ergopraxis

Ergotherapie für Alltagskönner

1·16

Januar 2016 | 9. Jahrgang
ISSN 1439-2283
www.thieme.de/ergopraxis

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INTERVIEW MIT RAÚL KRAUTHAUSEN

„Ergos sind eine
Art MacGyver“
VALIDATION NACH NAOMI FEIL

Zu Besuch in der
­Erlebniswelt alter
­Menschen
KOGNITIV-THERAPEUTISCHE ÜBUNGEN

Damit der Arm wieder
dazugehört
TOP-DOWN VERSUS BOTTOM-UP

Was tun, wenn der
Klient nicht so will ­
wie ich?

ergopraxis | Inhalt

Leserforum
6 10 Jahre ergotag

Ergotherapie
26 Fasziale Behandlung

Highlights zum Jubiläum
7 Briefe an die Redaktion

Sanft bis schmerzhaft
30 Validation nach Naomi Feil

Zu Besuch in der Erlebniswelt
alter Menschen

Gesprächsstoff
8 Aktuelles
10 Titelthema: Interview mit

Raúl Krauthausen

Perspektiven
34

Was tun, wenn der Klient nicht so will
wie ich?

„Ergos sind eine Art MacGyver“

Wissenschaft

36

Von wegen „grau“

Internationale Studienergebnisse

19 kurz & bündig

Refresher
20 Neurokognitive Rehabilitation

nach Perfetti

Als Ergotherapeutin bei der
Rheumaliga Schweiz
„Da prallen manchmal zwei Welten
aufeinander“

14 Theorien in der Ergotherapie

16

Top-down versus Bottom-up

39

Klientenkolumne
Der Ergotherapierte

40

45 Gemeinsam zu neuen Zielen

Sie sind nicht allein
48 Die Rechtsfrage

Was tun bei Verdacht auf Missbrauch?
49 Schwarzes Brett
52 Rezensionen – Vier im Visier

Info
54 Produktforum
55 Fortbildungskalender
56 Fortbildungsmarkt
58 Stellenmarkt
59 Ausblick
59 Impressum

Auswirkungen von Lärm
Zu viel um die Ohren

42

Ergonomische Möbel für Kinder
Bewegte Schulstunden

Damit der Arm wieder dazugehört
25 Fragen zur Neurokognitiven

ergopraxis 1/16

­Rehabilitation nach Perfetti

Fasziale Behandlung
Die therapeutischen Techniken zur Behandlung des faszialen Systems reichen von sanft
bis schmerzhaft. Was genau hinter der
Faszientherapie steckt und was Faszien mit
Ergotherapie zu tun haben, lesen Sie
auf Seite
→ 26

Neurokognitive Rehabilitation nach Perfetti
Das zentrale Nervensystem neu organisieren – vor dieser Herausforderung stehen
Ergotherapeuten bei Klienten mit Hemiplegie.
Kognitiv-therapeutische Übungen eignen
sich besonders, um eine alltagsgerechtere
Wahrnehmung wiederzuerlangen.
→ 20

Top-down versus Bottom-up
Franka hat gelernt, im Erstgespräch Top-down
vorzugehen und die Ziele und Anliegen des
Klienten zu klären. Was aber, wenn der Klient
davon nichts hält und direkt mit Übungen
loslegen will? Franka sucht Rat und ruft ihren
ehemaligen Kommilitonen Joe an. 
→ 34

5

Gesprächsstoff | Raúl Krauthausen

10

» Ergos sind
eine Art
MacGyver «
INTERVIEW MIT RAÚL KRAUTHAUSEN   Wir treffen in Berlin den Autor und Ideengeber Raúl

Herr Krauthausen, der Titel Ihres
­Buches lautet „Dach­decker wollte ich
eh nicht werden“. Welchen Berufswunsch
­hatten Sie als Kind?
Ich glaube, in der Kindheitsphase all die Berufe,
die Kinder werden wollen: Müllmann, Polizist,
Pilot. Je älter ich dann wurde, desto mehr interessierte ich mich für Politik und Medien. Mein
Traum war es, beim Radio zu arbeiten und was
mit Medien zu ­machen. Nach meinem Abitur
studierte ich Gesellschafts- und Wirtschafts­
kommunikation und arbeitete auch in dem
Feld. Nebenbei hatte ich immer das Bedürfnis,
mich zu engagieren, wie auch immer geartet.

