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keitsgrad, die zufällige Begegnung oder1 die

verwandtschaftliche Beziehung.
Für therapeutische Ansätze im Bereich der
Behandlung von Sexualstraftätern können
nur die Verbindungen zwischen dieser Straf-
tat und dem Bereich der Persönlichkeitsstruk-
tur sowie - insbesondere im Fall von Strafta-
ten innerhalb der Familie - die Bearbeitung
der viktimologischen Täter-Opfer-Beziehun-
gen in Betracht gezogen werden. Maßnah-
men, die sich auf Veränderungen situativer
Faktoren im Sinne eines reinen „Social Mana-
gements" beziehen, sind meist illusorisch. Es
wird kaum möglich sein, einen pädophilen
Straftäter z. B. von der Begegnung mit Kin-
dern abzuhalten, und es ist auch nicht mög-
lich, dem Täter reine Vermeidungsstrategien
„beizubringen", wie dies bei alkoholabhängi-
gen oder süchtigen Personen im Sinne der
Vermeidung des Suchtmittels durchaus erfolg-
reich geschehen kann.

Die zugrundeliegenden Störungen


Sexualstraftaten oder Straftaten mit sexuel-
len Motivationen können mit pathologischen
Persönlichkeitsstrukturen in Zusammenhang
stehen. Im Rahmen des Strafprozesses ist dies
durch die Begutachtung zu untersuchen und
ggf. festzustellen. Grundsätzlich können der-
artige Straftaten mit psychiatrisch-psycholo-
gischen Problemen neurotischer, psychoti-
scher Natur in Verbindung stehen. Sie können
aber auch mit einer gravierenden Persönlich-
Ansätze für keitsstörung auf Borderline-Niveau, mit den
Problemstellungen eines pathologischen Nar-
Sexualstraftäter zißmus oder hiermit verbundener sexueller
Devianz verbunden sein. Im Bereich der The-
rapie von Sexualstraftätern spielen allerdings
Kriminologisch-therapeutische - unabhängig von der Persönlichkeitsdiagno-
Ausgangssituation stik, der Therapiebedürftigkeit oder Therapie-
fähigkeit dieser Patienten - institutionelle Vor-
Der typische Sexualstraftäter ist ein Mythos gaben eine erhebliche Rolle. Sie können thera-
der reißerischen, auf die Beschreibung äußer- peutische Ansätze eventuell verhindern, in
licher Aspekte ausgerichteten Presse. Ebenso bestimmten Situationen allerdings auch Ak-
wenig wie es den typischen Sexualstraftäter zente in Richtung auf eine Therapiemotivation
gibt, kann es die typische Therapie für ihn ge- setzen. Die Therapie von Sexualstraftätern
ben. Bei der Entstehung von Sexualstraftaten kann nicht unabhängig von dem Ort ihrer Un-
sind, wie im allgemeinen in der Kriminologie, terbringung betrachtet werden: im Gefängnis,
drei Bereiche zu untersuchen: im psychiatrischen Krankenhaus oder auf Be-
1. das situative Moment der Tatentstehung währung in der Freiheit.
mit den konstellativen Umgebungsfaktoren;
2. die persönliclikeitsinhärenten Faktoren, Das psychotische Geschehen
die mit der Straftat, der Ausführung und
ihrer Beziehungsgestaltung verbunden Steht die Sexualstraftat im Zusammenhang
sind; mit einem psychotischen Geschehen und ist
3. der viktimologische Bereich der Täter-Op- sie Ausdruck einer psychotischen Bezie-
fer-Beziehung, der gegenseitige Abhäiigig- hungsgestaltung mit wahnhaften Überzeu-
guiigen oder halluzinatorischen Befehlen, so des Maßregelvollzuges oder der Justizvoll-
lautet die wahrscheinliche institutionelle zugsanstalt häufig auch von den Überzeugun-
Antwort auf Unterbringung des Betreffenden gen des Gutachters und des Gerichtes bezüg-
im psychiatrischen Krankenhaus. Die Ant- lich der Krankheitswertigkeit schwerer Per-
worten auf diese Pathologie richten sich sönlichkeitsstörungen ab. Der Streit über die
dann auch weniger an den Tatuniständen Krankheitswertigkeit der schweren Persön-
aus als an dem zugrundeliegenden akuten lichkeitsstörungen soll hier nicht aufgerollt
psychotischen Prozeß. Die therapeutischen werden. In der Realität befinden sich aber
Antworten, die diese Institution für den Be- schwer persönlichkeitsgestörte Sexualstraf-
troffenen damit zu finden hat, gehören zum täter sowohl in den Haftanstalten als auch in
klassischen Repertoire psychiatrischer Be- den Einrichtungen des Maßregelvollzuges der
handlung: sie wird psychopharmakologi- Bundesrepublik.
