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Schreibgeräte

Cornelis Kater

Mein Leben besteht ‐ was das Schreiben angeht ‐ aus mittlerweile drei Phasen. Zwei davon sind unproduktiv und in einer solchen Phase be?inde ich mich, und das nicht erst seit kurzer Zeit. Die ersten zehn Jahre meines Lebens habe ich nicht geschrieben, weil ich nicht schreiben konnte. Mit etwa 10 Jahren habe ich angefangen zu schreiben, weil mich meine Grundschullehrerin dazu gezwungen hatte. Mit 20 habe ich aufgehört, regelmäßig zu Schreiben, was sich bis heute nicht geändert hat. Mittlerweile bin ich 30. Und es ist Zeit, daran etwas zu ändern… Der Prozess des Schreibens war für mich stets abhängig von der Methode, Worte zu Papier zu bringen. Meine ersten Gehversuche unter dem Druck einer Lehrerin, die ich mit großem Respekt bewunderte, entstanden natürlich in Handschrift mit einem Füllfederhalter. Vermutlich um das ?lüssige Schreiben eigener Gedanken zu üben, durften wir in der dritten oder vierten Klasse in einer Doppelstunde am späten Freitagvormittag eine eigene kreative Arbeit schreiben. Ich schrieb eine Geschichte unter dem Titel „Der rote Gaul“ und fand sie entsetzlich. Auch weitere Schreibübungen wie „Charakterisiere deinen besten Schulfreund“, „Die verrückte Heimfahrt“ und die leider unvollendet gebliebene Geschichte „Wie ich eine Kassette von unserer Klasse herausbrachte“ wurden zwar fein säuberlich in ein „Geschichtenheft“ übertragen, blieben jedoch einer breiten Öffentlichkeit verschlossen. Geschuldet war diese Zurückhaltung einer starken Unsicherheit im Hinblick auf die Wirkung der eigenen Texte, die mit dem Gefühl, welches das konkrete Schreiben selbst hervorrief, einher ging. Es war ein umständliches Gekrakel, es war eine Tortur. Der Umstieg von Federhalter auf einen Kugelschreiber verbesserte das Schreibgefühl nur unmerklich. Zwar glitt die Hand deutlich schneller beim Schreiben über das Papier, die hoffnungslos auf den Hilfslinien herumhoppsende Schrift überzeugte mich jedoch noch immer nicht von der Lesbarkeit des Geschriebenen. Die landläu?ige Meinung, dass ein Kugelschreiber nicht förderlich für das Schriftbild sei, nun, hätte sich spätestens einem Betrachter meiner Texte aufdrängen müssen, wenn diese ihn bisher noch nicht erreicht hätte. Dennoch schrieb ich weiter, ohne genau zu wissen, wieso eigentlich. Ganz entfernt hatte ich vielleicht zu diesem Zeitpunkt bereits einen Leser im Kopf, aber der Weg zu diesem Leser, ein Dokument, das für diesen Leser lesbar war, war noch weit. Tagebucheinträge, Gedichte und seltsame Humoresken füllten das Geschichtenheft, meine kleines privates Verließ voller Peinlichkeiten und Intimitäten, in dass ich niemanden hineinschauen lassen wollte. Keine der Geschichten war für die Öffentlichkeit bestimmt und das aus einem einzigen Grund: Niemand hätte sie so lesen können, wie ich sie mir gedacht habe. Jeder Leser hätte mehr Zeit damit verbracht, die Worte zu entziffern, als den Text wirken zu lassen. Unbewusst kam mir meine Handschrift peinlich und der Inhalt kindisch vor. Als ich von eher angenehmeren und ländlichen Schulformen auf ein härteres Leben am städtischen Gymnasium wechselte, war der Zeitpunkt gekommen, die erste Geschichte für die Öffentlichkeit zu schreiben. Dieser wagemutige Schritt mit einer nicht wirklich abheben wollenden Science‐Fiction‐Story für das erste Jahrbuch an der neuen Schule gelang, da mir die Schreibmaschine meiner Mutter endgültig die Scheu nahm, einen Text laut vor etwa 25 Schülern vorzulesen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass ich erst durch eine Schreibmaschine in der Lage war, meine eigene Schrift ausreichend schnell zu entziffern. Diese Science‐Fiction‐ Saga lies man mich drei Jahre fortsetzen und erst vor der Veröffentlichung des vierten Teils (den einzigen, den ich nachhaltig für gut befand), setzte man mich endgültig ab. Glücklicherweise war mein Selbstbewusstsein dank des ersten Computers und dem Einstieg in die hohe Kunst der feinsinnigen Konstruktion mit einer Textverarbeitungssoftware ins

