Sie sind auf Seite 1von 8

Forum

Zu Lässigkeiten politisch-psychologischer Collagen -


Versuch einer Positionsbestimmung

Ulrich Kobbe

Zusammenfassung:
Der Essay entwirft entlang der Stichworte Herrschaft, Ideologie, Differenz, Konsens,
Gesellschaftspädagogik, RISs, Inadäquanz, Diskursmonopol und Widerstreit ein
theoretisches Fundament, das gesellschaftliche und intrapsychische Verhältnisse und
Prozesse in Beziehung zu setzen sucht. Methodisch folgt er dem komplenientari-
stischen Prinzip der "doppelten Diskurse" unterschiedlicher Wissenschaften
(Devereux 1972), um das "Komplementaritätsverhältnis" von psychologischer,
innerer / innerinstitutionell-nuindaner Beobachtung und soziologischer, äußerer /
distanziert-radikaler Perspektive zu erschließen. Psychologie und Psychotherapie
erweisen sich weder als adäquate gesellschaftspolitische Interventionsstrategien, noch
legitimiert die Verfügung über sie diesen Anspruch. Gefordert wird eine kritische,
potentiell dysfunktionale Anwendung politischer Psychologie.

Einleitung
Jede Ausarbeitung politisch-psychologischer Ansätze riskiert erfahrungsgemäß
mehr oder weniger die 'Psychologisiening' gesellschaftlicher Topoi: Vorwürfe,
Mißverständnisse und Denunziationen als affirmative Theoriebildung, ideologi-
sche Argumentation oder rhetorische Kritik sind die Folge, da Theorie und
Praxis häufig genug nur schwerlich in einander vermittelt und für einander
nutzbar gemacht werden können. Andererseits bedarf es gerade auch theore-
tisch fundierter Versuche, um die eigene psychologische Tätigkeit in den Insti-
tutionen nicht zu unkritischem Polypragmatismus geraten zu lassen, der von
dem Psychologen als gesellschaftlich-politischem Subjekt abgekoppelt bleibt.
Denn Psychologen sind selbst bereits Teil eines "Machtsystems" und "die
Vorstellung, daß sie Agenten des 'Bewußtseins' und des Diskurses sind, gehört
zu diesem System. Heute kommt es dem Intellektuellen aber nicht mehr zu,
sich an die Spitze oder an die Seite aller zu stellen, um deren stumme Wahrheit
auszusprechen. (...) Darum ist die Theorie nicht der Ausdruck, die Überset-

Zeilschrift für Poliüsche Psychologie, Jg. 3, 1995, Nr. 4, S. 385-399


386 Zeilschrii't l'iir Politische Psychologie, Jg. 3, 1995 U. Kobbe': Lässigkeiten polnisch-psychologischer Collagen 387

zung, die Anwendung einer Praxis; sie ist selbst eine Praxis" (Foucault 1972, A usgangsposition
89). Zugleich können wir "menschliche Wesen" - sprich keineswegs nur unsere
Patienten, sondern auch uns selbst - "nicht unabhängig von der Realität verste- Der eigene Entwurf wird dementsprechend versuchen, von Institutionen und
hen, in der sie leben" (Hartmann 1950), da der Therapeiit die soziale Umwelt Praxen auszugehen, sie theoretisch zu 'verorten' und - so möglich - praxisbezo-
anders erfassen (können) muß als sein Patient, d.h. "Macht- und Produktions- gene Aspekte zu benennen. Mithin benötigt man ein theoretisches Fundament,
verhältnisse mit allen von ihnen abgeleiteten Institutionen, Regel- und Wertsy- das gesellschaftliche / soziale wie intrapsychische Verhältnisse und Prozesse
stemen bedürfen einer Erschließung und Enthüllung - vergleichbar der Arbeit, berücksichtigt bzw. dialektisch zueinander in Beziehung setzt (Parin & Parin-
welche die Psychoanalyse ehedem mit der psychischen Instanz 'Unbewußt' Matthey 1978, 113-114): Nicht also nur die psychologisch-politische Untersu-
geleistet hat" (Parin 1975, 41). chung, sondern bereits "jede einfühlende und sorgfältige" Psychotherapie
Situation und Position des in der forensischen Psychiatrie tätigen Verlas- müsse - so Parin (1975, 44) - versuchen, "die unbewußt verlaufenden adaptiven
sers lassen sich mit folgender dialektischen Erörterung Carusos (1962, 142) und kognitiven Funktionen des Ich zu gesellschaftlichen Vorgängen in Bezie-
skizzieren: Psychologie und Psychotherapie - in seinem Fall Psychoanalyse - hung zu setzen. Dies kann nur so weit gelingen, wie der Analytiker diese Pro-
sei "eine schwer zu erlernende Kunst des persönlichen Heilens oder - weniger zesse kennt und durchschaut".
hochtrabend gesagt - die Kunst, langsam und nur nach Maß der Möglichkeiten Als Stichwortgeber für das erforderliche Analyseraster und Begriffsregi-
das zerrissene Gewebe der individuell gelebten Geschichte zu flicken. Sie ist ster bedient sich dieser Aufsatz der nachfolgend zusammengefaßten politisch-
eine mühsame Praxis mit einem alltäglichen konkreten Menschen, der spek- psychologischen Auf-Fordeamgen Berners, die sozusagen co-mentierend mit-
takuläre Erfolge in der Regel versagt bleiben. Und so hebt sich das Hoffnungs- behandelt werden sollen:
lose in der Psychoanalyse wieder auf; sie ist nämlich desillusionierte Skepsis, "Den gängigen sozialen Formationen, in denen (in der Regel aufgrund von
aber gleichzeitig auch eine hartnäckige, fast unsinnige Hoffnung darauf, daß Herrschaftsverhältnissen) Geist- und Verantwortungslosigkeit herrschen und
der Mensch sich aufrufe, selbst Mensch zu werden". die (...) von Unaufrichtigkeit und 'Rollenspiel' bestimmt sind", müßte - so
Dieser Aufruf beinhaltet auch, Ideologiekritik in der eigenen Selbstkritik Berner (1994, 157) - mit Hilfe von Psychologie und benachbarten
zu begründen und hieraus politisch-psychologische Positionen herzuleiten. Sozial Wissenschaften "das Wasser abgegraben werden". Dies bedeute, "nur
Konsequenterweise wird im Folgenden wiederholt punktuell an eigene Arbei- noch Geld, Zeit und Mühe in solche Zusammenkünfte zu investieren, die
ten angeknüpft bzw. auf sie verwiesen, um Positionen des Verfassers authentische und egalitäre Kommunikation und damit geistesgegenwärtige in-
(an)greifbar zu machen. Aus diesem Grunde ist dieser Essay partiell '"im dividuelle Präsenz ermöglichen" und - wie der Autor (Berner 1994, 157-158)
Schutz' der Gänsefüßchen" verfaßt (Authier 1983, 64): Denn die Verwendung anhand der themenzentrierten Interaktion exemplifiziert - verkürzt formuliert,
von Anführungszeichen erlaubt, "einen Rand des eigenen Diskurses zu etablie- psychologisches Know-How der systemischen Familientherapie, Supervision
ren", der "auf ein grenzüberschreitendes Äußeres verweist (...) und einen eige- oder Organisationsberatung in "gesellschaftspolitische Visionen" und
nen Diskurs erst ermöglicht" (Eco 1977, 97-99). In dieser Weise wird eine dis- "politische Willensbildung" einfließen zu lassen.