sche, psychotherapeutische und sozialthera-
peutische Ansätze kombinieren und dies Bei dieser Personengruppe gestaltet sich der
kann in der Regel relativ rasch zur Sym- Behandlungsansatz wesentlich schwieriger.
ptomreduktion und damit verbunden auch Dies hängt mit Faktoren zusammen, die die
zur Gefährlichkeitsreduktion führen. intrapsychische Funktionsweise derartig ge-
störter Persönlichkeiten betreffen, d.h.:
Die neurotische Dynamik • die Abhängigkeit von der Umgebung, die
diese Patienten mehr oder weniger für ihr
Steht die Straftat im Zusammenhang mit ausschließliches Wohl verantwortlich ma-
neurotischen Zustandsbildern, dann ist da- chen, an die sie sich entweder im Sinne der
von auszugehen, daß sie mit einem erhebli- anaklitischen Beziehungsbildung anlehnen
chen Leidensdruck bei dem Betroffenen ein- können müssen oder die sie im Sinne nar-
hergeht und daß er auch außerhalb dieser zißtisch-sadistischer Bestätigungsmecha-
strafrechtlichen Symptomatik unter weite- nismen beherrschen müssen;
ren Symptomen einer Neurose leidet. Der • der Mechanismus der Verwerfung im Sinne
subjektive Leidensdruck ist als eine fehlende eines unwillkürlichen und unvermeidba-
innere Übereinstimmung mit den eigenen ren Ausschlusses insbesondere unange-
Handlungs- und Erlebensweisen zu verste- nehmer Inhalte der Realität aus dem Be-
hen. Diese werden als autoplastisch, als im wußtsein und
Inneren der eigenen Person zu verändern er- • der Projektion dieser ungeliebten Inhalte
lebt, und eine entsprechende psychothera- auf die als böswillig erlebte Umgebung (Ju-
peutische Hilfe wird zur Lösung dieser inne- stizvollzugsanstalt, Maßregelvollzugsein-
ren Probleme von dem Betroffenen selbst ge- richtung und dort Beschäftigte gleicher-
sucht werden. Dies betrifft einen großen Teil maßen);
der Klientel, die sich in ambulanten Bera- • der alloplastischen, das heißt auf die Ver-
tungsstellen, wie sie zum Beispiel an der Uni- änderung des Umfeldes abzielenden Erle-
versität Hamburg von Schorsch geleitet wur- bens- und Reaktionsweisen, die dazu
de, mit Erfolg behandelt werden. Institutio- führen, daß Spannungen, Widersprüche,
nelle Vorgaben werden diese erlebte Behand- Unzufriedenheiten wie fehlende Befriedi-
lungsbedürftigkeit wenig beeinflussen. Be- gungen nicht durch Veränderungen in der
währungsauflagen zur Vermeidung oder im eigenen Person und ihrer Funktion zu er-
Anschluß an eine Haftstrafe können die the- reichen versucht werden, sondern durch
rapeutische Motivation unterstützen; die the- einen Änderungszwang gegenüber der Um-
rapeutischen Erfolgsaussichten sind bei der- gebung.
artigen Zustandsbildern in allen psychothe-
rapeutischen Schulen recht gut. Behandlungssetting, -motivationund
-Indikation
Die Persönlichkeitsstörungen Dies bedeutet, daß die äußere (Unterbrin-
Wesentlich problematischer ist die Behand- gungs-)Situation erheblichen Einfluß auf die
lung der Sexualstraftäter, bei denen gleichzei- Fähigkeit hat, sich selbst als veränderungs-
tig eine erhebliche Persönlichkeitsstörung bedürftig zu erleben; und dies wäre der erste
. vorliegt. Ihr institutioneller Weg ist nicht ge- Schritt, um eine Behandlungsfähigkeit zu er-
• nau vor gezeichnet. Im Rahmen der psychia- reichen. Der Weg von einer ich-syntonen zu
\n Begutachtung anläßlich ihrer einer ich-dystonen Betrachtungsweise der
Straftat hängt, die Alternative ern^r TTnter- eigenen kritischen Anteile ist für alle diese
' bringung in der psychiatrischen Institution Sexualstraftäter- ein schwieriger Motiva-
tionsprozeß: Hier stellt das psychiatrische nien häufig ausgeschlossen wird. Da-mit, steht
Krankenhaus mit seinen sozio- und mi- der Behandlung bei Erreichung des motivatio-
lieutherapeutischen Angeboten, im Gegen- nalen Hintergrundes ggf. eine institutionelle
satz zur reinen Verwahrsituation der Ge- FinanzierungsSchwierigkeit im Wege. Und
fängnisse, ggf. einen adäquateren Hinter- dies hat gerade bei dem häufig in der sozialen
grund dar, um derartige Prozesse zu errei- wie beruflichen Eingliederung benachteiligten
chen. Dies ist jedenfalls der kritische Punkt, Personenkreis insofern desaströse Folgen,
an dem sich die therapeutischen Angebote als gesellschaftliche Reintegration, Durchfüh-
, für diesen Teil der Klientel mit der Frage rung der Behandlung und deren Finanzierung
messen lassen müssen: Ist eine ausreichende voneinander abhängen.
