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AP
Ermordete Armenier in Aleppo 1919: „Links am Weg liegt eine junge Frau, nackt, nur braune Strümpfe an den Füßen“

det oder kamen auf Todesmärschen in


ZEITGESCHICHTE
die nordsyrische Wüste um. Es war einer
der ersten Völkermorde des 20. Jahrhun-

Dämonen der Vergangenheit derts. Andere Genozide, an den europäi-


schen Juden, in Kambodscha, in Ruanda,
sind seither zwischen die Ereignisse von
damals und die Gegenwart getreten.
Zum 95. Mal jährt sich im April der Beginn des Genozids an Das zum Teil ausgelöschte, zum Teil in
den Armeniern. Was die Mörder trieb und warum auch Deutschland die Welt verstreute und in ein kleines, bis
damals schwieg, zeigt eine ungewöhnliche TV-Dokumentation. heute isoliertes Land zurückgedrängte
Volk hat Jahrzehnte gebraucht, um sich

T
igranui Asartjan wird diese Woche rinenbäume. Weit unten ist das Mittel- selbst seiner Katastrophe zu vergewissern.
100 Jahre alt. Vor zwei Jahren hat meer zu sehen. Erst in den sechziger Jahren, nach lan-
sie Messer und Gabel weggelegt, Im Juli 1915 marschierten türkische ger Debatte mit der Führung in Moskau,
denn sie schmeckt nichts mehr, vor einem Gendarmen zum Dorf hinauf. „Mein Va- wagten die Armenier, ein Mahnmal zu
Jahr die Brille, denn sie sieht nichts mehr. ter hat mich auf den Rücken geschnallt, errichten.
Sie lebt im sechsten Stock eines Hoch- als wir flüchteten“, sagt Demirci, „so Die Türkei, auf deren Boden das Ver-
hauses in Eriwan und hat seit Monaten haben es mir meine Eltern erzählt.“ Mit brechen stattfand, leugnet die Taten der
ihr Zimmer nicht mehr verlassen. Sie frös- Jagdgewehren und Pistolen verschanzten osmanischen Führung bis heute. Deutsch-
telt, die Kälte dringt durch die graue Woll- sich die Menschen aus seinem und sechs land, im Ersten Weltkrieg mit dem Osma-
decke auf ihrem Schoß. „Ich warte auf anderen Dörfern am Musa Dagh, dem nischen Reich verbündet, und die Sowjet-
den Tod“, sagt sie. Mosesberg. 18 Jahre später beschrieb der union, der jungen türkischen Republik
Vor 92 Jahren wartete sie in einem österreichische Schriftsteller Franz Werfel freundlich gesinnt, hatten kein Interesse,
Dorf auf der türkischen Seite der heuti- in seinem Roman „Die vierzig Tage den Genozid öffentlich zu machen.
gen Grenze, im Keller eines Hauses. Auf des Musa Dagh“ den Widerstand der Bis heute hat Deutschland den Völker-
der Straße lag ein armenischer Junge, er- Dörfler gegen die heranrückenden Uni- mord an den Armeniern nicht offiziell
schlagen. In einem Nachbarhaus wurden formierten. anerkannt. Der Deutsche Bundestag for-
Frauen vergewaltigt, die Achtjährige hör- „Die Geschichte stimmt“, sagt Demirci. derte die Türkei 2005 lediglich auf, sich
te sie schreien. „Es gibt gute und böse „Ich habe sie erlebt, auch wenn ich sie zu ihrer „historischen Verantwortung“ zu
Türken“, sagt sie. Die Bösen hatten den selbst nur aus Erzählungen kenne.“ bekennen – der Begriff „Genozid“ wird
Jungen erschlagen. Die Guten halfen ihr Werfels Buch und der Blick vom Zizer- vermieden.
und ihrer Familie, den abziehenden rus- nakaberd, dem Mahnmal bei Eriwan, auf Das politische und strategische Ge-
sischen Truppen hinterherzufliehen. den ewig schneebedeckten, ewig uner- wicht Ankaras im Kalten Krieg machte
Der Bauer Avadis Demirci ist 97, und reichbaren Berg Ararat hinüber – viel eine Debatte des Völkermords auch bei
soweit in seinem Land über so etwas mehr erinnert nicht an den Genozid an seinen westlichen Verbündeten nicht op-
Buch geführt wird, ist er wohl der letzte den Armeniern, dessen letzte Überleben- portun. Und das – gemessen am Holo-
Armenier in der Türkei, der den Völker- de jetzt dem Tode nahe sind. caust und späteren Genoziden – wenige
mord überlebt hat. Demirci schaut aus Zwischen 800 000 und 1,5 Millionen Bild- und Filmmaterial hat die Aufarbei-
dem Fenster auf das Dorf Vakifli hinaus, Menschen wurden zwischen 1915 und tung der armenischen Katastrophe zusätz-
dort blühen Oleanderbüsche und Manda- 1918 im Osten der heutigen Türkei ermor- lich erschwert. „Die Entwicklung der mo-