kursive Zone des labilen Gleichgewichts, des Kompromisses und der Spannung Damit ist eine Reihe politisch-psychologischer Begriffe und Topoi
geschaffen und in der von ihren Rändern weitgehend bedeckten Rede das Risi- benannt, die ebenso theoretischer Ausarbeitung wie praktischer
ko eingegangen, sich der eigenen Wörter zu enteignen, indem zu ihnen über Berücksichtigung bedürfen:
das als Abwehr eines herrschenden Diskurses eingesetzte Zitieren verbal auf
Distanz gegangen wird. Notwendig erscheint dies, weil sowohl der offizielle
Diskurs der forensischen Psychiatrie - des 'Maßregelvollzugs' - wie auch der Herrschaft
kritische psychologische Diskurs den Verfasser in eine Situation bringen, in Im o.g. Zitat setzt Berner von den Prämissen her bei den die aktuellen
der er sich zwischen beiden einen Ruhepunkt verschaffen muß, um noch Mög- "sozialen Faktoren" determinierenden "Herrschaftsverhältnissen" an, die eine
lichkeiten zur komplementären Rede zu haben (Authier 1983, 68-70). Denn Authentizität der Individuen und deren egalitäre, sprich gleichberechtigte /
"die Utopie muß kritisch verwirklicht werden: Die Motivationen des utopi- symmetrische Kommunikation behindere. In der Tat muß politische Psy-
schen Denkens (...) müssen von uns ebenso mittels ständiger Kleinarbeit (der chologie - so sie sich nicht als affirmative, sondern als kritische Psychologie
Psychoanalyse etwa) kritisiert werden wie die Möglichkeiten seiner Verwirkli- versteht - ihr Verhältnis zu den Herrschaftsstrukturen und -mechanismen, de-
chung (Caruso 1962, 149-150).
388 Zeitschrift für Politische Psychologie, Jg. 3,1995 U. Könnt;: Lässigkeiten politisch-psychologischer Collagen 389

nen ein Entfremdungspotential innewohnt, kliiren. Nun schreibt Marcuse Ideologie


(1956, 8), Herrschaft sei
Zweifelsohne ist ein solcher Definitionsversuch nicht ideologiefrei. Er kann es
"überall da wirksam, wo die Ziele und Zwecke des Individuums und die Weisen, auch nicht sein, beinhaltet doch bereits jede Themen- und erst recht Paradig-
sie zu erstreben und /u erreichen, dem Individuum vorgegeben und als
menwahl die - indirekte - Angabe des eigenen erkenntnisleitenden Interesses.
vorgegebene von ihm ausgeführt werden. Herrschaft kann von Menschen, von
der Natur, von Dingen ausgeübt werden - ja sie kann innerlich sein, von dem Folgt man zur Klärung des Verhältnisses von Wissenschaft und Ideologie der
Individuum an sich selbst vollzogen werden, in der Form der Autonomie Argumentation Althussers, so sind beide authentische Effekte menschlicher Er-
erscheinen". kenntnis mit dem Unterschied, "daß in der 'Ideologie' die praktisch-soziale
Damit aber könne auch "Freiheit nur im Rahmen der Herrschaft definiert Funktion über die theoretische Funktion triumphiert" (Schiwy 1969, 76), da
werden, wenn die bisherige Geschichte den Leitfaden für die Definition abgeben Ideologie lediglich die unbewußte Struktur einer sozialen Totalität reflektiere
soll": D.h. auch Freiheit sei "eine Form der Herrschaft, gebe es doch nichts, was bzw. repräsentiere. Selbst wenn Ideologie - wie passager in diesem Aufsatz- in
dem Individuum nicht in irgendeiner Weise vorgegeben sei.
anscheinend reflektierter Form als Philosophie auftrete, bleibt sie Althusser zu-
Hiermit knüpft Marcuse ebenso an die Hegeische Dialektik von Herr und folge unbewußte Ideologie; dies "in Analogie zur 'Sprache' (langue), die selbst
Knecht an (Hegel 1807, 137-177) wie an die Freudsche Ableitung der Trieb- im 'Sprechen' (parole) nicht ins Bewußtsein tritt" (Schiwy 1969, 76).