Ich kann nicht jedes ­Ehrenamt ausüben, aber
meine Stimme kann ich benutzen. So entschied ich mich für eine Aus­bildung zum Telefonseelsorger. Das habe ich dann ein Jahr lang
gemacht. Nebenbei habe ich mir mit Freunden
Projekte aus­gedacht. Daraus ist dann mein
­jetziger Beruf geworden.
Was ist Ihr Beruf heute?
Ich habe gemeinsam mit Freunden vor elf
­Jahren einen Verein gegründet, der sich Sozialhelden nennt. Wir machen seit fünf Jahren
Projekte zum Thema Inklusion. Dazu zählt
unter anderem die „Wheelmap“ – eine Online-

Karte, um rollstuhlgerechte Orte zu suchen und
zu finden. Das ist in der Form zum größten
Projekt der Welt geworden. Ein weiteres Projekt
ist „Leidmedien“, ein Online-Portal für Journalisten, die sich darüber informieren wollen, wie
man urteilsfrei über Menschen mit Behin­
derung schreibt oder spricht. Aber alles in
­allem würde ich sagen, mein Beruf ist Aktivist.
Das steht zumindest auf meiner Visitenkarte.
Denn ein Aktivist kämpft für eine Idee. Und die
Idee ist die Inklusion. Als Aktivist erklärt man
sich dazu bereit, ­so lange zu kämpfen, bis das
Ziel erreicht ist und nicht, um seine Miete
­bezahlen zu können.

ergopraxis 1/16

­Krauthausen, der für die Rechte von Menschen mit Behinderung kämpft. Er selbst hat Osteogenesis
Imperfecta, im Volksmund Glasknochen. Der 35-Jährige erzählt von Schlüssel­momenten aus seinem
Leben, die aus ihm den engagierten Menschen gemacht haben, der er heute ist.

Gesprächsstoff | Raúl Krauthausen

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Abb.: Andi Weiland/SOZIALHELDEN e.V.

Welche Parallelen haben Sie entdeckt?
Zum Beispiel, dass man als Mensch mit Behinderung sehr oft als Diagnose gesehen wird –
ein Mensch, der normalisiert werden muss,
anstatt ihn so zu nehmen, wie er ist. Gerade in
Deutschland haben wir noch eine sehr starke
medizinische Perspektive auf das Thema. D
­ abei
ist Behinderung gesellschaftlich-kulturell
geprägt, und die Grenzen sind verhandelbar.
Früher hatten wir den Zappelphilipp in der
Klasse, heute haben diese Kinder alle ADHS.
Das ist etwas typisch Deutsches. Gerade im
­Inklusionsdialog habe ich das Gefühl, der
Schrei nach Fachkräften ist so groß, dass die
Frage des gesunden Menschenverstandes viel
zu kurz kommt. Eine Mutter, die ein behindertes Kind auf die Welt bringt, war vorher auch
keine Fachkraft. Warum müssen wir vorher alle
Fachkräfte sein, um uns dem Thema Inklusion
zu stellen?

Würden Sie sich als „Berufsbehinderter“
­bezeichnen?
Ich glaube, das ist so ein bisschen passiert. Ich
wollte bis zu meinem 27. Lebensjahr nichts mit
dem Thema zu tun haben und habe das auch
weit von mir ferngehalten. Beim Schreiben
meines Diploms, wo ich zur Dar­stellung von
Menschen mit Behinderung im Fernsehen geforscht habe, merkte ich, das könnte ja doch
ein spannendes Thema sein. Also habe ich
­begonnen, mich mehr oder weniger ernsthaft
damit zu beschäftigen. Dabei entdeckte ich
sehr viele Parallelen zu meinem Leben, was
mich sehr bewegt und berührt hat.

