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Jahrgang 8 - Nr. 57'
•00 5*94 - 1. Juni 1994
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Sexualanamnese
und -diagnostik bei
Se^malstraftäterri
Gesellschaftliche und fachliche Urteile
über Sexualität
Im allgemeinen rücken lediglich Störungen
der Sexualität, Perversionen oder strafba-
re sexuelle Handlungen den Lebensbereich
„Sexualität" in den Blickpunkt von Psych-
iatern oder Psychologen. Diese Verzerrung
des wissenschaftlichen wie des alltäglichen
Denkens schlägt sich auch in neuerer Lite-
ratur nieder: Zimmers Buch über Sexua-
lität und Partnerschaft (1985), das in Re-
zensionen durchgängig gelobt wurde, be-
faßt sich bezeichnenderweise mit den
Störungen der Sexualfunktionen, nicht je-
doch mit deren Normalität oder Gesund-
heit. Ein ähnlich einseitig devianzorien-
tierter Ansatz findet sich im weitverbreite-
ten Psychiatrielehrbuch von Dörner und
Plog (1992), in dem das Kapitel ,Der lie-
bende Mensch' mit dem Untertitel,Schwie-
rigkeiten der Sexualität' eindeutig charak-
terisiert wird. Im übrigen bleiben wissen-
schaftliche Analysen oder Beschreibungen
des sexuellen Normalf alls distanziert-ent-
fremdet auf statistische Angaben wie im
Portsetzung auf Seite 41
Fortsetzung von Titelseite Diagnose, Straftat und Persönlichkeit fallen
quasi zusammen, indem ihre Bezeichnungen
,Hite-Report' (Hite, 1977; 1982), im ,RALF- synonym benutzt werden. Zudem kommen in
Report' von Eichner und Habermehl (1978) der (Über-)Betonung männlicher Sexualität
oder in den Untersuchungen von Masters und im bei Sexualstraftätern häufig angewandten
Johnson (1970) beschränkt. Eine ähnliche ,naiven' hydraulischen Triebdruck- und Trieb-
Zurückhaltung findet sich im Bereich der abfuhrmodell allgemeingesellschaftliche Ein-
Anamneseerhebung: Nur wenige Therapeu- stellungsunterschiede zum Stellenwert von Se-
ten beziehen Prägen bzw. Informationen über xualität bei Männern und Frauen zum Vor- i
das Sexualleben ihrer Patienten in die psy- schein, die keineswegs psychiatrieimmanent
chiatrisch-psychologischen Anamneseerhe- sind. So bezogen sich auch in der Untersu-
bungen ein. Die Sprachlosigkeit der Thera- chung von Strauß et al. (1988) diese Unter-
peuten schlägt sich in entsprechend sexual- schiede „beispielsweise auf die Wichtigkeit der
vermeidenden oder sexistisch-moralisieren- Sexualität, die für männliche Patienten eher
den Einträgen nieder, obwohl und weil gerade betont wird, auf die Art sexueller Beeinträch-
Schriftsprache ihre Ausdrucksform ist. tigungen und auf die Themen, die in Ge-
sprächen über Sexualität mit männlichen und
Der subaggressive, defensiv-protektive Dis- weiblichen Patienten angesprochen werden."
kussionsstil führt dazu, daß Sexualität in die-
sen Diskursen auf die genitale Fixierung, auf Die strukturierte Sexualanamnese
sexuelle Befriedigung im Beischlaf reduziert
und als solche abgewertet wird. Daß sich se- In diesem Zusammenhang einige Hinweise
xuelles Erleben auf lustvolle Erlebnisse nicht- auf die unterschiedlich ausführlichen Mög-
genitaler Art, auf sublime Zärtlichkeiten, auf lichkeiten einer Sexualanamnese:
Intimität oder Zweisamkeit erstreckt (Hainz,
1987), wird im Sinne der traditionellen Ideo- Zimmer (1985) stellt in seinem Grundlagen-
logie von Sexualität als Fortpflanzung und buch zu Sexualität und Partnerschaft einen
Vermehrung ausgeblendet. Dies frappiert in- Anamnesefragebogen vor, der dem Patienten
sofern, als in Untersuchungen von Mitarbei- ausgehändigt wird und verändenmgs- bzw.
