen, unterstrich Barroso Vorbehalte gegeben, da Ciolo[ mit
Justiz & Bürgerrechte: Viviane Reding (58) kurz vor der Abstimmung. Gemeinsam rund 50 Milliarden Euro im Jahr den
Wirtschaft und Währungsfragen: Olli Rehn (47) könne man nun beginnen, die Vision größten Posten im EU-Haushalt kon-
Verwaltung: Maros Sefcovic (43) eines effizienten Europas mit einer sozia- trolliert, dafür aber aus einem als hoch-
Steuer- & Zollangelegenheiten: len Marktwirtschaft umzusetzen. korrupt geltenden Land kommt, dem
Algirdas Semeta (47) Der frischgebackene Agrarkommissar die EU-Kommission im Jahr 2008
Industrie: Antonio Tajani (56) Dacian Ciolo[ erklärte sich über die brei- wegen Unregelmäßigkeiten beim Vor-
Bildung, Kultur & Mehrsprachigkeit: te Zustimmung des EU-Parlaments er- beitrittsprogramm SAPARD vorüberge-
Androulla Vassiliou (66) freut: „Mit dieser Mehrheit können wir hend den Geldhahn zugedreht hatte.
Humanitäre Koordination und Krisenhilfe: unser Mandat guten Mutes angehen, ob- a. w.
Kristalina Georgiewa (56)

20 Nr. 1 | MÄRZ 2010


politik

Erste Anzeichen einer


Regierungsumbildung
nister Vl`descu trat wiederum mit Äu-
ßerungen über eine mögliche Besteue-
rung der Renten ins Fettnäpfchen − bei
den erschrockenen Rentnerverbänden
stand das Barometer ebenfalls sofort auf
Sturm. Regierungschef Emil Boc sah sich
letzten Endes genötigt, sich angesichts
der öffentlichen Entrüstung von den Äu-
ßerungen seiner beiden Minister zu dis-
tanzieren; die Regierungskoalition halte
am gegenwärtigen Stand der Dinge fest.
Foto: gov.ro

Während der darauffolgenden Regie-


rungssitzung platzte dem Ministerpräsi-
Nachdem sich Finanzminister Sebas- denten dann der Kragen − allerdings nur
tian Vl`descu und Arbeitsminister Mihai im engsten Kreis, nachdem Staatssekre-
{eitan − beide parteilos − die Gunst des täre und Berater vor die Tür gebeten
Ministerpräsidenten und seiner Regie- worden waren. Laut Nachrichtenagentur
rungspartei durch umstrittene Äußerun- Mediafax redete Boc mit seinen Minis-
gen offenbar verspielt haben, schließen tern Tacheles: Die beiden hätten „das
die Medien eine baldige „kleine“ Regie- Ansehen des Kabinetts schwer beschä-
rungsumbildung nicht aus − zumal im- digt“, sie seien eben „um Haaresbreite“
mer mehr gewichtige sozialdemokratische einer Entlassung entkommen, meldete
Abgeordnete ihrer Partei den Rücken die Nachrichtenagentur mit Bezug auf
kehren und sich der mitregierenden nicht näher genannte Regierungskreise.
„Gruppe der Unabhängigen“ anschließen. Erbost ist jedoch nicht nur der Pre-
Laut Presse könnte Arbeitsminister {ei- mierminister, sondern auch die gesamte
tan durch seinen sozialdemokratischen Regierungspartei PDL. Gegen Finanz-
Vorgänger Marian Sârbu ersetzt werden, minister Vl`descu mehren sich Klagen
der nach seinem Abgang aus der PSD liberaldemokratischer Lokalgrößen,
angeblich seine Rückkehr an den Regie- Bürgermeister und Kreisratsvorsitzender,
rungstisch vorbereitet. er würde die für die Lokalverwaltungen
Arbeitsminister {eitan war mit seinen bestimmten Gelder zurückhalten. Un-
Überlegungen über eine künftige Staffe- zufrieden scheint die PDL-Führungsrie-
lung des Kindergeldes nach Elternein- ge auch mit Agrarminister Mihai Dumitru
kommen in die Kritik geraten. Das Kin- zu sein, da er − laut Presse − zu selbst-
dergeld sei von der Verfassung für alle ständig agieren und sich über die Be-
verbrieft − es sei schließlich ein Recht der schlüsse der Regierungspartei schon des
Kinder, nicht der Eltern, monierten die Öfteren hinweggesetzt haben soll.
zahlreichen Elternverbände. Finanzmi- heiner krems

Nr. 1 | MÄRZ 2010 21


in punkto wirtschaft

Fitch, S&P und Moody’s sehen


Foto: sxc.hu

Grund zur Hoffnung

D
ie internationalen Ratingagen- Ende 2010/Anfang 2011 durchaus mit
turen sehen im laufenden Jahr einer Anhebung seines Ratings rechnen,
einigen Grund zur Hoffnung so Tenconi.
in Rumänien: Hier hätten sich die allge- Auch die Ratingagentur Standard &
meinen Voraussetzungen gebessert, so Poor’s hält eine Ratinganhebung für
die Ratingagentur Fitch, deshalb habe möglich. S&P bewertet Rumäniens Bo-
man beschlossen, den Ausblick Rumäni- nität derzeit mit „BB+“ (die beste Bewer-
ens von „negativ“ auf „stabil“ anzuheben, tung in der Kategorie Ramschanleihen)
Zweithöchste meldete Bloomberg. Fitch hatte den ver- mit negativem Ausblick. Dafür lautet
besserten Ausblick damit begründet, dass die Einstufung der Ratingagentur
Inflationsrate in der EU der IWF und die EU nach Verabschie- Moody’s Baa3 mit stabilem Ausblick.
dung des Budgets 2010 durch das ru- Moody’s rechnet zudem 2010 hierzu-

I
n der EU27 ist die Inflation mänische Parlament die auf Eis gelegten lande mit einem Wirtschaftswachstum
im Januar wie von Ökonomen Teilzahlungen ihres Beistandskredits von 2,3%, erste Wachstumsanzeichen
erwartet gestiegen, die jähr- wieder frei gegeben hatten. Als „positives erwartet die Agentur bereits in diesem
liche Teuerungsrate kletterte von Zeichen“ sei bei Fitch wohl auch die Frühjahr –nämlich ab April.
1,5% im Vormonat auf 1,7%, teilte „Reformbereitschaft der
die Europäische Statistikbehörde neuen Regierung“ er-
Eurostat Ende Februar in ihrer zwei- achtet worden, zitierte
ten Schätzung mit. Allerdings wurde Bloomberg die Chef-
in Rumänien mit 5,2% die zweit- ökonomin des Brokers
höchste Rate in der gesamten Euro- Woods & Co, Raffaella
päischen Union gemessen, lediglich Tenconi. Sollten sich die
Ungarn wies mit 6,2% eine noch Behörden in Bukarest
stärkere Teuerung auf. weiterhin an die Vor-
Davor hatte bereits das Nationale gaben des IWF und der
Statistikamt bekanntgegeben, dass EU-Kommission halten,
hierzulande die jährliche Inflations- dann könne Rumänien
rate im Januar auf 5,2 gegenüber den
im Dezember gemessenen 4,74%
hochgeschnellt sei − eine Steigerung,
die selbst Analysten überraschte. Laut
Mehr Zeit für Defizitabbau
Eurostat sollen sich die Treibstoffe im Die EU-Kommission hat beschlossen, wartet ausgefallen, teilte die Kommis-
Januar am stärksten auf den Preisauf- Defizitsünder Rumänien bis 2012 Zeit sion noch mit. Laut Schätzungen des In-
trieb ausgewirkt haben. zu gewähren, um sein ausgeufertes Defi- ternationalen Währungsfonds (IWF) kam
Die niedrigsten Jahresraten wur- zit wieder in den Griff zu bekommen. Das Rumänien 2009 auf 7,2% Defizit vom
den in Lettland (-3,3%), Irland (-2,4%) sei ein Jahr mehr als bislang im Defizit- Bruttoinlandsprodukt, erlaubt sind hin-
und Estland (-1,0%) gemessen. In der strafverfahren vorgesehen war, ließ die gegen maximal 3%. Demzufolge lobte
Eurozone kletterte die jährliche Teue- EU-Kommission im letzten Monat wissen. Brüssel das drastische Sparpaket, dass die
rungsrate im Januar auf 1,0% gegen- Die Rezession sei hierzulande im Koalitionsregierung unter Emil Boc ange-
über 0,9 % im Vormonat. vergangenen Jahr härter als eingangs er- sichts der Auflagen des IWF verordnet hat.

22 Nr. 1 | MÄRZ 2010


wirtschaft

Statistikamt: Weiterhin kein


Rezessionsende in Sicht
Einziger Hoffnungsträger ist derzeit die Industrie
Mit einem Schlag machte das Na- Schätzungen lagen bei 0,1% bis 0,6% Autoindustrie im Dezember 2009 das
tionale Statistikamt Mitte Februar die Wachstum), fiel die Wirtschaft auch im größte Monatswachstum innerhalb der
zaghaften Hoffnungen der Behörden 4. Quartal 2009 weiter − um 1,5% ge- EU verzeichnet − 6,9% gegenüber De-
und Analysten auf eine leichte Wirt- genüber dem Vorquartal und sogar um zember 2008. Ökonomen sind deshalb
schaftserholung zunichte: Die rumäni- 6,6% gegenüber dem 4. Quartal 2008. der Meinung, dass die Industrie im lau-
sche Wirtschaft ist auch im 4. Quartal Somit erweist sich der Konjunkturein- fenden Jahr zum Hoffnungsträger der
des vergangenen Jahres überraschend bruch in 2009 als besonders dramatisch Wirtschaft wird und erachten die Prog-
auf Quartalssicht geschrumpft. Laut − von einem Rekordwachstum von 7,1 nosen des IWF, der UE und des Finanz-
Statistikamt fiel das Bruttoinlandspro- BIP-Prozent im Jahr 2008 fiel die Wirt- ministeriums, die allesamt von einem
dukt (BIP) zwischen Oktober und De- schaft Rumäniens binnen 12 Monaten auf 1,3%igen Wirtschaftswachstum ausge-
zember 2009 saisonbereinigt um 1,5% ein Negativwachstum von 7,2%. hen, als weiterhin realistisch. „Eine
zum Vorquartal. Damit verzeichnet Ru- Dennoch verweisen die Volkswirte Wirtschaftserholung kann hierzulande
mänien − auf Quartalssicht − das zweit- der Großbanken weiterhin darauf, dass durchaus schneller eintreten, als man
größte Negativwachstum in der EU. es in der Wirtschaft auch etliche positive derzeit erwarten würde. Man sollte die
Noch vor kurzem hatte Finanzminis- Signale gibt. So hatte die einheimische Ausgangsbasis nicht vergessen − da die

EU-Ranking
ter Sebastian Vl`descu verhalten opti- Vergleiche mit der kränkelnden Wirt-
mistisch erklärt, dass „der Frühling in schaft vom letzten Jahr gezogen werden,
der rumänischen Wirtschaft“ zwar noch Negativwachstum fällt natürlich jeder einzelne Schritt zur
nicht so richtig Einzug halten wolle, je- Genesung besonders gut auf. Was aller-
doch ihr „Winter beileibe nicht so schwer“ (4. Quartal 2009 gegenüber dings nicht heißen will, dass noch Wachs-
sei wie viele unken würden. Die nackten der Vorjahresperiode) tumsraten wie in 2006 oder 2007 zu
Zahlen der Statistikbehörde besagen je- erwarten wären. Doch kann das Wachs-
- Lettland -3,2%
doch, dass die Rezession hierzulande tum die erwarteten 1,3%, von denen das
- Rumänien -1,5%
noch keineswegs überwunden ist − dazu - Griechenland -0,8% Haushaltsgesetz 2010 ausgeht, durchaus
hätte es nämlich im letzten Quartal des - Tschechien -0,6% überflügeln. 2010 wird wohl ein Jahr
Vorjahres eines hauchdünnen Wirtschafts- - Ungarn -0,4% des vorsichtigen Taktierens − sowohl in
wachstums bedurft. - Zypern -0,3% der Privatwirtschaft als auch bei den Be-
Obwohl sämtliche Volkswirte und - Italien -0,2% hörden“, meinte ING-Chefvolkswirt
Analysten zum Jahresende mit einer - Spanien -0,1% Nicolae Chidesciuc gegenüber der Presse.
leichten Erholung gerechnet hatten (die Quelle: EUROSTAT anne warga

Nr. 1 | MÄRZ 2010 23


wirtschaft

Regierung hebt staatliche Energiekolosse aus der Taufe


Experten skeptisch gegenüber dem Projekt

D
ie Karten am rumänischen Energiemarkt werden neu gemischt:
Die Regierung hat unlängst die Gründung zweier staatlicher
Energieriesen beschlossen. Den beiden Kolossen sollen sowohl
Wärme- als auch Wasserkraftwerke angehören. Bei Experten
stößt die Idee auf jede Menge Kritik.

Die Energieträume des Ex-Regie- serkraftwerke zukünftig für die Verluste


rungschefs T`riceanu werden wahr – ihm der teuren und weniger effizienten Er-
schwebte schon vor 2 Jahren ein Ener- zeuger sowie der Kohlebranche gerade-
gieriese vor, wie er bereits in Tschechien stehen müssen.
oder Italien existiert. Die heute regieren- Die Initiative der Regierung, für die
den Liberaldemokraten sprachen sich sich besonders Wirtschaftsminister Vi-
damals strikt gegen das Projekt aus. deanu (PDL) stark gemacht hatte, muss
Nun aber hat sich der Wind gedreht: allerdings noch einige Stationen durch-
Die neue Regierung will gleich zwei laufen – so etwa steht die Zustimmung
solcher Kolosse aus der Taufe heben − des Kartellamts noch aus, das sich ein-
aus Wettbewerbsgründen, wie es heißt. gangs recht zurückhaltend geäußert hatte
Beide Energiekonzerne bestehen aus ei- und den Antrag auf Zulassung besonders
nem Mix von maroden Kohlekraftwerken, eingehend prüfen will. Für die Wettbe-
profitablen Atomstrom- und Wasser- werbsschützer ist z. B. problematisch,
kraftwerken sowie stark verschuldeten dass beide Konzerne von Anfang an Quo-
Kohleförderungsunternehmen. Gerade ten von 48% bzw. 44% am rumänischen
Die neuen staatlichen Energieriesen diese Mischung werten Brancheninsider Strommarkt haben sollen − selbst wenn
als hoch explosiv und wenig sinnvoll – die Strategie des Wirtschaftsministeriums
Electra: sie vermuten nämlich, dass damit eher vorsieht, dass diese Marktanteile dann in
• Wärmekraftwerke in Oltenien eine verkappte Rettungsaktion der Wär- den Folgejahren schrittweise reduziert
(Turceni, Rovinari und Craiova) mekraftwerke und Förderindustrie ge- werden (bis 2017 auf 29% bzw. 27%).
• AKW Cernavoda plant ist. Die noch aus der Ceau[escu-Ära Gerade diese Vorgangsweise des Staates,
• Braunkohleunternehmen Oltenia stammenden, technologisch völlig über- zuerst zwei Energiekolosse zu schaffen,
(SNLO) holten Kohlekraftwerke stehen größten- um sie danach programmiert schrumpfen
• Wasserkraftwerke Vâlcea, Târgu Jiu teils längst vor dem wirtschaftlichen Aus, zu lassen und andere Player auf den Markt
und Sibiu nachdem in zahlreichen Städten die Kund- zu bitten, erscheint Analysten absurd.
schaft von der Fernwärmeversorgung ab- Und auch Brüssel muss dem Vorha-
Hidroenergetica: gesprungen und in der rezessionsgebeu- ben zustimmen − denn allein das staat-
• Wärmekraftwerke in Bukarest, Deva telten Wirtschaft die Nachfrage nach In- liche Steinkohleunternehmen CNH steht
und Paroșeni dustriedampf stark zurückgegangen war. mit rund einer Milliarde Euro tief in der
• Wasserkraftwerke Eisernes Tor, Sebeș, Zudem wird die Schließung der Kohle- Kreide, wobei ein Schuldenerlass von der
Buzău, Târgu Jiu, Caransebeș, Hațeg, kraftwerke von der EU aus Umweltschutz- EU-Kommission leicht als Staatshilfe
Argeș, Cluj, Bistrița gründen gefordert. Energieexperten ausgelegt werden könnte.
• Steinkohleunternehmen CNH Petroșani glauben deshalb, dass die profitablen Was- alex gröblacher

24 Nr. 1 | MÄRZ 2010


wirtschaft

Der Kommentar

Haushaltsgesetz 2010: Nüchterner Pragmatismus


basiert diese Zahl auf der optimistischen finden zwischen Investitionskürzungen
Prognose von 1,3% Wachstum im laufen- und Stellenabbau im öffentlichen Dienst
den Jahr. und gleichzeitig auch die Renten auf
In einigen Punkten hat die Politik einem erträglichen Niveau halten. Die
immerhin das letzte Wort behalten. An Exekutive baut, mit anderen Worten,
der Umsatzsteuer von 19% und der auf ein waghalsig-optimistisches Sze-
von ada Flat-Tax von 16% wurde nicht gerüttelt. nario: massive Entlassungen im Staats-
com`nescu
Das sichert einerseits eine einigermaßen sektor und Absorption der somit frei

D
kohärente Steuerpolitik und signalisiert gewordenen Arbeitskraft durch die Pri-
ie Verabschiedung des andererseits, dass die Regierung einen vatwirtschaft. Zumindest in diesem
Haushalts 2010 durch Ausweg aus der Krise sucht, ohne sich Punkt muten die Regierungspläne wie
das rumänische Parla- allzu sehr beim Steuerzahler zu bedienen. Fiktion an: Die meisten bisher beim
ment war zweifelsfrei Diese eher liberale Vision könnte das Staat beschäftigten Arbeiter und Ange-
der entscheidende Fak- Krisenende letztendlich um bis zu sechs stellten können nicht schlagartig umge-
tor für die Weiterführung der Abkommen Monate früher einläuten. Doch ist die schult werden und auch im Privatsektor
mit dem Internationalen Währungsfonds Beibehaltung der Steuersätze keineswegs entstehen neue Jobs nicht über Nacht –
(IWF) und der Europäischen Kommis- mit einer Entspannung der Steuerpolitik selbst dann nicht, wenn die Krise tatsäch-
sion. Nach sechs Monaten Dauerkrise in gleichzusetzen, sondern lich bis Mitte des Jahres
der heimischen Politik mutet inzwischen eher mit einem Festhal- überwunden werden
selbst ein Haushalt, der von 5,9% Defi- ten am bisherigen Kurs. sollte. Das Fehlen eines
zit ausgeht, als weit kleineres Übel an. Immerhin ist der Be- Krisenprogramms und
Ein Glück für Rumänien, dass das ge- schluss, der Wirtschaft Die Exekutive baut auf ein eine selbst nur um einen
genwärtige Haushaltsrezept nicht aus keine neuen Daumen- waghalsig-optimistisches Deut höhere Steuerbe-
der Doktrinküche einer Partei oder Ko- schrauben anzulegen, Szenario: massive lastung fegen immer
alition stammt. Das eher technisch-nüch- auf jeden Fall lobens- Entlassungen im Staatssektor noch täglich Dutzende
terne Dokument wurde, wie schon immer wert. und Absorption der somit frei Firmen vom Markt.
in den letzten 20 Jahren, von unscheinba- Schwachstellen im gewordenen Arbeitskraft Darüber hinaus wer-
ren mittleren Beamten des Finanzministe- Haushaltsgesetz gibt es durch die Privatwirtschaft. den Gewerkschaften,
riums aufgrund von zahllosen Beratungen allerdings auch − und Zumindest in diesem Punkt Rentner- und sonstige
und Verhandlungen mit den beiden sie sind nicht zu dünn muten die Regierungspläne Interessensverbände
größten Geldgebern Rumäniens, dem gesät. Denn Investitions- wie Fiktion an. nicht tatenlos zusehen,
IWF und der EU, erstellt. Und das ist programme im Infra- wie ihre Felle davon-
nur die erste der guten Nachrichten. strukturbereich, wo besonders hoher schwimmen – Proteste und Streiks sind
Denn unter internationalem Druck ge- Nachholbedarf besteht, wurden auf Eis vorprogrammiert. Gibt die Regierung
deiht auch die einheimische Kreativität: gelegt. Auch führen die mit IWF und jedoch im Sozialbereich nach, so gerät
Hüben wird nun plötzlich gespart, drü- der EU abgesprochenen Maßnahmen auch die „Reform des Staates“ alsbald
ben gekürzt, daneben geknapst. Weil das im Endeffekt zu weniger Ausgaben im ins Stocken: Übrig bliebe ihr dann nur
Defizit unbedingt unter 6% liegen muss, Sozialwesen. In der Tat musste die noch ein einziges Spar-Ventil: die In-
wurde es eben auf 5,9% angesetzt – doch Regierung einen goldenen Mittelweg vestitionen noch mehr zurückzufahren.