In Ihrem Buch bekommen die Leser Einblick,
wie Sie aufgewachsen sind. Sie haben von
­Ihrer Mutter keine Sonderbehandlung erfahren. Heißt das, Sie wurden inklusiv erzogen?
Ich glaube, dass meine Eltern gar kein Konzept
von Erziehung hatten. Das Wort Inklusion
kannten die auch gar nicht. Der Begriff wurde
ja auch erst viel später definiert. Vieles hatte in
meinem Leben mit Zufällen zu tun: Die Wahl
des Kindergartens und der Schule kam nur
deswegen zustande, weil wir dem Faden einer
anderen Familie gefolgt sind, aber nicht weil
meine Mutter besessen davon war, dass ich
­unbedingt integrativ aufwachse. Solche Schulen gab es damals auch noch gar nicht. Das war
viel Glück und gesunder Menschenverstand.
Ich bin ein Einzelkind und wurde unglaublich
verwöhnt. Ich würde schon sagen, ich habe
eine Sonderbehandlung bekommen, allein aufgrund meiner Behinderung. Aber es war auch
nie die Frage, ob irgendetwas wegen meiner
Behinderung nicht geht. Sondern: Das geht
schon irgendwie! Das habe ich sehr stark meiner Mutter zu verdanken. Sie konnte Gelassenheit entwickeln, da das Umfeld dies zuließ und
sie darin bestärkte.
Welches Umfeldes bedarf es denn, dass Inklusion überhaupt funktionieren kann?
Also ich glaube, ganz viel hat mit dem Thema
Wahlfreiheit und Begegnung zu tun. Ich habe
das Glück gehabt, dass ich im Westberlin der
80er Jahre aufgewachsen bin. Da gab es Initia-

tiven von links-alternativen Eltern, die wollten,
dass auch ihr behindertes Kind dorthin geht.
Ein Umfeld von „Das geht schon irgendwie“,
das braucht man.
Das Thema Inklusion begegnet einem zunehmend. Freut Sie das?
Ja, natürlich. Aber das Wort Inklusion, das ich
sehr mag, wird gerade an allen Enden ver­
wässert. Da gibt es Förderschulen für Kinder
mit Behinderung, die sich Inklusionsschulen
nennen. Inklusion ist aber etwas anderes! Es
hat nichts mit verschiedenen Behinderungs­
formen in einem Raum zu tun. Deswegen
­bezeichnen sich viel mehr Menschen als Inklusionisten, als es sollten. Die Idee der Inklusion
ist, die Vielfalt von Menschen anzunehmen
und zu bewältigen.
Sehen Sie Schnittstellen zwischen Ergotherapeuten und Inklusion?
Ergotherapeuten sind in meinen Augen eine
Art MacGyver, die erfinderisch versuchen, das
Individuum in die Lage zu versetzen, teilzu­
haben. Das ist eine individuelle Geschichte.
Aber Inklusion ist eine gesamtgesellschaftliche

» Menschen mit Behinderung
werden sehr oft als
Diagnose gesehen. «
­ ache. Menschen mit Behinderung möchten
S
nicht zwangsläufig repariert werden. Es sollte
nie darum gehen, den Menschen der Umwelt
anzupassen. Egal ob der Mensch eine Behin­
derung hat oder nicht, oder einen Migrations­
hintergrund. Wir sollten daran arbeiten, eine
Gesellschaft zu bauen, die Vielfalt zulässt.
Haben Sie Berührungspunkte zum Berufsbild
Ergotherapie?
Ich muss ganz ehrlich sagen, das Wort Therapie ist in meinen Augen auch schon so medizinisch geprägt, dass es einen sofort in eine
Schublade steckt. Das schreckt mich ab. Ein
Beispiel aus meiner Kindheit: Ich kann mich
erinnern, dass ich nie Krankengymnastik
­machen wollte, denn ich fühlte mich nie krank.
Und Gymnastik machten die älteren Menschen
im Fernsehen. Ich habe mich nie damit assoziiert. Hätte man das Sport genannt, wäre ich
wahrscheinlich hingegangen. So hieß es
immer: „Raúl ist der andere.“ Ähnlich ist es mit
der Ergotherapie. Ich habe halt ein Problem

