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auch

editorial

Unser innerer Anker

R und ein halbes Jahrzehnt lang hing ein großer Zettel in un-

serem Sitzungsraum. Das Papier war rosa, der Chefredakteur

hatte »Heimat« darauf geschrieben und es an die Wand ge-

pinnt, als Vorschlag für eine Titelgeschichte. Hin und wieder hieß es:

Tolles Thema, lasst uns das umsetzen! Das Problem: »Heimatgefühle« waren und sind noch immer ein Stiefkind der psychologischen For- schung. Erst als die zunehmende Mobilität daraus ein kostbares Gut machte, mehrten sich die Forschungsprojekte: Wo liegt unsere Heimat, wenn wir als Kinder immer wieder mit den Eltern umziehen oder wenn wir für den Job alle paar Jahre den Ort wechseln müssen? Zu den lange fehlenden Daten ge- sellten sich weitere Zweifel und ließen das Papier bleichen: Ist das Thema nicht zu kit- schig für eine Coverstory? Gerade in einem

Land, in dem Wanderlust und Gemütlichkeit zu Hause sind? »Es ist immer derselbe Traum: Ein rotblü-

hender Kastanienbaum«, dichtete der deut- sche Literaturnobelpreisträger Hermann Hesse (1877–1962) über die Heimat. Der Schriftsteller versorgte Generationen von Heranwachsen- den mit Stoff für den Rückzug ins Innere, in Seelenbeschau und Selbst- reflexion. Seine Werke sind für die postmoderne Kulturelite so etwas wie die Gartenzwerge der deutschen Literatur: Man darf sie nur mit angemessener ironischer Distanz gut finden.

darf sie nur mit angemessener ironischer Distanz gut finden. Christiane Gelitz Redaktionsleiterin gelitz@spektrum.de I n

Christiane Gelitz

Redaktionsleiterin

gelitz@spektrum.de

I n der Diskussion um das Titelmotiv fielen die Geschmäcker ent- sprechend auseinander: hier die Wohlfühloptik mit Wollsocken vorm Kamin, dort ein breitbeinig posierender Bayer mit Trachten-

hut und Flinte. Der wandernde Gartenzwerg, den wir schließlich wählten, verkörpert am besten, was Forscher ab S. 12 über das »innere Zuhause« berichten: Wo auch immer wir sind, ob im Auslandssemes- ter oder am Zweitwohnsitz, tragen wir es bei uns – sofern wir in der Kindheit einen solchen seelischen Anker entwickelt haben. Symbole für diesen inneren Ort gibt es viele. Meine Kollegen asso- ziieren damit zum Beispiel den Duft von frischem Gras, Familienfeste oder den Anblick vertrauter Straßen; für mich ist es das Lieblingscafé und die Kastanie vor dem Balkon. Von außen betrachtet sind diese Dinge nichts Besonderes; Heimatgefühle gedeihen nicht einfach dort, wo der Boden besonders schön ist. Sie wachsen mit den Erlebnissen,

die wir mit ihnen verbinden, bis die Orte ein Teil von uns werden, so eng verbunden mit unserer Identität, dass ihr Verlust unser Wohlbe- finden trüben kann, in der Kindheit ebenso wie im Alter. Wo fühlen Sie sich zu Hause? Schreiben Sie uns, was Heimat für Sie bedeutet!

Eine lauschige Lektüre an Ihrem Lieblingsort wünscht Ihre

Eine lauschige Lektüre an Ihrem Lieblingsort wünscht Ihre Exp E rtinn E n und E x

Exp E rtinn E n

und

E x p E r t E n

in

di E s E r

Ausg A b E

Exp E rtinn E n und E x p E r t E n in di

Die Philosophie des Geistes gründe ihre zentrale Frage auf falsche Voraussetzungen, urteilt der Bonner Erkenntnistheoretiker

Markus Gabriel (S. 56).

der Bonner Erkenntnistheoretiker Markus Gabriel (S. 56). Jürgen Hellbrück und Elisabeth Kals von der Katholischen

Jürgen Hellbrück und Elisabeth Kals

von der Katholischen Universität Eich- stätt-Ingolstadt geben ab S. 36 eine Einführung in die Umweltpsychologie.

geben ab S. 36 eine Einführung in die Umweltpsychologie. Wie und wann Essen zum echten Genuss

Wie und wann Essen zum echten Genuss wird, erklärt der Hirnforscher Morten Kringelbach von der University of Oxford ab S. 61.

Gehirn&Geist 3 12_2015

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links: DPA / JuliAn strAtenschulte; mitte:

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gAllery getty

rechts:

in dieser ausgabe

g A l l e r y getty rechts: in dieser ausgabe Psychologie Frühe Einblicke 26

Psychologie

Frühe Einblicke

26 ab wann gehört sexual­ kunde auf den Lehrplan –

und was soll unterrichtet werden? ein hitziger streit spaltet eltern und Pädagogen.

Von Daniela Zeibig

32 Die Gehirn&Geist-

Infografik Kleine Psychologie der Verführung ein Überblick über die wichtigsten tricks der Verkaufsstrategen.

DIE GEHIRN&GEIST-INFOGRAFIK Kleine Psychologie der Verführung Wohlfühltemperatur Stimmungsmache fürs
DIE GEHIRN&GEIST-INFOGRAFIK
Kleine Psychologie der Verführung
Wohlfühltemperatur
Stimmungsmache fürs Unterbewusstsein
Bei 19 bis 20 Grad Celsius
bleiben Kunden am längsten.
EINGANG
Finden Sie an der Supermarktkasse immer wieder Dinge in Ihrem
Wagen, die nicht auf der Einkaufsliste standen? Das geht nicht nur Ihnen
so! Wir zeigen Ihnen, welche Tricks der Verkaufsstrategen Sie
zu Spontankäufen animieren.
Lieder mit 72 Schlägen pro Minute beruhigen uns und verlängern
den Aufenthalt, ergab eine Studie. In einer anderen ließ Klas-
sik Kunden am Weinregal zu besonders teuren Tropfen greifen.
»Sammeln Sie Punkte?«
Heile-Welt-Image
Text: Ulrich Pontes / Grafik: Yousun Koh
Wenn eine Belohnung winkt, bleiben
Sie dem Laden eher treu – und wenn
Sie sich per Bonuskarte auch noch zum gläsernen
Kunden machen, profitiert die Firma doppelt.
Wer würde Milch nicht von glücklichen Kühen haben
wollen? Weil uns Nachdenken aber anstrengen
würde, »kaufen« wir einfach, was das Bild suggeriert.
Die »Bremszone«
Die »Quengelzone«
Der Eingangsbereich mit Bäckerladen hat strategische
Funktion: Hier dürfen Sie ankommen, ohne gleich von
Angeboten bedrängt zu werden. Leckerer Duft weckt
den Appetit und beflügelt die Kauflaune, und idealerweise
verabschiedet sich Mann erst mal auf einen
Milchkaffee. Warum? Ohne nörgeligen »Brief-
taschenträger« (Marketingjargon) an Fraus Seite
bleibt sie länger und kauft mehr.
Nicht nur für Kinder gilt: Warten ist langweilig.
Gern werden wir schwach und greifen etwa
noch zu Süßem oder auch zu Praktischem wie
Batterien oder Speichermedien.
Manipulative Scheinalternativen
Den Kuli für 9,90 Euro müssen Sie gar nicht erwerben. Stu-
dien zufolge macht er es aber wahrscheinlicher, dass Sie den
2,50 Euro teuren Stift wählen – statt der 99-Cent-Variante.
Last, not least
Zwar will man es auch Kunden
recht machen, die nur einen
Snack suchen und ohne Um-
weg zur Kasse wollen. Aber
wenn Sie zum größeren Ein-
kauf anrücken, sollen Sie
das ganze Angebot sehen –
deshalb steht ganz weit hinten
irgendein Artikel, der auf
keinem Einkaufszettel fehlt,
etwa die Milch.
Kunden bewegen sich in den meisten Fällen
auf der äußeren Umlaufbahn. Experimente
ergaben: Verläuft diese gegen den Uhrzeiger-
sinn, liegt der Umsatz zehn Prozent höher.
Eine schlüssige Erklärung dafür gibt es nicht.
Ins rechte Licht gesetzt
Gangaufteilung
Bewusst oder unbewusst – wenn Sie die
Qualität von Waren beurteilen, sind alle Sinne
beteiligt. So lässt etwa die Beleuchtung an
der Fleischtheke alles eine Spur röter aussehen.
Enge Quergänge behagen Ihnen nicht, oft wagen Sie nur kurze
Vorstöße. Die Gangmitte ist deshalb keine gute Lage – eben-
so wie der erste Gangmeter: Da laufen Sie nämlich los, ohne
dass Ihre Wahrnehmung so richtig mitkommt. Der Sweetspot
der Produktplatzierung liegt dazwischen.
Parkzonen
Auch das Einkaufswagen-Parkverhalten wird erforscht. Wer
häufiger parkt, kauft mehr. Besonders in der Nähe von Obst und
Gemüse sowie Fleisch und Wurst sollte genug Platz sein.
Bücken oder strecken?
Auffallen um jeden Preis (I)
Auffallen um jeden Preis (II)
Waren in bequemer Greifhöhe nehmen Sie
eher wahr und lieber zur Hand als Dinge
in der Reck- oder Bückzone. Oben und unten
finden Sie deshalb oft Pflichtposten vom Ein-
kaufszettel (Beispiel: Zahnpasta), dazwischen
die passende Impulskaufware (»Stimmt, eine
neue Zahnbürste bräuchte ich mal wieder!«).
Andererseits erwarten Kunden Billigprodukte
unten, Markenware in der Mitte, Teures oben.
Falls Sie nicht auf Ihre Lieblingssorte unter den
57 Nudelvariationen festgelegt sind, erleichtern
Wirkt – unabhängig vom Preis – wie ein
Schnäppchen, das man sich nicht entgehen
optisch hervorstechende Preisschilder die Wahl.
lassen darf: Palettenware.
Gut kombiniert ist halb gewonnen
Wein und Bratenfond, Nudeln und Tomaten-
soße, Zimtsterne und Glühwein: Bequemlichkeit
ist Trumpf, deshalb steht beieinander, was aus
Kundensicht zusammengehört.
QUELLEN
Krishna, A.: An Integrative Review of Sensory Marketing: Engaging the Senses to Affect Perception, Judgment and Behavior.
In: Journal of Consumer Psychology 22, S. 332–351, 2012
Larsen, J. et al.: An Exploratory Look at Supermarket Shopping Paths. In: International Journal of Research in Marketing 22, S. 395–414, 2005
Weitere Quellen im Internet: www.spektrum.de/artikel/1371053
GEHIRN&GEIST
32 12_2015
GEHIRN&GEIST
33 12_2015
YOUSUN KOH

36 Die Welt und wir

großstadtpflanze oder naturkind, Öko oder Muffel – umwelt­ psychologen erforschen, wie unsere umgebung uns beeinflusst und wann wir nachhaltig handeln.

Von Jürgen Hellbrück und Elisabeth Kals

handeln. Von Jürgen Hellbrück und Elisabeth Kals hirnforschung Was hat sie, was er nicht hat? 46

hirnforschung

Was hat sie, was er nicht hat?

46 Männer sind unempathisch, Frauen können nicht

einparken: solche geschlechter­ klischees gibt es wie sand am Meer. Oft werden sie sogar durch neurowissenschaftliche studien zementiert, mahnen Kritiker.

Von Theodor Schaarschmidt

54 Nachgefragt

Woran forschen Sie gerade, Frau Liebing? die biologin Julia Liebing ent­ wickelt »lebendige« Mikrochips. ihr Ziel: weniger tierversuche.

56 Wie hält sich der Geist

am Körper fest? das Leib­seele­Problem gehört zu den härtesten nüssen der Philosophie. aber eine seiner

gängigen Prämissen ist falsch.

Von Markus Gabriel

61 Die Lust auskosten

Für Morten Kringelbach ist essen vor allem genuss. im interview erklärt der hirnforscher, wie unsere neurone die sinnenfreude wecken.

hirnforscher, wie unsere neurone die sinnenfreude wecken. Medizin Die Welle 70 Vielen Migräneattacken gehen

Medizin

Die Welle

70 Vielen Migräneattacken gehen sonderbare seh­

eindrücke voraus – die so genann­ ten auren. Forscher glauben, dass die betroffenen dabei quasi in ihr eigenes gehirn blicken.

Von Markus Dahlem

76 Der Alchemist

der Seele Weit über 100 synthetische Psyche­ delika braute der 2014 verstorbene Chemiker alexander shulgin in seinem heimlabor zusammen. ihre Wirkung testete er an sich selbst.

Von Stefan Klein

82 Gute Frage

Lässt sich die Angst vor Spinnen per Simulation behandeln? der Psychologe Youssef shiban von der universität regensburg er­ probt virtuelle Therapiemethoden für arachnophobiker.

g ehirn& g eist

4 12_2015

mit FrDl. gen. von

von hirschhAusen

FrAnk eiDel;

eckArt

 

istock / Westersoe

titelthema: heimat

Heute hier, morgen dort

12

Kaum jemand bleibt zeitlebens am selben Ort. doch wann und wo fühlen wir uns heimisch? die Forschung zeigt: die meisten

Menschen tragen eine »innere heimat« in sich, wohin sie auch gehen.

 

Von Jana Hauschild

20

Ach, wie schön wär’s jetzt daheim

in der Fremde überkommt uns oft die sehnsucht nach zu hause. Woher rührt dieses bittersüße gefühl – und wie lindert man es?

 

Von Jana Hauschild

g ehirn& g eist

5 12_2015

Editorial

3

Geistesblitze u. a. mit diesen Themen: Mythos »schwulenra­ dar« / hirnzellen per ultraschall steuern / gemeinsamer nenner von tinnitus und schmerz

6

Impressum

9

Blickfang g efahr in Pink

11

Leserbriefe

24

Kopfnuss

44

Tipps&Termine

66

Webtipps

69

Bücher und mehr u. a. mit

andreas sentker (hg.): unser geheimnisvolles ich / bernard schwartz, John V. Flowers: Was Therapeuten falsch machen / douwe draaisma: Wie wir träumen

Vorschau

84

89

Hirschhausens Hirnschmalz

date auf der autobahn

90

Wie wir träumen Vorschau 8 4 89 Hirschhausens Hirnschmalz date auf der autobahn 90 titelbilD: PhotocAse

titelbilD:

PhotocAse /

sPAceJunkie

unsplash / Blake RichaRd VeRdooRn / cc0 (cReatiVecommons.oRg/puBlicdomain/zeRo/1.0/legalcode)

geistesblitze

ein doppelter espresso, und die innere Uhr geht nach.
ein doppelter espresso, und
die innere Uhr geht nach.

Chronobiologie

Mit Koffein aus dem Takt

K offein verstellt die innere Uhr. Das ergab eine studie von Wissenschaftlern um Kenneth Wright von der University of Colorado in

Boulder. Der innere taktgeber ihrer Probanden ging rund 40 Minuten nach, wenn diese drei stunden vor ihrer üblichen schlafenszeit so viel Koffein zu sich nahmen, wie in einem doppelten espresso enthalten ist. Wright und sein team bestellten fünf Freiwillige für 49 nächte in ihr schlaflabor und verabreichten ihnen abends eine Koffeinpille oder ein Placebo. in weiteren Versuchsdurchläufen wurden die Probanden eine Zeit lang entweder hellem oder gedimmtem Licht ausge- setzt. Während des experiments untersuchten die

Gehirn&Geist

Forscher regelmäßig den speichel der Probanden auf das schlafhormon Melatonin. Dessen Ausschüttung reguliert unser innerer taktgeber, der nucleus supra- chiasmaticus im hypothalamus, normalerweise abhängig von den Lichtverhältnissen. Der Aufschub der Melatoninproduktion durch das Koffein war etwa halb so stark wie jener, der durch drei stunden helles Licht verursacht wurde. Zudem konnten die Wissenschaftler zeigen, dass Koffein auf molekularer ebene die rezeptoren für den neuro- transmitter Adenosin blockiert, der unsere erregung dämpft und uns schläfrig macht.

Sci. Transl. Med. 10.1126/scitranslmed.aac5125, 2015

6 12_2015

unsplash / alex Jones / cc0 (cReatiVecommons.oRg/puBlicdomain/zeRo/1.0/legalcode)

Wahrnehmung

Fingerkino

U nser Gehirn verarbeitet die Umwelt nicht kon- tinuierlich, sondern in aufeinander folgenden Zeitfenstern. Das zeigten Forscher um Joachim

Lange von der heinrich-heine-Universität Düsseldorf nun am Beispiel von Berührungsreizen. Die Psycholo- gen tippten 16 Versuchsteilnehmer zweimal kurz hinter- einander am Zeigefinger an und fragten sie anschlie- ßend, ob sie eine oder zwei Berührungen gespürt hatten. Parallel registrierten sie die neuronale Aktivität mit hilfe der Magnetenzephalografie (MeG). Die hirnwellen im Frequenzband von 8 bis 20 hertz unterteilten sie dabei in Abschnitte von 50 bis 100 Millisekunden, die jeweils einen Zyklus umfassten.

Autoren dieser rubrik: Marlene Allisat-höbel, Jan Dönges, Bernhard Fleischer, Jan Osterkamp und Daniela Zeibig

Fielen beide reize ins gleiche Zeitfenster, konnten die Probanden sie nicht mehr als getrennt wahrnehmen. Das gelang nur, wenn sie in aufeinander folgenden Zyklen auftraten. Die Forscher schließen daraus, dass unser Gehirn ähnlich wie eine Videokamera oder ein Daumenkino einzelne standbilder erzeugt, die es zu einer flüssigen Wahrnehmung zusammenfügt. Diese Theorie gibt es schon länger, sie wurde aber fast immer an visuellen reizen getestet. Lange und sein team lieferten nun den experimentellen Beweis, dass dies auch für Berührun- gen gilt.

Proc. Natl. Acad. Sci. USA 112, S. 12187–12192, 2015

Das gehirn verhält sich wie ein Daumenkino, wenn es taktile Reize verarbeitet.
Das gehirn verhält sich wie
ein Daumenkino, wenn
es taktile Reize verarbeitet.

tinnitus und schmerz

Gemeinsame Ursache

W issenschaftler um Josef rauschecker von der tU München haben ein zentrales regula- tionssystem aufgespürt, das sowohl für die

entstehung von tinnitus als auch für chronische schmerzen verantwortlich sein könnte. Die Forscher durchforsteten studien zu beiden störungen und stie- ßen auf Veränderungen im ventromedialen präfronta- len Kortex sowie im nucleus accumbens, die sich bei tinnitus- und schmerzpatienten kaum unterschieden. Beide hirnregionen ordnen sinneseindrücken eine emotionale Qualität zu und blenden gleichzeitig

Gehirn&Geist

überschießende sensorische signale aus, so vermuten die Forscher. Arbeitet das regulationssystem nicht mehr richtig, verselbstständigen sich unangenehme sinneseindrücke – so dass beispielsweise tinnitus- patienten dauerhaft Geräusche hören und bei schmerzpatienten längst vergangenes Leid immer wieder an das Bewusstsein gemeldet wird. Könnte man in diesen neuronalen regelkreis gezielt eingreifen, würde das neue Wege für die tinnitus- und die schmerzbehandlung eröffnen.

Trends Cogn. Sci. 19, S. 567–578, 2015

7 12_2015

istock / emyeRson

fotolia / kmiRagaya

istock / emyeRson fotolia / kmiRagaya Wie viele Jahre würden sie ihm geben? Moral Hirnstimulation macht

Wie viele Jahre würden sie ihm geben?

Moral

Hirnstimulation macht gnädig

D ie moralischen Urteile von Probanden lassen sich mittels transkranieller Magnetstimula- tion (tMs) manipulieren. Das berichten

Forscher um Joshua Buckholtz von der harvard University. sie versetzten 66 Freiwillige in die rolle eines richters und führten ihnen eine reihe fiktiver straftäter vor. Obwohl die teilnehmer deren taten moralisch als ungefähr gleich verwerflich einschätz- ten, fällten diejenigen durchweg mildere Urteile, deren dorsolateraler präfrontaler Kortex (DLPFC) während der Befragung durch magnetische stör- impulse gehemmt wurde. Der DLPFC führe offenbar moralische einschät- zungen mit anderen informationen zusammen und wäge sie gegeneinander ab, so die Forscher. Mit gehemmtem Areal erschien es den Probanden weniger wichtig, ob die taten aus niederen Motiven verübt worden waren oder ob die schuldfähigkeit

zum tatzeitpunkt eingeschränkt war. Der Gnadeneffekt der tMs kam allerdings nur bei leichten bis mittelschweren straftaten zum tragen. Bei schweren Verbrechen wie Mord habe es für die teilnehmer bei der Bewertung vermutlich weniger spielraum gegeben, glauben die Wissenschaftler.

Neuron 87, S. 1369–1380, 2015

hirnforschung

Ultraschallgesteuert

F orschern vom salk institute in La Jolla (UsA) ist es gelungen, einzelne hirnzellen mit hilfe von Ultraschallwellen zu aktivieren. Mit der

»sonogenetik« getauften technik gelang es, das Verhalten von Fadenwürmern zu manipulieren. Für ihren Versuch platzierte das team um sreekanth Chalasani die tiere in einer Petrischale und versenkte diese zum teil in einem Wasserbad. Um die Würmer für die Ultraschallwellen zu sensibilisieren, umgaben die Wissenschaftler sie außerdem mit Mikrobläschen, die den effekt der Wellen verstärkten. sendeten sie nun einen kurzen Ultraschallimpuls mit niedriger schallintensität aus, bewegten sich die Würmer plötzlich rückwärts. Dafür sind offenbar spezielle ionenkanäle verant- wortlich, die bei dem Wurm in der Membran mancher sensorischer neurone sitzen. Die dehnungs- empfindlichen trP-4-Kanäle werden durch die

schallwellen geöffnet und bringen die Zelle so dazu, wie auf Kommando zu feuern. Anschließend ließen die Forscher mit gentechnischen Methoden auch andere neurone, die ebenfalls für den »rückwärts- gang« verantwortlich sind, trP-4-Kanäle ausbilden. Die Fadenwürmer machten nun noch häufiger kehrt, sobald ein Ultraschallimpuls angelegt wurde. Mit hilfe der sensitiven ionenkanäle umgingen die Forscher dabei ein Problem, das Ultraschall für die gezielte hirnstimulation bisher ungeeignet mach- te: Die Wellen lassen sich nicht exakt genug fokussie- ren, um ganz bestimmte Zellen anzuregen. in frühe- ren Versuchen gelang es zwar, das menschliche hirn mit Ultraschallwellen zu stimulieren. Man konnte so jedoch nur grobe regionen im Gehirn ansteuern. Als nächstes wollen die Forscher testen, ob ihr Verfahren auch bei Mäusen funktioniert. Möglicher- weise lassen sich bei ihnen auch noch andere ionen- kanäle finden, die für die Wellen empfänglich sind.

Nat. Comm. 6, 8264, 2015

Felsenpinguine bleiben ihrem Partner treu, leben aber nur rund 20 bis 30 Tage im Jahr mit ihm zusammen. Außerhalb der Paarungssaison gehen sie getrennte Wege, die sie bis zu 2500 Kilometer entfernt voneinander führen – eine Fernbeziehung der extremen Art.

Biology Letters 10.1098/rsbl.2015.0429, 2015

Gehirn&Geist

8 12_2015

– eine Fernbeziehung der extremen Art. Biology Letters 10.1098/rsbl.2015.0429, 2015 Gehirn&Geist 8 12_2015

istock / leonaRdo patRizi

geistesblitze

eine Auszeit am Vormittag sichert die schaffenskraft.
eine Auszeit am Vormittag
sichert die schaffenskraft.

Arbeitsplatz

Kurze Pausen!

A rbeitnehmer, die ihre erste Pause bereits am Vormittag machen, kommen besser durch den Arbeitstag. Darauf deuten Befunde von emily

hunter und Cindy Wu von der Baylor University in texas hin. Die Wissenschaftlerinnen ließen 95 Proban- den zwischen 22 und 67 Jahren eine Arbeitswoche lang ausführlich tagebuch über ihre Pausen führen. Bei der Auswertung zeigte sich, dass die teilnehmer im Durch- schnitt zweimal am tag pausierten, kurze toilettengänge nicht eingerechnet. sie profitierten am meisten, wenn sie die erste Pause noch am Vormittag einlegten – dann waren sie hinterher umso konzentrierter und motivierter bei der Arbeit. Ob es so etwas wie eine perfekte Länge für Pausen

gibt, konnten die Forscher aus ihren Daten zwar nicht ableiten, dafür aber die empfehlung, lieber mehrere kurze als nur eine längere Auszeit zu nehmen. »im Gegensatz zu einem Mobiltelefon, dessen Akku man am besten ganz leer macht, bevor man ihn wieder auflädt, müssen Menschen regelmäßig über den tag verteilt energie nachtanken«, so hunter. Versuchsteilnehmer, die dies beherzigten, litten seltener unter Kopfschmerzen, überanstrengten Augen oder rückenproblemen und waren auch insgesamt zufriedener in ihrem Job.

J. Appl. Psychol. 10.1037/apl0000045, 2015

Gehirn&Geist

9 12_2015

impressum

Chefredakteur: Prof. Dr. phil. Dipl.-Phys. Carsten Könneker M. A. (verantwortlich) Artdirector: Karsten Kramarczik Redaktionsleitung: Dipl.-Psych. Christiane Gelitz Redaktion: Dipl.-Psych. steve Ayan (ressortleitung Psychologie), Dr. Katja Gaschler (ressortleitung hirnforschung, Koordination sonderhefte), Dr. Andreas Jahn (ressortleitung Medizin), Dr. Frank schubert Freie Mitarbeit: Dipl.-Psych. Liesa Klotzbücher, M. A. Pol. Dirk Liesemer, Dipl.-Phys. Ulrich Pontes, Dipl.-Theol. rabea rentschler, Dipl.-Psych. Joachim retzbach, B. A. Wiss.-Journ. Daniela Zeibig Assistentin des Chefredakteurs, Redaktionsassistenz: hanna sigmann schlussredaktion: Christina Meyberg (Ltg.), sigrid spies, Katharina Werle bildredaktion: Alice Krüßmann (Ltg.), Anke Lingg, Gabriela rabe layout: Karsten Kramarczik, sibylle Franz, Oliver Gabriel, Anke heinzelmann, Claus schäfer, natalie schäfer Redaktionsanschrift: Postfach 10 48 40, 69038 heidelberg, tel.: 06221 9126-712, Fax: 06221 9126-779, e-Mail:

gehirn-und-geist@spektrum.de

Wissenschaftlicher beirat: Prof. Dr. Manfred Cierpka, institut für Psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie, Universität heidelberg; Prof. Dr. Angela D. Friederici, Max-Planck-institut für Kognitions- und neurowissenschaften, Leipzig; Prof. Dr. Jürgen Margraf, Arbeitseinheit für klinische Psychologie und Psychotherapie, ruhr-Universität Bochum; Prof. Dr. Michael Pauen, institut für Philosophie der humboldt-Universität zu Berlin; Prof. Dr. Frank rösler, institut für Psychologie, Universität hamburg; Prof. Dr. Gerhard roth, institut für hirnforschung, Universität Bremen; Prof. Dr. henning scheich, Leibniz-institut für neurobiologie, Magdeburg; Prof. Dr. Wolf singer, Max-Planck-institut für hirnforschung, Frankfurt am Main; Prof. Dr. elsbeth stern, institut für Lehr- und Lernforschung, eth Zürich

Herstellung: natalie schäfer Marketing: Annette Baumbusch (Ltg.), tel.: 06221 9126-741, e-Mail: service@spektrum.de einzelverkauf: Anke Walter (Ltg.), tel.: 06221 9126-744 Verlag: spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbh, Postfach 10 48 40, 69038 heidelberg, hausanschrift: slevogtstraße 3–5, 69126 heidelberg, tel.: 06221 9126-600, Fax: 06221 9126-751, Amtsgericht Mannheim, hrB 338114

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Die spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbh ist Kooperations- partner der nationales institut für Wissenschaftskommunikation gGmbh (naWik).

bezugspreise: einzelheft: € 7,90, sFr. 15,40, Jahresabonnement inland (12 Ausgaben): € 85,20, Jahresabonnement Ausland: € 93,60, Jahresabonnement studenten inland (gegen nachweis): € 68,40, Jahresabonnement studenten Ausland (gegen nachweis): € 76,80. Zahlung sofort nach rechnungserhalt. Postbank stuttgart, iBAn: De52600100700022706708, BiC: PBnKDeFF

Die Mitglieder der DGPPn, des VBio, der GnP, der DGnC, der GfG, der DGPs, der DPG, des DPtV, des BDP, der GkeV, der DGPt, der DGsL, der DGKJP, der turm der sinne gGmbh sowie von Mensa in Deutschland erhalten die Zeitschrift GuG zum gesonderten Mitgliedsbezugspreis.