Nr. 1 | MÄRZ 2010 25


wirtschaft

derheitspaket von rund 15 Prozent ge-


Unternehmen bracht, sagte Brumaru gegenüber der
Presse. Mittels eines IPO (Initial Public

TAROM: Take-off für die Offering − erstmaliges öffentliches An-


bieten von Aktien an der Börse) könnte

Privatisierung
Liquidität beschafft werden, ein Börsen-
listing würde dem Unternehmen nicht
nur eine Kapitalspritze verpassen, sondern
auch für höhere Transparenz sorgen.

K
aum eine Regierung, die früher oder später nicht auch die Privatisie- Im laufenden Jahr sollen als erstes die
rung der staatlichen Fluggesellschaft Tarom überlegt hätte. So auch Personal- und Kerosinkosten zurückge-
das Kabinett Boc. Laut Marin Anton, Staatssekretär im Transportmi- fahren sowie unprofitable Routen ge-
nisterium, ist diese Initiative bereits im aktuellen Regierungsprogramm verbrieft strichen werden. „Zwar geht unser
worden − die Privatisierung des Unternehmens könnte schon 2011 anlaufen. Budget für 2010 noch von 2.450 Mit-
arbeitern aus, nichtsdestotrotz wollen
Davor muss die Fluggesellschaft aller- kaufen wir derzeit auch nicht − es wäre wir bis Jahresende unsere Beschäftigten-
dings erst auf Profitabilität getrimmt wer- nämlich keineswegs rentabel. Nachdem zahl auf unter 2.400 zurückschrauben“,
den, nachdem sie 2009 zum zweiten das Flugunternehmen wieder schwarze so die Tarom-Generaldirektorin. Bis Ende
Jahr in Folge Verlust geschrieben hatte Zahlen schreibt, werden wir ein Aktien- 2011 stehen weitere Entlassungen an,
− operativ lag das Minus bei knapp 22 paket an die Börse bringen“, erklärte das Flugunternehmen will sich letzten
Mio. Euro, die Zahl der Fluggäste war der Staatssekretär. Endes personalmäßig bei etwa 1.000 Be-
trotz Einführung von insgesamt 11 neu- Mehr Details bot Tarom-Generaldirek- schäftigten einpendeln. Manche Dienst-
en Destinationen gegenüber 2008 um torin Ruxandra Brumaru. An die Börse leistungen könnten dabei auf Dritte ex-
12% gesunken. „Aus diesem Grund ver- werde eingangs wohl lediglich ein Min- ternalisiert werden, wie es bei ausländi-
schen Fluggesellschaften gang und gebe
ist − da bei Tarom zurzeit sogar die War-
tungsarbeiten noch mit eigenem Perso-
nal durchgeführt werden.
Die Preispolitik wird wohl auch 2010
vom Markt diktiert, sagt Brumaru, Pro-
motions wie etwa der „Wintermarathon“,
mit günstigen Auslandsflügen zu 50 Euro
plus 9 Euro Flughafengebühren, seien
gut gelaufen. Der Tarom-Chefin zufolge
ist die Lage des staatlichen Unternehmens
trotz der Verluste der letzten beiden
Jahre längst nicht mit jener bei Alitalia,
Malev oder Austrian Airlines, die Milli-
ardenverluste verbuchten und dabei hef-
tig ins Trudeln gerieten, zu vergleichen.
Tarom sei keineswegs in einer verzwei-
felten Lage, deshalb würden auch die
Privatisierungsüberlegungen beileibe
keine Notlösung darstellen, hob Bru-
maru hervor.
heiner krems

26 Nr. 1 | MÄRZ 2010


wirtschaft

Euro kosten liess. Weitere Grundstücke


Business wurden in etlichen anderen Landestei-
len akquiriert, erste Lidl-Einheiten sind

Lidl übernimmt in Ia[i, Pa[cani, Boto[ani, Gala]i, Foc[ani,


Temeswar, Klausenburg, Bistri]a und

Plus-Filialen und setzt


Mediasch geplant.

Krisengewinner Discounter

auf Großexpansion Lidls Expansion erfolgt zu einem für


Discounter durchaus günstigen Zeit-
punkt − 2009 waren sie hierzulande
nämlich die großen Krisengewinner
gewesen. Laut einer GFK Romania-Stu-
die stieg die Zahl der Discounter-Kun-
den im letzten Jahr erheblich − zum
Nachteil der üblichen Großkaufläden.
Hatten 2008 noch 17% der von GFK
Befragten angegeben, ihre Einkäufe
vornehmlich beim Discounter zu täti-
gen, so waren es im Krisenjahr 2009
bereits 22%. Kundenliebling blieben
aber auch im letzten Jahr die Hyper-
märkte − 46% der in Großstädten leben-
den Verbraucher führten an, dieses

D
Plus ist hierzulande seit 2005 mit Einzelhandelsformat vorzuziehen, hält
er deutsche Dis- knapp 100 Filialen und über 2.000 Mit- die GFK-Studie fest.
counterbetreiber arbeitern tätig, die, laut Tengelmann, Die unbestrittenen Krisenverlierer
Lidl, Teil der alle übernommen werden. Lidl war bis- waren im letzten Jahr die Supermärkte
Einzelhandels- lang in Rumänien nicht operativ tätig, − deren Marktanteil fiel von 18% auf 12%.
gruppe Schwarz, nun aber soll offenbar eine zügige Ex- Weitere Leidtragende waren die Tante-
hat hierzulande offenbar Großes vor: pasion stattfinden. Bereits zu Jahresbe- Emma-Läden, die wegen der allgemei-
50 neue Läden will Lidl im laufen- ginn hatte der Discounter verlautbart, nen Liquiditätsknappheit und der stetig
den Jahr in insgesamt 20 rumänischen 50 Läden in insgesamt 20 rumänischen sinkenden Kauflust/Kaufkraft der Rumä-
Städten eröffnen. Städten eröffnen zu wollen. Mit der nen reihenweisen schließen mussten.
Übernahme des Plus-Filialnetzes steigt Laut GFK sind Qualität und Frische
Zudem hat der Discounter jüngst Lidl nun mit einem Schlag zum unbe- der Produkte das Hauptkriterium der
von Konkurrent Tengelmann dessen strittenen Marktführer auf. Der Verkauf einheimischen Kunden bei der Wahl
Plus-Filialnetz in Rumänien und Bulga- bedarf allerdings noch der kartellrecht- ihres Einzelhändlers, es folgen das Preis–
rien übernommen. „Nach intensiver lichen Genehmigung. Leistungsverhältnis, die Preiswahrheit
Prüfung aller Optionen haben wir uns Zurzeit lassen die Schwaben vor den sowie eine gut sichtbare Preisangabe und
für einen Verkauf an die internationale Toren Bukarests ein Logistikcenter hoch- schließlich die Ordnung und Sauberkeit
Unternehmensgruppe Lidl entschieden“, ziehen, des Weiteren wurde im 5. haupt- im Laden. Zusätzliche Dienstleistungen
teilte Karl-Erivan Haub, geschäftsfüh- städtischen Bezirk ein 11.000 m2 großes wie etwa kostenlose Einkaufstüten, Ver-
render Gesellschafter der Unternehmens- Grundstück von PepsiAmericas erwor- packungsservice oder Indoor-Spielplätze
gruppe Tengelmann, Mitte Februar in ben, das sich der Einzelhändler − den für Kinder fallen hingegen eher wenig in
einem Pressrelease mit. rumänischen Medien zufolge − 3,2 Mio. die Waagschale.

Nr. 1 | MÄRZ 2010 27


schwerpunkt

VIP&Premium-Tourismus

Ferien ’mal anders: Rumänien,


wie Sie es (noch) nicht kennen
von camelia popa
Foto: sxc.hu

28 Nr. 1 | MÄRZ 2010


schwerpunkt

15
Jahre sind eine lange Zeit. Doch manchmal dauert es eben, durchaus das Zeug, sich mittelfristig zu
bis einem die Schuppen vor den Augen fallen. So lange Luxuszielen zu entwickeln − z. B. das
waren rumänische Tourismusmanager nämlich von Blind- Donaudelta mit seiner europaweit einzi-
heit geschlagen, so lange, bis ihnen dämmerte, dass sie mit gartigen Landschaft.“
einer obsoleten Infrastruktur am Schwarzen Meer und in Schade eigentlich, denn paradoxer-
den Karpaten internationalen Traumzielen wie der Karibik oder den Alpen weise hat der Luxustourismus trotz
kaum das Wasser reichen können. Das Blatt wendet sich jetzt langsam, da im- Weltwirtschaftskrise weiterhin
mer mehr Investoren verstehen, dass Rumänien selbst reichen und anspruchs- zugenommen, weiß B`dulescu. Diese
vollen Reisenden tatsächlich etwas zu bieten hat – und man sich damit auch im Tendenz hat sich auch am rumänischen
Wettbewerb oft durchaus sehen lassen kann. Markt klar bemerkbar gemacht, da
selbst im Krisenjahr 2009 die Zahl der
Luxuskunden dennoch gestiegen ist.
Foto: sxc.hu

Dafür gibt es im Übrigen laut B`dules-


cu eine einfache Erklärung: Es gab jede
Menge großzügiger Preisrabatte – wohl
mehr als in allen anderen Segmenten
der Tourismusindustrie −, von oftmals
bis zu 70 Prozent, so dass sich viel mehr
Kunden exotische Reiseziele leisten
konnten. Die Reiseanbieter, die im letz-
ten Jahr Luxusziele angeboten hatten,
waren zumindest hierzulande zweifels-
frei die großen Gewinner.
Foto: sxc.hu

Die Frage, ob es in Rumänien denn keinen Luxus-Tourismus anbieten, da


so etwas wie VIP-Tourismus gibt, ist nicht letzterer ganz andere Voraussetzungen
leicht zu beantworten. Wie Traian B`du- beinhaltet. Rumänien kann bereits vieler-
lescu, Sprecher des Branchenverbandes orts mit Premium-Tourismus aufwarten
rumänischer Reiseveranstalter ANAT − etwa über die 5-Sterne-Hotels in et-
erläutert, kann die Tourismusindustrie lichen Großstädten, des weiteren über
diesbezüglich eigentlich mit wenig Nen- die Boutique-Hotels, aber auch im Be-
nenswertem aufwarten: „Tatsächlich reich des Ökotourismus, da mittlerweile
liegen sämtliche Luxusziele, die auf dem in vielen Teilen des Landes hochwertige
einheimischen Markt angeboten werden, Gästehäuser hochgezogen worden sind.
im Ausland − zumeist handelt es sich um Luxusziele gibt es zwar hierzulande noch
exotische Reiseziele. Derzeit können wir keine, was aber nicht heißen will, dass es
mit Bezug auf den rumänischen Markt kein Potenzial gäbe. Aus meiner Sicht
zwar Premium-Reiseziele, jedoch noch haben zumindest einige Landesteile

Nr. 1 | MÄRZ 2010 29


schwerpunkt

Wie viele davon sich mit dem eigenen Jagen − die Leidenschaft
Land zufrieden geben würden, ist frag- für Gutbetuchte
lich, für einheimische Touristen einhei- „Der Jagdsport ist eine Sonderform
mische Luxusziele anzubieten wäre des Tourismus mit wahrhaftig vielen
folglich weniger produktiv. Liebhabern. In Rumänien gibt es bereits
Jagen ist ein teurer Sport; Rumänien eine Reihe von Anbietern, die sich auf
ködert deshalb Ausländer mit einer – diese Marktnische spezialisiert haben.
noch – ansehnlichen Natur, vergleichs- Der gegenwärtige Jagdbestand ermög-
weise niedrigen Preisen und extravagan- licht zudem eine rasante Entwicklung
ten Jagdhütten, in denen früher Diktator dieses Segments − zumal nicht nur ein
Nicolae Ceau[escu und dessen Gefolge tatsächlich breitgefächertes Angebot,
übernachteten. Luxuriöse Pensionen in sondern auch eine entsprechende Nach-
ANAT-Sprecher Bădulescu: Kultur- und Traditionsgebieten wie frage existieren“, freut sich Traian B`du-
Premium-Reiseziele gibt’s auch hierzulande Siebenbürgen, der Maramuresch und lescu, Sprecher des Branchenverbandes
der Bukowina sind für den gehobenen ANAT. Rumänien hat europaweit die
Das heimische Premium-Seg- Öko-Tourismus der Renner. Und auch größten Waldflächen, die rund 30.000
ment ist dafür erheblich besser bestückt. im Donaudelta, in das es früher fast nur Tier- und Vogelarten beherbergen –
Allein in der Hauptstadt Bukarest gibt Camper zog, sprießen kleine Hotels der Hasen, Bären, Wölfe, Füchse, Wild-
es beispielsweise bereits zehn Fünf- Luxusklasse neuerdings wie Pilze aus schweine, Widder, Luchse und andere
Sterne-Hotels, die den Premium-Stan- dem Boden. Zum anderen werden in Wildkatzen, Auerhähne, Bergziegen,
dards voll und ganz entsprechen. Somit Rumänien auch Exzentriker nur zu gerne Hirsche, Wildgänse und Enten .... kein
wäre in Bukarest eine Art „aristokrati- bedient: Eishotels, mongolische Yurten treffsicherer Jäger geht hier leer aus.
scher“ bzw. städtischer Tourismus durch- oder Kasernenunterkünfte sind gleich- Die üppige und abwechslungsreiche
aus möglich, dem die Beendung der Sa- falls gefragt. Landschaft mit Bergen, Wäldern, Seen
nierungsarbeiten eines Teils des Altstadt-
kerns, der Lipscani („Leipziger“) Straße,
natürlich nur entgegenkommen kann.
Weitere Fünf-Sterne-Hotels entstanden in
den letzten Jahren auch an der Schwarz-
meerküste und im Donaudelta − bei den
meisten davon handelt es sich um ein-
heimische Investitionen, die nach Fertig-
stellung dann von einem ausländischen
Management verwaltet werden, sagt der
ANAT-Sprecher.

