Sie sind auf Seite 1von 4

auf irgendeinen realen Anlaß. Das euphorische Lachen nimmt dann einen gleichÂsam zwanghaften, autonomen Charakter an. Der Zusammenhang von Anlaß und Reaktion ist aufgehoben. Ambivalente, gegeneinander gerichtete Gefühle können gleichzeitig auftreten: zum Beispiel Lust und Ekel.

Bei Künstlern mag es mit dem Beruf Zusammenhängen, daß bei niederen und mittleÂren Dosierungsgraden die ästhetischen Empfindungen in bestimmter Weise überwertig werden. Gefühle bekommen eine ästhetische Glasur. Alle Bilder, Eindrücke, Sinnesreize sind in eine künstliche Welt ver-rückt, die Gegenstände scheinen ihres Zwecks enteignet. Ein Beispiel:

»Das, was ansprechend und schön war, erschien von ganz besonderer Pracht. Dazu zählten Häuser, Landschaften, Bäume, während andererseits die häßlichen Konsumgüter, häßlich mit Leimfarbe bestrichene Wände der Büros und die sogenannte moderne Architektur unerträglich wurden, bis zum körperlichen Unbehagen.« Der GeÂschmack des Künstlers entscheidet, wie er die Erlebnisse und Bilder einstuft.

b Die Bewußtseinsveränderungen

Das Bewußtsein setzt sich stets aus mehreren Bewußtseinsvorgängen zusammen, deren Ineinanderwirken jeweils die augenblickliche Bewußtseinslage bestimmt. BewußtseinsÂinhalte sind beispielsweise: Erlebnisse, also das Aufnehmen neuer Inhalte, die ZuÂwendung zu solchen Inhalten, die Reflexion darüber, das Ablegen von Rechenschaft. Was ist das Erlebnis? Eine neue starke Wahrnehmung dringt in unser Bewußtsein ein, breitet sich darin aus, ergreift von ihm Besitz; wir ‘haben’ sie im Bewußtsein. Dort trifft diese Wahrnehmung auf einen Speicher des bisher Erlebten. Diese Fülle des Erlebten ist nur noch in Bruchstücken verfügbar, aber sie prägt - oft unreflektiert - die neue Wahrnehmung. Diese ist nicht sofort definiert, sondern trifft ihrerseits auf einen ZuÂstand psychischen Wachseins, der Offenheit für das Neue. Im Bewußtseinsfeld hebt sich der Brennpunkt des Neuen (‘Focus’) von den Randphänomenen ab. Im Brennpunkt erscheint, ließe sich sagen, ein Aspekt der neuen Wahrnehmung, in dem sich Erfahrung, Erwartung und Erfüllung überkreuzen.

Man kann ein Kontinuum des Bewußtseinswandels aufstellen, das sich vom NormalÂbewußtsein (epikritischen Bewußtsein) über das Einschlafbewußtsein und SchlafbewußtÂ

sein zum Unbewußten hin erstreckt. Dabei gibt es nicht nur ein Unbewußtes, sondern (nach Roland Fischer1) so viele, wie man Erregungs- und Meditationsstufen hervorrufen kann. Auf der anderen Seite beobachten wir die Wandlungen des Bewußtseins bei pathologisch veränderter Gehirnfunktion; sei es durch endogene oder exogene PsychoÂsen, also Schizophrenie und manisch- depressives Irresein oder Hirntraumen und VerÂgiftungen. Zu den Vergiftungen müssen wir auch solche durch halluzinogene Drogen rechnen, obgleich sie eine Sonderstellung einnehmen. Durch ihren temporären CharakÂter, durch die relative Steuerbarkeit und mögliche intellektuelle Reflexion erhalten sie experimentellen Modellcharakter.

Die Vorgänge des Normalbewußtseins erfahren unter dem Einfluß von LSD eine Veränderung. Sie lösen sich aus dem ganzheitlichen Zusammenhang. Es wandeln sich Intensität, Bedeutung und gegenseitige Beeinflussung.

