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Cash; 07.02.

1997; Seite 59; Nummer 6

Serie

Die Jahre der schwarzen Löcher 5. Teil

Ein Fonds ja - aber für wen?

Der israelische Journalist Shraga Elam stellt Fragen auch an die USA und die jüdischen
Organisationen

Die massgeblichen Kreise der Schweiz - Politiker, Banker, Grossindustrielle - scheinen sich heute
auf das Prinzip eines schweizerischen Fonds geeinigt zu haben, der in noch nicht genau definierter
Form den Opfern des Nationalsozialismus zugute kommen soll. In dieser Situation muss man, so
scheint mir, mit Nachdruck zwei Fragen stellen:

· Wer ist eigentlich heute noch legitimiert, im Namen der jüdischen Naziopfer zu sprechen?

· Und ist es heute, im Jahr 1997, noch haltbar, die Naziverbrechen auf den Judenmord zu
reduzieren?

Es ist sicher richtig, dass nur der Druck von aussen, von den internationalen jüdischen
Organisationen und von interessierten Kreisen in den Vereinigten Staaten, die Schweiz dazu
bewogen hat, eine Vergangenheitsbewältigung zumindest zu versuchen und durch eine namhafte
finanzielle Leistung eine Geste zu machen.

Das ist gut so. Aber ohne die Schweiz damit entlasten zu wollen, müsste man dieselbe
Aufforderung zur Vergangenheitsbewältigung jetzt auch an die Adresse der USA und der jüdischen
Organisationen richten.

Was wussten die Amerikaner und die jüdischen Vertreter?

Die Amerikaner müssen sich fragen lassen: Wie kommt es denn, dass alle die für die Schweiz
offenbar so belastenden Dokumente, die jetzt aus den US-Archiven gezogen werden, nicht schon
damals, bei Kriegsende, eingesetzt wurden, um die Schweiz in die Pflicht zu nehmen?

Wie seriös hat man je die Rolle einflussreicher Amerikaner bei der «Rettung» und «Wäsche» von
Nazi-Guthaben und Fluchtgeldern aller Art untersucht? In diesem Zusammenhang sind
insbesondere die Gebrüder John Foster und Allen W. Dulles kritisch genannt worden - vor dem
Krieg prominente New Yorker Wirtschaftsanwälte mit besten Kundenbeziehungen zur deutschen
Hochfinanz, nach dem Krieg US-Aussenminister der eine, US-Geheimdienstchef der andere. Die
Autoren John Loftus und Mark Aarons etwa glauben nachzuweisen, dass solche dubiosen Deals via
die Schweiz gelaufen seien.

Noch mehr Fragen sind an die jüdische Seite zu richten - zum Beispiel: Was für eine Rolle haben
damals jüdische Einzelpersonen und Organisationen im Zusammenhang mit den jüdischen
Fluchtgeldern, die zu einem Teil zu den heute so viel zitierten «nachrichtenlosen Vermögen»
geworden sind, gespielt?

Der renommierte israelische Shoa-Forscher Prof. Yehuda Bauer beschrieb beispielsweise in seinem
Buch «Out of the Ashes» (1989) einen Mechanismus, den er «Après la guerre» nannte: Da das
Verschieben von Geld und Wertgegenständen über die Grenzen schwierig und lebensgefährlich
war, stellten damals in Osteuropa viele vermögliche Juden ihren Besitz direkt den vor Ort
wirkenden jüdischen Hilfswerken zur Verfügung - gegen das Versprechen, dass deren Gegenwert in
«sicheren» Ländern wie etwa der Schweiz deponiert werde. Sie würden dann «nach dem Krieg»
zurückerstattet.

