Sie sind auf Seite 1von 2

Helferqualitäten

Von Hans D. Barbier

Ressort: Wirtschaft Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.03.2010, Nr. 63, S. 13

Die unsterbliche Lenin-Frage: "Was tun?" Gegenwärtig beschäftigt sie die Regierungschefs und die
Europapolitiker in der Variante: "Wie lässt sich das finanzwirtschaftliche Gerüst der Europäischen
Union stabilisieren und gleichzeitig die Fiktion des ,No bailout' aufrechterhalten?" Auslöser ist der
"Fall Griechenland". Der könnte rasch exemplarisch werden. Und zwar unabhängig davon, ob die
Europäische Union die Klausel des Nichtrauspaukens ernst nimmt, ob sie sie bricht, ob sie die
Lösung beim Internationalen Währungsfonds (IWF) sucht oder ob sie sie an einen noch zu
schaffenden Europäischen Währungsfonds (EWF) delegiert.

Die politische Debatte rund um die Frage "Hilfe vom IWF oder Gründung eines EWF?" leidet an
der Unschärfe der Zielsetzung und der Mittelwahl. Diese Unschärfe ist politisch bedingt. Die
Europäische Union will - ernsthaft und konsequent - kein Mitgliedsland in die Pleite rutschen
lassen. Sie will zwar ihre Hilfe vom Verhalten eines gefährdeten Mitglieds abhängig machen, setzt
das aber nicht durch. Der EWF wird da so wenig ausrichten wie die gegenwärtig gültigen
Stabilitäts- und Austeritätsverpflichtungen. Der IWF aber begibt sich erst gar nicht in dieses
Dilemma. Er verfolgt kein Integrationsziel. Er hilft nur - gegen die Erfüllung von Auflagen. Ein
wirtschaftlich - meistens finanzwirtschaftlich - gefährdeter Staat muss fest damit rechnen, dass er
keine Hilfe bekommt, wenn er vermuten lässt, dass er sich nicht erfolgreich bemühen wird, die
Auflagen zu erfüllen. Das Problem einer europäischen Lösung indessen besteht gerade darin, dass
man sich nicht traut, den Rauswurf eines überschuldeten Mitgliedslandes an so etwas wie einer
objektiven Kennziffer der Erfolglosigkeit der Sanierungsbemühungen festzumachen.

Wenn und solange das so ist, bleibt die Gründung eines dem IWF nachempfundenen Europäischen
Währungsfonds nichts als eine Scheinlösung. Der IWF hat die Macht seiner Auflagen immer der
"Ferne" vom Tatort der wirtschaftspolitischen Fehlentscheidungen verdankt. Das ist bei einer
innereuropäischen Lösung nicht zu imitieren. In Ansehung der Erfahrung des Internationalen
Währungsfonds mit der Stabilisierung eines großen, fast die Welt umspannenden Währungssystems
und mit der Beilegung von politisch ausgelösten Währungskrisen wäre es nicht die schlechteste
Lösung, den Fonds als Ratgeber, als Mediator und als Manager der "No bailout"-Klausel zu nutzen.
Dagegen rüstet sich in Europa Widerstand. Der speist sich aus Fragen, die technisch klingen,
nichtsdestoweniger politisch gemeint sind, aber doch wohl beantwortbar sein sollten. Und sei es mit
dem Hinweis, dass der IWF, beginnend mit seiner Arbeit im Jahr der Welttrümmerbesichtigung
1944, gute Arbeit geleistet hat.

Es wäre dennoch verständlich, wenn sich Widerstand gegen die Auslagerung des Managements der
so ganz und gar nicht unpolitischen "No bailout"-Klausel mit dem Argument regte: "Das müssten
wir Europäer doch selber lösen." Zumindest das Argument ist aller Ehren wert. Es steht freilich zu
befürchten, dass dann künftige Rettungsaktionen in die Hände von Staatsmännern von der mentalen
Robustheit und der oralen Spontaneität des französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy fallen.
Der hat - ohne Auftrag aus irgendeiner auch nur informellen Runde der Staatschefs - dem
griechischen Ministerpräsidenten Georgios Papandreou auf dessen Goodwillreise erklärt: "Wenn ihr
Hilfe braucht, sind wir da." Dies wohl nach dem Motto: "Her zu mir und nie mehr Not." Wer solche
Staatsmänner an die Währungspolitik lässt, der muss sich über die Kurszettel nicht wundern.
Die Spitze des IWF würde keinen Augenblick zögern, über die Nachrichtenagenturen der Welt
einen solchen Beitrag als "unauthorized" abseits des Relevanten zu plazieren. Ein EWF würde das
nie tun. Der IWF ist die bessere Lösung.

Der Autor ist Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung.

Alle Rechte vorbehalten. (c) F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main