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Chess960 Grundsätze & Praxis LEKTION 37 EINSCHÄTZUNG DER STELLUNG Lernziel: IPS 1800 Inhalt Einführung

Chess960

Grundsätze & Praxis

LEKTION 37

EINSCHÄTZUNG DER STELLUNG

Lernziel: IPS 1800

Inhalt

Einführung

Beispielpartien 1+2

Ausblick

Einführung

Selten haben wir uns beim Training für das traditionelle Schach Gedanken darüber ge- macht, wie die Grundstellung zu bewerten ist. Natürlich, seit Ewigkeiten versuchen Men- schen und Maschinen heraus- zufinden, ob der weiße Anzugsvorteil in der SP 518 gleichbedeutend mit einem deutlichen Vorteil ist, doch irgendwann hat man sich damit begnügt, dieses nur noch den „Anzugsvorteil“ zu nennen. Wer zuerst eröffnen darf, kann nicht im Nachteil sein, wenn wir davon ausgehen, dass wir wissen, wie man sinnvoll er- öffnet und so seine Stellung nicht schwächt sondern ver- stärkt.

Beim Chess960 dagegen kur- sieren immer wieder Gerüchte, die besagen, dass es mindes- tens eine Stellung geben muss, in der Weiß aus der Eröffnung heraus klaren Vorteil erzielen kann. Doch den Beweis sind bisher alle fleißigen Forscher schuldig geblieben. Im Com- puterzeitalter eine beachtliche Tatsache besonders, da die Chess Tigers selbst eine Be- lohnung von €5.000,- ausge- lobt haben, wenn es jemandem gelingen sollte, stichhaltig zu belegen, dass es eine solche Startposition gibt.

Um eine gute Chess960 Partie spielen zu können, ist die rich- tige Einschätzung der jeweili- gen Startposition unabdingbar.

Vom ersten Zug an ist präzises Rechnen, ein gutes Stellungs- gefühl und nicht zuletzt Phantasie gefragt.

Sehen Sie in der ersten Bei- spielpartie, wie schnell es ge- hen kann, wenn nur eine Seite wirklich versteht, was sich gerade auf dem Brett abspielt.

Beispiel 1:

Polzin - Baier

1. Gerling-Kreativ Turnier Berlin, 2005

SP 317

- Baier 1. Gerling-Kreativ Turnier Berlin, 2005 SP 317 1.¤g3! Warum verdient der 1. Zug von

1.¤g3! Warum verdient der 1. Zug von Weiß ein Rufzeichen?

1.¤g3! Warum verdient der 1. Zug von Weiß ein Rufzeichen? Copyright © 2005 Chess Tigers Universität
1.¤g3! Warum verdient der 1. Zug von Weiß ein Rufzeichen? Copyright © 2005 Chess Tigers Universität

Copyright © 2005 Chess Tigers Universität

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Kursleitung: Rosa / Jussupow

Chess960 Grundsätze & Praxis Er stellt den Schwarzen von Beginn an vor Probleme, die es

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Er stellt den Schwarzen von Beginn an vor Probleme, die es 1. natürlich zu sehen und 2. angemessen zu bekämpfen gilt. Offenkundig hat es der Anzie- hende nicht versäumt, u. a. die ungedeckten Bauern zu zählen und dabei den g-Bauer erspäht. Drei weitere Besonderheiten fallen aber noch auf:

1. der §g7 kann nicht in einem Zug durch eine Figur gedeckt werden.

2. gelangt ein Springer nach

g7, könnte der König im schlimmsten Fall sofort matt sein.

3. es gibt einen Springer, der

diese Drohung aufstellen kann. Somit hat Weiß mit seinem ersten Zug den Schwarzen bereits sein Spiel aufgedrängt.

