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HEUTE BEGEHT MAN den Tag der edlen Jungfrau Cordula. Sie wurde ihrer
eigenen Schwachheit überlassen; und sie stieg hinab, tiefer als all ihre Gefährtinnen,
auf die unterste Stufe menschlicher Furcht. Sie wäre (gerne) geflohen; und doch ist
zu beachten, daß sie eben dadurch auf die oberste Stufe über alle anderen gelangte.
Denn alle die Todesarten, das vergossene Blut, die Knüttel und Keulenschläge, die
Wunden, die feindseligen Gesichter der bösen Menschen, das alles ging ihr durch
Herz und Einbildungskraft hindurch, und sie starb mit. jeder einzelnen ihrer
Gefährtinnen in ihrem Gemüt einen eigenen Tod. Sie erlitt mehrfachen Tod,
während die anderen nur je den einen starben; danach ergab sie sich willig ganz in
die Gewalt ihrer Feinde und empfing den Todesstreich.
Meine gar lieben Schwestern! Hier müssen wir gar sehr die über alle Wunder
hinausgehende Treue Gottes beachten und die geheimnisvollen Wege, auf denen
Gott den Menschen zu sich zieht, die bewundernswerte Weise, in dem er ihn zu den
höchsten Dingen gelangen läßt auf unerforschbare Weise und auf geheimnisvollen
Wegen. Gott überläßt den Menschen oft sich selbst in großen und schrecklichen
Versuchungen, in großer Not und Drangsal, in menschlicher Schwäche. Wollte der
Mensch Gott auf diesem Weg folgen, auf ihn achten, er führte ihn zweifellos, wenn
der Mensch dazu Fleiß und Ernst aufwenden wollte, tausend Stufen höher mittels
des Kampfes und der Schwäche. Be achtete der Mensch die göttliche Hilfe und
gedächte ihrer, traute Gott und verzweifelte nicht an ihm und fiele auch nicht in
unrechte Freiheit, so könnten die Anfechtungen nie so böse, so ' schwer, so groß sein
- sie vermöchten ihm nichts anzutun.
Im Evangelium vom Tag liest man, wie ein König seinem Sohn ein Hochzeitsfest
ausrichtete und wie viele Leute da zu Tische geladen waren. Dieser König ist der
himmlische Vater, der Bräutigam unser Herr Jesus Christus. Die Braut, das sind wir,
deine und meine Seele; wir alle sind gerufen und geladen, und alle Dinge sind zum
Mahl bereit, zur Vereinigung Gottes mit der liebenden Seele, seiner Braut. Das ist so
unaussprechlich, und die Liebe ist so nahe, so innerlich, so vertraut, so freundlich
und liebreich, daß das alle Verstandeskraft übertrifft. Die so sehr gelehrten Meister
von Paris können mit all ihrem Scharfsinn nicht zu dieser Liebe gelangen; wollten sie
darüber sprechen, so müßten sie verstummen, und je mehr sie darüber sprechen
wollten, um so weniger könnten sie es und um so weniger verstünden sie diese Liebe.
Nicht nur ihre natürlichen Mittel versagten hier, sondern auch aller Reichtum der
Gnade; auch nicht die Hilfe aller Engel und aller Heiligen könnte ihnen ermöglichen,
diese Liebe in Worte zu fassen.
Aber ein schlichter Mensch, der sich Gott gelassen hat in Demut, empfindet und
fühlt etwas davon in seinem inneren Grunde; zu begreifen freilich vermag er es doch
nicht, er kann es nicht, auf keine Weise, in Worte bringen, denn es geht über das
Begreifen jeglichen Geschöpfes hinaus.
