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Ein Beispielliturgievergleichender Philologische und strukturelle Anmerkungen zur Erforschung der Anamnese in den westlichen und östlichen Riten

GABRIELE WINKLER

für Angelus Häußling OSB

Beim römischen Canon Missae lllußgevviß generell·vom »Meßopfer« gesprochen werden, was schon nicht mehr ün gleichen Umfang für die nichtrömische westliche Liturgie gilt. Das heißt, selbstfür den Westen zeichnet sich bereits ein differenziertes Bild ab: Die römische Messe k~nntdas »Opfer« als zentralen Leitgedanken, was sich dann in der Anamnese konzentriert widerspiegelt. Nicht in diesem Ausmaß der alt- spanische, altgallische und keltische Ritus, wie wir noch sehen werden. Beim christlichen Osten muß. als erstes zwischen »Oblatio« (»Darbringung«) und »5acrificiu111« unterschieden werden, wobei den Anamnesen.in ihrer frühen Schicht selbst die »Oblatio« oftmals unbekannt ist, und bei den ostsyrischen Formularen un- übersehbar ist, daß die Erwähnung der »Oblatio« primär und die des »5acrificiu111s« sekundär ist. Das heißt, bei den ostsyrischen Anaphoren ist z. B. ein deutlicher Ent- wicklungsprozeß zu beobachten: im gesamten eucharistischen Hochgebet von Addai und Mari, dem ältesten bstsytischen Formular, kommt nur qurbäl1ä (= »oblatio«) vor, der Begriff deb~1ä (= »sacrificiu111«) fehlt noch. In den späteren Anaphoren, die dem Nestorius bzw. Theodor von Mopsuestia zugeschrieben wurden, finden wir bei Durch- sicht des gesamten Eucharistischen Hbchgebets erstmals neben qurbäl1ä (= »oblatio«) auch noch debhä (= »sacrificht111«).I Daraus ist bereits ersichtlich, wie genau man bei den Übersetzungen vorzugehen hat, jedoch wurde dieser Unterschied keineswegs bei den Übersetzungen immer berücksichtigt.

Im Armenischen entspricht iJncay der »oblatio« und patarag dem »sacnficium«. Im syri- schen Sprachgebrauch ist bis heute qurbtinti als Bezeichnung der gesamten Eucharistiefeier er- halten geblieben, wie dies auch mit dem Begriff »Anaphora« (= »oblatio«) für die byzantinische Liturgie deutlich wird. Im armenischen Ritus ist offensichtlich ein Wandel eingetreten: Der Be- griff patarag (»sacrificium«) als Terminus techniclls für die Eucharistiefeier ist bereits bei der Synode von Theodosiopolis [= Karin] zur Zeit Kaiser Justinians (685-695) belegt, wie das arme- nische Rechtsbuch (Kanonagirlc' Hayoc) erkennen läßt, wo es im letzten und neunten Kanon

heißt: vasn zgesti lc'ahanayin or i pataragn ew sarlcawagin (»Über die Kleidung des Priesters

und des Diakons beim »Opfer«)? Im Gegensatz dazu ist auf der Synode zu Dwin von 555 noch vom »Brot der Oblatio« (lwc' iJncayi) die Rede. 3 Das ältere iJncay (= »oblatio«), von dem sicht-

1. S. dazu die theologische Untersuchung von B. Spil1lcs, Eucharistie Offering in the East Syrian Anaphoras:

OrChrP 50 (1984) 347-371.

2. Vgl. V. Hakobyal1, Kanonagirk' Hayoc' II. Erevan 1971, 246. Zu dieser Synode s. M. val1 Esbroeck, Arme-

nien und die Penthekte: Annuarium Historiae Conciliorum 24 (1992) 82-83.

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Gabriele

li.ch auch Xosro: Anjewa:'i

(~O.Jh.) n~c~ Kenntnis hatte,4 wird also durch patarag

c!Um«) als Bezel~h.n~ng fu.r dIe Euc~anstIe abgelöst. Dieser Wandel von ancay (= »ob/c,ltic)« p~tarag (~ »sacriflclum«) 1st ausweIslich der zitierten konziliaren Quellen nicht erst über

nIschen E~nfluß

zu erhebhch

»Meß0.rfer«. So bezeIchnet Jungmann ~.uch seinen zweiten Band von Missarum Sollemnia U~tertltele~tsprechend~e.r.römischen Uberlieferung, die vom »Opfergedanken« durch die grIffe »hostw« und »sacriflclum« durchtränkt ist, schlicht: »Opfermesse«.6

auf

den a.rmenischen Ritus im ~ittelalterzustande gekommen, 5 sondern

fruhere~ Zelt. In der römischen Uberlieferung spricht man ganz allgemein

In diesem Beitrag möchte ich mich auf einen Ausschnitt aus dem tucharistisdlen Hochgebet beschränken, von dem vor allem behauptet wird, daß er den »U'pt(~rged,m­ ken« mitbeinhalte. Dabei handelt es sich um jenen Gebetsteil, der dem Eirlsetzt:mg:sb1e- richt folgt und mit »Anamnesis« bezeichnet wird. Die Narratio Institutionis geht dem Auftrag des Herrn in sein Gedächtnis (= Anamnese) über. Als erstes soll kurz ~~fundin d.en .westlichen Riten, und im Anschluß daran sollen auch einige tleJlspiele

f~rden

Chnsthchen

Orient erläutert werden. Für die westlichen Zeugen greife

dIe schone und· praktische Quellensammlung von Prex Eucharistica 7 zurück jedoch für die orientalischen Anaphoren. Hier wurden vor allem die kritische~ gaben, teilweise auch der Textus receptus, im jeweiligen Original benutzt und für diese Veröffentlichung in deutscher Übersetzung vorgestellt.