Die Bewußtheit (im Sinn des unmittelbaren Erfahrens) kann sich graduell vom ZuÂstand des Überwachseins bis zum schlafähnlichen Dahindämmern zurückbilden. Es hanÂdelt sich also um den qualitativen Bereich des Bewußtseins. Mit zunehmender Wirkung des LSD breitet sich eine allgemeine Passivität aus: die Unlust zum Handeln. Die VerÂsuchspersonen sind äußerlich — psychomotorisch — ruhig, werden voll und ganz von ihren Erlebnissen beansprucht, sie hören und sehen nach innen. Sie sprechen leise, wirken versunken; in ihren Physiognomien datenerfassung service spiegelt sich oft ihr psychischer Zustand, etwa die Angst. Die Bewußtheit tritt erst in tiefen Rauschphasen deutlich zurück, und zwar bis zur Somnolenz, dem schlafähnlichen Zustand. Ebenso verlieren sich in diesen Phasen Orientierung, Ansprechbarkeit und Beeinflußbarkeit. Die äußere Welt nimmt für die Versuchspersonen an Bedeutung ab, die innere verselbständigt sich. Alle zielÂgerichteten, abwägenden, also objektivierenden Tendenzen weichen der Intensität subÂjektiven Erlebens. Es erscheint unmöglich, Entschlüsse zu fassen.

Es erscheint unmöglich, Entschlüsse zu fassen. Unter dem Einfluß von LSD treten der Focus und die

Unter dem Einfluß von LSD treten der Focus und die Randphänomene im BewußtÂsein stärker auseinander. Betrachten wir zunächst die niederen Rauschstärken. Der Focus, also der Aspekt, dem man unwillkürlich oder bewußt seine Aufmerksamkeit schenkt, auf den man sich einstellt, erhält abnormes Gewicht. Man kann sich extrem hineinsteigern. Wie sich die Selbststeuerung zur Autosuggestion verdichten mag, so kann sich unter Umständen die Beeinflussung durch andere (Fremdanregbarkeit) zur SugÂgestion steigern; ein Gegenstand, eine Farbe, eine Linie, ein Gedanke, eine GefühlsÂregung oder auch eine Handlung, etwa das Malen selbst, gewinnen überhöhten Wert. Die Versuchspersonen glauben zum Beispiel, die Struktur des Teppichs oder der Tapete wie unter einem Vergrößerungsglas zu sehen. Für andere ist die Leuchtkraft der Farben gesteigert, oder sie unterscheiden farbliche Valeurs in feinsten Nuancen, »als hätten sie sonst eine Brille mit trüben Scheiben auf«.

Bei Testversuchen stellte sich jedoch heraus, daß die Intensität des Sehens in Wahrheit nicht gesteigert ist. Das Auflösungsvermögen des optischen Apparats erfährt unter LSD keine weitere Differenzierung. Vielmehr handelt es sich um einen Bewußtseinswandel: wird beispielsweise die Farbe Rot ins Auge gefaßt, wird sie also zum Focus des BeÂwußtseins, so wirkt sich die toxische Reizung des optischen Apparats zu einem Trugbild aus. Er spiegelt der Versuchsperson die Differenzierung und Intensivierung der Farbe vor.

Auf einer etwas höheren zentralnervösen Erregungsstufe, also in einer weiter gesteiÂgerten Rauschphase, ändert der Focus seine qualitative Bedeutung. Das Unbewußte meldet sich mit eigenem Anspruch. Es bietet neue Aspekte der Wahrnehmung an und bewirkt eine Veränderung der Betrachtungsweise. Das bewußte Anpeilen tritt zurück. Beispielsweise wird ein Focus von trivialem Inhalt mit ethischer oder ästhetischer BeÂdeutung aufgeladen:

»Mein Blick verweilte ganz zufällig einige Zeit auf einem Wasserglas; zunächst geÂschah gar nichts. Je länger ich das Glas jedoch beobachtete, desto mehr fühlte ich mich von ihm magisch angezogen. Es wurde geheimnisvoll und ‘majestätisch’, begann in herrlichen Farben zu leuchten. Wie ein Kind stellte ich mir vor, daß dieses Glas ZauberÂkräfte besitzt und mich glücklich machen wird. Dann traten diese Erscheinungen zurück, mein Bewußtsein befand sich wieder auf normaler Ebene, und ich unterhielt mich mit meinem Freund. Er sagte, daß er auf seiner LSD-Reise ebenfalls das Glas beobachtet und Fische und Muscheln darin gesehen habe. Ich versuchte mir jetzt dasselbe vorzuÂstellen und konzentrierte mich ganz darauf, aber die angepeilte Wahrnehmung ließ lange auf sich warten. Zuerst sah ich Kristalle, dann Ameisen - und schließlich sah ich sie plötzlich: die Muscheln, zuerst wenige, dann war das ganze Glas damit gefüllt.«