11

Gesprächsstoff | Raúl Krauthausen

mit der Bezeichnung „Ergotherapie“ als Wort.
Ich würde lieber sagen, MacGyver oder Daniel
Düsentrieb!
Sie setzen sich für Ihre Rechte ein. Menschen
mit geistiger Behinderung haben nicht die
gleichen Möglichkeiten, sich zu wehren. Sie
sind einer größeren Gefahr ausgesetzt, isoliert
zu werden. Kann man Menschen mit geistiger
Behinderung dieselbe Unterstützung geben
wie Menschen mit körperlicher Behinderung?
Das Thema ist sehr komplex. Das kann man
nicht mit einem Ja oder Nein beantworten.
Wovor ich aber wirklich warne, ist, dass wir
eine neue Trennlinie ziehen: Körperliche Behin­
derung ist okay, aber geistige Behinderung ist
schwierig. Das wäre zu einfach und führt nur
dazu, dass sich nicht behinderte Menschen von
der Verantwortung entlasten können, sich
dem Thema zu stellen. Es ist wichtig, über den
Gedanken der Begegnung noch mal nach­
zudenken. Woher kommen denn diese Ängste
und Vorurteile? Wer sagt denn, dass Menschen
mit geistiger Behinderung einer Gefahr ausgesetzt sind? Oder ist es nicht andersherum, dass
nicht behinderte Menschen Angst davor ­haben
und deshalb so argumentieren? Das müssen
wir herausfordern, herausfinden und auch
­lösen. Natürlich hilft einem Menschen mit
geistiger Behinderung weder eine Rampe noch
ein Aufzug. Deshalb können es nicht die gleichen Mittel sein, die man benutzt. Aber die
Idee dahinter ist dieselbe. Ein Mensch mit geistiger Behinderung braucht vielleicht leichte
Sprache oder sollte ein Recht auf Assistenz
­haben oder das Recht auf Kinder. Anstatt alles
immer gleich zu verteufeln, sollten wir das
­gesellschaftlich diskutieren.
Wo sehen Sie die größte Gefahr für Menschen
mit geistiger Behinderung?
Ich beobachte bei Menschen mit geistiger
­Behinderung zwei Phänomene: 1. Sie tauchen

immer in Gruppen auf. Das macht es schwierig
zu sehen, was der Einzelne braucht. Man redet
immer von den geistig Behinderten. Dabei
sind sie genauso vielfältig wie Menschen ohne
Behinderung. 2. Wir machen den Fehler, ihnen
zu unterstellen, dass sie lebensfroh und nah an
ihren Emotionen sind. Das sind alles Vorurteile.
Das macht es schwer, erwachsene Menschen
mit Trisomie 21 wirklich als Erwachsene zu
­behandeln. Stattdessen behandeln wir sie wie
Kinder und ziehen ihnen einen Mickey-MousePulli an. Da gibt es noch viel zu tun. Was völlig
unterschätzt ist, und das erlebe ich übrigens
auch bei mir selbst, dass ich ganz oft höre:
„Naja, die wollen das ja so.“ Aber wenn Menschen mit geistiger Behinderung oder allgemein mit Behinderung oder generell ­Menschen
in einem Umfeld aufwachsen, das ­erwartet,
dass sie so sind, dann internalisiert man das
natürlich auch und übernimmt diese Denkmodelle. Das betrifft jeden. Es fängt schon damit

» Menschen mit Behinderung
sollten durch ihr Umfeld
in die Lage versetzt werden,
ihre eigenen Grenzen
zu testen. «
an, dass wir erwachsene ­Menschen mit Trisomie 21 duzen. Normalerweise würden wir
fremde Menschen schließlich auch nicht duzen. Oder wir nennen sie l­iebevoll „Downies“.
Das ist eine Reduktion von Menschen auf eine
ihrer Eigenschaften. Das muss durchbrochen
werden. Das ist nur zu schaffen durch echte
Begegnung und durch ressourcenorientierte
Perspektiven.
Was können Ergotherapeuten tun, um zum
Prozess der Inklusion beizutragen?
Toll wäre es, wenn sie eine Art Anwalt sein
könnten. Wenn Ergotherapeuten jemanden im