I. Der Westen

Hier wären (1) die. römische Messe, (2) die nichtrömischen Riten, wie z. B. die alt- gallische Liturgie, und (3) das altspanische Meßformular anzuführen. In der römi- sc~enLi:urgie wird z. R die Anamnese mit »Unde et memores« eingeleitet, und sie mundet In die Darbringung des »Opfers« ein, mit der sich anschließenden Bitte um seine Annahme. Sehen wir uns die Struktur und den Wortlaut genauer an:

DIE LITURGIA ROMANA

Prex Eucharistica, 434-435

1. DIE ANAMNESE

Unde et memores surnus

beataepassionis

etc. 8

4. Vgl. Armenischer Thesaurus (Nor bargirk' haykazean lezui) lI, 605.

5. Zur L~tinisierungdes armenischen Ritus vgl. G. Winkler, Armenia and the Gradual Decline of its Liturgi-

cal Practlces as a Result of the Expanding Influence of the Holy See from the 11th to th

14th C

.

BEL.S 7 (Rom 1976) 329~368.

e

entury.

6. ygI.]. A. Ju~gmann, Missarum Sollemnia. Eine genetische Erklärung der römischen Messe I-lI. Wien/

FrelburgfBasel 1~62.Was Jungmann jedoch im ersten Band, 33-36, zum Verständnis der »Eucharistia« als »Opfer« In den .fruhen Quellen sagt, müßte doch nochmals genauer hinterfragt werden; Es kann sicher nicht

behauptet werden,. ~a.ßder Opfercharakter ganz allgemein vorauszusetzen ist, auch scheint mir die still-

schweigende IdentifIZIerung von »oblatio« mit »sacrificium« (34) nicht zulässig zu sein. Dies zeigt

. h

't

besonderer Deutlichkeit bei den östlichen Liturgien.

SIC

ml

Vgl. A. Hänggi - Irmgard Pahl (Hrsg.), Prex Eucharistica. Textus e variis liturgiis antiquioribus selecti. Fnbourg 1968.

7

8. Zur Anamnese vgl. H. Lietzmann, Messe und Herrenmahl. Eine Studie zur Geschichte der Liturgie.

Bonn 1926, 58-59.

Ein Beispielliturgievergleichender Untersuchung

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DAS (SCHLACHT-)OPFER (»HOSTIA«):

offerimus praeclarae maiestati tuae de tuis donis ac datis hostiam puram, hostiam sanctum, hostiam immaculatum, panem sanctum vitae aeternae et calicem salutis perpetuae.

H. DIE BITTE UM ANNAHME DES OPFERS (»SACRIFICIUM«):

Supra quae propitio ac sereno vultu respicere digneris et accepta habere, sicuti accepta habere dignatus es munera pueri tui iusti Abel et sacrificium patriarchae nostri Abrahae et quod tibi obtulit summus sacerdos tuus Melchisedech, sanctum sacrificium, immaculatam hostiam.

Hier kann man, wie Jungmann dies auf so treffliche Weise darlegte, tatsächlich von einem »Doppelbegriff« sprechen, der das »Gedächtnis« (Anamnese) und den »Opfer- gedanken« umfaßt, wobei Jungmann jedoch bereits den Begriff der »Darbringung« mit dem des »Opfers« ineins sah. 9 Beim römischen Canon Missae mag dies aufgrund

hostiam« noch Gültigkeit haben, obwohl es mir doch besser

scheint, die »Oblatio« vom »5acrificium« bzw. der »Hostia« zu trennen, und dies auf- grund einer liturgievergleichenden Untersuchung, denn bei allen östlichen Liturgie- formularen besteht ein nachweislicher Unterschied zwischen der »Oblatio« (z. B.

syrisch: qurbänä, armenisch: ancay) und dem »5acrificium« (syr.: debhä, armen.:

patarag).

In der römischen Messe sehe ich mit Jungmann bei der Anamnese eine zweiglied- rige Struktur, bestehend aus der eigentlichen Anamnese und der »Darbringung des

Opfers« (»hostia«). Daran schheßt sich die Bitte um Annahme des »5acrificium« an,

in der ausdrücklich auf das »Opfer« des Abraham und des Melchisedech Bezug ge- nommen wird. Sieht man sich daraufhin den Abschnitt post secreta in der altgallischen und keltischen litur- gie genauer an, unter Einbezug des Abschnitts ]Jostpridie in der altspanischen Liturgie, so ergibt sich bereits ein anderes Bild: oftmals ist hier weder von der »Hostia« noch von einem »Sacrifi- cium« die Rede, oder aber es wird nur die »Hostia« oder das »Sacrificium« erwähnt, wie der nachfolgende Überblick zeigt:

des Verbs »offerimus

DER ABSCHNITT POST SECRETA (POST MYSTERIUM) IN DER LITURGIA GALLICANA ET CELTICA10

Missa Dominicalis (468):

Missa de Adventu Domini (470): die collectio post secreta beinhaltet eine Epiklese,

» utfiat oblatio haec hostia spiritalis in odorem suavitatis accepta«.

Die Missa in Vigilia Nativitatis (471) und die Missa in die Nativitatis (471)

kein Hinweis auf das »Opfer<<.

weisen beide lediglich eine sehr kurze Anamnese auf, der Opfergedanke fehlt also. spricht von »immolare« (wörtl.: »immolatur«). »hostia<<.

kein Hinweis auf das »Opfer«.

ist beeinflußt vom röm. Canon missae: »hostia«. »sacrificium<<.

Die Missa in diem Epiphaniae (473) Missa in Cena Domini (474):

Missa Dominicalis (479):

Item alia (479):

Item alia (480):

9. Cf.]. A. Jung111al1l1, Missarum SoIIemnia I, 271-272, 277.

10. Die Seitenzahlen beziehen sich auf Prex Eucharistica. Zur Seltenheit der Anamnese selbst vgI. Lietz-

mann, 60-62.

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Gabriele 1I\fi'11I,lov

Appendix:

Missa in natale sancti Stephani (491):

Missa circumcisionis [Domini] (491)

kein Hinweis auf das »Opfer«.

und

schließlich eine Epildese. ll

folgt den

Thomasakten

bietet

Missa in Symboli Traditione (491): kein Hinweis auf das »Opfer«.