Unermessliche gestiegen. Meine Glossen in der Schülerzeitung waren gefürchtet und selbst als ich an?ing, unter einem Pseudonym zu schreiben, wurde ich als Autor an meinen üblichen haarsträubend verschraubten Sätzen erkannt. Neben unzähligen Artikeln für die Schülerzeitung verkochte ich alle verbleibenden Ideen in einem groß angelegten Werk, dass sich auf der Titelseite noch Roman nannte, aber bereits nach etwa 40 Seiten endete. Bald darauf endete auch meine Schreibphase, der zweite Teil dieses Romans regte meine Kreativität genau in dem Moment nicht mehr an, als ich mit der Handlung beginnen wollte und liegt nun seit etwa 12 Jahren so auf der Festplatte. Somit konnte ich für immer meine Unkreativität beweinen und stellte die Schreibtätigkeit mit wenigen Ausnahmen bis heute ein. Vor wenigen Wochen schenkte ich mir dann zu Weihnachten eine neue Tastatur, die mich auf einen neuen Gedankengang brachte: Nicht nur das Schriftbild war entscheidend für meinen Ausstoß, sondern das reine Gefühl des Schreibgerätes an meinen Fingern, und das meinte vor allem: Die präzise Art und Qualität der jeweils verwendeten Tastatur. Der Tastenhub, die Ober?lächenbeschaffenheit, das Geräusch, der Widerstand, selbst der Sauberkeitsgrad waren bei allen meinen Tastaturen Parameter, die das Schreiben beein?lussten. Kurz: Ich war anspruchsvoll geworden. Hatte mich in den ersten Jahren die stete Weiterentwicklung der Gestaltung von Zeichen auf dem Papier zum Schreiben animiert – ich war fasziniert wie ein sehr junges Kind, das zum ersten Mal die Welt abschreitet, darüber dass es möglich war, einzelne Buchstaben in einer de?inierten Schriftart auf das Papier zu bringen und den Masterplan eines Satzes in mehreren Iterationen mit Schönheit und Sinn auszustatten – hatte ich mich irgendwann daran gewöhnt und verspürte kein Interesse mehr am reinen Schreiben. Selbst an die verwendeten Schriftarten gewöhnte ich mich im Laufe der Zeit. Heute bin ich dafür bekannt, meinen Mitarbeitern das Schreiben in Standardschriftarten konsequent zu verbieten.

Mittlerweile zähle ich sieben verschiedenen Tastaturen, zuzüglich die Tastensammlungen auf diversen Notebooks und an meinen Arbeitsplätzen. Die erste von Ihnen war schwer, hatte einen großen Hub und war laut. Ich machte mir keinen Gedanken und schrieb, entdeckte die damals noch neue digitale Zeichenwelt und war glücklich. Anschließend kaufte ich kurz nach meinem Auszug aus dem Elternhaus eine Tatstatur, die weich, sanft und freundlich meinen Fingern schmeichelte. Dennoch ging mit dieser Zeit das Ende meines Schreibens einher. Zwar begann ich, textuell zu kommunizieren, und auch diese Tätigkeit bremste meinen Bedarf am Texten, doch letztlich war ich auf der Suche nach der zu mir passenden Tastatur. Die ersten beiden waren es noch nicht gewesen. Seltsamerweise schwärmte ich von dieser Tastatur, war jedoch geblendet von ihrem Geräusch und dem Gefühl, ohne zu Wissen, dass das wahre Glück für mich ganz anders auszusehen hatte. Es folgte die teuerste Tastatur des selben Herstellers in der Hoffnung, dass es nur noch besser werden konnte, jedoch verlor das Gerät die Präzision und den hölzernen Klang des Vorgängers. Eine Rückkehr war unmöglich, da sich das Anschlusssystem am aktuellen Rechner gänzlich geändert hatte. Nach einen Unfall mit einem süßen, klebrigen Getränk, dass sich unterhalb der Tasten sammelte, wurde diese Tastatur wiederum durch dasselbe Modell ersetzt, wurde erneut zerstört (nach einer Reinigung wollten sich nicht mehr alle Tasten in ihren Halterungen festkrallen) und durch eine belanglose Funktastatur ersetzt, die zufällig zur Hand war.

An dieser Stelle muss ein größerer Absatz eingefügt werden, den es kam zum Bruch mit meinem langjährigen Vertrautem, dem Windows‐PC. Und alles wurde besser. Denn nun prangte ein Apfel, das Symbol der Kreativen auf der Notebook‐Klappe. Nur auf der zusätzlich angeschlossenen Tastatur fehlte dieses Zeichen noch, stattdessen ?latterten an jener Stelle noch immer mehrere Flaggen, die gemeinsam ein Fenster darstellten. Zu meiner kreativen

Wiedergeburt (zu der ich als Beleg zu diesem Zei‐punkt nichts weiter als genau diesem Text als Beweis liefern kann) fehlte also noch etwas Entscheidendes… Die ergonomische Grundidee beim Schreiben besteht für mich darin, unter möglichst geringem Kraftaufwand mit maximaler Geschwindigkeit Schritt haltend mit der Erzählstimme im Text die Worte auf das Papier zu bringen. Wenn die Finger über das Papier oder die Tasten ?liegen, kann sich eine Geschichte entfalten und dann stimmt der Rhythmus des Geschriebenen. Eine gar zu zähe Tastatur bremst den Schreib?luss und erzeugt klebrige Texte ohne Witz und Verstand. Dieses Ziel erfüllte ich mit jenem Weihnachtsgeschenk, ausgesucht und gekauft von mir für mich. Es war eine wunderschöne Tastatur vom Apfel‐signierten Hersteller. Der Kaufgrund waren eine völlig unwillige Taste auf dem vorherigen Tastenbrett, neue Sondertasten für die Steuerung der Musikwiedergabe sowie das Design. Erst langsam dämmerte mir, dass ich endlich wieder an dem Punkt angekommen war, an dem ich mich bereits mehrfach zu Beginn einer produktiven Phase gefunden hatte: Dem Gefühl, an der Quelle des Schreib?lusses zu sitzen…

08. Februar 2008