Leben

ZUR PERSON
Raúl Krauthausen (34) wurde in Lima
(Peru) geboren. Seine Eltern zogen früh mit
ihm nach Berlin, wo er heute lebt. Krauthausen studierte Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation, arbeitete bei einem
Jugend-Radiosender und Werbeagenturen.
Vor zehn Jahren gründete er mit seinem
Cousin den Verein „Sozialhelden“ und engagiert sich seitdem für die Rechte behinderter Menschen. 2013 erhielt er das Bundesverdienstkreuz. Seine Autobiografie heißt
„Dachdecker wollte ich eh nicht werden“.
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Leben

Raus aus
der Komfortzone
Aktivist Raúl Krauthausen hat eine 60-Stunden-Woche.
Das muss so sein: Er kämpft für Inklusion.
Seine Forderung: Gleiche
Chancen für behinderte und
nicht behinderte Menschen.

N

eugierde ist okay für ihn. Schon
als Kind hat er gelernt, damit
umzugehen. Raúl Krauthausen
hat Glasknochen, was eigentlich schon
alles sagt. Sie sind zerbrechlich. Deswegen fährt er einen Rollstuhl mit Elektromotor. Kinder finden das faszinierend
und stellen Fragen. Unverblümt und
ehrlich. „Nach zehn Minuten ist Kindern das mit der Behinderung egal.
Danach wollen sie wissen, wie schnell
mein Rollstuhl ist und auch mal fahren“, sagt Krauthausen lachend.
Man spürt, gerne würde er es so auch
in der Gesellschaft erleben: Eine Behinderung ist egal. Doch so ist es nicht:
Man muss über „Behinderung“ reden,
über „behindert werden“, man muss
aufklären, Dinge ändern. Deswegen ist
er vor zehn Jahren Aktivist für Inklusion
und Barrierefreiheit geworden. Seine
Medien sind das Internet und sein
Verein die Sozialhelden.
Wir treffen ihn in einem Café mit
veganem Kuchen, vietnamesischem
Kokosmilch-Kaffee und KunterbuntWänden inmitten Berlins.

Ausgabe 3.2015

Was heißt für Sie Inklusion?
Das bedeutet für mich, dass wir eine
Gesellschaft brauchen, in der alle
Menschen – egal welche Voraussetzungen sie haben – ihre Ziele erreichen können. Inklusion bedeutet
auch, dass wir lernen, dass unsere
Gesellschaft bunt und vielfältig ist. Sie
ist ein Prozess der Annahme und Bewältigung von menschlicher Vielfalt.
Und wo stehen wir da heute?
Im Vergleich zu anderen Ländern
gibt es hier noch eine starke Fürsor-

gementalität. Die Mehrheit glaubt definieren zu müssen, was behinderte
Menschen brauchen anstatt ihnen
zuzuhören.
Was sollte sich in Deutschland in
20 Jahren geändert haben?
Auf jeden Fall sollte unser Schulsystem
so offen sein, dass Kinder mit und ohne Behinderung in gleiche Klassen
gehen. Die Klassen sollten kleiner
sein und man sollte aufhören, die
Schwächeren in sogenannte Förderschulen auszusortieren.
zukunft jetzt 15

Sie sagen, es gibt noch zu viel Diskriminierung ...
Ja, ich kann zum Beispiel nicht privat
für das Alter vorsorgen: Im Alltag bin
ich auf einen Assistenten angewiesen. Deswegen hat das Sozialamt Zugriff auf mein Vermögen. Alles, was
ich über einen Grenzsatz verdiene,
wird zum Großteil eingezogen. Ich
darf zwar riestern, aber ob ich mit
meiner genetischen Disposition 67
Jahre alt werde und was ich von meiner Riester-Rente habe, ist fraglich.
Warum sprechen Sie von „behinderter
Mensch“, nicht von „Behinderter“?
„Behinderter Mensch“ lässt offen,
ob ich eine Behinderung habe oder
in der Gesellschaft behindert werde.
„Behinderter“ beinhaltet das Wort
„Mensch“ nicht mehr und die Kombination „Mensch mit Handicap“
mag ich nicht. Das hört sich an, als
würde man sich einen modernen
englischen Begriff suchen, um das
Wort „behindert“ zu vermeiden. Im
amerikanischen Kontext hat „Handicap“ noch eine unterschwellige
Bedeutung: „someone with a cap in
his hand“ – jemand mit einer Kappe
in der Hand, der bettelt.
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Bleiben wir bei Formulierungsfallen: Was, wenn dem Gegenüber
„Komm lass uns gehen“ rausrutscht?
Mit so einer Formulierung habe ich
gar kein Problem und auch blinde
Menschen sagen übrigens „Auf Wiedersehen“. Schlimmer sind andere
Formulierungen wie „er leidet an
Glasknochen“ oder „er ist an der Rollstuhl gefesselt“. So was urteilt über
mein Empfinden: Ich erlebe meine
Glasknochen nicht als „Leid“ und
meinen Rollstuhl nicht als „Fesselung“ – er ermöglicht mir vieles.
Wie empfinden Sie Fragen zu Ihrer
Behinderung?
Grundsätzlich sind die okay, aber
bitte mit ein bisschen Empathiezeit.
Vielleicht erst Mal fragen, wie man
heißt, was man macht, wo man herkommt. Ich erlebe schon viele merkwürdige Situationen. Neulich hat
mich eine unbekannte Frau im Zug
als Erstes gefragt, wo ich in Behandlung bin. So eine Frage jemanden
gleich zum Start zu stellen, würde ich
mich nie trauen. Ich habe geantwortet: „Ich bin nicht in Behandlung –
und Sie?“ Da hat sie gemerkt, dass ihre Frage deplatziert war.