Markt-Trends
Die Industrie fährt in Sachen VIP-
Tourismus einen Mehrfachkurs – dabei
geht es ihr besonders um die zahlungs-
kräftigen Ausländer. Denn von den rund
1,2 Millionen Rumänen, die ihren Ur-
laub inzwischen hauptsächlich im Aus-
land verbringen, ziehen derzeit nur rund
20.000 Luxusziele vor, 5.000 davon
entscheiden sich dabei für Kreuzfahrten. Das Eis-Hotel am Bulea-See

30 Nr. 1 | MÄRZ 2010


schwerpunkt

gen − hier ziehen die herumstreunenden


Bärenfamilien inzwischen sogar Wochen-
endtouristen an, die es natürlich beson-
ders auf die drolligen Bärenbabies abge-
sehen haben ... und nicht wissen, wie
gefährlich so ein Spass sein kann. Auch
Wanderer laufen immer wieder Bären
über den Weg, nicht immer gehen der-
artige Begegnungen harmlos aus.
Die Jagdbestände selbst sind Staats-
eigentum. Auf Jagdgebiete einteilt, ge-
Foto: sxc.hu

hört das Gelände selbst entweder dem


Staat oder Privatpersonen. Die Jagdge-
und Flüssen tröstet die meisten Jäger sonweise Jagdstopps verhängt werden lände summieren sich auf 5.000 Hektar
über Infrastrukturprobleme hinweg, mussten, hat Rumänien regelrecht mit Tiefebene; 7.000 Hektar Hügelgelände
zudem sind die Waidmänner bekannt- einem Bärenproblem zu kämpfen. Auf und 10.000 Hektar Gebirge. Der Staat
lich sowieso hart im Nehmen. Müssen rund 6.000 bis 7.000 Exemplare wird vergiebt sie zumeist zur Verwaltung an
sie auch, denn nach Gemsen zu jagen, die Bärenbevölkerung derzeit geschätzt, eine breite Masse von Betreibern – Forst-
die in Rumänien besonders schön sind, das sind 60 Prozent mehr als die opti- oder Jägervereine, Rathäuser oder Eigen-
erfordert stahlharte Nerven und perfekte male Zahl von 4.000. Damit liegt Ru- tümer von Privatwäldern. Die meisten
Fitness. Italiener, Deutsche, Österreicher, mänien in Europa auf Platz zwei direkt Gebiete sind allerdings der staatlichen
Kanadier und US-Amerikaner sind am hinter Russland (36.000). Weil die Jagd- Forstwirtschaftsgesellschaft Romsilva
meisten von Rumänien begeistert. quote nie voll realisiert wird, stieg die anvertraut worden.
Rumänien habe das Zeug zum Jäger- Bärenbevölkerung innerhalb der letzten Es hängt also mehr oder minder di-
paradies, schwärmen die Beamten ver- Jahre so stark, dass viele Tiere aus den rekt vom Betreiber ab, wieviel Profit er
schiedenster Branchenverbände, umso Wäldern regelrecht in die Städte migrie- aus seinem Gelände nach Abzug der
mehr faktisch rund ums Jahr gejagt wer- ren, wo sie Müllhalden plündern. Bra[ov/ Gebühren herausschlägt. Weshalb mehr
den kann. Bislang konnte dieses Poten- Kronstadt und andere Gebirgsstädte des oder minder? Weil vieles auch von dem
zial kaum erschöpft werden; nur wenige Prahova-Tals können ein Lied davon sin- Standort selbst abhängt. So räumte der
Millionen Euro im Jahr werden zurzeit frühere Direktor der Forstverwaltung von
aus dem Jagdtourismus eingenommen: Suceava ein, dass besonders deutsche
eine Bagatelle im Vergleich zu Ungarn und österreichische Jäger seinen ansons-
oder gar Spanien, wo die Einkünfte bis ten ansehnlichen Bezirk meiden würden,
in die neunstelligen Millionenbeträge weil die Straßen eben schlecht seien und
reichen. Das hat aber auch etwas mit die Anfahrt dementsprechend viel län-
den Jagdgebühren zu tun, die in Rumä- ger als nötig dauert. Wer mit dem Auto
nien unter den international üblichen aus Österreich oder Deutschland anreist,
Sätzen liegen. Vielleicht dachten die Be- kann direkt nach der westrumänischen
hörden ja eingangs, dadurch letzten Endes Grenze Halt machen – in den Gebieten
mehr Jäger anzulocken − auf jeden Fall Bihor, Arad oder Timi[. Standortnach-
ging diese Rechnung nicht auf, was be- teile können jedoch ihrerseits abgefan-
sonders am Beispiel der Bären ersicht- gen werden − wer Beziehungen hat, läßt
lich wird. Denn während in anderen sie spielen und bringt gegenwärtige oder
europäischen Ländern die Zahl der Bären ehemalige Würdenträger, Topmanager,
so stark zurückgegangen ist, dass aus Banker und sonstige steinreiche Waid-
Angst vor dem Aussterben der Tiere sai- männer nach Rumänien.

Nr. 1 | MÄRZ 2010 31


schwerpunkt

Wenige Jagdpartien ziehen hierzu- tobte, wie stets, über das „Wildschwein- kram und sorgen für Ausflüge zu Sehens-
lande so viel Aufmerksamkeit auf sich gemetzel“. würdigkeiten in die benachbarten Gebiete.
wie jene des international bekannten Doch muss der Jagdliebhaber, der Der Spaß ist allerdings nichts für
Geschäftsmannes Ion }iriac, der alljähr- sein Waidmannsheil einmal in Rumäni- Sparerseelen: Für drei Tage sind 1.500
lich im Januar bei Balc (Verwaltungsbe- en ausprobieren möchte, nun keineswegs Euro allein für die als in Rechnung ge-
zirk Bihor) sein Waidmannsheil sucht. zwingend im Besitz einer VIP-Einladung stellten Kosten des Veranstalters eher
Doch der Medienrummel ist verständ- sein. Auf Jagdtourismus spezialisierte die Regel als die Ausnahme, denn es
lich. Allein die geladenen Gäste würden Reisebüros sind Rundumversorger. Sie muss für Unterkunft, Essen, Transport
wohl spielend einen nicht unwesentlichen buchen die Hotels und die Jagdhütten, ins Jagdgebiet, Dolmetscher usw. gesorgt
Teil des rumänischen Bruttoinlandspro- erledigen den lästigen Behörden-Papier- werden. Und danach geht es erst richtig
dukts aus der eigenen Tasche bestreiten an die Kredikarte: Denn der Staat kassiert
können, wenn es darauf ankäme. So ent- Trophäengebühren, die sich sehen lassen.
spannten sich Anfang 2010 in Balc Wirt- Für einen Bären sind bis zu 7.000 Euro
schaftsbosse wie Wolfgang Porsche, fällig, für einen Wolf bis zu 500 Euro,
„Fruchtsaftkönig“ Franz Rauch, der ehe- am teuersten sind die Hirsche, die mit
malige Präsident von DaimlerChrysler, bis zu 8.800 Euro aufs Konto schlagen
Klaus Mangold, Cartier-Juwelier Alfred können. Wegen der in ganz Europa gras-
Baumhauer und der Markenguru von sierenden Wirtschafts- und Finanzkrise
VW und Daimler, Wolfgang Bernhard. hat die Zahl der ausländischen Jagd-
Auch wichtige Politiker und VIPs aus sportler trotz inzwischen erheblicher
dem Sportgewerbe waren mit von der Preisrabatte abgenommen – in manchen
Partie, so etwa der österreichische SVP- Jagdgebieten sogar dramatisch. Im Jahr
Chef Rudolf Streicher, der Bürgermeis- 2007 ließen sich in Suceava 12 Jäger
ter von Monte Carlo, Marsan George Braunbärpässe ausstellen – ein Jahr
Inigo Herrera, oder die früheren Tennis- später war es ein einziger. Wen die Jagd-
stars Boris Becker und Goran Ivanisevic. lust dennoch nach Rumänien verschlägt,
Insgesamt wurden binnen zwei Tagen schießt zurzeit nur billigeres Wild, ver-
130 Wildschweine erlegt − die Presse Ion Țiriac und seine Gäste im Jagdrevier Balc raten Brancheninsider.

32 Nr. 1 | MÄRZ 2010


schwerpunkt

hier muss zweifelsfrei ein goldener Mit-


telweg gefunden werden zwischen Na-
turschutz und Tourismus, um das delikate
Gleichgewicht der vielen zusammenhän-
genden Ökosysteme nicht zu stören oder
gar zu zerstören. Gerade der VIP- oder
Premiumtourismus würde deshalb bes-
tens zum Gebiet passen – wenige Tou-
risten, dafür aber zahlungskräftig. Für
Werbung ist gesorgt, das Delta gehört
Profit aus der Jägermarke Das Donaudelta: Juwel ja, längst zu den Geheimtipps für Naturfre-
Ceau[escu aber ungeschliffen unde aus aller Welt. Und dass im letz-
Aus welchen Gründen auch immer, Einzigartig und dennoch weitgehend ten Jahr der Naturpark im Delta den
stehen viele ausländische Jäger auf eine unbeachtet – dass das Donaudelta als „Golden Apple“ zugesprochen bekam –
offenbar exotischere Attraktion als das Reiseziel bislang vernachlässigt wurde, eine Art Oskar des Tourismus, vergeben
Jagen selbst – sie tragen sich auf ellen- sehen nicht wenige Repräsentanten der von der Fédération Internationale des
langen Wartelisten ein, um zu einem der Tourismusindustrie als eine Riesenschande Journalistes et Ecrivains du Tourisme
begehrten Übernachtungsplätze in den an. Das Delta ist derzeit bereits ein „hot (FIJET) – mag auch nicht schaden, ganz
Jagdhütten des früheren kommunistischen topic“, aber ein sehr empfindsames. Denn im Gegenteil. Das Problem ist aber auch
Diktators Nicolae Ceau[escu zu kommen. in diesem Fall, wie fast überall im Land,
Foto: sxc.hu

25 solche zum Teil extrem luxuriöse die Infrastruktur. Unterkünfte sind dürf-
Jagdhütten in der Mitte der schönsten tig und anspruchslos, da die Dörfer und
Wälder Rumäniens standen dem „ersten Resorts jedoch nur über enge Wasser-
Jäger des Landes“, wie sich Ceau[escu straßen zu erreichen sind, kostet auch
gerne feiern ließ, jederzeit zur Verfügung. die Versorgung mehr, daher steigen die
Stolz führte er den Ostblock-Promis Übernachtungspreise zum Teil ins Un-
seine Schätze vor. Vor dem Kaminfeuer ermessliche. Eine Flasche einheimisches
lassen sich heute prominente Ausländer Tafelwasser kann so viel kosten wie ein
wie König Juan Carlos von Spanien, der Perrier oder Evian in einem Vier-Sterne-
Scheich von Qatar oder die Hollywood- Hotel in Paris.
Diva Nicole Kidman berichten, wie das Die Landschaft selbst kann man nur
Wild damals gedopt werden musste, damit in Kleinbooten und mit einem guten
das Karpatengenie ja nicht danebenschoss. Führer richtig genießen, das wissen die
Das Problem solcher Jagdhütten liegt Einheimischen und zocken Touristen
allerdings darin, dass sie in der Regel nicht selten ab. Sollte aber mehr investiert
nur über vier bis fünf Zimmer verfügen werden − in Innenstraßen, in kleine Mari-
und für größere Jagdpartien demzufolge nas bei Gheorghe, Murighiol und Enisa-
eher ungeeignet sind. Auf jeden Fall aber la, in Beobachtungstürme für Naturkenner
schlägt die staatliche Forstwirtschaftsge- − könnte der ungeschliffene Diamant in
sellschaft Romsilva, die die Jagdhütten vollem Glanz erstrahlen. Denn Kunden
betreibt, aus der Marke Ceau[escu schö- gibt es – dass im Jahr 2009 allein an Bord
ne Gewinne heraus. Allein 2006 kam über von 115 Kreuzfahrtschiffen fast eine
eine halbe Million Euro Einnahmen zu- Viertel Million Touristen das Donaudel-
sammen, in den nächsten Jahren pendel- ta besuchten, kommt nicht von ungefähr.
te sich die Summe bei etwa 700.000 Die ersten Großinvestoren haben das
Euro ein. große Geld längst gerochen und sind

34 Nr. 1 | MÄRZ 2010


schwerpunkt

das nicht entgehen lassen will, muss je-


doch keinswegs genauso prähistorische
Unterkünfte in Kauf nehmen. Die Zahl
der Luxuspensionen nimmt rapide zu,
da immer mehr Unternehmer auf EU-
Fonds zurückgreifen und der Staat die
Infrastruktur zumindest zu verbessern
sucht. Wer es hingegen ganz exotisch
haben möchte, darf sich auf beinharte
Erlebnisse einstellen. In Or`[tie in der Nä-
he von Sibiu kommen Armee-Fanatiker
derzeit voll auf ihre Kosten. Eine alte
Rüstungsfabrik ist zum Vier-Sterne-Ho-
tel umgebaut worden. Touristen amüsie-

Foto: sxc.hu
ren sich zwischen Panzerfahrzeugen und
Flak-Geschützen, wohnen in Kasernen-
bereits da. Das britische Unternehmen können dann in Absprache mit den Mu- unterkünften, schlafen sich in Panzern
Sagharchi & Associates ließ für 7 Millio- seumsleuten Ferien organisieren“, so aus oder fassen Essrationen direkt aus
nen Euro das Delta Nature Resort mit George Blejan, Vizebürgermeister der Metallschüsseln in der Soldatenkantine.
30 Luxusvillen am Ufer des Somova-Sees Bezirkshauptstadt Tulcea. Noch ungewöhnlicher geht es ab die-
bauen. Nahe des Fischerdorfs Murighiol, sem Frühling in Câmpul Cet`]ii (Bezirk
im Übrigen ein Wasserdorf zum Delta, Ferien für Hobby-Anthropologen Mure[) zu − die Mongolei selbst ist zwar
entsteht mit EU-Finanzierung ein an- und Exoten weit entfernt von Europa, aber ein mon-
deres Feriendorf der Oberklasse. „Die Nicht nur die Natur zieht Touristen golisches Dorf gibt es mitten in Rumä-
Ortschaft hat ein hohes Potenzial für an, sondern auch die seltsam anmuten- nien. Touristen können in Yurten – die
die Reiseindustrie und das soll nun mit- den orthodoxen Oster- und Weihnachts- Zeltwohnungen der zentralsiatischen No-
tels Großinvestitionen erschlossen wer- bräuche, die von Ort zu Ort leicht un- maden – übernachten und sich mongoli-
den“, versprechen die Bezirksbehörden. terschiedlich sind und oft noch aus vor- sche Kost einverleiben, ganz wie zu Zeiten
Das Konzept ist vielversprechend, christlichen Urzeiten stammen. Wer sich Dschingis Khans oder Tamerlans.
die Privatwirtschaft baut Hotels und
Pensionen nach dem Motto „Luxus in-
mitten der Natur“. Im Dorf Parche[ am
Ufer des Somova-Sees haben britische
Investoren vor vier Jahren unter Beauf-
sichtigung des Architekten des König-
lichen Hauses Großbritanniens ein
Fischerdorf nachgebaut.
Dem Beispiel folgen inzwischen ru-
mänische Investoren bei Victoria am Ufer
des Zag`n-Sees. „Es ist kein Dorf an sich,
sondern eher ein Feriencamp, das einem
Dorf nachgestellt ist. Hier werden typi-
sche Fischerhäuser naturgemäß nachge-
baut, mit dem kleinen Bootshaus direkt
hinter dem Garten, den Fischernetzen
und dem restlichen Bedarf. Reisebüros

Nr. 1 | MÄRZ 2010 35


schwerpunkt

„Wer das Prinzip Kundenzufriedenheit nicht auf die


leichte Tour kapiert, kriegt es vom Markt mitleidslos
eingehämmert“
Rundtisch-Gespräch mit Mihai Voicu, Generaldirektor der Reiseagentur Transilvania
Travel, und Ion Antonescu, Präsident der Reiseagentur Marshal Turism, über die
Leiden und Aussichten der Industrie sowie über das Rumänien-Angebot 2010

Meine Herren − der Branchenverband 2009 bringen dürften. Das ist bereits ein Mehrheit der Reisebüros und Dienst-
der Reiseveranstalter Rumäniens, ANAT, gutes Zeichen, doch gilt es abzuwarten, leister stehen längst für fairen Service
hofft, dass die einheimische Touristikin- ob die erwartete Entwicklung auch tat- am Kunden. Das ist eventuell auch eine
dustrie sich in diesem Jahr allmählich zu sächlich eintritt. Die Prognose ist in dem Folge der Tatsache, dass die rumänischen
erholen beginnt und dementsprechend Maße realistisch, in dem sie sich auf Markt- Kunden immer besser informiert sind
um mindestens 5% wachsen wird. Wie studien im Kontext der Rezession stützt und servicebewusster werden.
realistisch erscheinen Ihnen als Branchen- – aber das können Ihnen nur die Planer Mihai Voicu, TT: Es hat bis letztes Jahr
insider solche Erwartungen? Schließlich bestätigen, die an der Strategie für diese einen positiven Trend gegeben, doch
ist die Krise in Rumänien noch keines- 5% gearbeitet haben. Und ja, die spezifi- gehört die Reiseindustrie nun einmal zu
wegs bewältigt, während der Staat bis- schen Probleme einer schwierigen Zeit sum- den Branchen, die am stärksten von den
lang einen recht miesen Job tut ... mieren sich zu den Altlasten im Tourismus. Auswirkungen der Krise getroffen wor-
Mihai Voicu, Transilvania Travel (TT): Ion Antonescu, Marshal Turism (MT): den sind. Versuchen wir es ’mal mit etwas
Das Wachstum, von dem der Branchen- Die Auswirkungen der Weltwirtschafts- Galgenhumor: Unser „Glück“ in der
verband ANAT spricht, geht in erster krise werden aus meiner Sicht in diesem weltweiten Rezession lag einzig darin,
Linie von den Frühbuchungsprogram- Jahr sogar stärker zu spüren sein als 2009 dass der rumänische Tourismus eher ein
men aus, die ein Plus von 5% gegenüber – aber dennoch erachten wir die ANAT- Insidergeschäft ist – die Zahl der Aus-
Prognose als realistisch. Wir selbst rech- länder, die Rumänien besuchen, ist kei-
nen mit einem Umsatzplus von 10% in neswegs umwerfend, selbst wenn sie vor
diesem Jahr. der Krise im Steigen begriffen war. Wir
müssen also mehr Rumänen überzeugen,
Wie sehen Sie denn die allgemeine ihre Ferien im eigenen Land zu verbrin-
Evolution der einheimischen Touris- gen. Ohne eine entsprechende Zahl von
musindustrie im Verlauf der letzten Auslandsbesuchern wird der Weg zu
Jahre? Wo hapert’s derzeit immer noch? einer richtigen Industrie allerdings ein
Ion Antonescu, MT: Wenn wir unter langer sein − selbst wenn das Potenzial
„Entwicklung“ auch den Umgang der da ist. Dass die TUI wieder in Rumä-
Reiseveranstalter mit ihrem eigenen nien arbeitet, ist eine Bestätigung und
Geschäft oder die Ansprüche der Kun- ein positives Signal für die nächste
den gegenüber den Touristikdienstleis- Zukunft. Aber wie man es auch dreht
tungen einbeziehen wollen, dann kann und wendet, das Problem unserer In-
Mihai Voicu, Generaldirektor der Reiseagentur auf jeden Fall von einer positiven Ent- frastruktur ist und bleibt akut. Und ich
Transilvania Travel wicklung gesprochen werden. Die breite meine damit nicht nur die Straßen, son-