Anzeigen/Druckunterlagen: Karin schmidt, tel.: 06826 5240-315, Fax: 06826 5240-314, e-Mail: schmidt@spektrum.de Anzeigenpreise: Zurzeit gilt die Anzeigenpreisliste nr. 14 vom 1. 11. 2014.

gesamtherstellung: Vogel Druck und Medienservice Gmbh, höchberg

sämtliche nutzungsrechte an dem vorliegenden Werk liegen bei der spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbh. Jegliche nutzung des Werks, insbesondere die Vervielfältigung, Verbreitung, öffentliche Wiedergabe oder öffentliche Zugänglichmachung, ist ohne die vorherige schriftliche einwilligung der spektrum der Wissenschaft Verlags- gesellschaft mbh unzulässig. Jegliche unautorisierte nutzung des Werks berechtigt die spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbh zum schadensersatz gegen den oder die jeweiligen nutzer. Bei jeder autorisierten (oder gesetzlich gestatteten) nutzung des Werks ist die folgende Quellenangabe an branchenüblicher stelle vorzunehmen:

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bildnachweise: Wir haben uns bemüht, sämtliche rechteinhaber von Abbildungen zu ermitteln. sollte dem Verlag gegenüber dennoch der nachweis der rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das branchen- übliche honorar nachträglich gezahlt.

issn 1618-8519

istock / fRankVandenBeRgh

geistesblitze

Die Bedeutung universeller Schönheitsmerkmale wie der Gesichtssymmetrie wird überschätzt: Wie attraktiv wir jemanden finden, hängt entscheidend von den eigenen Erfahrungen ab, etwa vom ersten Liebespartner. Soziale und genetische Faktoren spielen ebenfalls eine untergeordnete Rolle.

Curr. Biol. 10.1016/j.cub.2015.08.048, 2015

homosexualität

Ein »Schwulen-Radar« gibt es nicht

M enschen könne man ihre sexuelle Orientie- rung am Gesicht ablesen – so eine verbreitete Annahme. Doch das sei ein irrtum, berich-

ten Psychologen um Janet hyde von der University of Wisconsin-Madison. Die Wissenschaftler legten Probanden Fotos von hetero- und homosexuellen Personen vor und baten um eine einschätzung, ob die Abgebildeten dem gleichen oder dem anderen Ge- schlecht zugeneigt seien. Dabei lagen die teilnehmer genauso oft richtig wie falsch – purer Zufall also. Das »schwulen-radar«, so die Forscher, sei nichts weiter als ein Mythos, der gerne kolportiert werde. Allerdings besaßen die getesteten Probanden ein feines Gespür für stereotype: sie erkannten etwa an Gesten, Kleidung oder Berufen, die gemeinhin mit homosexu-

alität assoziiert werden, ob jemand für schwul oder lesbisch gehalten werden würde. stereotype führen jedoch regelmäßig in die irre, warnen die Forscher: so würden viele Probanden zum Beispiel Männer mit rosafarbenen hemden für homosexuell halten. im wirklichen Leben trifft man aber mehr heterosexuelle Männer (die insgesamt häufiger sind) mit rosa hemden als homosexuelle – und liegt entsprechend oft falsch.

J. Sex Res. 10.1080/00224499.2015.1015714, 2015

schwul oder hetero? Das lässt sich allein anhand eines Fotos kaum beurteilen – selbst wenn man manches Klischee bestätigt sieht.

anhand eines Fotos kaum beurteilen – selbst wenn man manches Klischee bestätigt sieht. Gehirn&Geist 1 0

Gehirn&Geist

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mit fRdl. gen. Von nath laB, ninds, nih, Bethesda, maRyland

bliCKFAng

gen. Von nath laB, ninds, nih, Bethesda, maRyland bliCKFAng D ie amyotrophe Lateralsklerose (ALs) ist eine

D ie amyotrophe

Lateralsklerose

(ALs) ist eine

seltene und bislang unheilbare neurodegene- rative erkrankung. Weil davon vor allem Moto- neurone betroffen sind, haben die Patienten Probleme beim Laufen, sprechen und Atmen. Was den Zelltod auslöst, ist unklar – Us-amerika- nische Forscher der national institutes of health fanden jetzt aber

Gefahr in Pink

eine mögliche Ursache:

einen retrovirus namens herV-K. retrovirales erbgut macht knapp acht Prozent des menschlichen Genoms aus und wird auch als »Junk-DnA« bezeichnet, da es eigent- lich keine Bauanleitung für Proteine enthält. Die Wissenschaftler stellten nun fest, dass herV-K hingegen für sein hüllprotein env kodiert, welches bei ALs-Patien-

ten auftritt, nicht aber bei gesunden Kontrollperso- nen. reguliert wird das Virus vermutlich von dem Protein tDP-43, das zuvor bereits mit ALs in Verbindung gebracht wurde. Die Aufnahme oben zeigt einen Querschnitt durch das Gehirn einer gentechnisch veränderten Maus: Das von ihren Zellen produzierte hüllprotein env ist hier pink eingefärbt, neurone

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grün. env bewirkte bei den Mäusen zunehmende motorische Probleme – sie liefen immer kürzere strecken und machten mehr Pausen. Avindra nath, leitender Forscher der studie, hofft, dass der neu entdeckte Mechanis- mus in Zukunft eine bessere Behandlung von ALs ermöglicht.

Li, W. et al.: Human Endogenous Retrovirus-K Contributes to Motor Neuron Disease. In: Sci. Transl. Med. 7, 307ra153, 2015

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TiTelThema

Heute hier, morgen dort

Heimat Wir leben mobiler als je zuvor. Doch das heimatgefühl schwindet dadurch nicht – im Gegenteil.

Von

Jana

Gehirn&Geist

Gehirn&Geist

h auschil D

12_2015

13 12_2015

13

Auf einen Blick: in der Welt zu hause?

1 auch Menschen, die häufig den

Wohnort wechseln oder länger

im ausland leben, zeigen meist

eine besondere Verbundenheit mit ihrer heimat.

2 Wer als Kind oder Jugend­

licher an verschiedenen

orten zu hause war, kann sich

als erwachsener schneller in der Fremde eingewöhnen.

3 Menschen auf dem land

fühlen sich ihrer heimat im

schnitt mehr verbunden als

städter. Äußere Bedrohungen, etwa durch naturkatastrophen, stärken unser heimatgefühl.

K ristin tingelt für ihr leben gern durch

die Welt. sie verbrachte ein schuljahr

in den usa, später studierte sie dort

eine Zeit lang, bevor sie an eine nieder­

ländische universität wechselte. an­

schließend ging sie als freiwillige hel­

ferin nach costa rica, zum arbeiten und reisen ver­ schlug es sie über ecuador bis nach Peru. ihre heimat aber trägt sie stets bei sich: sie hat sich die geografischen Koordinaten ihrer heimatstadt Berlin auf den nacken tätowieren lassen. Da kommt sie her, dorthin kehrt sie immer wieder zurück. Das wollte sie verewigen. Für viele Menschen ist es essenziell, sich selbst an einem ort verankern zu können. sagen zu können, das ist meine heimat, dort bin ich groß geworden, da sind meine Wurzeln. Denn die herkunft macht einen wich­ tigen teil unserer identität aus. in der heimat haben wir laufen und sprechen gelernt. eltern, Freunde und Ver­

wandte leben dort. es ist ein ort der Zuflucht und einer, der einem ein Wohlgefühl gibt, das wir an neue orte mitnehmen. Die meisten haben eine solche erste heimat. sie prägt unser Verständnis davon, wie die Welt aussehen, funktionieren und riechen sollte. Mit diesem verinner­ lichten Bild ziehen junge Menschen los, um anderswo neue erfahrungen zu sammeln. Doch in einer Zeit, in der alljährlich hunderttausende junge Deutsche in die Welt hinausschwärmen und dort Monate oder Jahre le­ ben, dürfte sich unsere Vorstellung von heimat grund­ legend ändern. so wird zunehmend fraglich, ob wir überhaupt noch einen ort brauchen, den wir heimat nennen. erscheint die Welt einem Menschen als komplizier­ ter, wenn der erste Bezugspunkt, eine urheimat, im le­ ben fehlte? Viele scheidungskinder etwa pendeln regel­ mäßig zwischen Mutter und Vater. laut einer studie des

mäßig zwischen Mutter und Vater. laut einer studie des Die a u T orin Jana Hauschild

Die

a u T orin

Jana Hauschild ist Psychologin und arbeitet als Wissenschaftsjournalistin in Berlin – ihrer Geburts­ und heimatstadt.

Deutschen Jugendinstituts von 2010 stellen sich die meisten Kinder zwar darauf ein, dass in den beiden haushalten unterschiedliche routinen, regeln und Pflichten gelten. sie berichten aber auch von einer inne­ ren Zerrissenheit: Je nachdem, ob sie sich bei Vater oder Mutter aufhielten, fühlten sie sich als ein anderer Mensch. Die langfristigen Folgen einer solchen Zweiteilung lassen sich aus studien mit Kindern von äußerst mobi­ len eltern erahnen. offiziere, Missionare oder Botschaf­ ter reisen mit ihren Familien meist von land zu land. unterwegs leben die Kinder in zwei Welten: Während zu hause die heimatliche Kultur gepflegt wird, gelten auf der straße und in der schule die regeln des Gast­ lands. Weil sie nur vorübergehend dort bleiben, gelingt es den Kindern kaum, sich am Wohnort einzufügen. so wachsen sie in zwei Kulturen zugleich auf, aber in keiner richtig. Wenn die Familie nach Jahren in ihr her­ kunftsland zurückkehrt, fühlen sich die Kinder dort oft nicht mehr heimisch. Manche entwickeln nie ein tiefes Gefühl für die heimat der eltern.

Globale nomaden

einige dieser Menschen sehen sich ein leben lang als heimatlos und empfinden sich zugleich als weniger wertvoll, berichtet die Psychologin raquel carvalho hoersting. sie befragte 475 erwachsene, die als Kinder mit ihren eltern zeitweise im ausland gelebt hatten. im schnitt waren sie bei Beginn der auslandsaufenthalte fünf bis sechs Jahre alt gewesen und blieben der heimat ein Jahrzehnt fern. Mehr als jeder dritte zog in dieser Zeit einmal um, jeder vierte zweimal, andere noch häu­ figer. Viele sprechen zwei oder mehrere sprachen flie­ ßend und sehen sich selbst als Multikulturelle oder glo­ bale nomaden. Jeder zweite studienteilnehmer ist laut hoersting ein »third culture kid«: er fühlt sich weder der einen noch der anderen Kultur zugehörig, sondern trägt eine so genannte Drittkultur in sich. Darin sind zwei oder mehr Kulturen zu einer neuen verbunden. Third cul­ ture kids fühlen sich ihren Familien und vor allem Ge­ schwistern deshalb stark verbunden, weil sie mit ihnen Geschichten teilen, die sonst niemand in ihrer umge­ bung erlebt hat. auch als erwachsene pflegen sie einen mobilen lebensstil und können sich auf Grund ihrer

Gehirn&Geist

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geodäsie nach: Bundesinstitut für Bau-, stadt- und raumforschung (BBsr, Bonn 2015) und Bundesamt für kartographie

gehirn&geist,

und

TiTelThema / heimaT

Deutschland in Bewegung

Kiel Rostock Hamburg Schwerin Bremen Berlin Hannover Potsdam Magdeburg Bielefeld Cottbus Dortmund Essen Halle
Kiel
Rostock
Hamburg
Schwerin
Bremen
Berlin
Hannover
Potsdam
Magdeburg
Bielefeld
Cottbus
Dortmund
Essen
Halle /S.
Leipzig
Dresden
Düsseldorf
Kassel
Erfurt
Chemnitz
Köln
Frankfurt/M.
Bonn
Wiesbaden
Mainz
Nürnberg
Mannheim
Saarbrücken
Stuttgart
München
Ulm
Freiburg i. Br.

in unsere großen Städte zieht es mehr neue einwohner, als menschen wegziehen. in einigen ländlichen regionen, vor allem in ostdeutschland, ist es umgekehrt. Die Karte stellt die Proportio­ nen der regionen gemäß Zu­ und Fortzügen verzerrt dar. Sie soll so veranschaulichen, welche Teile des landes wachsen und welche ausdünnen.

Differenz Zuzüge – Fortzüge je 1000 Einwohner im Jahr 2012

bis unter –1Zuzüge – Fortzüge je 1000 Einwohner im Jahr 2012 –1 bis unter 1 1 4 7

–1 bis unter 1– Fortzüge je 1000 Einwohner im Jahr 2012 bis unter –1 1 4 7 bis unter

1000 Einwohner im Jahr 2012 bis unter –1 –1 bis unter 1 1 4 7 bis

1000 Einwohner im Jahr 2012 bis unter –1 –1 bis unter 1 1 4 7 bis

1000 Einwohner im Jahr 2012 bis unter –1 –1 bis unter 1 1 4 7 bis

1

4

7

bis unter 4 bis unter 7 und mehr

interkulturellen Kinderjahre schneller in neue Kulturen einfügen. Mehr als jeder fünfte in hoerstings studie fühlte sich allerdings kulturell heimatlos. Je länger ein Kind nicht im herkunftsland lebte, desto stärker war dieses emp­ finden. Zugleich hatten die Betreffenden als erwach­ sene ein geringeres selbstwertgefühl. Denn Menschen orientieren sich an Gruppen, denen sie angehören möchten. Wer als Kind und Jugendlicher keine Wurzeln schlagen kann und sich deshalb nie als zu einer Gruppe zugehörig wahrnimmt, wertet sich ab.

lernt man die heimat in der Fremde schätzen?

Wie sich häufige ortswechsel im erwachsenenalter oder mehrere lebensmittelpunkte auswirken, ist eher umstritten. Können wir unsere Fähigkeit, uns irgendwo heimisch zu fühlen, ganz verlieren? Pessimisten spre­ chen von entwurzelung und befürchten, dass Familien

zerbrechen und die emotionale Bindung an die heimat schwindet. optimisten widersprechen: auch sehr mo­ bile Menschen fühlen sich weiterhin ihrer herkunft verbunden. Wer seine heimat verlasse, argumentieren sie, lerne sie oft erst richtig schätzen. Diese annahme wird durch studien gestützt. nicht nur Ferne kann für das heimatgefühl förder­ lich sein, Gefahr schafft ebenfalls Verbundenheit. in australien etwa werden regelmäßig weite teile des lan­ des von Dürren, Wirbelstürmen und Überschwem­ mungen bedroht. Gleichwohl ziehen immer mehr aus­ tralier in gefährdete regionen. Psychologen der univer­ sity of Western australia in Perth befragten 600 ihrer landsleute, wie sehr sie sich mit ihrem Zuhause identi­ fizieren. Grundsätzlich drückten auf dem land lebende teilnehmer stärkere heimatgefühle aus als städter. Wer jedoch in einer stadt mit hohem Feuerrisiko wohnte, hing ebenso stark an seinem Zuhause wie ein Mensch

Gehirn&Geist

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50 Prozent der erwerbstätigen zwischen 25 und 54 Jahren haben schon lange anfahrten zum arbeitsplatz auf sich genommen, einen Zweitwohnsitz angemeldet oder sind für eine neue Stelle umgezogen

vom land. Die Forscher schlossen daraus, dass wir uns mit einem gefährdeten Wohnort besonders identifizie­ ren und ihn mehr zu schätzen wissen. auch Vielreisende bleiben ihrer heimat verbunden. »Weg von Zuhause zu sein, lässt das innere Band zur heimat mehr hervorstechen und kann paradoxerweise dazu beitragen, dass die lokale identität beibehalten und nicht zerrüttet wird«, schreibt die Psychologin Ma­ ria lewicka von der universität Warschau. Ähnliches berichtet der schwedische soziologe Per Gustafson von der universität uppsala: Wer viel reist, erweitert nicht nur seinen horizont, sondern fühlt sich seiner heimat dauerhaft verbunden. eine mobile lebensweise führt folglich nicht unbedingt zur entwurzelung. »Goethes Weisheit, dass Menschen zu ihrem Glück sowohl Wurzeln als auch Flügel brauchen, gilt noch im­ mer«, sagt die Psychotherapeutin agnes Justen­horsten. Die Menschen sollten sich ihrer herkunft bewusst sein und dennoch offen und neugierig dem Fremden gegen­ überstehen. Justen­horsten berät in ihrer Praxis in Ber­ lin unter anderem Familien und Paare, die an mehreren

Wohnorten leben, öfter umziehen oder auswandern wollen. Die Ferne berge neue Möglichkeiten zur per­ sönlichen entwicklung, erklärt sie. seit Jahrhunderten gingen Menschen auf reisen, Pilgerfahrt oder die Walz. heutzutage zögen viele für einen arbeitsplatz um.

mehrfach sesshaft

eine enge Bindung an das Zuhause haben auch Pendler und Menschen mit mehr als einem festen Wohnsitz. Die so genannte Multilokalität – also das alltägliche le­ ben an mehreren orten – ist längst kein randphäno­ men mehr. in Deutschland hat die hälfte der erwerbs­ tätigen zwischen 25 und 54 Jahren bereits lange an­ fahrten zum arbeitsplatz auf sich genommen, einen zweiten Wohnsitz angemeldet oder ist für eine neue stelle umgezogen. in gut 40 Großstädten sind mehr als drei Prozent der Wohnungen als nebenwohnsitz einge­ tragen. in städtischen Bezirken, die besonders leicht zu erreichen sind, liegt der anteil sogar bei 25 Prozent. Wie sehr sich Pendler mit ihrer heimat identifizieren, hat der soziologe Knut Petzold von der Katholischen

Dörfler, Städter, Pendler – Zahlen und Fakten

Jährlich wechselt mehr als jeder zehnte Städter seine Wohnung. Vor allem junge erwachsene und menschen, die allein wohnen, ziehen oft um. Seltener suchen Familien und Ältere nach einer neuen Bleibe. anders als in städtischen regionen wohnen menschen in Dörfern und Kleinstädten oft Jahrzehnte am selben ort. und mehr als die Städter schätzen sie die nähe zu den Verwandten, die eigene Wohnung, die landschaft und fühlen sich insgesamt sehr verwurzelt. Sie besitzen außerdem häufiger eigen­

tum als Städter, führen einen traditionelleren lebensstil und sind der regionalen identität stärker verbunden. Fast jeder Dritte auf dem land kann sich nicht vorstellen, seine hei­ mat zu verlassen. Jeder Fünfte will auf gar keinen Fall fortziehen. nur fünf Prozent meinen, ihnen würde bei einem Weg­ zug nichts fehlen. Wer dennoch fortgeht, musste eine ferne arbeitsstelle annehmen, hat in eine andere region geheiratet, will einen eigenen haus­ halt gründen oder ist auf Grund eines Pflege­

Gehirn&Geist

oder Todesfalls ge­ zwungen, sein haus zu verlassen. Viele Berufstätige pendeln lieber, als den Wohnort zu wechseln. 60 Prozent aller sozial­ versicherungspflichtig Beschäftigten arbeiten außerhalb der Gemeinde ihres hauptwohnsitzes. Täglich steigen deshalb mehr als 17 millionen menschen in auto, S­ Bahn oder Zug. Jeder Vierte braucht Tag für Tag mindestens eine Stunde für den Weg von Zuhause zur arbeit und zurück. auch zum Studieren verlassen junge erwachse­

16 12_2015

ne nicht zwangsläufig ihre heimat: Fast jeder Vierte wohnt sogar weiterhin im elternhaus. Doch seit Jahren wächst die Zahl der jungen Deutschen kontinuierlich, die zumin­ dest eine Zeit lang im ausland studieren. 2002 verließen 60 000 Studie­ rende ihr heimatland, zehn Jahre später waren es mit 140 000 bereits mehr als doppelt so viel. Die meisten Studierenden bleiben in europa und besuchen eine universität in Österreich, den nieder­ landen, der Schweiz, Großbritannien oder Frankreich.

TiTelThema / heimaT

universität eichstätt­ingolstadt untersucht. Knapp 700 Berufspendler wurden etwa gefragt, wie heimisch sie sich an den jeweiligen orten fühlten, wie das Verhältnis zu nachbarn sei, ob Freunde und Familie an einem der orte lebten und ob sie mit ihren Wohnungen zufrieden seien. er fand heraus, dass sich die meisten Menschen, die berufsbedingt zwei Wohnsitze haben, eindeutig mehr nach ihrem privaten Wohnort sehnen als nach dem beruflichen – oder nach keinem von beiden. Petzold unterscheidet vier Gruppen von multiloka­ len Menschen. Die größte, mehr als ein Drittel, fühle sich besonders mit dem heimatort verbunden und we­ niger mit dem arbeitsort. ein Viertel könne beiden Quartieren gleich viel abgewinnen, ein sechstel gefiele es im neuen besser. nur wenigen, knapp einem Fünftel, waren beide orte ziemlich gleich. »Die meisten Proban­ den fühlen sich irgendeiner stadt, einem Dorf oder ei­ ner region verbunden, zumeist dem ursprungsort. es scheint, als würden Menschen inmitten all der Wechsel und Veränderungen einen anker werfen«, resümiert Petzold. Dass Pendeln und reisen generell entwurzle, könne er nicht bestätigen. es gebe zwar Kosmopoliten, die sich in der ganzen Welt zu hause fühlten. Doch sie machten nur einen kleineren teil der Multilokalen aus. »heimat wird durch die Mobilität zunehmend wichtiger für die Menschen«, sagt er.

auf immer pendeln? Bitte nicht!

in multilokalen Wohnarrangements sehen manche For­ scher den Versuch, die heimat nicht verlassen zu müs­ sen. in seinem Buch »Mobil und doppelt sesshaft« von 2015 widmet sich Peter Weichhart, emeritierter Profes­ sor für humangeografie der universität Wien, dem Phänomen. Das Pendeln zwischen Wohnung, arbeits­ platz und dem ort eines neuen Partners schütze vor dem Verlust der heimat. Weichhart ist sich sicher, dass sich manche Menschen mehrfach verwurzeln können. Kaum jemand wolle langfristig pendeln, berichtet auch die raumplanerin Darja reuschke von der uni­ versity of st andrews (schottland). Für ihre Disserta­ tion befragte sie mehr als 200 arbeitspendler. Gerade jüngere Menschen ließen sich auf das hin und her ein, um in einen Beruf zu finden oder Karriere zu machen. Viele wüssten zwar, dass sie längere Zeit so leben müssten, aber dauerhaft plane es fast niemand. Die meis­ ten wollten an den hauptwohnsitz zurückkehren.

Was hält menschen in ihrer heimat?

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großstädte
kleinstädte/landgemeinden
lokale Bindungen in Prozent
Bekannte/freunde
haus/Wohnung
Verwandte
landschaft
keine Bindung
gehirn&geist, nach: Bundesamt für BauWesen und raumordnung (BBr), Bonn 2010

Freunde und Familie sind für viele Deutsche der wichtigste Grund, am heimatort zu bleiben.

Wie ein neuer lebensmittelpunkt beschaffen sein muss, damit sich Menschen heimisch fühlen können, hat Per Gustafson von der universität uppsala unter­ sucht. »Wer umzieht, wählt oft ein neues Zuhause, das den bisherigen erfahrungen des Wohnens entspricht«, schreibt er in einem Forschungsbericht. Menschen las­ sen sich also eher dort nieder, wo es wie am vorherigen Wohnort ist: sie ziehen entweder erneut mitten in die stadt oder wie zuvor ins umland. Dies vermittle ein Ge­ fühl der Kontinuität. um es zu erhalten, richten sich manche Menschen in der Fremde ein, als wären sie noch in der heimat: sie abonnieren die alte tageszei­ tung, kochen die rezepte der Großmutter oder stellen souvenirs in der Wohnung auf. »Wenn in der Fremde das Verhältnis zwischen neu­ em, unbekanntem und individueller Kontinuität ausge­ glichen ist, indem interessen und Vorlieben fortgeführt werden, fühlen wir uns wohl«, sagt die Psychotherapeu­ tin agnes Justen­horsten. sie rät mobilen Zeitgenossen,

»Die meisten fühlen sich irgendeiner Stadt, einem Dorf oder einer region verbunden, zumeist dem ursprungsort. es scheint, als würden menschen inmitten all der Wechsel und Veränderungen einen anker werfen«

Knut Petzold, Soziologe an der Universität Eichstätt-Ingolstadt

Gehirn&Geist

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istock / Westersoe

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18 12_2015

Das eigene Zuhause ist für viele nicht nur heimat, sondern Teil ihrer identität.

sich Gegenstände mitzunehmen und gewohnte aktivi­ täten beizubehalten. »heimat hängt auch viel mit Menschen zusammen«, sagt der Psychologe Frank oswald von der Goethe­uni­ versität Frankfurt am Main. Zwar fördere der Verbleib am herkunftsort und die Verbundenheit zu ihm und zu Menschen, mit denen wir aufgewachsen sind, ein langes leben. aber Menschen seien ebenso in der lage, sich einen neuen ort zur heimat zu machen. Wo man sich zu hause fühle, hänge nicht zuletzt davon ab, ob Freunde und Familie im umkreis wohnten oder zumin­ dest Kollegen, mit denen man die Freizeit verbringen könne. all dies stärke ein heimatgefühl.

räume voller erinnerungen

oswald erforscht, wie ältere Menschen wohnen, wo und unter welchen umständen sie sich zu hause fühlen. Ge­ rade senioren leben oft schon lange am selben ort und vermeiden umzüge. Wenn sie dann aus den eigenen vier Wänden in ein heim oder eine andere betreute ein­ richtung müssen, so oswald, könne dies als heimatver­ lust erlebt werden – im Fall einer Demenz drohe zudem der Verlust des eigenen ichs. »Für unsere studie haben wir Menschen im alter von 70 bis 90 Jahren zu hause besucht«, erzählt der Psychologe. Viele hätten dort schon seit Jahrzehnten gelebt, im Durchschnitt mehr als 45 Jahre im selben stadtteil. unabhängig vom ort der herkunft seien Wohnung und unmittelbare umgebung zur heimat und zu einem teil der Persönlichkeit gewor­ den. »Diese Menschen verbinden mit ihrem Wohnort, mit jedem Zimmer und den Möbeln intensive erinne­ rungen«, sagt er. in den Gegenständen steckten ihre identität und ihre lebensgeschichte. Bei ungewollten umzügen in ein heim werden öfter relokalisationstraumata beobachtet: in der neuen um­ gebung wirken manche ältere Menschen passiv, desori­

»menschen können sich bis ins hohe alter hinein an einen neuen Wohnort gewöhnen. Sie müssen sich jedoch gut vorbereiten«

Frank Oswald, Psychologe von der Universität in Frankfurt am Main

entiert und depressiv. Mehrere studien weisen auch auf eine erhöhte Mortalität hin. Mit anderen Worten: Die Menschen sterben am neuen ort womöglich früher, als wenn sie in ihren eigenen Wohnräumen geblieben wä­ ren. sie haben ihren ankerpunkt verloren und damit einen teil von sich selbst. Zu hause wohnen bleiben zu können, hilft hingegen, die eigene identität zu erhalten. ab einem bestimmten alter dürfte das sogar essenziell fürs Wohlbefinden sein. »tatsächlich federt dieser heimateffekt die negativen Folgen gesundheitlicher einbußen ab«, berichtet os­ wald. Das gelte vor allem für hochbetagte jenseits des 80. lebensjahres. Gerade dann sei die Verbundenheit zur umgebung entscheidend für das Wohlbefinden. Wenn sich alte Menschen in ihrer Wohnung und ih­ rem Viertel gut aufgehoben und als teil der nachbar­ schaft fühlten, seien sie durch gesundheitliche ein­ schränkungen deutlich weniger belastet, so der Wissen­ schaftler. Grundsätzlich könnten sich Menschen bis ins hohe alter hinein an einen neuen Wohnort gewöhnen. sie müssten sich jedoch gut vorbereiten und auf die si­ tuation einlassen, selbst wenn sie sich fürs altenheim entschieden. Denn heimat ist, wo wir sie spüren. H

l i T era T u r T i P P

Weichhart, P., rumpolt, P. (hg.): Mobil und doppelt sesshaft. studien zur residenziellen Multilokalität. Universität Wien, Institut für Geographie und Regionalforschung 2015 Die Autoren schildern aktuelle Erkenntnisse über Wohnungs- und Lebensarrangements in Deutschland und Österreich.