Für den unerfahrenen Gegner sah dieser Zug wie ein einfa- cher Entwicklungszug aus und so ahnte er nichts Böses, als er

¤b6?

mit 1 antwortete.

so ahnte er nichts Böses, als er ¤b6? mit 1 antwortete. Das Erwachen war sicher un-

Das Erwachen war sicher un- angenehm, als der Anziehende

mit 2.¤h5²/± zwingend den ersten Bauern einstrich.

mit 2.¤h5²/± zwingend den ersten Bauern einstrich. =2.¤f5²/± Doch wie soll Schwarz richtig reagieren? Nach

=2.¤f5²/±

Doch wie soll Schwarz richtig reagieren? Nach längerer Su- che kam ich auf eine interes-

sante Idee: 1

f6!?.

Su- che kam ich auf eine interes- sante Idee: 1 f6!? . Analysediagramm Das verhindert zwar

Analysediagramm

Das verhindert zwar nicht den Springerausfall nach f5 bzw. h5, aber nun stellt sich die Frage, ob sich das noch rechnet für den Anziehenden. Ich denke sogar, dass eher Schwarz davon einen Nutzen hätte, wie folgende Beispielva- riante demonstriert. Die Idee ist, dass Schwarz problemlos auf das Rochaderecht verzich- ten kann und dennoch ein si-

cheres für den König Plätzchen findet. Dagegen überzeugt mich der simple Abwehrversuch

1

g6?!

Dagegen überzeugt mich der simple Abwehrversuch 1 g6?! Analysediagramm überhaupt nicht, da dieser Zug nur dann

Analysediagramm

überhaupt nicht, da dieser Zug nur dann geschehen sollte, wenn es unter Tempogewinn (z. B. durch den Angriff auf eine Figur) geschieht oder er- zwungen ist. Praktisch trägt er nämlich nichts zur eigenen Entwicklung bei. Versucht sich

der Weiße nach 1 den-

f6!?

noch an 2.¤h5?! (2.¤f5 ¢f7!),

folgt einfach 2

¢f7!.

noch an 2.¤h5?! (2.¤f5 ¢f7!) , folgt einfach 2 ¢f7! . Analysediagramm Die temporäre Verstellung des

Analysediagramm

Die temporäre Verstellung des ¥g8 ist hier weitaus weniger schlimm, denn der König strebt nach g7 und wird in Kürze

schlimm, denn der König strebt nach g7 und wird in Kürze Copyright © 2005 Chess Tigers

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Kursleitung: Rosa / Jussupow

Chess960 Grundsätze & Praxis wieder die Diagonale räumen. Und nach z. B. 3.f4 (3.c4 g6

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wieder die Diagonale räumen.

Und nach z. B.

3.f4 (3.c4 g6

4.¤g3

4.¤g3

¢g7=)

3

g6

¢g7= scheint mir die Aussage:

„Black is okay!“zutreffend.

scheint mir die Aussage: „Black is okay!“zutreffend. Analysediagramm scheint mir dagegen auch nicht völlig

Analysediagramm

scheint mir dagegen

auch nicht völlig ausreichend zu sein. Weiß lässt den Sprin- ger einmal vor des Gegners Stellung kreisen und lockert so die schwarze Bauernstellung. Allerdings so, dass der ¥g8 keine guten Aussichten hat, was wiederum die „ver- schwendeten“ Tempi des Anziehenden rechtfertigt.

e6?! 1

2.¤h5

g6

(2

¥f6?

3.¤xf6+

gxf6±

e6?! 1 2.¤h5 g6 (2 ¥f6? 3.¤xf6+ gxf6± Analysediagramm und der ¥g8 macht einen sehr traurigen

Analysediagramm

und der ¥g8 macht einen sehr traurigen Eindruck, da Weiß den Punkt h7 und ggf. auch g6 mit c2-c4 und ¥c2 kontrollie- ren kann.) 3.¤g3² und der ¥g8 wird nur schwer ins Spiel fin- den.

3.¤g3² und der ¥g8 wird nur schwer ins Spiel fin- den. Analysediagramm In 2 4.¤f5²/± 3.¤xg7+

Analysediagramm

In

2

4.¤f5²/± 3.¤xg7+ ¢e7 4.f4±

der

e6!?

