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"psyyou later...

" - Der strukturell gestörte Patient und Meine Anmerkungen zum Tagungsthema zielen darauf ab, das in diesem Tagungssetting
sichtlich abhanden gekommene Subjekt des Diskurses wieder einzuführen, hiermit vielleicht
sein Therapeut als strukturelle Störer der Institution. auch eine andere Diskursart zu wählen. Aktuell anknüpfen möchte ich an einen Aufsatz von
Schorsch, der uns gezeigt hat, daß das Subjekt innerhalb der medicojuristischen Konstituie-
Ulrich Kobbe rung der Maßregelvollzugsanstalt durch eine Logik ausgeblendet und vergewaltigt wird, da
sich die Logik der Justiz als 'Advokat der Gemeinschaft' in der Tendenz gegen das Subjekt
Redetext. Unveröffentl. Vortrag. richtet und die forensische Psychiatrie und Psychologie letztlich mit ihr paktiert. Sie fordert,
7. Forensische Herbsttagung. der Patient solle zugunsten der Gemeinschaft weitgehend auf seine störend-gestörte, ir-
Universität München, 23.-24.10.92 re(nde), agressiv-sexualisierte archaische Subjektivität verzichten. "Diese Hintanstellung des
Subjektiven im Subjekt hat"- so Schorsch (1992, 2) - zur Folge, daß "die Subjektivität des
Täters äußerst unvollständig in das Blickfeld ... gerät, sich nicht wirklich artikulieren kann".
Abstract

Die Behandlung schwerst gestörter Patienten wirft in Einzelfällen erfahrungsgemäß klinikin- Wenngleich die (psychoanalytische) Psychotherapie von dieser Logik grundsätzlich verschie-
tern erhebliche Probleme auf: diese Patienten sind aufgrund ihrer Störung und archaischen den ist und als 'Anwalt des Subjekts' in dessen Tendenz 'gegen' die Gesellschaft auftritt, wird
Dynamik in sich wiederholenden Krisen kaum noch in der Lage, innen und außen, fremd und diese 'Parteinahme' im Maßregelvollzug kaum geübt. Die ohnehin nie ganz verschlossene, hier
selbst zu unterscheiden, sodaß Fremd- und Autoaggression eng beieinander liegen, Ver- brisant erscheinende Kluft zwischen anarchischem Lustprinzip und dem durch soziale Gesetze
schmelzungswünsche wie -ängste existieren und extrem widersprüchliche Übertragungsreak- geregelten Realitätsprinzip wird angesichts der "ontologischen Differenz des Subjekts", die -
tionen erzeugt werden. Der hieraus resultierenden Dynamik von Agieren und Gegenagieren so Lacan (1964) - in dem pulsierend sichtbar werdenden Unbewußten temporär zutage tritt,
wird gerade im Maßregelvollzug allzu leicht im Sinne destruktiver Interaktionsdynamik mit als Bedrohung auch des eigenen therapeutischen Diskurses wahrgenommen. Das heißt, was
disziplinierenden Mitteln und diagnostischer Deutungs(über)macht zu begegnen versucht. den juristischen, den psychiatrischen und meist auch den forensisch-psychotherapeutischen
Das störende Subjekt(ive) bleibt virulent und erscheint folglich potentiell "unberechenbar". Diskurs verbindet und ausmacht, ist das Prinzip einer Norm, in der das Symptom zum Zei-
Diese konflikthafte Verstrickung wird durch ein Modell (stations-) chen reduziert wird - zu einem Anzeichen der Differenz des Subjekts, die - so Lefort (1976,
237) - zu verringern oder in bestimmtem Rahmen zu halten ist.
externer Psychotherapie zu beantworten gesucht, das sich an das Konzept der "gesprengten"
Institution (Mannoni, Lefort) anlehnt. Es wird davon ausgegangen, daß der Therapeut eine
dritte, ex-zentrische Position einnimmt und hierüber sowohl Störendes im Sinne eines "con- Immerhin muß sich schon das allgemeinpsychiatrische Krankenhaus immer irgendwo zwi-
taining" (aus)hält, sprachfähig werden läßt wie Triangulierungen ermöglicht. schen dem Gefängnissystem und der kollektiven Verrücktheit einrichten (Racamier) und ent-
Die Tatsache, daß sich eine sinnvolle Behandlung dieser Patienten nur entlang der Abwehren steht eine zwiespältige Situation, in der die Institution selbst nach Kernberg (1971) als eine
der Patienten, aber auch entlang der Abwehren der Mitarbeiter und der Institution organisie- um Gruppenprozesse mit wechselndem Strukturierungsgrad organisierte soziale Struktur
ren muß, läßt auch den (stations-)externen Therapeuten zum Störer institutionellen Funktio- begriffen werden muß, die den Patienten mit der Teilnahme an einem experimentellen Setting
nierens werden. Der Konflikt von unabdingbarer relativer Immobilität der Institution und konfrontiert, das in unterschiedlichem Ausmaß die Aktivierung primitiver Objektbeziehungen
gleichzeitiger "Sprengung" ihres starren Rahmens beinhaltet eine konflikthafte Dialektik ge- verstärkt.