tern in der Psychiatrie (Akhtar et al., 1977; behandlungsorientiert ist. Darüber hinaus
Strauß et al., 1988) am häufigsten zärtlich- druckt er die ,Tübinger Skalen zur Sexualthe-
keitsbetonte Aktivitäten bemerkt und berich- rapie' (TSST) und einen Nachbefragungsbo-
tet wurden. Andererseits erstaunt diese Zen- gen ab, die ein differenziertes Bild sexuellen
sur keineswegs angesichts eines Verhältnis- Erlebens und Verhaltens und einen unmittel-
ses von Medizin und Sexualität, das Sigusch baren Eindruck der Wechselbeziehung von Se-
(l970) pointiert in folgenden Thesen charak- xualität und Partnerschaft ermöglichen sol-
terisiert: len, darüber hinaus statistisch ausreichend
gesichert erscheinen.
1. Die Medizingeschichte ist zugleich eine Ge-
schichte des Kampfes gegen Sexualität. Daneben gibt die Deutsche Gesellschaft für
2. Die Medizin ignoriert die Lustfunktion von Verhaltenstherapie (DGVT) die deutsche Fas-
Sexualität. sung des , Sexual Interaction Inventory' (SU)
3. Die Medizin begreift Sexualität am ehesten von LoPiccolo und Steger als , Fragebogen zur
als Krankheit, Abnormität, Perversion und sexuellen Interaktion' heraus (Crombach-
Kriminalität. Seeber und Crombach, 1977), der einerseits
4. Für die Medizin hat ,gesunde' Sexualität die Daten beider Partner erfordert und zudem
vor allem eine reproduktive Funktion. aufgrund der aus Sicht des Verfassers eher
5. Die Medizin will Anpassung und Beseiti- unästhetischen Zeichnungen für manche Pa-
gung, nicht Emanzipation und Sensibilisie- tienten - wie auch Zimmer anmerkt - bela-
rung von Sexualität. stend wirkt.
6. Sexualforschung ist im Bereich der Medi-
zin unerwünscht. Im Test- und Fragebogenbereich sind für die
7. Die Sexualmoral der Medizin ist traditio- Anamnese der sog. ,Anamnesebogen' von
nell-oppressiv. Hahlweg et al. (1982), die von denselben Au-
toren untersuchte ,Problemliste' (PL) sowie
Dies führt bei der öffentlichen und auch häu- der ,Ehe- und Partnerschaftsfragebogen' von
fig in der fachlichen Darstellung zur ent- Stuart und Stuart (1976) und darüber hinaus
menschlichenden Reduktion der gesamten r[pr> Pä"r>tngrschaftsfra^-s'ebotfeü' (PFB) von
Person des Sexualstraftäters auf das Delikt: Hahlweg (1979) sinnvoll.