schicksale aus dem Schicksal der Herrschaft (Freud 1921; 1930): Im Herr und Auf die institutionelle Wirklichkeit psychologischer Arbeit bezogen, folgt
Knecht gleichermaßen unterweif enden Zwang zur Triebunterdrückung befe- diese in beispielsweise ihren sozialpsychiatrischen Ansätzen letztlich konkret-
stige sich die gesellschaftliche Ordnung in gleich welcher Organisation der Ar- politischen Entwürfen ursprünglich ideologischer Leitmotive (Kobbe 1994c),
beit als Grundprinzip allgemeiner Vernunft (Marcuse 1956, 28-29). die nicht immer als solche ausgewiesen oder nicht mehr als solche wahrge-
Daß dieser Versuch einer Begriffsbestimmung als Bezugspunkt psycho- nommen werden (können). Hierzu schreibt Sartre (1975, 38), es handele sich
logisch-politischer Untersuchungen unabdingbar ist, wird an dem Vorhalt We- dabei immer gleichzeitig um Ideologie und Institution, wobei die Ideologie -
bers (1994, 17) deutlich, "das Fehlen eines begrifflichen Instrumentariums zur analog Althnsser - nichts anderes sei als die Übersetzung der Institution auf ei-
Darstellung von Macht- und Herrschaftsverhältiüssen, vor allem in Hinblick ne andere Ebene. Speziell "aufgrund einer alten Zugehörigkeit" der Universitä-
auf die Analyse von Klassen-, Rassen- und Gesellschaftsverhältnissen" behin- ten gleichermaßen zur Wissenschaft wie zu den administrativen und staatlichen
dere grundlegend die Entwicklung von Möglichkeilen zur Arbeit an den Ver- Strukturell habe sich - so Foticault (1978, 20) - "vor allem in Deutschland und
hältnissen. da wiederum vor allem in (...) der hegelschen Linken bis zur Frankfurter
Angemerkt sei, daß das philosophisch begründete, vielleicht allenfalls Schule" der Verdacht entwickelt, daß etwas gerade "in der Vernunft selbst für
historisch relevant erscheinende Herr-Knecht-Paradigma auch in konkreten den Machtexzeß" der gesellschaftlichen Institutionen verantwortlich sei. Denn
politisch-psychologischen Alltagsthemen sinnvoll genutzt werden kann: Es die spezialisierten Institutionen des Sozialen lassen sich mit Althusser (1970)
ermöglicht bspw. die exemplarische psychologische Analyse (Kobbe 1995c) als "ideologische Staatsapparate" bestimmen, in denen - besonders deutlich im
eines hochagressiven Tatgeschehens in ihren interaktiven Anteilen, anhand Kontext forensischer Psychiatrie - Medizin, Psychologie und Kriminologie ein
dessen Fragen weiblicher Tötungsdelinquenz, geschlechtsspezifischer durch "wissenschaftliche Wahrheiten" autorisiertes Interventionsfeld der
Konfliktlösungsmuster und Beziehungsdynamik ebenso herausgearbeitet wer- 'Besserung' unter Bedingungen der 'Sicherung' zur Verfügung stellen. Da sich
den konnten, wie sich anhand der Diskurse von Herr und Knecht (im konkreten die konkrete Praxis von den (wissenschafts)ideologischen Vorgaben
Fall Dienstherrin und Zofe) psychologische Fragen der Desymholisierung, der unterscheidet, ist sie die quasi "offene Flanke" der Ideologie (Sartre 1975, 40).
Sprach- und Metaphernanalyse im Kontext biographischer "life events", wahn- So läßt sich am Beispiel der forensischen Psychologie und Psychiatrie
haft-paranoider Verarbeitung und situativen Impulsdurchbruchs klären ließen. - (Kobbe 1994c) zeigen, daß 'Besserung' und 'Sicherung' als tief in die gesell-
Damit verweist die Deliktdyrmmik zugleich auch auf die jeder Herrschaft inhä- schaftliche Realität verstrickt zu begreifen sind, in deren Behandlungspraxis
rente Entfremdung als keineswegs nur marxistisch geprägten Begriff, sondern die tendenziell ahistorische Verschiebung der gesellschaftlichen Aufmerksam-
auch soziologisch (Weber, Simmel, Durkheim) oder gesellschafts- und inclivi- keit auf die zu behandelnde individuelle Psyche des psychisch kranken Rechts-
dualpsychologisch (Fromm, Seeman) sinnvoll zu verwendender Kategorie (vgl. brechers als Verschiebung der Vor-Urteilsstruktur in der Gesellschaft selbst
Israel 1970). beachtet und mitgedacht werden muß (Jacoby 1975, 16) - eine Tatsache, die
auch die Selbst- und Fremdwallrnehmung des dort tätigen Psychologen mitbe-
stimmen muß.
390 Teilschritt für Politische Psychologie, Jg. 3, 1995 t). Kobbe: Lässigkeiten politisch-psychologischer Collagen 391

Differenz Konsens
Im Vergleich mit dem oben skizzierten Herrschafts- und Kommunikationsmo- Der dritte, von Berner thematisierte Dollpunkt psychologischer Prämissen ist
dell wäre das alternative Ideal einer symmetrischen Kommunikation als Prä- die konsensorientierte Vernunft. Für die oben zitierte Forderung nach
misse ebenso ahistorisch wie adynamisch, da es die immer intrapsychisch wie 'vernünftigen' Zusammenkünften bedeutet dies zugleich einen weiteren
interpersonell anzutreffenden, i.S. eines strukturellen Apriori angelegten Unter- Rinwand, nämlich das in der 'psychologisierten' Gesellschaft gängige
schiede negiert: Selbst Dialektik setze - so Foucault (1970, 439) - das Diffe- Mißverständnis, die angestrebte Finalität eines Diskurses sei der Konsens.
rente in Wirklichkeit nicht frei, sondern garantiere vielmehr seine ständige Denn Lyotard (1982, 90) belegt, der Konsens sei "nur ein Zustand der
Vereinnahmung wie im Herr-Knecht-Paradigma (s.o.). Damit ginge eine solche Diskussion und nicht ihr Ziel" und insofern "ein veralteter und suspekter Wert".
Zielsetzung hinter eine Position zurück, wie sie von Deleuze, Derrida, Authentizität kann also nur bedeuten, sich über die Heteromorphie der
Foucault, Lyotard u.a. als An-Erkennen von Differenz, ausgearbeitet wurden: Sprachspiele und einen - immer nur situativ möglichen - Konsens hinsichtlich
Differenz wird gewöhnlich als - meßbare - Differenz von oder in etwas aufge- aktuell statthafter Spielzüge im Sprachspiel zu verständigen.
faßt und definiert zugleich den Nullpunkt der vollkommenen Übereinstimmung, In gewisser Weise ist die Wahl eines - therapeutischen - Kommunikati-
der genauen Wiederholung. Für die genannten Autoren kommt Differenz zu- onsregelsystems somit vom Ansatz her zwar richtig, doch erinnert z.B. der
stande, weil "die Repräsentation das Präsente nicht mehr vollkommen reprä- themenzentrierte Interaktionsansatz an den Versuch, mit einer Theorie des
sentiert und die Wiedererkennung mißlingt", d.h. weil die Wiederholung nicht kommunikativen Handelns (Habermas I981b, 583) eine "Alternative" zu ge-
das Selbe, sondern eben nur begrenzte Identität ist (Foucault 1970, 39-46). schichtsphilosophischer und kritischer Theorie, d.h. unter Verzieht auf sie, zu
Differenz zwischen den Individuen ist als ursprünglich und unhintergehbar entwickeln. Nur: In den von Habermas ( l 981 a, 455) entworfenen Subsystemen
zu verstehen, aber bereits auch entwicklungspsychologisch als intrapsychische werden die gesellschaftlichen Institutionen durch zweckrationales Handeln im
Differenz in der eigenen Selbstwahrnehmung angelegt: Beim Blick in den Kontext wissenschaftlich-technischen Fortschritts organisiert, von denen das
Spiegel erkennt das - kindliche - Subjekt sich selbst, und dennoch ist diese um lebenswellliche Subsystem der symbolisch vermittelten Interaktionen abgespal-
einen Augen-Blick zeitversetzte Wiederholung des Selben zugleich eine andere ten bleibt: "Kommunikation tritt hier an die Stelle der ehemals Freiheit, Auto-
Realität desselben Subjekts, da die Repräsentation das Präsente nicht voll- nomie verbürgenden Vernunft, dem Absoluten der idealistischen Spekulation,
kommen repräsentiert (siehe ausführlicher in Kobbe 1995). Damit beinhaltet die sowohl Freiheit als auch Vernunft als immer schon wirklich unterstellte,
intersubjektive Differenz zwangsläufig unterschiedliche Interessen, Positionen unverkürzt und herrschaftsfrei" (Pohl 1983, 123).