genseitiger Abgrenzung und Beeinflussung, die dem Patienten -verbale - Möglichkeiten zur Womit in der forensischen Psychiatrie der zwischenmenschliche Diskurs von der archaischen
potentiellen Separation von der Insti-tution eröffnen soll. In ihr muß der Therapeut für das Destruktivität im fragilen psychotherapeutischen Übergangsraum ebenso subversiv in Frage
Funktionie-ren der auf die Allianz von Macht und Wissen über den Problempa-tienten ge- gestellt wird, wie die repressive Struktur und "zynisch" reglementierende Praxis der Instituti-
on die therapeutischen Ideale destruieren (Sloterdijk 1983, 212).
gründete Maßregelvollzugsinstitution störend wirken, da durch ihn quasi subversiv eine Re-
/Formierung der "totalen" Insti-tution zu einer "therapeutischen" versucht wird.
Zweifelsohne unterliegen alle Subjekte denselben instutionellen Prozessen. Dennoch gibt es in
jeder Institution Patienten, die als unberechenbare / gefährliche / schwierige / unbehandelbare
/ störende Problempatienten die Affekte einzelner Mitarbeiter bzw. Stationsteams binden und
auf sich fokussieren. Diese strukturell ich- und überich-gestörten Patienten werden ebenfalls
als strukturell störende Individuen wahrgenommen (Kobbe 1992), so daß eine destruktive In- Insofern steht der stationsexterne Psychotherapeut einerseits in enger Beziehung zur Institu-
teraktionsdynamik entsteht. Wenngleich sich bei der Konkretisierung der situativen Umstände tion, nimmt er andererseits zugleich eine besondere ex-klusive Position ein, die ihm die Mög-
die fremd- und/oder selbstaggressiven Krisen allzuoft als nicht vom Patienten allein und nicht lichkeit eines dritten Standpunkts eröffnet und in der sich Lefort eher als einen gewissen be-
einmal überwiegend von ihm zu verantworten dechiffrieren lassen, ist einerseits der Patient zugnehmenden Vektor definiert (Lefort et al. 1976, 49).
"bösartig", andererseits die Institution in ihrer Neigung zu chronischer Gewalt gerechtfertigt. Dieser dezidiert psychotherapeutische Ansatz ist so selbstverständlich nicht: Die 'Münze The-
Die Projektion und projektive Identifikation der Aggression dieser Patienten löst bei ihnen e- rapie ' werde in zwei Währungen gehandelt und sei inflationiert, schreiben Pfäfflin und Haake
xistenzbedrohende Angst, blinde Zerstörungswut und verzweifelte Abwehr der phantasierten (1983, 97), denn gerade in schwerwiegenden Fällen zähle sie entsprechend weniger. Darü-
Bedrohung aus, was auf Seiten der Institutionsmitarbeiter als permanente Brisanz wahrge- berhinaus publizierte kürzlich Baljer (1992) eine Arbeit, die zwar einerseits die Frage der Un-
nommen wird und die Gefahr der gegenseitigen Induzierung von aggressiv-gegenaggressiven terbringungs-, Behandlungsindikation schwer Persönlichkeitsgestörter problematisiert, ande-
Mechanismen in sich birgt. rerseits aber "effektive Therapie" auf ein "Training von Fertigkeiten" reduziert (Baljer 1992,
190 bzw. 194) und die geringen Therapiemöglichkeiten ursächlich dem unterschichtangehö-
Für das Subjekt selbst sind in den sich wiederholenden Krisen Innen und Außen, das Ich und renden Subjekt zuschreibt, anstatt die Frage nach der Therapiefähigkeit und -eignung der fo-
der Andere kaum noch unterscheidbar, sodaß die eventuell gewünschte Zerstörung des Bö- rensisch-psychiatrisch tätigen Therapeuten in dieser Konsequenz zu stellen.