36 Nr. 1 | MÄRZ 2010


schwerpunkt

dern die touristische Infrastruktur ins- Hotels, die wir in Ferienorten wie Pre-
gesamt. Wenn ein Kunde mit seinem deal, Buzia[ und Bad Felix oder in Groß-
Hotel in punkto Unterkunft und Küche städten wie Bra[ov/Kronstadt oder
zwar zufrieden ist, er sich aber dafür auf Ploie[ti betreiben – es ist ja im Moment
seinem Zimmer langweilt, weil das Frei- so, dass die Fahrtdauer vom Bukarester
zeit- oder Ausflugsangebot unzureichend Flughafen Henri Coand` nach Ploie[ti
ist, wird er es sich bei der Urlaubsplanung oder Bra[ov zuweilen kürzer ist als bis
im nächsten Jahr zweimal überlegen, ob in die kilometermäßig weit näher gele-
er wiederkommt. gene Bukarester Stadtmitte − ganz ein-
fach, weil man sich bis dahin durch
Vor dem Krisenjahr 2009 hatte es in endlose Staus wälzen muss.
der Branche doch eine gute Dynamik
gegeben, wobei tendenziell jedoch die Wie hat die Branche, wie hat Ihr
Geschäftsreisenden gegenüber Ferien- Unternehmen das verheerende Jahr
reisenden immer überwogen haben. 2009 überstanden? Ion Antonescu, Präsident der Reiseagentur
Wäre in diesem Sinne mit einer baldigen Mihai Voicu, TT: Wir waren 2008 Marshal Turism
Trendwende zu rechnen – eventuell noch aus guten Gründen optimistisch,
sogar in diesem Jahr? doch begriffen wir dann relativ schnell, Auch die Reisepreise fielen im letzten
Ion Antonescu, MT: Wir sind bei Mar- dass die Ausläufer der Krise im Westen Jahr deutlich, vor allem die Ticketpreise
shal Turism schon immer auf Geschäfts- Rumänien nicht verschonen wird. Also im Flugreisegeschäft. Das hat natürlich
reisen orientiert gewesen – dieses Touris- haben wir unsere Ziele neu gesetzt. Un- bei fast gleichbleibender Kundenzahl zu
mus-Segment macht derzeit rund 70% term Strich sind wir nicht härter getroffen, weniger Einnahmen geführt.
unseres Geschäfts aus. Im laufenden als wir es erwartet hatten. Die Einbrüche
Jahr können wir allerdings nur hoffen, waren nicht unwesentlich, lagen aber in Wie sieht Ihr Angebot für 2010 aus?
diese Gewichtung halten zu können − den Margen, mit denen wir gerechnet Womit können deutschsprachige Touris-
mehr scheint zurzeit noch nicht drin. hatten (15–20 %). Die Dynamik war ten rechnen?
Mihai Voicu, TT: Die Gewichtung des unterschiedlich in den verschiedenen Mihai Voicu, TT: Transilvania Travel
Geschäftstourismus widerspiegelt eben Bereichen, in denen wir arbeiten. So ist der Reiseveranstalter der SIF Transil-
das Profitpotenzial des Landes, das ist etwa mussten wir die größten Verluste vania, einer großen Treuhandholding.
klar. Bietet Rumänien wieder gute In- im Schwarzmeertourismus hinnehmen, Mit 20.000 Plätzen in 60 Hotels sind
vestitionsmöglichkeiten, kommen auch am besten lief hingegen das Kurgeschäft. wir eigentlich der größte Investor im
die Business-Touristen wieder. Aus Sicht Reagiert haben wir mit Rabatten von rumänischen Tourismus. Unsere Hotels
der Auslandsgäste betrachtet, gilt auf 10% bei einem verbesserten Basisange- sind über die ganze Schwarmeerküste
jeden Fall: Ist es interessanter, nach Ru- bot, einer effizienteren Werbepolitik verteilt – Eforie Nord, Eforie Sud, Nep-
mänien geschäftlich zu reisen als zu Fe- über Online und selbstverständlich tun, Venus und Saturn, andere liegen in
rienzwecken? Dies entspricht dem Trend durch Kosteneinsparungen. Gebirgs- und Luftkurorten wie Bad Felix,
von vor 2009. Ich denke aber, dass eine Ion Antonescu, MT: Wir haben ver- Tu[nad, Covasna, Buzia[, Predeal oder
Trendwende durchaus eintreten kann, mehrt auf Kosteneinsparungen gesetzt – Oglinzi sowie in den Großstädten Bra[ov
weil der Geschäftstourismus abnimmt und damit meine ich leider auch Per- und Ploie[ti. Aber wir bieten sekundär
und die Zahl der eigentlichen Touristen sonalkosten. Aber dadurch konnten wir auch Auslandsreisen an. Wenn wir uns
zunimmt – zum Beispiel durch das Mit- uns im schwarzen Bereich halten. Aller- den deutschsprachigen Raum ansehen,
wirken der TUI. Was uns bei Transilva- dings ist auch bei uns, bei Marshal Turism, zählen deutsche Touristen zu den stärks-
nia Travel angeht, setzen wir mehr als der Umsatz im Jahr 2009 zurückgegan- ten Abnehmern. Deutsche Touristen in-
bisher auf das Business-Segment. Wir gen. Das hängt aber nicht ausschließlich teressieren sich in erster Linie für Bad
wünschen uns neue Kunden für die mo- mit dem Rückgang der Touristenanzahl Felix, ein seit 30 Jahren sehr nachge-
dernisierten Konferenz-Center in den oder der abgeflauten Reiselust zusammen. fragtes Traditionsziel. Wir können dort

Nr. 1 | MÄRZ 2010 37


schwerpunkt

insgesamt acht Hotels anbieten, wobei gemeinsam mit ihm ein Programm zu- Ion Antonescu, MT: Nicht alle Anbie-
wir in letzter Zeit die Vier-Sterne-Häuser sammen. Das ist für VIP-Kunden eine ter haben hierzulande verstanden, wie
komplett saniert haben. Selbstverständlichkeit. man mit Kunden umgehen muss…
Ion Antonescu, MT: Für unsere rumä- Mihai Voicu, TT: Die Signale deuten Mihai Voicu, TT: ... richtig, die Dienst-
nischen Kunden haben wir sehr viele tatsächlich auf ein steigendes Interesse leistungen sind leider die Achillesferse
Angebote vorbereitet – Ferienziele im der deutschen Touristen an Rumänien unserer Branche und haben tatsächlich
Inland (zu dieser hin. Das freut uns sehr viel mit der Mentalität der ein-

Foto: sxc.hu
Jahreszeit noch im besonders, da die heimischen Mitarbeiter zu tun. Aus
Gebirge, aber auch deutsche Kund- meiner Sicht ist die Personalpolitik in
in Luftkurorten, ja schaft eine sehr der Gastfreundschaftsindustrie noch in
selbst an der gute ist – selbst keinster Weise marktgerecht. Ich per-
Schwarzmeerküste) dann, wenn wir sönlich finde, dass das Potenzial der
und im Ausland nicht vom VIP- Branche, ihre Chancen oft gar nicht
(Stadttouren, exoti- Segment sprechen. richtig wahrgenommen werden. Jedoch
sche Ziele, Kreuz- Streng auf VIP-Kun- ändern sich die Dinge bereits einiger-
fahrten, Charter- den getrimmt sind maßen, da viele das einfache Prinzip
Pakete). Ausländi- fast alle unserer der Kundenzufriedenheit zu verstehen
schen Touristen bie- High-Class-Ange- beginnen. Entweder kapieren sie es auf
ten wir sowohl bote: Das Hotel die leichte Tour, oder der Markt häm-
Aufenthalte als International in mert ihnen das mitleidlos ein.
auch Rundreisen Bad Felix hatte
an, die die wichtig- nach dessen Kom- Um es auf den Punkt zu bringen:
sten Reiseziele in plettsanierung aus Woran fehlt es eigentlich noch?
Rumänien umfassen: dem Jahr 2007 als Mihai Voicu, TT: Das Stichwort
das Donaudelta, die erstes Hotel in lautet „Professionalisierung“. Wir kön-
Schwarzmeerküse, ganz Rumänien das nen es uns nicht mehr leisten, Markt-
die Moldauklöster, die Kirchenburgen in Privileg, das Logo der EUROPESPA- anteile an unsere Nachbarn zu verlieren
Siebenbürgen und noch vieles mehr. Med zu tragen, das für die Qualität der – zumal man auf einem globalen Markt
Therapie, Hygiene und Sicherheit steht. keineswegs nur von „Nachbarn“ wie
Deutsche Medien signalisierten In der deutsch geprägten Stadt Bra[ov Ungarn oder Bulgarien reden kann.
jüngst ein leicht steigendes Interesse an betreiben wir das Fünf-Sterne-Hotel Dort wurde allerdings schnell verstan-
Rumänien, insbesondere für das VIP- ARO Palace, eine Traditionsadresse, die den, dass professionelles Auftreten
Segment. Wie reagieren Sie darauf? Ist für Ferien- sowie Geschäftsreisende glei- Gewinn bringt. Wir benötigen deshalb
Ihr Angebot auch auf solche Touristen chermaßen geeignet ist. Und in Predeal ganz schnell adäquate Marketing- und
getrimmt? öffnet im Mai nach einem Komplettum- PR-Strategien, die in Rumänien in
Ion Antonescu, MT: Marshal Turism bau das Orizont-Hotel, das mit Vier- dieser „Industrie der Träume“ noch
ist VIP-Kunden gewohnt. Wir sind ge- Sterne-Qualität ebenfalls Geschäft und vollkommen unterentwickelt sind.
rüstet, auch dem anspruchvollsten Kun- Erholung perfekt verbinden kann. Ion Antonescu, MT: Es fehlt an ko-
den etwas zu bieten, von erstklassigen härentem Denken, an durchdachten
Hotels (wir sind Partner von Leading Rumänien wird von den meisten und gut strukturierten Handlungs- sowie
Hotels of the World), über Hubschrau- Reisenden als bildschönes Land beschrie- Werbeplänen, an kraftvollem Manage-
bertransporte bis hin zur Vermietung ben, in dem aber die Dienstleistungen ment, an gut geschultem Personal, an
von Yachten. Ganz allgemein gesagt noch gewaltig zu wünschen übrig entsprechendem Willen, an der Diszi-
sind wir auf maßgeschneiderten Touris- lassen. Als Insider wissen Sie am besten, plin ... und auch an der Arbeitswut.
mus spezialisiert − wir richten uns ganz ob sich mittlerweile etwas an der Men- das gespräch führte
nach den Kundenwünschen und stellen talität der Branche geändert hat? heiner krems

38 Nr. 1 | MÄRZ 2010


wirtschaft

Energiemarkt

Rumänien liebäugelt mit


South Stream Gas-Pipeline

D
ie rumänischen Behörden an dem Rumänien bereits beteiligt ist
haben dem russischen und dessen Pipeline Erdgas vom Kaspi-
Energiekonzern Gazprom schen Meer sowie dem Nahen und Mitt-
die notwendige Dokumen- leren Osten nach Europa pumpen soll −
tation für die Erstellung der Machbar- gerade um die Importabhängigkeit von South Stream
keitsstudie des Gasprojekts South Stream Russland zu reduzieren. Nun aber haben
vorgelegt, berichtete die russische Nach- die rumänischen Behörden offenbar be- Die voraussichtlich etwa 25 Milliarden
richtenagentur RIA Novosti mit Bezug schlossen, ihre Strategie auf „doppelt Euro teure Pipeline soll 63 Milliarden
auf eine Pressemitteilung des Gasriesen. moppeln“ abzuändern. Erst unlängst Kubikmeter russisches Erdgas ohne
In den Dokumenten gehe es vornehm- hatte Wirtschaftsminister Videanu eupho- Transit durch die Ukraine nach Europa
lich um den Verlauf der künftigen South risch eröffnet, dass Rumänien schon in pumpen. Das Projekt wird vom russischen
Stream-Route durch rumänisches Terri- wenigen Jahren von einer ganzen Fülle Gasriesen Gazprom und dem italienischen
torium, erläuterte Gazprom. von Pipelines durchzogen werden könnte: Energieversorger ENI durchgezogen, erst
Rumäniens liberaldemokratischer „Nabucco, South Stream, White Stream unlängst stieg auch der französische
Wirtschaftsminister Adriean Videanu und Blue Stream − alle werden hier vor- Energiekonzern Electricité de France in
und Gazprom-Vizevorstandschef Alexan- beiführen“, so Videanu wörtlich. das Projekt ein.
der Medwedew hatten Mitte Februar in Ein erster Schritt in diese Richtung Die ersten Lieferungen sollen ab 2013
Bukarest „Aspekte der bilateralen Koope- hatte Bukarest bereits im letzten Jahr anlaufen. Angesichts des 900 Kilometer
ration im Energiebereich“ erörtert, dar- unternommen, als die rumänischen Be- langen Untersee-Abschnitts der Gasleitung,
unter die Perspektiven der Gasimporte hörden „technische Hilfe“ beim Bau der auf dem Meeresgrund des Schwarzen
aus Russland sowie die potenzielle Zu- des South-Stream-Abschnitts, der durch Meeres in einer Tiefe von bis zu 2000
sammenarbeit des einheimischen Versor- das Schwarze Meer führt, angeboten Meter verlegt werden soll, wird Gazprom
gers Romgaz und des Pipelinebetreibers hatten. Damals hatte der russische Gas- nun bald entscheiden müssen, ob dieser
Transgaz mit dem russischen Gasmono- monopolist auf das Angebot Rumäniens Abschnitt durch rumänisches oder
polisten. Laut RIA Novosti sollen zudem erst gar nicht reagiert. bulgarisches Gebiet verlaufen soll.
auch Kooperationsmöglichkeiten im Nun aber ist es Mitte Februar zu einem
Elektrizitätsbereich erörtert worden sein. weiteren, ausschlaggebenden, Schritt ge-
Der rumänischen Presse zufolge ist auch kommen, der bezeigt, dass Rumänien
über den geplanten Bau von Erdgasspei- augenscheinlich eine Beteiligung am
chern hierzulande verhandelt worden − South Stream-Gasprojekt anstrebt. Die
in diesem Sinne waren Rumänien und russisch-italienische Gaspipeline soll
Russland bereits im letzten Mai ein Me- Südeuropa mit Erdgas versorgen, die
morandum eingegangen. ersten Lieferungen des auf rund 25 Mil-
Die South Stream-Pipeline gilt be- liarden Euro geschätzten Projekts sind
kanntlich als Konkurrenzprojekt des eu- für 2013 geplant.
ropäischen Vorzeige-Projekts Nabucco, anne warga

Nr. 1 | MÄRZ 2010 39


wirtschaft

davon in Deutschland, der Rest in weite-


ren europäischen Ländern wie Österreich,
Frankreich, Luxemburg und Belgien. „Wir
haben recht wenige rumänische Kunden,
doch an Bestellungen mangelt es uns
zum Glück nie“, sagt Alexandra Gheor-
ghi]`. „Von Februar bis Anfang Juni ist
Höchstbetrieb, aber auch in den anderen
Monaten sind wir voll ausgelastet. Wir
müssen unsere Mitarbeiter folglich kei-
Über mangelnde Aufträge kann Apiprod derzeit nicht klagen
neswegs beurlauben.“
Mehrmals im Monat ist auch der
KMU Siebenbürger Sachse Ernst Wagner im
Land. Der ausgebildete Lehrer ist beur-
laubter Beamte, denn trotz aller Hilfe
„Noch wie zu Opas Zeiten“: Der seitens Ehefrau und Sohn ist er vollauf
beschäftigt: „Ich war zuerst Imker, zum
lange Weg zur modernen Imkerei Hersteller wurde ich erst später“, sagt
Wagner, der insbesondere in Deutsch-
land Vorführungen und Besichtigungen

A
piprod, das Unternehmen ist es für uns nun etwas einfacher, quali- in der eigenen Imkerei mit Königinnen-
in Schellenberg/{elimb`r fizierte Arbeitskräfte zu finden“, sagt zucht anbietet. „Nur wer selbst Imker
bei Hermannstadt, erzeugt Gheorghi]`. „Die Männer stellen sowohl ist, versteht etwas von Bienenkästen
seit 1997 Bienenkästen. Es Bienenkästen als auch Teile für die Rähm- und Zubehör.“ Imkerkurse hat Wagner
ist einer der wenigen Produzenten in diesem chen her – so dass auch die Frauen ar- auch in Rumänien angeboten, hatte
Bereich in Rumänien − hier wird zurzeit beiten können.“ allerdings nur wenig Erfolg: „In Rumä-
hauptsächlich für die Mutterfirma Imker- Hauptsächlich mit Holz wird hier nien arbeitet man noch wie zu Opas
technik Wagner in Deutschland gearbeitet. gearbeitet, das in Rumänien akquiriert Zeiten. Richtige Imker werden nie Fuß
Die Mutterfirma in Deutschland ist wird. „Wir haben unsere eigene Trocken- fassen, wenn sie nur auf Subventionen
ein Familienbetrieb; Apiprod ist dessen anlage“, erklärt Direktor Marius Ferdela, warten, wenn sie ihre Arbeit nicht mo-
einziges Tochterunternehmen. „Angefan- der auch für die Kundenpflege zuständig dernisieren. Da ist ein Imker mit 50−60
gen hat die Herstellung von Bienenkästen ist. „So können wir für beste Qualität un- Bienenfamilien zufrieden, in Frankreich
und der dazugehörenden Rähmchen 1997 serer Bienenkästen sorgen, damit unsere hat ein richtiger Imker zwischen 800 und
in einer Garage, mit etwa 5 Mitarbeitern, Kunden zufrieden sind.“ 1.200 Völker”, sagt der Lehrer. „Dabei
zur Zeit sind es bereits zwischen 55 und Durch Imkertechnik Wagner wird liegt unsere Stärke in den Neuerungen
60 und wir konnten uns zudem einen Um- die Ware vertrieben − etwa die Hälfte in diesem Bereich. Natürlich wird alles
zug leisten“, weiß die Juristin der rumä- kopiert, doch bis das passiert, haben wir
Imker Ernst Wagner: „Unsere Stärke liegt
nischen Firma, Alexandra Gheorghi]`, zu in den Neuerungen unseres Bereichs“ unsere Produkte bereits verbessert.“
berichten. 20 der Beschäftigten sind Apiprod bleibt erstmals die einzige
Frauen, die in einer Schicht die Rähmchen Tochterfirma: „Es ist wichtig, unseren Be-
zusammenstellen, der Rest sind Männer, trieb in Rumänien zu modernisieren, da-
die in zwei Schichten arbeiten: „Einige un- mit wir gute Qualiät zu normalen Preisen
serer Mitarbeiter sind von aller Anfang anbieten“, so Ernst Wagner, dessen Fir-
an bei uns, einige verließen uns sogar ma sich sowohl an die Märkte als auch
und kamen danach wieder zurück. Seit- an die Imker als Endverbraucher wendet.
dem mehrere Unternehmen schlossen, ruxandra st`nescu

40 Nr. 1 | MÄRZ 2010


wirtschaft

Steuerlast Arbeitslosigkeit auf


Trauerspiel: Mikrounternehmen 8,1% hochgeschnellt

siechen dahin
Die Arbeitslosenquote steigt be-
ängstigend: Derzeit liegt sie bei 8,1%,

