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Proseminar: Europäische Arbeitskräftewanderung seit 1945

Sommersemester 2008/09

Dozentin: Olga Sparschuh

Die Wohnsituation türkischer Arbeiter während der Zeit des


Gastarbeiterprogramms und kurz nach dem Ende des Programms: eine
Erklärung für die Konzentration von türkischen Arbeitern in den
Stadtbezirken Kreuzberg, Neukölln und Wedding

George Haack Osei-Mensah


Austauschsemester Middlebury College
Goerzallee 135
12207 Berlin
Gliederung

1. Einleitung .................................................................................................................. 1

2. Parallelgesellschaft .................................................................................................... 2
2.1. Zum Begriff der Parallelgesellschaft .................................................................. 2
2.2. Charakteristika einer Parallelgesellschaft .......................................................... 2

3. Zuwanderung der Türken in Berlin ........................................................................... 3


3.1. Das Anwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der
Türkei ........................................................................................................................ 3
3.2. Die Ursachen der Zuwanderung der Türken in Berlin ....................................... 4
3.3. Die Konzentration von türkischen Arbeitern in den Bezirken Kreuzberg,
Wedding und Neukölln ............................................................................................. 5

4. Wohnsituation ........................................................................................................... 6
4.1. Die Gastarbeiterära ............................................................................................. 6
4.2. Nach dem Anwerbestopp ................................................................................... 7
4.3. Die Wohnsituation und Verteilung der Türken im Zusammenhang mit dem
Begriff der Parallelgesellschaft ............................................................................... 11

5. Fazit ......................................................................................................................... 13

6. Literaturverzeichnis ................................................................................................. 15
1

1. Einleitung

2007 lebten 1.713.551 Türken in Deutschland, davon 117.736 in Berlin.1,2 Die Ver-
teilung der Türken in der Großstadt Berlin ist sehr ungleichmäßig. Der höchste An-
teil 21,9 % der Türken wohnt in Neukölln und nur 139 (0,12 %) Türken in Weißen-
see.3

Die drei Stadtbezirke mit dem Anteil an türkischen Einwohnern sind in absteigender
Reihenfolge Neukölln, Wedding und Kreuzberg. Insgesamt leben 58,7 % der Türken
in Berlin in diesen drei Stadtteilen. Die türkische Bevölkerung in Deutschland hat
eine lange Geschichte, sowohl in der gesamten BRD als auch in Berlin. Als die türki-
schen Arbeitnehmer nach Berlin kamen, wurden sie in engen Holzbaracken unter-
gebracht. Später als sie länger gültige Aufenthaltsgenehmigungen bekamen, traten
sie auf den Wohnungsmarkt und trafen bei der Wohnungssuche auf viele Schwierig-
keiten. Die türkischen Arbeitnehmer konnten aufgrund ihres geringen Einkommens
lediglich aus den ihnen zur Verfügung stehenden Wohnungen in den oben genannten
Bezirken wählen.

Ich argumentiere, dass türkischen Arbeiter nicht allein verantwortlich für ihre Kon-
zentration in einem bestimmten Stadtteil sind. Diese Arbeit wird dies durch die Be-
schreibung der Wohnsituation der türkischen Bewohner während der Zeit des Gas-
tarbeiterprogramms und nach dem Schluss des Programms aufzeigen.

Der erste Teil der Arbeit wird das Konzept einer Parallelgesellschaft erklären. Der
Hauptteil der Arbeit soll sich mit der Zuwanderung der türkischen Arbeiter in Berlin
und der Wohnsituation der türkischen Migranten in Berlin während der Gastarbeiter-
ära und nach dem Abschluss des Anwerbeprogramms beschäftigen. Zum Schluss
wird die Arbeit die Verbindung zwischen der Konzentration von Türken an einem
einzelnen Ort und der Möglichkeit von Entstehung einer Parallelgesellschaft themati-
sieren.

1
Statistisches Bundesamt: Statistisches Jahrbuch 2008. Wiesbaden: Statistisches Bundesamt 2008. S.
47
2
Diese Anzahl entspricht nur den Türken mit türkischer Staatsangehörigkeit und nicht denen, die ei-
nen türkischen Migrationshintergrund haben.
3
Vgl. Greve, Martin; Orhan Kalbiye: Berlin Deutsch-Turkisch: Einblicke in die neue Vielfalt. Berlin:
Der Beauftragte des Senats von Berlin 2008. S. 13
2

2. Parallelgesellschaft

2.1. Zum Begriff der Parallelgesellschaft

In den letzen Jahren ist der Ausdruck „Parallelgesellschaft“ sehr gebräuchlich ge-
worden. Dieser Terminus taucht normalerweise während Debatten und Diskussionen
um die Integration der Minderheitengruppen in einer Gesellschaft auf. In der Bun-
desrepublik Deutschland fand der Begriff „Parallelgesellschaft“ vermehrt nach dem
11. September 2001 und später im Jahr 2004, nach dem Mord des niederländischen
islam-kritischen Filmemachers Theo Van Gogh, seinen Weg in die Medien und in
die politischen Debatten. Viele haben sich gefragt, ob solche Gewalt in Deutschland
nicht auch geschehen könnte. Es gibt bis jetzt keine allgemein akzeptierte Definition
für diesen Begriff, nur gemeinsame Merkmale und Beispiele für diese Art von Ge-
sellschaft. Das Wort „Parallelgesellschaft“ beschreibt die Existenz einer zusätzlichen
Gesellschaft, die parallel zur vorhandenen Gesellschaft existiert. Das heißt, die Kul-
tur dieser „Parallelgesellschaft“ ist anders als die Kultur der schon existierenden Ge-
sellschaft (manchmal bezeichnet als „Leitkultur“).

