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Chess960 Grundsätze & Praxis LEKTION 38 PLAN IN DER PARTIE Lernziel: IPS 1800 Inhalt Einführung

Chess960

Grundsätze & Praxis

LEKTION 38

PLAN IN DER PARTIE

Lernziel: IPS 1800

Inhalt

Einführung

Beispielpartien 1+2

Ausblick

Einführung

Da steht sie nun vor einem auf dem Brett und man hat so recht keine Ahnung, was man mit der Startposition anfangen soll. Den Läufer da hin, den Sprin- ger hier hin und der Rest wird sich schon ergeben. Besonders „schlimm“ trifft es mitunter Spieler, welche in der SP 518 das zweischneidige Gambit- spiel lieben oder / und ledig- lich nach einem möglichst ra- schen Königsangriff streben. Positionelle Grundregeln wer- den durch subtilere Taktik er- setzt. Tatsächlich hat man ge- gen Spieler ähnlicher Spiel- stärke damit Erfolg, da diese die - oftmals schon längst er- forschten - Widerlegungen nicht kennen und nur schwer- lich selbst errechnen können.

Überträgt man diese „Strate- gie“auf Chess960, könnte man zunächst davon ausgehen, dass sie sogar fruchtet und selbst gegen stärkere Spieler durch die ungewohnte Startposition so Überraschungssiege gelin- gen. Man muss jedoch kein großer Prophet sein, um vor- auszusagen, dass sich bald das Auge vieler Schachspieler um- gewöhnt haben wird und dann ist dieses „Hurra-Schach“Gift. Der Spruch Wer gewinnt hat Recht! verleitet jedoch viele Spieler dazu, ihren fragwürdi- gen Stil beizubehalten.

Meine ersten Beobachtungen zu dieser Thematik haben er- geben, dass diese Spieler

anfänglich zumeist eine (weit- aus) höhere Performance beim Chess960 erzielen, als es ihnen beim traditionellen Schach vergönnt ist. Doch das relati- viert sich innerhalb einer absehbaren Zeit und schon bald ähneln sich die beiden Wertungszahlen.

Dabei bietet Chess960 die vielleicht einmalige Chance, seinen Stil zu verbessern und durch planvolles und der je- weiligen Startposition geschul- deten Spiel, die allgemeine Spielstärke zu erhöhen.

Es ist nicht mehr nötig, halb- seidene Eröffnungsvarianten zu spielen, um Hauptvarianten zu vermeiden. Es ist nicht mehr nötig, Gambits zu erfinden oder auszugraben, um den stärkeren Gegner zu überraschen.

Es ist nicht mehr nötig, von Beginn an „Alles oder nichts“ zu spielen, weil man befürchtet, dass der Gegner einem sonst schon in der Eröffnung vorführt und die tatsächliche Unwissenheit bestraft.

Warum ist das alles nicht mehr nötig? Weil der Gegner die Stellung zumeist ebenfalls zum ersten Mal sieht und kaum in der Lage sein wird, ein durch- dachtes und planvolles Spiel zu widerlegen, selbst wenn das theoretisch möglich wäre. Wa- rum sollte man dann also ein schwieriges Gambit erfinden, indem der Rückgewinn des Bauern eher in den Sternen

indem der Rückgewinn des Bauern eher in den Sternen Copyright © 2005 Chess Tigers Universität 186

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Kursleitung: Rosa / Jussupow

Chess960 Grundsätze & Praxis steht? Nur, weil ähnliche Mo- tive in der SP 518 als

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steht? Nur, weil ähnliche Mo- tive in der SP 518 als spielbar gelten? Das kann nicht funkti- onieren! Folgendes Beispiel aus meiner Praxis untermauert meine Behauptung:

Beispiel 1:

Ramanujan - Rosa

Fernschach, 2005

SP 012

Beispiel 1: Ramanujan - Rosa Fernschach, 2005 SP 012 1.e4 c5 2.b4?! Dem Siziliani- schen Flügelgambit

1.e4 c5 2.b4?! Dem Siziliani- schen Flügelgambit aus dem traditionellen Schach nach- empfunden. Doch es gibt eine Besonderheit, die der Weiße dabei völlig übersehen hat. Gelingt es ihm nicht, den "schwachen" Bauern auf b4 zu erobern, wird er dem Nachzie- henden zwangsläufig diese Schwäche auflösen müssen, denn sonst findet der ¥b1 nicht ins Spiel! Somit muss man zu der Erkenntnis gelangen, dass Weiß einfach nur einen Bauern weniger hat, ohne wirklich über Kompensation zu verfü-

gen. 2

cxb4

3.d4 d5!?