Partie

2

f6!?

folgte

weiter:

3.¤xg7+ ¢f7

4.f4± der e6!? Partie 2 f6!? folgte weiter: 3.¤xg7+ ¢f7 Weiß hat einen glatten Mehr- bauer

Weiß hat einen glatten Mehr- bauer und dafür nur geringfü- gigen Entwicklungsrückstand.

Er steht deutlich besser. Nach

4 Zügen

Nun lohnt sich natürlich auch der direkte Angriff auf den König.

4

f5

5.c4 ¥f7 6.e4!

der direkte Angriff auf den König. 4 f5 5.c4 ¥f7 6.e4! 6 fxe4? 7.£xe4 d5?? 8.cxd5

6

fxe4?

7.£xe4 d5??

auf den König. 4 f5 5.c4 ¥f7 6.e4! 6 fxe4? 7.£xe4 d5?? 8.cxd5 8.¥c5+ +- 8

8.cxd5

8.¥c5+

+-

8

¤xd5

9.¥c5+ +- Schwarz gab auf!

1–0

Beispiel 2:

Schmidt-Schaffer - Müller

1. Gerling-Kreativ Turnier Berlin, 2005 SP 317

1.c4!? Weiß erkennt nicht auf Anhieb die taktische Möglich- keit und entwickelt daher fol- gerichtig Dame und Läufer. Kurz darauf muss ihm - im Gegensatz zum Gegner - das Motiv aufgefallen sein, denn

auf das fragwürdige 1

e5?!

Motiv aufgefallen sein, denn auf das fragwürdige 1 e5?! Copyright © 2005 Chess Tigers Universität 184

Copyright © 2005 Chess Tigers Universität

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Chess960 Grundsätze & Praxis reagierte er postwendend und vorteilhaft mit 2.¤g3! ¤g6! ¹1 war in

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Chess960 Grundsätze & Praxis reagierte er postwendend und vorteilhaft mit 2.¤g3! ¤g6! ¹1 war in diesem

reagierte er postwendend und vorteilhaft mit 2.¤g3!

Praxis reagierte er postwendend und vorteilhaft mit 2.¤g3! ¤g6! ¹1 war in diesem Fall - beinahe

¤g6!

¹1 war in diesem Fall -

beinahe schon natürlich - die beste Fortsetzung. Schließlich kann auch Schwarz mal ein Auge auf den §g2 werfen und dadurch bereits ausgleichen. Nun wurde auch dem Schwar- zen klar, was dieser Springer anrichten kann und reagierte prompt mit der "totalen Ab-

wehr" 2

Beispielpartie 1)

g6?.

der "totalen Ab- wehr" 2 Beispielpartie 1) g6? . Daraufhin ließ sich der Anzie- hende nicht

Daraufhin ließ sich der Anzie- hende nicht zweimal bitten und öffnete beherzt weiteren An- griffskräften (¥g1 & ¦f1) ihre Entwicklungswege: 3.f4!±

(¥g1 & ¦f1) ihre Entwicklungswege: 3.f4!± Und wie es Fall meist dritte wie Gegner nun mal

Und wie es

Fall

meist

dritte

wie

Gegner

nun mal oft der

einem Fehler

und

Sie selbst,

seinem

den

der

ist,

folgt

auch

etc.

der

zweite

Sehen

Weißspieler

nun

gnadenlos

4.£e4+

6.£xf4

¤f7 7.¥g7 ¥g5 8.£f2 ¤d6?

c5± 8

¤f7

9.¥xf8 ¢xf8 10.c5! +-

¥e7 5.¥d4 f5 5

Garaus macht: 3

exf4

f6!?

¢xf8 10.c5! +- ¥e7 5.¥d4 f5 5 Garaus macht: 3 exf4 f6!? 11.¤xf5!! gxf5 12.£xf5 Schwarz

11.¤xf5!!

gxf5

12.£xf5

Schwarz gab auf! 1–0

Ausblick

Die 38. Lektion wird sich mit dem richtigen Plan in der Par- tie befassen.

wird sich mit dem richtigen Plan in der Par- tie befassen. Copyright © 2005 Chess Tigers

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