und Möglichkeiten. Gerade diese bewußte Anerkennung der Differenz birgt in In den politischer Psychologie aufgezwungenen bzw. von ihr gewählten
sich, daß es äußerst unterschiedliche Diskursebenen gibt und daß es - sprach- Analyserastern geht es Foucault (1978, 33) zufolge keineswegs "darum, zu
philosophisch wie faktisch - unmöglich ist zu sprechen, ohne dabei ein Unrecht beschreiben, was Wissen ist und was Macht ist und wie das eine das andere
zu begehen, da "die Regeln der Diskursart, nach denen man urteilt, von denen unterdrückt oder mißbraucht, sondern es geht darum, einen Nexus von Macht-
der beurteilten Diskursart(en) abweichen" (Lyotard 1983,9). Wissen zu charakterisieren, mit dem sich die Akzeplabilität eines Systems - sei
Auch psychologisches Arbeiten muß sich daher am Differenten artikulie- es das System der Geisteskrankheit, der Strafjustiz, der Delinqnenz, der Se-
ren: Es muß "Praktiken aufnehmen, die eine gestreute Vielfalt statt einer Logik xualität usw. - erfassen läßt".
der Vereinheitlichung unterstreichen" (Hellerich und White 1992, 14). Denn Daß diese Diskussion keineswegs praxisfremd ist, läßt sich insbesondere
die zuvor idealistisch entworfenen "Strukturen fairer Konfliktaustragung" bein- an den "etat"blierten - staatlichen wie bereits als Zustand ausgegebenen -
halten die alltagspsychologisch häufig anzutreffende "permanente Ineinsset- Forderungen der Wissenschaften wie der Politik, sprich der Gemeinschaft der
zung von praktischem und kommunikativem Handeln" (Weber 1994, 17), auf Vernünftigen, nach rationaler Erklärung und Bekämpfung psychischer
die unten weiter eingegangen wird. Unter Berücksichtigung differenter Krankheit ersehen: Ein Dogma, dem auch gerade Psychologie nur schwerlich
Diskursartcn aber dürften sie damit in ganz anderem als dem gemeinten Sinn entkommt, will sie sich denn als den Naturwissenschaften gleichwertige und
"anarchistisch", nämlich innerhalb einer auch strukturellen Vielfalt willkürlich- damit 'zuverlässige' Wissenschaft erweisen (Kobbe 1991).
disparat, anarchisch-dilferentiell, insofern eben nicht mehr "fair" i.S.v. gerecht,
ehrlich, anständig sein.
392 Zeitschrift für Politische Psychologie, Jg. 3, 1995 U. Kohhe: Lässigkeiten politisch-psychologischer Collagen 393

Gesellschaftspädagogik (RIS) verstehbar wird. Verkürzt und insofern verfälschend formuliert, be-
schreibt Lacan ein intra- und interindividuelles System, das
Am Beispiel der Themenzentrierten Interaktion läßt sich im übrigen gut aufzei-
• grundlegend sprachlich (= symbolisch) strukturiert und determiniert ist,
gen, wie der politisch-psychologische Einsatz ursprünglich therapeutisch indi-
• nur über die 'hinter' diesen sprachlichen Bedeutungsträgern ('Signifikanten')
zierter Methoden über die ursprünglichen Ziele und Indikationen hinausgreift.
stehende Affekte, Phantasmen, Imagines (= imaginär) funktioniert und
Cohn (1975, 8) schreibt, themenzentrierte Interaktion diene "Pädagogen (Eltern
• auf das potentiell Mögliche als Reales des Imaginären (Castoriadis u.a.
und I^ehrern), Sozialarbeitern, Beratern, Psychotherapeuten und Grup-
1991) verweist, vielleicht annäherungsweise i.S. der konkreten Utopie
pendynamikern dazu, sich selbst und ihre Gruppen" sowie "auch Leiter und
Blochs (Schmidt 1985, 167) oder einer "ideellen Realität" (Wulff
Mitglieder jeder anderen Gruppe" dazu anzuleiten, "sich selbst von festgefah-
1977,169).
renen bewußten und unbewußten Starrheiten zu befreien". Dabei handele es
Das heißt, dieses Symbolische entspricht keineswegs dem, was wir unter den
sich um "konkretes und berufsspezifisches Wissen von Gruppenstnikturen und
Symbolen bei Freud oder dem Symbolismus von Jung verstehen: Bei Lacan ist
-prozessen", keineswegs jedoch um Interventionsmodelle oder -Strategien im
es sprachliches Element der Struktur, die in den Alltagsrealitäten und Bildern
gesamtgesellschaftlichen Kontext. Andererseits aber wird auch dies für TZI
unbemerkt Gestalt annimmt und sozusagen als Hintergrund für individuelle und
immer wieder in Anspruch genommen und formuliert Cohn das gesellschafts-
gesellschaftliche Prozesse fungiert (Kobbe 1995a, 37).
politische Anliegen ihrer "humanisierenden, bewußtseinserweiternden Päd-
So entwirft Castoriadis (1975, 226) die Institution als "ein symbolisches,
agogik"; doch ist dies letztlich unprofessionell, nämlich ebenso subtil manipu-
gesellschaftlich sanktioniertes Netz, in dem sich ein funktionaler und ein ima-
lativ wie psychologisch naiv-idealistisch und psychotherapeutisch vermessen.