In einem Beitrag „Gesetz, keine Werte“ schrieb Arno Widmann: „Parallelgesell-


schaft ist das neue Schimpfwort. Wir dulden sie nicht. Wer bei uns lebt, hat sich zu
integrieren. [...] Man hört das heute fast jeden Tag auf fast allen Sendern. Es ist dar-
um nicht richtig. Parallelgesellschaften gibt es überall. Jede Gesellschaft setzt sich
aus Parallelgesellschaften zusammen. Der Versuch, die Entstehung von Parallelge-
sellschaften in der Gesellschaft zu verhindern, charakterisiert den autoritären Staat.“4

2.2. Charakteristika einer Parallelgesellschaft

Der Politikwissenschaftler Thomas Meyer führte fünf Merkmale auf, in welchem


Kontext der Begriff der Parallelgesellschaft für ein soziales Kollektiv zutrifft:

• ethno-kulturelle bzw. kulturell-religiöse Homogenität;

4
Widmann, Arno: Gesetz, keine Werte. < http://www.berlinonline.de/berliner-
zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2004/1123/meinung/0015/index.html> 12. Juli 2009
3

• nahezu vollständige lebensweltliche und zivilgesellschaftliche sowie weitge-


hende Möglichkeiten der ökonomischen Segregation;
• nahezu komplette Verdoppelung der mehrheitsgesellschaftlichen Institutio-
nen;
• formal freiwillige Form der Segregation;
• siedlungsräumliche oder nur sozial-interaktive Segregation, sofern die ande-
ren Merkmale alle erfüllt sind.5

3. Zuwanderung der Türken in Berlin

3.1. Das Anwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der


Türkei

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es einen Arbeitskräftemangel in der ganzen Bun-
desrepublik Deutschland. Auf Grund des Arbeitskräftemangels, des Wirtschaftswun-
ders und des Mauerbaus, der den Zustrom der ostdeutschen Arbeitskräfte verhinder-
te, warb die Bundesrepublik Arbeiter aus anderen Ländern an.

Die Türkei war eines der Länder, in dem Arbeitskräfte angeworben wurden. Im Jahre
1961 schloss die Bundesrepublik Deutschland ein Anwerbeabkommen mit der Tür-
kei, wodurch geeignete türkische Arbeitskräfte in Deutschland arbeiten konnten.
Man rechnete damit, dass diese Arbeitsmigranten, damals als „Gastarbeiter“ be-
zeichnet, für eine befristete Zeit, beispielsweise ein oder zwei Jahre lang, bleiben
würden.6

Nach Ablauf der Aufenthaltsfrist sollten die Arbeiter in ihre Heimatländer zurück-
kehren. Aus diesem Grund hatte sich das Zuwanderungsgesetz zu diesem Zeitpunkt
noch nicht mit der Integration dieser Arbeiter beschäftigt. In diesem Anwerbeab-
kommen mussten Arbeitgeber einen angemessenen Wohnraum für die Arbeitnehmer

5
Meyer, Thomas: Parallelgesellschaft und Demokratie. In: Die Bürgergesellschaft. Perspektiven für
Bürgerbeteiligung und Bürgerkommunikation. hrsg. von Thomas Meyer und Reinhard Weil. Bonn:
Dietz-Verlag 2002. S. 343
6
Das System, in dem die „Gastarbeiter“ nur für eine Zeitspanne von etwa zwei Jahren in der Bundes-
republik Deutschland arbeiten konnten und anschließend nach ihrem Heimatland zurückkehren soll-
ten, nennt man „Rotationsprinzip“.
4

zur Verfügung stellen. Jedoch entsprach die Mehrheit der Wohnungen oft, den mi-
nimalsten Bedingungen, die das Wohnungsministerium forderte, nicht.7

3.2. Die Ursachen der Zuwanderung der Türken in Berlin

Die türkische Migration nach Berlin wurde von verschiedenen Faktoren beeinflusst.
Sie wurde durch politische, sozioökonomische, demographische und individuelle
Faktoren bestimmt.

Die meisten Türken kamen aufgrund des Arbeitskräftemangels, der nach dem Zwei-
ten Weltkrieg herrschte nach Deutschland. Manche Arbeitsmigranten wanderten in
einer Großstadt wie Berlin ein. Die Art und Weise der Aufnahme und Behandlung
der Arbeitsmigranten von Einheimischen hatte durchaus einen Einfluss auf den Zie-
lort. Viele türkische Arbeitsmigranten wanderten in Berlin ein, weil in einer Großs-
tadt wie Berlin die Ablehnung und Feindlichkeit von Deutschen gegenüber TürkIn-
nen offensichtlich geringer als in Vorstädten und in kleinen Dörfern war.