Diese Braut soll man vorbereiten, wie man es bei einer irdischen1 Braut tut. Man soll
sie waschen, ihr neue Kleider anlegen, sie mit jeglichem Schmuck zieren und die
alten Kleider wegwerfen, selbst wenn sie noch gut sind; versteht, was "waschen" hier
bedeutet: die Reinigung von Sünden und Fehlern; das Entkleiden bezieht sich, in
einem gröberen Sinn, auf den alten Menschen, alle Untugenden, seine alten Sitten
und Gewohnheiten; die neuen Kleider, das sind neue Tugenden, ein himmlisches,
göttliches Leben, der neue Mensch, der nach Christus gebildet ist. Nun zur
Bedeutung in einem feineren Sinn: wenn man die guten Kleider, weil sie alt sind, der
Braut auszieht, wenn man der göttlichen Braut diese alten Kleider, die geringeren
Tugenden und Verhaltensweisen, weil sie alt sind~ ausziehen soll und ihr andere von
höherer Art anziehen und wenn man spräche - ich tue das nicht -, man solle der
Tugenden entkleidet werden und über die Tugenden hinauskommen, könnte man
da irgendwie verhüten, daß dieses "über die Tugenden hinauskommen" zu Unrecht
gesagt würde? Ja und auch nein! Niemand soll noch kann (in dem Sinn) über die
Tugenden hinauskommen, daß er sie nicht lieben noch üben oder haben solle.
Doch ist auch folgendes richtig: ein Mensch, der von Gott entrückt wird, übt sich
währenddessen nicht in den Werken der Tugend, nicht in Geduld noch in
Barmherzigkeit und dergleichen mehr. Kommt er aber wieder zu sich selbst, so muß
er alle Tugenden üben, so wie die Umstände es verlangen. Aber noch in einem
anderen Sinn kann man der Tugenden entkleidet werden. Ein Mensch möchte dies
oder das von Gott haben. Er wollte gerne so arm sein, daß er nicht zwei Nächte am
gleichen Ort zubringen könnte; er wollte gerne alles erkennen und großen Trost von
Gott empfangen und empfinden und vertrauten Umgang mit Gott haben, und daß
ihm geschähe wie diesem oder jenem. Von dem allem soll man ,entkleidet werden,
sich dem wohlgefälligsten, liebsten Willen Gottes in rechter Gelassenheit
anheimgeben, wie Gott es will. So soll man sich ihm überlassen und entkleiden von
allem, wie gut es dir scheine oder sei, und in den göttlichen Willen einsinken. Wie gut
dies auch sei, der Mensch hat eine verborgene Unart in sich, die alles Gute in ihm
verdirbt und vernichtet, ganz so, wie wenn einer eine ausgesuchte gute Speise in eine
unsaubere Schüssel täte oder guten Wein in ein unsauberes Faß.

1
Da die Lesung bei Vetter 432,11 keinen befriedigenden Sinn gibt, ist die Verbesserung Corins, Sermons
HI, 196, Anm.2 benutzt worden.
Der getreue, liebreiche Gott erkennt das und läßt Ereignisse über den Menschen
kommen, die dieser weder anstrebte noch herbeiführen will, damit er lerne, sich zu
lassen, und die böse Unart überwinde; da ist ihm die Entkleidung oft ungleich besser,
als wenn er reich gekleidet wäre.
Ach, ihr Lieben, wer seines Grundes wahrnähme was in ihm ist, und seiner. Unart,
wer sich ließe und Gott folgte, wie und In welcher Weise und auf welchen Wegen der
ihn ziehen wollte, der käme bald durch alle Prüfungen durch und nähme alles von
Gott, was von außen oder innen auf ihn fiele, und nähme das verborgene Urteil
Gottes und seine Verhängnisse mit Dankbarkeit an. So fremdartig und widerwärtig
dies auch schiene so wirst du doch auf diesem Weg besser gekleidet als mit den'
erhabensten Übungen, mit deren Hilfe du große Dinge zu schaffen wähntest. So
sprechen manche: "Ach, Herr, ich hätte mich gerne selbst In der Gewalt und hätte
gerne inneren Frieden und möchte, daß mir so wäre wie diesem oder jenem." Nein,
es soll anders sein. Du mußt entkleidet, du mußt auf dein Nichts gewiesen werden
und sehen, was in dir verborgen und verdeckt liegt. Bleib bei dir selber!