Q uellen

carvalho hoersting, r.: no Place to call home: cultural homelessness, self­esteem and cross­cultural identities. In: International Journal of Intercultural Relations 35, S. 17–30, 2011

Gustafson, P.: Place attachment in an age of Mobility. In: Manzo, L. C., Devine-Wright, P. (Hg.): Place Attachment: Advances in Theory, Methods and Applications. Routledge, London 2014, S. 37–48

reuschke, D.: Multilokales Wohnen. raum­zeitliche Muster multilokaler Wohnarrangements von shuttles und Personen in einer Fernbeziehung. In: Verlag für Sozialwissenschaften, Springer Fachmedien, Wiesbaden 2010

Weitere Quellen im Internet: www.spektrum.de/artikel/1370668

Gehirn&Geist

19 12_2015

TiTelThema

Heimwe H niemand ist davor gefeit, sich unterwegs nach seinem Zuhause zu sehnen. Doch das Verlangen lässt sich mit einfachen Mitteln lindern.

Ach, wie schön wär’s jetzt daheim

Von

Jana

h auschil D

A uf Ferienfahrten zeigt sich heimweh

meist abends. Da kullern Kindern di-

cke tränen über die Wangen, ziehen

sich sonst fidele Jungen und Mädchen

zurück, einige haben plötzlich Bauch-

schmerzen. 94 Prozent aller Kinder,

die in ein Ferienlager verreisen, vermissen mindestens an einem tag ihr Zuhause, so eine us-amerikanische erhebung. Dabei spielt es kaum eine rolle, ob ein Kind bisher noch nie oder schon mehrmals von den eltern getrennt war. auch Jugendliche und erwachsene sind nicht vor heimweh gefeit. etwa jeder zweite junge Mensch, der zum studieren in eine andere stadt zieht, sehnt sich in

den ersten Wochen zurück ins alte nest. Viele Matrosen und soldaten berichten ebenso, dass sie ihr Zuhause mitunter schmerzlich vermissen. selbst im urlaub über- kommt manch einen die sehnsucht nach dem altbe- kannten. »heimweh ist etwas zutiefst Menschliches. Wenn wir unsere gewohnte umgebung verlassen, geht es fast je- dem so, dass er sein Zuhause herbeisehnt«, sagt Wil- fried schumann, leiter der Psychosozialen Beratungs- stelle des studentenwerks an der universität oldenburg. Zu semesterbeginn laufen bei ihm regelmäßig studie- rende auf. »Wer aus seinem heimatort wegzieht, ver-

lässt seinen bisherigen Bezugsrahmen«, erklärt er. Die- se persönliche Krise müssen die jungen Menschen erst einmal meistern. heimweh äußert sich häufig ähnlich, aber die aus- prägungen sind unterschiedlich stark: Die Betroffenen sind gedrückter stimmung und fühlen sich einsam, sie denken an ihre Freunde, Geschwister und das gewohnte umfeld. Zugleich verzichten sie auf erkundungstouren durch die neue umgebung. Das unwohlsein macht sich auch körperlich bemerkbar. Die heimwehgeplagten schlafen schlecht, haben wenig appetit und können sich schwer konzentrieren. Vor allem jüngere Kinder leiden. Mit zunehmendem alter und mehr erfahrung gewöhnen sie sich leichter in einer neuen umwelt ein. einen schutzschild gegen heimweh gibt es nicht. Wer das Gefühl hat, eigentlich gegen seinen Willen umzuzie- hen, wird in der Ferne nur schwer Fuß fassen. auch die ahnung, dass man dort schon bald an heimweh leidet, fördert das sehnsuchtsgefühl, erklären der Psychologe christopher Thurber und der Kinderarzt edward Wal- ton, die seit Jahren zum Thema forschen. Denn wer die neue stadt tatsächlich nicht mag, wird leichter wehmü- tig und schweift umso häufiger in Gedanken zurück. Der Bindungsstil beeinflusst, wie schnell sich ein Mensch an einem neuen ort heimisch fühlt, postulierte die us-entwicklungspsychologin Marian sigman. Der

Gehirn&Geist

20 12_2015

Getty ImaGes / adrIana Varela PhotoGraPhy

In der Fremde geben persön- liche Gegenstände wie das Lieblingskuscheltier Halt.

Auf einen Blick: allein unter Fremden

1 heimweh macht sich durch

keit, schlaflosigkeit, wenig

gedrückte stimmung, einsam-

appetit, mangelnde Konzentration und sozialen rückzug bemerkbar.

2 unser in der Kindheit entwi-

ckelter Bindungsstil beein-

flusst, wie rasch wir an einem

neuen ort Freunde finden und uns heimisch fühlen.

3 Vor einem umzug sollte

man sich über den neuen

Wohnort informieren

und erste konkrete Pläne für den alltag schmieden.

stil entwickelt sich im Kleinkindalter und wirkt sich später auf die Beziehungen zu Freunden und Partnern aus. er bestimmt, wie ein Mensch mit Distanz und ab- wesenheit von anderen umgeht. Menschen mit einem sicheren Bindungsstil sind unabhängig, offen für ande- re und gehen gern auf entdeckungstour. unbekannte orte und fremde Menschen machen ihnen weniger angst, und sie kennen heimweh nur in schwacher aus- prägung.

eine art minitrauer

Für unsicher gebundene Menschen hingegen ist unge- wiss, wie sie wohl auf andere wirken. Für sie bedeutet es stress pur, wenn sie in einer fremden stadt niemanden kennen und auf Fremde zugehen müssen. sie sehnen sich öfter und stärker nach dem Zuhause und den alten Freunden.

ein harmloses Übergangsphänomen?

in der Regel nimmt heimweh nach einem anfängli- chen »Peak« schnell wieder ab – bei Studierenden etwa schon in den ersten Wochen. Doch das gilt nicht für jeden: »es gibt verschiedene arten von Verläufen«, stellten niederländische Forscher 2015 in einer Über- blicksstudie fest. einige Betroffene litten unter der Trennung bereits, bevor sie ihr Zuhause verließen, und bei einem Teil von ihnen halte die Sehnsucht jahrelang an. Bei manchen ausländischen Studierenden und ar- beitsmigranten, die mehrere Jahre in der Ferne bleiben, steige der Schmerz mit der Zeit sogar noch. laut dem Team um Psychologin margaret Stroebe deuten die vorliegenden 55 Befunde außerdem darauf hin, dass mit starkem heimweh das Risiko für psychi- sche und körperliche erkrankungen steige. in einzelnen Untersuchungen wurden beispielsweise vermehrt psy- chosomatische Beschwerden und koronare herzerkran- kungen beobachtet. auch die akademische laufbahn könne leiden: einer erhebung zufolge brechen von heimweh geplagte Studenten dreimal häufiger das Stu- dium ab. Da es sich um Korrelationsstudien handelte, könnten solche Probleme allerdings auch andere Grün- de haben, die zugleich das heimweh mitverursachten.

Rev. Gen. Psychol. 19, S. 157–171, 2015

aus solchen Befunden schließen Wissenschaftler, dass heimweh und trennungsängste auf dieselbe »über- schießende Furcht vor einer separierung« zurückgehen. 2015 deuteten Psychologen um Margaret stroebe von der universität utrecht (niederlande) das Phänomen als eine art Minitrauer, die vorwiegend durch die tren- nung von zu hause und von der Familie bedingt sei. Diese werde noch gesteigert, wenn der neuanfang am neuen Wohnort stressig beginne. »Für Kinder mit einer Bindungsstörung ist es nicht selbstverständlich, dass ihre Bezugsperson sie liebt und an sie denkt«, berichtet die Psychologin Korinna Fritze- meyer. seit 2011 ist sie ehrenamtliche Kinderschutz- beauftragte für den Berliner Verein Wildfang und hat zahlreiche Ferienfahrten für Pflege- und adoptivkinder geleitet. Viele der teilnehmer hätten ein unsicheres Bin- dungsmuster und zeigten deshalb, wie sie sagt, diffuse Formen von heimweh. sie nässten etwa nachts ein oder seien unruhig und aggressiv gegenüber anderen. Zur Vorbeugung helfen oft simple Methoden. Die Kinder sollten bei der auswahl der Ferienangebote mit- entscheiden, damit sie sich nicht fremdbestimmt und abgeschoben fühlen. Vor ort ist es hilfreich, wenn sie Dinge aus dem elternhaus mitgenommen haben. »Fast alle Kinder, besonders die jüngeren, bringen einen Ge- genstand mit, der sie an ihr Zuhause und gute erfah- rungen mit den Pflegeeltern erinnert«, erzählt Korinna Fritzemeyer. Das könne ein speziell für die Fahrt ge- kauftes spielzeug sein oder der lieblingskissenbezug, ein abgenutztes Kuscheltier oder eine Wolldecke – am besten etwas, was nicht frisch gewaschen sei, sondern ein bisschen nach zu hause rieche. unterwegs helfen spiele oder Wanderungen durch die natur den Kindern, sich vom heimweh abzulenken. auch studenten wird viel geboten, damit sie sich rasch eingewöhnen. »universitäten organisieren im ers- ten semester Kennenlerntage, und das campusleben macht es leicht, neue Kontakte zu knüpfen«, sagt studi- enberater Wilfried schumann. Die studierenden sollten nicht nur büffeln, sondern sportangebote nutzen, sich einer Theatergruppe anschließen oder sich politisch en- gagieren. ob Freizeit, studienbeginn oder eine dauerhafte an- stellung in einem fernen land: Wer sich vorher über den neuen ort informiert und dort positive seiten entdeckt, wird sich schneller einleben. schon vor dem umzug

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heimWeh

sollten konkrete Pläne geschmiedet werden: Welchen aktivitäten will man zukünftig nachgehen, in welchem Viertel will man leben, wie soll die Woche strukturiert sein? so lässt sich frühzeitig dem Gefühl begegnen, am neuen ort die Kontrolle über die lebensführung verlie- ren zu können. Bei einem ortswechsel ist es sinnvoll, hobbys und interessen weiterzuführen. Wer gerne kocht, joggt oder Karten spielt, sollte dies weiterhin tun. und Vereine bieten etwa die Möglichkeit, schnell und unkompliziert Menschen kennen zu lernen. Das ist es- senziell, um emotional anzukommen. internet, e-Mails und soziale netzwerke erweisen sich bei einem umzug als segen und Fluch zugleich. alte Freunde lassen sich auf diese Weise leicht und je- derzeit erreichen. Doch genau darin liegt ein Problem. »Die technik schafft eine standleitung in die heimat. statt sich auf den neuen ort einzulassen, bekommen junge Menschen ständig reize aus dem alten umfeld und leben im Grunde dort weiter«, sagt Wilfried schu- mann. am studienort suchten solche studierenden dann weniger intensiv neue Freunde. Dadurch falle es ihnen schwerer, die heimwehphase zu überwinden und in der neuen stadt Fuß zu fassen. Psychologen empfeh- len deshalb, lieber nur am Wochenende mit alten Freun- den zu telefonieren.

Was macht hier Spaß?

»Gedanken an zu hause sollte man sich für Zeiten auf- heben, in denen es einem gutgeht«, schrieb die nieder- ländische Psychologin Miranda van tilburg in einem viel zitierten artikel. »Wenn wir uns schlecht fühlen, wenn wir die sicherheit eines Zuhauses am meisten brauchen und deshalb unsere Gefühle preisgeben, hilft es uns am besten, wenn wir uns auf die neue umgebung einlassen: Was macht hier spaß? Wie lässt sich die ein- samkeit schlagen, die traurigkeit, die langeweile?« Dass heimweh erst aufkomme, wenn man darüber spricht, ist jedoch ein Mythos. christopher Thurber

internet, e-mails und soziale netzwerke erweisen sich bei einem Umzug als Segen und Fluch zugleich

und edward Walton empfehlen Familien und Freunden, offen über sorgen und Ängste zu reden. Gemeinsam lie- ßen sich lösungen entwickeln. nur ein Versprechen sollten eltern ihren Kindern nie geben: Wenn es dir nicht gefällt, holen wir dich wieder ab. »Das reduziert die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Kind einlebt«, so die beiden Wissenschaftler, denn es schüre bei diesem negative erwartungen. und das Kind beginne daran zu zweifeln, ob es sich überhaupt anderswo eingewöhnen könne. im Ferienlager spricht Korinna Fritzemeyer die Kin- der so früh wie möglich an, wenn sich erste anzeichen für heimweh zeigen. Denn aus scham äußern sie ihre Ängste nur selten von sich aus. Die Psychologin erkun- digt sich nach den sorgen und versichert den Kleinen, dass ihr empfinden verständlich ist. »Kindern muss si- gnalisiert werden, dass auch in der Ferne jemand zuver-

lässig für sie da ist«, sagt sie. sie müssten spüren, dass ihre Befürchtungen nicht einfach weggewischt, sondern ernst genommen würden. nur wer sich sicher fühle, sei offen für andere. Manchmal helfe es auch, den Kindern eine andere sichtweise zu vermitteln: »schau mal, es ist doch ein gutes Zeichen, dass du dein Zuhause und deine Familie vermisst. Das bedeutet, dass du etwas sehr magst. sie denken bestimmt ganz fest an dich. und bald wirst du sie wiedersehen.« solche sätze trösten wohl jeden Men-

schen ein stück weit.

H

Q U ellen

hendricksen, B.: an analysis of Friendship networks, social connectedness, homesickness, and satisfaction levels of international students. In: International Journal of Intercultural Relations 35, S. 281–295, 2011

stroebe, M.: is homesickness a Mini-Grief? In: Clinical Psychological Science 10.1177, 2167702615585302, 2015

Thurber, c.: Multimodal homesickness Prevention in Boys spending 2 Weeks at a residential summer camp. In: Journal of Consulting and Clinical Psychology 73, S. 555–560, 2005

Thurber, c., Walton, e.: homesickness and adjustment in university students. In: Journal of American College Health 60, 5, 2012

Thurber, c., Walton, e.: Preventing and treating homesickness. In: Pediatrics 119, S. 192–201, 2007

Weitere Quellen im Internet: www.spektrum.de/artikel/1369859 W e B T i P P

Die Wissenschaftlerin Susan Matt erzählt in einem Vortrag der Reihe TED-Talks die Geschichte des Heimwehs:

www.youtube.com./watch?v=6WjzhuFpNDc

Gehirn&Geist

23 12_2015

Leserbriefe

Selbstständige Mediennutzung

Denken oder handeln wir aggressiver, wenn wir beim Fernsehen oder vor dem Computerbildschirm ständig Zeuge von Gewalt werden? Sieben Medienpsychologen fassten den aktuellen Stand der Forschung zusammen (»Macht Gewalt in Unterhaltungsmedien aggressiv?«, Heft 10/2015, S. 28).

beate Heindl, Passau: Vielen Dank für die gute Zusammenstellung des Forschungsstands. ich möchte lediglich einen satz bezweifeln: »Ab etwa 12 bis 13 Jahren tritt die selbstständige Mediennutzung in den Vordergrund.« Aus meiner erfahrung in verschiedenen Grundschulen sieht es eher so aus, dass der satz »Ab etwa 8 bis 9 Jahren tritt die selbstständige Mediennut- zung in den Vordergrund« heißen müsste.

Unsinnige Kritik

Mit so genannten Nudges versuchen inzwischen viele Regierungen, ihre Bürger zu einem vernünftigeren oder gesünderen Verhalten zu bewegen. Ist das noch ein sanfter Schubs in die richtige Richtung oder schon Ma- nipulation, fragte die Wissenschaftsjournalistin Sarah Zimmermann (»Der kleine Stups zu mehr Vernunft«, Heft 10/2015, S. 38).

Ulrike franke, Oftersheim: Die Kritik am (staatli- chen) nudging ist Unsinn! Wir sind doch alle bereits im Konsumbereich davon umgeben. Wie werden wir beispielsweise in Läden dazu verführt, bestimmte Produkte zu kaufen? Die Waren direkt an der Kasse zu platzieren, einzelne Warenblöcke nach einem bestimm- ten Muster aufzubauen – all das ist nudging und hat viel mehr und viel häufiger einfluss auf uns, als wenn das Finanzamt schreibt, dass die nachbarn die steuern pünktlich zahlen. Der einzige Ausweg ist, sich über all das, was uns zu irgendetwas veranlassen soll, bewusst zu werden. Dann können wir uns entscheiden. Auch, ob wir die steuern zahlen und ehrlich sind.

Zuletzt erschienen:

wir die steuern zahlen und ehrlich sind. Zuletzt erschienen: Gehirn&Geist 9/2015 Gehirn&Geist 10/2015

Gehirn&Geist 9/2015

ehrlich sind. Zuletzt erschienen: Gehirn&Geist 9/2015 Gehirn&Geist 10/2015 Gehirn&Geist 11/2015

Gehirn&Geist 10/2015

erschienen: Gehirn&Geist 9/2015 Gehirn&Geist 10/2015 Gehirn&Geist 11/2015 nachbestellungen unter:

Gehirn&Geist 11/2015

nachbestellungen unter: gehirn-und-geist.de/archiv oder telefonisch: 06221 9126-743

Kein individueller Rhythmus

In der Pubertät verschiebt sich der Schlaf-wach-Rhyth- mus nach hinten. Deshalb sei der Schulbeginn um acht Uhr in der Früh für viele Teenager eine Qual und schade dem Lernerfolg, schrieb die Wissenschaftsjournalistin Stefanie Reinberger (»Zu früh zum Lernen«, Heft 9/2015, S. 16).

Dieter Dieterich, blankenheim: Als schulkind und Jugendlicher war ich ohne eigenes Zutun zwangsläufig eine Lerche, weil das Gymnasium am rand der stadt lag und ich auf dem Dorf wohnte. Mein schulweg, auch im Winter und bei Dunkelheit: 25 Minuten zu Fuß ins nachbardorf zur straßenbahnhaltestelle, 25 Minuten in der übervollen straßenbahn stehen, anschließend 15 Minuten quer durch die stadt zum Gymnasium; dort noch 20 Minuten warten bis zum schulbeginn. es war selbstverständlich, und es gab keinen Ausweg in den Jahren 1942 bis 1951. ich gewöhnte mich an den rhythmus und hatte damit keine Probleme. Während meines neunjährigen Chemiestudiums wandelte ich mich zur eule, weil abends immer noch was los war und die besten Gedanken abends und in der nacht kamen. Diskussionen oft bis nach Mitternacht. Morgens war ich dann eher spät im Labor. Die Berufstätigkeit ließ mich wieder zur Lerche werden. Jetzt als rentner mit über 80 Jahren stehe ich regelmäßig um halb fünf auf und mache dafür einen Mittagsschlaf. ich kann bei mir also keinen individuellen schlaf-wach-rhythmus erkennen.

SchReiben sie uns!
SchReiben
sie uns!

sagen sie uns ihre Meinung!

Gefällt ihnen dieses Heft? Wie finden sie die Themenauswahl, Umsetzung und Gestaltung? haben sie weitere Anregungen?

schreiben sie bitte mit ihrer vollständigen Adresse per e-Mail an: gehirn-und-geist@spektrum.de

oder per Post an:

Gehirn&Geist hanna sigmann Postfach 10 48 40 69038 heidelberg

Oder folgen sie uns auf Facebook oder twitter und diskutieren sie mit:

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Weitere Leserbriefe finden sie unter:

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Gehirn&Geist

24 12_2015

springer-spektrum.de Andreas Sentker (Hrsg.) Unser geheimnisvolles Ich Band 1: Die Welt im Kopf - Band
springer-spektrum.de Andreas Sentker (Hrsg.) Unser geheimnisvolles Ich Band 1: Die Welt im Kopf - Band
springer-spektrum.de Andreas Sentker (Hrsg.) Unser geheimnisvolles Ich Band 1: Die Welt im Kopf - Band

springer-spektrum.de

Andreas Sentker (Hrsg.) Unser geheimnisvolles Ich

Andreas Sentker (Hrsg.) Unser geheimnisvolles Ich

Band 1: Die Welt im Kopf - Band 2: Das Rätsel Bewusstsein - Band 3: Das gute Leben

2015.

800 S. 160 Abb. in Farbe. Geb. € (D) 59,99 | € (A) 61,68 | *sFr 63.50 ISBN 978-3-662-46973-6

Faszinierendes Wechselspiel zwischen Gehirn, Persönlichkeit und Umwelt

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Es sind faszinierende Fragen, auf die Psychologen, Neurobiologen, Mediziner und auch Philosophen heute neue Antworten nden. Die ZEIT-Edition »Unser geheimnisvolles Ich« geht in drei Bänden dem spannenden Wechselspiel zwischen Gehirn, Persönlichkeit und Umwelt auf den Grund. Über 80 ZEIT-Artikel und -Interviews liefern vielfältige Einblicke in die moderne Hirnforschung und Psychologie. Ergänzt werden sie durch kompakte, anschauliche Erläuterungen wissenschaftlicher Schlüsselkonzepte und Fachbegri e.

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A23185

DPA / JuliAn StrAtenSchulte

psychologie

sexualkunde soll man schon in der Grundschule über sex sprechen? Und gehört homosexualität mit auf den Lehrplan? experten plädieren für eine frühe Aufklärung, um Wissen auf- und Vorurteile abzubauen.

Frühe Einblicke

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Gehirn&Geist 26

Gehirn&Geist

26 12_2015

12_2015

DPA / JuliAn StrAtenSchulte

Verhütungsmethoden wie Kondom und spirale werden im schulunterricht anhand von Modellen erläutert. Vielen eltern bereitet das Unbehagen.

Gehirn&Geist 27

Gehirn&Geist

27

12_2015 12_2015

U N sere A U tori N Daniela Zeibig ist Wissenschaftsjournalistin und Mitarbeiterin bei »spektrum.de«.

U N sere

A U tori N

Daniela Zeibig ist Wissenschaftsjournalistin und Mitarbeiterin bei »spektrum.de«. Während ihrer eigenen schulzeit kam sexualität im Unterricht immer nur sehr kurz zur sprache.

S exualkunde ist ein Thema, das bei schülern und Lehrern oft peinliches schweigen aus- löst – die Öffentlichkeit diskutiert es dage- gen zurzeit umso lauter. Während viele bun- desländer die sexuelle Aufklärung künftig stärker interdisziplinär im Lehrplan veran-

kern wollen und auch auf die Auseinandersetzung mit den Themen homo-, trans- und intersexualität (siehe »Kurz erklärt«, s. 30) pochen, runzeln manche eltern die stirn. Müssen Kinder und Jugendliche in der schule wirklich lernen, dass es auf die Frage nach dem Ge- schlecht mehr als zwei Antworten gibt? oder was schwul und lesbisch ist? Alarmglocken schrillen bei vielen auch, wenn in den Medien von Unterrichtsmaterialien die rede ist, die schüler dazu anleiten, ein bordell doch mal so umzuge- stalten, dass sich alle darin wohlfühlen. oder offen über ihr »erstes Mal« zu sprechen. beide Übungen sind bei- spiele, die in der öffentlichen Diskussion 2015 oft genannt und mitunter heftig kritisiert wurden. hinzu kommt:

Der Aufklärungsunterricht beginnt immer früher, bis- weilen schon in der Kita. Für manche genügt das, um eine »Frühsexualisierung« der Kinder zu befürchten – oder gar gleich die Umerziehung zur homosexualität. Klar ist: seit jeher wird sexualerziehung in der schu- le heiß diskutiert – lange bevor die Debatte 2014 anläss- lich der reformpläne der baden-württembergischen Landesregierung besonders hochgekocht ist. Die grün- rote Koalition in stuttgart will die Vielfalt und Gleich- wertigkeit sexueller orientierungen ab dem schuljahr 2016/17 auf den Lehrplan bringen. Das stößt auf Gegen- wehr: so unterzeichneten knapp 200 000 bürger eine Petition, die sich gegen die Pläne aussprach. Der Land-

tag lehnte die Änderungsanträge der bürgerbewegung jedoch ab. bislang sind Gespräche über Prostitution und intime Geständnisse im Unterricht eher die Ausnahme als die regel. »es gibt zwar Lehrpläne mit verschiedenen The- menfeldern je nach Altersklasse. Was aber in den ein- zelnen Klassen tatsächlich und in welchem Umfang be- handelt wird, ist sehr unterschiedlich. Das hängt auch von der Kompetenz der Lehrkraft und den Themen ab, die für die schüler besonders relevant sind«, erklärt Anja henningsen, Professorin für sexualpädagogik an der Universität Kiel und Vorstandsmitglied der Gesell- schaft für sexualpädagogik. so zeigt etwa die jüngste Jugendsexualitätsstudie der bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (bzgA) aus dem Jahr 2010: Fast alle schüler zwischen 14 und

17 Jahren behandeln im Unterricht irgendwann ein- mal die »Geschlechtsorgane von Mann und Frau« und sprechen über »regel, eisprung und fruchtbare tage«. ebenfalls zum Pflichtprogramm gehören die Themen Geschlechtskrankheiten, körperliche entwicklung, empfängnisverhütung sowie schwangerschaft und Ge- burt. Davon abgesehen zeigen sich aber große Unter- schiede: homosexualität oder sexuelle Gewalt werden nur manchmal im Unterricht behandelt; tabuthemen wie Pornografie oder Prostitution finden noch seltener eingang in den »Themenkanon der schulen um Kör- peranatomie, reproduktion und Verhütung«, wie es die studienautoren nennen.

Notwendige und neue Ziele

Aus pädagogischer sicht sieht Anja henningsen dies zum teil kritisch: »sexualerziehung ist uns oft nur dann wichtig, wenn wir sorgen haben.« natürlich seien es notwendige ziele des Aufklärungsunterrichts, Jugend- schwangerschaften oder hiV-infektionen zu verhin- dern und die schüler für sexuelle Gewalt zu sensibilisie- ren. Aber man dürfe nicht nur auf die Gefahren blicken:

»eine gute sexualerziehung soll Kinder und Jugend- liche später zu einem selbstbestimmten Umgang mit sexualität befähigen«, sagt die Kieler Pädagogin. hen- ningsen glaubt, dass sexualkundeunterricht auch hilfe- stellung bei Fragen bieten muss, die bisher oft ver- nachlässigt werden: Wie kann ich mich mit meinem Partner am besten über Verhütung unterhalten? tut

Auf einen Blick: heiß diskutiert

1 eltern und Pädagogen streiten darüber, in welcher Klasse sexualkundeunterricht beginnen und welche Themen er umfassen soll.

2 experten raten dazu, frühzeitig aufzuklären

und auch Themen wie homosexualität nicht aus-

zusparen: es sei leichter, sexuelle Vielfalt nahe-

zubringen, bevor sich Vorurteile verfestigt haben, so ihr Argument.

3 Die meisten teenager beziehen ihr Wissen über

sexualität und Verhütung tatsächlich aus dem

schulunterricht. Allerdings fühlen sich viele Lehrer

nicht gut darauf vorbereitet.

Gehirn&Geist

28 12_2015

Gehirn&GeiSt, nAch DAten Der BZGA: JuGenDSexuAlität, Köln 2010

psychologie

/

sexUAlKUNDe

Darüber möchten Jugendliche mehr wissen:

40 26 empfängnisverhütung geschlechtskrankheiten 25 32 32 29 sexuelle praktiken 29 schwangerschaft/geburt 38
40
26
empfängnisverhütung
geschlechtskrankheiten
25
32
32
29
sexuelle praktiken
29
schwangerschaft/geburt
38
18
schwangerschaftsabbruch
22
21
Zärtlichkeit/liebe
21
27
sexuelle gewalt
Angaben in Prozent der
befragten 14- bis 17-Jährigen
16
Mädchen
Jungen

ganz schön aufgeklärt?