Das narratrv e Interview Für den Bereich der forensisch-psychiatri-
schen Fragestellungen soll folgende Fallvi-
Im Gegensatz zu dieser eher routiniert-direk- gnette als Ausgangspunkt dienen:
ten Exploration und auch zum Teil distan-
ziert-standardisierten Anamneseerhebung Es handelt sich um die Begutachtung eines
mit vielen präzisen Fragen eröffnet sich auch 29jährigen Mannes, der wegen schwerer
die Möglichkeit einer ausführlichen Anamne- Brandstiftung angeklagt und in der Vorge-
se, die über mehrere Stunden hinweg offen, schichte bereits wegen Hausfriedensbruch,
d.h. methodisch regressiv-progressiv im Sin- Nötigung, gewaltsamer vorsätzlicher Sachbe-
nes narrativen Interviews erhoben wird schädigung, versuchter Brandstiftung, Be-
(Kobbe, 1988). Etwa in dieser Form verfährt drohung und wegen des Verdachtes der Ver-
offensichtlich Hertoft (1989), der diese Ex- gewaltigung strafrechtlich verfolgt worden
plorationsform wie folgt beschreibt: „Man war. Nach Abschluß der Untersuchung be-
fragt nach Kindheit, Schulbesuch, Ausbil- schrieben der psychiatrische und der psycho-
dung, Arbeitsbedingungen, nach Sexualauf- logische Gutachter den Probanden als Persön-
klärung, erstem sexuellen Erlebnis, erster lichkeit, die in der sozialen Interaktion als
Ejakulation, Masturbation, vorehelichen und narzißtisch frustriert zu betrachten sei und
ehelichen sexuellen Beziehungen, homosexu- mit psychosozialen Abwehrformen der Ag-
ellen Erfahrungen, nach dem Verständnis zu gressivität, Impulsivität, des Eigensinns und
Eltern, Kindern und Freunden, nach Interes- der Dominanz reagiere: Dies impliziere auch
sen und Selbstverständnis, nach Präferenzen die Tendenz, inneren Konfliktdruck primär in
und Vorurteilen bei-Stimulation der Sinnesor- impulsiver Weise an dominierten Partnern
gane (Sehen, Geschmack, Geruch, Hören und abzureagieren, so daß in Bezug auf primär so-
Berührung). Es wird empfohlen, mit neutra- zialbezogene, partnergerichtete Dimensionen
len Themen zu beginnen, erst später zu ge- des Erlebens und Verhaltens eine Kontroll-
fühlsgeladeneren Themen überzugehen und schwäche mit zumindest problematischer
dann mit etwas Neutralem abzuschließen." Triebregulation und unzureichenden Kon-
trollmechanismen zu diagnostizieren sei.
Inhaltlich ergeben sich diese Fragen insbeson-
dere auch aus einer Arbeit von Masters und Zu ihrem Erschrecken erhielten die Gutachter
Johnson zur ,Impotenz und Anorgasmie' während dieser diagnostischen Auswertung
(1973), in der sich die eben genannten The- die telefonische Nachricht, der Mann habe in
menbereiche und Stichpunkte in Form einer der Unterbringung auf einer geschlossenen
differenzierten Anleitung zur Sexualanamne- Station soeben eine Therapeutin sexuell be-
se wiederfinden. drängt und zu nötigen versucht, wobei die
wahrscheinliche Vergewaltigung noch so
Beziehungs- und Strukturdiagnostik eben habe verhindert werden können.
Entsprechend dieser Hervorhebung des Be- Bezüglich der Vergewaltigungsthematik fällt
ziehungsaspektes der Sexualität muß gene- retrospektiv auf, daß derselbe Mann bereits
rell unterstrichen werden, daß Störungs- und drei Jahre zuvor während einer stationären
Persönlichkeitsdimensionen allein im Gegen- Unterbringung wegen des Verdachtes der Ver-
satz zu der von Eysenck (1980) vertretenen gewaltigung angezeigt, das Verfahren jedoch
Meinung „für Sexualität keine große Bedeu- eingestellt wurde. Bei erneuter Sichtung der
tung" haben, da die Dimensionen der Bezie- Akten der Staatsanwaltschaft stellte sich her-
hung und Beziehungsfähigkeit hierfür erheb- aus, daß die Strafverfolgung damals einge-
lich bedeutsamer sind (Zimmer, 1985; Schenk stellt wurde, weil es sich bei dem Opfer um ei-
et al., 1983). Im übrigen ist auch zur Art und ne psychiatrisch erkrankte Mitpatientin han-
Weise der oben vorgeschlagenen Anamne- delte und der Patient in der Vernehmung an-
seerhebung der Beziehungsaspekt insofern gab, die Frau habe sich für einen geringen
bereits berücksichtigt, als ein umfassendes Geldbetrag prostituiert. Dies schien dem
explorierendes Gespräch diese gemeinsame Staatsanwalt zum damaligen Zeitpunkt glaub-
Patient-Therapeut-Beziehung unterstützt und haft, den Gutachtern nunmehr keineswegs so
die häufige Vermeidung konkreter sexueller eindeutig. Die im Fallbeispiel wiedergegebe-
Benennungen durch den Patienten während nen strukturdiagnostischen Überlegungen be-
des Gespräches dadurch allmählich abnimmt, züglich einer brüchigen Impulskontrolle mit
daß hierdurch auch die ,Erlaubnis' des Thera- Reaktionstendenzen der objektbezogenen Ab-
peuten zum Aussprechen scheinbar obszöner reaktion gaben bereits Hinweise auf die einer-
bzw. tabuisierter Begriffe ermöglicht wird. seits aus einer Sexualproblematik oder an.de-
ren Beziehuiigskonflikten entstehenden Moti-
vation zur Brandstiftung, waren andererseits
auch prognostisches Kriterium für zukünftig
u. U. zu erwartende Straftaten mit sexualag-
gressivem Charakter.