Was aus diesen Versprechen geworden ist, beschreibt der Autor nicht; aber er macht einige Hin
weise auf Personen, die solche Namenslisten besassen. Veruntreuungen sind so lange nicht
auszuschliessen, bis hier Klarheit geschaffen wird. Dass so etwas in der Tat vorgekommen sein
kann, weiss ich aus meiner eigenen Familiensaga: Danach sollte ein Cousin meines Vaters das
Vermögen meiner Grosseltern aus dem Vorkriegsdeutschland via die Schweiz an meinen Vater und
dessen Bruder in Palästina schicken. Er soll es, laut Familienüberlieferung, stattdessen selber
aufgebraucht haben... Diese Geschichte ist kein Einzelfall. Denn entgegen einem anti- oder
projüdischen Vorurteil sind die Juden weder «heiliger» noch «verworfener» als andere Menschen.

Jedenfalls gibt es auch in diesem innerjüdischen Komplex viele «schwarze Löcher», die der
Erhellung harren. Es ist nahe liegend, dass bei so heiklen Transaktionen wenn immer möglich
jüdische Kuriere, zu denen man mehr Vertrauen hatte, bevorzugt wurden.

Eine weitere Frage: Welche Hilfe wurde von jüdischer Seite an Nazis geleistet bei deren
Bemühungen, ihre Raubgüter in Sicherheit zu bringen und danach zu «waschen»? In solchen
Affären taucht immer wieder der Name des umstrittenen früheren Präsidenten des Schweizerischen
Israelitischen Gemeindebundes (SIG), Saly Mayer, auf. Auch hier wären einige immer noch
gesperrte Akten, wie diejenige des damaligen zionistischen Vertreters in der Schweiz, Nathan
Schwalb-Dror, offen zu legen.

Und schliesslich die gewichtigste Frage: Mit welchem Recht treten heute die zwei jüdischen
Organisationen World Jewish Congress (WJC) und Jewish Agency im Namen der Naziopfer auf?

Nicht einmal allen Shoa-Überlebenden ist es bewusst, was für eine «Rettungspolitik» diese
Organisationen sowie andere, die zur gleichen zionistischen Strömung (Mapai-Arbeiterpartei)
gehörten, vor, während und nach dem Krieg betrieben haben.

Die Rettung der europäischen Juden wurde instrumentalisiert. Man war sparsam mit Aktionen und
ergriff die Initiative hauptsächlich dann, wenn es nationalen Zielen, also der Errichtung eines
Judenstaates, dienlich war. War dem nicht so, scheute man selbst vor einer Sabotage von
Rettungsver suchen, die man als «kontraproduktiv» qualifizierte, nicht zurück. Dies geht aus
Protokollen des Direktoriums der Jewish Agency, der vorstaatlichen «Regierung», hervor.

In bestimmten Fällen wie etwa der in Israel bis heute sehr umstrittenen «Kastner-Affäre» wird von
verschiedenen jüdischen Seiten der Vorwurf erhoben, die zionistische Führung sei sogar vor einer
Kollaboration mit der SS nicht zurückgeschreckt.

Diese politische Grundhaltung gegenüber der Judenverfolgung in Europa kommt in einer Rede
deutlich zum Ausdruck, die David Ben-Gurion, damals Chef der Jewish Agency und nachmals
israelischer Ministerpräsident, nach der «Kristallnacht» von 1938 vor der zionistischen Exekutive
hielt:

«Wenn die Juden vor der Wahl stehen zwischen der Hilfe an Flüchtlinge, der Rettung von Ju den
aus Konzentrationslagern und der Unterstützung der nationalen Heimstätte in Palästina, dann wird
das Mitleid die Oberhand behalten, und die ganze Energie der Leute wird in die Rettung von Juden
aus verschiedenen Ländern kanalisiert werden. Der Zionismus wird nicht nur in der öffentlichen
Meinung in der Welt und in Grossbritannien von der Tagesordnung gestrichen werden, sondern
auch von der jüdischen öffentlichen Meinung anderswo. Wenn wir eine Trennung des Flüchtlings-
vom Palästina- Problem zulassen, riskieren wir die Existenz des Zionismus.»
Die Anhänger dieser Strömung in den USA, unter der Leitung des Gründers des Jüdischen
Weltkongresses, Dr. Stephan Wise, unterstützten diese Linie. Die Ausrede, es sei sowieso nicht
mehr möglich gewesen, als das, was gemacht wurde, hält nicht stand angesichts der grossartigen
Leistung einzelner Personen wie etwa der ultraorthodoxen Jüdin Recha Sternbuch aus Montreux.
Mit besser organisierter Unterstützung wäre viel mehr zu erreichen gewesen. Dies bestätigen
wiederum praktisch sämtliche Berichte jüdischer Hilfsaktivisten, die sich immer wieder über ihre
Isolation beklagt haben.