Mehr als 80 prozent der 14- bis 17-Jährigen mit deutscher staats- angehörigkeit fühlen sich ausreichend aufgeklärt. lediglich vier prozent halten ihr Wissen in

diesem Bereich für unzu- reichend; der rest ist sich unsicher. Unter schülern mit ausländischem pass hingegen sind nur 67 pro- zent der Mädchen und 72 prozent der Jungen der

Meinung, genügend aufgeklärt zu sein. in manchen Berei- chen besteht jedoch bei allen Jugendlichen in- formations bedarf: s o würde etwa jeder dritte

gern mehr über sexuelle praktiken und schwanger- schafts abbrüche wissen, jeder vierte mehr über Ver- hütungsmethoden.

bzgA: Jugendsexualität. Köln 2010

mir eine beziehung gut? Was kann ich bei Liebeskum- mer tun? Dabei müsse man die schüler auch in dem be- stärken, was sie richtig machen, und nicht nur verurtei- len, was schiefläuft. »Wenn man mit dem erhobenen zeigefinger kommt, gehen Jugendliche schnell in eine Abwehrhaltung«, so henningsen. »ich kann das Ge- spräch nicht beginnen, indem ich sage: ›ihr wisst ja alle, dass ihr keine Pornos gucken dürft. Aber wer hat denn schon mal einen geschaut?‹ ein sinnvoller Austausch darüber, welche realitätsfremden bilder in solchen Fil- men meist transportiert werden, kommt so nicht zu stande.«

conchita Wurst im Kindergarten

zu sexueller selbstbestimmung gehört, dass Menschen frei entscheiden dürfen, wie sie ihr sexualleben und ihre Partnerschaften gestalten wollen. Dass auch sexu- elle Vielfalt damit zum Unterrichtsthema wird, versteht sich für Anja henningsen von selbst. in den Augen der sexualpädagogin darf Aufklärung nicht nur bereits in der Kita beginnen – sie soll es sogar. »Auch kleine Kinder leben in einer Welt, in der sexuelle und ge- schlechtliche Vielfalt existieren«, sagt sie. Das Modell

von Vater-Mutter-Kind gilt längst nicht mehr in allen Familien, manche Kinder wachsen mit zwei Vätern oder zwei Müttern auf. Und Conchita Wurst, die »Frau mit bart«, gewann 2014 vor den Augen der Weltöffent- lichkeit den eurovision song Contest. Fragen tun sich damit auch bei den Jüngsten auf, erklärt die Wissen- schaftlerin. »sexualerziehung bietet Kindern altersangemessene und zielgruppenorientierte Antworten. Damit ermög- licht sie es ihnen, die Welt besser zu verstehen. Das heißt nicht, dass man im Kindergarten über sexstel- lungen spricht. Aber warum sollten wir warten, bis Ju- gendliche ihre eigene sexuelle identität entdeckt haben, bevor wir ihnen vermitteln, dass Unterschiede zwi- schen allen Menschen anerkannt werden sollten – auch in bezug auf ihre sexuelle orientierung oder ihr Ge- schlecht?« Dass man Kinder dadurch zur homosexuali- tät anleite, wie manche befürchten, hält henningsen für Unsinn. es gebe keinerlei studien, die diese sorge ernst- haft stützten. stattdessen kann eine frühe sexualerziehung, die sich bewusst solchen als heikel empfundenen Themen widmet, nachweislich dazu beitragen, Vorurteile abzu-

Gehirn&Geist

29 12_2015

K U r Z

i N tersex U A lität

er K l ä r t :

Wer zellen mit zwei X-Chromosomen in sich trägt, ist weiblich; mit einem X- und einem Y-Chromosom ist man männlich. Dass es nicht ganz so einfach ist, wissen Mediziner schon seit Längerem. Manchmal verschwimmen die Grenzen zwischen den Geschlech- tern, und die betroffenen passen etwa auf Grund genetischer Variationen in keine der beiden Katego- rien. solche besonderheiten und störungen der Geschlechtsentwicklung (DsD, Abkürzung für »disor- ders of sexual development«) betreffen schätzungs- weise etwa jeden tausendsten Menschen.

bauen und Wissen zu mehren. Das zeigt beispielsweise eine Untersuchung von Ulrich Klocke von der hum- boldt-Universität zu berlin. Der Psychologe befragte im Jahr 2012 schüler, Lehrer und schulleiter an 99 berliner schulen quer durch alle bildungssegmente. Dabei zeigte sich, dass homophobie unter Jugendlichen nach wie vor verbreitet ist: Mehr als die hälfte aller sechst- und neuntklässler hatten in den vergangenen zwölf Mona- ten nach Angaben von Mitschülern die Wörter »schwul« oder »schwuchtel« als schimpfwort benutzt. Auch »Lesbe« musste häufig als beleidigung herhalten. Umfassend thematisiert wurde homosexualität in den meisten Klassen nach Angaben der schüler nur sel- ten. Meist befasste sich eine Klasse erst mit dem Thema, wenn es zu Mobbing von homosexuellen Mitschülern oder anderen Vorfällen gekommen war. Damit hätten die Lehrer den betroffenen aber vermutlich einen bä- rendienst erwiesen, glauben die Forscher, weil bei den schülern so die negative Assoziation eher hängen blieb.

Vielfalt verstehen, bevor Vorurteile entstehen

tatsächlich wurde der Lehrplan des bundeslands, nach dem das Thema sexuelle identität seit 2001 im Unter- richt behandelt werden soll, in 42 Prozent der berliner schulen nicht umgesetzt. Der Großteil der Lehrer gab an, nichts davon gewusst zu haben, der Thematisierung gleichgeschlechtlicher beziehungen jedoch positiv ge- genüberzustehen. Die Jugendlichen, die das Thema ausführlicher im Unterricht besprochen hatten, lagen in puncto toleranz deutlich vorn: »Je mehr in den verschiedenen Jahrgän- gen und Fächern Lesbischsein und schwulsein themati-

siert worden waren, desto besser wussten die schüler über ›Lsbt‹ (Lesben, schwule, bisexuelle und trans- gender) bescheid und desto positivere einstellungen hatten sie dazu«, schreibt Klocke in seiner zusammen- fassung der ergebnisse. Der Forscher plädiert ebenfalls dafür, das Thema möglichst früh zu behandeln. erst ab der 6. Klasse darüber zu sprechen, wie es sich viele Leh- rer und eltern in der befragung wünschten, sei zu spät:

»Kindern soziale Vielfalt als etwas selbstverständliches nahezubringen, ist einfacher, als bereits verfestigte Vor- urteile bei Jugendlichen abzubauen.« Das bedeute nicht, dass man sich zwangsläufig in einen großen stuhlkreis zusammensetzen und darüber reden muss, was es heißt, lesbisch oder schwul zu sein. Gerade um die betreffenden nicht nur auf ihre sexualität zu reduzieren, solle man das Thema ganz bewusst auch außerhalb des sexualkundeunterrichts ansprechen, empfiehlt Klocke: »so könnten in romanen oder Fil- men im Deutsch- oder Fremdsprachenunterricht neben heterosexuellen auch Lsbt-Charaktere vorkommen, im ethikunterricht beim Thema Liebe und Partner- schaft gleichgeschlechtliche Paare ebenso berücksich- tigt werden und im Geschichtsunterricht der Kampf um Gleichberechtigung am beispiel der Lsbt-bürger- rechtsbewegung veranschaulicht werden.« in eine ähnliche richtung wie Klockes Untersuchung weisen die ergebnisse von Modellprojekten aus den niederlanden, an denen mehrere hundert Grundschü- ler zwischen vier und zwölf Jahren teilnahmen. sie be- stätigen: Lässt man bereits kleinen Kindern eine alters- angemessene sexualerziehung in Vor- oder Grundschu- le zukommen, in die man bewusst sensible Themen einbezieht, wissen die schüler später besser bescheid. Und zwar nicht nur über Körperanatomie und Partner- schaft, sondern auch über sexuelle belästigung und Missbrauch. Die einstellung gegenüber homosexuellen ist positiver, das selbstvertrauen größer. Von einer frühzeitigen sexualerziehung können Kin- der also nur profitieren. Aber muss diese unbedingt in der schule stattfinden? reicht es nicht, wenn jeder sei- nen Kindern daheim das nötige Grundwissen und die nötigen Werte mitgibt? eltern kommt nach wie vor eine schlüsselrolle in der Aufklärung ihrer Kinder zu. Drei von vier eltern von Mädchen und zwei von drei eltern von Jungen geben in der bzgA-studie an, ihre Kinder selbst aufgeklärt zu ha- ben. 1980 waren es noch deutlich weniger. Vor allem für Mädchen ist die eigene Mutter die wichtigste Ansprechpartnerin, wenn sie intime Fragen

50 prozent der Mädchen und 34 prozent der Jungen hatten mit 16 Jahren bereits geschlechtsverkehr

Gehirn&Geist

30 12_2015

psychologie

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sexUAlKUNDe

sexualkunde in Deutschland

Die sexualerziehung ist als teil der gesundheits- förderung und prävention in allen Bundesländern flächendeckend im lehr- plan verankert. Welche Themen im Aufklärungs- unterricht besprochen werden und wann er beginnt, ist sache der einzelnen länder. Zum Beispiel findet die sexual-

erziehung an bayerischen schulen nach Bestim- mungen des Kultusminis- teriums ab der 1. Klasse statt, in hamburg beginnt sie ein Jahr später. spätestens am ende der 2. Klasse sollen Kinder in beiden Bundesländern wissen, wie sich Männer und Frauen voneinander unterscheiden und wie

neues leben entsteht. Außerdem sollen sie lernen, bei unangeneh- men Berührungen »Nein« zu sagen. ebenso behan- deln schüler in Bayern wie hamburg laut lehr- plan bis zur 10. Klasse das Thema homosexualität im Unterricht. Über die inhalte der sexualerziehung in

Deutschland tauschen sich die Verantwortlichen der länder regelmäßig gemeinsam mit der Bundeszentrale für ge- sundheitliche Aufklärung aus. Dabei orientieren sie sich an den von der Welt- gesundheitsorganisation herausgegebenen »stan- dards für die sexualauf- klärung in europa«.

oder Probleme zum Thema sexualität und Verhütung haben – sogar noch vor der besten Freundin. Die schu- le ist allerdings die wichtigste informationsquelle: so geben acht von zehn Jungen und Mädchen an, den Großteil ihres Wissens über sexualität, Fortpflanzung und Verhütung aus dem Unterricht zu haben; und wenn sie Wissenslücken entdecken, fragen sie dort am häu- figsten nach. Deshalb sind neben eltern auch Lehrer in der Pflicht, ihren teil zur Aufklärung beizutragen, vor allem gegenüber Jungen – und Jugendlichen mit Migra- tionshintergrund, die ihre eltern seltener ins Vertrauen ziehen, wenn es um das Thema sex geht. Doch in welchem Alter werden deutsche schüler für gewöhnlich überhaupt sexuell aktiv? im schnitt haben vier von fünf Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren schon jemanden geküsst. Das »erste Mal« erlebten sie- ben Prozent der Mädchen und vier Prozent der Jungen im Alter von 14 Jahren oder noch früher. Unter den 16-Jährigen hatten rund 50 Prozent der Mädchen und 34 Prozent der Jungen schon einmal sex; ein Jahr später hatten diese erfahrung zwei von drei Jungen und Mäd- chen gemacht. Themen wie sexualität und Verhütung sollten im Un- terricht daher bereits deutlich früher behandelt werden. Allerdings fühlen sich nicht alle Lehrer ausreichend auf ihre Aufgabe vorbereitet. eine befragung von Grund-

schullehrern in schleswig-holstein, durchgeführt vom sexualpädagogen Uwe sielert an der Universität Kiel, ergab, dass die überwiegende Mehrheit der praktizie- renden Pädagogen während des studiums keine Ausbil- dung in sexualerziehung erhalten hat. Und von denjeni- gen, die eine entsprechende schulung absolvierten, be- zeichnen nur zehn Prozent diese als gut. in den übrigen bundesländern ist die Lage ähnlich: Die Lehrkräfte sind verunsichert und unterrichten lieber »elektrizität und Deichbau«, so einer der o-töne aus der befragung.

pädagogen sind unzureichend vorbereitet

»Alles in allem ist die Ausbildung unzureichend«, fasst sielert zusammen. »Unreflektierte eigenerfahrungen, ›gesunder‹ Menschenverstand und guter Wille reichen nicht aus, um eine sensible und qualifizierte sexual- erziehung zu leisten.« Anja henningsen bestätigt:

»sexualpädagogik ist an den Unis ein randthema.« sie fordert, dass Themen wie sexuelle Vielfalt und sexuali- sierte Gewalt in allen Fächern verpflichtend auf den Lehrplan kommen und nicht nur im biologieunterricht besprochen werden – um die hochschulen unter zug- zwang zu setzen. »Die Universitäten müssen sexual- pädagogik endlich stärker in der Lehrerausbildung be-

rücksichtigen, anstatt die Lehrkräfte mit ihrer Unsicher-

heit alleinzulassen.«

H

Q U elle N

bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (bzgA): Jugendsexualität: repräsentative Wiederholungsbefragung von 14- bis 17-Jährigen und ihren eltern. Aktueller schwerpunkt Migration. Köln 2010. PDF abrufbar unter:

http://bit.ly/1LHBtH8

Klocke, U. et al.: Akzeptanz sexueller Vielfalt an berliner schulen. eine befragung zu Verhalten, einstellungen und Wissen zu Lsbt und deren einflussvariablen. Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft, Berlin 2012

sielert, U.: expertise zum Thema »sexualerziehung in Grundschulen«. Kiel 2011. PDF abrufbar unter:

www.sozialpaedagogik.uni-kiel.de/de/downloads/expertise-langfassung-1_2015

Weitere Quellen im Internet: www.spektrum.de/artikel/1363332

Gehirn&Geist

31 12_2015

EINGANG

Die Gehirn&Geist-infoGrafik

Kleine Psychologie der Verführung

Finden Sie an der Supermarktkasse immer wieder Dinge in Ihrem Wagen, die nicht auf der Einkaufsliste standen? Das geht nicht nur Ihnen so! Wir zeigen Ihnen, welche Tricks der Verkaufsstrategen Sie zu Spontankäufen animieren.

Text: Ulrich Pontes / Grafik: Yousun Koh

Die »Bremszone«

Der Eingangsbereich mit Bäckerladen hat strategische Funktion: hier dürfen Sie ankommen, ohne gleich von Angeboten bedrängt zu werden. Leckerer Duft weckt den Appetit und beflügelt die Kauflaune, und idealerweise verabschiedet sich Mann erst mal auf einen Milchkaffee. Warum? Ohne nörgeligen »Brief- taschenträger« (Marketingjargon) an Fraus Seite bleibt sie länger und kauft mehr.

an Fraus Seite bleibt sie länger und kauft mehr. Marktähnliche atmosphäre Obst und Gemüse gibt es

Marktähnliche atmosphäre

Obst und Gemüse gibt es in besseren Supermärkten am Anfang – das wirkt einladend und hebt sich vom Discounter ab.

– das wirkt einladend und hebt sich vom Discounter ab. Die »rennbahn« Kunden bewegen sich in

Die »rennbahn«

Kunden bewegen sich in den meisten Fällen auf der äußeren Umlaufbahn. Experimente ergaben: Verläuft diese gegen den Uhrzeiger- sinn, liegt der Umsatz zehn Prozent höher. Eine schlüssige Erklärung dafür gibt es nicht.

höher. Eine schlüssige Erklärung dafür gibt es nicht. Gangaufteilung Enge Quergänge behagen Ihnen nicht, oft
Gangaufteilung
Gangaufteilung

Enge Quergänge behagen Ihnen nicht, oft wagen Sie nur kurze Vorstöße. Die Gangmitte ist deshalb keine gute Lage – eben- so wie der erste Gangmeter: Da laufen Sie nämlich los, ohne dass Ihre Wahrnehmung so richtig mitkommt. Der Sweetspot der Produktplatzierung liegt dazwischen.

Der Sweetspot der Produktplatzierung liegt dazwischen. Bücken oder strecken? Waren in bequemer Greifhöhe nehmen

Bücken oder strecken?

Waren in bequemer Greifhöhe nehmen Sie eher wahr und lieber zur hand als Dinge in der reck- oder Bückzone. Oben und unten finden Sie deshalb oft Pflichtposten vom Ein- kaufszettel (Beispiel: Zahnpasta), dazwischen die passende Impulskaufware (»Stimmt, eine neue Zahnbürste bräuchte ich mal wieder!«). Andererseits erwarten Kunden Billigprodukte unten, Markenware in der Mitte, Teures oben.

Billigprodukte unten, Markenware in der Mitte, Teures oben. G E h I rn&G EIST 3 2

G E h I rn&G EIST

32 12_2015

Mitte, Teures oben. G E h I rn&G EIST 3 2 12_2015 Gut kombiniert ist halb

Gut kombiniert ist halb gewonnen

Wein und Bratenfond, nudeln und Tomaten- soße, Zimtsterne und Glühwein: Bequemlichkeit ist Trumpf, deshalb steht beieinander, was aus Kundensicht zusammengehört.

Yousun Koh

Yousun Koh Wohlfühltemperatur Bei 19 bis 20 Grad Celsius bleiben Kunden am längsten. »sammeln sie Punkte?«

Wohlfühltemperatur

Bei 19 bis 20 Grad Celsius bleiben Kunden am längsten.

»sammeln sie Punkte?«

Wenn eine Belohnung winkt, bleiben Sie dem Laden eher treu – und wenn Sie sich per Bonuskarte auch noch zum gläsernen Kunden machen, profitiert die Firma doppelt.

zum gläsernen Kunden machen, profitiert die Firma doppelt. Die »Quengelzone« nicht nur für Kinder gilt: Warten
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zum gläsernen Kunden machen, profitiert die Firma doppelt. Die »Quengelzone« nicht nur für Kinder gilt: Warten

Die »Quengelzone«

nicht nur für Kinder gilt: Warten ist langweilig. Gern werden wir schwach und greifen etwa noch zu Süßem oder auch zu Praktischem wie Batterien oder Speichermedien.

stimmungsmache fürs Unterbewusstsein

Lieder mit 72 Schlägen pro Minute beruhigen uns und verlängern den Aufenthalt, ergab eine Studie. In einer anderen ließ Klas- sik Kunden am Weinregal zu besonders teuren Tropfen greifen.

sik Kunden am Weinregal zu besonders teuren Tropfen greifen. heile-Welt-image Wer würde Milch nicht von glücklichen

heile-Welt-image

Wer würde Milch nicht von glücklichen Kühen haben wollen? Weil uns nachdenken aber anstrengen würde, »kaufen« wir einfach, was das Bild suggeriert.

Manipulative scheinalternativen

Den Kuli für 9,90 Euro müssen Sie gar nicht erwerben. Stu- dien zufolge macht er es aber wahrscheinlicher, dass Sie den 2,50 Euro teuren Stift wählen – statt der 99-Cent-Variante.

Euro teuren Stift wählen – statt der 99-Cent-Variante. Last, not least Zwar will man es auch
Last, not least
Last, not least

Zwar will man es auch Kunden recht machen, die nur einen Snack suchen und ohne Um- weg zur Kasse wollen. Aber wenn Sie zum größeren Ein- kauf anrücken, sollen Sie das ganze Angebot sehen – deshalb steht ganz weit hinten irgendein Artikel, der auf keinem Einkaufszettel fehlt, etwa die Milch.

der auf keinem Einkaufszettel fehlt, etwa die Milch. ins rechte Licht gesetzt Bewusst oder unbewusst –
der auf keinem Einkaufszettel fehlt, etwa die Milch. ins rechte Licht gesetzt Bewusst oder unbewusst –

ins rechte Licht gesetzt

Bewusst oder unbewusst – wenn Sie die Qualität von Waren beurteilen, sind alle Sinne beteiligt. So lässt etwa die Beleuchtung an der Fleischtheke alles eine Spur röter aussehen.

an der Fleischtheke alles eine Spur röter aussehen. Parkzonen Auch das Einkaufswagen-Parkverhalten wird
Parkzonen
Parkzonen

Auch das Einkaufswagen-Parkverhalten wird erforscht. Wer häufiger parkt, kauft mehr. Besonders in der nähe von Obst und Gemüse sowie Fleisch und Wurst sollte genug Platz sein.

auffallen um jeden Preis (i)

Falls Sie nicht auf Ihre Lieblingssorte unter den 57 nudelvariationen festgelegt sind, erleichtern optisch hervorstechende Preisschilder die Wahl.

auffallen um jeden Preis (ii)

Wirkt – unabhängig vom Preis – wie ein Schnäppchen, das man sich nicht entgehen lassen darf: Palettenware.Preisschilder die Wahl. auffallen um jeden Preis (ii) QUELLEn Krishna, A.: An Integrative review of Sensory

QUELLEn Krishna, A.: An Integrative review of Sensory Marketing: Engaging the Senses to Affect Perception, Judgment and Behavior. In: Journal of Consumer Psychology 22, S. 332–351, 2012 Larsen, J. et al.: An Exploratory Look at Supermarket Shopping Paths. In: International Journal of Research in Marketing 22, S. 395–414, 2005 Weitere Quellen im Internet: www.spektrum.de/artikel/1371053

G E h I rn&G EIST

33 12_2015

Wissen verschenken und Freude bereiten – mit einem Geschenk-Abonnement! Das Magazin für Psychologie, Hirnforschung und
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So einfach erreichen Sie uns:

Telefon: 06221 9126-743

Fax: 06221 9126-751, E-Mail: service@spektrum.de, Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH, Slevogstraße 3–5, 69126 Heidelberg

E-Mail: service@spektrum.de, Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH, Slevogstraße 3–5, 69126 Heidelberg

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GruSSkartE

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Ihr Geschenk-Abonnement von Gehirn&GeisT für ein weiteres Jahr verlängert hat, und wünschen Ihnen viel Freude mit der Zeitschrift.

Herzlichst, Ihre

Ihnen viel Freude mit der Zeitschrift. Herzlichst, Ihre LeserserViCe sPeKtrum Der WissensCHAFt Spektrum der

LeserserViCe sPeKtrum Der WissensCHAFt

Herzlichst, Ihre LeserserViCe sPeKtrum Der WissensCHAFt Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH, Postfach

Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH, Postfach 104840, 69038 Heidelberg, Tel.: +49 6221 9126-743, Fax: +49 6221 9126-751, service@spektrum.de, www.spektrum.de

service@spektrum.de, www.spektrum.de Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH, Postfach 104840, 69038 Heidelberg, Tel.: +49 6221 9126-743, Fax: +49 6221 9126-751,

LESERSERVICE SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT

69038 Heidelberg, Tel.: +49 6221 9126-743, Fax: +49 6221 9126-751, LESERSERVICE SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT Herzlichst, Ihre

Herzlichst, Ihre

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VerlAG VON Julius spriNGer, berliN / public dOMAiN

Psychologie

Serie PraktiSche PSychologie Wie wirkt die Umwelt auf uns?

Und was bringt uns dazu, ökologisch zu handeln? Das sind die beiden zentralen Fragen der Umweltpsychologie.

Die Welt und wir

Von

Jür G en

h e L L brück

U n D

e L i s A beth

kAL s

1911

1911

Der erste Umweltpsychologe Willy hellpachs buch »Die geopsychi- schen erscheinungen. Die Menschensee- le unter dem einfluß von Wetter und klima, boden und Landschaft« erscheint.

von Wetter und klima, boden und Landschaft« erscheint. 1909 Der Begriff »Umwelt« Der biologe Jakob von
von Wetter und klima, boden und Landschaft« erscheint. 1909 Der Begriff »Umwelt« Der biologe Jakob von

1909

Der Begriff »Umwelt« Der biologe Jakob von Uexküll führt mit seinem buch »Umwelt und innenwelt der tiere« den begriff in die deutsche sprache ein.

Gehirn&Geist

1952

1952

Der »Behavior Setting«-Ansatz Der sozialwissenschaftler roger barker beschreibt in seiner studie »one boy’s Day« detailliert 14 stunden im Leben eines siebenjährigen. sein Ziel:

menschliches Verhalten unter unverfälschten bedingungen zu analysieren.

Verhalten unter unverfälschten bedingungen zu analysieren. 1935–1938 Die »Staubschüssel« entsteht sand- und

1935–1938

Die »Staubschüssel« entsteht sand- und staubstürme veröden weite Landstriche im Mittle- ren Westen der UsA. Der Grund dafür bestand in einer zu intensiven landwirtschaftlichen nutzung der Prärie. Die natur- katastrophe regt den Geografen Thomas saarinen später dazu

an, die Wahrneh- mung von Um- weltereignissen erstmals mit psychologischen Verfahren zu untersuchen.

an, die Wahrneh- mung von Um- weltereignissen erstmals mit psychologischen Verfahren zu untersuchen.

NOAA, GeOrGe e. MArsh AlbuM

36 12_2015

I n den 1930er Jahren verdunkelte sich der him- mel über dem Mittleren Westen der UsA. Jahre- lang fegten immer wieder sand- und staub- stürme über die Präriestaaten oklahoma, kan- sas und texas hinweg. sie vernichteten eine florierende Landwirtschaft, aufgebaut auf rie-

sigen Getreidefeldern. Um diese anzulegen, hatten sied- ler die steppe umgepflügt. nach einigen trockenen Jah- ren begann der boden zu erodieren – staub und sand machten den tag zur nacht. in endlosen trecks zogen die bald verarmten Farmer gen Westen, um sich in kalifornien als erntehelfer auf

istOck / MichAel WilkeNs

zogen die bald verarmten Farmer gen Westen, um sich in kalifornien als erntehelfer auf istOck /

1972

Neues Umweltbewusstsein Der »club of rome« veröffentlicht seinen bericht »Die Grenzen des Wachstums«. im Jahr darauf kommt es zur ersten Ölkrise. beide ereignisse veranlassen Forscher dazu, die psychologischen hintergründe von umweltschützendem Verhalten genauer zu erforschen.

den obstplantagen zu verdingen. Die »okies« waren in der neuen heimat nicht willkommen, gesellschaftliche spannungen waren die Folge. Der Folk-sänger Woody Guthrie verfasste dazu den ersten politischen Protest- song der Musikgeschichte: »This Land is Your Land«; John steinbeck schrieb darüber in seinem berühmten roman »Früchte des Zorns«. seit diesem ereignis, das sich als Menetekel für die noch zu erwartenden Folgen der globalen erwärmung verstehen lässt, gilt der Mittle- re Westen der UsA als »dust bowl« (staubschüssel). neben den sozialen Auswirkungen ist an dieser klimakatastrophe interessant, dass sie zum inhalt einer der ersten umweltpsychologischen studien wurde. in den 1960er Jahren wollte der Geograf Thomas saarinen herausfinden, wie die Farmer in den Dust-bowl-staaten das ökologische Desaster verarbeitet hatten. Dazu setzte er eine Variante des Thematischen Apperzeptionstests (tAt) ein, bei dem die teilnehmer zu verschiedenen bildern erzählen sollten, was ihnen in den sinn kam. sagten die Probanden etwa über einen auf den Acker-

kam. sagten die Probanden etwa über einen auf den Acker- 1994 Gründung der Fachgruppe Auf dem
kam. sagten die Probanden etwa über einen auf den Acker- 1994 Gründung der Fachgruppe Auf dem

1994

Gründung der Fachgruppe Auf dem kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie in hamburg gründet sich die Fachgruppe Umweltpsychologie.

2050 Düstere Prognose nach dem aktuellen Weltklimabericht wird die Durchschnittstemperatur auf der erde bis 2050
2050
Düstere Prognose
nach dem aktuellen
Weltklimabericht wird die
Durchschnittstemperatur
auf der erde bis 2050 um
mindestens 1,5 Grad
zunehmen. extreme
Wetterlagen, sturmfluten
und Dürren werden
häufiger werden; die
Artenvielfalt wird abneh-
men. Zwei Drittel der Menschheit wird in städten leben. Vor allem in den
entwicklungsländern werden etliche neue Megastädte mit mehr als zehn Millio-
nen einwohnern entstanden sein.
dpA / JuliAN strAteNschulte

1974

Symposium in Salzburg Gerhard ka- minski organi- siert auf dem kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie in salzburg erstmals ein symposium zur Umweltpsychologie – ein Meilenstein in der entwick- lung des Fachs im deutsch- sprachigen raum.