Missa in Assumptione S. Mariae (492):

Missa in Cathedra S. Petri Apostoli (492): Epiklese, dabei: »legitima eucharistia<<.

»sacrificium«.

damit

Missa pro defunctis (492):

keine Anamnese,

sondern ausschließlich Epiklese.

Missa Dominicalis (492):

»sacrificium<<.

Item alia (493):

»sacrificium«.

Item alia

(493):

kein Hinweis auf das »Opfer«.

DER ABSCHNITT POST PRIDIElN DER LITURGIA HISPANICA12

Dominico de quotidiano 1-3 (498, 500, 501):

»]lOstia«

In Adventu Domini (502):

»sacrificium«

In Nativitate Domini (504):

»hastia«

In Vigilia paschali (505):

»hastia«

In die paschatis, Missa antiqua (507):

»hastia«

In Cena Domini (508-509):

kein Hinweis auf das »Opfen<.

In Ascensione Domini (511):

auch hier fehlt der Hinweis auf das »Opfer«.

Missa generalis defunctorum (513):

»sacrifici/lm<<.

Der römische Canon Missae ist in der Tat ganz allgemein durchdrungen vom Op- fergedanken, konzentriert dann auch bei der Anamnese. Dies gilt gewiß nicht mehr im gleichen Maß für die nichtrömische Liturgie. Hier ist ein unterschiedliches Spek- trum festzustellen, wobei der Abschnitt nach dem Einsetzungsbericht (= post secreta bzw. post mysterium in den altgallischen und keltischen Formularen, post pridie in den altspanischen Zeugen genannt) keineswegs den Opfergedanken regelmäßig mit- beinhaltet. Wenden wir uns nun den östlichen Anaphoren zu. Anton Baumstark behauptete in seinem Frühwerk Die Messe im Morgenland 13 noch: »Mit dem Gedankengang des

römischen Meßkanons stimmt es

syrischen Formulars - alle morgenländische Liturgie in der Anamnese den Opfercha- rakter der Eucharistie betont«. Daß dies alles andere als richtig ist, wird aus den anzu- führenden Anaphoren deutlich werden. Bei den östlichen Anaphoren ist apriori fest- zuhalten, daß der Gebetsteil nach der Narratio Institutionis oft - doch nicht immer -

eine Anamnese aufweist, manchmal - jedoch keineswegs stets - eine »Darbringung« (»oblatio«) kennt, (die meist nebensächlichen Charakter aufweist) und selten ein »Opfer« (»sacrificiuln«) erwähnt. Ja es scheint, daß wir für die große christologische

Oratio post Sanctus mit der Narratio 111stitutionis und der sich häufig daran aus-

genau überein, wenn -

mit Ausnahme des ost-

11. G. Winklei; Weitere Beobachtungen zur frühen Epiklese (den Doxologien und dem Sanctus). Über die

Bedeutung der Apokryphen für die Erforschung der Entwicklung der Riten: OrChr 80 (1996) 177-200,

12. Zur Seltenheit der Anamnese vg!. Lietzmalm, 62-68.

13. A. Baumstark, Die Messe im Morgenland, Kempten/München 1906, 143.

Ein Beispielliturgievergleichender Untersuchung

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schließenden Anamnese ein anderes Ordnungsprinzip finden müssen. Gewiß ist dieser Abschnitt nicht vom Opfergedanken geprägt, sondern in allen orientalischen Ana- phoren der antiochenischen Familie tritt an seine Stelle die Epiklese, wie wir gleich noch sehen werden.

II. Die Anamnese in den östlichen AnapllOren

Aus der überwältigenden Vielfalt östlicher Anaphoren in Griechisch, Syrisch, Kop- tisch, Äthiopisch, Armenisch und Georgisch soll nun eine sehr kleine Auswahl kurz

vorgestellt werden; für eine ausführlichere Untersuchung der Texte von der Anam- nese bis einschließlich der Epiklese mit Anführung der jeweiligen Quellen im Original (einer Übersetzung, unter Einbezug einer Besprechung des syrischen, armenischen, georgischen, koptischen und äthiopischen Vokabulars, insbesondere bei der Analyse der Epiklese) verweise ich auf meinen Beitrag in der Orientalia Christiana Periodica

(1997).

Hier soll nur kurz meine Arbeitsweise dargelegt werden: (1) die Quellen werden im Original eingesehen; dies ermöglicht das sofortige Erfassen der Termini te cl111ici; (2) die ausschließliche Verwendung kritischer Ausgaben, soweit sie vorliegen; (3) somit liegen also auch philologische Erwägungen meiner Liturgie companie zugrunde. Hier bleibe ich den methodischen Grundsät- zen eines Anton Baumstark und seines Schülers Hieronymus Engberding verpflichtet, und dies wohlweislich, scheinen sie mir doch die beste Garantie für ein solides Fundament bei der Erörte- rung des jeweiligen Befunds zu geben.

Als erstes soll wenigstens umrißhaft auf die wichtige sog. Basilius-Anaphora 14 ein- gegangen werden, die in allen orientalischen Redaktionen vorliegt, wobei der ägypti- schen Überlieferung (mit dem sahidischen Fragment, der jeweiligen bohairischen, äthiopischen und griechischen Version = sah Bas, boh Bas, äth Bas, gr Bas)15 eine be- sondere Bedeutung zukommt, denn nach H. Engberding stehen wir mit diesen Zeugen noch vor der ältesten und vorbasilianischen Textgestalt. 16 Nicht minder bedeutsam sind für unsere Untersuchung die erste armenische Redak- tion (arm Bas I?7 und die syrische Version (syr Bas),18 die zwar bereits die Weiterent- wicklung des Formulars erkennen lassen, jedoch mit dem Fehlen einer Darbringung noch ältere Züge als die ägyptische Überlieferung der sog. Basilius-Anaphora aufweist und meines Erachtens an dieser Stelle die nicht erhalten gebliebene Urgestalt der Basi-

14. Vg!. H, Engberding, Das Eucharistische Hochgebet der Basileiosliturgie, Münster 1931.

15. Für sah Bas vg!. ]. Doresse - E. Lalme, Un temoin archaique de la liturgie copte de s. Basile: Biblio-

theque du Museon 47 (1960); boh Bas:]. A. Assemani,'Codex Liturgicus VII/2. Rom 1754; äth Bas: S. Eurin-

gel; Die äthiopische Anaphora des heiligen Basilius nach vier Handschriften: Orientalia Christiana 36 (1934); gr Bas: E. Renaudot, Liturgiarum orientalium collectio 1. Frankfurt 1824.