Ich fragte einen hohen, edlen, ganz heiligen Menschen, was der höchste Gegenstand
seiner Betrachtung sei. Er antwortete: "Die Sünde, und so komme ich zu meinem
Gott"; er hatte durchaus recht. So laß Gott und alle Geschöpfe dich auf deine Sünde
verweisen, und verurteile dich selbst; so wirst du, nach Sankt Paulus' Wort, nicht von
Gott verurteilt. Das soll in der Wahrheit geschehen, ohne alle Verstellung, nicht mit
gemachter Demut, denn diese ist eine Schwester der Hoffart. Das soll in dem
Grunde geschehen, und zwar ohne Erregung, als ob man sich den Kopf zerbrechen
sollte, sondern mit stiller, besonnener, gelassener Unterworfenheit in demütiger
Furcht Gottes leg ihm deinen bösen, (von deinem Selbst) besetzten Grund vor, in
herzlichem Gebet, das im Geist geschieht: so suche ihn; gehst du andere Wege, es
hilft dir nichts. Richte dich nicht nach diesem oder jenem; das wäre völlige Blindheit.
So verschieden die Menschen sind, so verschieden sind auch ihre Wege zu Gott: was
dem einen Menschen Leben bedeutet, ist für den anderen Tod. Und nach dem, was
Beschaffenheit und Natur eines Menschen ist, richtet sich oft die Gnade, die sie
empfangen; darum blicke nicht auf das Verhalten der Leute· auf ihre Tugenden
magst du wohl schauen, die sie besitzen: es sei Demut, Sanftmut und dergleichen.
Was2 dein eigenes Verhalten betrifft, so richte dich nach deiner Berufung; darum
mußt du vor allen Dingen darauf sehen, wozu Gott dich berufen hat, und dem
folgen. Nähmest du Gottes Ruf mit Eifer wahr, so wäre er dir bald so klar und läge so
offen vor dir wie deine Hand.

2
Eine Veränderung der Zeichensetzung bei Vetter 433,33 ergibt die von Corin, Sermons III, 199 gebotene
Lesart.
Nun aber bleibt ihr nicht bei euch selber und suchet eure Berufung nicht getreulich
von innen her bei Gott; ihr seht alles von außen; und so bleibt euch Gott und ihr
euch selbst in Wahrheit unbekannt und ihr lauft auf die gleiche Weise durch zwanzig,
dreißig und mehr Jahre, die ganze Zeit, während welcher ihr ein geistliches Leben
geführt zu haben scheint. Und eurem Ziele seid ihr nicht näher oder ferner als am
ersten Tag. Das ist doch wahrlich ein Jammer!
Also beachtet das Unkraut in euch, und das vernichtet, nicht aber eure Natur. Weil
ihr das nicht tut geschieht es, daß ihr in einer Stunde verliert, was ihr in einer Jahres
Arbeit gesammelt habt, durch Worte und Werke, die aus dem bösem Unkraut
hervorwachsen, das im Grunde geblieben ist. Solange als euch die mannigfachen
Vorhaben und Arten (eures geistlichen Lebens) nach eurem eigenen Willen
beherrschen und ihr darin gekleidet seid, kann der Bräutigam euch nicht nach
seinem Willen kleiden. Achtet auf keine Art, auf kein Tun als nur auf seinen
göttlichen Willen. Wäre ich den anderen gefolgt, ich lebte schon lange nicht mehr.
Verlangt nach Gott, und liebt ihn von Grund auf und seine Ehre und nicht die eure
in keinen Dingen, auch nicht Lust oder Nutzen. Gebt euch gefangen der göttlichen
Finsternis, der Unerkenntlichkeit des verborgenen Abgrundes, laßt euch auf die
Weise führen, die ihm gefällt: so wird er euch köstlicher mit sich selbst bekleiden in
wunderbarer 3 . Weise, so wie kein Auge es je gesehen, kein Ohr gehört, in keines
Menschen Herz je gedrungen ist.

Daß dies uns allen zuteil werde, dazu helfe uns der liebreiche Gott durch sich selbst.
AMEN.

3
Nach dem KT, vgl. Corin, Sermons III, 200, Anm. 4. Doch scheint auch Vetters Lesung, 439,15
.wunnenklicher" denkbar.