Gehirn&Geist

37 12_2015

u N sere ex P erte N Jürgen Hellbrück war Professor für Umweltpsychologie an der
u N sere ex P erte N Jürgen Hellbrück war Professor für Umweltpsychologie an der

u N sere

ex P erte N

Jürgen Hellbrück war Professor für Umweltpsychologie an der katholischen Universität eichstätt-ingolstadt. seit oktober 2015 ist er im ruhestand. sein wissenschaftliches interesse gilt der akustischen Umwelt und der Lärmwirkungsforschung. Elisabeth Kals ist an der- selben Universität Professorin für sozial- und organisationspsychologie und beschäftigt sich aus dieser Perspektive mit Umwelthandeln und der Mediation ökologischer konflikte.

boden schauenden Landwirt: »offenbar sieht er die ers- ten halme«, interpretierte saarinen das als hoffnung. kommentare wie »wieder kein korn aufgegangen« sprachen dagegen eher für Fatalismus. ein ergebnis war, dass die Farmer die häufigkeit und Dauer von Dürre- perioden noch immer unterschätzten. Wie Menschen naturereignisse wahrnehmen, wie sie mit den Folgen umgehen und was sie tun, um solche Unglücke zu vermeiden, sind Themen der Umweltpsy- chologie – nicht die einzigen, aber für unsere Zukunft sicher besonders bedeutende. Wenn die von Forschern entworfenen szenarien auch nur zum teil zutreffen, wird der klimawandel das Leben der Menschen welt- weit verändern und auch häufigere naturkatastrophen zur Folge haben.

Von der Natur- zur lebenswissenschaft

Der begriff »Ökologie« geht auf ernst haeckel (1834– 1919) zurück, einen in Jena lehrenden Zoologen, Philo- sophen und Freidenker. Jakob von Uexküll (1864–1944), aus estland stammend und ebenfalls Zoologe, prägte den Ausdruck »Umwelt«. Die deutschsprachige Psycho- logie, vor allem in Gestalt von egon brunswik (1903– 1955), griff in den 1930er Jahren die beiden begriffe Öko- logie und Umwelt auf. Dies trug dazu bei, dass sich die Disziplin von einer eher am idealbild der Physik orien- tierten Wissenschaft zu einer »Lebenswissenschaft« ähnlich der biologie wandelte. roger barker (1903–1990), ein schüler und Mitarbei- ter des in die UsA emigrierten sozialpsychologen kurt Lewin, gilt als Vater der amerikanischen Umweltpsy- chologie. er übertrug die von Verhaltensbiologen ange- wandten Methoden der Feldbeobachtung auf den Men- schen. in seinem heimatort oskaloosa in kansas rich- tete er eine station für Feldbeobachtungen ein, von der aus er von 1947 bis 1972 systematisch menschliches Verhalten unter »ökologischen«, also unbeeinflussten bedingungen untersuchte. sein 1952 erschienenes buch »one boy’s Day«, in dem er minutiös über 14 stunden im Leben eines Jungen berichtet, ist ein Markstein in der Geschichte des Fachs. Die frühe Umweltpsychologie war daran interessiert, unverfälschtes, alltägliches Verhalten zu analysieren. Damit übten die Forscher auch kritik an der laborexpe- rimentellen Psychologie, in der menschliches Verhalten weitgehend kontextfrei beobachtet wird. Dies hat sich

jedoch gewandelt: Die heutige Umweltpsychologie ist vor allem problemorientiert und beispielsweise an der beantwortung von praktischen umweltbezogenen Fra- gestellungen interessiert. eine dieser Fragen betrifft das Verhältnis von Mensch und natur. Warum etwa erleben wir den Aufenthalt in Wald und Flur als entspannend und erholsam? nach der Attention-restoration-Theorie der Umweltpsycho- logen rachel und stephen kaplan beruht der erho- lungswert darauf, dass das Gehen und Wandern in der natur ein freies Umherschweifen der Aufmerksamkeit erlaubt. in städtischen Umgebungen und im beruf- lichen Leben ist unsere Aufmerksamkeit dagegen meist fokussiert, was wir als Anspannung erleben. Auch Gar- tenarbeit als eine naturverbundene tätigkeit zählt den kaplans zufolge zu den gesundheitsfördernden Aktivi- täten (siehe auch »Die kraft der natur« in Gehirn&Geist 5/2011, s. 44). nach der »biophilia«-hypothese des soziobiologen edward Wilson ist diese Verbundenheit des Menschen mit der natur genetisch verankert. Der begriff bedeutet wörtlich »Liebe zur natur«. Diese ist Wilson zufolge ein generelles Merkmal des Menschen, das jedoch indivi- duell unterschiedlich stark ausgeprägt ist. Die bindung an die natur beeinflusst nicht nur unser Wohlbefinden, sondern auch, ob wir uns umweltschützend verhalten. Wie studien der Arbeitsgruppe von elisabeth kals an der katholischen Universität eichstätt-ingolstadt zei- gen, fördern positive naturerfahrungen in der kindheit, aber auch im erwachsenenalter diese Verbundenheit.

Wurde erst vor Kurzem mit aufwühlenden Bildern über ein Erdbeben be­ richtet, überschätzen die meisten die Wahrschein­ lichkeit, dass demnächst ein Beben auftritt

Gehirn&Geist

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_2015

Psychologie

/

umweltPsychologie

Das Wetter zählt zu den mächtigsten natürlichen Umwelteinflüssen. Dennoch widmen sich nur ver- gleichsweise wenige Psychologen der Frage, wie die Witterung auf uns wirkt (siehe auch »Walking on sun- shine« in Gehirn&Geist 5/2014, s. 16). Dieter Vaitl von der Universität Gießen und Anne schienle, heute Pro- fessorin für klinische Psychologie an der Uni Graz, un- tersuchten 2001 das Thema Wetterfühligkeit. sie inte- ressierten sich für die Auswirkungen von so genannten sferics (abgeleitet von »atmospherics«), einer atmo- sphärischen impulsstrahlung, die bei Gewittern ent- steht und sich kilometerweit ausbreitet. Mit hilfe von eeG-Aufzeichnungen stellten sie fest, dass diese sferics bei Personen, die sich selbst als wetterfühlig bezeichnen, die hirnströme verändern – auch wenn die Probanden die strahlung nicht bewusst wahrnehmen können. sind also sferics die Ursache dafür, dass viele Menschen im Vorfeld eines Gewitters von befindlichkeitsstörungen wie kopfschmerzen berichten? Letzte beweise stehen noch aus. sollten sich mit dem klimawandel in unseren brei- ten vermehrt hitzewellen wie in den Jahren 2003 und 2015 ereignen, dürften Umweltpsychologen zunehmend auch die Folgen von hitzestress ins Visier nehmen. Der Us-sozialpsychologe craig Anderson fand heraus, dass in hitzeperioden die häufigkeit von Gewaltverbrechen steigt. seine provozierende These: eine erhöhung der durchschnittlichen temperatur um ein Grad celsius würde in den UsA zu 24 000 zusätzlichen Gewalttaten pro Jahr führen.

Preiswert bauen im hochwassergebiet

Das Verhalten vor, während und nach einer naturkata- strophe ist ebenfalls ein Thema der Umweltpsychologie:

Wie beurteilen Menschen die risiken, wie entscheiden und verhalten sie sich bei Ungewissheit? so siedelten Menschen beispielsweise schon immer in der nähe von Vulkanen, da die erde dort sehr fruchtbar ist. Und heu- te bauen nicht wenige ihre häuser in hochwasser- oder erdrutschgefährdeten Gebieten, weil die Grundstücke dort preiswerter sind. Wie erleben diese Personen den konflikt zwischen den Vorteilen und den risiken ihrer entscheidung? eine erklärung liefert die Dissonanzthe- orie, wonach Menschen nach informationen suchen, die ihr Verhalten rechtfetigen, und andere informatio- nen ignorieren. Fehleinschätzungen von Umweltgefahren lassen sich mit hilfe von heuristiken erklären. Demnach beein- flusst Wissen, das leicht und schnell aus dem Gedächt- nis abrufbar ist, in hohem Maß entscheidungen, die wir in Ungewissheit fällen. Wurde zum beispiel erst vor kurzem in den Medien mit aufwühlenden bildern über ein erdbeben berichtet, überschätzen die meisten die Wahrscheinlichkeit, dass demnächst ein beben auftritt. Umweltpsychologen stellen sich auch die Frage, ob und wie eine von Menschen geschaffene Umwelt die

Auf einen Blick:

stadt, Land, Mensch

1 Umweltpsychologen waren ursprünglich vor allem daran interessiert, das menschliche Verhalten

unverfälscht in natürlicher Umgebung zu analysieren.

heute widmen sie sich vermehrt praktischen umwelt- bezogenen Problemen.

2 Wichtige Forschungsfragen lauten etwa, wie ein wärmeres klima, Wettereinflüsse oder das Leben in der stadt unser erleben und Verhalten beeinflussen.

3 Die Wahrnehmung von naturkatastrophen – und

die bereitschaft, diesen durch ökologisches handeln vorzubeugen – sind ebenfalls Thema der Umwelt-

psychologie.

Lebensqualität und die Gesundheit beeinflusst. Die mo- derne Welt ist geprägt von Mobilität. straßen-, schie- nen- und Luftverkehr verursachen Geräusche, die viele Menschen als Lärm wahrnehmen (siehe auch »Die Last des Lauten« in Gehirn&Geist 7-8/2011, s. 44). tatsäch- lich ist Verkehrslärm bei uns mittlerweile der Umwelt- faktor, der Menschen am häufigsten und am stärksten belästigt. eine wachsende Zahl von Untersuchungen belegt, dass chronischer Lärm für Menschen, die in der nähe eines Flughafens, an einer lauten straße oder einer schienentrasse leben, Dauerstress bedeutet – und das risiko für herz-kreislauf-erkrankungen erhöht. eine andere Quelle schädlicher Umwelteinflüsse sind manche chemikalien, die etwa in der bautechnik Ver- wendung finden, darunter die mittlerweile verbotenen polychlorierten biphenyle (Pcbs) oder Lösungsmittel in Lacken und klebern. Diese stoffe haben sich als neu- rotoxisch erwiesen, schädigen bei chronischer belas- tung also nervenzellen. Darüber hinaus beeinträchti- gen sie die psychische entwicklung von kindern. Ver- breitet ist in der bevölkerung allerdings auch die Angst vor vermeintlichen, aber nicht nachgewiesenen Ge- sundheitsgefahren, sei es durch chemikalien oder elek- tromagnetische Felder und strahlen. Diese »Umwelt- syndrome« wie die Angst vor so genanntem elektro- smog sind ebenfalls Gegenstand der Umweltpsychologie.

Kurz

er K lärt:

u mwelt bildu N g

Darunter versteht man sämtliche bildungsangebote, in denen sich Menschen über naturschutz und nachhaltigkeit informieren – ob in kindergärten, schulen, Museen oder naturparks.

Gehirn&Geist

39 12_2015

picture AlliANce / Ap iMAGes / Mike siMONs

picture AlliANce / Ap iMAGes / Mike siMONs im Angesicht der Katastrophe: Am 25. märz 2015

im Angesicht der Katastrophe: Am 25. märz 2015 zerstörte ein tornado die wohnwagensiedlung river oaks im us-bundesstaat oklahoma.

An unserer Universität untersuchte sabine heinrich, eine Diplomandin von Jürgen hellbrück, mit Unterstüt- zung des Augsburger Landesamts für Umwelt, ob Men- schen, die sich selbst als elektrosensibel oder elektro- sensitiv bezeichnen, tatsächlich von der Aktivität einer UMts-Mobilfunkantenne in unmittelbarer nachbar- schaft beeinflusst werden. Unter elektrosensibilität ver- steht man die angebliche Fähigkeit, elektromagnetische Felder zu spüren. elektrosensitiv dagegen ist, wer unter dem einfluss elektromagnetischer strahlung krank- heitssymptome entwickelt. beides gilt als unabhängig voneinander. in einer kontrollierten Doppelblindstudie wurde über drei Monate hinweg eine UMts-basis- station auf einem großen bürogebäude zufällig ein- und ausgeschaltet. bei den Untersuchungsteilnehmern

waren keine effekte nachzuweisen, die über zufällige schwankungen der befindlichkeit hinausgingen. Aller- dings ging es ihnen subjektiv schlechter, wenn sie das Gefühl hatten, die Antenne sei gerade in betrieb. Mögliche Gesundheitsschäden durch Lärm, giftige bausubstanzen oder den fehlenden Zugang zur natur werden insofern bedeutsamer, als die Urbanisierung weltweit voranschreitet: immer mehr Menschen ziehen vom Land in die stadt. heute lebt bereits mehr als die hälfte der Weltbevölkerung in städten, im Jahr 2050 werden es zwei Drittel sein. Wie das Wohnen in der stadt unsere Psyche und Gesundheit beeinflusst, ist da- her eine wichtige Frage. schon der Mediziner Willy hellpach beschäftigte sich in den 1930er Jahren damit (siehe »Der Vater der Umweltpsychologie«, s. 42).

Gehirn&Geist

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_2015

Psychologie

/

umweltPsychologie

im Jahr 2011 machten Untersuchungen des Mann- heimer Zentralinstituts für seelische Gesundheit schlagzeilen: Menschen in Großstädten, so fanden die Forscher heraus, reagieren auf stress im Vergleich zu Landbewohnern mit einer größeren Aktivität des »Ge- fahrensensors« im Gehirn, der Amygdala. Viele studien belegen zudem, dass psychische erkrankungen in städ- ten häufiger auftreten (siehe Gehirn&Geist 1/2012, s. 50). Zu den möglichen Ursachen zählen die größere bevöl- kerungsdichte, stärkere sensorische stimulation, psychi- sche Anspannung und ein oft schlechteres soziales netz. Wie sollten wir also städte und ihre infrastruktur an- legen, wie unsere häuser bauen und Wohnungen ge- stalten? Der bereits erwähnte roger barker und seine schüler beschäftigten sich unter anderem damit, wie sich räume auf das Verhalten auswirken, sowohl Plätze und straßen als auch innenräume. Weite, hohe räume wie in kathedralen lassen den Menschen nicht nur klein erscheinen – er wird auch »klein« in seinem Verhalten:

Die bewegungen werden langsam und gemessen, aus- gelassene Feste lassen sich hier nicht feiern. Das geht viel besser in engeren und niedrigeren räumen, in de- nen die soziale Dichte höher ist.

wie gestaltet man ein restaurant?

Andererseits verunsichern weite, leere Plätze in einer stadt mangels rückzugsmöglichkeit viele Menschen, sie laden nicht zum Verweilen ein. eine erklärung dafür lieferte der britische Geograf Jay Appleton (1919–2015). seine Prospect-refuge-Theorie besagt, dass Menschen gerne standorte aufsuchen, an denen sie geschützt sind und die gleichzeitig einen guten Ausblick bieten. Dies ist beispielsweise auch wichtig für die Gestaltung eines restaurants, in dem sich die Gäste länger aufhalten sol- len. in schnellrestaurants hingegen gibt es absichtlich weniger Plätze, an denen man abgeschirmt oder mit dem rücken zur Wand sitzt. Die meisten der aktuellen Umweltprobleme sind an- thropogen: Der Mensch verschmutzt Luft, boden und Wasser, verbraucht fossile energieträger, zerstört die schützende ozonschicht, rodet Wälder und vieles mehr. Lange Zeit galten diese Gefährdungen der Umwelt als schwierigkeiten, die auf technischem Weg zu lösen seien. Doch dagegen spricht, dass die Probleme auf menschliches Verhalten zurückgehen – und entspre-

die gehirn&geist-serie »Praktische Psychologie«

Diese reihe gibt einen überblick über die wichtigsten Anwen- dungsfelder der Psychologie, präsentiert von experten des Fachs. in heft 11/2015 stellten wir die Medienpsychologie vor. in Ausgabe 1/2016 führt oliver stoll von der universität halle-wittenberg in die sportpsychologie ein.

Menschen in Groß­ städten reagieren auf Stress im Vergleich zu Landbewohnern mit einer größeren Aktivität des »Gefahren­ sensors« im Gehirn, der Amygdala

chend nur durch eine Änderung desselben zu lösen sind. Denn letztlich helfen auch technische innovatio- nen wie etwa die Umstellung auf solarenergie in Privat- haushalten oder eine energie sparende Produktion in Unternehmen nur dann, wenn in diese neuerungen investiert wird und die Verbraucher sie annehmen. so ist zum schutz der Umwelt heute schon technisch viel mehr möglich, als tatsächlich eingesetzt wird. Umweltpsychologen interessiert daher auch, warum sich Menschen ökologisch verhalten oder nicht: Wes- halb kaufen manche Personen beispielsweise nachhal- tige Produkte, obwohl es sich rein ökonomisch für sie »nicht rechnet«, oder engagieren sich auf andere Weise für den Umweltschutz? erstmals beschäftigten sich Wissenschaftler mit dieser Frage zu Zeiten der energie- krise in den 1970er Jahren. Mittlerweile gibt es jedoch praktisch kein Feld umweltrelevanten handelns mehr, das nicht psychologisch erforscht wird. Fasst man die wesentlichen ergebnisse zusammen, so zeigt sich folgendes bild: Umweltfreundlich handeln Menschen vor allem dann, wenn sie ein grundlegendes bewusstsein für ökologische Probleme haben, sich für den schutz der Umwelt verantwortlich fühlen und wenn sie eigenen Verzicht als gerecht und gerechtfertigt ansehen. sehr wichtig ist auch die Frage, ob sich Freunde und Familie umweltschonend verhalten – es also der sozialen norm entspricht, seinen beitrag zu leisten. Doch eigennützige Faktoren spielen ebenfalls eine rolle. so zeigen Personen eher dann umweltschüt- zendes Verhalten, wenn es ihnen einen persönlichen nutzen bringt oder mit nur geringen kosten und wenig Aufwand verbunden ist. An emotionen sind beispiels- weise moralbezogene Gefühle wichtig wie die empö- rung über zu wenig Umweltschutz, aber auch die Liebe zur natur. Umweltschützendes handeln fällt oftmals so schwer, weil die belastungen vom einzelnen direkt und unmit- telbar zu tragen sind, während der nutzen erst langfris-

Gehirn&Geist

41 12_2015

buNdesArchiV, bild 102-11359 / cc-by-sA-3.0

Psychologie

/

umweltPsychologie

der Vater der umweltpsychologie

willy hellpach im Jahr 1931
willy hellpach
im Jahr 1931

willy hellpach (1877–1955) gilt als begründer der um- weltpsychologie hier zu lande. der mediziner und Psychologe – er war ein schüler des bekannten Psy- chologen und Philosophen wilhelm wundt – schrieb 1911 das viel beachtete buch

»die geopsychischen erschei- nungen«, in dem er die wir- kungen von landschaft, wetter und Klima auf den menschen diskutierte. in »mensch und Volk der großstadt« thematisierte er 1939 die psychologi- schen und gesundheitlichen Folgen des lebens in der großstadt. hellpach unterteilte die umwelt des menschen in »natürliche umwelt«, »soziale umwelt« und »kulturelle umwelt«. er war auch Politker und diente in der weimarer zeit als unterrichtsminister und staatspräsident in der republik baden. 1925 kan- didierte er sogar für die wahl zum reichspräsiden- ten, aus der Paul von hindenburg als sieger hervor- ging. hellpach erhielt im ersten wahlgang 5,8 Pro- zent der stimmen, im zweiten trat er nicht mehr an.

tig entsteht und viele Menschen betrifft. Das wirft Fra- gen der Gerechtigkeit auf, vor allem wenn man bedenkt, dass von den ökologischen Gefahren auch zukünftige Generationen oder Menschen in armen regionen der erde betroffen sind. Zudem steht Umweltschutz in konkurrenz zu ande- ren Werten, die ebenfalls breite gesellschaftliche Akzep- tanz genießen, etwa Wirtschaftswachstum, die siche- rung von Arbeitsplätzen und persönliche Freiheit. Dies macht Fragen ökologischer Gerechtigkeit noch kom-

plexer. Unter anderem deshalb lässt sich aktuell ein Pa- radigmenwechsel vom »Umweltschutz« zur »nachhal- tigkeit« beobachten. Während beim Umweltschutz die natur im Vordergrund steht, umfasst das konzept der nachhaltigkeit ökologische, ökonomische und soziale bedürfnisse. Vor allem Umweltschutz und wirtschaft- liche erwägungen sind allerdings meist schwer mitei- nander zu vereinbaren. in den meisten Praxisfällen ist daher ein Aushandeln der verschiedenen interessen der richtige Weg, zum beispiel mit hilfe der Umweltmedia- tion. Allgemein gültige empfehlungen lassen sich aus der idee der nachhaltigkeit kaum ableiten. Praktische interventionen ergeben sich eher aus den erkenntnissen, die Umweltpsychologen über die Wirk- samkeit verschiedener Maßnahmen gewonnen haben. solche interventionen heben darauf ab, ökologischen Zielen Vorrang vor anderen Leitsätzen zu geben. im ers- ten schritt gilt es, ein bewusstsein dafür zu schaffen, welche Probleme bestehen und wie sie sich verringern ließen – und die Wertschätzung einer intakten Umwelt zu stärken. einige Projekte setzen auch direkt beim Ver- halten an, wie die klimaschutzaktion »nordlicht«: Die kieler Arbeitsgruppe um den Psychologen Friedemann Prose motivierte dabei große bevölkerungsgruppen durch verschiedene Methoden wie handzettel oder die bekanntmachung der energiesparquoten von orten und regionen dazu, strom und Wasser zu sparen sowie seltener das Auto zu benutzen. Die Umweltpsychologie greift also Themen auf, die zu den dringlichsten Zukunftsproblemen der Mensch- heit zählen: Wie gehen wir verantwortungsvoll und ge- recht mit der Umwelt und den natürlichen ressourcen um? Welche Folgen haben neue technologien und in- frastrukturen für Verhalten und Gesundheit? trotzdem gibt es im deutschsprachigen raum nur wenige Univer- sitäten, an denen die Disziplin mit einer eigenen Profes- sur verankert ist. Doch angesichts der drängenden öko- logischen Probleme wird das Fach in den kommenden Jahren und Jahrzehnten aufblühen müssen. H

l iter A turti P P

hellbrück, J., kals, e.: Umweltpsychologie. reihe basiswissen Psychologie. Springer VS, Wiesbaden 2012 Gut strukturierte Einführung ins Thema mit vielen weiterführenden Literaturhinweisen

Q uelle N

heinrich, s. et al.: elektromagnetische Felder einer UMts-Mobilfunkbasisstation und mögliche Auswirkungen auf die befindlichkeit – eine experimentelle Felduntersuchung. In: Umweltmedizin in Forschung und Praxis 12, S. 171–180, 2007

kals, e.: Affective connection to nature. In: Michalos, A. C. (Hg.):

Encyclopedia of Quality of Life and Well-Being Research. Springer, Dordrecht 2014, S. 83–88

Lederbogen et al.: city Living and Urban Upbringing Affect neural social stress Processing in humans. In: Nature 474, S. 498–501, 2011

Maschke, c.: cardiovascular effects of environmental noise: research in Germany. In: Noise & Health 13, S. 205–211, 2011

Weitere Quellen im Internet: www.spektrum.de/artikel/1370626

Gehirn&Geist

42 12

_2015

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Kopfnuss

Hätten sie’s gewusst? Die Antworten auf die folgenden Fragen finden sie in dieser Ausgabe von »Gehirn&Geist«. Wenn sie an unserem Gewinnspiel teilnehmen möchten, schicken sie die Lösungen bitte mit dem Betreff »Dezember« per e-Mail an: kopfnuss@spektrum.de

1. Wer fühlt sich seinem Wohnort stärker

heimatlich verbunden: stadt- oder Land- bewohner?

a)

Landbewohner

b)

stadtbewohner

c)

es gibt keinen Unterschied.

2.

Laut umweltpsychologen erholen wir

uns in der natur, weil unsere Gedanken dort frei umherschweifen können. Diese Theorie trägt den namen …

a)

attention restoration

b)

concentration revival

c)

mindfulness recovery

3.

Welches der folgenden Hirnareale

spielt keine besondere Rolle, wenn wir eine Leckerei genießen?

a)

nucleus caudatus

b)

Orbitofrontalkortex

c)

ventrales Pallidum

4.

Welche Art der Migräneaura

bezeichnet man auch als »Alice-in- Wonderland«-syndrom?

a) wenn die Betroffenen Fantasiegestalten zu

sehen glauben

b) wenn sie das Gefühl haben, in ein Loch

zu stürzen

c) wenn sie meinen, ihr Körper schrumpfe

oder dehne sich aus

5. Wer synthetisierte erstmals die

psychoaktive substanz MDMA, auch bekannt als »Ecstasy«?

a) der Chemiker Alexander shulgin

b) ein Mitarbeiter des Pharmakonzerns Merck

c) der Psychologe timothy Leary

Unter allen richtigen einsendungen verlosen wir drei exemplare von:

richtigen einsendungen verlosen wir drei exemplare von: Andreas sentker (hg.) unsER GEHEiMnis- voLLEs icH (3

Andreas sentker (hg.)

unsER GEHEiMnis- voLLEs icH (3 Bände)

Springer Spektrum, Berlin und Heidel- berg 2015, € 59,99

einsendeschluss ist der 15. 12. 2015. Die Auflösung finden sie in Gehirn&Geist 2/2016. Zusätzlich nimmt jede richtige einsendung an der Weihnachtsverlosung eines Jahresabonnements für 2016 teil. name und Wohnort der Gewinner werden an die- ser stelle veröffentlicht. ihre persönlichen Daten wer- den nicht an Dritte weitergegeben. eine Barauszah- lung der Preise ist nicht möglich. Der rechtsweg ist ausgeschlossen.

Auflösung der Kopfnuss 10/2015: 1c, 2b, 3a, 4b, 5c Je ein exemplar von »Warum einstein niemals socken trug« von Christian Ankowitsch erhalten:

haissam Chaar (Bochum), Anka Müller (München), Olaf seidel (Gelnhausen)

Testen sie ihr Wissen rund um Gehirn&Geist! Auf unserer Onlineseite finden sie die Kopfnüsse vergangener Ausgaben.

www.spektrum.de/quiz/

psychologie-hirnforschung/

Auf unserer Onlineseite finden sie die Kopfnüsse vergangener Ausgaben. www.spektrum.de/quiz/ psychologie-hirnforschung/

Gehirn&Geist

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LIEFERBARE GEHIRN&GEIST-AUSGABEN

LIEFERBARE GEHIRN&GEIST-AUSGABEN Gehirn&Geist 11/2015: Interview: Lernen von Selbstkontrolle • Spezial:

Gehirn&Geist 11/2015:

Interview: Lernen von Selbstkontrolle • Spezial: Flüchtlinge • Mediennutzung:

Wirkung auf den Geist • Serie Ernäh- rung: Appetitsteuerung•  ,

• Serie Ernäh- rung: Appetitsteuerung•  , Gehirn&Geist 10/2015: Nudging: Manipulation durch den

Gehirn&Geist 10/2015:

Nudging: Manipulation durch den Staat • Macht Gewalt in Unterhaltungsmedien aggressiv? • Neurogenese: Zu viel Gespür für Gefahr •  ,

Neurogenese: Zu viel Gespür für Gefahr •  , Gehirn&Geist 9/2015: Tastsinn: Können Hände heilen?

Gehirn&Geist 9/2015:

Tastsinn: Können Hände heilen? • Spezial: Spuren des Alkohols • Die Wurzeln der Fairness • Schulbeginn:

Zu früh zum Lernen •  ,

• Schulbeginn: Zu früh zum Lernen •  , Gehirn&Geist 8/2015 Geld: Macht es doch glücklich?

Gehirn&Geist 8/2015

Geld: Macht es doch glücklich? • Wie gut sind Ganztagsschulen? • Der Duft der Träume • Sprache: Ungeschriebene Gesetze •  ,

• Sprache: Ungeschriebene Gesetze •  , Gehirn&Geist 7/2015: Emotionen: So steuern wir unsere

Gehirn&Geist 7/2015:

Emotionen: So steuern wir unsere Gefühle • Gedächtnis: Wie Forscher Erinnerungen löschen • Ethik:

Menschenrechte für Tiere? •  ,

• Ethik: Menschenrechte für Tiere? •  , Gehirn&Geist 6/2015 Das stimulierte Gehirn •

Gehirn&Geist 6/2015

Das stimulierte Gehirn • Nachahmungs- taten: Mord nach Modell? • Kaufmotive:

Unter Trance im Labor • Oxytozin – das Vertrauenshormon •  ,

A L L E

L I E F E R B A R E N

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Was hat sie, was er nicht hat?