über Kompensation zu verfü- gen. 2 cxb4 3.d4 d5!? Dieses Gegengambit konnte ich mir nicht verkneifen.

Dieses Gegengambit konnte ich mir nicht verkneifen. Weiß möchte zumindest ein starkes Zentrum für den geopferten Bauern erlangen und selbst das gönnt ihm der Nachziehende nicht. Nimmt Weiß das Ange- bot an, ist der Traum vom Zentrum ausgeträumt. Zudem hat Schwarz keine Probleme, diesen Bauern auf d5 in Kürze zu kassieren. 4.f3 4.exd5 b5

4

6.¤xc3

¤b6

5.¥e3?

f6³

5

¹5.c3

a5

bxc3

f6

6.0–0

7.e5? Schwer zu sa-

gen, was Weiß damit bezwe- cken wollte. Jedenfalls ist es bestimmt nicht an ihm, An- griffsversuche zu unterneh- men. Er ist kaum entwickelt und Schwächen sind im schwarzen Lager auch kaum auszumachen.

¤c6 6

sind im schwarzen Lager auch kaum auszumachen. ¤c6 6 ¹7.a3 7 8.dxe5 ¤c4 9.¤d3 ¥a7µ 8.f4

¹7.a3 7

8.dxe5 ¤c4

9.¤d3 ¥a7µ 8.f4 ¥f7 9.¤d3 0–0 10.c3 ¤c6 10 ¥h5!? 11.¤1f2 fxe5 12.fxe5 ¤e6;

11.cxb4 ¤c6 12.¤c5

11.¤c5 ¦d8 12.¤b2!?

¥a7!? 10

vielleicht ¹7

¤c4

Noch besser ist

fxe5

¥a7!? 10 vielleicht ¹7 ¤c4 Noch besser ist fxe5 Während der Partie dachte ich, nun einfach

Während der Partie dachte ich, nun einfach einen weiteren Bauern kassieren zu können. In Wirklichkeit ist dieser Zug

giftig. Mein Gegner spielte ihn jedoch nur, um meinen starken

¤c4 abzutauschen und nicht, weil er die möglichen Konse- quenzen sah. Daher entging ihm im 14. Zug eine phantasti- sche Möglichkeit, die ich erst in der späteren Analyse entdeckte.

12

¤xe3

13.¦xe3 b6?

in der späteren Analyse entdeckte. 12 ¤xe3 13.¦xe3 b6? Copyright © 2005 Chess Tigers Universität 187
in der späteren Analyse entdeckte. 12 ¤xe3 13.¦xe3 b6? Copyright © 2005 Chess Tigers Universität 187

Copyright © 2005 Chess Tigers Universität

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Kursleitung: Rosa / Jussupow

Chess960 Grundsätze & Praxis Dieser Zug ist tatsächlich ein Fehler und sollte vielleicht besser durch

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Grundsätze & Praxis

Dieser Zug ist tatsächlich ein Fehler und sollte vielleicht

besser durch 13 ersetzt

g6

werden. Danach gibt es zwar keinen Bauerngewinn für Schwarz, aber er sichert seinen König vor unliebsamen Besu- chern. 14.e6? Geht an dem Kelch vorüber! Einzig 14.¥xh7+!! bot dem Weißen die Chance, im Remissinne den schwarzen Monarchen zu behelligen.

Chance, im Remissinne den schwarzen Monarchen zu behelligen. Analysediagramm zwischendurch werde ich Sie an der

Analysediagramm

zwischendurch werde ich Sie an der entscheidenden Stelle bitten, selbst die beste Fortset- zung zu finden. Die Lösung erhalten Sie dann in der kom- menden Lektion.

Beispiel 2:

Wilgenhof - Rosa

Fernschach, 2005

Wie soll sich Schwarz nun gegen ¦g3 nebst ¦xg6 wehren? Einzig der König kann von
Wie soll sich Schwarz nun
gegen ¦g3 nebst ¦xg6 wehren?
Einzig der König kann von h7
aus decken, wonach er auf
¦h3+ nur "schaukeln" kann.
SP 842
bxc5 14
15.exf7+
¦xf7–+
Nun steht Schwarz mit zwei
Mehrbauern natürlich glatt auf
Gewinn.
Analysediagramm
Sicher, die Erkenntnisse in der
SP 518 sind mannigfaltig und
eine gute Basis für Chess960.
Doch am Ende muss jede SP
individuell betrachtet und ge-
spielt werden. Zumindest so
lange, bis Strukturen auftau-
chen, die wir bereits aus der
Praxis des traditionellen
Schachs kennen.
1.e4 d5!?
Diese Partie ist ein hervorra-
gendes Beispiel dafür, dass die
weite Entfernung von Dame
und König nicht heißen muss,
dass damit automatisch der
König sicherer vor ihr ist. Das
Gegenteil kann sogar der Fall
sein. Schließlich kann die
Dame wie hier rasch diagonal
attackieren. Oft ist ein Damen-
angriff am besten mit der eige-
nen Dame zu parieren. Doch
wie soll diese ihrem König zur
Seite eilen? In diesem Fall
scheint es mir, als könne Weiß
Natürlich plant Schwarz nicht,
zu
antworten. Vielmehr würde
auf 2.exd5!? mit 2
¦xd5?
das Remis forcieren. 14
¢xh7
Ein sehr wichtiges Element
beim Chess960 ist auch das
planvolle Rochieren. Oft erge-
ben sich Stellungen, in denen
die Erwägung eine Rolle spielt,
auf die Rochade zu verzichten,
weil der König schon in einer
Ecke steht. Dass dieses jedoch
auch bei geübten Spielern in
einem Fiasko enden kann,
zeigt die folgende hochwertige
Partie. Als kleine Aufgabe
¤b6 2
folgen, wonach 3.c4
15.¦h3+
¢g8
16.£b1
g6
17.¤e6!!=
nur schwerlich eine gute Idee
sein kann. 2.f3 dxe4 So öffnet
man die Linie eines bereits

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Chess960 Grundsätze & Praxis zentralisierten Turms. Ich bin sicher, dass Schwarz bereits ausgeglichen hat. 3.fxe4

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zentralisierten Turms. Ich bin sicher, dass Schwarz bereits ausgeglichen hat. 3.fxe4 e5

4.¤g3 ¤g6 5.¥c4!?

bereits ausgeglichen hat. 3.fxe4 e5 4.¤g3 ¤g6 5.¥c4!? Eine starke Idee. Schwarz soll in der Entwicklung

Eine starke Idee. Schwarz soll in der Entwicklung seiner Dame gehemmt werden. Na- türlich stehen dem Anziehen- den auch andere Pläne zur Ver- fügung, doch für einen muss man sich ja schließlich ent-

scheiden. 5 6.¥b3 ¥c6

7.d3 ¥e7 7 war ein inte-

ressanter Plan, den Turm ir- gendwann via a6 zu entwi- ckeln, doch ich sah nach 8.a4 nicht, wo die weißen Schwä- chen sind. Keinen Vorteil er- zielt Schwarz vermutlich mit

a5!?

¤d6

8

¤xe4?!

9.¤xe4

¥xe4

10.¥h4!!

(10.£f2?

¥d5³)

¤xh4 10

11.dxe4© und Weiß

verfügt über ausreichende Kompensation für den Bauern.

Der ¤h4 steht schlecht und der §f7 könnte in ernsthafte Gefahr geraten. Auch gefällt mir die weiße Königsstellung mit dem

Ich

fand, dass es an der Zeit war,

den §f7 zu entlasten und die Dame über einen kleinen Um- weg ins Spiel zu führen.

9.¤ce2 £d7 10.a3?! Der Be-

¥b3

besser.

8.¥d2 £e8

ginn eines fragwürdigen Plans. Nicht für den Läufer sondern für den König macht der Bauer das Feld a2 frei. Dort wähnt mein Gegner seinen König in Sicherheit und möchte so den

¦a1 entwickeln. 10

11.¢a2?!

h6

und möchte so den ¦a1 entwickeln. 10 11.¢a2?! h6 Der Abtausch des guten ¥b3 lockert gleichzeitig

Der Abtausch des

guten ¥b3 lockert gleichzeitig auch die weiße Königsfestung.

12.¥xa4 £xa4 13.b3?! Dieser

natürliche Zug schafft neue Löcher. Dagegen war 13.¤c3!? ein Versuch wert.

mit

14.£f1! +- beantwortet, wo- nach die schwarze Dame in größter Gefahr schwebt und

sich nur unter Materialverlust

£c6

14.¢b2 ¤b5!? 15.¤f5!? ¥f6

In Verbindung mit dem nächsten Zug von Schwarz ein guter Plan. Der Läufer wird dem weißen Monarchen noch Kopfzerbrechen bereiten.

befreien kann. 13

¥a4! 11

13

£xc2??

wird

stark

bereiten. befreien kann. 13 ¥a4! 11 13 £xc2?? wird stark Eigentlich hatte ich nun 15 ¥xa3+!?