16. Vg!. Engberding, LXXIII, LXXXVII.

17. Vg!.]. Catergian-]. Dashiall, Die Liturgien bei den Armeniern (in Armenisch). Wien 1897.

18. Vg!. I. E. Rahmani, Missale Syriacum iuxta ritum Ecclesiae Apostolicae Antiochenae Syrorum (in Sy-

risch). Sharfeh 1922.

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Gabriele Winkler

liusliturgie (Ur Bas) reflektieren dürften.I 9 Zeitlich später als der ägyptische Tradi- tionsstrang von Bas, aber auch als arm Bas I wie syr Bas, ist die byzantinische Text-

gestalt (byz Bas)20 anzusetzen, aus der arm Bas n 21

Bas n nach Engberding auch noch hochaltertümliches Formelgut bewahrt hat, das mit

Ur Bas im Verbindung gebracht werden muß?2 Beginnen wir mit der ersten armeni- schen Redaktion (arm Bas I) und der syrischen Textgestalt (syr Bas).

arm Bas I Catergian-Dashian, 138, 140

1. ANAMNESE

(1) Und nun, Herr, denken wir aufgrund dieses Gebots an (2) das heilige Leiden dessen, der für uns (3) am Kreuz [hing], (4) das dreitägige Begrabensein, (5) die selige Auferstehung, (6) die göttliche Auffahrt in den Himmel, (7) das Sitzen zur Rechten des Vaters, laut:

(8) sein herrliches und schreckliches wie nochmaliges Kommen.

11. LOBPREIS

Das Volle:

(2) In allem bist du gepriesen, Herr. (3) Wir preisen dich, (4) wir rühmen dich, (5) wir danken dir, (6) dich bitten wir, (7) Herr, unser Gott.

EINSCHUB

Der Priester:

(1) Deshalb, Herr, wagen auch wir Elendigen, (2) die du würdig gemacht hast für den Dienst an deiner Heiligkeit - (3) nicht wegen unserer Rechtschaffenheit, (4) denn gar nichts Gutes haben wir auf der Erde getan, (5) sondern wegen deines Erbarmens und Mitleids, (6) das du in uns aus- gebreitet hast -, [uns] deinem makellosen und heiligen Altar zu nähern, (8) und das Beispiel des Leibes und Blutes deines Christus festzulegen.

hervorgegangen ist, wobei arm

III. EPIKLESE

Wie der armenische Text in deutscher Übersetzung erkennen läßt, besteht dieser Abschnitt: 1. aus der Anamnese, 11. einem Lobpreis, III. der Epiklese. Eine »Darbrin- gung« gibt es nicht! Zwischen dem Lobpreis und der Epiklese findet sich ein von mir als »Einschub« charakterisierter Teil, der die Unwürdigkeit des Zelebranten und Got- tes Nachsicht zum Thema hat. Dieser Einschub ist sekundär, wie ein Vergleich mit al- len ägyptischen Vertretern (sah Bas, boh Bas, äth Bas, gr Bas) zeigt, das heißt, dieser Einschub fehlt im gesamten ägyptischen Traditionsstrang ! Auch wenn wir keine ägyptischen Zeugen hätten, wäre dies aus dem Inhalt des ganzen Abschnitts zu schlie- ßen, denn der Einschub unterbricht den Gedankengang von Gottes Lobpreis, der in die Epiklese einmündet.

19. Mit meiner Behauptung modifiziere ich teilweise Engberding; seine methodisch mustergültige Unter-

suchung der Basilius-Anaphora umfaßte leider nur den 1. Teil der Anaphora, ausgeklammert blieben: das

Ende der Oratio post Sanctus, die Narratio Institutionis, die Anamnese und die Epiklese.

20. Vgl. F. E. Brightman, Liturgies Eastern and Western 1. Oxford 1896,328-329.

21. Vgl. Catergian-Dashian, 204--205.

22. Vgl. dazu das Stemma von Engberding, LXXXVI-LXXXVII.

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Die syrische Version (syr Bas) hat nicht nur einen anderen Einschub, sondern er ist auch an anderer Stelle eingefügt worden. Von weitaus größerer Bedeutung als die Prä- senz eines sekundären Einschubs ist die Tatsache, daß keine Darbringung vorliegt, worin syr Bas mit arm Bas I übereinstimmt.

syr Bas

Rahmani,181-182 23

1. ANAMNESE

(1) Deshalb, Herr, erinnern auch wir uns an (2) dein Kommen im Fleisch, (3) und deinen Tod, (4) und deine Auferstehung von den Toten am dritten Tag, (5) deine Auffahrt in den Himmel, (6) dein Sitzen zur Rechten Gottes, des Vaters, (7) und deine furchtbare und herrliche Wieder- kunft,

EINSCHUB

wenn du die Welt richtest

[ete.: dieser Teil hat die Bitte um Nachsicht beim Jüngsten Gericht zum Inhalt.]