Die diagnostischen Hinweise resultierten
hierbei nur sekundär aus Anamneseerhe-
bung und Verhaltensbeobachtung, primär
aber aus einem von den Gutachtern entwor-
fenen Fremdbild im , Gießen-Test' und dessen
Vergleich mit dem Selbstbild des Probanden
im selben Testverfahren. Dieser Hinweis er- ,
scheint insofern wichtig, als es auch im äuge- —
meinpsychiatrischen Stations- und Thera- ,
piealltag kaum sinnvolle Möglichkeiten einer '
Beziehungsdiagnostik gibt. Verkürzt ausge-
drückt soll der , Gießen-Test' (Beckmann und .
Richter, 1979, Beckmann et al., 1983) in sei- :
ner ursprünglichen Form ,GT-S' einem Pro- :
banden Gelegenheit geben, von sich ein Selbst-
bild zu entwerfen, in dem dieser seine innere
Verfassung und seine Umweltbeziehungen be-
schreibt. Die Mehrzahl der Items erfordert ei-
ne Aussage des Probanden über seine sozia-
len Beziehungen: Er wird gefragt nach ele-
mentaren Merkmalen seines sozialen Befin-
dens (Nähe, Abhängigkeit, Vertrauen), seinen
sozialen Reaktionen und seiner sozialen Reso-
nanz. Die ebenfalls vorliegenden Fremdbeur-
teilungsbögen zum , Gießen-Test' ermöglichen
einerseits den Vergleich von Selbsteinschät-
zung und Fremdbild, sind andererseits auch
prognostisch relevant, wie eine Untersu-
chung von Speier (1990) bei persönlichkeits-
gestörten Sexualdelinquenten belegt (vgl.
Speier und Nedopil, 1992).
Mit dieser Unterstreichung der Beziehungsdi-
mensionen ergänzt das differentialdiagnosti-
sche Vorgehen die Sexualanamnese in einem
wesentlichen Bereich und leitet sie zugleich
über zur prognostischen Diagnostik in der fo-
rensisch-psychiatrischen Praxis, wie sie in
Anlehnung an Schorsch et al. (1982) eben-
falls in diesem Heft dargestellt werden.
Literatur bei den Verfassern:
Heinfried Duncker, Psychiater und Psychoanalytiker
Werner Heming, Jurist
Ulrich Kobbe, Dipl. -Psychologe undPsychotherapeut
Westfälisches Zentrum für Forensische Psychiatrie, Lippstadt

Weitere Beiträge zum Themenbereich, erscheinen in:


nda 6 «94 -Therapeutische Ansätze für Sexual -
Straftäter
nda. 7 »94 - Psychiatrisch -psychologische und kri-
minologische Prognose bei Sexual-

nda, 3 • 94 - Maßregel Vollzug und Sexualstraftäter