Reagieren Ältere anders als jüngere
Eltern?
Ja, jüngere Eltern gehen mit dem
Thema Behinderung offener um.
Großeltern stecken manchmal noch
in alten Denkmustern, zerren das
Kind weg, sagen „guck da nicht hin“
oder „das ist aber ein schönes Auto“.
Kinder vertragen die Wahrheit: das
ist kein Auto, das ist ein Rollstuhl.
Apropos: Stimmt es, dass Ihr Rollstuhl getunt ist?
Ja, der fährt schneller als die meisten anderen Rollstühle dieser Kategorie. Das ist der beste Rollstuhl,
den ich je hatte. Fragen zum Rollstuhl sind übrigens auch okay, wenn
es nicht gleich die Kennenlernfragen sind.
Wie gehen Sie damit um, dass Sie in
Ihrem Umfeld manchmal Unsicherheit auslösen?
Schon als Kind habe ich die Strategie
entwickelt, mit Humor Situationen
zu entkrampfen. Aber manchmal ist
das schon anstrengend, immer derjenige zu sein, der anderen Menschen die Angst nimmt. Und ab und
zu habe ich weder dazu die richtige
Ausgabe 3.2015

Fotos: Ragnar Schmuck

» Die Mehrheit glaubt definieren zu
müssen, was behinderte Menschen
brauchen anstatt ihnen zuzuhören.«

Kinder starren Sie manchmal an. Wie
sollten Eltern reagieren?
Eltern sollten Kindern beibringen,
dass eine Behinderung nicht immer
automatisch etwas mit Leid oder
Schmerzen zu tun hat. Sie können
auch ruhig zu ihrer Unsicherheit stehen und sagen „Schatz, ich weiß
nicht, was derjenige hat. Aber wenn
du es wissen willst, können wir gemeinsam fragen“. Natürlich müssen
sie dann auch das Risiko eingehen,
dass der Betroffene gerade die Frage
nicht beantworten will. Bei Kindern
gebe ich mir oft Mühe, alles kindgerecht zu beantworten.

Leben

Stimmung noch Lust, den „Erklärbär“ zu geben.
Man kennt Sie aber eher gutgelaunt.
Sie machen selbst oft Witze, auch
über sich. Gehen für Sie Behindertenwitze?
Ja, wenn es ein gemeinsames Lachen
ist und kein Auslachen. Bei Behindertenwitzen gibt es kein Richtig oder
Falsch: Man muss schon empathisch
genug sein zu erkennen, ob der Witz
beim Gegenüber angebracht ist.
Sie haben mal gesagt, Sie müssen
immer 120 Prozent geben. Was haben
Sie damit gemeint?
Das Gefühl haben viele Menschen
mit Behinderung: Ich muss mehr geben, um meinem Gegenüber zu zeigen, dass ich auch was kann. Das ist

anstrengend, wenn man dauernd
vermitteln muss, dass man zwar im
Rollstuhl sitzt, aber geistig voll mithalten kann. Wenn ein Fahrstuhl
kaputt ist, gebe ich allein schon auf
dem Weg zur Arbeit 120 Prozent im
Vergleich zu einem nicht behinderten Menschen. Der kann einfach die
Treppe nehmen, ich nicht.
Anderen behinderten Menschen empfehlen Sie „Raus aus der Komfortzone“.
Stimmt. Auch wir Menschen mit Behinderung sollten uns an unsere
Grenzen wagen, unsere Leidenschaften entdecken und wir sollten nicht
darauf warten, dass die Welt um uns
uns alles ermöglicht. Gleichzeitig ist
mir klar: Dafür müssen die Rahmenbedingungen stimmen. Deswegen
brauchen wir Inklusion.

∏ SOZIALHELDEN.DE

Der Verein die Sozialhelden versteht sich
als Denkfabrik für soziale Projekte. Ziel ist
es, Menschen zum Mitmachen zu animieren. 2010 entstand „wheelmap.org“ – eine
Onlinedatenbank für rollstuhlgerechte
Orte mit inzwischen mehr als 520 000 Einträgen.
Die Internetseite brokenlifts.de (englisch
für „kaputte Fahrstühle“) meldet in Berlin
defekte Fahrstühle im öffentlichen Nahverkehr. So können Rollstuhlfahrer, Reisende
mit schweren Koffern oder Familien mit
Kinderwagen rechtzeitig umplanen. Das
Projekt „tausendundeinerampe.de“ sammelt Spenden für mobile RollstuhlRampen, die vor Einrichtungen, Cafés
und Läden Schwellen überwinden.
Zum Nachmachen motiviert das Projekt
„GUTschein zum Gut sein“: Die Sozialhelden schicken Ihnen fünf GUTscheine.
Dann vollbringen Sie gute Taten und verschenken GUTscheine an Menschen, denen
sie geholfen haben. Die wiederum helfen
ihrerseits einem Menschen und schenken
den GUTschein weiter. Mehr Infos unter
www.sozialhelden.de.

» Schon als Kind habe ich die
Strategie entwickelt, mit Humor
Situationen zu entkrampfen.«
Ausgabe 3.2015

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