Die ersten türkischen Gastarbeiter, die nach Berlin kamen, arbeiteten in der Zigaret-
tenindustrie. In Berlin kamen auch einige Türken als Offiziere zur Ausbildung in die
Armee. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es etwa dreihundert TürkInnen in Berlin.
Im Jahre 1964 gab es einen akuten Arbeitskräftebedarf in der Elektronik- und Textil-
industrie. Da Frauen weniger Lohn erhielten, waren sie als Arbeitskraft begehrt. Im
selben Jahr kamen daher auch die ersten TürkInnen nach Berlin. Viele türkische Ar-
beitsmigranten fanden Jobs in der Berliner Elektro-, Metall- und Konsumgüterindust-
rie.8

Im Jahr 1966 gab es schon 5.698 TürkInnen in Berlin.9 Für einige war die Motive für
die Reise der Wunsch nach einem Studium. Mitte der 1970er kamen viele türkische

7
Vgl. Dunkel, Franziska und Stramaglia-Faggion, Gabriella: „Wir werden nicht so viel Platz haben.“
– Wohnsituationen. In: dies., „Für 50 Mark einen Italiener.“ Zur Geschichte der Gastarbeiter in Mün-
chen. hrsg. von Kulturreferat der Landeshauptstadt München. München: Buchendorfer Verlag 2000.
S. 160
8
Vgl. Kapphan, Andreas: Die Konzentrationen von Zuwanderern in Berlin: Entstehung und Auswir-
kung. In: Migration und Stadt: Entwicklungen, Defizite und Potentiale. hrsg. von Klaus M. Schmals.
Opladen: Leske + Budrich Verlag 2000 S. 138
9
Vgl. Greve, Martin; Orhan Kalbiye: Berlin Deutsch-Turkisch: Einblicke in die neue Vielfalt. Berlin:
Der Beauftragte des Senats von Berlin 2008. S. 90
5

Jugendliche als Quereinsteiger an Berliner Schulen. Nach dem Schluss der Anwer-
bung der türkischen sowie anderen ausländischen Arbeitnehmer im Jahr 1973 nahm
die Zahl der Türken vor allem infolge des Familiennachzugs und der Eheschließung
weiter zu.10

3.3. Die Konzentration von türkischen Arbeitern in den Bezirken Kreuzberg, Wed-
ding und Neukölln

Die Konzentration türkischer Arbeitsmigranten in bestimmten Städten kann man mit


der Erleichterungs- und Informationshypothese erklären. Gemäß der Informations-
hypothese fördern Familienangehörige und Freunde, die an anderen Orten wohnen,
einen Ort, an dem die Lebensbedingungen wie z. B. die Arbeitsmöglichkeiten bereits
bekannt sind.11 Unter Anwendung dieser Hypothese kann man sagen, dass Fami-
lienmitglieder in Deutschland besonders Berlin förderten, weil u.a. die Lebensbedin-
gungen in Deutschland besser als im Heimatland sind.

Die Familienangehörigen unterstützen Stadtteile wie Kreuzberg, Wedding und Neu-


kölln im Besonderen als Zielorte, weil es in diesen Stadtteilen schon viele Türken
gibt und dadurch Hilfe bei der Anpassung an die neue Umgebung geleistet werden
kann. Häufig sprechen die Menschen in solch einer Umgebung Türkisch und führen
ihr eigenes Stadtleben mit türkischen Geschäften, Restaurants, Handwerksbetrieben
und Vereinen. In solch einem Fall muss man Deutsch nicht unbedingt lernen oder
Kontakt mit Deutschen pflegen. Dies kann eine Herausforderung für die Integration
von Arbeitsmigranten darstellen.

Eine andere Erklärung für die Konzentration von türkischen Arbeitern in Bezirken
wie Neukölln, Kreuzberg und Wedding liegt in dem Althausbestand in diesen Bezir-
ken. Die Mehrheit der türkischen Arbeitnehmer konnte nur eine Wohnung in Altbau-
gebieten finden. Da die meisten Altbauwohnungen in den vorgenannten Bezirken
waren, haben sich viele türkische Arbeiter in diesen Stadtteilen angesiedelt.

10
Vgl. Kapphan, Andreas: Die Konzentrationen von Zuwanderern in Berlin: Entstehung und Auswir-
kung. In: Migration und Stadt: Entwicklungen, Defizite und Potentiale. hrsg. von Klaus M. Schmals.
Opladen: Leske + Budrich Verlag 2000 S. 138
11
Vgl. Haug, Sonja. Kettenmigration am Beispiel italienischer Arbeitsmigranten in Deutschland
1955-2000. In: Archiv für Sozialgeschichte. Band 42. 2002 S. 124
6

Wie bereits beschrieben diskutiert, zieht die Ansiedlung türkischer Arbeiter in weni-
gen Bezirken weitere Türken aus anderen Stadtbezirken an. Auch innerhalb dieser
Bezirke bilden sich Agglomerationszentren: Wohnungen in schlechten Zustand, die
an Deutsche nicht vermietbar sind oder die in einigen Jahren abgerissen werden sol-
len.