Das Beispiel zeigt dreierlei in enger Nachbarschaft: ein alles beherrschender Affekt, magisch verkleidet, tritt aus dem Unbewußten auf, breitet sich aus, wird von der Versuchsperson beobachtet. Gleichzeitig setzt eine Reflexion darüber ein. Das Gespräch mit dem Freund führt zu einem anderen Ufer, an dem neuartige Phänomene aufÂtauchen. Die Suggestibilität ist erhöht, auch in bezug auf die Fähigkeit zur AutosugÂgestion. All diese Ebenen, das Auftreten einer gleichsam magischen Halluzination, das ‘normale’ Reflektieren darüber und der Übergang zur Suggestion und Autosuggestion durchdringen einander, überlagern sich, sind in ständigem Wandel begriffen. Die Phänomene, sonst im Bewußtseinsstrom nicht einzeln hervortretend, erscheinen aufgeÂsplittert, dissoziiert, werden als gleichzeitige oder kurzzeitig aufeinander folgende empfunden. Immer breiter, das Strombett ausfüllend, wird der Focus, immer schwäÂcher die Reflexion. Das heißt: übermächtig wird das einzelne Ding, im geschilderten Beispiel das Glas, es wird zur Welt schlechthin. Wir nähern uns dem VerschmelzungsÂerlebnis. Ein Beispiel für die Dissoziierung von Erleben und Reflexion:

»Auf einem weißen Stück Papier sehe ich blutige Lerchen - eine KZ-Szenerie, schrecklich, einer reicht mir jetzt lächelnd die Hand - dazu muß ich immer lachen - ich weiß gar nicht, was das soll.«

Die Versuchsperson erkennt keine Beziehung zwischen den halluzinierten Inhalten und ihrer eigenen Vorstellungswelt. Sie kann auch keinen symbolischen Wert für ihre Person feststellen. Die Halluzinationen laufen ab wie auf einem Film, der ihr vorgeÂführt wird. Dabei weiß sie, daß sie selber es ist, die diese Vorstellungen erzeugt, dennoch

empfindet sie diese nicht als zu ihr gehörig. Sie wundert sich über das Unangemessene ihrer Affekte, zum Beispiel über den Ausbruch von Heiterkeit. Die zu solcher DistanzieÂrung befähigende Reflexion bleibt lange erhalten.

Im Stadium der Bewußtseinsenge tritt das steuernde und willentlich wirksame Ich zurück. Der jeweilige zentrale Inhalt füllt das Bewußtsein aus und wird nicht mehr bewertet. Der Verlust der »integrativen Zusammenschau« (Leuner2) bei Abdunkelung unseres rationalen Wachbewußtseins ist durch die neue Ganzheitlichkeit des psychoÂtoxisch modifizierten Bewußtseins ersetzt: Conrad3 nennt unser Wachbewußtsein mit aktiver Wendung nach außen das »epikritische« Bewußtsein und das unter LSD geÂwandelte Bewußtsein das »protopathische«, ähnlich dem Einschlafbewußtsein. Wir sprechen im folgenden, obgleich der erwähnte Bewußtseinswandel nicht lokal auf das LSD zurückgeht, sondern sich als generelle Strukturveränderung auch anderen HalluziÂnogenen verdankt.

V' erschmelzungserlebnisse sind die charakteristischen Bewußtseinsveränderungen in hohen Rauschphasen. »Ich beobachtete eine Linie auf dem Papier und fühlte mich völlig in sie hineingezogen. Alles, was mich charakterisieren kann, mein Gefühl, meine Liebe, Wissen und

Kraft, war identisch mit dieser Linie.«

Das bedeutet: das Ich, soweit es im Bewußtsein verfügbar ist, wurde ganz eins mit dieser Linie, mit dem zentralen Bewußtseinsinhalt, einer Produktion der Psyche. Das Ich war in dieser Linie, in diesem Inhalt; und außerhalb des Phänomens war kein Raum mehr: dadurch entstand die Bewußtseinsenge. Die Trennung zwischen