Z
im Januar seien insgesamt 740.000
u den ersten Beschlüssen Personen arbeitslos gemeldet gewe-
der neuen Regierung sen, teilte das Nationale Beschäfti-
gehörte bekanntlich die gungsamt Mitte Februar mit. Damit
Abschaffung der 3%-Ein- nähert sich die Arbeitslosigkeit hier-
kommenssteuer für Mikrounternehmen, zulande dem Rekordstand von 2003,
die nun gleichfalls die Einheitssteuer als sie bei 8,6% gelegen hatte. Die
von 16% zu entrichten haben. Die Fol- überwältigende Mehrheit der Ent-
gen der Maßnahme machen sich tagtäg- seien, dass sie außer einer Firmen- lassungen erfolgte in der Privatwirt-
lich bemerkbar: Das Trauerspiel der schließung keinerlei Lösung für ihre schaft. Von den 740.000 Arbeitslosen
Mikrounternehmen geht unvermindert Not sehen. waren 605.371 in Privatunternehmen
weiter, Entlassungen und Firmenschlie- Laut Florea Pîrvu, Vizepräsident des beschäftigt gewesen − folglich entließ
ßungen stehen weiterhin auf der Tages- Landesrates für KMU, trägt ausschließ- die Privatwirtschaft im Vergleich zu
ordnung. lich der Staat bzw. dessen neue Besteu- den staatlichen Unternehmen 4,5 mal
Knapp die Hälfte der Mikrounter- erung die Schuld an der bevorstehenden mehr Beschäftigte.
nehmen erwägt zurzeit, Mitarbeiter zu Entlassungswelle in der Privatwirtschaft.
entlassen – angesichts der durch die „Es liegt auf der Hand, dass jene Un-
16%ige Einkommenssteuer entstande- ternehmen, die im letzten Jahr noch die
nen deutlich höheren Kosten bliebe den 3%-Einkommenssteuer entrichteten, sich
Kleinunternehmen eben keine andere alle Mühe gegeben haben, ihre Beleg-
Wahl übrig, lautet das Fazit des Landes- schaft unvermindert zu behalten. Heuer
rates für Kleine und Mittlere Unterneh- hat sich das Blatt allerdings gewendet −
men. Im Rahmen einer Anfang letzten nun kann keiner mehr umhin, an Per-
Monats durchgeführten Umfrage unter sonal zu sparen“, erläutert Pârvu, der als
rund 500 Mikrounternehmen hätten 47% weitere direkte Konsequenz die Zunah-
der Befragten angeführt, in allernächster me von Schattenwirtschaft und Steuer-
Zeit Personal- kürzungen vornehmen hinterziehung prophezeit. Man könne Die höchsten Arbeitslosenquoten
zu wollen. Davon wollten etwa 53% der ruhig davon ausgehen, dass bis zu 95% wurden in den Landeskreisen Mehe-
Arbeitgeber auf ein bis zwei Mitarbeiter der übrig gebliebenen GmbH im laufen- din]i (14,5%), Vaslui (13,5%) und
verzichten, 37% auf drei bis vier, wäh- den Jahr keinerlei Gewinn verzeichnen Alba (13,4%) verzeichnet, die nied-
rend etwa 10% beschlossen hatten, auf werden, so Pârvu, da sie jede Menge rigsten in der Hauptstadt (2,4%) so-
bis zu 9 Beschäftige zu verzichten. Beträge − buchhalterisch als Kosten und wie im Kreis Timi[/Temesch (4,4%).
Ein Drittel der betroffenen Firmen Beiträge gedeckt – von der Steuer abset- Den Schätzungen des Arbeitsamts
überlegt mittlerweile auch, so der Lan- zen lassen werden. Auch sei es zumeist zufolge wird die Arbeitslosigkeit bis
desrat für KMU, ihre derzeitige Gesell- so, dass aufgelöste Firmen dennoch ihre Mitte des Jahres stetig steigen und
schaftsform einer GmbH zugunsten Tätigkeit weiter ausüben − allerdings wohl die vom IWF in Aussicht ge-
einer Ich-AG aufzugeben. Einige, eher schwarz. Beunruhigend ist laut Pârvu stellte 10%-Marke erreichen, für die
wenige, Mikrounternehmen würden auch, dass die Mikrounternehmen ver- letzten beiden Quartale 2010 rech-
sogar offshore-Sitze in Betracht ziehen, mehrt zu unlauteren Wettbewerbsprak- net die Behörde sodann mit einer
während die restlichen derart besorgt tiken greifen. leichten Trendwende.

Nr. 1 | MÄRZ 2010 41


wirtschaft

Goldrausch in den Westkarpaten


von alex gröblacher

D
liarden Dollar kursieren – in dieser Stel-
em rumänischen Staat wird es angesichts der steigenden De- lenhöhe würde Rumänien angeblich
fizite in allen öffentlichen Etats langsam zu eng. Die im vom Projekt profitieren. Darin enthal-
Dezember eingesetzte neue Regierung will deshalb nun das ten seien die 2% Goldgebühren nach
umstrittene Projekt des Goldtagebaus bei Ro[ia Montana dem bestehenden Bergbaugesetz sowie
fördern. Die Goldkonjunktur könnte kaum besser sein, die ausgeschütteten Dividende für die
schließlich ist der Preis für die Feinunze Gold in letzter Zeit stark gestiegen. 19,31%ige Beteiligung, die der Staat
Doch in der Praxis erweist sich das Vorhaben als langwieriges Tauziehen zwi- durch das eigene Unternehmen Minvest
schen dem Projektbetreiber Ro[ia Montana Gold Corporation (RMGC), Um- Deva an der Ro[ia Montana Gold Corpo-
weltschützern und Kulturverbänden. Mitten in diesem Trubel steht – im weitesten ration hält (80% des Konzerns gehören
Sinne des Wortes – der Staat: Unternehmen, Ministerien, Kommunalverwal- der kanadischen Firma Gabriel Resour-
tungen, Parteien, Politiker. Im Kern geht es dabei um die Frage, ob es sich ces, der Rest von 0,69% ist im Streube-
lohnt, für 4 Milliarden Dollar binnen 16 Jahren ein ganzes Gebiet zu zerstören. sitz mehrerer rumänischer Investoren).

Es hört sich schön an − Rumänien die Abermillionen Tonnen Erz werden Krieg der Argumente
sitzt auf nicht unbedeutenden Gold- und sodann durch hochgiftige Blausäure Schon seit Beginn der Planungsphase
Silberreserven in seinen Westkarpaten. ausgelaugt. Nach der Zyanwäsche wird steht das Projekt unter Dauerbeschuss
Daran ist nichts Neues, das wussten der Giftstoff in riesigen Stauseen auf der Medien und der Zivilgesellschaft.
schon die alten Römer, die bei Ro[ia mehreren Hektar Fläche gesammelt. Die Rumänische Akademie der Wissen-
Montana bereits vor 2.000 Jahren Berg- Laut eigenen Angaben der Ro[ia Mon- schaften kritisierte das Vorhaben in
bau betrieben. Doch ist es nun einmal tana Gold Corporation (RMGC), die einer Resolution. Umweltschutzvereine
heutzutage deutlich schwerer als damals, das Projekt betreibt, sollen jährlich über protestieren vehement gegen den Gold-
an das wertvolle Metall zu kommen – eine Zeitspanne von 16 Jahren jeweils tagebau, weil sie aufgrund des Einsatzes
denn niemand hat Zeit oder Geduld, per 13 Millionen Tonnen Erz verarbeitet von Zyanid eine Umweltkatastrophe
Hand nach Gold zu schürfen und Milli- werden − das Ergebnis wäre eine Rein- befürchten – vor 10 Jahren kam es in
onen Tonnen von Gestein manuell rein- ernte von durchschnittlich 16 Tonnen Baia Mare schon einmal zum Damm-
zuwaschen. Gold und 58 Tonnen Silber pro Jahr. bruch bei einem Bergbauunternehmen:
Von der Romantik des kalifornischen Anschließend, so verbrieft sich die Die Blausäure tötete damals alles Leben
„Goldrush“ ist im 21. Jahrhundert nichts RMGC, soll die Umwelt im gesamten in einem Nebenfluss der Theiß, die Um-
mehr zu spüren. Weil Gold und Silber Gebiet aufgrund einer Nachbehand- weltkatastrophe nahm zu guter Letzt
wegen der bisherigen Förderung in- lungsstrategie komplett saniert werden. internationale Ausmaße an.
zwischen im Erz nur noch als mikrosko- Zudem würden eine Menge Jobs in Die RMGC kontert indes und be-
pisch kleine Spuren vorkommen (rund dem ansonsten beschäftigungsmäßig hauptet, dass Ro[ia Montana nicht etwa
1,46 Gramm Gold pro Tonne Erz), muss trostlosen Gebiet entstehen. In einer eine Bilderbuch-Landschaft sei, sondern
schwereres Geschütz aufgefahren wer- kostspieligen Medienkampagne ließ die vielmehr ein Notstandsgebiet, in dem
den – ganze Berge werden weggesprengt, RMGC die magische Zahl von 4 Mil- die Umwelt nach 2.000 Jahren Bergbau

42 Nr. 1 | MÄRZ 2010


wirtschaft

sowieso längst verpestet ist. Auch ver- aller Grundstücke und Immobilien im anfassen will. Während sämtlicher Wahl-
spricht das Unternehmen, bei der Be- Gebiet). Darüber hinaus sei der bisheri- kämpfe vom letzten Jahr wurde es ent-
handlung des Gold- und Silbererzes ge Lebensstandard der Bewohner so- weder diplomatisch totgeschwiegen
ausschließlich neueste, EU-konforme wieso kein hoher gewesen − wie es in oder bis zur Unkenntnis zerredet. Die
Methoden einzusetzen. An der Förde- vielen Dörfern Rumäniens eben noch Politiker wissen, wie empfindlich die
rungsmethode sei nichts auszusetzen, der Fall ist. Die RMGC biete hingegen Zivilgesellschaft auf das Goldprojekt
sie werde schließlich auch in anderen als Gegenleistung moderne Siedlungen. reagiert, und vermeiden aus taktischen
europäischen Ländern angewendet. Im betroffenen Areal hat die PR- Gründen klare Antworten auf eindeutige
Kulturschutzvereine warten hingegen Kampagne der RMGC die Gemüter Fragen. Doch bei den im Dezember
mit anderen Einwänden auf: Die Region natürlich besonders erhitzt. Manche der stattgefundenen Anhörungen der künf-
sei ein noch nicht er- tigen Minister vor den Fach-
schlossenes, einzigartiges ausschüssen des Parlaments
archäologisches Juwel, die ließ Wirtschaftsminister
antiken römischen Stollen Adriean Videanu (PDL)
müssten erhalten werden. plötzlich das magische
Dem widerspricht Wort Ro[ia Montana fallen
wiederum die RMGC: von und stieß damit in ein Wes-
wegen einzigartig. Solcher- pennest. Die Gegner, die
lei Bergewerke seien über- das Projekt als weitgehend
all in der breiteren Gegend vom Tisch glaubten, waren
anzutreffen. Außerdem sei bestürzt. Selbst der Ungarn-
der Konzern bereit, abseits verband, Koalitionspartner
vom Tagebau ein Museum der Liberaldemokraten und
zu errichten. Das Hauptar- verantwortlich für die Res-
gument der RMGC lautet sorts Umwelt und Kultur
nach wie vor, dass in und − Schlüsselbereiche für das
um Ro[ia Montana die Ar- Vorhaben in Ro[ia Mon-
beitslosigkeit grassiert und tana, da ohne die ein-
die Einwohner keine Zukunftschancen in Ro[ia Montana Ansäßigen warten schlägigen Genehmigungen rein gar
haben. Rund 2.000 Jobs werde das Pro- nur auf bessere Zeiten, um ihre Häuser nichts passiert –, ging auf Distanz. Um-
jekt für die Menschen in den Gemein- zu verkaufen. Unbetroffene sind hinge- weltminister Laszlo Borbely erklärte, er
den um Ro[ia Montana schaffen. Völlig gen oft der Meinung, dass das Projekt an würde das Projekt nur dann absegnen,
unwahr, wenden die Projektgegner ein: sich gar nicht so schlecht sei, der Staat wenn er zu 101% sicher sei, dass es zu
Erstens biete der Lokaltourismus eine aber seine Gebühren neu verhandeln keinerlei Umweltkatastrophe kommen
ausgezeichnete Alternative, außerdem müsse, um mehr Geld einzuheimsen – könne.
sei die Zahl der in Aussicht gestellten bei 4 Milliarden Dollar lohne sich das Auch bei den opositionellen Libera-
Jobs weit übertrieben. Tauschgeschäft Umwelt gegen Gold len sorgte Ro[ia Montana jüngst für
Eine weitere, große Schwierigkeit eher nicht. Auch fürchten viele, dass die einen Eklat, nachdem die Europaabge-
besteht laut Projektgegnern darin, dass RMGC nach getaner Arbeit dann ein- ordnete Adina V`lean ein Seminar im
die gesamte Lokalbevölkerung umge- fach weiterzieht und die Umweltlast dem Europäischen Parlament zu besagtem
siedelt werden muss. Aus RMGC-Sicht Staat hinterlässt. Thema organisierte, jedoch die Projekt-
ist das Problem jedoch relativ leicht zu gegner – darunter ihre Parteikollegin
lösen, da der Konzern im letzten Jahr- Die Politik hält sich bedeckt Renate Weber – kaum oder gar nicht zu
zehnt bereits eine Vielzahl von Häusern Für Parteien und Politiker ist das Wort kommen ließ. V`lean wurde
gekauft hat (nach Medienberichten ge- Thema Ro[ia Montana zurzeit eine danach vorgeworfen, allzu offen für das
hören der RMGC inzwischen rund 70% heiße Kartoffel, die niemand so richtig Projekt zu werben.

Nr. 1 | MÄRZ 2010 43


wirtschaft

EU-Topf: Regierungschef Boc will heuer 4,3 Mrd. Euro abrufen

M
inisterpräsident Emil Boc sowie die 1,3% Wirtschaftswachstum,

Foto: sxc.hu
scheint mittlerweile begrif- mit denen wir rechnen, ermöglichen
fen zu haben, dass die eu- nicht nur eine schnellere Bewältigung
ropäischen Geldmittel tatsächlich ein des Konjunkturtiefs, sondern auch eine
optimales Förderpaket für die krisenge- Festigung des Wirtschaftswachstums
beutelte einheimische Wirtschaft darstel- und des allgemeinen Aufschwungs in Ru-
len könnten. Nur hapert’s bekanntlich mänien“, erläuterte der Regierungschef,
noch mit dem Abrufen der EU-Gelder. der auch die heimische Unternehmer-
Demzufolge hat der Regierungschef schaft aufforderte, vermehrt Förderpro-
jüngst sämtlichen Beamten, die sich als jekte zu erarbeiten, um somit nicht nur
unfähig erweisen würden EU-Gelder wettbewerbsfähig zu bleiben, sondern
abzurufen, mit Rausschmiss gedroht. auch die internationalen Märkte in An- rungen des Staates und aus privater Hand
Rumänien wolle heuer sage und schreibe griff nehmen zu können. ab, so sind letzten Endes etwas mehr als
4,3 Mrd. Euro aus dem EU-Topf ab- Laut Angaben der Behörde zur Ko- 180 Mio. Euro ausgegeben worden;
schöpfen, hob Boc hervor. Na dann ... ordinierung der strukturellen Instrumente zählt man die staatliche Kofinanzierung
„bon chance“! (ACIS) hat Rumänien seit dessen EU- und die Kostenbeteiligung der Antrag-
Die EU-Gelder würden den „Schlüs- Beitritt durchschnittlich knapp über 60 steller hinzu, so beläuft sich die Ge-
sel“ zur Krisenbewältigung hierzulande Mio. Euro pro Jahr ausgegeben. Bis Ende samtsumme der mithilfe von EU-Fonds
darstellen, sagte Boc anläßlich einer Vi- Januar waren insgesamt 3.190 Förder- umgesetzten Projekte auf rund 635
deokonferenz mit den Lokalbehörden. projekte gebilligt worden, deren Um- Mio. Euro, teilte ACIS des Weiteren
„Die EU-Fonds können das Krisenende setzung teilweise schon begonnen hat − mit. Der Gesamtwert der bereits zur
beschleunigen. Die 4,3 Mrd. Euro, die für den Anfang auf Kosten der Antrag- Förderung gebilligten Projekte beläuft
wir im laufenden Jahr abrufen wollen, steller. Sieht man von den Kofinanzie- sich derzeit auf 8,43 Mrd. Euro.

EU-Agrarpolitik: Ciolo[ sieht schweren Zeiten entgegen


Dem neuen Agrar-Kommisar Dacian fordern von Brüssel den Verzicht auf Agrar-Kommissar Ciolo[ hatte sich
Ciolo[ stehen schwierige Zeiten bevor: die derzeitigen „nicht gerechtfertigten“ gleich zu Mandatsbeginn für eine Fort-
Die meisten neuen Mitgliedsstaaten Verteilungskriterien. Aus ihrer Sicht führung der GAP-Direktzahlungen
fordern nämlich sollen die Di- nach 2013 ausgesprochen. Doch kann
Foto: EU-Kommission

eine Neuvertei- rektzahlungen er aufgrund des Lissabon-Vertrags, der


lung der EU-Di- einerseits beibe- zum 1. Dezember 2009 in Kraft trat,
rektzahlungen − halten, anderer- keineswegs schalten und walten wie er
womit harte seits vereinfacht will, da das EU-Parlament nun − als
Debatten über werden und einzige direkt von den EU-Bürgern ge-
die Agrarpolitik zudem nach wählte Institution − volles Mitentschei-
nach 2013 vor- einem einheit- dungsrecht in fast allen politischen
programmiert lichen Schlüssel Bereichen der Union, einschließlich der
sein dürften. erfolgen, um Agrarpolitik, hat. Und die Interessen
Rumänien, Bul- einen fairen der 27 Mitgliedsländer erweisen sich
garien, Estland, Lettland und Litauen, Wettbewerb und eine nachhaltige EU- derzeit (auch) in punkto Agrarpolitik als
Ungarn, Polen, die Slowakei und Zypern Landwirtschaft zu gewährleisten. höchst unterschiedlich.