Im Pariser Reparationenabkommen von 1945/46 so wie im Abkommen von Washington von 1946
wurde der Grundsatz festgelegt, dass ein Teil der in den neutralen Ländern beschlagnahmten
Nazivermögen sowie die «nachrichtenlos» gewordenen jüdischen Guthaben für die Rehabilitierung
von Flüchtlingen verwendet werden sollen. Da die Liquidierung der deutschen Guthaben in der
Schweiz bekanntlich völlig anders «abgewickelt» wurde, als man in Washington vereinbart hatte,
und da die Behandlung der «nachrichtenlosen» Guthaben in der Schweiz bekanntlich noch immer
nicht zufrieden stellend abgeschlossen ist, bleibt der Grundsatz von 1946 unerledigt stehen. Er muss
auch für die Verwendung des Fonds wegleitend bleiben, der jetzt geschaffen werden soll.

Ein Beitrag zum Frieden im Nahen Osten

Allerdings nicht ohne eine Zusatzüberlegung: Damals, 1946, waren die Bedürfnisse der jüdischen
Flüchtlinge sehr dringend. Heute ist dies - zum Glück - nicht mehr der Fall. Dass sich der WJC und
die Jewish Agency bei ihren Ansprüchen hinter der geringen Zahl wirklich Notleidender Shoa-
Überlebender verstecken, ist geradezu peinlich.

Aber allerdings ist die Not von Kriegsopfern aller Art auch heute wieder weltweit allgegenwärtig.
Ihnen sollte der Fonds im Geiste des Abkommens von Washington zugute kommen - in weltweiten
Aktionen der Flüchtlingshilfe und in Friedensprojekten.

Dabei sollten die palästinensischen Flüchtlinge besonders berücksichtigt werden; denn es ist
offensichtlich, dass sie als eigentliche «Naziopfer zweiten Grades» einen Anspruch darauf haben.
Denn wie Gewaltopfer die Gewalt - zum Beispiel in ihren Familienbeziehungen - oft weitergeben,
so wird heute in gewissem Sinne - und in einer anderen Form - die Gewalt, welche die Nazis den
Juden angetan haben, von den Juden an die Palästinenser weitergegeben. Abgesehen davon ist klar,
dass es im Nahen Osten keine friedliche Gesamtlösung ohne die Lösung des Palästinenserproblems
geben kann. Ein Beitrag des Fonds zum Frieden im Nahen Osten ist damit auch wieder ein Beitrag
im Interesse der jüdischen Menschen.

Shraga Elam

Kritische Stimme

Shraga Elam, 50, wurde als Sohn eines 1934 aus Deutschland eingewanderten Emigranten in
Palästina geboren. Er studierte Philosophie und Ethnologie in Haifa und in Zürich. An den Kriegen
von 1967 und 1973 nahm er als Soldat teil. Seit Mitte der siebziger Jahre wirkt er in Israel und in
der Schweiz als Friedensaktivist. Er ist an verschiedenen gemeinsamen Aufbauprojekten mit
Palästinensern beteiligt. Seit 1979 lebt Elam in der Schweiz. Er arbeitet als Pressedokumentalist
und freier Journalist und betreibt seit 1987 Recherchen zu verschiedenen Aspekten des Zweiten
Weltkriegs.

Foto: Matthias Auer