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Geschlechterunterschiede

etliche Befunde der hirnforschung scheinen zu belegen, dass Vor- lieben und Fähigkeiten zwischen den Geschlechtern unterschiedlich verteilt sind. Doch dahinter stecken manchmal methodische Mängel.

Von

t heo D or

s chaarsch M i D t

rosa oder blau? ob derlei Präferenzen angeboren oder erworben sind, interessiert auch neuroforscher.

Der Autor Theodor Schaarschmidt ist Psychologe und Wissenschaftsjournalist in Berlin. Bei der arbeit an diesem

Der

Autor

Theodor Schaarschmidt ist Psychologe und Wissenschaftsjournalist in Berlin. Bei der arbeit an diesem artikel dachte er oft an Loriots Film »Pappa ante Portas«. Darin erklärt der Vater seinem sohn: »Männer sind – und Frauen auch. Überleg mal!«

E s war eine aufwändige Untersuchung. Fast 1000 Versuchspersonen schob die ar- beitsgruppe um den neurowissenschaftler Madhura ingalhalikar von der University of Pennsylvania in Philadelphia in den hirnscanner, um mit hilfe der so genann-

ten Diffusions-tensor-Bildgebung (Dti) den Verlauf der nervenfasern im Gehirn zu erkunden. Wie sich he- rausstellte, waren bei Frauen die beiden hirnhälften im schnitt stärker miteinander verknüpft, während Män- ner eine engere Vernetzung innerhalb der hemisphären aufwiesen (siehe hirngrafiken rechts). Der betreffende Fachartikel erschien 2014 in den re- nommierten »Proceedings« der nationalen akademie der Wissenschaften der Usa. Viele Forscherkollegen äußerten sich anerkennend, nur vereinzelt wurden me- thodische Mängel beklagt. so fehlten in der arbeit etwa angaben zur effektstärke, ein statistisches Maß für die Größe eines entdeckten Gruppenunterschieds. Fast alle großen Medien stürzten sich auf diese stu- die. Viele Meldungen gingen allerdings noch weit über den eigentlichen Befund hinaus und erfanden Ge- schlechterunterschiede bei diversen kognitiven Fähig- keiten, die in der studie gar nicht erfasst worden waren. »Das Frauenhirn tickt wirklich anders«, titelte etwa die onlineausgabe der »Welt« – und wertete die Untersu- chung als einen schlagenden Beleg dafür, dass Männer tatsächlich besser einparken können und Frauen ein- fühlsamer sind. Wie in diesem Fall dienen die resultate neurowissen- schaftlicher studien häufig als Projektionsfläche für alt- bekannte Geschlechterklischees, erklären cliodhna o’connor und helene Joffe vom Londoner University college. Die beiden Wissenschaftlerinnen werteten mehr als 200 Zeitungs- und onlineberichte aus, die über die arbeit von ingalhalikar und seinen Kollegen

erschienen waren. Fazit: in den meisten artikeln wurde vor allem betont, dass sich Männer- und Frauenhirne grundlegend unterscheiden – inwiefern jedoch, blieb in der regel unklar. Viele Medien beschränkten sich etwa auf starke Metaphern und stellten die »Kluft« zwischen Männern und Frauen als »unüberbrückbar« dar. so hieß es in der britischen tageszeitung »Daily Mail«:

»Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern waren so tief greifend, dass Männer und Frauen schon beina- he unterschiedliche spezies sein könnten.« Das klingt verdächtig nach jenem alten Bestsellertitel, laut dem Männer vom Mars und Frauen von der Venus stammen. Werden hier die Befunde aus den Labors von hirnforschern zweckentfremdet, um stereotype Vor- stellungen zu zementieren? Die Geschlechterdifferenzforschung ist ein Dauer- brenner: Mehr als 5600 neurowissenschaftliche studien zu diesem Thema wurden seit anfang der 1990er Jahre veröffentlicht, wie eine arbeitsgruppe der University of cambridge errechnete. Die Psychologin Gina rippon von der aston University in Birmingham glaubt, die ge- genwärtige Forschungskultur verführe regelrecht dazu, Geschlechterunterschiede überzubetonen. Dafür macht sie unter anderem eine kognitive Voreinstellung verant- wortlich, die Fachleute als essenzialismus bezeichnen (siehe »Kurz erklärt« unten rechts).

sein hirn, ihr hirn

Dahinter verbirgt sich die idee, bestimmte eigenarten seien fest in der natur des Menschen verankert und nicht (oder kaum) durch äußere Faktoren veränderbar. Für viele biologische Merkmale gilt das tatsächlich: Wer mit einem weiblichen chromosomensatz, weiblichen Genitalien und weiblichen Keimdrüsen auf die Welt kommt, wird sich in den allermeisten Fällen zu einer Frau entwickeln. es sei allerdings ein Fehlschluss zu glauben, so rippon, dass auch soziale Konventionen, Verhaltenstendenzen oder eben neuronale strukturen eine derart robuste Grundlage haben müssten. einige neuroforscher postulieren, dass sich die ner- vensysteme von Männern und Frauen fundamental unterscheiden würden – so etwa der britische autismus- experte simon Baron-cohen. er differenziert zwischen einem männlich-systematisch arbeitenden s-Gehirn und einem weiblich-empathischen e-Gehirn. Dieser

Auf einen Blick: Wer sucht, der findet?

1 Viele neurowissenschaftliche

studien weisen auf Unter-

schiede im Gehirn sowie in

den kognitiven Fähigkeiten zwi- schen Männern und Frauen hin.

2 sozialforscher bemängeln, dass hierbei häufig geringe statistische effekte überbetont

und methodische Fehler vernach- lässigt werden. Das zementiere rollenklischees.

Gehirn&Geist

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3 Die verbreitete Vorstellung,

Geschlechterdifferenzen seien

erblich bedingt, stützt die

neuroforschung nicht. Denn auch unser Gehirn wird durch Gene und Umwelt geformt.

yousun koh, nach IngalhalIkar, m. et al.: sex dIfferences Inthe structural connectome ofthe human braIn. In: Pnas 111, s. 823–828, 2014, fIg. 2a

Männer
Männer

hirnforschung

/

Frauen
Frauen

geschLechterunterschieDe

Laut einer Studie besitzen Männer mehr Nerven- bahnen innerhalb der Hirnhälften (blaue Linien), Frauen dagegen zwischen den Hemisphären (rot). Doch die Unterschiede sind kleiner, als es solche Bilder suggerieren.

Theorie widerspricht rippon entschieden: »Kein indivi- duum besitzt ein eindeutig männliches oder weibli- ches Gehirn.« obwohl im statistischen Mittel neuro- nale Unterschiede zwischen den Geschlechtern nach- weisbar seien, lasse dieser Befund keine sicheren rückschlüsse auf den einzelnen zu. Die Forscherin erläutert dies an dem folgenden Bei- spiel: Das Gehirn von Männern weist im schnitt einen etwas kleineren hippocampus auf als das von Frauen, die amygdala hingegen ist bei ihm statistisch etwas grö- ßer als bei ihr – stets im Verhältnis zum jeweiligen Ge- samtvolumen. Wird nun bei einem zufällig ausgewähl- ten Probanden ein relativ kleiner hippocampus gemes- sen, so lasse sich daraus aber keineswegs ableiten, dass die betreffende Person auch eine besonders große amygdala besitze. Jedes Gehirn habe eine individuelle Mosaikstruktur, wie es rippon formuliert – ein be- stimmtes Gefüge aus Merkmalen, von denen sich einige vermehrt bei Männern und andere eher bei Frauen fin- den lassen. auch die Plastizität des nervensystems mache es pro- blematisch, von dem Männer- oder dem Frauenhirn zu sprechen. Unterschiedliche Lernerfahrungen schlagen sich naturgemäß in der neuronalen architektur nieder. Das belegte zum Beispiel eine studie des Psychologen richard J. haier von der University of california in ir-

K u r Z

e r KLÄ r t :

e ssen Z i A L ismus

so nennen Wissenschaftler die annahme, soziale Kategorien seien biologisch fundiert und daher weitgehend robust etwa gegenüber situativen einflüs- sen. in der Geschlechterdebatte führt dies oft dazu, dass Unterschiede zwischen Männern und Frauen als »naturgegebene« Merkmale angesehen werden.

vine: sein team ließ weibliche Jugendliche drei Monate lang regelmäßig das computerspiel tetris spielen, das visuell-räumliche Fertigkeiten trainiert. obwohl die Probandinnen im Mittel nicht mehr als anderthalb stunden pro Woche damit zugange waren, wuchs bei ihnen im Vergleich zu einer Kontrollgruppe das Volu- men der vermehrt beanspruchten hirnareale. Männer und Frauen sind auch heute noch oft unter- schiedlichen Lernumwelten ausgesetzt, beispielsweise bedingt durch die jeweilige studien- und Berufswahl. Bei erwachsenen lässt sich daher kaum bestimmen, wo- her ein entdeckter neuronaler Unterschied rührt – von den Genen oder von der Umwelt. Vielmehr prägt uns stets ein enges Wechselspiel aus beidem.

großer spielraum für interpretationen

Die verbreitete trennung zwischen angeborenen, biolo- gisch festgelegten Kennzeichen auf der einen seite und der sozialen Prägung auf der anderen (siehe auch »Ge- schlecht und Gender«, s. 52) lässt sich somit nur sehr schwer auf ergebnisse aus der hirnforschung anwen- den. Beide aspekte sind vielfältig miteinander verwo- ben. Damit stellt sich die spannende Frage: Was sagen Befunde über geschlechtsspezifische Besonderheiten tatsächlich aus? »Mit bildgebenden Methoden lassen sich vor allem Wo-Fragen beantworten«, erklärt die Wissenschafts- soziologin hanna Fitsch von der tU Berlin. sie be- schäftigt sich seit Jahren mit der aussagekraft der funk- tionellen Magnetresonanztomografie (fMrt). »es geht bei dieser Forschung vor allem darum, bestimmte geis- tige Phänomene zu lokalisieren und zu kartografieren. Fragen zu den konkreten Wirkmechanismen können solche Untersuchungen allein hingegen nicht besonders gut beantworten.« Fitsch betont, dass beim einsatz bildgebender Ver- fahren eine Vielzahl von entscheidungen vorab getrof-

Gehirn&Geist

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»Von 20 tests auf geschlechterdifferenzen liefert einer sicher ein statistisch signifikantes ergebnis – auch ohne

»Von 20 tests auf geschlechterdifferenzen liefert einer sicher ein statistisch signifikantes ergebnis – auch ohne dass es einen unter- schied zwischen den gruppen gibt« Cordelia Fine

fen werden müssen – etwa, was die jeweils interessie- renden hirnareale oder die statistische auswertung der Daten betrifft. Die stark visuell geprägte fMrt-Bildge- bung, die vermeintlich objektive aufnahmen des arbei- tenden Gehirns liefere, verführe viele Laien, aber auch Wissenschaftler dazu, die Größe des tatsächlichen Deu- tungsspielraums zu unterschätzen. Je interpretativer ein methodischer ansatz sei, desto eher könnten sich impli- zite Vorannahmen, beispielsweise über die zu erwarten- den aktivitätsunterschiede, in den Forschungsprozess einschleichen. in manchen Fällen »beweist« sogar ein und derselbe Datensatz je nach der eingesetzten auswertungsmetho- de mal Unterschiede und mal Gemeinsamkeiten zwi- schen den Geschlechtern. Die Psychologin anelis Kai- ser veröffentlichte gemeinsam mit Kollegen eine Bild- gebungsstudie, in der sie bei 44 Probanden das für die sprachproduktion zuständige Broca-areal untersuchte. anders als in vorangegangenen Untersuchungen waren bei den männlichen teilnehmern die sprachzentren in beiden hirnhälften gleichermaßen aktiviert, bei den Frauen hingegen dominierte das Broca-areal der linken hemisphäre – so schien es zumindest. Doch als die For- scher einfach nur ihre auswertungsmethode änderten und strengere statistische Maßstäbe anlegten, ver- schwand der Unterschied auf einmal! nun war bei bei- den Geschlechtern eine stärkere aktivierung des linken Broca-Zentrums gegenüber dem in der rechten hirn- hälfte zu verzeichnen. Was sich nach einer mathematischen spielerei an- hört, kann handfeste Folgen haben. Denn statistisch si- gnifikante Unterschiede zwischen Probandengruppen

K u r Z

e r KLÄ r t :

m e tA A n A L yse

Metaanalysen sind Überblicksstudien, die viele arbei- ten zu einem Thema zusammenfassen und statistisch auswerten. Mit ihrer hilfe können oft verlässlichere aussagen zu der jeweiligen Forschungsfrage gemacht werden, als es eine einzelne Untersuchung erlaubt.

werden in wissenschaftlichen Fachjournalen mit größe- rer Wahrscheinlichkeit veröffentlicht als so genannte nullbefunde – also studien, in denen sich keine effekte finden ließen. Dieser so genannte Publikationsbias ist ein seit Langem bekanntes Problem. in der Geschlechterhirnforschung sei es allerdings besonders gravierend, erklärt die neurowissenschaftle- rin cordelia Fine, die an der University of Melbourne in australien arbeitet. Das liege an der großen selbstver- ständlichkeit, mit der in studien gezielt auf Geschlech- terunterschiede hin getestet werde, selbst wenn es dafür gar keinen ersichtlichen Grund gebe, erklärt Fine in einem Beitrag für die Zeitschrift »neuroethics«.

falsch positive Befunde festigen stereotype

in der tat wird das Geschlecht in vielen Untersuchun- gen routinemäßig nebenbei abgefragt, ohne konkrete hypothese. »Wenn 20 tests Geschlechterdifferenzen prüfen, wird einer davon sicher ein statistisch signifi- kantes ergebnis liefern, auch ohne dass es einen Unter- schied zwischen den Gruppen gibt«, so Fine. einmal veröffentlicht, hielten sich solche falsch positiven Be- funde allerdings oft mit bemerkenswert großer hartnä- ckigkeit. Dass sich so manches resultat in Folgestudien nicht wiederholen ließe, falle dabei kaum in Gewicht. Dies verstärke letztlich geschlechtsspezifische rollen- bilder. auch der neurowissenschaftler Larry cahill von der University of california in irvine betrachtet die gegen- wärtige Forschungspraxis kritisch. seiner ansicht nach werden die Unterschiede zwischen den Geschlechtern allerdings nicht zu sehr, sondern im Gegenteil zu wenig betont! so würden geschlechtsspezifische Besonderhei- ten bei neurologischen erkrankungen oft vernachläs- sigt. cahill liefert sich regelrechte Duelle mit Forsche- rinnen wie rippon oder Fine. seine argumentation: Zu oft müssten männliche Gehirne als standard für »das Gehirn« schlechthin herhalten, während die Merkmale des weiblichen Gehirns lediglich als sonderfall betrach- tet würden. tatsächlich offenbare sich in der Fachliteratur eine deutliche asymmetrie: eine Metaanalyse von Forschern

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hirnforschung

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hirnforschung / geschLechterunterschieDe »hirndifferenzen zu verneinen ist, als käme man nach Prüfung von reifen und

»hirndifferenzen zu verneinen ist, als käme man nach Prüfung von reifen und Bremsen zu dem schluss, es gebe keinen bedeutenden unterschied zwischen einem Volvo und einer corvette« Larry Cahill

der University of california in Berkeley aus dem Jahr 2011 ergab, dass fast jede zweite neurowissenschaftliche Untersuchung ausschließlich mit männlichen Versuchs- tieren durchgeführt wurde, nur ein Zehntel mit einer rein weiblichen stichprobe. Bei Untersuchungen am Menschen, räumt cahill ein, lasse sich ein ganz so starkes Ungleichgewicht allerdings nicht nachweisen. Der Wissenschaftler hält das Gehirn von Männern und das von Frauen für grundlegend verschieden. Zwar gebe es häufig starke Überlappungen zwischen ver- meintlich männlichen und weiblichen eigenarten, und die gefundenen effekte fielen häufig bescheiden aus. Doch das liege vor allem daran, dass die analysen nur isolierte Funktionen betrachten. »Das ist, als würde man nach detaillierter Prüfung von Glas, reifen und Bremsen zu dem schluss kommen, dass es keine be- deutsamen Unterschiede zwischen einem Volvo und ei- ner corvette gibt«, erklärt cahill.

außerdem hält er die Betonung der Plastizität des Gehirns für problematisch: schließlich könnten auch Verhaltensweisen, die sich erst im Lauf der Zeit heraus- bildeten, biologischen Ursprungs sein – etwa bei der sprachentwicklung oder der rechtshändigkeit. Um- weltbedingte Veränderungen hätten andererseits biolo- gische schranken. Das Plastizitätsargument hält cahill für eine moderne Variante der längst widerlegten tabu- la-rasa-idee, also der annahme, das menschliche Ge- hirn sei wie ein unbeschriebenes Blatt und durch erfah- rungen beliebig veränderbar. Unabhängig davon, wie viel Geschlecht tatsächlich im Gehirn steckt: in der populärwissenschaftlichen Li- teratur haben kurzweilige »neurofakten« Konjunktur. Der Buchmarkt quillt über vor titeln wie »Männer – das schwache Geschlecht und sein Gehirn« oder »Das weibliche Gehirn: Warum Frauen anders sind als Män- ner«. alte Klischees werden plötzlich wieder attraktiv,

saubere methoden, verlässliche resultate

Bildgebende Verfahren sind in der geschlechterforschung beliebt. Viele studien haben aber methodische Pro- bleme, die die interpretation der ergebnisse erschweren. ein team um die neuropsychologin gina rippon erar- beitete vier Vorschläge für eine verlässlichere forschung:

mehr Versuchspersonen Viele fmrt-studien beruhen auf zu kleinen Probandenzahlen. häufig bringen die Analysen so zufällig signifikante ergebnisse hervor, die sich in folgestudien nicht wiederholen lassen. größere stichproben führen zu stabileren resultaten.

Prozesse statt momentaufnahmen Die meisten bildgebenden experimente zu ge- schlechterdifferenzen begnügen sich mit »schnappschüssen« vom gehirn. sie verraten wenig darüber, woher eine Besonderheit rührt. Zeitliche Veränderungen und situative einflüsse sollten stärker berücksich- tigt werden.

Gehirn&Geist

effektstärken angeben nicht alle statistisch sig- nifikanten unterschiede sind auch praktisch bedeutsam. einige sind so klein, dass sich die Werte von frauen und männern stark überlappen. Die Angabe der so genannten effektstärke würde exper- ten helfen, die relevanz eines Befunds besser ab- zuschätzen.

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soziale einflüsse beachten Das biologische ge- schlecht wird meist als entweder-oder erfasst. menschen unterscheiden sich aber in ihrem Anteil an »typisch« männlichen und weiblichen einstel- lungen und Verhaltens- weisen. inwiefern sich das auch auf neuronaler ebene widerspiegelt, ist bislang noch kaum er- forscht.

hirnforschung

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geschlecht und gender

für das deutsche Wort »geschlecht« gibt es im eng- lischen zwei mögliche Übersetzungen: »sex« betont den biologischen Aspekt – ablesbar etwa an den genitalien, Keimdrüsen oder chromosomensätzen. »gender« hingegen bezeichnet die psychosoziale Per- spektive, beispielsweise die gesellschaftlich vermit- telte Vorstellung über männlichkeit und Weiblich- keit. manche Philosophen wie die feministin Judith Butler von der university of california in Berkeley lehnen die unterscheidung von »sex« und »gender« ab, da sie eine willkürliche grenzziehung bedeute.

wenn sie (und sei es auch nur scheinbar) mit neurowis- senschaftlichen Befunden unterfüttert werden. sobald sich ein Phänomen neuronal aufzeigen lässt, erscheint es glaubwürdiger, fassbarer, wahrer. einer Theorie zufolge interpretieren wir neue reize stets im Licht so genannter sozialer repräsentationen – also gemeinschaftlich geteilter ideen und Überzeugun- gen. Diese sorgen dafür, dass wir abstrakte Wissens- inhalte in ein bestehendes Wertesystem integrieren. Wer einer essenzialistischen Weltsicht verhaftet ist, liest also wissenschaftliche texte durch eine »essenzialis- musbrille«.

sind spermien dominanter als eizellen?

in einer studie des sozialpsychologen Wolfgang Wag- ner von der Universität tübingen wurden Laien gebe- ten, passende Metaphern für die menschliche Befruch- tung zu finden. Die Befragten beschrieben spermien im schnitt als deutlich aktiver, stärker und dominanter als eizellen. Dies war bei jenen Probanden besonders aus- geprägt, die eine konservative auffassung zu Geschlech- terrollen vertraten. offenbar bestimmte das Wertesys-

tem der teilnehmer, wie sie einen biologischen Vorgang auffassen. Viele Medienberichte fördern essenzialistische Denk- stile, und das hat auswirkungen auf unser handeln, wie eine studie von ilan Dar-nimrod und steven heine aus dem Jahr 2006 nahelegt. Die Forscher ließen studen- tinnen einen Mathematiktest absolvieren. Zuvor gaben sie ihnen jedoch einen Zeitungsartikel zu lesen, angeb- lich um ihr textverständnis zu testen. in Wahrheit ging es den Versuchsleitern um etwas anderes: ein teil der Probandinnen las einen Bericht über eine (erfundene)

studie, der zufolge Frauen und Männer in ihrem mathe- matischen Verständnis gleichauf liegen. einer zweiten Gruppe dagegen wurde ein Bericht präsentiert, wonach Männer besser rechnen könnten – und zwar auf Grund genetischer Faktoren, die die hirnfunktion beeinfluss- ten. Probandinnen, die mit dieser biologischen erklä- rung konfrontiert worden waren, schnitten im folgen- den Mathetest schlechter ab als jene, denen man keinen Geschlechterunterschied vorgegaukelt hatte. hier schließt sich der Kreis: Wenn Forschungsergeb- nisse unser Verständnis von Männlichkeit und Weib- lichkeit prägen, beeinflusst dies wiederum die For- schung selbst. hanna Fitsch sieht einen Grund dafür auch im Wissenschaftsbetrieb: »ist ein ergebnis einmal veröffentlicht, beziehen sich auch andere Forschungs- projekte darauf. somit wiederholt sich dieselbe erzäh- lung immer wieder.« hirnforscher sind sich heute zunehmend der Gren- zen und schwächen ihrer Methoden bewusst und ma- chen Verbesserungsvorschläge (siehe »saubere Metho- den, verlässliche resultate«, s. 51). Das Geschlecht spielt natürlich auch im Gehirn eine rolle – darin stimmen selbst Wissenschaftler mit so unterschiedlichen auffas- sungen wie Fine und cahill durchaus überein. Umstrit- ten bleibt allerdings, wie stark der soziale und kulturelle Kontext in der Forschungspraxis berücksichtigt werden

sollte.

H

Liter A turti P P

hasler, F.: neuromythologie. eine streitschrift gegen die Deutungsmacht der hirnforschung. Transcript, Bielefeld 2014Der Berliner Neurowissenschaftler Felix Hasler setzt sich kritisch mit den Denkfallen und Problemen seiner Disziplin auseinander.

Q u e L L e n

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cahill, L.: equal ≠ the same: sex Differences in the human Brain. In: Cerebrum, 5, März/April 2014

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Weitere Quellen im Internet: www.spektrum.de/artikel/1370184

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Herausgegeben von Wulf Bertram Worte sind das mächtigste Hilfsmittel, das ein Arzt besitzt. Bernard Lown
Herausgegeben von Wulf Bertram Worte sind das mächtigste Hilfsmittel, das ein Arzt besitzt. Bernard Lown
Herausgegeben von Wulf Bertram Worte sind das mächtigste Hilfsmittel, das ein Arzt besitzt. Bernard Lown

Herausgegeben von Wulf Bertram

Worte sind das mächtigste Hilfsmittel, das ein Arzt besitzt. Bernard Lown Der „begnadete Erzähler“ (FAZ)
Worte sind das mächtigste Hilfsmittel, das ein Arzt besitzt. Bernard Lown
Der „begnadete Erzähler“ (FAZ) Bernard Lown öffnet mit einer Fülle von Impressionen und Reflexionen aus
seiner bewegten Laufbahn den Blick auf eine Heilkunst, die diesen Namen verdient und nicht zu einer tech-
nischen Reparaturwerkstatt verkommen soll: Er beleuchtet die unermessliche Bedeutung der Arzt-Patienten-
Beziehung – die „Droge Arzt“ als bestes Heilmittel der Welt – und zeigt, wie man die Zeit mit dem Patienten
nutzbringender verwendet, als gleich mit Apparate-Tests zu beginnen.
Lown lehrt, dass ein guter Arzt vor allem Mut braucht, um zu seinen Idealen zu stehen. Für menschliche
Werte in der Medizin – um der schleichenden Erosion der Humanität entgegenzuwirken.
30 Jahre
2015.
320 Seiten, kart. | € 24,99 (D)/ € 25,70 (A)
Friedensnobelpreis
ISBN Schattauer 978-3-7945-3125-7
ISBN Balance 978-3-86739-113-9
für die IPPNW
Von Menschen und Hunden:
Was Sie schon immer über
Musik wissen wollten
Was uns verbindet
In 12 Essays erfahren Sie, welch wichtige
Funktion Musik gerade heute in unserem
Leben einnimmt, weshalb die Stimme der
Spiegel der Seele ist und das Auge mithört.
Was macht die Musik mit uns?
Zwischen keinen Spezies ist die Beziehung
so „tierisch gut“ wie zwischen Mensch und
Hund. Wie kam es dazu? Die „Dienstleistun-
gen“ unseres besten Freundes wie Wachen,
Schützen, Schlitten ziehen, Menschenleben
retten, können dies nicht hinreichend erklären.
2015.
Ca. 208 Seiten, 20 Abb., kart. | Ca. € 19,99 (D) / € 20,60 (A)
ISBN Schattauer 978-3-7945-3129-5
ISBN Balance 978-3-86739-114-6
2015. Ca. 282 Seiten, 35 Abb., kart. | € 19,99 (D) / € 20,60 (A)
ISBN Schattauer 978-3-7945-3132-5
ISBN Balance 978-3-86739-111-5
Begrüße den Moment
Der mächtige innere Verführer
Thomas Bergner legt die Wurzeln der Gier
frei. Er beleuchtet ihre unterschiedlichen Spiel-
arten und zeigt, dass sie eine wesentliche
Antriebsfeder sowohl für das einzelne Indivi-
duum als auch für profitorientierte und sogar
soziale Institutionen ist.
Die Schulung der Achtsamkeit fördert die
bewusste Wahrnehmung von Gefühlen,
Handlungen und Gedanken und verbessert
damit die Emotionsregulation sowie die
Stresstoleranz.
2015.
336 Seiten, 8 Abb., 6 Tab., kart. | € 24,99 (D)/ € 25,70 (A)
ISBN Schattauer 978-3-7945-3152-3
ISBN Balance 978-3-86739-112-2
Bearbeitung von Juliane Stern | Geleitwort von Martin Bohus
2., überarb. Aufl. 2015. 228 Seiten, 12 Abb., kart., inkl. 7 Audio-
Dateien zum Download | € 19,99 (D)/ € 20,60 (A)
ISBN Schattauer 978-3-7945-3119-6
ISBN Balance 978-3-86739-110-8
www.schattauer.de/wissenundleben.html
Irrtum und Preisänderungen vorbehalten. Abb.: © Fotolia.de

Verena Kemmler; mit frdl. Gen. Von Julia liebinG

Nachgefragt

Woran forschen Sie gerade, Frau Liebing?

Weltweit sterben jährlich Millionen Mäuse in Laboren. Um das zu ändern, entwickelt die für ihr Forschungsprojekt mehrfach ausgezeichnete Biologin Julia liebing »lebendige« Mikrochips.

Biologin Julia liebing »lebendige« Mikrochips. JULI a LI e BIN g ist promovierte Biologin im Fachbereich

JULI a

LI e BIN g

ist promovierte Biologin im Fachbereich neurotoxikologie am Leibniz-institut für Arbeitsforschung in Dortmund.

homepage: www.ifado.de/profil/mitarbeiter/Liebing/index.php

Publikationen: sisnaiske, J. et al.: Micropatterning neuronal networks. In: Analyst 139, S. 3256–3264, 2014; sisnaiske, J. et al.: Acrylamide Alters neurotransmitter induced Calcium responses in Murine esC-Derived and Primary neurons. In: NeuroToxicology 43, S. 117–126, 2014

Gehirn&Geist

54 12_2015

ich arbeite an neuen Verfahren,

die dazu beitragen, tierversuche zu ersetzen. Mein per- sönliches Baby ist der so genannte Mäuse-Mikrochip oder fachlicher: der »network formation assay« (nFA). Das ist eine Methode, bei der wir im Prinzip einen winzigen Ausschnitt des nervensystems eines tiers nachbauen.