44 Nr. 1 | MÄRZ 2010


wirtschaft

Euro-Träume Notenbank

Euro-Münzen
senkt Leitzins

D
ie rumänische Notenbank

„made in Bra[ov“?
hat Anfang Februar den
Leitzins erwartungsgemäß
verringert − der Satz wurde um 50
Basispunkte auf 7,00% gesenkt und
liegt nunmehr auf dem niedrigsten
Stand seit November 2007, infor-
mierte die Nationalbank in einem
Pressrelease. Die Mindestreservean-
forderung wurde unverändert belassen.
Die Zinssenkung war von den
einheimischen Analysten und Volks-
wirten sowohl mit Hinblick auf den

© sxc.hu
sinkenden Inflationsdruck als auch

T
auf die Bemühungen der National-
räume sind zwar be- sämtlichen Konvergenzberichten der bank, die Kreditvergabe der Banken
kanntlich nur Schäume, EU-Kommission und der Europäischen wieder anzukurbeln, erwartet wor-
doch halten die rumä- Zentralbank (EZB) Rumänien bislang

© sxc.hu
nischen Behörden ver- stets für nicht „euroreif“ befunden
bissen an den ihrigen wurde, übersah Corl`]ean geflissentlich.
fest. Da das Land die Einführung des Vor wenigen Wochen redete EZB-
Euro für 2014 anstrebt und dem Europä- Chef Jean-Claude Trichet schließlich
ischen Wechselkursmechanismus ERM-II Tacheles: Ein Euro-Beitritt Rumäniens
sogar ab 2012 beitreten will, beschäftigt sei zwar denkbar, allerdings „erst, wenn
die einheimischen Politiker derzeit die die Zeit reif ist“. Trichet verwies darauf,
Frage eines eigenen Ausgabeprogramms. dass die strengen Beitrittskriterien zum
So stellte der sozialistische Senator Euro-Raum auf Dauer und nicht etwa
Titus Corl`]ean unlängst erste Prägun- nur zu einem gewissen Zeitpunkt erfüllt
gen von Euro-Münzen in Kronstadt in werden müssen. Derzeit sorgt sich Brüs-
Aussicht, die Produktion könne bereits sel nämlich um den Fortbestand der Wäh-
ab 2011 anlaufen − schließlich müsse rungsunion. Angesichts der Schuldenkrise
sich ein Euro-Anwärterland rechtzeitig in Griechenland ist die EZB entschlossen,
mit entsprechenden „Geldmassen“ ein- potenzielle Euro-Anwärter weitaus
decken. Die Firma Metrom aus seinem stärker unter die Lupe zu nehmen. Das
Wahlkreis Bra[ov führe in diesem Sinne betrifft insbesondere die osteuropäischen den − bis Jahresende rechnen sie
bereits Gespräche mit der Notenbank Bewerber Rumänien, Bulgarien und mit einer weiteren Lockerung der
und der staatlichen Gelddruckerei, die Ungarn, die nunmehr mit einerseits Geldpolitik auf 6,25%. Die Noten-
Verhandlungen seien „in fortgeschrit- überaus scharfen Kontrollen ihrer Staats- bank hatte den Leitzins bereits An-
tenem“ Stadium. „Weshalb denn auf aus- finanzen und Inflationsraten und anderer- fang Januar um gleichfalls 50 Basis-
ländische Unternehmen zurückgreifen, seits mit erheblichen Verzögerungen bei punkte auf 7,50% gesenkt. Im letz-
wenn wir selbst Münzen prägen können?“, der Euro-Einführung rechnen müssen. ten Jahr war er insgesamt fünf Mal
fragte sich Corl`]ean rhetorisch. Dass in a. w. verringert worden.

Nr. 1 | MÄRZ 2010 45


in punkto gesellschaft

Baustart für Erzbischof Robu im Vatikan


Mammutkathedrale
Papst Benedikt XVI. auf Pastoralreise
nach Rumänien eingeladen
Der Bukarester Erzbischof Ioan thodoxen Nation einen Besuch abgestat-
Robu hat Papst Benedikt XVI. nach tet hatte. Der Rumänien-Besuch Jo-
Rumänien eingeladen. Anläßlich eines hannes Paul II. hatte hierzulande eine
Mitte Februar erfolgten ad-limina-Be- Begeisterungswelle ohnegleichen ausgelöst.
suchs katholischer Bischöfe aus Rumä- Erzbischof Robu betonte gegenüber
nien im Vatikan habe Erzbischof Robu Papst Benedikt XVI. auch eine Reihe
den Heiligen Vater zu einer Pastoral- von Schwierigkeiten, mit denen die hie-
Nach jahrelangem Hickhack reise eingeladen, um so „dem gesamten sige katholische Gemeinde selbst im der-
sollen die Bauarbeiten an der rumänischen Volk“ zeitigen „Kontext der wie-
größten rumänisch-orthodoxen begegnen zu können, dergewonnenen Freiheit“
Kathedrale des Landes nun trotz berichtete Radio Vatikan. zu kämpfen hat. Der Dia-
Wirtschaftskrise im Herbst begin- Die vom katholischen log mit der Orthodoxie
nen. Laut Patriarchalverwaltung ist Erzbischof von Bukarest gehe nur schleppend vor-
der Baustart der „Kathedrale zur unterbreitete Einladung an, sagte Robu, während
Läuterung des Volkes“ für August dürfte zweifelsfrei mit der in der Angelegenheit der
geplant. Die Bauarbeiten sollen vier Zustimmung des Ober- Rückgabe der vom kom-
Jahre lang dauern, die Einweihung hauptes der Rumänischen munistischen Regime kon-
des Gotteshauses, für dessen Errich- Orthodoxen Kirche, Patri- fiszierten Kirchengebäude
tung sich schon der 2007 verstor- arch Daniel, erfolgt sein. noch immer keine end-
bene Patriarch Teoctist eingesetzt Papst Benedikt XVI. gültige Lösung in Sicht
hatte, ist für 2015 vorgesehen. Die rief aus diesem Anlass die sei. Der Erzbischof klagte
Kosten des Mammutgebäudes wer- in Rumänien lebenden zudem über den Bau des
© Trinity

den auf mindestens 400. Mio. Euro Katholiken und Ortho- hochumstrittenen „Cathe-
geschätzt. doxe zu Dialog und Zusammenarbeit dral Plazza“-Hochhauses unmittelbar
Die „Läuterungskathedrale“ auf – trotz aller Schwierigkeiten sei ein neben der hauptstädtischen St. Josefs-
wird auf dem Bukarester „Arsenal“- „Dialog der Liebe und der Wahrheit“ Kathedrale, das durch seine Ausmaße
Hügel hochgezogen, sie soll 5.000 ebenso notwendig wie der gemeinsame (20 Stockwerke) die Statik des Gottes-
Gläubigen Platz bieten. „Das Bau- Einsatz für christliche Werte in der hauses gefährde.
projekt geht von unseren Forderun- Gesellschaft. Katholische und ortho- Bekanntlich sind bislang sämtliche
gen und dementsprechend von doxe Christen sollten die christlichen einschlägigen Proteste der Bukarester
folgenden Dimensionen aus: Länge Wurzeln Europas verteidigen und Bevölkerung und auch die Beschwerden
−120 m, Breite − 70 m, Höhe − gemeinsam für den Schutz der Familie, der katholischen Würdenträger bei der
120 m“, gab die Patriarchie in einer für Menschenrechte, Umweltschutz Regierung stets auf taube Ohren ge-
Pressemitteilung bekannt. Der Kir- sowie in bioethischen Fragen auftreten, stoßen, der britische Immobilienent-
cheneingang wird, Patriarch Daniel hob der Papst hervor. Benedikt XVI. wickler Willbrook ist derzeit weiterhin
zufolge, kelchförmig gestaltet, wäh- erinnerte zudem an den historischen in Besitz einer gültigen Bauerlaubnis
rend die Wandmalereien auf die be- Besuch seines Vorgängers Johannes und kann sein Projekt folglich unbehel-
rühmtesten Heiligen und Kirchen aus Paul II. in Bukarest, der 1999 als erster ligt fortsetzen.
allen Landesteilen hinweisen sollen. Papst überhaupt einer mehrheitlich or- heiner krems

46 Nr. 1 | MÄRZ 2010


gesellschaft

Rumänische MdEP halten EU-Parlament auf Trab: „Whopper-Tax“...

D
ie liberaldemokratische Eu- Vorstellungen zufolge sollten die Her- bessert, wetterte Sorin Minea, Präsident
ropaabgeordnete Oana An- steller von Fast Food-Burgern, Chips, des Branchenverbandes Romalimenta,
tonescu hat Mitte Februar Snacks, Süßigkeiten und Erfrischungs- ganz im Gegenteil − der Großteil der
die europaweite Einführung einer soge- getränken künftig eine Steuer auf jene Rumänen werde zum Hungern ver-
nannten „Fast Food“-Steuer gefordert. Lebensmittel entrichten, die besonders dammt, da die Menschen sich eine ge-
Es handele sich dabei um eine „Erzie- viel Fett, Salz oder Zucker enthalten. sündere und damit auch teurere Nahrung
hungsmaßnahme“, da ungesundes Essen gar nicht leisten könnten. Angesichts
zu Fettleibigkeit sowie zu einer Vielfalt des Trubels sah sich Finanzminister Se-
daraus resultierender Krankheiten führe, bastian Vl`descu schließlich genötigt,
die wiederum die europäischen Gesund- gegenüber der Strafsteuer auf Distanz
heitssysteme belasten würden, erläuterte zu gehen. Es gäbe zurzeit keinen Be-
Antonescu, die im EU-Ausschuss für schluss bezüglich der Einführung einer
Umweltfragen, Volksgesundheit und derartigen Abgabe, sie sei lediglich eine
Lebensmittelsicherheit sitzt. Idee des Gesundheitsministers gewesen,
Allerdings ist die Idee der „Whop- die es noch zu analysieren gelte.
per-Tax“ nicht auf liberaldemokratischem Nun hat die in Strassburg sitzende
Mist gewachsen. Gesundheitsminister Antonescu offenbar Csekes Vorstellung
Cseke Attila seitens des Ungarnverbands von „Wenn schon futtern, dann für den
hatte bereits im Januar mit der Einfüh- Die Nahrungsmittelverbände liefen Fiskus!“ einfach abgekupfert. Daheim
rung einer „Junk Food-Steuer“ zum 1. gegen Csekes Vorhaben natürlich Sturm. mag der Plan zwar nichts gefruchtet
März gedroht, um die „heimischen Ge- Damit werde der gesundheitliche Zu- haben, aber vielleicht klappt’s ja beim
sundheitsprogramme“ zu fördern. Csekes stand der Bevölkerung keineswegs ver- Nachbarn ....

.... und Straßenköter auf der Strassburger Tagesordnung

M
dEP Corneliu Vadim Tudor Des Schicksals der herrenlosen Hun- tige Sterilisierungsprogramm der Stra-
ist nicht nur ein lautstarker de soll sich nunmehr sogar das EU-Par- ßenköter mit einem Euthanasierungs-
Populist und Rechtsextremist, lament annehmen: Er werde einen Re- programm zu ersetzen.
sondern auch ein großer Hundeliebhaber. solutionsentwurf zum Schutz der her- „Ich sitze Gott sei Dank in zwei
Davon können die Insassen des haupt- renlosen Vierbeiner erarbeiten und dem Ausschüssen. Folglich werde ich einen
städtischen Pressehauses ein Lied singen, Europäischen Parlament unterbreiten, Resolutionsentwurf erarbeiten, die not-
da Vadim allabendlich beliebt, dort kilo- erklärte MdEP Vadim als Gegenreaktion wendigen Unterschriften sammeln und
weise Trockenfutter an Dutzende herum- auf die Überlegungen des Präfekten von dann im Plenum das Wort ergreifen.
lungernder Straßenköter zu verfüttern. Bukarest, Mihai Atanasoaie, das derzei- Ich baue dabei besonders auf die engli-
schen Lords und Baronessen, die sind
schließlich alle Hundebesitzer und dem-
entsprechend zartbesaitet“, erläuterte
Vadim seine Strategie.
Eines steht fest: Für Abwechslung
auf der Tagesordnung des EU-Parla-
ments dürften die rumänischen Euro-
paabgeordneten allemal gesorgt haben.

Nr. 1 | MÄRZ 2010 47


gesellschaft

Schoko-Lenin
empört Bukarester Ceau[escu-Erben klagen
gegen Odeon-Theater
© www.ioanaciocan.ro

W
er’s noch nicht wusste, Werken hat bei jedem Buch, Film, The-
wurde jüngst eines Bes- aterstück oder sonstigen Aktivitäten, die
seren belehrt: Der Name von dem Begriff „Ceau[escu“ Gebrauch
Ceau[escu ist schon seit machen, hierzu das Nutzungsrecht von
Jahren eine eingetragene Marke und ent- den rechtmäßigen Erben Nicolae und
Wohl mehr nach Valentin Ceau- sprechend beim Patentamt angemeldet. Elena Ceau[escus erwirkt zu werden“,
[escus Geschmack dürfte der „Schoko- Wer folglich den Namen „unrechtmäßig“ erklärte Rechtsanwalt Haralambie
Lenin“ gewesen sein, der just am benutzt, muss blechen. Voicilas, der Valentin Ceau[escu und
26. Januar, dem Geburtstag des vä- So haben Valentin, ältester Sohn des Mircea Oprean, den ehemaligen Gatten
terlichen Diktators, auf den Sockel Diktators und einzig noch lebender Zoe Ceau[escus, vor Gericht vertritt. Es
der alten, längst entfernten, Lenin- Nachkomme, und dessen Ex-Schwager gehe dem Ceau[escu-Sprößling aller-
Statue vor dem Bukarester Presse- Mircea Oprean das hauptstädtische dings nicht um Geld, beeilte sich der
haus gehievt wurde. Das ätzend Theater Odeon Anwalt hinzuzufü-
geschmacklose Oeuvre der jungen wegen des Doku- gen, Valentin wolle
Künstlerin Ioana Ciocan bestand Dramas „Die letzten bloß verhindern,
aus einer 3 Meter hohen Polystyrol- Tage der Ceau[escus“ dass sein Vater „lä-
Nachbildung der alten Lenin’schen des Schweizer Thea- cherlich gemacht“
Bronze-Statue; das Oeuvre war über termachers Milo Rau werde.
und über mit Schokolade-Glasur verklagt. Das Stück, Presse und Kul-
und rosaroten Bonbons bezogen das den Schauprozess turszene reagierten
worden. Die Ingredienzien hätten des Diktatorenpaars empört: Schauspie-
Symbolwert, so Ciocan, da sie auf nachzeichnet, lief in ler Constantin Dr`-
„Verderblich- und Vergänglichkeit“ Bukarest aus Anlass g`nescu, der im
hindeuten würden. der Begehung von 20 Stück die Rolle des
Diese verkappte Botschaft kam Jahren seit der bluti- Generals St`ncules-
bei den Bukarestern allerdings nicht gen Wendeereignisse cu inne hat, verwies
an − die meisten Gaffer äußersten an, weitere Auf- darauf, dass es das
sich höchst unwirsch: „Verflixte führungen erfolgten Land selbst sei, das
Bolschewikin! Lern’ lieber etwas in der Schweiz und in lächerlich gemacht
Geschichte“, entrüstete sich ein be- Deutschland. Nun werde. „Patentamt?!
tagter Passant. Dabei war die Ab- forderten die Ceau- Etwas Dämlicheres
sicht der Künstlerin offenbar eine [escu-Erben Anfang Februar ein Auf- ist mir noch nie zu Ohren gekommen.
durchaus lautere gewesen – sie habe führungsverbot des Stücks sowie eine Damit machen wir uns zum Gespött der
gegen die Vertuschung der jünge- Entschädigung wegen der „unrecht- Welt.“ Dem Vorsitzenden des rumäni-
ren Geschichte protestieren wollen, mäßigen“ Nutzung des Begriffs „Ceau- schen Schriftstellerverbands, Nicolae
erklärte die verstörte junge Frau der [escu“ − allerdings nur von dem Bukarester Manolescu, zufolge ist dies der Beweis,
herbeigeeilten Presse. Nun ja − halb Theaterhaus. „Mit Ausnahme von Ge- dass „Unverschämtheit kein Verfallsda-
vorbei ist auch daneben ... schichtsbüchern und rein historischen tum hat“.