ginärer Anteil in wechselnden Proportionen miteinander verbinden". Denn die
Wenn "rechtlich-politische und psychologisch-therapeutische Schritte eng
vermeintlich rein ökonomisch-funktiorialistiseh determinierten Institutionen
ineinandergreifen" sollen (Berner 1993, 165), gerät die bei Cohn bereits ange-
können als Organisationen (der Ökonomie, des Rechtssystems, der instruierten
legte schulmeisternde Position zu einer (unheimlich systemrationalen Vision,
Macht, der Religion...) nur als symbolische Systeme, im Symbolischen exi-
wie sie Foucault (1970, 39)
stieren, wobei ihre Regeln zwar als funktional oder als tatsächliche bzw. logi-
« als "Tyrannei eines guten Willens" i.S. von Authentizität oder politisch-mo-
sche Folge funktionaler Regeln erscheinen, dies jedoch einerseits keineswegs
dern ausgedrückt 'Verantwortungsübernahme',
unmittelbar sind und andererseits unmittelbar mit der symbolischen Logik
. als "Pflicht zutn 'gemeinsamen' Denken" i.S. der konsenshaften Herstellung
übereinstimmen müssen (Castoriadis 1975, 210). Dieses Symbolische ist - wie
bzw. Reklamierung von Erfahrungszusammenhängen und
oben erwähnt - mit dem Imaginären verschränkt, da die symbolische Bezie-
• als "Herrschaft des pädagogischen Modells" (sie!) denunziert.
hung von Signifikat und Signifikant immer eine imaginäre Funktion und deren
Daß psychotherapeutischen Kommunikationstheorien und Techniken - wohl
Beherrschung durch die rationale Funktion voraussetzt, d.h. nur aus dem Ima-
generell - ein politisches Potential innewohnt, arbeitete Schiilein (1976, bes.
ginären erklärt werden kann (Castoriadis 1975, 219).
125-155) beispielhaft für die Pragmatische Kommunikationstheorie Watzla-
Diese Analyse und Beschreibung der Systemdynamik ist für die politi-
wicks als einfacher / simplifizierender, lösungsorientierter, personalisierender
sche Psychologie wesentlich, um mit ihr die Forderung nach einem "Wandel
und idealistischer "Gesellschaftstherapie" heraus.
vom dekontextualisierteri zum kontextualisierten Ich in der Weise vollziehen"
zu können, "daß es wieder eingebettet wird in das historische, soziale, kultu-
relle und sprachliche ßeziehungsgeflecht" (Hellerich & White 1992, 10).
RISx Ihre Bedeutung erlangen diese zunächst äußerst theoretisch wirkenden
Zudem hat das zuvor skizzierte Politische des notwendigen Diskurses Lyotard Begriffe in praxi bspw. in der Analyse Verrückten' Verhaltens, /..B. des Wört-
(1978, 59) zufolge "nichts mit der Bestimmung von Institutionen, d.h. von Re- lichnehmens von Metaphern (Kobbe 1995b, 132-134), oder der Untersuchung
gelabständen zu tun, sondern vielmehr mit der Bestimmung einer Spielfläche zwischenmenschlicher Beziehungen in Pflegefamilien (Kobbe 1995a, 38-39).
für libidinöse Intensitäten, Affekte, 'Leidenschaften'". Es geht, anders formu- Institutionspolitische und psychiatriepolitische Relevanz erlangt die Ausarbei-
liert, um ein gesellschaftliches Feld und Diskurssystem, das von Affekten un- tung derartiger Strukturen
terlegt ist, von ihnen (teil)bestimmt und so durch einen 'Riß' markiert ist, der in • auf der Forschlings- und Verstehensebene z.B. in der äußerst
der von Lacan ausformulierten Topik des Realen-Imaginären-Syrnbolischen kompetenten 'ethnomethodologischen' Untersuchung des Alltags in der
psychiatrischen Anstalt von Fengler & Fengler (1980) sowie
594 Zeilschrift fiir Politische Psychologie, Jg. 3, 1995 II. Kohlic: Lässigkeiten politisch-psychologischer Collagen 595

in praxis- und interventionsbezogenen Kontexten bspw. für die Wehler (1971, 25) mahnt an, Psychoanalyse tendiere zur "monokausalen
Begründung und Erarbeitung von institutionellen Supervisionsangeboten Erklärung" und lasse sich bei den Neolreudianern dazu verführen, "die
mit dezidiert 'politischem' Selbstverständnis (Weiß 1985, bes. 135-159). Anpassung an die vorgegebene Gesellschaft (...) als Ziel ihrer willfährigen
Theorie" zu postulieren,
Inadäquanz Heenen (1984) beschreibt differenziert die Auswüchse einer
'Psychoanalyse der Betroffenheit',
Hier bleibt politische Psychologie in ihrer analytischen, theoretischen und dia- Schneider (1988, 66) untersuchte das "Andienen der Psychoanalyse an die
gnostischen Kompetenz zweifelsohne ebenso gefragt wie geeignet. Psychologi- Erfordernisse der Politik" in Vergangenheit wie Gegenwart und
sche Behandlungsmodelle, gruppendynamische (Inter-) Aktionsformen oder Weber (1994) formulierte erst jüngst eine Erwiderung auf die zwar
psychotherapeutische Jnterventionsstrategien jedoch sind nicht ohne weiteres eingängigen, aber von Bauriedl (1986, 1988) undifferenziert propagierten
bzw. überhaupt nicht auf institutionelle und erst recht nicht auf gesellschaftli- psychoanalytischen Perspektiven politischen Widerstands.
che Diskurssysteme übertragbar. Psychologische Modelle - und hier Daß nicht nur Psychoanalyse zu derartigen Einseitigkeiten in der Lage ist, be-
insbesondere die psychoanalytischen Paradigmen - tragen wesentlich zum legt der politisch-psychologische Entwurf des Lerntheoretikers Skinner (1969)
Verständnis gesellschaftlicher Abläufe bei (vgl. Mentzos 1976). In dieser Hin- zur Herstellung einer aggressionsfreien Gesellschaft - geradezu ein Paradestück
sicht plädiert diese Arbeit mit Körner (1991) für eine 'Rückkehr' der psycho- zweckrational eingesetzter Vernunft zur Gesellschaftspädagogik vermittels
analytischen Metapsychologie in die Psychologie, da sie z.B. im Bereich politi- verhaltcnspsychologischer Therapeutik. Hiermit "macht die Art Interesse, dem
scher Psychologie deren Theorienbestand vervollständigen und - indirekt - ih- sich die Psychologie in unserer Gesellschaft als Dienerin anbietet", in der Tat
ren Gegenstandsbereich erweitern kann. Doch muß bestimmten Ver- "seinen Schnitt" (Lacan I960, 2 1 1 ) . Und damit bleibt die Aussage Lacans
such(ung)en entgegnet werden: Wie läßt sich dieser Übergang vom Individuel- (1960, 210), die - akademische - Psychologie sei "das Vehikel von Idealen" als
len zum Gesellschaftlichen begründen? Wie läßt sich die Existenz von struktu- "Sklave der Gesellschaft", unvermindert aktuell: Für sie stehe "die Psyche (...)