11. DANKSAGUNG UND LOBPREIS

(1) und uns [elenden Sündern folge deine Huld, (2) und wir sagen dir Dank aus allem und für

alles.f4

Das Volk:

(1) Dich preisen wir, [(2) dich rühmen wir, (3) dich beten wir an, (4) und wir flehen den Herrn, Gott, an, (5) daß du uns schonen mögest in unserem Elend.f5

III. EPIKLESE

In beiden Quellen, arm Bas I und syr Bas, ist der zentrale Leitgedanke nicht eine »Darbringung« und schon gleich gar nicht das »Opfer« - beides gibt es nicht! -, son- dern der an die Anamnese sich anschließende, vom Volk getragene Lobpreis, der wiederum in die Epiklese einmündet. Das gleiche gilt für die syrische Zwölf-Apostel-Liturgie (syr Ap). Dazu ziehe ich die kritische Ausgabe von A. Raes in der Serie Anaphorae Syriacae heran 26 und behalte seine vorbildliche lateinische Übersetzung bei, weil in einigen Beiträgen namhafter Liturgiewissenschaftler irgendein lateinischer Text verwendet wurde, der nicht mit der kritischen Ausgabe und der von Raes vorgelegten Übersetzung übereinstimmt.

syr Ap Raes, Anaphorae Syriacae 1/2 (Nr. V), 218/219

1. ANAMNESE

Sacerdos:

(1) Dum igitur memores sumus, Domine, (2) praecepti salutaris et totius oeconomiae tuae, quae pro nobis facta est, (3) crucis, (4) resurrectionis tertia die a mortuis, (5) et ascensionis in coelum,

23. Ich übersetze den syrischen Text von: Rahmani, Missale Syriacum, 181-182; lat. Übersetzung bei

Renaudot II, 548-549.

24. Nur das Incipit wird in der syrischen Ausgabe geboten; die lat. Übersetzung von Renaudot bringt den

ganzen Text.

25. S. vorangehende Anm.

26. Vgl. A. Raes, Anaphora Syriaca Duodecim Apostolorum I: Anaphorae Syriacae 1/2 Nr. V. Rom 1940.

300

Gabriele Winkler

(6) et sessionis ad dexteram maiestatis Patris, (7) et adventus tui secundi gloriosi in quo futurus es cum gloria iudicare vivos et mortuos et retribuere omnibus hominibus secundum opera eorum cum philanthropia; (8) namque supplicat tibi ecclesia tua (9) et grex tuus et per te ac tecum Patri tuo dicens: (10) Miserere mei.

Populus:

(11) Miserere.

II. DANKSAGUNG UND LOBPREIS

Sacerdos:

(1) Nos quoque, Domine, gratias agentes (2) confitemur tibi (3) pro omnibus et propter omnia.

Populus:

(4) Te laudamus. [= Incipit]

III. EPIKLESE

Auch hier folgen auf die Anamnese die vom Priester gesprochene Danksagung und der vom Volk getragene Lobpreis, an die sich nahtlos die Epiklese anschließt. Eine »Darbringung«, die alles andere als zentral angelegt ist, sondern eher beiläufig am Rande mit vermerkt ist, findet sich z. B. in der koptischen (d. h. bohairischen) Basi- lius-Anaphora (boh Bas), die ich nach der Ausgabe von Assemani zitiere und ins Deutsche übertragen habe (unter Einbezug des bohairischen Textus receptus von Kairo, der im Unterschied zum Text in Assemani die Rubriken auf arabisch bietet).

boh Bas Assemani VII/2, 56_57 27

1. ANAMNESE

(1) Indem auch wir gedenken seines heiligen Leidens, (2) und seiner Auferstehung von den Toten, (3) und seines Hinaufgehens in den Himmel, (4) und seines Sitzens zu deiner Rechten, Vater, (5) und seiner zweiten Ankunft, die vom Himmel kommt, die schrecklich und voll der Herrlichkeit ist.

DARBRINGUNG

(1) Wir bringen dir diese deine Gaben von dem Deinen dar.

II. LOBPREIS

(1) Entsprechend aller Dinge undfür alle Dinge

Diaconus:

(2) Betet Gott an in Furcht und Zittern.

Populus adorat dicens:

(3) Wir loben dich, (4) wir preisen dich, (5) wir dienen dir, (6) wir beten dich an.

in allen Dingen:

III. EPIKLESE

Die byzantinische Textgestalt (byz Bas)und die zweite armenische Redaktion (arm

Bas II) sind insofern von größerer Bedeutung, als sie ebenso eine beiläufige »Darbrin-

gung« bieten, die einen sehr schlichten Wortlaut hat. Ich zitiere arm Bas

II: 28 »Das

27. Vgl. Assemal1i.CodexLiturgicusVII/2.56-57;amerikanischeAusgabederOrthod.St. Markuskirche

(Los Angeles 1974) 176-178 und die Edition von Kairo (o.}.) 331-333 (kopt. u. arab. Pag.); die letzteren bei-

den Ausgaben mit arab. Rubriken.