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dernen Medien“, sagt der deutsche Do- geschickt wurden. „Am 28. Juni 1915 wur- schwester vor; Hannah Herzsprung und
kumentarfilmer Eric Friedler („Das de öffentlich ausgerufen“, berichtet er, Ludwig Trepte die Aussagen zweier Über-
Schweigen der Quandts“), „kam für die „dass sämtliche Armenier die Stadt inner- lebender; Peter Lohmeyer das Tagebuch
Aufarbeitung dieses Völkermords um 20 halb von fünf Tagen zu verlassen hätten. des deutschen Konsuls Wilhelm Litten,
Jahre zu spät.“ Ein Massaker wäre, so schrecklich sich eines der erschütterndsten Dokumente
Doch es gibt Zeitzeugen, vor allem das anhört, im Vergleich zur Deportation jener Zeit.
deutsche und amerikanische, deren Schil- human gewesen.“ Am 31. Januar 1916 befindet sich Litten
derungen und Korrespondenzen in Ar- Der Film- und Fernsehschauspieler auf der Straße zwischen Deir al-Sor und
chiven liegen und bislang vor allem Spe- Friedrich von Thun („Schindlers Liste“) Tibni im heutigen Syrien und notiert: „Ein
zialisten bekannt sind. Zum 95. Jahrestag stellt den US-Botschafter Henry Morgen- Uhr nachmittags. Links am Weg liegt eine
des Völkermordes sendet die ARD am thau dar. Er berichtet von Begegnungen junge Frau, nackt, nur braune Strümpfe
Freitag unter dem Titel „Aghet“ (Arme- mit dem osmanischen Innenminister Ta- an den Füßen, Rücken nach oben, Kopf
nisch für „Katastrophe“) eine aufwendig laat Pascha, der ihn zu Beginn der Ope- in den verschränkten Armen vergraben.
recherchierte Dokumentation, die die ration mit der „unwiderruflichen Ent- 1.30 Uhr nachmittags, rechts in einem
Aussagen dieser Diplomaten, Ingenieure scheidung“ konfrontierte, die Armenier Graben ein Greis mit weißem Bart, nackt
und Missionshelfer lebendig macht. „unschädlich machen“ zu müssen. Nach auf dem Rücken liegend. Zwei Schritte
Ein Ensemble von 23 deutschen Schau- vollzogenem Völkermord lädt er ihn er- weiter ein Junge, nackt, Rücken nach
spielern spricht deren Originaltexte – neut vor und stellt einen Antrag, der, so oben, linkes Gesäß herausgerissen.“
nicht im Stil eines Doku-Dramas, das die Morgenthau, „vielleicht das Erstaunlichs- Eisig auch die Replik des damaligen
Ereignisse in halbfiktionalen Dialogen te war, was ich jemals gehört hatte“: Ta- Reichskanzlers Theobald von Bethmann-
und historischen Kostümen nachstellt, laat verlangte die Listen armenischer Kun- Hollweg auf den Vorschlag des deutschen
sondern in schlichten Interviews, die den der amerikanischen Versicherungs- Botschafters, die osmanischen Verbün-
mehr von der Auswahl der Texte und ih- gesellschaften New York Life Insurance deten öffentlich für die Verbrechen zu
rem Vortrag leben als von nachträglicher und Equitable Life of New York. Die Ar- tadeln: „Unser einziges Ziel war, die
Dramatisierung. menier seien nun tot und hinterließen Türkei bis zum Ende des Krieges an un-
Als Erster tritt der Schauspieler und keine Nachkommen mehr. Anspruchsbe- serer Seite zu halten, gleichgültig, ob dar-
Autor Hanns Zischler („Im Lauf der rechtigt sei also die Regierung. Morgen- über Armenier zugrunde gingen oder
Zeit“) auf; er trägt die Eindrücke von Les- thau: „Ich habe selbstverständlich dieses nicht.“
lie Davis vor, der bis 1917 US-Konsul in Ansinnen abgelehnt.“ Die Fülle der aus Archiven von Mos-
der ostanatolischen Stadt Harput war, wo Martina Gedeck und Katharina Schütt- kau bis Washington zusammengetrage-
Tausende Armenier zusammengetrieben ler tragen die Erinnerungen einer schwe- nen Bild- und Filmdokumente, berichtet
und auf den Todesmarsch nach Südosten dischen und einer Schweizer Missions- Autor und Regisseur Friedler, habe selbst
die Historiker überrascht, die ihn bei sei-
nem 90-Minuten-Film wissenschaftlich be-
GEORGIEN ASERBAI-
Schwarzes DSCHAN Kaspi- rieten. Manches, wie etwa die pompöse
Meer ARMENIEN sches Überführung des 1921 in Berlin ermorde-
Ararat Meer ten Talaat Pascha 1943, werde zum ersten
Eriwan Berg- Mal in bewegten Bildern gezeigt; auf an-
TÜRKEI Karabach
deren Dokumenten werden Figuren iden-
Harput Van tifiziert, welche die Archivare dort vorher
Ankara Urfa noch nicht wahrgenommen hatten.
IRAN
Beklemmend schildert der Film auch
Vakifli
AGATA SKOWRONEK