Die Konzentration von Arbeitsmigranten in den drei erwähnten Bezirken schafft so-
wohl lokale Probleme als auch neue Möglichkeiten. Dies beeinflusst und verändert
u.a. die Einrichtungen der sozialen Infrastruktur, die Wohnsituation der deutschen
Bewohner, das Muster der Stadtentwicklung und hindert unter Umständen die soziale
Mobilität der Arbeitsmigranten. Durch mögliche Jugendarbeitslosigkeit und die da-
zugehörigen Probleme z. B. hohe Kriminalität und soziale Unsicherheit kann eine
Konzentration von türkischen Arbeitsmigranten zur Entstehung von Ghettos füh-
ren.12

4. Wohnsituation

4.1. Die Gastarbeiterära

Die türkischen Gastarbeiter, wie auch andere Gastarbeiter, wurden in drei verschie-
denen Wohnraumtypen untergebracht: Baracken, Wohnheimen und Wohnungen. In
den meisten Fällen wohnten die Gastarbeiter nacheinander erst in kurzfristig errichte-
ten Baracken, dann in Wohnheimen und später in Wohnungen.13

Laut ihrem Arbeitsvertrag sollten nur acht Betten in einer Gemeinschaftsunterkunft


stehen. Aber oft entsprachen die Unterkünfte den Mindeststandards, die das Woh-
nungsamt forderte, nicht. Anfang der 1960er Jahre z.B. gab es einige Zimmer, die
mit bis zu 24 Betten eingerichtet wurden. In etwa 90% der Gastarbeiterwohnungen
fehlte ein Badezimmer. Ein einziges Zimmer musste alle Funktionen einer Wohnung
erfüllen. Es diente als Wohnraum, Küche und Schlafzimmer.

12
Vgl. Der Regierende Bürgermeister von Berlin: Wohnverhältnisse. In: Bericht zur Lage der Aus-
länder in Berlin. Berlin: 1978 S. 64
13
Vgl. Dunkel, Franziska und Stramaglia-Faggion, Gabriella: „Wir werden nicht so viel Platz haben.“
– Wohnsituationen. In: dies., „Für 50 Mark einen Italiener.“ Zur Geschichte der Gastarbeiter in Mün-
chen. hrsg. von Kulturreferat der Landeshauptstadt München. München: Buchendorfer Verlag 2000.
S. 161
7

Obwohl die Gastarbeiter in Baracken wohnten, wenn sie Glück hatten in Altbauwoh-
nungen14, bezahlten sie höhere Mieten als deutsche Mieter, die bessere Wohnungen
bezogen.

4.2. Nach dem Anwerbestopp

Infolge der wirtschaftlichen Schwierigkeiten — der Rezession im Jahr 1967 und der
Ölkrise im Jahr 1973 — wurde im Jahre 1973 die Rekrutierung ausländischer Arbei-
ter in die Bundesrepublik Deutschland gestoppt. Dies war Teil der Bemühungen die
Zahl der ausländischen Arbeiter in der Bundesrepublik zu vermindern.

In der Tat hatte der Anwerbestopp jedoch den gegenteiligen Effekt. Er gab vielen
Türken den Anstoß längerfristig in Deutschland zu bleiben, denn viele wussten, dass
sie mit dem offiziellen Schluss des Programmes keineswegs nach ihrer Rückkehr in
ihr Heimatland wieder in Deutschland hätten arbeiten können. Andere befürchteten,
dass strengere Regelungen zur Familienzusammenführung folgen könnten. Ange-
sichts dessen holten viele türkische Arbeiter ihre Familien nach Deutschland. Auf-
grund der Größe und des Zustands der Baracken und Wohnheime, in denen türkische
Arbeiter wohnten, konnten Familien nicht länger in solchen unzureichend ausgestat-
teten und engen Zimmern wohnen.15

Daher traten die Gastarbeiter nun mit einem länger werdenden Aufenthalt und einem
Nachzug der Familie in den Wohnungsmarkt ein.16 Sie standen jedoch vielen
Schwierigkeiten auf dem Wohnungsmarkt gegenüber, welche mit den Ursachen der
Verteilung und Konzentration der türkischen Arbeiter anfingen. Die Gastarbeiter
wurden mit vielen Vorurteilen konfrontiert: „Sie seien laut, würden immer singen