28. Vgl. Catergial1-Dashian, 204.

Ein Beispielliturgievergleichender Untersuchung

Deine von dem Deinigen bringen wir dar (matuc'anemk'}«; in

Partizip wiedergegeben: rr:QoaepEQovn:c;.29

Über die Funktion des »Lobpreises« und des ><ara :Jravra

Wie ist nun dieser mit größter Beständigkeit dem Volk zugeordnete »Lob]Jreis« struktlll'ell einzuordnen und funktional zu verstehen? Dieser»Lobpreis« (manchmal ausführlicheren »Danksagung« verbunden) ist meines Erachtens nichts anderes als menfassung des vom Priester gesprochenen »Lobpreises« bzw. der »Danksagung« vor der Oratio post Sanctus. Das Volk faßt im Gesang also die Oratio post Sanctus mit der Narratio Institutionis und Anamnese zusammen. Diese Vermutung beleuchtet auch das dem »Lobpreis« vorangehende xata Jtavtu xuL {'na JtCxvta (armen.: >>nach allem und im Hinblick auf alle« oder »entsprechend allem und für alle«; bohairisch: »entsprechend aller Dinge und für alle Dinge und in allen Dingen«); die Überset- zung sollte also möglichst wortgetreu den einzelnen orientalischen Versionen folgen. 30 A. Raes hatte bereits überzeugend dargelegt, daß sich dieses Xata JtCXVta xat {'na Jtavta nicht auf die »Darbringung« bezieht, wie das in allen Ausgaben auf so mißverständliche Weise nahegelegt wird, sondern dem »Lobpreis« zugeordnet werden muß. 31 Der Priester verweist mit dem Xata JtCxvta xat {'na Jtavtu auf den von ihm gesprochenen »Lobpreis« und die »Danksagung«, genauer gesagt auf die vor allem christologischen Heils- geheimnisse, die im »Lobpreis« und in der »Danksagung« zur Sprache kommen, um dann vom Volk in seinem Lobpreis übernommen zu werden. Beides, das Xata Jtavta xaL {)la JtCIvta wie der nachfolgende Lobpreis, wäre demnach vor allem als an Christus gerichtet aufzufassen, denn in den aufgezählten Heilstaten bei der Oratio post Sanctus, der Narratio Institutionis und Anamnese geht es ja um die verschiedenen Heilsetappen, wobei die gesamte Oratio post Sanc-

tus

Taufbekenntnisses folgen. 32 Hier fügt

mit der Narratio Institutionis und der Anamnese des öfteren dem christologischen Teil des

sich auch nahtlos der Befund mehrerer, vor allem syri-

scher Anaphoren an, die die Oratio post Sanctus an Christus richten.

Zum Abschluß ist nochmals darauf hinzuweisen, daß eine große Vielfalt östlicher Anaphoren keine »Darbringung« und schon gleich gar keine »Darbringung des Op- fers« nach dem Einsetzungsbericht bzw. der Anamnese kennt. Ja, es ist sogar fest- zustellen, daß die orientalischen Christen an dieser Stelle nicht gerade beeindruckt waren vom Gedanken der »Oblatio« oder des »5acrificium«. Dazu gehören z. B. die Anaphoren folgender Riten (diejenigen, die nicht einmal eine Anamnese besitzen, wurden mit einem Asterisk gekennzeichnet):

armenisch:

arm Bas I, arm Jak arm Kyrill, arm Ignatius etc.;

äthiopisch:

Kyrill I U. IP, Marienanaphora P, 318 orthod. Väter", Athanasius", Basilius, Gregorius", Epiphanius", Chrysostomus, Jakob von Sarug", Dioskur";

westsyrisch: Gregor von Nazianz, 12 Apostel I u. II, Dioskur I U. II, Kyrill, Jakob von Sarug I, Johannes Saba, Thomas, Johannes von Bostra, Jakob von Edessa etc. etc.

29. Vgl. Brigiitman, 329.

30. Wie das auch bei Renaudots lateinischer Übersetzung berücksichtigt wurde: »pro omnibus, propter om-

nia, et in omnibus« bzw. »secundum omnia, per omnia, et in omnibus«; Rel1audot I, 67, 98.

31. Vgl. A. Raes, KATA I1ANTA KAI ~IA I1ANTA: OrChr 48 (1964) 216, 217.

32. Vgl. dazu meine Untersuchung der Entwicklungsgeschichte des armenischen Symbolums unter Ein-

bezug des georgischen, syrischen und äthiopischen Befunds (in Vorbereitung für den Druck).

Gabriele WinkleI'

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Bei den meisten dieser Formulare folgt auf die Anamnese die Epiklese, so z. B. in den westsyrischen und armenischen Anaphoren. Viele der äthiopischen Anaphoren kennen auch keine Anamnese,33 sondern die gesamte Oratio post Sanctus mit dem Teil nach dem Einsetzungsbericht ist ein Praeconium, also ein »Lobpreis«. Ebenso weist die hochbedeutsame syrische Petrus-Anaphora (nach ihrem Incipit auch Sarrar genannt) zwar keine Anamnese auf, hat dafür jedoch eine kurze »Darbringung« (ohne Opfergedanken !). Abschließend soll jedoch auch noch die Jakobusliturgie angeführt werden, die auf- grund ihrer Bedeutung ebenso in allen orientalischen Rezensionen vorliegt. Ein Über- blick über die verschiedenen Versionen erlaubt ein rascheres Erfassen des Befundes, der zunächst etwas kompliziert erscheinen mag, sich jedoch relativ gut aufschlüsseln läßt.

Überblick über die orientalischen Rezensionen der Jakobus-Anaphora

arm Jak

syr Jak

gr Jak

georg Jak

Anamnese

+

+

+

+

Opfer-Darbringung

+

+

+

Darbringung

+

Lobpreis

+

Epiklese

+

+

+

+

Die noch ungeklärte Entwicklungsgeschichte der Jakobus-Anaphora, bei der uns die älteste Schicht sehr wahrscheinlich mit der armenischen Textgestalt (arm Jak)34 ent- gegentritt, ist im Laufe der Zeit angereichert worden, und zwar mit einer schlichten Darbringung, so nur syr Jalc. 35 Diese Darbringung mit dem sich anschließenden Lob- preis gehört mit großer Wahrscheinlichkeit nicht der ursprünglichen Überlieferung der Jakobusliturgie an, sondern wurde von der sog. Basilius-Anaphora übernommen. In späterer Zeit ist auch noch eine explizite Darbringung des Opfers hinzugekommen. Wann dies geschehen ist, bedarf noch der Klärung. Der armenische Text (arm Jak), be- stehend aus der Anamnese und Epiklese, ist nach A. Baumstark aus einer nicht über- lieferten syrischen Vorlage hervorgegangen, die möglicherweise mit dem sechsten Jahrhundert zu verbinden ist,36 jedoch m. E. auch noch ältere Schichten aufweist. Wenn diese Datierung A. Baumstarks sich als richtig herausstellt, dann gehört die uns überlieferte syrische Textgestalt (syr Jak) und gr Jak, aus der dann noch georg Jak her- vorging, die alle ausdrücklich die »Darbringung des Opfers« belegen, in die Zeit nach dem sechsten Jahrhundert.