Deportations- die aktuelle Debatte um den Völkermord,


Mosesberg die erst jetzt, fast ein Jahrhundert nach
Aleppo routen der
SYRIEN Armenier 1915 der Tat, in der Türkei darüber ausbricht.
IRAK
Damaskus Niemals, poltert Premierminister Recep
250 km
Mittelmeer Überlebender Demirci Tayyip Erdogan, werde die Türkei einen
In letzter Sekunde geflohen Genozid zugeben. Wütend reißen Ultra-
nationalisten bei einer Armenien-Ausstel-
lung Fotografien von den Wänden, und
wie von Sinnen prügeln sie auf ein Auto
ein, in dem der Literatur-Nobelpreisträ-
ger Orhan Pamuk von einem Gerichtster-
min nach Hause gebracht wird – weil er
das unter Historikern längst Bewiesene
aussprach.
Jahrzehntelang hat der Völkermord die
nachgeborenen Armenier gequält und auf-
gewühlt. „Die Tragödie“, sagt Haik De-
mojan, der Leiter der Genozid-Gedenk-
stätte in Eriwan, sei „zum Pfeiler unserer
nationalen Identität“ geworden. Und Ar-
meniens Präsident Sersch Sargsjan meint:
PICTURE-ALLIANCE / DPA

„Der beste Weg, einer Wiederholung sol-


cher Gräuel vorzubeugen, ist, sie klar zu
verurteilen“ (siehe Seite 94).
Die nachgeborenen Türken haben ru-
hig geschlafen. Mustafa Kemal Atatürk,
Atatürk-Anhänger mit Nationalfahne in Ankara: Jährliches Drohritual der Gründer der Republik, brach radikal
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DPA (L.); GUIDO COZZI/ATLANTIDE PHOTOTRAVEL/CORBIS (R.)
Staatschef Sargsjan, Nationalsymbol Ararat: „Die Türkei will stets Zugeständnisse von uns“