Eigentlich

hatte

ich

nun

15

¥xa3+!?

geplant,

doch

nach 16.¦xa3 ¤xa3 17.¢xa3

£xc2 fand ich die Ressource

18.¥a5!

¤xa3 17.¢xa3 £xc2 fand ich die Ressource 18.¥a5! Analysediagramm 18 zum Remis: 19.¥xc7+! ¢xc7 20.£c5+

Analysediagramm

18

zum Remis: 19.¥xc7+! ¢xc7 20.£c5+ ¢b8 21.¦c1 a6 22.£c7+ ¢a7 23.£c5+ ¢b8=;

b6

(18

£xe2?

führt

nur

¦xd1

20.£xd1 £xd1 21.¤xd1 ver-

18

¦xd3

19.¤c3

mag

auch

nicht

so

recht

zu

gefallen.) 19.¦d2 £c6 20.¥c3

und mir gefällt beinahe schon die weiße Stellung besser.

16.¥e3 ¤f4!

beinahe schon die weiße Stellung besser. 16.¥e3 ¤f4! Copyright © 2005 Chess Tigers Universität 189 Kursleitung:

Copyright © 2005 Chess Tigers Universität

189

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Chess960 Grundsätze & Praxis 17.¤fg3 17.¦d2!? 17 h5 18.a4 ¤d6 18 ¤xe2?! 19.¤xe2 ¤d4 20.¤c3

Chess960

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Chess960 Grundsätze & Praxis 17.¤fg3 17.¦d2!? 17 h5 18.a4 ¤d6 18 ¤xe2?! 19.¤xe2 ¤d4 20.¤c3 £xc3+?

17.¤fg3 17.¦d2!? 17 h5 18.a4 ¤d6 18 ¤xe2?! 19.¤xe2 ¤d4 20.¤c3 £xc3+? 21.¢xc3 ¤e2+ 22.¢d2 ¤xg1

23.¥xg1² und das Endspiel ist eher besser für Weiß. 19.¤c3 g6 20.d4? Das aktiviert den

¥f6.

für Weiß. 19.¤c3 g6 20.d4? Das aktiviert den ¥f6. Besser war ¹20.£f2!? 20 h4 vermutlich 21.d5

Besser

war

¹20.£f2!? 20

h4

vermutlich

21.d5 £d7!

¥f6. Besser war ¹20.£f2!? 20 h4 vermutlich 21.d5 £d7! die Dame bereit, alternativ auf beiden Flügeln

die Dame

bereit, alternativ auf beiden Flügeln aktiv zu werden.

Von d7 aus steht

22.¤f1

¤g2 24.¥c5÷ 23.¦d2 23.g3!?

23.g3

£g4

22

h3!?

23 24.gxh3 24.g3!?

h3

24 25.£g3

£xh3

23.g3 £g4 22 h3!? 23 24.gxh3 24.g3!? h3 24 25.£g3 £xh3 25 Möglicherweise nicht der beste

25 Möglicherweise

nicht der beste Plan in der Stellung, doch ich hatte eine taktische Idee erspäht.

26.¥xf4?! Das hatte ich provo- zieren wollen. Weiß kann der Verlockung nicht widerstehen, einen Bauern zu kassieren und bedenkt dabei nicht gründlich genug, dass der schwarz- feldrige Läufer nun schier

übermächtig wird. 26

exf4

27.£xf4 £e7!

£d7!?

schier übermächtig wird. 26 exf4 27.£xf4 £e7! £d7!? Die eigentliche Idee des Plans. Von e7 aus

Die eigentliche Idee des Plans. Von e7 aus ist die Dame näm- lich noch mal gefährlicher (für den weißen König). 28.¦e2

¥e5! 29.£f3 g5!? Dieser Zug

ist hinterlistig. Die positionelle Idee ist, den ¦d8 über h8 nach h4 und ggf. f4 zu führen. Dazu ist es aber ein hervorragender Abwartezug, der den folgenden Zug provozieren soll. 30.¦ae1? Diesen scheinbar natürlichen Turmschwenk wollte ich sehen!

Diesen scheinbar natürlichen Turmschwenk wollte ich sehen! Aufgabe: Können Sie sich vorstellen, warum? Dann werden Sie

Aufgabe:

Können Sie sich vorstellen, warum? Dann werden Sie si- cher bis zur nächsten Lektion auch die beste schwarze Ant- wort finden, oder?

Ausblick

In der 39. Lektion folgt der achte Teil zur Serie „Chess960 WM-Partien“.

folgt der achte Teil zur Serie „Chess960 WM-Partien“. Copyright © 2005 Chess Tigers Universität 190 Kursleitung:

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190

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