48 Nr. 1 | MÄRZ 2010


gesellschaft

Schlaglöcher: „Wir tun ’mal eine Woche


so, als ob wir sie stopfen würden!“
Wie Oberbürgermeister Oprescu die Hauptstadtbewohner veräppelt

N
ach heftigen Schneefällen Euro (50 Lei) kostet die Flickarbeit pro abgezogen waren, erläuterte Oprescu
und tonnenweise einge- Quadratmeter Schlagloch, folglich wä- den eben zusammengestauchten Un-
setzten Streumitteln sieht ren für die 16.000 km Nationalstraßen ternehmensvertretern sodann seinen
die marode Straßeninfra- rund 31 Millionen Euro fällig. „Notfalls Plan − zu seinem Pech war jedoch ein
struktur inzwischen wie ein einziger, rie- werden wir das Geld über Anleihen be- Aufnahmegerät liegen geblieben, das
siger Schweizer Käse aus. Wohin man sich schaffen“, so ein Vertreter der Straßenver- seine Aussagen mitschnitt: Das ganze
dreht und wendet, stößt man auf Schlag- waltung. „Getue“ müsse nur wenige Tage dauern
löcher − ob Fahr- oder Fußgängerwege Wie wenig ernst die Behörden es je- − „wir tun ’mal eine Woche so, als ob
ist dabei egal. doch tatsächlich mit der Sanierung der wir sie stopfen würden“, danach könne
Die Behörden zucken derweil mit den Straßeninfrastruktur meinen, wird am Bei- sich „jeder wieder um den eigenen Kram
Schultern. Schlaglöcher habe er auch in spiel des Bukarester Stadtvaters bestens kümmern“. Er müsse halt eine Liste von
Österreich gesehen, erklärte Transportmi- ersichtlich. Vor laufenden Kameras mar- Standorten haben, wo „Tag und Nacht
nister Radu Berceanu ungerührt, zudem kierte Oprescu während einer Pressekon- und möglichst im Scheinwerferlicht“
könne bis zum Frühjahr sowieso nichts ferenz im Rathaus zunächst den starken eifrig Straßen geflickt würden, denn
unternommen werden. Schuld am Mal- Mann: Sollten die für Wartungsarbeiten „nichts beeindruckt mehr als das“. Er
heur sei die schlechte Qualität des Bitums, unter Vertrag stehenden Straßenbauun- habe das ewige Gemeckere über die ta-
das die durchtriebenen Straßenbauunter- ternehmen die Schlaglöcher nicht binnen tenlose Stadtverwaltung satt, demzufolge
nehmen einsetzen würden, lautet der 5 Tagen stopfen, werde er eben die Armee „brauche ich Ihre Hilfe, meine Herren.
Tenor der Stadtverwaltungen. heranziehen. Nachdem die Fernsehteams Wir legen eben mit einer «Schlagloch-
Um den Schein emsigen Tuns und Kampagne» los, Sie werden sehen, wie
Strebens zu wahren, wurde erst einmal eine mucksmäuschenstill es dann wird. Im
Generalinventur der Schlaglöcher be- Sommer setzen wir uns dann zusammen
schlossen. Den Ton gab Bukarests Ober- und erörtern, ob die Flickarbeit zu etwas
bürgermeister Sorin Oprescu an – die getaugt hat oder nicht, ob das Asphalt-
verflixten Löcher müssten bis zum letz- material entsprochen hat usw. Alles, was
ten gezählt werden, basta! Den ganzen ich jetzt brauche, ist ein Arbeitsboom
Monat Februar über zählten Lokalbehör- über mindestens 4−5 Tage, im Verlauf
den und Nationale Straßenverwaltung dessen von morgens bis abends munter
folglich fleißig Schlaglöcher. Überraschen- geflickt wird ...“
derweise liegt inzwischen sogar eine Die Aussagen des Oberbürgermeis-
erste, provisorische Bilanz vor − 2,6 Mio. ters gingen durch sämtliche Medien. Ein
Quadratmeter (260 Hektar) Asphaltlü- Kommentar dazu erübrigt sich. Ein Nach-
cken sind allein auf den Nationalstraßen spiel hatten sie allerdings auch nicht − For-
des Landes, die insgesamt 16.000 km derungen nach seinem Rücktritt blieben
ausmachen, anzutreffen. Und auch eine bislang aus.
erste Kostenveranschlagung gibt es: 12 heiner krems

Nr. 1 | MÄRZ 2010


49
gesellschaft

Ion }iriac: Spitzel und Bespitzelter


CNSAS bestätigt IM-Tätigkeit des Unternehmers
von sorin georgescu

S
(wie andere Leistungssportler auch) oft
eit 2007 sorgt der ins Ausland, da die Machthaber in Buka-
Nationale Rat für die rest darauf spitzten, einerseits ein gutes
Untersuchung der Image im Westen zu haben und anderer-
Securitate-Archive seits potenzielle Feinde auszuspionieren.
(CNSAS) immer So ist kaum verwunderlich, dass }iriac
wieder für Überraschungen. Promi- zumeist auf ausländische Sportler oder
nente Namen aus Politik und Wirt- im Ausland lebende Rumänen angesetzt
schaft, aber auch aus dem Akademiker- wurde. Von 1963 bis 1966 soll der ehe-
und Künstlermilieu tauchen im malige Spitzensportler und gegenwärtige
Zusammenhang mit der berühmt- Geschäftsmann unter dem Decknamen
berüchigten Securitate, der Geheim- „Titi Ionescu“ seine Spitzelberichte ge-
polizei des Ceau[escu-Regimes, teils liefert haben, informierten die Medien
als Täter, teils als Opfer auf. Und nun mit Bezug auf die vom CNSAS zur
manchmal sogar in einer Doppelrolle. Verfügung gestellten „Informationsnoti-
zen“. Mal hatte er für englische Tennis-
So wurde vor wenigen Wochen be- spieler als Dolmetscher einspringen
kannt, dass auch Ion }iriac, ehemaliger müssen, wobei sich die Gespräche laut
Tennisstar und später höchst erfolgreicher seinen Anmerkungen auf „Grußformeln
Manager von Boris Becker und anderer und andere Höflichkeiten“ beschränkten,
Sportprofis, in seiner Jugend der Secu- mal durfte er im Ausland mit Prominen-
ritate als IM (inoffizieller Mitarbeiter) ten oder Mitgliedern der rumänischen
gedient hatte. Die Tageszeitung Eveni- Emigration Tennis spielen. Letztere wür-
mentul Zilei brachte den Bericht des den sich in keiner Weise negativ oder dif-
CNSAS, demzufolge }iriac 1963 rekru- famierend über ihre alte Heimat äußern,
tiert worden war, um Informationen aus so }iriac in seinen Berichten. Besonders
dem Sportlerumfeld zu liefern. Den An- skurril muten jene Spitzelnotizen an, in
trag auf eine Durchleuchtung seiner Ver- denen }iriac über kleine Gefälligkeiten
}iriac wurde von der Securitate gangenheit hatte die Zeitung selbst mit berichtet, die er im Ausland lebenden Ru-
zumeist auf ausländische Sportler der Begründung gestellt, dass }iriacs Amt mänen erwies. So etwa, als er der Mutter
oder im Ausland lebende Rumänen als Vorsitzender des Rumänischen Olym- eines in Paris lebenden Rumänen einige
angesetzt. Von 1963 bis 1966 hatte pischen Komitees (COR) ein öffentliches Fläschchen Nagellack überbrachte. Die in
der ehemalige Tennisstar Interesse an seiner Person rechtfertige. Bukarest verbliebene Frau habe die ganze
und derzeitige Geschäftsmann Zeit geweint und sich erkundigt, wie es
unter dem Decknamen Mal „Titi Ionescu“, mal „T`nase“ ihrem Sohn gehe, hielt }iriac fest.
„Titi Ionescu“ Spitzelberichte Als eines der Aushängeschilder des Die Securitate gab sich allerdings
geliefert, teilte der CNSAS mit. kommunistischen Regimes durfte }iriac mit derartigen Belanglosigkeiten nicht

50 Nr. 1 | MÄRZ 2010


gesellschaft

zufrieden, so dass }iriac schließlich im


Jahr 1966 aus dem „operativen Infor-
mantennetz“ entlassen wurde. In der
Akte heißt es zur Begründung, dass der
Tennisstar „trotz aller Gelegenheiten“
stets „schlechten Willen“ bewiesen habe
und daher für die Aktivität eines Infor-
manten untauglich sei. Mehr noch: Vom
Spitzel wurde er alsbald zum Bespitzelten,
da die Securitate ihn als „T`nase“ bis
1969 zwecks „Aufklärung der Beziehun-
gen zu den in der BRD lebenden Ver-
wandten seiner (damaligen) Ehefrau“
überwachen liess.

Teilwahrheiten und
„Gute-Führung-Zeugnis“
Die Irrungen und Wirrungen der Se-
curitate-Verstrickungen werfen die hoch-
brisante Frage der nuancierten Schuldzu-
weisungen und komplizierten Täter-
Opfer-Beziehung erneut auf. }iriacs

© Mircea Moiră
Spitzelberichte wirken im Vergleich zu
weitaus detallierteren Beschreibungen,
wie sie etwa der Medizinforscher und Damals war jedoch lediglich seine Eigen- von den CNSAS-Mitgliedern verabschie-
liberale Politiker Constantin B`l`ceanu- schaft als Bespitzelter bekannt geworden, deten Beschlusses ist zweifelsfrei der beste
Stolnici über Regimekritiker lieferte und über seine Tätigkeit als IM schwiegen Beweis für die vorherrschende Doppel-
sich dafür auch noch fett belohnen ließ, sich sowohl Behörden als auch der Mul- moral: „Die Zusammenarbeit von Herrn
eher harmlos. Doch war selbst Stolnici timillionär aus. Gegenüber Radio Rumä- X oder Frau Y mit der Securitate lässt
zugleich auch Opfer des Regimes − vor nien International sagte }iriac im April sich jedoch nicht im Sinne einer politi-
seiner Rekrutierung hatte das heutige 2007: „Wir hatten alle Bespitzelungskar- schen Polizei auslegen.“ Im Klartext hat
Mitglied der Rumänischen Akademie teien − ich meine natürlich uns Sportler. man es folglich mit „guten“ und „bösen“
und Nachkomme einer adeligen Familie Man darf auch nicht davon ausgehen, Spitzeln zu tun − als ob sich im Nach-
jahrelang in kommunistischen Gefäng- dass jemand, der 20 Jahre lang ins Aus- hinein noch genauestens feststellen ließe,
nissen gesessen. land durfte, nicht bespitzelt worden ist. ob und wie die Securitate von den gelie-
Zudem drängt sich inzwischen ver- Trotzdem bin ich recht fassungslos fest- ferten Informationen Gebrauch machte
mehrt die Frage auf, weshalb seit 20 stellen zu müssen, dass so viele Spitzel und welche Folgen die Spitzelberichte
Jahren eigentlich immer nur Wahrheits- auf einen Menschen angesetzt wurden, für die Opfer hatten. Nach diesem Re-
fetzen an die Öffentlichkeit gelangen − um letztendlich belangloses Zeug über zept legt zurzeit so mancher einheimis-
zumeist handelt es sich um einzelne Fa- ihn in Erfahrung zu bringen.“ che Journalist nun auch die Untüchtigkeit
cetten, die politisch bestens ausgeschlach- Zur allgemeinen Intransparenz gesellt des ehemaligen Securitate-Spitzels }iriac
tet werden können. Der Fall }iriac war sich hierzulande auch noch die fragwür- als Tugend aus.
nämlich schon 2007 in den Blickpunkt dige Praxis, sich trotz erwiesener IM-Ak- Der Unternehmer selbst bewahrte
der Öffentlichkeit gerückt, als Spekula- tivität eine Art „Gute-Führung-Zeugnis“ bislang eisernes Schweigen − bis dato hat
tionen über seine mögliche Ernennung vom CNSAS ausstellen zu lassen. Die }iriac keinerlei Stellungnahme zu den
zum Ministerpräsidenten kursierten. offizielle Formulierung eines derartigen, Enthüllungen des CNSAS abgegeben.

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gesellschaft

Herta Müllers Schatten in Nitzkydorf


von viorel ili[oi

S
eit es im Fernsehen hieß, steht alles in den Zeitungen. Und außer- mehr zu sehen, kein Gemüse, nur trocke-
dass Literatur-Nobel- dem haben sie’s im Fernsehen gesagt. nes Gras und Gestrüpp.
preisträgerin Herta Mül- „Guck’, das Haus hab ich von den Wie die Horneas haben Hunderte
ler in Rumänien geboren Deutschen“, prahlt Emilia Hornea und Familien aus 32 Landkreisen die nach
und aufgewachsen ist, schlägt mit der Faust auf die festungsar- dem Exodus der Deutschen leer stehen-
stellen sich die Menschen in ihrem tigen, dicken Mauern. „Es gibt keine den Häuser besetzen dürfen. Viele sahen
Heimatort Fragen: Was ist denn ein Menschen auf dieser Welt wie die Deut- zum ersten Mal einen Parkettboden, sie
Nobelpreis? Und wer ist überhaupt schen.“ Sie hat Tränen in den Augen, heizten damit im Winter. In dem früher
diese Herta Müller? Und wenn sie schon fast rein deutschen Dorf leben heute nur
aus dem gleichen Dorf kommt und über noch neun Schwaben.
eine Million Euro verfügt, was springt Anders als die zugezogenen Rumä-
dabei für die Dorfbewohner heraus? nen wissen diese alle, wer Herta Müller
Herta Müller ist ein unbeschriebenes ist. Doch fallen über sie kaum gute Worte,
Blatt in diesem Nitzkydorf, dem sie über niemand erwartet etwas von ihr. Von
Nacht zu Berühmtheit verholfen hat. allen Deutschen versucht nur Anton
Auf den gepflasterten Straßen − brei- Kraus, hartnäckig und indirekt, Gewinn
ter als die breitesten Boulevards der fer- aus Herta Müllers Nobelpreis heraus-
nen Hauptstadt – lauern Frauen Fremden zuschlagen. Der ehemalige Uhrmacher
auf; jeder wird verhört: Kommt er denn lebt heute im Dauersuff von der kargen
von diesem Nobel? Hat er etwas mitge- kommunalen Sozialhilfe. Hertas Nobel-
bracht − Geld, irgend etwas, egal was, preis sorgt für seine Tagesration Bier –
vielleicht Kleider oder Nahrungsmittel?! etwas anderes fasst er nicht an. „Ich war
Die Fremden sind aber nur Journalisten. mit Herta Müller auf der Schule“, wis-
Sie wollen das Dorf mit eigenen Augen wenn sie von den Deutschen in Nitzky- pert er Fremden zu. Dann lässt er sich
sehen, dieses Kaff, das nur auf Detail- dorf spricht − die Deutschen, die nun durch das Dorf chauffieren, er gibt viel
karten erscheint und doch auf der Land- urplötzlich alle lieb haben, sie selbst, auf die Gesellschaft von richtigen Her-
karte der Weltliteratur aufgeflackert ist. Emilia Hornea, am meisten. Sie zog um ren. Dann nach Hause bitte, und wenn
Nein, Herta hat ihnen nichts mitgege- 1980 aus einem Dorf in der Moldau her, sie ihm doch helfen könnten, Wasser zu
ben, die Frauen greifen missmutig zur die Armut hatte sie verjagt. Sie zog in schleppen. Nach dem ersten Bier das Ge-
Schnapsflasche. ein Haus von Schwaben ein, die längst ständnis: Also, richtige Kollegen waren
Emilia Hornea ist 60 und trinkt seit nach Deutschland ausgesiedelt waren. sie eigentlich nicht, schließlich sei er vier
Tagen mit den Nachbarinnen. Sie stehen Seitdem wohnt sie dort in Miete, 7 Lei Jahre älter gewesen und am Flur habe
am Dorfbrunnen und preisen die Deutschen zahlt sie dem Rathaus monatlich. 7,50 man sich eher selten getroffen. Sie war
− wie die noch gebaut haben, was für Lei, stellt sie ihr ältester Sohn richtig. clever, sie mochte Literatur, sagt er noch.
Häuser, Straßen, Brunnen, Schulen und Die Klinke am Tor, das Bild der Dorf- Für ein weiteres Bier oder auch zwei
Kirchen. Und jetzt haben sie eine Frau kirche, die Fensterläden, die Holzdielen, kann er noch hinzufügen, dass sie
hervorgebracht, die eine Million Euro der Kachelofen – alles ist noch so, wie schrullig war, wie alle Künstler, und dass
einheimst. Eine Frau aus ihrem Nitzky- es die Aussiedler verließen, Emilia und sie sich den Nobel verdient hat. Das ist
dorf im Landkreis Temesch. Eine Mil- ihr Mann haben nichts angerührt, keinen alles, doch wissen andere noch weniger.
lion. Herta und-was-weiß-ich-wie-noch, Nagel. Nur im Garten ist keine Blume Gelesen hat er keines von Müllers Bü-

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gesellschaft

chern. Und gesehen hat er sie seit 40


Jahren nicht mehr, seit sie in die Groß-
stadt zog, aufs Gymnasium. Sie lebte in
Temeswar und kaum jemand erinnert
sich mehr, sie im Dorf gesehen zu haben.
Was nicht weiter schlimm ist, denn Her-
ta ist eben nicht besonders populär, zu-
mindest nicht bei ihren Deutschen.
Niederungen, ihr erstes Buch, mar-
kiert den endgültigen Bruch der Auto-
rin mit ihrem Heimatdorf. „Nur Lügen
hat sie über uns erzählt“, sagt Hildegard
Anghela[, Müllers Cousine zweiten
Grades. Dass die Schwaben Hitlers Na-
tionalsozialismus enthusiastisch be-
grüßt hätten und so ... wo sie doch
gezwungenermaßen in der Wehrmacht in 2008. Sie kam mit dem Zug aus Te- samkeit kaum noch aus.“ Er wollte nicht
mitgekämpft hätten. Dass sie Feiglinge meswar, stieg mutterseelenallein am mit, als sein Sohn nach Deutschland
gewesen seien. Dass ihr Vater ein Säufer Bahnhof aus, kam jedoch nicht ins Dorf, ging, ein anderes Land habe er nicht,
war, wo er doch nicht mehr als andere sondern wanderte auf Seitenwegen bis zum hier wolle er auch sterben.
getrunken habe − eben ein Vater, wie er Friedhof, wo ihre Großeltern und ihr „Mo[“ Josef trägt Herta Müller we-
im Buche steht. Soll sie doch mit ihrem Vater begraben sind. Dort sah sie Josef nig nach. Auch er redet, wie ihm der
Preis glücklich werden, vielleicht verdient Krady, mehr sagt er aber nicht dazu. Es Schnabel gewachsen ist − er hat sogar
sie ihn ja, aber sie soll gefälligst weg blei- reicht, dass die Schwaben in Nitzkydorf mit den Rumänen und Ukrainern, die
ben. „Ich glaube nicht, dass sie jemals wissen, dass es in Hertas Herz doch noch in die Häuser der Schwaben zogen,
wiederkommt, nach all dem, was sie über ein Plätzchen gibt für dieses verschrieene Tacheles geredet. Trunkenbolde seien
uns, die Schwaben in Nitzkydorf, ge- Dorf, sonst wäre sie ja nicht zurückge- sie und faul, primitive Geschöpfe, die
schrieben hat.“ kehrt. ihn fast zusammengeschlagen hätten,
Ein Exemplar der Niederungen, wahr- Josef Krady wohnt direkt neben dem weil es eben niemand mag, die Wahr-
scheinlich das einzige im Dorf, liegt ir- Haus, in dem Herta Müller aufwuchs, heit ins Gesicht gesagt zu kriegen. Für
gendwo im Haus herum. Hildegard hat heute lebt dort eine Lehrerin. Er ist 79 Josef, der nur vier Jahre auf der Schule
keine Ahnung, wo. Ein anderes Buch ih- und es scheint, als ob jeder ausgesiedelte war, aber auf einer deutschen, kann der
rer Cousine hat sie nicht gelesen. Weder Schwabe etwas in ihm zurückgelassen Literatur-Nobel nur etwas äußerst
sie, noch die anderen Deutschen im Dorf. hat, so stark verkörpert er alles Bewun- Wichtiges sein. Er hat gehört, dass ihn
Herta Müller sehen sie auf deutschen dernswerte an den Deutschen. Er betreut nur die großen Schriftsteller erhalten.
Fernsehkanälen über Satellit, sie hören den Friedhof, er vergibt die Grabstellen. Und er ist stolz, auch wenn es ihm die
ihre Worte und können ihr nicht verzei- Die Kreuze poliert er derart, dass selbst anderen Schwaben übel nehmen, stolz,
hen. Nur der Rumänisch-Lehrer Tiberiu die ältesten wie neu aussehen, obwohl dass aus seinem Dorf eine solche Auto-
Buhn` besitzt Müllers Bücher, er hat sie über 200 Jahre alt sind, aus der Grün- rin stammt. Allzu schnell passiert das
sie zudem in Temeswar bei einer Lesung dungszeit von Nitzkydorf − das bedeutet schließlich nicht wieder, weil die Deut-
besucht und auch einige Schüler mitge- im Übrigen Nitzkys Dorf, wobei unter schen weg sind aus Nitzkydorf − wo
nommen. Er bewundert ihren raffiniert- Nitzky der Graf Cristoph von Nitzky zu nun nichts mehr so ist wie früher, als
scharfen Stil. verstehen ist. „Ich würde ganz auf den die Siedler einen Lehrer mitbrachten
Nur wenige erinnern sich an Herta Friedhof umziehen“, sagt der Alte, der und als Erstes eine Schule errichteten.
Müller. Und dennoch will sie jemand in geistig und körperlich fit wie ein blutjun- (mit freundlicher genehmigung
Nitzkydorf gesehen haben − und zwar ger Armeerekrut ist, „ich halte die Ein- der tz „jurnalul na]ional“)