Wie muss man sich einen »lebendigen« Mikrochip vorstellen? Das ist ein zwei mal zwei Zentimeter großer Glas-Chip, der mit Molekülen bedruckt ist, an denen neurone wachsen können. Auf diesen Chip gebe ich dann die nervenzellen, die ich zuvor einer Maus entnommen habe. im Prinzip baue ich so einen winzigen Ausschnitt ihres nervensystems nach. Darauf träufle ich die sub- stanz, die getestet werden soll, und beobachte, ob und wie dies die Zellen beeinflusst.

Kann man das Verfahren wirklich mit tests am lebenden tier vergleichen? im Prinzip schon. Wir versuchen aktuell die Verläss- lichkeit der ergebnisse zu verbessern. Dazu arbeiten wir zunächst mit Modellsubstanzen. Von ihnen weiß man bereits, wie sie das Verhalten der nervenzellen bei Mäusen beeinflussen. Wenn die ergebnisse auf dem Mäuse-Mikrochip dann gleich ausfallen, können wir auch unbekannte stoffe testen. so weit sind wir aber noch nicht.

Müssen für die Mikrochips auch tiere sterben? Ohne das geht es leider noch nicht. Allerdings lassen sich an den Zellen einer getöteten Maus 50 bis 1000 Be- dingungen testen. Bei Lebendversuchen kann nur eine Bedingung pro tier erforscht werden. Das heißt: Für je- den test stirbt eine Maus oder eine ratte. Dagegen wä- ren mindestens 50 Versuche mit einer einzigen Maus schon ein großer erfolg. Zudem leiden die tiere in un- seren Versuchen nicht.

Wer profitiert alles von Ihren Mikrochips? es besteht ein enormer Bedarf, weil in der industrie jede substanz strenge Kontrollen bestehen muss, bevor sie auf den Markt kommt. es geht beispielsweise um Chemikalien zur herstellung von Pestiziden, Putzmit- teln, Kunststoffen, Farben, Lacken und natürlich Medi- kamenten. Auch die Kosmetikindustrie sucht hände- ringend nach alternativen testverfahren, weil tierversu- che in der eU zu diesem Zweck seit 2013 verboten sind.

In deutschen Laboren sterben jährlich rund zwei Millionen Nager. Wird das einmal ein ende haben? Wann und ob es jemals so weit sein wird, kann ich nicht absehen. ich bin jedoch davon überzeugt, dass ersatz- verfahren schon in näherer Zukunft die Zahl der getö- teten tiere deutlich senken werden. Besonders viel ver- sprechend sind Versuche mit stammzellen. Momentan arbeite ich mit Zellen, die aus einem Mäuseembryo stammen. Denkbar sind aber noch viele andere systeme, etwa menschliche Bindegewebszellen, die sich zu stammzellen umprogrammieren lassen. Dafür muss dann kein tier mehr sterben, weil sich stammzellen im Labor endlos teilen können.

auf welche hindernisse sind Sie bei der entwicklung des Mäuse-Mikrochips bislang gestoßen? Wenn man eine neue Methode etabliert, gibt es immer wieder Probleme. eine schwierigkeit ergab sich direkt zu Beginn der entwicklung des nFA. Anfangs hafteten die verschiedenen Zelltypen unterschiedlich gut. Die neurone sollten sich an vorgegebenen Punkten abset- zen. Wir wollten nicht sofort die Zellen von Mäusen verwenden, deshalb arbeiteten wir zunächst mit einer ähnlichen Zelllinie. erst als damit alles zuverlässig funk- tioniert hat, stiegen wir auf Mäuseneurone um. Leider verhielten sich diese dann allerdings ganz anders: Die ursprünglich verwendeten Zellen bildeten auch über die eigentlich zellabstoßende Oberfläche des Chips hin- weg Verbindungen. Die neurone der Maus konnten das wider erwarten nicht. Für sie mussten wir erst kleine Kanäle zwischen den Anheftungspunkten einfügen, über die dann Verbindungen entstehen konnten.

Wie kamen Sie dazu, ersatzverfahren für tierver- suche zu entwickeln?

so klischeehaft es klingen mag: aus tierliebe. nach dem Biologiestudium wollte ich eigentlich Verhaltensfor- scherin werden. Mir war damals aber nicht klar, dass mein ursprüngliches Wunschforschungsgebiet voraus- setzte, stunden- und tagelang zu beobachten, wie sich Affe, hund oder Maus verhalten. in der neurotoxiko- logie taucht man in eine völlig neue Welt ein: den Mi- krokosmos der Zellen. ich finde es faszinierend, das Verhalten von neuronen live unter dem Mikroskop zu

beobachten.

H

Die Fragen stellte »Gehirn&Geist«-Mitarbeiterin rabea rentschler.

einer getöteten Maus können Zellen für bis zu 1000 Chips entnommen werden.

2 bis 3 euro kostet ein speziell präparierter Bio-Mikrochip.

Auf rund 200 euro belaufen sich die Ausgaben für eine Versuchsmaus (inklusive der Kosten für Futter und Versorgung).

Gehirn&Geist

55 12_2015

Gerald von Foris

HirnforscHung

Wie hält sich der Geist am Körper fest?

NATURALISMUS Bewusstseinsphilosophen versuchen den Brückenschlag von der Physik zu unseren mentalen Zuständen. Doch das dahinterliegende dualistische Weltbild ist längst überholt.

Von

M A rkus

G A B riel

Weltbild ist längst überholt. Von M A rkus G A B riel Dieser Artikel ist ein

Dieser Artikel ist ein Auszug aus dem neuen Buch von Markus Gabriel: »ich ist nicht Gehirn: Philosophie des Geistes für das 21. Jahrhun­ dert«, das am 6. november 2015 bei ullstein erscheint.

I n der Philosophie des Geistes geht es ganz offen­ sichtlich um den Geist. Doch dies ist weniger selbstverständlich, als es auf den ersten Blick scheint. im letzten Jahrhundert entstand näm­ lich eine neuartige herangehensweise an die Philosophie des Geistes, die auf englisch so ge­

nannte »philosophy of mind«, paradigmatisch darge­ stellt in Bertrand russells Buch »Die Analyse des Geistes« von 1921. Das, was man auf Deutsch die »Philo­

sophie des Geistes« nennt, leitet sich heute auch im deutschen sprachraum bei vielen Autoren von der eng­ lischsprachigen Disziplin der »philosophy of mind« ab. Auf Deutsch wäre allerdings Bewusstseinsphilosophie eher eine zutreffende Übersetzung von »philosophy of mind«, die ich benutzen möchte, um diese neue rich­

tung von vorherigen Denkbewegungen unterscheiden zu können. Das problematische neue an diesem Ansatz liegt nicht so sehr im inhalt, sondern vielmehr darin, dass der Philosophie des Geistes nun in der bewusstseins­ philosophischen Ausrichtung die Aufgabe zugewiesen wird, die Antwort auf eine präzise gestellte Frage zu su­ chen: Was ist das Merkmal dafür, dass etwas ein men­ taler Zustand oder ein mentales ereignis ist? Diesem heute weitverbreiteten Verständnis zufolge soll die Phi­ losophie des Geistes zunächst ein »Merkmal des Men­ talen« (»mark of the mental«) erarbeiten. Das von den meisten akzeptierte Merkmal ist dabei das Bewusstsein, weshalb die Philosophie des Geistes sich allzu einseitig auf ein einziges Vermögen des menschlichen Geistes, das Bewusstsein, konzentriert hat. Die genannte Frage nach dem Merkmal des Men­ talen ergibt sich vor dem hintergrund der modernen Annahme, dass vieles von demjenigen, was wir einmal für geistig gehalten haben mögen, sich als rein natürlich herausgestellt hat. hier drängt sich wieder einmal der moderne kampf gegen den Aberglauben auf: Während

einmal der moderne kampf gegen den Aberglauben auf: Während d e r A u t o

d e r

A u t o r

Markus Gabriel ist Professor für erkenntnis­ theorie und Philosophie der neuzeit an der universität Bonn und Direktor des dortigen internationalen Zentrums für Philosophie. Mit 29 Jahren wurde er jüngster Philosophie­ professor Deutschlands.

Gehirn&Geist

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man einmal glauben mochte, dass die himmelskörper sich in regelmäßigen Bahnen und konstellationen dre­ hen, um uns Botschaften der Götter zu übermitteln, ha­ ben wir in der Moderne endgültig erkannt, dass das universum keine solchen Botschaften an uns enthält. Die regelmäßigen Bewegungen der himmelskörper las­ sen sich mechanisch erklären, hinter ihnen verbirgt sich weder Absicht noch Geist irgendeiner sonstigen Art. Der Geist wurde dieser Auffassung folgend immer weiter aus dem universum oder der natur verbannt, was manche mit der säkularisierung verbinden, also mit dem vermeintlich die Moderne kennzeichnenden Verschwinden der religion zu Gunsten nichtreligiöser, vor allem naturwissenschaftlicher erklärungen. Aller­ dings stellt sich hier die Frage, ob wir überhaupt krite­ rien dafür haben, dass etwas als geistig beziehungsweise als mental gelten kann und unter welchen Bedingungen eine religiöse und eine naturwissenschaftliche erklä­ rung eigentlich unvereinbar sein sollen.

die naturgesetze lehren, dass nur Materielles kausal in die natur eingreifen kann

Der erste kontrast, der sich bei der modernen Argu­ mentationsweise aufdrängt, ist derjenige von natur und Geist. russell setzt gleich damit ein, dass wir genau die­ sen kontrast nicht verwenden sollten, da sich ansonsten der von beinahe allen gefürchtete und verschmähte Du­ alismus aufdrängt. Der Dualismus steht für die These, dass das universum aus zweierlei Arten von Gegenstän­ den beziehungsweise ereignissen besteht: geistigen und natürlichen. Dies halten die meisten heutigen Bewusst­ seinsphilosophen deswegen für unvertretbar, weil man dann unterstellen müsste, dass geistige ereignisse ir­ gendwie ins räderwerk der energieerhaltung und ener­ gietransformation der rein natürlichen Vorgänge ein­ greifen müssten. Die naturgesetze, die uns lehren, wie energieerhaltung und energietransformation funktio­ nieren, sagen uns nichts darüber, dass es einen Geist gibt, der kausal ins Geschehen eingreift. Vielmehr lässt sich alles, was rein natürlich vonstattengeht, anschei­ nend ohne den Geist erklären, da uns die naturgesetze lehren, dass nichts kausal in ein Geschehen eingreifen kann, das selber nicht über energie verfügt und damit materiell ist. All dies gilt nur, wenn man annimmt, der Geist selber sei nichts Materielles. Denn wäre er es, könnte er dieser logik zufolge ins kausale Geschehen eingreifen. Deswegen sucht man ihn am liebsten im Ge­ hirn, weil wir ohne dieses in der tat kein bewusstes innenleben, also kein Bewusstsein hätten, was die Be­ wusstseinsphilosophie letztlich für das Merkmal des Mentalen hält. nehmen wir an, Yonca möchte kaffee trinken. sie geht in die küche und stellt die kaffeemaschine an. Aus physikalischer Perspektive sollte man jetzt nicht anneh­ men, dass sich irgendwo in Yoncas körper eine lebens­ kraft, eine seele oder ein Geist ausbreitet und ihren

Auf einen Blick:

Wider den dualistischen Graben

1 Was kennzeichnet mentale Vorgänge? so lautet

eine zentrale Frage der Philosophie des Geistes –

doch sie beruht auf einer falschen Voraussetzung:

der trennung von Geist und natur.

2 Denn auch dann müssten geistige Vorgänge in natürliche Prozesse eingreifen können. Das ist aber laut naturgesetzen nicht möglich, sofern man

annimmt, dass der Geist selbst nicht materiell ist.

3 Die Prämisse vernachlässigt außerdem jene philoso­ phische tradition, die den Geist nicht allein als subjektives bewusstes erleben versteht, sondern als

eine tätigkeit: sich ein Bild von sich und der Welt zu formen.

körper in die küche steuert. Gäbe es so etwas, hätte man seine Wechselwirkung mit dem körper längst nachgewiesen, da auch ein solcher Geist nur dann in die natur eingreifen kann, wenn er dies den naturgesetzen gemäß tut. Das bedeutet, dass energie investiert werden würde, was sich messen ließe. Daher sieht es jetzt so aus, als ob Yoncas anscheinender Wille, kaffee zu trinken, irgendwo im räderwerk der natur gesucht werden müsse. Da man dort jedoch keine seele, aber wohl ein Gehirn gefunden hat, wird nun danach gefragt, wie sich Gehirn und Geist zueinander verhalten. in diesem kon­ text spricht man von der kausalen beziehungsweise no­ mologischen Geschlossenheit der natur, die mit sich bringt, dass rein natürliche Vorgänge niemals von rein geistigen Vorgängen beeinträchtigt werden können. Dies gilt jedenfalls so lange, als man den Geist von der natur dadurch unterscheiden möchte, dass man ihn für eine nichtmaterielle substanz, einen rein geistigen trä­ ger von Gedanken versteht. in diesem rahmen hat der us­amerikanische Be­ wusstseinsphilosoph Jaegwon kim (* 1934) etwas spöt­ tisch gefragt, ob ein sozusagen beinahe immaterieller Geist nicht doch irgendwie kausal mit unserem körper zusammenhängen könnte. Dann stelle sich aber die Frage, wie es der Geist schaffe, dem körper bei hoher Geschwindigkeit noch hinterherzukommen. Wie zum Beispiel beschleunigt der Geist, wenn ein Astronaut ins All geschickt wird? kann man das physikalisch messen, oder wie stellt man sich das vor? könnte unser körper vor unserem Geist davonlaufen, wenn er nur schnell ge­ nug wäre, oder hält sich der Geist irgendwo am körper fest, etwa an der Zirbeldrüse des Gehirns, wie rené De­ scartes, der urgroßvater der Bewusstseinsphilosophie, meinte?

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Könnte unser Körper vor unserem Geist davonlaufen, wenn er nur schnell genug wäre, oder hält sich der Geist irgendwo am Körper fest, etwa an der Zirbeldrüse des Gehirns, wie René Descartes, der Urgroß­ vater der Bewusst­ seinsphilosophie, meinte?

Mit alledem haben wir aber bereits viel zu viel akzep­ tiert, was uns zu weiteren unlösbaren Problemen führt. insbesondere haben wir der Vorannahme zugestimmt, dass es mit der rein natürlichen Wirklichkeit genau ei­ nen Gegenstandsbereich gibt, in dem alles stattfindet, was man mit naturwissenschaftlicher exaktheit und objektivität erfassen, beschreiben und erklären kann. Diesen Bereich der physikalischen Wirklichkeit be­ zeichne ich als das universum. so weit, so gut. Doch wie steht es mit der Psycholo­ gie? untersucht diese nicht etwa den menschlichen Geist mit hilfe von experimenten und damit auch mit naturwissenschaftlicher exaktheit und objektivität? Wenn dies so ist, dann muss der Geist aber zum univer­ sum gehören. Dann bricht der in Anspruch genom­ mene kontrast von natur und Geist schnell in sich zu­ sammen. es ist zwar richtig, dass wir den Geist nicht im uni­ versum finden. Doch daraus folgt nicht, dass es ihn nicht gibt! Dies folgt nur dann, wenn wir ein Bild vom universum als dem einzigen Bereich des existierenden, als die einzige und wahre Wirklichkeit haben. Doch ein solches Weltbild ist jedenfalls nicht mehr naturwissen­ schaftlich beziehungsweise physikalisch belegbar, son­ dern ein reiner Glaubensartikel, für den man allenfalls noch philosophisch argumentieren kann. Doch auch auf diesem Gebiet scheitert die Annahme, es gebe nur einen einzigen Gesamtbereich dessen, was wirklich existiert.

es sieht für naturalisten an dieser stelle so aus, als müsste man den Geist insgesamt wegerklären, was man als Theoriereduktionismus bezeichnet, um auf diese Weise das skizzierte Problem einfach aus der Welt zu schaffen. Damit wird die These bezeichnet, dass wir jede Theorie, die geistige Vorgänge in Anspruch nimmt, in eine Theorie überführen sollten, in der das Wort »Geist« nicht mehr vorkommt. in der Frühgeschichte dieses unternehmens blühte etwa der Behaviorismus (aus dem englischen: »behavior« = »Verhalten«) auf, der alle Aussagen über geistige Vorgänge in Aussagen über beobachtbares, letztlich physikalisches, messbares Verhalten übersetzen wollte. schmerzen zu haben, hie­ ße dann lediglich, schmerzverhalten an den tag zu le­ gen. Die Annahme, es gebe überhaupt noch geistige Vorgänge, sieht wie ein Überbleibsel vormodernen Aberglaubens aus – wenn man den Geist im universum sucht und dieses für die einzige, für die wahre Wirklich­ keit hält. Die »philosophy of mind« beschäftigt sich also pri­ mär mit der Frage, wie sich geistige Vorgänge bezie­ hungsweise besser gesagt: mentale Zustände und ereig­ nisse im rein natürlichen universum unterbringen las­ sen. Damit wird allerdings vorausgesetzt, dass wir einen standard­ oder Ausgangsbegriff von Wirklichkeit ak­ zeptieren sollten: physikalische Wirklichkeit. Dieser steht dann die mentale Wirklichkeit schon per Definiti­ on gegenüber, sodass man sich nun fragt, wie man die­ sen Graben irgendwie überbrücken oder beseitigen kann.

die eine Wirklichkeit gibt es nicht

Geben wir dieser gesamten Fragestellung einen namen:

naturalistische Metaphysik. Die Metaphysik ist eine Theorie der einheit der Wirklichkeit im Ganzen, was man auch »die Welt« nennt. sie beschäftigt sich mit allem, mit dem allergrößten Ganzen, dem Weltall. iden­ tifiziert man nun das Weltall mit der natur, meint man, alles, was es überhaupt wirklich gibt, müsse natürlich sein. Diese Ansicht wird häufig mit naturalismus ge­ paart, das heißt, sie wird an die These gebunden, dass es eigentlich nur rein natürliches gibt, das die naturwis­ senschaften erforschen können. Dadurch ergibt sich dann eine naturalistische Metaphysik. Wohlgemerkt ist diese weder ein gesichertes Forschungsergebnis ir­ gendeiner einzelnen naturwissenschaft oder gar aller naturwissenschaften zusammen, noch ist sie eine Vo­ raussetzung physikalischer Forschung. Vielmehr ist sie eine philosophische Theorie darüber, wie die Welt im Ganzen beschaffen ist. Die naturalistische Metaphysik wird schon seit ge­ raumer Zeit von Philosophen als ziemlich haltlos ange­ sehen. in meinem Buch »Warum es die Welt nicht gibt« (siehe »literaturtipp«, s. 60) habe ich gegen metaphy­ sische Weltbilder insgesamt argumentiert, die meinen,

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HirnforscHung

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nAturAlisMus

g loss A r

einer verbreiteten Auffassung zufolge soll die Philosophie des geistes eine Frage beantworten:

Was ist das Merkmal dafür, dass etwas ein men­ taler Zustand oder ein mentales ereignis ist? Das von den meisten akzeptierte Merkmal ist das Bewusstsein. Auf Deutsch wäre deshalb Bewusst- seinsphilosophie eine zutreffende Übersetzung für »philosophy of mind«.

Den dualismus halten die meisten heutigen Be­ wusstseinsphilosophen für unvertretbar, weil man dann unterstellen müsste, geistige ereignisse griffen irgendwie ins räderwerk der rein natürlichen Vorgänge ein. Vielmehr lässt sich alles, was rein natürlich vonstattengeht, anscheinend ohne den Geist erklären.

Die Metaphysik ist eine Theorie der einheit der Wirklichkeit im Ganzen, was man auch »die Welt« nennt. Der naturalismus beruht auf der These, dass es nur rein natürliches gibt, das die naturwissen­ schaften erforschen können. Dadurch ergibt sich eine naturalistische Metaphysik – eine philoso­ phische Theorie darüber, wie die Welt im Ganzen beschaffen ist.

Die Hermeneutik (aus dem Altgriechischen:

»hermeneia« = Verstehen) nahm im 20. Jahrhundert an, die Geisteswissenschaften untersuchten nur dasjenige, was man verstehen kann, während die naturwissenschaften nicht verstehen, sondern erklären wollten.

dass es überhaupt nur eine einzige Wirklichkeit gibt, egal, ob man diese nun mit dem universum gleichsetzt oder nicht. Der Prämissenrahmen der handelsüblichen »philosophy of mind« ist demnach mindestens nicht ohne Alternative, viele halten ihn für unbegründet, ich halte ihn sogar für falsch. Das erste Problem ist, dass die naturalistische Meta­ physik einen völlig überzogenen und wohl auch veral­ teten naturbegriff in Anspruch nimmt. Denn dass es genau ein universum gibt, das sich im besten Fall mit einer vereinheitlichten Physik im sinne einer »Theorie von allem« (»theory of everything«) vollständig erklä­ ren ließe, erscheint derzeit auch vom standpunkt der naturwissenschaften aus extrem utopisch. Die natura­ listische Metaphysik entstand in Zeiten, in denen es so aussah, als ob zunächst newton und dann newton und einstein hinreichen würden, um uns ein prinzipiell vollständiges Bild des universums in der sprache der Mathematik zu liefern. seit der Quantenphysik klingt

das nicht mehr allzu plausibel, und der in diesen tagen im raum stehende kandidat für die einheitsphysik, nämlich die stringtheorie mit ihren vielen spielarten, scheint sich überhaupt nicht experimentell belegen zu lassen. kurzum: Wir befinden uns gar nicht mehr auch nur annähernd in der lage anzugeben, wie man eigent­ lich das universum im Ganzen mittels experimentell abgestützter naturwissenschaft erforschen könnte. Das zweite Problem der handelsüblichen »philoso­ phy of mind« ist, dass es in ihr nicht um den Geist geht, sondern um »mind«. Damit hat man schon den größten teil derjenigen philosophischen tradition ausgeschlos­ sen, die gar nicht meint, dass der Geist ein subjektives Phänomen von der Art des bewussten erlebens sei. Auf Deutsch spricht man beispielweise vom Zeitgeist. hegel führt den objektiven Geist ein und meint damit, dass ein straßenschild geistig in dem sinn ist, dass es Aus­ druck einer Absicht ist, öffentlich anerkannte regeln für menschliches Verhalten festzulegen. traditionell ver­ bindet man auch Geist und sprache. ist sprache aber etwa rein subjektiv? Auch texte, die aus der Vergangen­ heit überliefert sind, können uns einen eindruck in ei­ nen Geist vermitteln, der so nicht mehr existiert, der aber dennoch einmal eine Wirklichkeit war. Der Bon­ ner Philosoph Wolfram hogrebe (* 1945) bringt dies in einem Aphorismus auf den Punkt: »Geist ist außen, bricht aber innen durch.« Der Begriff des Geistes führte ende des 19. Jahrhun­ derts zur einführung des Ausdrucks »Geisteswissen­ schaften«. Damit wurden allerdings auch falsche entge­ gensetzungen nahegelegt. so meinte man etwa, es gebe auf der einen seite natur­ und auf der anderen seite Geisteswissenschaften. Die so genannte hermeneutik (aus dem Altgriechischen: »hermeneia« = Verstehen) nahm im 20. Jahrhundert an, die Geisteswissenschaften untersuchten nur dasjenige, was man verstehen kann, während die naturwissenschaften nicht verstehen, son­ dern erklären wollten. in diesem sinn schrieb der große heidelberger hermeneutiker hans­Georg Gadamer (1900–2002), es ginge in den Geisteswissenschaften um sprache, und bei dieser handele es sich um »sein, das verstanden werden kann«.

Es ist zwar richtig, dass wir den Geist nicht im Universum finden. Doch daraus folgt nicht, dass es ihn nicht gibt!

Gehirn&Geist

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HirnforscHung

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nAturAlisMus

Wir befinden uns nicht annähernd in der Lage anzugeben, wie man eigentlich das Universum im Ganzen mittels experimentell abgestützter Naturwis­ senschaft erforschen könnte

Werden natur­ und Geisteswissenschaften entgegen­ gesetzt, wird damit implizit akzeptiert, dass es genau eine Wirklichkeit gibt, die eigentlich nur von den na­ turwissenschaften untersucht wird. Die Geisteswissen­ schaften seien dann mit Vorgängen befasst, die irgend­ wie nicht genauso wirklich sind wie diejenigen, für welche die »harten Wissenschaften« (»hard science«) zuständig seien. Das ist höchst problematisch. Allerdings kommt es in der Gegenwartsphilosophie schon seit einiger Zeit zu einer renaissance des manch­ mal sogenannten Deutschen idealismus, das heißt der großen philosophischen systeme, die mit kant begin­ nen und bis in die erste hälfte des 19. Jahrhunderts hi­ nein entwickelt wurden. Dies führt zu einer Aufwer­ tung der Geisteswissenschaften beziehungsweise der Philosophie als Wissenschaft zur Deutung der Wirk­ lichkeit. Vor allem hegel, in dessen Philosophie der Ausdruck »Geist« im Zentrum steht, spielt in diesem

Zusammenhang heute wieder eine große rolle. Auch liefert er uns dabei noch lange nicht ausgeschöpfte ein­ sichten über den Zusammenhang von »natur« und »Geist«. Vor allem hat er aber eine ziemlich plausible Version der idee vorgeschlagen, dass der menschliche Geist darin besteht, sich ein Bild von sich selbst und sei­ ner stellung in einer Wirklichkeit zu machen, die weit über ihn hinausgeht. hegel drückt dies so aus: »Der Geist ist nur, wozu er sich macht; er ist tätigkeit, sich zu produzieren, sich zu erfassen.« Damit greift er einige Grundideen kants und Fichtes auf, die beide auch in der gegenwärtigen ethik und praktischen Philosophie aktuell sind. setzt man den Begriff »mind« ins Zentrum und versteht die Philo­ sophie des Geistes lediglich als »philosophy of mind« im handelsüblichen sinn, hat man diese gesamte tradi­ tion ausgeklammert. Das bedeutet, man spricht nicht mehr ohne Weiteres von demjenigen, was auf Deutsch »Geist« und etwa auf Französisch »esprit« heißt, um ein weiteres Beispiel neben dem englischen und dem Deut­ schen herauszugreifen. Wenn ich von Philosophie des Geistes spreche, schließt dies die tradition der Philosophie von Platon bis sartre und darüber hinaus ein. Auch schließt es die »philosophy of mind« nicht aus, sofern sich deren Über­ legungen als anschlussfähig für die Frage erweisen, wer oder was der menschliche Geist eigentlich ist. Wenn aber – wie in der »philosophy of mind« üblich – voraus­ gesetzt wird, dass wir lediglich beantworten sollten, wie das subjektive Phänomen unseres mentalen innenle­ bens in die anonyme, blinde, unbewusste und absichts­ lose natur passt, deren regelmäßigkeiten sich natur­ wissenschaftlich beschreiben lassen, ist die Fragestel­ lung bereits verfehlt. Denn man hat dann ein obsoletes naturwissenschaftliches Weltbild als Prämissenrahmen festgelegt. Dieses Dogma gilt es an erster stelle zu durchbrechen, wenn es darum geht, eine Philosophie des Geistes für das 21. Jahrhundert zu entwickeln. H

l iter A turti P P

Gabriel, M.: Warum es die Welt nicht gibt. Ullstein, Berlin 2013 Hintersinnige Argumentation gegen die These, das menschliche Denken habe keinen Zugang zu den Dingen »an sich« (siehe auch die Rezension in Gehirn&Geist 3/2014, S. 86)

Quellen

Gadamer, h.­G.: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen hermeneutik. Mohr Siebeck, Tübingen 1990

hegel, G. W. F.: Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte. Meiner, Hamburg 2013

hogrebe, W.: riskante lebensnähe. Die szenische existenz des Menschen. Akademie, Berlin 2009

russell, B.: Die Analyse des Geistes. Meiner, Hamburg 2004

W e B t i P P

»Der Sinn des Ganzen«: Antrittsvorlesung von Markus Gabriel 2010 als Deutschlands jüngster Philosophieprofessor:

https://www.youtube.com/watch?v=6MeMCMA38_w

Gehirn&Geist

60 12_2015

iStock / Juanmonino

HirnforscHung

Die Lust auskosten
Die Lust
auskosten

NEUROGASTRONOMIE nahrung kann man rational betrachten:

Kalorien zählen und nährwerte analysieren. Oder einfach genießen. ein Gespräch mit dem Lustforscher Morten Kringelbach.