rellen Apriori verstehen, von allen Deutungen vorausgesetzten Institutionen dabei nur Pate, wenn es darum geht, sie in den Rang einer akademischen Wis-
deuten? "Gerade weil die Zurückführung des Gesellschaftlichen aufs indivi- senschaft zu erheben".
duelle Unbewußte logisch und real unmöglich ist (genauso wie die umgekehrte
Reduktion), stellt sich jene Frage" (Castoriadis 1978, 171) und bedarf es der
reflektierten Zurückhaltung und fachlichen Präzision im Entwurf psychologi-
scher Utopien (Kobbe 1994b).
Diskursmonopol
Zudem: Jede Psychotherapie ist - so Caruso (1962, 149) - "Kleinstarbeit So dürfte das Kommunikationssystem TZI selbst wenig Relevantes zur Verän-
an Individuen (auch im Parameter der Gruppenform), sie ist nicht primär so- derung tierartig heleronymer Diskurse beilragen. Als vorgeschlagener Gestal-
ziale Heilslehre, und es ist schon möglich, daß man in einer künftigen Welt oh- lungsmaßstab für soziale Strukturen tendiert es vielmehr zur moralisch-öko-
ne Entfremdung - eben in der Utopie, ohne negativen Beigeschmack des Wor- nomischen Monopolisierung einer Denkensart, sprich /u r Hegemonie einer
tes im 'Reich der Freiheit' - den Psychoanalytiker nicht mehr brauchen wird diskursregulierenden Methode. Lyotard (1983, 299) beendet seine Arbeit über
(aber man braucht ihn "noch", wie eben auch die themenzentrierte Interaktion den Widerstreit mit folgender Feststellung: "Das einzige unüberwindliche Hin-
therapeutisch gebraucht wird). dernis, auf das die Hegemonie des ökonomischen Diskurses stößt, liegt in der
Wie wesentlich diese Hinweise sind, zeigt sich an der Verführung einzel- Heterogenität der Satz-Regelsysteme und Diskursarten, liegt darin, daß es nicht
ner Kollegen zu politisch-psychologischen Entwürfen, die sich damit einer ein- 'die Sprache' und nicht 'das Sein' gibt, sondern Vorkommnisse. Das Hindernis
gehenden Psychoanalysmus-Kritik i.S.v. Castel (1976, 11) aussetzten, da die besieht nicht im 'Willen' der Menschen im einen oder anderen Sinne, sondern
soziopolitische Wirklichkeit ausgeklammert und die spezifischen Machtstruk- im Widerstreit".
turen psychologisierend verschleiert und / oder die eigene (Macht-) Position
nicht mitreflektiert wird (Wulff 1977, 178):
• Bereits Fenichel (1934, 196) rückt dezidiert vom "Unsinn" ab, "die Erklä- Widerstreit
rung und Bekämpfung des Krieges durch psychoanalytisches Studium des
Neben der Inadäquanz und der Totalisierungstendenz der als gesellschaftliche
Sadismus zu betreiben",
Therapeutik instrumentalisierten psychologischen Methode wird die eingangs
396 Zeitschrift für Politische Psychologie, Jg. 3, 1995 U. Könne: Lässigkeiten politisch-psychologischer Collagen 597
unter Bezugnahme auf Marcuse und Freud angedeutete gesellschaftliche und genwart die Schwachstellen, Öffnungen und Kraftlinien kenntlich macht"
psychologische Dynamik immer wieder unterschätzt bzw. negiert: In seiner (Foucault 1977, 198) und
kritischen Stellungnahme zum Verhältnis von Psychoanalyse und Politik ver- kann daher - Schneider (1988, 70) paraphierend - "wohl nichts anderes
weist Schneider (1988, 70) auf die Macht der - subversiven - inneren Bilder heißen, als sich allen gestellten Konsenszumutungen gegenüber abstinent,
wie der kollektiven Angst- und Wunschträume. Diese seien ebenso "vor ihren also kritisch zu verhalten".
progressiv gesonnenen Verwertern und Rechtfertigern in Schiit/, zu nehmen"
wie gegen eine sie ggf. im Namen universeller Vernunft denunzierenden Psy-
chologie zu verteidigen (vgl. Kobbe 1991). Denn gerade die pazifistisch be-
wegte, politisch-psychologisch bemühte Gruppe "psychologisch erfahrener und
reflektierter Menschen" (Berner) gehört zu den Wissenschaftsarbeitern, die im
Besitz "kognitiver Vernunft" (Lyotard) sind und deren gesellschaftliche Kom- Literatur
petenz damit hinreichend bestimmt zu sein scheint. Daß dies mitnichten so ist,
belegt Lyotard (1983; 1984) in seinen Arbeiten zur Vernunft und zur Kompe- Allhusser, L. 1970: Ideologie et appareils ideologiqucs d'F.tal (notcs pour unc rcchcrchc).
tenz der Intellektuellen. In: LaPensee, n" 151 (1970) 3-38
Authier, J. 1983: "Tn Gänsefüßchen reden" oder Nähe und Distanz des Subjekts zu seinem
Mithin taugen Psychologie wie Psychotherapie weder als adäquate Diskurs. In: Geier, M. & Woet/el, H. (Hrsg.): Das Subjekt des Diskurses. Beiträge
'therapeutische' Interventionsstrategien im gesellschaftspolitischen Kontext, y.ur sprachlichen Bildung von Subjektivität und InterSubjektivität Argument-Sonder-
noch legitimiert die Verfügung über sie diesen Anspruch. Als Psychologe den band 98. Das Argument, 19X3, 59-75
politischen Wissenschaftsdiskurs in Theorie, Analyse oder Praxis zu führen, Bauriedl, Th. 1986: Die Wiederkehr des Verdrängten. Psychoanalyse, Politik und der Ein-
. setzt dementsprechend eine Be(tr)achtung der irrationalen Positionierung y.elne. München/Zürich: Piper
Bauriedl, Th. 1988: Das Leben riskieren. Psychoanalytischc Perspektiven des Widerstands.