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Alltag begleiten, könnten sie weniger als Assistenten tätig sein, sondern vielmehr als Berater.
Es wäre schön, wenn sie ein Mandat für die
Rechte des Menschen mit Behinderung hätten,
den sie begleiten, und gegen die diskriminierende Umwelt kämpfen, anstatt den vermeintlich kaputten Menschen zu reparieren. Ein
­Ergebnis könnte sein, dass die ausgebildeten
Ergotherapeuten die richtigen Argumente
­haben, um Verantwortliche davon zu über­
zeugen, dass hier gerade eine Diskriminierung
stattfindet und dass das Problem strukturell ist
und weniger mit dem Individuum zu tun hat.
Aber ich weiß nicht, ob das Ergotherapeuten
­machen. Das würde jedoch dem Begriff des
Inklusionisten am nähesten kommen.
Wie sieht die Diskriminierung konkret aus, die
Sie erfahren?
Menschen mit Behinderung unterliegen einem
permanenten Nachweiswahn. Bei mir ist es
zum Beispiel so: Ich bekomme täglich zwölf
Stunden Assistenz und darf monatlich nicht
mehr verdienen als den doppelten Hartz-IVSatz. Ich darf auch nicht mehr sparen als 2.600
Euro, und das, obwohl ich zwei Studiengänge
­abgeschlossen und inzwischen zwölf Arbeitsplätze ­geschaffen habe. Ich verdiene weniger
als meine Angestellten. Das ist ein Widerspruch zur Idee der Inklusion. Ich habe vielleicht eine Karriere in der Bildungslaufbahn
hingelegt, die eigentlich der Prototyp für inklusive Bildung ist, aber wenn sich das dann später so sehr auffrisst, kann man sich schon die
Frage stellen, warum soll ich arbeiten gehen?
Ich könnte auch einfach nur Hilfe beantragen,
und die ­A ssistenz wäre die gleiche, die ich
brauche. Ich würde gar nichts zur Gesellschaft
bei­tragen. Das ist eindeutig diskriminierend. Es
gibt noch viel mehr Fälle, die in sich widersprüchlich sind.
Was meinen Sie mit Nachweiswahn?
Ich muss alle drei Monate meine Assistenz neu
beantragen und nachweisen, dass ich immer
noch meine Behinderung habe. Das ist völlig
absurd. Es gibt niemanden, der bei der Behinderungsform, wie ich sie habe, jemals springend aus dem Rollstuhl aufgestanden ist und
plötzlich zwei Meter groß war. Insofern muss
man das auch nicht prüfen. Und das ist etwas,
was 700.000 Menschen betrifft. Alle h
­ aben
versucht, etwas daran zu ändern. Das Gesetz
ist eindeutig. Eindeutig diskriminierend, seit

ergopraxis 1/16

12

Gesprächsstoff | Raúl Krauthausen

Hören Sie Argumente gegen Inklusion?
Argumente dagegen, höre ich nicht so oft. Ich
habe nun mal eine Behinderung, und die Leute
halten damit vielleicht mehr hinter dem Berg.
Die Argumente, die ich aber hinter den Kulissen
höre, sind primitiv. Die gab es 1920 schon, als
wir diskutiert haben, ob wir Jungen und Mädchen in gemeinsame Schulen schicken. Das
sind die gleichen Vorurteile. Eine körper­liche
oder geistige Behinderung muss nicht zwangsläufig eine Klasse aufhalten. Neulich hat mir
ein Schulpsychologe erzählt, dass die Kinder,
die zu ihm kommen, meistens ohne Behinderung sind, sondern aus verlassenen oder zerrütteten Elternhäusern kommen. Das ist im
Zweifel behindernd, und das kann alle betreffen. Es hat nichts damit zu tun, ob jemand
nicht sehen kann oder nur einen Arm hat.

ergopraxis 1/16

Sie sind Paradebeispiel dafür, was sich für ein
Potenzial entwickeln kann, wenn ein Mensch
mit Behinderung die Chance bekommt, inklusiv aufzuwachsen. Sehen Sie sich als Vorbild?
Das höre ich manchmal. Die Verantwortung
finde ich ein bisschen beängstigend. Denn es
gibt garantiert auch Menschen mit Behin­
derung, die bei inklusiver Erziehung nicht diese
Entwicklung machen. Das ist auch okay. Es
muss auch nicht jeder Mensch, der querschnittgelähmt ist, paralympischer Sportler
werden. Diese Vorbildfunktion möchte ich gar
nicht so sehr für mich annehmen. Jeder macht
es so, wie er es für richtig hält, und vielleicht
bin ich einfach schon besessen.
Was treibt Sie in Ihrer Arbeit an?
Ich möchte viel mehr Menschen mit Behin­
derung motivieren, zur Inklusionsdebatte beizutragen. Denn wenn wir die Zeitung aufschlagen – metaphorisch gesprochen – und über
Inklusion lesen, dann reden immer nicht
­behinderte, heterosexuelle Männer darüber.
Das verzerrt die Debatte. Wir sind schließlich
gesellschaftlich auch noch nicht so weit, dass
wir männliche Frauenbeauftragte haben. Deshalb ist es eigentlich eine Anmaßung, wenn

nicht behinderte Vorstände von karitativen
Einrichtungen von Inklusion reden. Sie sind die
Letzten, die das sollten.
Sie sind sehr kritisch in Ihren Äußerungen.
Wir müssen kritisch bleiben, gerade bei karitativen Einrichtungen, inwieweit es Existenz­
sicherung und Bestandswahrung in einer Welt
hin zur Inklusion ist. Natürlich müssen Wohnheime voll bleiben, und eine Werkstatt für
Menschen mit Behinderung muss profitabel