Gehirn&Geist

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Helene Sandberg

Helene Sandberg Morten L. Kringelbach (Jahrgang 1970) erforscht die neurophysiologie von Lust und Genuss. sein »hedonia

Morten L. Kringelbach (Jahrgang 1970) erforscht die neurophysiologie von Lust und Genuss. sein »hedonia team« arbeitet an zwei standorten: der britischen University of Oxford, wo Kringelbach im Bereich Psychiatrie forscht, und der Universität Aarhus in Dänemark, wo er als Professor für neurowissenschaft lehrt. Kringelbach hat 14 Bücher veröffentlicht – darunter das standardwerk »Pleasures of the Brain« – und engagiert sich für das »empathy Museum«, ein Projekt zur Förderung von Verständnis und Mitmenschlichkeit (www.empathymuseum.com).

Herr Professor Kringelbach,

sind sie ein glücklicher Mensch? ich bin ein ziemlich glücklicher Mensch, ja – ich fühle mich privilegiert, dass ich das machen kann, was ich wirklich machen will …

nicht auch wegen ihres konkreten forschungs­ themas? schließlich befassen sie sich permanent mit freude und genuss. O ja. (Lacht.) Allerdings liegt der Zusammenhang von Genuss und Freude mit Glück nicht so ganz auf der hand. Man kann das auf vielfältige Weise betrachten, aber ich halte mich an Aristoteles. er unterschied hedo­ nie und eudaimonie. Das eine lässt sich grob mit Ver­ gnügen oder Lust übersetzen. Das zweite bedeutet dage­ gen so etwas wie umfassendes Wohlergehen und sinn­ erfüllung – das ist das tiefere und wichtigere Ziel, für Forscher aber schwer zu handhaben. Denn wie misst man so etwas wie Lebenssinn?

Die gehirn&geist­serie »Psyche und Ernährung« im Überblick:

teil 1:

Wie Hunger und sattheit entstehen / infografik:

teil 2:

Energie für die grauen Zellen (gehirn&geist 11/2015) Die Lust am Essen (s. 61)

teil 3:

Die Biologie der Magersucht (gehirn&geist 1/2016)

teil 4:

gehirn und Übergewicht / Wie sie ihr Essverhalten besser steuern (gehirn&geist 2/2016)

Also haben sie sich erst mal der Hedonie zugewandt. Genau. Vergnügen und Genuss – das Deutsche ist da übrigens etwas kompliziert, im englischen geht es im­ mer nur um »pleasure« – kann man in experimenten ziemlich einfach erzeugen. Zum Beispiel wenn Proban­ den etwas lecker finden. Und das steht durchaus in Be­ zug zur eudaimonie. Zwar gibt es keine belastbaren Be­ lege dafür, dass solche kurzen Genüsse, selbst in großer Zahl, uns zu glücklichen Menschen machen. Was studi­ en aber klar gezeigt haben, ist ein Zusammenhang zwi­ schen Anhedonie, also dem Fehlen von Genuss und Freude, und dem Unglücklichsein. Wenn wir besser verstehen, wie Genuss im Gehirn entsteht, sollte es also möglich werden, Anhedonie zu lindern und damit Menschen aus dem Unglück zu helfen.

Kann man den genuss beim Essen neurobiologisch von anderen Lüsten unterscheiden? Alles spricht dafür, dass es im Gehirn nur ein einziges Lustsystem gibt. Dieses kann aber über verschiedene Kanäle aktiviert werden, also durch verschiedene Dinge, die uns Genuss verschaffen, ob das nun essen ist, Musik, sex oder irgendetwas anderes.

Wie läuft das genau ab? Betrachten wir die zeitliche Abfolge. heute habe ich noch nicht zu Abend gegessen, obwohl es langsam Zeit wäre. Deshalb sendet mir mein Magen gewisse signale, und meine Aufmerksamkeit richtet sich zunehmend auf die Frage, wo ich meine nächste Mahlzeit herbe­

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komme. Das könnte man als Mangelzustand bezeich­ nen. Als moderne europäer sind wir nun in der glück­ lichen Lage, ziemlich schnell und einfach an essbares zu kommen. Wenn wir dann zulangen, gibt es Mo­ mente der Lust, in denen wir das essen sehr genießen – besonders zu Beginn, die ersten Bissen sind normaler­ weise die besten. Dann ist irgendwann der Appetit ge­ stillt, und man kann sich wieder anderen Dingen zuwenden. Man würde denken, das passiert, wenn der Magen voll ist. Aber so einfach ist es nicht. Zum Beispiel kann man sich am hauptgang komplett satt gegessen haben, und trotzdem ist noch Platz für das leckere scho­ kodessert. Dieses Phänomen der selektiven sättigung habe ich für meine Forschung genutzt.

Wie das? Wir schoben hungrige Leute in den scanner. Da man im tomografen schlecht feste nahrung verabreichen kann, wichen wir auf kalorienhaltige Getränke aus. Wir stellten sicher, dass alle teilnehmer sowohl schoko­ milch als auch tomatensaft mochten. sie übten, die Getränke im Liegen anzusaugen, im Mund zu behalten und schließlich zu schlucken, ohne zu husten. im scan­ ner gaben wir ihnen dann beide Getränke abwechselnd. Dazwischen bekamen sie jeweils etwas geschmacks­ neutrale Lösung, um den Mund zu spülen. Und jedes Mal fragten wir, wie gut es schmeckt, auf einer skala von minus zwei bis plus zwei.

Was kam dabei heraus? Die durchschnittliche Wertung lag etwa bei plus eins, und es gab keinen signifikanten Unterschied zwischen beiden Getränken. Dann aber durfte sich die eine hälf­ te der Versuchsteilnehmer an tomatensaft richtig satt trinken, die andere hälfte an schokomilch. Wir baten die Probanden, so viel wie irgend möglich davon zu trinken, und wenn sie das getan hatten, sagten wir:

trinkt doch noch ein bisschen … Danach legten wir sie

Kur Z

E r K L ä r T :

g E s c HMA c K s WA H r n EHM ung

Der eigentliche Geschmackssinn beruht auf rezep­ toren in der Mundhöhle, die allerdings nur wenige Grundgeschmacksrichtungen unterscheiden können: süß, sauer, salzig, bitter, umami (würzig) und vermutlich fettig. Daneben sind die Geruchs­ rezeptoren des nasenraums für die Geschmacks­ wahrnehmung entscheidend. sie nehmen gas­ förmige Aromastoffe wahr, die über den Mund­ und rachenraum dorthin gelangen. ist dieses »retro­ nasale riechen« blockiert, etwa durch einen starken schnupfen, schmeckt alles fad. Aber auch alle übrigen sinne sowie unsere erwartungen spielen für den Gesamteindruck des essens eine rolle.

wieder in den scanner und wiederholten den beschrie­ benen Ablauf. Diejenigen, die zuvor jede Menge toma­ tensaft getrunken hatten, bewerteten diesen jetzt im schnitt mit minus 0,5. Die schokomilch schnitt dage­ gen sogar noch etwas besser ab als zuvor. in der anderen Gruppe war es genau umgekehrt.

und was passierte im gehirn der Probanden? Zunächst einmal verglichen wir die hirnaktivität beim Verzehr von tomatensaft oder schokomilch versus neu­ trale Lösung – so konnten wir erkennen, wie der Ge­ schmackseindruck entsteht: Ausgehend von den rezep­ toren im Mund gibt es signale im primären Geschmacks­ kortex in der inselrinde, und ausgehend von den rezeptoren in der nase entsteht Aktivität im so genann­ ten riechhirn und in anderen Arealen, unter anderem im orbitofrontalen Kortex (siehe auch »Kurz erklärt«, unten, Anm. d. Red.). hinzu kommt noch die somato­ sensorische Komponente, bedingt durch die leicht un­ terschiedliche Konsistenz der Flüssigkeiten. Diese in­ formation erreicht schließlich ebenfalls den orbitofron­ talen Kortex. Das sind also die Bereiche, die die nahrung identifizieren, jedenfalls in unserem Versuch. im Allge­ meinen sind ja noch mehr sinne beteiligt: Wir sehen das essen, fassen es an, hören es womöglich, wenn wir zu­ beißen. Das alles beeinflusst unser Geschmackserlebnis. Wie sehr, können sie dank der so genannten Molekular­ küche erleben, die mittels physikalisch­chemischer Ver­ fahren das Aussehen und die Konsistenz von speisen bis zur Unkenntlichkeit manipuliert. Dadurch werden völlig neue Geschmackseindrücke erschaffen.

und der genuss? Den fanden wir, indem wir die hirnaktivität des ersten und zweiten Durchgangs verglichen. Wir mussten ja nur schauen, wo sich Unterschiede ergaben, als die Pro­ banden das eine der beiden Getränke gründlich satthat­ ten. Und das war in einem kleinen Bereich des Orbito­ frontalkortex der Fall, ungefähr zwei Zentimeter über dem linken Augapfel.

Bedeutet das, dass da unser Lustzentrum sitzt? Wir wissen nicht, ob es das einzige relevante Areal ist – andere studien weisen auch auf andere regionen hin, etwa das ventrale Pallidum und den nucleus accum­ bens, zwei tiefer liegende strukturen, die zu den Basal­ ganglien zählen. Aber jedenfalls ist der Orbitofrontal­ kortex ein wichtiger teil des netzwerks, in dem das sub­ jektive Genusserlebnis entsteht, egal worum es sich handelt: Dass hier die Aktivität etwa auch bei Frauen in die höhe schießt, die gerade einen Orgasmus haben, konnte ich mit einem Kollegen in holland zeigen.

Verspüren auch Tiere Lust am Essen? nun, zumindest können sie es nicht so wie Menschen einander mitteilen, wenn sie etwas genießen. Meine

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/ cc0 (creativecommonS.org/publicdomain/zero/1.0/legalcode) geteilter genuss ist doppelter genuss – auch beim Essen.

geteilter genuss ist doppelter genuss – auch beim Essen.

Frau ist Französin, und wann immer man in Frankreich gemeinsam isst, spricht man mindestens die hälfte der Zeit über das essen: das essen, das man gerade isst, das man gerade gegessen hat oder gleich essen wird. Diese soziale Komponente und das bewusste erleben des Ge­ nusses sind natürlich typisch menschlich. Aber ande­ rerseits scheint es so, dass zumindest säugetiere nicht nur triebhaftes Verlangen nach bestimmten Dingen empfinden, sondern diese auch besonders mögen und genießen können. Wir können tiere zwar nicht fragen. Aber muss deshalb ihre unbewusste empfindung anders sein? immerhin wissen wir, dass die Gehirne aller säu­ getiere in etwa dieselben systeme aufweisen, auch was das Lustsystem anbelangt.

sie sprechen vom Lustsystem – ist das dasselbe wie das altbekannte, vom neurotransmitter Dopamin regulierte Belohnungssystem? Da muss man differenzieren. Dopamin hat seine Bedeu­ tung vorwiegend für die Phase des Verlangens, wenn eine mögliche Belohnung unsere Aufmerksamkeit er­ regt und für uns erstrebenswert wird. Daran schließt ge­ gebenenfalls die Phase des Genießens an, bis wir dann irgendwann genug haben und die sattheitsphase be­ ginnt. Zum Lustsystem, das ich meine, gehören alle neu­

ronalen schaltkreise und Botenstoffe, die in den ver­ schiedenen Phasen die genannten Funktionen erfüllen.

Wenn wir unser alltägliches Essverhalten betrachten, scheint der genuss oft nebensächlich zu sein. Leider regiert meist die Gewohnheit. Das fängt damit an, dass wir unsere Mahlzeiten normalerweise mit Blick auf die Uhr einnehmen, weil wir erwarten, dass wir bald hungrig sein werden. echten hunger kennt in un­ serer Wohlstandsgesellschaft kaum jemand. Dem Ge­ nuss kommt es aber zugute, wenn man beim essen hungrig ist. Dafür sorgt etwa das hungerhormon Ore­ xin, das vermutlich das Lustsystem stimuliert. ein an­ derer Punkt betrifft die Auswahl der nahrung. neues auszuprobieren, birgt die Gefahr, dass es uns nicht bekommt oder sogar krank macht. in der Menschheits­ geschichte war es vermutlich ein Überlebensvorteil, sich eher für die langweilige, sichere Alternative zu ent­ scheiden, auch wenn neues potenziell mehr Genuss bringen könnte.

Was empfehlen sie denn, um die Lust am Essen zu steigern? Achten sie ganz bewusst darauf, was sie essen! Je größer die Aufmerksamkeit, desto größer und länger der Ge­ nuss. eine ganze reihe von studien legen übrigens nahe, dass »achtsames essen« auch beim Abnehmen hilft:

Wenn wir aufmerksamer essen, essen wir weniger. Zu­ dem hilft Achtsamkeit uns, den Geschmack zu schulen. Wir lernen also, differenzierter wahrzunehmen. Wie viele verschiedene Aromen können Kenner etwa bei Wein unterscheiden! Das zu trainieren und dadurch besser zu verstehen, was bestimmte sensorische Quali­ täten ausmacht, steigert wiederum den Genuss.

Vorhin haben wir schon das Thema Tischgespräch gestreift. Kann es den genuss auch steigern, wenn man während der Mahlzeit übers Essen redet? Das denke ich. Aber noch viel wichtiger als das konkre­ te tischgesprächsthema ist die Gemeinschaft an sich:

Andere Menschen sind ein genereller schlüsselfaktor für unser Vergnügen und Wohlbefinden, vermutlich der wichtigste von allen. eine Mahlzeit gemeinsam mit anderen einzunehmen, ist wesentlich genussvoller – oder kann das zumindest sein –, als es allein zu tun.

und am besten oft neues ausprobieren? Ja! ich habe deshalb für mich die regel, im restaurant niemals mein top­Lieblingsgericht unter den angebote­ nen speisen zu bestellen. Und natürlich sollten wir Fast­ food meiden und lieber die Langsamkeit zur tugend machen. in Deutschland hat der Autor sten nadolny mit seinem roman »Die entdeckung der Langsamkeit« meines Wissens eine richtige Bewegung pro Langsam­ keit hervorgerufen. Auch dessen held, ein englischer Polarforscher, steht mit seiner Langsamkeit quer zur

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schnelllebigkeit der Zeit – und triumphiert doch am schluss. Das ist ein gutes Vorbild.

Wieso steigert es den genuss, wenn wir langsam und achtsam essen? Auch das hängt mit der Funktionsweise des Gehirns zu­ sammen. Grundsätzlich gibt es zweierlei Arten von Pro­ zessen: sehr schnelle, die das Überleben sichern – etwa, wenn unsere Vorfahren plötzlich einem säbelzahntiger gegenüberstanden und schnellstmöglich fliehen muss­ ten. Und es gibt langsamere Prozesse. sie erlauben uns, in ruhe über Dinge nachzudenken, sie zu genießen und auszukosten. Je mehr wir diesen Vorgängen unsere Auf­ merksamkeit widmen, desto größer der Genuss.

Brauchen wir eine Art neurogastronomie – also eine Art neurobiologisch fundierte genussoptimierung? Die gibt es bereits! Gordon shepherd, ein guter Freund, hat ein Buch »neurogastronomie« geschrieben, und ich selbst habe dieses Jahr ein Paper veröffentlicht, das im Wesentlichen einen Aufruf in dieser richtung darstellt, nach dem Motto: in der Küche habt ihr so viele ideen, wie ihr Leuten Genuss bereiten könnt – warum finden wir nicht gemeinsam heraus, was beim essen im Gehirn vor sich geht und wie wir die Lust daran noch steigern können? ich möchte mit Köchen zusammenarbeiten, um ihre intuitionen mit Wissenschaft zu unterfüttern und dann etwas noch Besseres daraus zu machen. Au­ ßerdem wollen wir eine Kollaboration zum Thema Kaf­ feegenuss ins Leben rufen. Was macht eine tasse Kaffee so richtig lecker? Warum kann sie uns so viel Lust berei­ ten? ich finde das eine großartige Fragestellung.

Das klingt schon ein bisschen nach spielerei. tatsächlich vermeiden viele Forscher, sich mit Vergnü­ gen und Lust zu beschäftigen, egal aus welcher Quelle sie sich speisen. Man könnte fast den eindruck bekom­ men, das sei unehrenhafter, als schmerz oder Depres­ sion zu erforschen. Vielleicht hängt es auch damit zu­ sammen, dass viele Menschen sich scheuen zuzugeben, wie sehr sie essen genießen können – als wäre das ir­ gendwie frivol. Mir erscheint es aber wichtig, sich damit auseinanderzusetzen: Wir erforschen auch Behand­ lungsmöglichkeiten für chronische schmerzpatienten. Man könnte sagen, das schmerzsystem ist bei ihnen in gewisser Weise aus dem Gleichgewicht geraten. in man­ chen Fällen lässt es sich durch gezielte elektrische sti­ mulation bestimmter hirnareale aber wieder in die richtigen Bahnen lenken. Das Lustsystem ähnelt in vie­ ler hinsicht dem schmerzsystem; wieso sollte dort nicht Vergleichbares möglich sein?

Welches therapeutische Ziel verfolgen sie damit? Bei Menschen mit Depression funktioniert das Lust­ system nicht mehr richtig, deshalb haben sie keine Freude mehr an eigentlich schönen, vergnüglichen Din­

»ich möchte mit Köchen zusammenarbeiten, um ihre intuitionen mit Wissenschaft zu unterfüttern und dann etwas noch Besseres daraus zu machen«

gen. Könnten wir das nicht ebenso reparieren, also auch hier dem Gehirn helfen, wieder ins Gleichgewicht zu kommen? Dazu müssen wir freilich das Lustsystem noch besser verstehen. Wenn dies aber gelingt, wäre das ein Beitrag dazu, dass es vielen Betroffenen besser geht und sie wieder mehr erfüllung und sinn finden. Damit schließt sich dann der Kreis zur eudaimonie, zum ganz­ heitlichen Wohlergehen. Und dazu beizutragen, sollte unser oberstes Ziel als Wissenschaftler sein!

sie plädieren also dafür, mehr Lustforschung zu betreiben – zum Wohle aller?

Absolut. Genuss und Lust sind kein egoistisches Ver­ gnügen, beide haben viel mit empathie zu tun. Man maximiert die eigene Freude, indem man die Freude anderer Menschen maximiert. Für Gäste eine richtig gute Mahlzeit zuzubereiten, um dann mit ihnen ge­ meinsam zu essen und zu genießen – etwas Besseres

gibt es doch kaum, oder?

H

Die Fragen stellte Ulrich Pontes, Diplomphysiker und Wissenschaftsjournalist in Heidelberg.

L i T E r A T u r T i P P

Kringelbach, M., Berridge, K. (hg.): Pleasures of the Brain. Oxford University Press, New York 2010 Referenzwerk zur Neurobiologie von Lust und Vergnügen

Q u ELLE n

Berridge, K., Kringelbach, M.: Building a neuroscience of Pleasure and Well­Being. In: Psychology of Well-Being:

Theory, Research and Practice 1, 3, 2011

Kringelbach, M.: The Pleasure of Food:

Underlying Brain Mechanisms of eating and Other Pleasures. In: Flavour 4, 20, 2015

Kringelbach, M. et al.: Activation of the human Orbitofrontal Cortex to a Liquid Food stimulus is Correlated with its sub­ jective Pleasantness. In: Cerebral Cortex 13, S. 1064–1071, 2003

Weitere Quellen im Internet:

www.spektrum.de/artikel/1370045

W EBT i P P

Der Autor über den Unterschied von Lust- und Belohnungssystem in »Spektrum der Wissenschaft«:

www.spektrum.de/artikel/1199284

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iStock / GreGory DubuS

TIPPS & TERMINE

Tipp des monats
Tipp
des monats

Leben mit vermischten Sinnen – Die Welt der Synästhetiker

Montag 16. November

Dokumentation, 3sat, 23.10 Uhr

Wer Farben »hört« oder Klänge »sieht«, galt früher als krank. Doch so genannte synästhetiker leiden im Gegenteil seltener unter psychischen störungen, sind kreativ und haben ein auffallend gutes Gedächtnis. im Film berichten Betroffene über ihre ungewöhnlichen

Farb­, Geruchs­ oder tastempfindungen. Auch die hirnforscher ewald Moser und Jürgen sandkühler interessieren sich für die besonderen Fähigkeiten dieser Menschen, deren Gehirne aus den üblichen Denkmustern ausbrechen.

TV

Montag, 9. November Nicht alles schlucken

Dokumentation, 3sat, 22.25 Uhr Psychopharmaka können gravierende nebenwir­ kungen haben – werden sie oft vorschnell und zu häufig verordnet? Psy chisch Kranke, Angehörige, Ärzte und Pfleger berichten von ihren erfahrungen. eine preisgekrönte Dokumen­ tation von Jana Kalms, Piet stolz und sebastian Winkels über die Macht der Medikamente und die normen psychischer Gesundheit.

Mittwoch, 11. November Kaufsucht:

Gehirn passiert, wenn sie mit begehrten, aber

Wege aus

der Depression

Trip in den Ruin?

 

odysso – Wissen im SWR, SWR, 12.45 Uhr Depressionen führen oft zu Arbeitsausfällen und verursachen hier zu Lan­ de Kosten von jährlich rund 22 Milliarden euro. trotzdem müssen Patien­ ten im schnitt ein halbes Jahr auf einen Therapie­ platz warten.

Sonntag, 15. November Vater blieb im Krieg. Kindheit ohne Vater nach dem Zweiten Weltkrieg

Dokumentation, SWR, 11.15 Uhr Fast 2,5 Millionen Kinder in Deutschland verloren

Dokumentation, 3sat, 23.55 Uhr Zwischen fünf und acht Prozent der erwachsenen in Deutschland sind kaufsüchtig. Astrid Müller von der Medizi­ nischen hochschule hannover hat sich auf die erkrankung spezialisiert und eine besondere Therapie entwickelt. Dagegen untersuchte der Wirtschaftspsychologe Gerhard raab von der Fachhochschule Ludwigshafen per funktioneller Magnet­ resonanztomografie, was bei Kaufsüchtigen im

teuren Konsumgütern konfrontiert werden.

Samstag, 14. November Früher. Später. Jetzt. Schönheit – Familie – Liebe und Sex

Planet Schule, SWR, 7.15 Uhr »Früher. später. Jetzt.« begibt sich auf eine historische reise von der nachkriegszeit bis heute:

Wie prägten gesellschaft­ liche entwicklungen die schönheits­ und Bezie­ hungsideale? Filme und begleitendes Unterrichts­ material können auf der Webseite heruntergeladen werden.

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im Zweiten Weltkrieg ihren Vater. Dass die damalige Gesellschaft das heile Vater­Mutter­Kind­ Modell propagierte und vom Krieg nichts mehr wissen wollte, machte den Betroffenen das Leben ohne Vater nicht leichter.

Montag, 16. November Digitale Nebenwirkun­ gen: Wenn Computer für uns denken

Dokumentation, 3sat, 22.25 Uhr Dank Google, Wikipedia und mobilen navigations­ geräten muss man sich heute vieles nicht mehr merken. Doch wenn man sein Gehirn nicht nutzt, verkümmert es, gibt Manfred spitzer, Leiter der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psycho­

therapie Ulm, zu beden­ ken. Daneben kommen­ tieren der hirnforscher Martin Korte aus Braun­ schweig und die Psychi­ aterin Victoria Dunckley aus Los Angeles die Fol­ gen der Digitalisierung für die menschliche Psyche.

Mittwoch, 18. November Videospiele – Revolu­ tion einer Generation

ZDF Info, ZDF, 4.45 Uhr sitzen Kinder ständig an der spielkonsole, leiden die schulleistungen. Von vielen eltern gehasst, gehören Videospiele dennoch zu den meistver­ kauften Kulturprodukten. Um nutzer zu binden, erforscht die industrie die psychologischen Profile der spieler. indes untersu­ chen neurowissenschaft­

ler die Auswirkungen aufs Gehirn.

intellektuellen nick Gutlicht in einer Zweck­ wohngemeinschaft zusammen. Das rettet nick zwar vor seinen Gläubigern, macht ihn aber wider Willen zum studienobjekt Ledigs, der wegen seines schwinden­ den Gedächtnisses einiges durcheinanderbringt.

Freitag, 4. Dezember Der Jungfrauenwahn

Dokumentarfilm, arte, 22.40 Uhr Die Journalistin Güner Balci ist in Berlin­ neukölln aufgewachsen und kennt die nöte muslimischer Mädchen. Oft gründen sie darin, dass Gewalt gegen Frauen und Zwangsehen immer noch hingenommen werden.

Angst macht

verführerisch

GEO-Reportage, Geogra- phic Channel, 6 Uhr Liebe und Furcht – schließt sich das nicht aus? Psychologen und Anthropologen fanden heraus, dass etwa ein erdbeben nicht nur häuser und Gebäude erschüttert, sondern auch unser Liebesleben auf den Kopf stellt.

Freitag, 27. November Über­ich und Du

Spielfilm (Komödie), arte, 20.15 Uhr ein Zufall führt den hochbetagten star­Psy­ chologen Curt Ledig und den exzentrischen

DIE SPEKTRUM- SCHREIBWERKSTATT Ort: Heidelberg
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Veranstaltungen

19. 11. – 21. 11. 2015, Bad Homburg

Herbsttagung der Deutschen psychoanalytischen Vereinigung (DpV)

Verantwortung im psychoanaly­ tischen Feld – herausforderungen und Grenzen heute Ort: Maritim­hotel, Ludwigstraße 3, 61348 Bad homburg Kontakt: Daniela Dutschke, Körnerstraße 12, 10785 Berlin telefon: +49 30 26­552504 e­Mail: geschaeftsstelle@dpv­psa.de www.dpv­psa.de/termine

19. 11. – 21. 11. 2015, Trier

Jahrestagung der Deutschen Ge­ sellschaft für Soziale psychiatrie e. V. (DGSp)

Ver­rückt nach europa – von europa lernen Ort: erA Conference Centre,

TIPPS & TERMINE

Metzer Allee 2–4, 54295 trier Kontakt: Deutsche Gesellschaft für soziale Psychiatrie e. V., Zeltinger straße 9, 50969 Köln telefon: +49 221 511002 e­Mail: dgsp@netcologne.de www.dgsp­ev.de

25. 11. – 28. 11. 2015, Berlin Kongress der Deutschen Ge­ sellschaft für psychiatrie und psychotherapie, psychosomatik und Nervenheilkunde (DGppN)

Der Mensch im Mittelpunkt:

Versorgung neu denken Ort: CityCube Berlin, Messedamm 26, 14055 Berlin Kontakt: CPO hanser service Gmbh, Paulsborner str. 44, 14193 Berlin, telefon: +49 30 30­06690 e­Mail: dgppn15@cpo­hanser.de www.dgppn.de/kongress

26. 11. 2015, Berlin Tag der psychologie 2015

Altern und Gesundheit Ort: haus der Psychologie, Am Köllnischen Park 2, 10179 Berlin Kontakt: Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen telefon: +49 30 209166­661 e­Mail: info@bdp­verband.de http://psychologenkongress.de

3. 12. – 5. 12. 2015, Mainz 23. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM)

Die schlaflose Gesellschaft Ort: rheingoldhalle, rheinstraße 66, 55116 Mainz Kontakt: Conventus Congress­ management & Marketing Gmbh telefon: +49 3641 3116­360 www.dgsm­kongress.de

Radio

Sonntag, 15. November Der zündende Funke im Kopf – Geheimnis Kreativität

SWR2 Wissen: Aula, SWR2, 8.30 Uhr Auf welchen psychologi­ schen und neurowissen­ schaftlichen Grundlagen beruht kreatives Denken? Mit dieser Frage beschäf­ tigt sich rainer holm­ hadulla, Professor für Psychotherapeutische Medizin an der Universi­ tät heidelberg.

Montag, 16. November psychische Erkrankun­ gen bei Tieren

SWR2 Wissen, SWR2, 8.30 Uhr