der "Vernunft der kognitiven Vernunft in eine soziale, ökonomische oder München, Zürich: Piper 1988
politische Ordnung" (Lyotard 1984, 37-38) voraus, Bcrner, P. 1993: "Der Abgrund, in den du stür/.t, ist nicht deine Umwelt." Paul Goodman,
• geht also als Kritik von einer aufklärerischen Position i.S. Kants aus, "in Wegbereiter einer Utopie der psycho-poütischen Ko-Evolution. In: ZIPP, l, 151-174
welcher sich das Subjekt das Recht herausnimmt, die Wahrheit auf ihre Berner, P. 1994: Strukturwendc. Plädoyer für die Explikation einer gesellschaftspolitischen
Machteffekte hin zu befragen und die Macht auf ihre Wahrheitsdiskurse Implikation psychologischer Praxis. In: PP-Aktuell, 13, 156-158
Besancon, A. 1969: Psychoanalytische Geschichtsschreibung. In: Wehler (1974), 91-140
hin" (Foucault 1978, 15), * wirkt in dieser widerständigen Analyse- und
Caruso, I.A. 1962: Soziale Aspekle der Psychoanalyse. Reinbek: Rowohlt 1972
Betrachtungsweise der Macht / Wissen-Systeme eher problemgenerierend Castel, R. 1976: Psychoanalyse und gesellschaftliche Macht. Kronberg 1976
denn problemlösend (Hörn 1981, 78), Castoriadis, C. 1975: Gesellschaft als imaginäre Institution. Entwurf einer politischen Philo-
• verlangt eine differenzierte Kenntnis der historischen, imaginären und sym- sophie. Frankfurt a.M.: Suhrkump 1984
bolischen Aspekte vermeintlich rein ökonomisch-funktionalistisch determi- Castoriadis, C. 1978: Durchs Labyrinth. Seele, Vernunft, Gesellschaft. Frankfurt a.M.: EVA
nierter gesellschaftlicher Institutionen, 1981
Castoriadis, C; Heller, A.; Waldenfels, B. 1991: Das Reale des Imaginären. Turia & Kant,
. eröffnet bei Einbeziehung psychoanalytischer Modelle - wie Reinke (1987;
Wien
1991) zeigt - Forschungsansätze im sozialpolitischen Raum (Unter- Cohn, R.C. 1975: Von der Psychoanalyse zur themenzentrierten Interaktion. Stuttgart:
schichtangehörige, Straftäter), Kiett-Cotta 1990
• versucht, Lebenspraxen als individual-historisch und gesellschaftlich-histo- Deleuze, G. & Foucault, M. (Hrsg.) 1977: Der Faden ist gerissen. Berlin: Merve
risch determinierte politische Prozesse "im Sinne einer bilateralen Bezie- Devercux, G. 1972: Ethnopsychoanaly.se. Die komplementaristische Methode in den
hung" zu verstehen (Kutter 1984, 212) und das phantasmatische Feld politi- Sozialwissenschaften. Frankfurt a.M.: Suhrkamp
Eco, U. 1977: Zeichen. Einführung in einen Begriff und seine Geschichte. Frankfurt a.M.:
scher wie historischer Realität auf diese Phantasmen hin zu untersuchen
Suhrkamp
(Besancon 1969, 113-119), Fcnichcl, O. 1934: Über die Psychoanalyse als Keim einer zukünftigen dialektisch-materiali-
• bedarf eines ebenso desillusionierten wie verantwortungsbewußten Wider- stischen Psychologie. In: Laermann, K. (Hrsg.): Otto Fenichel. Aufsätze Bd I.
streits innerhalb heterogener Wissenschaftsdiskurse, Frankfurt a.M. / Berlin / Wien: Ullstein 1985, 276-296
« übernimmt den Traum' vom "Intellektuellen als dem Zerstörer der Eviden- Fengler, C. & Fengler, T. 1980: Alltag in der Anstalt. Wenn Sozialpsychiatrie praktisch
zen und Universalien, der in den Trägheitsmomenten und Zwängen der Ge- wird. Eine ethnomethodologische Untersuchung. Rehburg-Loccum: Psychiatrie-
Verlag 1980
398 Zeitschrift für Politische Psychologie, Jg. 3, 1995 U. Kobbe: Lässigkeiten politisch psychologischer Collagen 399
Foucault, M. 1970: Theatrum Philosophicum. In: Deleuze & Foucault (1977), 21-58 Kutter, P. 1972: Psychoanalyse und Politik - psychoanalytische Ansätze zu einer politischen
Foucault, M. 1972. Die Intellektuellen und die Macht. In: Dcleuze & Foucault (1977), Psychologie. In: Kutter, P. (1984): Psychoanalyse in der Bewährung. Methode,
86-100 Theorie und Anwendung. Frankfurt a.M.: Fischer 1984, 211-221
Foucault, M. 1977: Nein /.um König Sex. In: Foucault, M. (1978) Disposilive der Macht. Lacan, .1. I960: Die Stellung des Unbewußten. In: Lacan, J. (1966): Schriften II. Ölten /
Berlin: Mcrvc 1978, 176-198 Freiburg: Walter 1975, 205-230
Foucault, M. 1978: Was ist Kritik? Berlin: Merve 1992 Lyotard, J.-F. 1973: Über eine Figur des Diskurses. In: Lyotard, J.-F. (Hrsg.) Intensitäten.