Globus heute Armenier wohnen, wer-


den Sie in ihren Wohnungen ein Bild
„Die Welt muss reagieren“ des Ararat finden. Und ich bin mir si-
cher, dass eine Zeit kommen wird, wo
der Ararat nicht mehr das Symbol der
Armeniens Präsident Sersch Sargsjan, 55, über historische Trennung zwischen unseren Völkern
Gerechtigkeit und die von Ankara vorgeschlagene sein wird, sondern das Zeichen der Ver-
Kommission zur Untersuchung des Völkermords von 1915 ständigung. Lassen Sie mich aber klar-
stellen: Niemals hat ein Repräsentant
SPIEGEL: Ministerpräsident Recep Tayyip SPIEGEL: Die Türkei wirft Ihnen eben- Armeniens territoriale Ansprüche er-
Erdogan hat über den Genozid wäh- falls eine Blockadehaltung vor: Sie ver- hoben. Die Türken unterstellen uns das,
rend des Ersten Weltkriegs im SPIEGEL hinderten angeblich eine gemeinsame vielleicht aus schlechtem Gewissen.
gesagt, von einem „Völkermord an den Historikerkommission. Warum wen- SPIEGEL: Die Grenzen zur Türkei und
Armeniern“ könne „keine Rede sein“. den Sie sich gegen diese Idee? zu Aserbaidschan sind geschlossen.
Warum tut sich Ihr Nachbar so schwer Sargsjan: Wie könnte eine solche Kom- Wäre es nicht wichtiger, diese Isolation
mit seiner Vergangenheit? mission objektiv arbeiten, wenn in der zu beenden, statt mit der Türkei endlos
Sargsjan: Herr Erdogan hat auch mal Türkei gleichzeitig verfolgt und bestraft über den Völkermord zu streiten?
gesagt, Muslime seien gar nicht fähig, wird, wer den Begriff Genozid verwen- Sargsjan: Wir verknüpfen die Grenzöff-
solch bestialische Verbrechen zu be- det? Ankara geht es nur darum, Ent- nung nicht mit der Anerkennung des
gehen, die türkische Geschichte sei scheidungen zu verschleppen. Wann Genozids; es ist nicht unsere Schuld,
„klar wie die Sonne“. Die Türken weh- immer sich ausländische Parlamente wenn die Annäherung scheitert.
ren sich dagegen, die Massaker als Völ- und Regierungen an die Türkei mit der SPIEGEL: Die Türkei will die Öffnung
kermord zu klassifizieren. Doch wie Bitte wenden würden, den Völkermord von Fortschritten in der Frage Berg-
groß der türkische Widerstand auch anzuerkennen, würde es heißen: War- Karabach abhängig machen. Armenien
sein mag: Das ist keine Frage, die An- tet erst die Ergebnisse der Kommission hat einen Krieg um dieses Gebiet ge-
kara zu entscheiden hat. ab. Ein solches Gremium zu schaffen führt, das vom muslimischen Aserbai-
SPIEGEL: Erdogan droht nun sogar mit würde bedeuten, das Faktum des Ge- dschan beansprucht, aber mehrheitlich
der Ausweisung Tausender illegal in nozids an unserem Volk anzuzweifeln. von christlichen Armeniern bewohnt
der Türkei lebender Armenier. Dazu sind wir nicht bereit. Eine Kom- wird.
Sargsjan: Solche inakzeptablen Äuße- mission wäre sinnvoll, wenn die Türkei Sargsjan: Die Türkei will stets Zuge-
rungen rufen in meinem Volk Erinne- endlich zu ihrer Schuld stehen würde. ständnisse von uns. Das aber ist un-
rungen an den Völkermord wach. Lei- Dann könnten Wissenschaftler gemein- möglich. Die wichtigste Frage ist die
der überraschen sie mich aus dem sam die Ursachen ergründen, die zu Verwirklichung des Rechts der Bevöl-
Mund eines türkischen Politikers nicht. dieser Tragödie führten. kerung von Berg-Karabach auf Selbst-
SPIEGEL: Wie sollte sich die internatio- SPIEGEL: Der Völkermord liegt 95 Jahre bestimmung. Leider hat es den An-
nale Gemeinschaft verhalten? zurück, warum ist seine Anerkennung schein, dass Aserbaidschan das Pro-
Sargsjan: Die Welt muss entschlos- für Armenien heute so bedeutend? blem militärisch lösen will. Das aber
sen reagieren. Amerika, Europa, auch Sargsjan: Es ist eine Frage der histori- würde zur Vertreibung der Armenier
Deutschland, alle Staaten, die in den schen Gerechtigkeit und unserer natio- aus dieser Region führen.
Prozess der türkisch-armenischen An- nalen Sicherheit. Der beste Weg, einer SPIEGEL: Welche Lösung schlagen Sie
näherung involviert waren, sollten öf- Wiederholung solcher Gräuel vorzu- vor?
fentlich Position beziehen. Hätten alle beugen, ist, sie klar zu verurteilen. Sargsjan: Warum konnten die Staaten
Länder den Völkermord bereits aner- SPIEGEL: Aus den Fenstern Ihrer Resi- des ehemaligen Jugoslawien Unabhän-
kannt, würden die Türken sich nicht so denz kann man den Berg Ararat sehen, gigkeit erlangen? Soll Karabach etwa
äußern. Hoffnung macht mir, dass es Armeniens Nationalsymbol. Heute nicht die gleichen Rechte haben – nur
auch in der Türkei Proteste vieler jun- liegt er unerreichbar jenseits der Gren- weil Aserbaidschan über Rohstoffe wie
ger Menschen gegen diese Tiraden ge- ze. Wollen Sie ihn zurück? Öl und Gas verfügt und mit der Türkei
geben hat. Dort wächst eine neue Ge- Sargsjan: Diesen Berg kann uns nie- einen Schutzpatron in der Nato hat?
neration heran, deren Meinung die poli- mand nehmen, wir bewahren ihn in Das halten wir nicht für gerecht.
tische Führung berücksichtigen muss. unserem Herzen. Wo immer auf dem INTERVIEW: BENJAMIN BIDDER