» Toll wäre es, wenn Ergotherapeuten für Menschen
mit Behinderung eine Art
Anwalt sein könnten. «
sein. Eine Werkstatt wäre blöd, wenn sie ihre
besten Mitarbeiter in den ersten Arbeitsmarkt
freigibt. Dann wären sie nicht mehr wirtschaftlich. Man sieht, das Anreizmodell ist kaputt.
Der Anreiz müsste eher darin bestehen, dass
man so viele Menschen wie möglich dem ersten A
­ rbeitsmarkt freigibt und nicht, dass sie
untereinander im Wettbewerb stehen und um
die Aufträge von Volkswagen buhlen. Das sind
Widersprüche, die man aufdecken muss. Ich
finde es sehr bezeichnend, wer diesen Inklu­
sionsbegriff gerade definiert und wie wenig
Menschen mit Behinderung in diesem Diskurs
überhaupt angehört werden. Wenn, dann wird
über sie gesprochen und in den seltensten
­Fällen mit ihnen. Inklusion bedeutet auch, dass
es Ergotherapeuten mit Behinderung gibt oder
man mit dem Elektrorollstuhl im Doppel­
deckerbus oben sitzen kann. Aber davon sind
wir weit entfernt.

Bettina M. Heinrich
arbeitet in der Redaktion
der ergo­praxis.
Sie traf Raúl Krauthausen
zum Interview in der
gemütlichen Kantine des
Vereins „Sozialhelden“ in
Berlin-­Friedrichshain.

Abb.: Bettina M. Heinrich

über 20 Jahren. Da muss sich eine Bundes­
regierung schon die Frage stellen, ­warum
­sehen wir Menschen mit Behinderung immer
als Belastung anstatt als Bereicherung? Ich will
ja auch nichts schönreden. Natürlich ist Inklusion Arbeit, genauso wie die Flüchtlingspro­
blematik.

Was wünschen Sie sich an Veränderung in den
nächsten Jahren?
Ich wünsche mir, dass Menschen mit Behin­
derung durch ihr Umfeld in die Lage versetzt
werden, ihre eigenen Grenzen zu testen. Es
sind sicherlich andere Grenzen als bei Menschen ohne Behinderung. Aber jeder hat ein
Recht, Niederlagen zu erleben, wieder aufzustehen und weiterzumachen. Genauso wie ein
Recht darauf, sich in verschiedenen Berufen
auszuprobieren und zu reisen. Alles, was nicht
behinderte Menschen als selbstverständlich
erachten, wird Menschen mit Behinderung
verwehrt.
Wenn Sie König von Deutschland wären, was
würden Sie als Erstes ändern?
Als Erstes würde ich anerkennen, dass Menschen mit Behinderung überproportional
­bereit sind, sich ehrenamtlich für ihre eigenen
Belange zu engagieren. Ich würde versuchen,
das wertzuschätzen und finanziell zu unterstützen. Dann würde ich gucken, wo es strukturelle Diskriminierung gibt und wo sich die
Idee der Inklusion in den eigenen Schwanz
beißt. Da ich ja König bin, gibt es wahrscheinlich keine föderale Struktur. Also würde ich
Gesetze erlassen, die dann zu gelten haben.
Ich würde Kindergärten und Schulen dazu
­animieren, etwas für die Inklusion zu tun. Das
müssten wir auch weiterdenken und auf die
Arbeitswelt beziehen. Eine Quotierung von
­Arbeitsplätzen für Menschen mit Behinderung
wäre die Folge. Und das führt dann zwangs­
läufig zu der Akzeptanz bzw. Feststellung, dass
Assistenz etwas ist, was die Solidargemeinschaft zu finanzieren hat.
Das Interview führte Bettina M. Heinrich.

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