14
Damals waren Altbauwohnungen nicht so begehrt wie heutzutage. Da sie in einem schlechten Zu-
stand waren und wenige Annehmlichkeiten hatten, wollten viele Deutsche in diesen Gebäuden nicht
wohnen.
15
Die schlechten Zustände der Wohnungen türkischer Arbeitnehmer während der 1970er wurden
durch eine Umfrage im Untersuchungsbereich Kreuzberg-Chamissoplatz bestätigt. Die Ergebnisse
dieser Umfrage zeigten, dass 1976 nur 1 % der von ausländischen Arbeitern belegten Wohnungen
Zentralheizung hatten, nur 7 % hatten ein Bad, nur 33 % eine Innentoilette. Trotz alledem zahlten die
ausländischen Arbeiter im Vergleich zu deutschen Bewohnern hohe Mieten. Vgl. Der Regierende
Bürgermeister von Berlin: Wohnverhältnisse. In: Bericht zur Lage der Ausländer in Berlin. Berlin:
1978 S. 62
16
Vgl. Kapphan, Andreas: Die Konzentrationen von Zuwanderern in Berlin: Entstehung und Auswir-
kung. In: Migration und Stadt: Entwicklungen, Defizite und Potentiale. hrsg. von Klaus M. Schmals.
Opladen: Leske + Budrich Verlag 2000 S. 141
8

und ihren Abfall herumliegen lassen.“17 Wenn sie eine Wohnung bekamen, waren
die Preise maßlos überhöht. In Vermietungsanzeigen gewisser Zeitungen konnte man
lesen: „Nur an Deutsche“ und „Keine Ausländer erwünscht“.18 Nur Wenige hatten
die Überschrift „Vermiete Wohnung an Ausländer“. Dann verlangte der Vermieter
jedoch eine höhere Miete als von einem deutschen Mieter erwarten würde.

Meiner Meinung nach war diese Diskriminierung der Gastarbeiter der Anfang der
Abtrennung der türkischen Arbeiter von der Mehrheitsbevölkerung, weshalb die
Konzentration von türkischen Arbeitern heute auffällig in bestimmten Bezirken wie
Kreuzberg, Neukölln und Wedding ist. Damals wurden auf „Gastarbeiter“ als „Zwi-
schenmieter“ für Altbauwohnungen zurückgegriffen. Da der Hauptteil der Altbau-
wohnungen abgerissen werden sollte, konnten die Mieterträge durch Vermietung an
Gastarbeiter, die wahrscheinlich nur eine begrenzte Zeit in der Bundesrepublik hätten
bleiben können, maximiert werden.19

Viele türkische Arbeiter, wie auch andere ausländische Arbeiter, bezogen Wohnun-
gen in Sanierungs- und Sanierungserwartungsgebieten. In solchen Gebieten fanden
sie schnell und problemlos Wohnungen. Diese Wohnungen wurden in den meisten
Fällen aus zerfallenen Bausubstanzen gebaut und es fehlte ihnen an Heizungen und
Sanitäreinrichtung. Die meisten Deutschen interessierten sich für solche Wohnungen
nicht. Den meisten war nicht bewusst, dass diese Verhältnisse eine Abtrennung der
ausländischen Arbeiter von der Gesamtgesellschaft bedeuten würden. Die meisten
unsanierten Altbauten befanden sich im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg.20

Diesem Argument steht entgegen, dass viele türkische Arbeiter das Ziel verfolgten,
einen großen Teil ihres Einkommens nach Hause zu schicken oder zu sparen, um im

17
Dunkel, Franziska und Stramaglia-Faggion, Gabriella: „Wir werden nicht so viel Platz haben.“ –
Wohnsituationen. In: dies., „Für 50 Mark einen Italiener.“ Zur Geschichte der Gastarbeiter in Mün-
chen. hrsg. von Kulturreferat der Landeshauptstadt München. München: Buchendorfer Verlag 2000.
S. 161
18
<http://mieterphalanx.blogspot.com/2008/10/die-situation-der-gastarbeiter-auf-dem.html> 9. Juli
2009
19
Vgl. Kapphan, Andreas: Die Konzentrationen von Zuwanderern in Berlin: Entstehung und Auswir-
kung. In: Migration und Stadt: Entwicklungen, Defizite und Potentiale. hrsg. von Klaus M. Schmals.
Opladen: Leske + Budrich Verlag 2000 S. 141
20
Laut der Webseite des Stadterneuerungsprojekts in Berlin befanden sich 4.234 Altbauwohnungen
im Sanierungsgebiet Traveplatz-Ostkreuz und 5.441 in der Warschauer Straße. <
http://www.stadtentwicklung.berlin.de/wohnen/stadterneuerung/de/traveplatz/index.shtml> 15. Juli
2009
9

Heimatland später eine bessere Existenz aufbauen zu können.21 Deshalb versuchten


sie in preiswerten Gebieten zu wohnen. Bevor die Arbeiter eine spezifische Woh-
nung auswählten, bedachten sie die vorhandenen Angebote auf dem Wohnungs-
markt. Aus den Wohnungsangeboten zogen die Wohnungssuchende jene Wohnun-
gen in Erwägung, die ihrem Budget entsprachen. Hätte dieses Angebot nicht bereits
bestanden, hätten die türkischen Gastarbeiter jene Gebiete nicht vorgezogen.

Von Seiten der Regierung hätte ebenfalls etwas unternommen werden können22. Bei-
spielsweise hätte die Möglichkeit bestanden die Ansiedlung türkischer Gastarbeiter
in gewissen Bezirken zu regulieren. Das bedeutet, dass die Regierung eine gleiche
Verteilung von türkischen Arbeitern und ausländischen Arbeitern insgesamt hätte
sichern können. Meiner Ansicht nach besteht die Wurzel der Migrationsproblematik,
der sich die BRD heute gegenübersieht, darin, dass die Tatsache, dass Deutschland
ein Einwanderungsland ist, zu lange ignoriert wurde.