33. Ein auffallendes Merkmal der altgallischen Liturgie ist ebenso das mit großer Beständigkeit festzustel-

lende Fehlen einer Anamnese; vgl. Lietzmann, 62.

34. VgI. Catergian-Dashian, 441-442.

35. VgI. O. Heiming, Anaphora Syriaca sancti Iacobi Fratris Domini: Anaphorae Syriacae II/2 Nr. XIV. Rom

1953, 148/149-150/151.

36. VgI. A. Baumstark, Denkmäler altarmenischer Meßliturgie. 3. Die armenische Rezension der Jakobus-

liturgie: OrChr n. S. 7-8 (1918) 6-8.

Ein Beispielliturgievergleichender Untersuchung

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Zusammenfassung des philologischen und strukturellen Befunds

(1) Weder die ursprüngliche Gestalt der Basiliusliturgie (Ur Bas) noch die der Jako- bus-Anaphora (Jak) oder die der Zwölf-Apostel-Liturgie (syr Ap) hatte eine Darbrin- gung bei der Anamnese. Die ursprüngliche Form von Bas spiegelt sich in der syrischen und armenischen Textgestalt wider (= arm Bas I + syr Bas). Die älteste Struktur der Jakobusliturgie zeigt sich in arm Jak. Es muß wohl generell davon ausgegangen wer- den, daß einst keine der östlichen eucharistischen Formulare eine »Oblatio« bei der Anamnese gekannt hat, wie außer den angeführten Zeugen zahlreiche westsyrische, äthiopische und weitere armenische Anaphoren nahelegen. (2) Das erste Stadium der Weiterentwicklung von Bas wird mit der byzantinischen Version byz Bas und der zweiten armenischen Redaktion (arm Bas II) belegt; ich zi- tiere (arm Bas II): »Das Deine von dem Deinen bringen wir dir dar (matuc'anemk')«, in byz Bas: JtQoOc!>EQOVLE<:;. Das heißt, die kurze wie auch beiläufige »Darbringung« beschränkt sich in der byzantinischen Überlieferung auf das Verb: »wir bringen dar« (JtQOOc!>EQO!tEV). Ein Terminus technicus für die »Darbringung« (Qblatio) fehlt (im Armenischen wäre dies z. B. Jncay, im Syrischen: qurbänä)! (3) Zu der weiteren Evolution, oder aber bedingt durch regionale Unterschiede, tritt nun öWQov zum Verb hinzu, so z. B. im frühen ägyptischen Traditionsstrang der Basi- liusliturgie bezeugtduch kopt Bas. (4) Vielleicht erst mit dem sechsten Jahrhundert oder sogar erst danach ist öWQov durch den »Opfergedanken« (»sacrificium«) erweitert worden. Möglicherweise ist die- ser Prozeß von Syro-Palästina ausgegangen, wie die Jakobusliturgie in ihrer griechi- schen und syrischen Textgestalt nahelegt (gI' Jak: 8uoLu, syr Jak: debhJtä). Zeitlich betrachtet sind dem römischen Canon Missae, dessen Kern bereits im vier- ten Jahrhundert bezeugt ist, orientalische Anaphoren dieser Zeit gegenüberzustellen. Dazu bieten sich mehrere Rezensionen der Basilius-Anaphora an, außerdem, was die Gestalt der Anamnese anbetrifft, gewiß auch die syrische Zwölf-Apostel-Liturgie (syr Ap), aber auch arm Jak, und an zweiter Stelle ebenso boh Bas und arm Bas II.

Struktureller Vergleich zwischen römischem Canon Missae und einigen orientalischen Anaphoren

röm Canon Missae

arm Bas I, syrAp, arm Jak

arm Bas II, boh Bas

I. Anamnese

I. Anamnese

I. Anamnese

(Schlacht-)Opfer (»hostia«)

Darbringung

 

Lobpreis

Lobpreis

II. Bitte um Annahme des Opfers (»sacrificium«)

II. Epiklese

H. Epiklese

(1) Der Gestalt der Anamnese im römischen Canon Missae mit der expliziten Er- wähnung des Schlacht-Opfers (»hostia«) steht in der ersten Gruppe orientalischer Texte (arm Bas I, syr Ap, arm Jak) außer der gemeinsamen Anamnese nichts Ver- gleichbares gegenüber, denn diese Anaphoren kennen nicht einmal eine schlichte

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»Darbringung«. Der »Lobpreis« kann insofern nicht als wirkliche Entsprechung her- angezogen werden, als der »Lobpreis« vom Volk getragen wird (und nur manchmal auch vom Priester mit einem Dank eingeleitet wird), während Anamnese wie Epiklese vom Priester gesprochen werden. In der zweiten Gruppe orientalischer Anaphoren (boh Bas, arm Bas II), wo außer der bohairischen Textgestalt der Basilius-Anaphora (boh Bas) noch eine Reihe unter- schiedlichster armenischer und anderer orientalischer Anaphoren angeführt werden könnte, ist andie Anamnese eine äußerst knappe »Darbringung« angehängt worden, die in ihrem beiläufigen Charakter meist nur folgenden schlichten Wortlaut umfaßt:

»Das Deine bringen wir von dem Deinen dar«. Häufig fehlt also sogar noch der Termi- nus technicus »Oblatio«, ganz zu schweigen von »Sacrificium«.