motivationale Grundlage bei dem Betroffe-
nen geschaffen oder wie kann sie geschaffen Vorausgesetzt, daß die Art der Störung eine
werden? Je stärker ich-synton die eigenen ambulante Behandlung zuläßt und deren Fi-
Persönlichkeitsanteüe erlebt werden, umso nanzierung gesichert ist, stellt sich die Frage
geringer ist die Motivationschance des The- nach der erforderlichen Qualifikation der
rapeuten. Therapeuten. Grundsätzlich richtet diese sich
Ein Teil derart gravierend Persönlichkeitsge- zunächst nach den in jeder psychotherapeuti-
störter wird nie in den Bereich der Strafju- schen Schule ausgearbeiteten Vorgaben für
stiz eintreten, sondern seine pathologischen die Behandlung schwer persönlichkeitsge-
Persönlichkeitsanteile in den Zirkeln am störter Patienten. Wünschenswert, wenn
Rande der Gesellschaft stehender sexualde- nicht sogar in vielen Fällen äußerst hilfreich,
vianter Gruppen einbinden, wie dies zum sind allerdings weitergehende Grundlagen-
Beispiel für den Bereich der sadomasochisti- kenntnisse auf dem komplexen Gebiet der Se-
schen Praktiken von Spengler untersucht xualdevianz und Sexualtherapie einschließ-
wurde. Derartige Einbindungen sorgen im lich entsprechender Selbsterfahrung des The-
allgemeinen zum einen dafür, daß es nicht zu rapeuten. Aktuell wird eine solche Fortbil-
entsprechenden Straftaten kommt; zum an- dung für psychotherapeutische Fachkräfte
deren verbleiben die Betreffenden aber auch mit Pilotcharakter beispielsweise vom Mini-
zu fast hundert Prozent außerhalb jeglicher sterium für Arbeit, Soziales, Familie und Ge-
therapeutischer Bedürftigkeit und so auch sundheit in Mainz angeboten.
außerhalb jeglicher psychotherapeutischer
Praxis. Ein besonderes Problem der therapeutischen
Arbeit mit Sexualstraftätern stellen die Fälle
Behandlungschancen und -probleme dar, bei denen es sich um innerfamiliäre De-
likte gegenüber dem Partner, der Partnerin
Allerdings gibt es auch bei Erreichung eines oder den Kindern handelt. Dies überschattet
psychotherapeutischen Behandlungswun- sowohl das therapeutische als auch das kri-
sches des Patienten selbst institutionelle Pro- minalpräventive Handeln, denn ein Miß-
bleme: Zunächst ist eine wirkliche Motivati- brauch durch den Vater, durch die Mutter
onsarbeit mit sich anschließender Psychothe- oder die Gewalttätigkeit eines Elternteils ge-
rapie unter Haftbedingungen nur schwerlich gen den anderen betrifft immer auch deren
durchzuführen, wohingegen dies in den Ein- Funktion als Vater oder Mutter. Das heißt,
richtungen des Maßregelvollzuges zu den diese Kinder sind immer auch das Opfer
primären Aufgaben und institutionellen „schlechter Eltern", was sie für ihr Leben zu-
Grundlagen gehört. sätzlich zeichnen wird. Hier ist der Ansatz des
Rotterdamer Programms zur Behandlung
Während also für die in der forensischen von Inzest-Familien eine beachtenswerte und
Psychiatrie untergebrachten Sexualstraftä- weiterzuverfolgende Vorgabe.
ter die adäquate Behandlung grundsätzlich Literatur bei den Verfassern.
garantiert ist, benötigen sie in den Justizvoll- Heinfried Duncker, Psychiater und Psychoanalytiker
zugsanstalten bzw. bei Haftentlassungen mit Werner Heming, Jurist
Ulrich Kobbe, Dipl.-Psychologe undPsychotherapeut
Therapieauflage eine ambulant durchzu-
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m oeiaen jf'aiien aoer ist oie indizierte Psycho- Weitere Beiträge'züm^ThenSnbereicn^erscheinenln:


therapie u.U. schwer zu verwirklichen, weil nda 7 • 94 - Psychiatrisch-psychologische und kri- „
gerade die schweren PersönlichkeitsStörun- minologische Prognose bei Sexual- ,;
gen wegen der Diagnose, der Behandlungs- Straftätern
dauer und der Prognose nach den KV-Richtli- nda. 8 • 94 - Maßregel Vollzug und Sexualstraftäter «