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Ausland

mit dem Osmanischen Reich und Talaat,


Enver und Cemal Pascha, den drei Haupt-
verantwortlichen des Völkermords. Er
räumte „Schandtaten“ ein, die seine
Nachfolger bis heute bestreiten, aber er
übernahm auch Beamte und Militärs, die
unmittelbar an ihnen beteiligt waren.
Unter dem Druck, den vor allem die
armenische Diaspora macht, erwachen
heute die Dämonen der Vergangenheit
wieder. Jedes Frühjahr, bevor sich am
24. April die Verhaftung der armenischen
Politiker und Intellektuellen im dama-
ligen Konstantinopel jährt, mit der die
Vertreibungen 1915 begannen, erkennen
weitere Parlamente in Resolutionen den
Tatbestand des Völkermords an: 2001
Frankreich, 2003 die Schweiz, in diesem
Jahr der Auswärtige Ausschuss des US-
Repräsentantenhauses und das schwedi-
sche Parlament.
Zornig droht Ankara dann jedes Mal
mit politischen Konsequenzen – die es
am Ende doch nicht vollzieht. Es ist ein
Ritual geworden, dessen unmittelbaren
Nutzen Männer wie Hrant Dink bestrit-
ten. Der Herausgeber der türkisch-arme-
nischen Zeitschrift „Agos“ hielt sich
nicht mit der Definition des Wortes „Völ-
kermord“ auf; er wollte, dass die Türkei
der grauenhaften Vergangenheit ins Auge
blickt. Er bezahlte dafür mit dem Leben.
Am 19. Januar 2007 wurde er auf offener
Straße ermordet. Die 200 000 Türken, die
danach protestierend durch Istanbul
zogen und „Wir sind alle Armenier“
skandierten, beschämten ihre eigene
Regierung.
Stärker als der diplomatische Druck
scheint eine Wahrheit zu wirken, mit der
Tausende Türken in ihren eigenen Fami-
lien konfrontiert sind.
Die Istanbuler Anwältin Fethiye Çetin
erfuhr Anfang der achtziger Jahre, dass
sie armenische Wurzeln hat. Ihre Groß-
mutter Seher hatte sich ihr nach quä-
lenden Jahrzehnten anvertraut. Seher,
als Kind auf den armenischen Namen
Heranusch getauft, hatte 1915 mitange-
sehen, wie den Männern ihres Dorfes die
Kehle durchgeschnitten wurde. Sie selbst
überlebte, wurde von der Familie eines
türkischen Offiziers aufgenommen, wuchs
als muslimisches Mädchen auf und heira-
tete einen Türken. Sie wurde eine von
Zehntausenden „versteckten Armeniern“,
die den Mördern entkamen und türkifi-
ziert wurden.
Für die Enkelin war diese Offenbarung
der Großmutter ein Schock, sie begann
ihre Umgebung mit anderen Augen zu se-
hen. 2004 schrieb Çetin die Geschichte ih-
rer Familie auf. „Anneannem“ („Meine
Großmutter“) wurde zu einem Bestseller,
unzählige Leser meldeten sich bei Çetin –
viele mit Worten des Dankes. Andere be-
schimpften sie als „Verräterin“. Doch das
Tabu war gebrochen. BENJAMIN BIDDER,
DANIEL STEINVORTH, BERNHARD ZAND

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