Große ethnische Gruppen in Deutschland sind lange ignoriert bzw. lediglich geduldet
worden. Erst kürzlich ist diese Wirklichkeit — dass Deutschland ein Einwanderungs-
land ist — anerkannt und bedeutsame Schritte unternommen worden, um Immigrati-
on zu regulieren und die Integration der schon existierenden Immigrantengruppen zu
stimulieren.

Da die türkischen Gastarbeiter, die schließlich in Deutschland blieben, lang ignoriert


wurden, als ob sie nicht existierten, versuchten sie sich in einer anderen Form eine
Existenz aufzubauen. Nach der Ansicht viele türkischen Arbeitnehmer ist das Tür-
kischquartier ein Ort im Fremdland, wo sie Nachbarn finden, die ihre Sprache spre-
chen und ihre Sitten und Gebräuche teilen. Ein neu Eingewanderter bekommt Infor-
mationen über die neue Gegend und Unterstützung von den schon angesiedelten Im-
migranten. In dieser Community findet man Menschen mit den gleichen Lebensum-
ständen und mit gleichen Interessen. Dies bietet eine wichtige Voraussetzung dafür,

21
Vgl. Greve, Martin; Orhan Kalbiye: Berlin Deutsch-Turkisch: Einblicke in die neue Vielfalt. Berlin:
Der Beauftragte des Senats von Berlin 2008. S. 90
22
Es ist eindeutig, dass die Regierung der Bundesrepublik Deutschland ein Rückkehrprogramm für
„Gastarbeiter“ hatte. Hier rede ich nicht über dieses Programm, sondern darüber, was die Regierung
mit den gebliebenen Gastarbeitern hätte machen können, um eine gleichmäßige Verteilung ausländi-
scher Arbeitnehmer in allen Bezirken zu erreichen.
10

sich politisch Gehör zu verschaffen. Dadurch werden türkische Quartiere als Brücke
zwischen den zwei Gesellschaften verstanden.23

Aus einem anderen Blickwinkel kann die Konzentration von türkischen Arbeitneh-
mern in einem besonderen Ort und das resultierende Ausländerquartier als eine
Übergangsinstitution beschreiben werden.24 Mit anderen Worten die Informationen,
die ein neu Eingewanderter von den Angesiedelten bekommt, helfen bei der Anpas-
sung im neuen Land.

Da der Neueingewanderte die meiste Zeit in der ausländischen Community ver-


bringt, bleibt die Frage offen, ob diese Art von Informationen und Hilfe, die Anpas-
sung lediglich in dem von Ausländern geprägten Gebiet oder die Anpassung im gan-
zen Fremdland unterstützt.

Als Antwort auf dem ansteigenden Anteil ausländischer Arbeiter im Jahre 1975 in
den Bezirken Kreuzberg, Wedding und Tiergarten wurde eine Zuzugssperre in diesen
Stadtteilen verhängt.25 Das Ziel der Zuzugssperre bestand darin die Zahl der Auslän-
der in den oben genannten Bezirken zu vermindern und eine gleichmäßige Vertei-
lung der Ausländer in der Stadt zu erreichen. Die Sperre erzielte ein gutes Ergebnis.
Im gleichen Jahr, in dem die Zuzugssperre in Kraft trat, sank der Ausländeranteil in
Kreuzberg um 2,3 Prozentpunkte, in Wedding um 1,0 Prozentpunkte und in Tiergar-
ten um 0,6 Prozentpunkte. Es gab eine erhebliche Zunahme der Ausländer in den
Stadtbezirken Spandau (+ 1,286), Charlottenburg (+ 1,910), Schöneberg (+ 3,687)
und Neukölln (+ 5,745).26

Es ist erwähnenswert, dass die größte Zunahme in Neukölln —ein Altbauquartier—


zu verzeichnen war. Neukölln hatte eine beträchtliche Anzahl von Altbauwohnun-

23
Vgl. Häußermann, Hartmut und Siebel, Walter: Die Stadt als Ort der Integration von Zuwanderern.
Vortrag bei der Verleihung des Schader-Preises in Darmstadt am 6. November 2003. <
http://www.schader-stiftung.de/docs/vortrag_preistraeger_endfassung.pdf> 13. Juli 2009 S. 11
24
Vgl. Krummacher, Michael und Waltz, Viktoria: Einwanderer in der Kommune. Analysen, Aufga-
ben und Modelle für eine multikulturelle Stadtpolitik. Essen: Klartext-Verlag 1996. S. 14
25
Im Jahre 1975 gab es 15. 561, 31. 178 und 41. 553 ausländische Arbeiter in Tiergarten, Wedding
und Kreuzberg bzw. Diese Zahlen entsprachen über 15 % der ausländischen Arbeiter in Berlin. In
diesen drei Bezirken zusammen wohnten damals 46,4 % aller Ausländer in Berlin (West).
26
Der Regierende Bürgermeister von Berlin: Zuzugssperre für Ausländer für die Bezirke Kreuzberg,
Tiergarten und Wedding. In: Bericht zur Lage der Ausländer in Berlin. 1978 S. 66
11

gen, deswegen zogen neue ausländischen Migranten dorthin um.27 Leider hatte die
Sperre keinen nachhaltigen Erfolg. Mit der Wiedervereinigung im 1990 wurde sie für
die Bezirke Kreuzberg, Wedding und Tiergarten aufgehoben.28