Nr. 1 | MÄRZ 2010 53


gesellschaft

Lesekultur

der Bukarester U-Bahn


Reiselektüre für Fahrgäste

D
arf man einem chinesi- ten Metro-Reisenden ausgewählte Bücher
schen Sprichwort Glauben schenken. Die Bücher sind zum Teil ge-
schenken, stehen alle braucht − zumindest jene, die von den

Foto: Alina Marin


guten Worte dieser Welt Volontären selbst gespendet wurden.
in Büchern. Und manchmal denkt man, Inzwischen konnten für das Projekt auch
alle guten Bürger der rumänischen einige Sponsoren gewonnen werden,
Hauptstadt stünden zur gleichen Zeit in die Neuartikel beisteuern. So konnten agierte mit Bewunderung auf unsere
der U-Bahn. Damit Mensch und Buch beim letzten Treffen etwa 400 Bände Aktion, ich bin sehr zufrieden, dass uns
auch unter der Erde zueinander finden, verteilt werden. die Leute ermutigt haben, die urbanen
hat eine Bürgerinitiative ein originelles Bislang hätten die Menschen sehr Lektüren fortzusetzen“, freute sich Ciu-
Projekt ins Leben gerufen. Seit letzten unterschiedlich auf die Bücher-Kara- botaru.
Sommer sorgt CIVIKA dafür, dass wane in der Metro reagiert, berichtete Ziele der Aktion seien die Ermuti-
immer mehr Menschen in der Metro Adrian Ciubotaru, einer der Projekt- gung der Lektüre an öffentlichen Plätzen
Lust auf Lesen bekommen. und generell die Förderung des
Das Konzept ist recht simpel: Lesens als Mittel der Freizeit-
Volontäre folgen als erstes den gestaltung – informieren die Ve-
regelmäßigen Aufrufen auf der ranstalter auf der Homepage des
Internetseite der Initiative Projekts (orasulciteste.ro).
(www.civika.ro) und kommen Außerdem wolle man langfristig
in einer Bukarester U-Bahn-Sta- nach westlichem Vorbild eine
tion zusammen. Bei der ersten mobile „Underground-Biblio-
Ausgabe des Projekts „Urbane thek“ einrichten. Diese würde
Foto: Mihnea Beldescu

Lektüren“ (lecturi urbane) im aus Bücherregalen in den U-


Mai 2009 waren es 60 Freiwillige. Bahn-Wagen bestehen, aus
Zuletzt versammelten sich An- denen sich die Fahrgäste kosten-
fang Februar mehr als doppelt los Bände ausleihen könnten.
so viele. gründer, in einem Interview mit dem Ein solches Projekt könnte für Ru-
Am Treffpunkt bekommen die Vo- Kulturmagazin Dilemateca. „Es gab Fälle, mänien wichtig sein. Denn hierzulande
lontäre von den Projektleitern eine in denen Menschen unsere Bücher mit wurde die Lesekultur nach der Wende
Tasche voller Bücher mit auf den Weg der Begründung ablehnten, sie hätten vernachlässigt, wie die Ergebnisse einer
in die nächstbeste U-Bahn. Hier wird bei der Arbeit die ganze Zeit auf ihren Studie des Marktforschungsunternehmens
mit taktischem Geschick die Aufmerk- PC-Schirm gestarrt und davon Augen- GFK belegen. Demnach würden 30%
samkeit der Fahrgäste geweckt: Einige schmerzen bekommen. Die meisten wa- der Rumänen gar nicht lesen, während
der Teilnehmer kramen einfach ein Buch ren allerdings erstaunt, dass eine Hand- ein weiteres Drittel nur einige Bücher
hervor und beginnen zu lesen, während voll Jugendlicher in der U-Bahn Bücher im Jahr oder weniger liest.
die restlichen Volontäre den überrasch- verschenkt. Und die große Mehrheit re- alex sterescu

54 Nr. 1 | MÄRZ 2010


gesellschaft

So auch im Adam-Müller-Gutten-
brunn-Gymnasium in Neuarad, wo an-
geblich nur 85% der Lehrerfinanzierung
gesichert sind, obwohl durch die Ab-
sorbtion der Allgemeinschule Nr.20
durch das AMG-Gymnasium letzterem
mehr Schüler für die Klassen 1−8 zukom-
men und daher auch mehr Geld zuste-
hen müsste. Doch wird durch den Zu-
Eine der traditionsreichsten Temeswarer Lehrstätten: das Nikolaus Lenau-Gymnasium sammenschluss der beiden deutschen
Schulen in Neuarad einerseits deren Jahre

Im Unterricht die Schere


langes Raumproblem gelöst, anderer-
seits wäre deren sinnlose Konkurrenz

angesetzt
um eine immer geringere Schüleranzahl
endlich aus der Welt geschafft. Unklar
ist des Weiteren, ob es auch im kom-
menden Schuljahr noch eine 9. Bilingual-

G
beim William Shakespeare-Lyzeum klasse an der AMG-Schule geben wird.
rundsätzlich bleiben (ehemalige Allgemeinschule Nr. 3) wird Die Schulbehörde will diese auflösen,
sie erhalten – die die in diesem Jahr absolvierende 8. Klasse die Schulleitung hat Berufung beim Mi-
deutschen Schulen im die letzte an dieser traditionsreichen nisterium eingelegt.
Banat, egal, ob es da- Bildungseinrichtung gewesen sein, da Aber nicht nur der Unterricht in den
bei um Grundschulen, Gymnasien, sie sowieso bereits als einzige funktio- Sprachen der Minderheiten ist zu einer
um ganze Schulen oder Abteilun- nierte. In Lugosch, Großsanktnikolaus heiklen Angelegenheit geworden. Zwi-
gen mit Deutsch als Muttersprache und Perjamosch versprachen die Bürger- schen 400–600 Stellen werden laut Ge-
geht. Der Regierungserlass, der aus meister sogar, im Extremfall Geld aus werkschaften in den Unterrichtseinheiten
Spargründen eine Pro-Schüler-Be- der Gemeindekasse für den Erhalt des des Verwaltungskreises Temesch ab
zahlung des Personals vorsieht, hat deutschsprachigen Unterrichts locker zu kommendem Jahr wegfallen. Betroffen
mittlerweile so manche Schule in Ru- machen. In ihren Ortschaften hat nämlich wäre dadurch vor allem Personal an
mänien in helle Aufregung versetzt. Deutsch-Muttersprache lange Tradition. Dorfschulen, die entweder gänzlich auf-
Ein Regierungserlass vom Jahresende, gelöst werden oder zumindest ihren
Auch flächendeckend schneiden die der aus Spargründen eine Pro-Schüler- Status als eigenständige Schule verlieren
Deutschen gut ab. Allerdings dürfte die Bezahlung des Personals vorsieht, hat − 42 Schulen wären allein im Kreis Te-
endgültige Entscheidung zu diesem The- längst so manche Schule in Rumänien mesch in einer der beiden Lagen. Der
ma erst dieser Tage erfolgen, doch kann in helle Aufregung versetzt − vor allem Sinn solcher Initiativen – über das Finan-
grundsätzlich davon ausgegangen werden, in kleinen Ortschaften und an Klassen- zielle hinaus – wirft reichlich Fragen auf.
dass im Kreis Temesch nur die Simultan- zügen der Minderheiten, wo durch die Meist geht es bei den aufzulösenden
klassen in den Gemeinden Schag und oft geringe Schülerzahl das Geld, trotz Schulen um solche mit Simultanunter-
Bakowa aufgelöst werden, die anderen einer sogenannten „Minderheiten-Zu- richt und da seien die Leistungen erheb-
Schulen bleiben in ihrer derzeitigen lage”, nicht reicht. Der Hinweis, dass lich gesunken, argumentieren die einen.
Form bestehen. das Grundgesetz den Unterricht in den Andere wiederum befürchten, dass ge-
Dementsprechend wird es kaum zu Sprachen der Minderheiten gewährt und rade wegen des anstehenden Pendelns
Streichungen von Klassen am Nikolaus sichert, war dann vielerorts das schlagen- viele Familien vom Land zukünftig auf
Lenau-Gymnasium, am Banater Kolleg, de Argument. Wie es mit der Finanzie- Schule und Bildung ihrer Kinder verzich-
in Lugosch, Großsanktnikolaus, Perja- rung jedoch letzten Endes aussehen wird, ten würden.
mosch und Hatzfeld kommen. Allein ist derzeit noch schleierhaft. alecs dina

Nr. 1 | MÄRZ 2010 55


gesellschaft

Behörden wollen Energie-Effizienz


sagt Mereu]` von „Habitat“, denn da-
durch könne erheblich mehr Energie ge-

der Plattenbauten verbessern


spart werden. Wären alle Wohnblocks in
Rumänien saniert, so wäre das Land
kaum noch auf Erdgas-Importe ange-
wiesen, behauptet Mereu]`.

I
m kommunistischen Rumänien wurden ab den 50er Jahren im Zuge der An den Kosten der Sanierung sollten
Zwangs-Industrialisierung massenweise Plattenbau-Siedlungen hochge- sich, laut ursprünglichen Beschlüssen,
zogen. Darin sollte die neue Arbeiter-Klasse hausen, die vor allem aus Staat, Lokalverwaltungen und Eigentü-
ländlichen Gebieten stammte. Die künstlich expandierten Städte haben heute, mer gleichermaßen beteiligen. Um das
20 Jahre nach der Wende, mit großen Infrastrukturproblemen zu kämpfen. Programm voranzutreiben, beschloss
Dazu gehört auch die hohe Energieverschwendung in den nur unzureichend Regierungschef Boc im letzten Jahr je-
wärmegedämmten Wohnblocks. Ein landesweit umgesetztes Programm soll doch die Erhöhung der staatlichen För-
das Problem nun lösen. derung auf 50% der Gesamtkosten. Damit
entfallen nun 30% auf die Gemeinden
und nur noch ein Fünftel der Kosten
auf die Eigentümer.
Die Ergebnisse seien bislang zufrie-
denstellend, erklärt Gheorghe Popescu,
Leiter des Referats Wohnungsbau und
thermische Rehabilitierung im Ministe-
rium für Regionale Entwicklung und
Wohnungswesen. 2009 hätten landesweit
Sanierungsarbeiten eingesetzt, so Popescu,
Geld sei für insgesamt 1249 Wohnblocks
da gewesen. Davon waren Ende letzten
Laut Hochrechnungen von „Habi- terverbandes satte 390 kWh pro Quadrat- Jahres bereits 642 fertig saniert, was in
tat“, der Dachorganisation aller Eigen- meter und Jahr − hauptsächlich wegen etwa 25.000 Wohnungen entspricht.
tümerverbände in Rumänien, lebt ein der schlechten Wärmedämmung an Fas- Mit anderen Worten wäre zurzeit
Drittel der Bevölkerung derzeit in Plat- saden, Fenstern, Dächern und in den Un- knapp ein Prozent aller Plattenbauten
tenbauten. Das sind rund 7 Mio. Men- tergeschoßen. Weil das Effizienz-Problem saniert. Wird das Schneckentempo bei-
schen, deren Wohnungen während der mittlerweile erkannt wurde, verabschie- behalten, so dürfte deren energetische
Wintermonate größtenteils fernbeheizt deten die Behörden 2002 ein Gesetz über Sanierung in über einem halben Jahr-
werden. Doch geht in den meisten Wohn- die thermische Sanierung der Plattenbauten. hundert beendet sein. Das ist natürlich
blocks, die zwischen 1950 und 1990 aus Doch kam es erst 2005 zu einer umfas- nicht hinnehmbar, sagt Verbandschef
Betonfertigteilen gebaut wurden, viel Wär- senden Bestandsaufnahme. Die gewonne- Mereu]`. Um diese Sachlage zu ändern,
me verloren, erklärt „Habitat“-Vorsitzen- nen Erkenntnisse waren ernüchternd: sollten z. B. per Gesetz auch jene Fälle
der Mihai Mereu]`, demzufolge die Zwischen 80.000−85.000 Wohnblocks geregelt werden, in denen die Eigentü-
Bukarester Haushalte fast doppelt so viel in 100 rumänischen Städten bedürfen mer die Kosten der Sanierung vollstän-
Energie pro Quadratmeter verbrauchen einer dringenden Sanierung. Im Schnitt dig tragen wollen. Die Behörden stimmen
wie etwa jene in Berlin. entstehen pro Wohnung eines sanierten derweil ein wohlbekanntes Lied an: Man
Statistiken zufolge verbrauchen Eu- Plattenbaus etwa 3.200 Euro Kosten für wolle zukünftig bei Sanierungsprojekten
ropäer pro Quadratmeter durchschnitt- die Wärmeisolierung, zeigen die Berech- vermehrt Fördermittel aus dem EU-Topf
liche 220 kWh im Jahr. Rumänische nungen des Ministeriums für Regionale abschöpfen. Dann soll’s angeblich auch
Wohnblocks verschlingen hingegen nach Entwicklung und Wohnungswesen auf. mit der zügigeren Sanierung klappen.
Angaben des heimischen Energiegutach- Die Investition lohnt sich auf jeden Fall, alex sterescu

56 Nr. 1 | MÄRZ 2010


gesellschaft

Brauchtum le Handwerkerzunft, wie etwa die


Schneider-, Schuster- und Fassbinder-
zunft. „Mer wäntschen Gläck än desem

„Hirräi!“: Urzellauf Hais,/Mer dreiwen mät Schall och


Gaussel/De Sorj och den Arjer ais.“ So

in Agnetheln
lautet der traditionelle Urzelspruch in
Agnetheln und so erklang er auch beim
diesjährigen Urzellauf.
Der Bärentreiber brachte nach den
Festreden seinen „Bären“ tüchtig zum

P
eitschen und Kuhglocken Lehrer an der deutschen Abteilung der Tanzen und auch die anderen Gestalten
hallten jüngst durch die beleb- Agnethler Allgemeinschule. 2006 stellte zeigten ihre Künste, danach liefen die
ten Straßen des unweit von er seiner Klasse das Urzelkostüm vor, Urzeln wieder los, denn schließlich galt
Hermannstadt gelegenen Städtchens spontan liefen damals einige Kinder es ja Unmengen von Krapfen zu verteilen.
Agnetheln, um nur ja alle bösen Geister verkleidet durch die Straßen. Ein Jahr Nach einer zweiten Vorstellung ihrer
zu vertreiben. In vielen Agnethlern weckt später wurde der erste richtige Urzellauf Künste zogen die Urzeln sodann in
der inzwischen wieder traditionelle Ur- organisiert. Der Sage nach ist der Urzel- Parten durch die Stadt – je nach Zunft
zellauf liebgewonnene Kindheitserinne- lauf eigentlich einer mutigen Frau namens und Freundschaft. Es wurde gesungen,
rungen, da nach der Massenauswanderung Ursula zu verdanken, die zur Zeit der gegessen und getrunken, die Krönung
der Sachsen Anfang der 90er dieser Fas- Türkenbelagerung diese aus Agnetheln des Festtages stellte schließlich der
nachtsbrauch viele Jahre lang nicht mehr vertrieb, indem sie, in lauter Fetzen ge- Urzelball dar.
gepflegt worden war. Wiederbelebt wurde hüllt, wild gestikulierend den osmanischen Von Jahr zu Jahr blüht die Tradition
die Tradition 2007. Mit einem lauten Belagerern entgegenrannte. wieder auf, denn glücklicherweise kom-
„Hirräi!“ rennen nun wieder in schwarz Wie jedes Jahr begann der Urzellauf men stets neue Urzeln hinzu. Zwar sind
gekleidete Zottelgestalten mit und ver- auch diesmal mit einer Parade − um den die Blütezeiten dieses Fasnachtsbrauchs
teilen dabei Hunderte leckerer Krapfen. Zuschauern eben einen ersten tüchtigen wohl unwiederruflich vorbei, jedoch
Auch wenn die Kirchengemeinde Schrecken einzujagen, der dann gleich hoffen die Agnethler, dass ihr ruhiges
Agnetheln nur noch rund 150 Sachsen mit einem köstlich dampfenden Krapfen Städtchen mit jedem neuen Urzellauf
zählt, verfügt der Verein „Urzelzunft wieder besiegt werden kann. Sodann wur- einen Teil ihrer Identität wieder zurück-
Agnetheln“ nichtsdestotrotz über weit den sämtliche Gestalten vorgestellt: Para- gewinnt. Der Teilnehmerrekord von
mehr Mitglieder – dieses Jahr rannten dehauptmann und Engelchen, die Reifen- 1980 mit 520 erwachsenen Urzeln und
etwa 160 Urzeln mit, da diese sieben- schwinger, das Mummerl und der Bären- 70 Urzelkindern ist allerdings nicht so
bürgisch-sächsische Tradition immer mehr treiber. Auch das Rad der Kürschner leicht zu brechen ... andererseits aber
Anhänger gewinnt. Bogdan P`tru ist durfte natürlich nicht fehlen. Jede Ge- auch kein Ding der Unmöglichkeit.
nicht nur Vereinsleiter, sondern auch stalt repräsentiert dabei eine traditionel- ruxandra st`nescu

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zahl des monats

2,3
Milliarden Euro
hat der IWF Ende Februar an Rumänien überwiesen, nachdem der Verwaltungsrat
der internationalen Finanzinstitution die Freigabe der 3. und 4. Teilzahlung des knapp
20 Mrd. Euro schweren Hilfspakets für Rumänien abgesegnet hatte. Die Hälfte
der Summe ist für die Reserven der Nationalbank bestimmt, die andere Hälfte kommt
dem Finanzministerium zugute, das damit Haushaltslöcher stopfen will.

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