(2) Der Bitte um die Annahme des Opfers (= Supra quae) im römischen Canon

Missae, die ausdrücklich auf das alttestamentliche Opfer des Patriarchen Abraham und des Hohenpriesters Melchisedech verweist, steht in den orientalischen Anaphoren

der antiochenischen FamiHe die Bitte um die Herabkunft des Heiligen Geistes gegen-

über. Bei beiden Traditionssträngen handelt es sich also um eine Bitte im Zusammenhang mit Brot und Wein, jedoch ist sie sehr unterschiedlich gestaltet: in der römischen Überlieferung ist es eine Bitte um Annahme des »Opfers«, die aufgrund ihres inneren Zusammenhangs mit der Anamnese eine christozentrische Ausrichtung hat, in den östlichen Anaphoren ist es eine Bitte um die Herabkunft des Geistes auf die Gaben von Brot und Wein. Der römische Canon Missae hat in nicht zu überbietender Nüchternheit ganz all- gemein die »Bitte« zum zentralen stilistischen Baustein gemacht, inhaltlich kreisen fast alle wie an einer Kette aufgereihten Bitten um den Opfergedanken:

mit der ersten Bitte (= Te igitur) um Annahme der Opfergaben (haec sacrificia), mit der zweiten Bitte (= Hanc igitur) um Annahme der Oblatio, der dritten Bitte um Wandlung der Oblatio mit dem Höhepunkt im Einsetzungsbericht, gefolgt von der Anamnese mit der nochmaligen breiten Auffächerung des Opfergedankens

(wörtl.: des »Schlacht-Opfers«): hostia pUl"a, hostia sancta, hostia immaculata,

und einer letzten, vierten Bitte (= Supra quae) um Annahme des Opfers (sacrificiulJ1).

Auffällig ist die unterschiedliche Terminologie:

- »sacrificia« bei Bitte 1 (= Te igitur); »sacrificium« bei Bitte 4 (= Supra quae);

- »oblatio« bei Bitte 2 (= Hanc igitur) und 3 (= Quam oblationem);

- »11Ostia« bei der Anamnese. 37

bzw.

»hostia« auf die Verschmelzung von unterschiedlichen Traditionssträngen schließen,38 wobei

Möglicherweise läßt das unterschiedliche Vokabular von »oblatio« und »sacrificium«

37. Bemerkenswert ist, daß diese keineswegs identischen Begriffe im Schott durchgängig mit »Opfer« wiedergegeben wurden: »sacrificia« = »Opfergaben«, »oblatio« = »Opfergaben« (2x), »hostia« = »Opfer«,

»sacrificiul11« = »Opfer<<. 38. Ein Vergleich mit dem östlichen Befund, wo die »Oblatio« älter als das »Sacrificium« ist, würde eine

Parallele dazu auch für den römischen Befund nahelegen. Dem unterschiedlichen Alter scheint die

Tatsache

Ein Beispielliturgievergleichender Untersuchung

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vielleicht an die römische und ambrosianische Überlieferung gedacht werden könnte. Zudem war zu beobachten, daß die nichtrömischen westlichen Riten niemals die »Hostia« und das »5a- crificiulJ1« zusammen erwähnen, sondern stets entweder die »Hostia« oder das »5acrifichtlJ1«, ein Befund, der m. E. wichtig ist und wiederum die Vermutung nahelegt, daß hIer unterschIed- liche Überlieferungen vorliegen könnten, die dann miteinander verkettet wurden.

Fest steht jedenfalls, daß sich der römische Canon Missae stilistisch aus mehreren Bitten zusammensetzt, die inhaltlich hauptsächlich um den Opfergedanken kreisen. Nicht so die orientalischen Anaphoren. Die Eucharistischen Hochgebete, um als Beispiel die antiochenische Familie von Anaphoren zu nehmen, beinhalten, wenn man das gesamte Hochgebet berücksichtigt, (1) einen Lobpreis, (2) eine Danksagung, (3) die Epiklese. Das heißt, das Hochgebet bewegt sich vom oftmals kosmisch orientierten »Lobpreis« über die Schöpfung dem Heilig-Ruf (= Sanctus) zu, fährt fort in einer »Danksagung« über das Heilsgeschehen, das in mehreren Anaphoren entsprechend dem Taufbekenntnis alle Etappen des Lebens Jesu durchläuft, darunter auch das Mahl im Kreis der Jünger (= Einsetzungsworte) wie sein Leiden, Sterben, die Auferstehung und Himmelfahrt und seine Wiederkunft (= Anamnesis), was. wiederum in einem diesmal vom Volk getragenen »Lobpreis« kulminiert und zur Herabrufung des Heili- gen Geistes (= Epiklesis) führt, oftmals in erster Linie auf die versammelten Men- schen und dann auch auf die Gaben. Die stilistische Achse ist hier: Lobpreis - Dank- sagung - Epiklese. InllnseremuntersuchtenSegment des Hochgebets, nämlich dem Umfeld der Anamnese, ist es (1) die eigentliche Anamnese, (2) die Epiklese, dazwi- schen der vom Volk getragelie Lobpreis. Diese grundlegend unterschiedlichen religiösen Vorstellungen wurden in den Kir- chen über viele Jahrhunderte tradiert und haben den Klerus wie das Volk maßgeblich geprägt, wobei der römische RitusüherIange Zeitden Anspruch erhob, als normativ

zu gelten, und ganz allgemein die wissenschaftliche Fragestellung und Beurteilung bis

heute beeinflußt hat. Diesen vorgestellten östlichen Anaphoren»fehlt« jedoch nicht die »üblatio« oder der »Opfergedanke«, wie mehreren östlichen Riten auch die fir- mung bzw. Beichte keineswegs »fehlt«, sondern hier haben eben andere religiöse Vor- stellungen die Riten geprägt. Wenn man den Blick nochmals auf den römischen Meßkanon lenkt, so ist es doch bemerkenswert, wie rasch er mit den neuen Formularen (und den darin erstmals ver- ankerten Epiklesen) zur Seite gedrängt wurde und welch rascher Umschwung sich im Bewußtsein der westlichen Forschung mit dem Einbezug östlich inspirierter westlicher Formulare bereits anzubahnen scheint. In einem nächsten Schritt wären die theologi- schen und ökumenischen Implikationen aus dem vorgelegten Forschungsbericht dar- zustellen.

entgegenzustehen, daß die 3, Bitte »Quam oblationem« (mit Hinweis auf die >~Oblatio«) und die 4., Bitte (mit dem »SacrificilllJl«) beide zur ältesten Schicht zu gehören scheinen und bereIts Im 4. )h, bezeugt smd.