Freud, S. 1921: Massenpsychologie und Ich-Analyse. GW XIII. London: Imago 1955, Berlin: Merve 1978, 59-90
73-161 Lyotard, J.-F. 1982: Das postmoderne Wissen. Passagen, Wien 1986 Lyotard, J.-F. 1983:
Freud, S. 1930: Das Unbehagen in der Kultur. GW XIV. London: Imago 1955, 421-506 Der Widerstreit. München: Fink 1989
Habermas, J. 1981 a: Theorie des kommunikativen Handelns. Bd 1: Handhmgsrationalität Lyotard, J.-F. 1984: Grabmal des Intellektuellen. Wien: Passagen 1985
und gesellschaftliche Rationalisierung. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1981 Marcuse, H. 1956: Triehlehre und Freiheit. In: Marcuse, H. (1980): Psychoanalyse und Po-
Habermas, J. 1981b: Theorie des kommunikativen Handelns. Bei 2: Zur Kritik der funktio- litik. Frankfurt a.M.: EVA 1980, 7-34
nalistischcn Vernunft. Frankfurt a.M.: Suhrkamp Mcntzos, St. 1976: Interpersonelle und institutionalisierte Abwehr. Frankfurt a.M.:
Hanmann, H. 1950: The Application of Psychoanalytic Concepts to Social Science. In: Suhrkamp 1988
ders.: Essays on Ego Psychology. New York: Int. Univ. Press 1964, 90-98 [/it. n. Parin, P. 1975: Gesellschaftskritik im Deutungsprozeß. In: Parin, P. (1978b) a.a.O., 34-54
Parin (1978a), 14] Parin, P. 1978a: Warum Psychoanalytiker so ungern zu brennenden Zeitproblemen Stellung
Heenen, S. 1984: Die Psychoanalyse der "Betroffenheit". In: Lohmann, H.-M. (Hrsg.): Die nehmen. In: Parin, P. (1978h) a.a.O., 7-19
Psychoanalyse auf der Couch. Frankfurt a.M. 19X4 [zit. n. Schneider (1988) a.a.O.] Parin, P. 1978h: Der Widerspruch im Subjekt. Elhnopsychoanalytische Studien. Frankfurt
Hegel, G.W.F. 1807: Phänomenologie des Geistes. Frankfurt u.M.: Suhrkamp 1975 a.M.: S y n d i k a t / E V A 1978
Hellenen, G.; White, D. 1992: Psychologie und Postmoderne. In: P&G 16 (1992) 3/4, 5-16 Parin, P. & Parin-Matthey, G. 1978: Der Widerspruch im Subjekt. Die Anpassungsmecha-
Hörn, K. 1981: Prometeus als Menschenmaterial? Zur gesellschaftlichen Funktion Politi- nismen des Ich und die Psychoanalyse gesellschaftlicher Prozesse. In: Parin, P.
scher Psychologie. In: Schülcin. J. A., u.a., Politische Psychologie. Entwürfe zu einer (1978h) a.a.O., 112-133
historisch-materialistischen Theorie des Subjekts. Frankfurt a.M.: Syndikat, 77-105 Pohl, F.W. 1983: Luthers Erbe: der magische Kern bürgerlicher Rationalität. In: Pohl, F.W.
Israel, J. 1970: Der Begriff Entfremdung. Makrosoziologische Untersuchung von Marx bis & Türcke, Chr. (Hrsg.): Heilige Hure Vernunft. Luthers nachhaltiger Zauber. Berlin:
zur Soziologie der Gegenwart. Reinbek: Rowohlt 1972 Wagenbach 1983, 85-126
Jaeoby, R. 1975: Soziale Amnesie. Eine Kritik der konformistischen Psychologie von Adler Sartre, J.-P. 1975: Diskussion mit Franco Basaglia. In: Basaglia, F. u.a. (Hrsg.): Befrie-
bis Laing. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1978 dungsverbrechen: Über die Dienstbarkeit der Intellektuellen. Frankfurt a.M.: EVA
Kobbe, U. 1991: Wechselbalg "Vernunft": Fetisch und Hure der forensischen Psychiatrie. 1980,34-41
In: Materialien zur Rheinischen Psychiatrie. 5. Jahrestagung der klinischen Psycholo- Sehiwy, G. 1969: Strukturalismus als Methode. In: Schiwy, G. (1969): Der französische
gen des Landschaftsverbandes Rheinland 1991 - Forensische Psychiatrie. Köln: LVR Strukturalismus. Reinbek: Rowohlt 1973, 36-86
1994, 10-27 Schmidt, B. 1985: Ernst Bloch. Stuttgart: Mctzler 1985
Kobbe, U. 1994a: Beyond excluding discourses. In: WsFPP l (1994) l, 161-172 Schneider, P. 1988: Die Schwierigkeiten der Psychoanalyse mit der Politik - beziehungswei-
Kobbe, U. 1994b: Killerargumcnte oder Das Phantasma vom System als Mörder. In: se umgekehrt. In: Schneider, P. (Hrsg.): Die Psychoanalyse ist kritisch, aber nicht
So/.psych. Inf. 24 (1994) 3, 36-38 ernst. Zur Politik der Psychoanalyse der Politik. Frankfurt a.M.: Nexus 1988, 63-71
Kobbe, U. 1994c: Inversion des Sozialen? Von der extrapolierten Agonie des Fortschritts Schülein, J.A. 1976: Psychotechnik als Politik. Zur Kritik der Pragmatischen Kommunikati-
im Maßregelvollzug. In: Bock, Th. u.a. (Hrsg.) 1995: Abschied von Babylon - Plä- onsthcorie. Frankfurt a.M.: Syndikat 1976
doyer für eine trialogische Psychiatrie. Referate, Eindrücke und Notizen vom Welt- Skinncr, B.F. 1948: Futurum Zwei »Waiden Two«. Die Vision einer aggressionsfreien Ge-
kongreß der Psychiatrie '94 in Hamburg. Bonn: Psychiatrie-Verlag 1995 (im Druck) sellschaft. Reinbek: Rowohlt 1972
Kobbe, U. 1995a: Psycholegierungen. Kind und Familie in deutsch-französischen Fachdis- Weber, K. 1994: Die Unterdrückten gegen die Herrschenden. Erwiderung auf Thea Bau-
kursen. In: Dokumente 51 (1995) l, 35-39 riedl. In: P&G 18(1994) 1,5-19
Kobbe, U. 1995b: Die vertikale Richtung der narzißtischen Apokalypse. Psychoanalytisch- Wehler, H.-U. 1971: Zum Verhältnis von Geschichtswissenschaft und Psychoanalyse. In:
philosophischer Essay zur Sozialpsychologie des Verbrechens. In: WsFPP 2 (1995) l, Wehler, H.-U. (1974) a.a.O., 7-26
117-148 Wehler, H.-U. (Hrsg.) 1974: Geschichte und Psychoanalyse. Frankfurt a.M. etc.: Ullstein
Kobbe, U. 1995e: Psychiatrie als Stundenhotel oder das forensische Subjekt als Zeitwaise. Weiß, R. 1985: Bühne frei für eine politische Supervision. Experimente mit Psychodrama
Autodafe zur Fragmentierung, Stigmatisierung, Serialisierung im Maßregel voll/.ug. In: und Lehrstücktheater. München: AG SPAK, Materialie 64. 1985
WsFPP 2 (1995) 3 [in Vorbereitung] Wulff, E. 1977: Psychoanalyse und Realität. In: Wulff, E. (1981): Psychisches Leiden und
Körner, J. 1991: Für eine Rückkehr der Psychoanalyse in die Psychologie! In: P&G 15 Politik. Ansichten der Psychiatrie. Frankfurt a.M.: Campus 1981, 168-186
(1991)1,49-58