Die damalige Regierung hätte den türkischen Arbeitnehmern preiswerte Wohnungen


in verschiedenen Bezirken in der ganzen Großstadt Berlin anbieten können. Es ist
deutlich, dass viele türkische Arbeiter das Ziel verfolgten möglichst viel Geld zu
verdienen und ein großes Teil für die Rückkehr in die Türkei zu sparen. Dies moti-
vierten die türkischen Arbeiter Bleiben in kostengünstigen Gegenden zu finden. Die
Bezirksverwaltungen hätten den Wohnungsmarkt besonders für türkische Arbeiter
kontrollieren können. Kostengünstige Wohnungsangebote für türkischen Arbeiter
über die ganz Stadt verteilt, hätten die Integration von türkischen Arbeitern fördern
können.

Der lange vorherrschende Gedanke, dass „Deutschland kein Einwanderungsland“ ist,


halte ich daher für sehr problematisch. Aufgrund dieser Denkweise sahen die örtli-
chen Verwaltungen keinen Anlass etwas für die türkischen und auch die anderen aus-
ländischen Arbeiter in Berlin zu tun.

4.3. Die Wohnsituation und Verteilung der Türken im Zusammenhang mit dem Be-
griff der Parallelgesellschaft

Nach den fünf Indikatoren für die Existenz einer Parallelgesellschaft in Migranten-
communities ist siedlungsräumliche Segregation ein Indikator. Dieser Indikator zieht
die Beziehung zwischen der Wohnsituation und den Wohngebieten der Migranten (in
diesem Fall die der Türken) und dem der Mehrheitsbevölkerung (den Deutschen), in
Betracht.

Die Konzentration von TürkInnen in einem bestimmten Ort kann eine „neue“ Gesell-
schaft innerhalb der großen Gesellschaft schaffen. Da die meisten Menschen in ei-

27
1975 gab es keine Zuzugssperre in Neukölln. Aber die Sperre in den drei oben erwähnten Bezirken
hilft uns die heutige Konzentration von Ausländer, besonders von Türken, gut zu verstehen. Neukölln
war ein Sanierungsgebiet mit hohem Althausbestand. Man erhielt eine Wohnung mit niedriger Miete.
Demnach hielten die meisten Ausländer Neukölln für eine realistische Alternative.
28
Vgl. Kapphan, A.: Die Konzentrationrn von Zuwanderern in Berlin: Entstehung und Auswirkung.
In: Migration und Stadt: Entwicklungen, Defizite und Potentiale. 2000 S. 141
12

nem solchen Gebiet Türken sind, bilden sie die einzige Zielgruppe. Das hat
höchstwahrscheinlich zu einer Konzentration von türkischen Geschäften, türkischen
Supermärkten, Restaurants, Friseuren, Teehäusern, Reisebüros, religiösen Vereinen
und anderen in diesem Gebiet geführt.

Um öffentliche und infrastrukturelle Einrichtungen wie Krankenhäuser, Schulen,


Verkehrsnetze, Post etc. aufzubauen, braucht man Zeit. Das bedeutet, solange diese
„neue“ Gesellschaft ihre eigenen Infrastruktureinrichtungen noch nicht entwickelt
hat, wird sie von denen der schon existierenden Gesellschaft abhängig sein. In dieser
Weise kann die Regierung der Mehrheitsgesellschaft einiges an Kontrolle über diese
„neue“ Gesellschaft ausüben. Solange wie es eine Beziehung bzw. eine Interaktion
zwischen den zwei Gesellschaften gibt, ist diese kleine „neue“ Gesellschaft, meiner
Meinung nach, keine „Parallelgesellschaft“. Es stimmt, dass die Konzentration von
türkischen Arbeitern wie auch anderen ausländischen Arbeitern eine „neue“ Gesell-
schaft schafft. Aber meiner Meinung nach ist dies mehr eine „Subkultur“ als eine
„Parallelgesellschaft. Zwischen zwei parallelen Linien gibt es keine Beziehung; aber
es gibt eine zwischen einer Menge (Set) und einer Teilmenge (Subset).29

Die türkischen Arbeitnehmer unterstehen ebenso denselben Gesetzen, wie die übrige
Bevölkerung. Mit der Zeit kann sich eine solche Gesellschaft jedoch in eine „Paral-
lelgesellschaft“ entwickeln. Das wäre der Fall, wenn diese Gesellschaft weit entfernt
oder getrennt und total unabhängig von der Mehrheitsgesellschaft besteht. Diesen
Zustand zu erreichen ist aber fast unmöglich.

Solange die türkischen Arbeiter in Berlin und in der Tat in Deutschland wohnen,
werden sie stets auf irgendeine Art und Weise, der deutschen Stadtpolitik und staatli-
chen Gesetze unterstehen. Daher glaube ich, dass eine komplette Abtrennung, die für
eine Parallelgesellschaftsbildung nötig wäre, in Deutschland niemals möglich sein
wird.

29
Eine Teilmenge (Subset auf Englisch) ist eine Menge, die allenfalls sämtliche Elemente einer ande-
ren Menge enthält. d. h. Eine Menge X ist Teilmenge der Menge Y, wenn jedes Element von X auch
Element von Y ist.
13

5. Fazit

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs kamen die meisten türkischen Arbeiter in die
Bundesrepublik Deutschland und bildeten einen wichtigen Teil der Arbeitskraft. Für
viele türkischen Arbeitnehmer war dies eine gute Gelegenheit ihr Heimatland zu ver-
lassen und in der Fremde Geld zu verdienen, mit dem sie sich später eine Existenz in
ihrem Heimatland aufbauen konnten.

Als sie zum ersten Mal in Deutschland ankamen, wurden sie in engen Holzbaracken
untergebracht. Sie wurden in Baracken und Wohnheimen isoliert, ohne individuelle
Wahlmöglichkeit von Arbeitsplatz, Wohnort oder Wohnung. Es war vorgesehen,
dass die türkischen Arbeitnehmer, wie andere ausländischen Arbeitnehmer, für eine
Zeitspanne von etwa zwei Jahren in Deutschland arbeiten und nach dem Ablauf des
Arbeitsvertrags in die Türkei zurückkehren.

Trotz des Rückkehrprogramms blieben viele türkische Arbeitnehmer in Deutschland.


Sie holten ihre Familienangehörigen nach. Auf Grund der Größe der Familie und den
beengten Wohnverhältnissen in den Gastarbeiterbaracken, konnte die Familie dort
nicht wohnen. Zu diesem Zeitpunkt traten die Gastarbeiter auf den Wohnungsmarkt.
Hier stießen sie auf erhebliche Schwierigkeiten. Sie erhielten Altbauwohnungen und
Sozialwohnungen in Sanierungsgebieten, in denen die deutsche Bevölkerung nicht
wohnen wollte.

Die Mehrheit der Altbauwohnungen befand sich in den Bezirken Kreuzberg, Neu-
kölln und Wedding. Dadurch wurden die türkischen Arbeiter in bestimmten Stadttei-
len in die Enge getrieben.

Der Irrtum, dass „Deutschland ist kein Einwanderungsland“ ist, führte dazu, dass die
türkischen Arbeiter lange ignoriert wurden. Einerseits kann man daher den türki-
schen Arbeitern nicht die alleinige Schuld für ihre Konzentration in diesen drei Be-
zirken geben. Andererseits verfolgten viele türkische Arbeiter damals das Ziel
schnellstmöglich viel Geld für ihre Rückkehr in die Türkei zu verdienen und zu spa-
ren. Als Ergebnis dessen wohnten viele in preiswerten Gebieten, die normalerweise
Sanierungsgebiete waren.
14

Folglich ist es evident, dass der Prozess der Konzentration von türkischen Arbeitern
30
vom Wohnungsangebot zu einer gegebenen Zeit abhängig war. Diese Arbeit hat
aufgezeigt, dass die türkischen Arbeiter nicht allein verantwortlich für ihre Konzent-
ration in den Stadtteilen Kreuzberg, Wedding und Neukölln sind. Ob diese Konzent-
ration eine mögliche Ursache einer Parallelgesellschaftsbildung sein könnte, wurde
kurz thematisiert. Weil eine völlige Abtrennung der türkischen Arbeiter von der
deutschen Bevölkerung unmöglich ist, kann die Konzentration von türkischen Arbei-
tern in bestimmten Stadtteilen nicht zu einer „Parallelgesellschaft“ führen.

Man kann sehen, dass fast alles, was in dieser Arbeit thematisiert wurde, auch für
andere ausländische Arbeitnehmer, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutsch-
land kamen gilt. Fast alle erlebten die gleiche Wohnsituation und ähnliche Schwie-
rigkeiten auf dem Wohnungsmarkt. Darüber hinaus wäre einer chronologische Un-
tersuchung der veränderten Wohnsituation der türkischen Arbeiter in Berlin, so wie
die Beeinflussung der Konzentration von türkischen Arbeitern in Stadtbezirken wie
Kreuzberg, Neukölln und Wedding interessant nach zu verfolgen.

30
Vgl. Kapphan, Andreas: Zuwanderung und Stadtstruktur. Die Verteilung ausländischer Bevölke-
rung in Berlin. In: Berlin: Eine Stadt im Zeichen der Migration. hrsg. von Renate Amann, Barbara von
Neumann-Cosel. Darmstadt: VWP Verlag für wissenschaftliche Publikationen 1997 S. 36
15

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Kapphan, Andreas: Zuwanderung und Stadtstruktur. Die Verteilung ausländischer


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von Renate Amann, Barbara von Neumann-Cosel. Darmstadt: VWP Verlag
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