sen im Inneren der Zerstörung eines äußeren Objektes gleichkommt, oder durch die Zer-
störung eines äußeren Objektes ein innerer Zustand gerettet werden soll, da diese Subjekte Gerade hier geht es um das therapeutische Ziel, jenseits von therapeutischem Nihilismus und
mit dem attackierten äußeren Objekt partiell verschmolzen sind (du Bois 1992, 43). "jenseits ritualisierter Ordnungsfunktionen eine weitgehende Befreiung von der Angst vor der
Ich sagte schon: diese Patienten neigen zur Einverleibung ihrer Bezugspersonen, zur Ver- eigenen Desintegration zu erlangen" (Knoll 1985, 122). Es geht um "die radikale Reflektion
schmelzung mit ihnen, so daß ein symbiotischer Prozeß entsteht, in dem die Stationsmitarbei- eben auf die implizite Gewaltsamkeit des eigenen Ansatzes, des eigenen Handelns, der eige-
ter von Zeit zu Zeit in Gefahr sind, die destruktiven Affekte des Patienten in sich aufzuneh- nen therapeutischen Phantasien" wie der eigenen Ausgrenzungsphantasien, indem die von
men und auszuagieren. Der Therapeut müßte also im Sinne Bions als "container" für diese Moser (1971, 202-220) herausgearbeitete "Psychopathenfrage" als Postulat von vermeintli-
chaotischen und nicht integrierbaren Selbstanteile des Patienten fungieren, eine Forderung, chen "Fehleinweisungen" (Baljer 1992) der schwer Persönlichkeitsgestörten auf neue, andere
der der involvierte Stationstherapeut nicht gerecht kann. Erst ein stationsexterner Psychothe- Weise gestellt wird. Anscheinend geht es erneut um die Akzeptanz der 'Zuständigkeit' für die-
rapeut kann am ehesten die Funktion des "containing" erfüllen und aushallen, das heißt se Mißerfolg bedingenden Störer, nunmehr aber auch um das konsequente, sprich psychothe-
zugleich affektiv betroffen und dennoch nicht in den Alltag einbezogen für das, was "contai- rapeutisch bedingungslose Eingehen auf diese Patienten in einem institutionellen Rahmen, der
ned" werden soll, einen Handlungs- und einen Verständnisrahmen zu entwickeln, während psychotherapeutisch ausgerichtet ist. Denn: wenn der Therapeut im forensisch-psychiatri-
Außenstehende auf diese Situation entweder überhaupt nicht oder inadäquat reagierend" (du schen Feld nicht nur die Symptomatik, sondern auch die ätiologischen und damit auch die in
Bois 1992, 44). den Maßregelvollzug führenden Faktoren beachten will, muß er sich vergegenwärtigen, daß
auch er selbst auf äußerst unterschiedliche Weise ein wesentlicher krankheitsauslösender Fak-
Somit geht es um eine keineswegs 'klassische' Therapie, sondern tor sein kann (Lazarus 1983, 22). Dies auch, indem - so das «Champ freudien» (1992) - "zur
behandlungstechnisch um eine Erweiterung des Basisrepertoires (Deuten, Widerstands- Stunde, wo auf Rentabilität gepocht wird", sich Wissenschaft "nur für das Universelle" inte-
analyse, Herstellen des Behandlungsbündnisses, Bearbeitung des Ich, des Überich und ressiert, hierbei das Besondere verwirft und sich weigert, "der ethischen Dimension Rechnung
der äußeren Realität) durch individuell indizierte Techniken der symbolischen Wunsch- zu tragen". In dieser Frage besetzt letztlich auch der Gesetzgeber "diesen leergebliebenen
erfullung, der symbolischen Reparationsleistungen, des Tröstens usw. (Cremerius 1978) Platz" und arbeiten forensische Psychiater ihnen in die Hände, indem sie wie Baljer (1992,
sowie 191) diffamierend einen "verhängnisvolle(n) Einfluß der Psychoanalyse" unterstellen oder
interpersonell um eine reflektierte Aufgabe persönlicher Neutralität und Abstinenz zu- aber wie Müller-Isberner psychodynamische Ansätze der Behandlung dieser Subjekte zuguns-
gunsten eines konturierten, authentischen Anderen, der im Sinne der Prinzipien 'Wärme, ten einer "sehr sehr schlichten Verhaltenstherapie" (Rasch) verwerfen (Müller-Isberner und
Rhythmus und Konstanz' (Bartl 1984; Kobbe 1989) gleichermaßen die o. g. grundle- Thomas 1992; Kobbe und Müller-Isberner 1992).
genden emotionalen Erfahrungen ermöglicht wie Orientierung, tragenden inneren und
äußeren Halt, schützende Struktur anbietet bzw. garantiert. Im Gegensatz hierzu beinhaltet die Arbeit des externen Einzeltherapeuten auch, daß Zeit als
psychotherapeutischer Faktor einplant wird und sich insofern gegen Rentabilitäts- oder Effi-
zienz(über)forderungen stellt. Denn die archaischen Affekte bedingen beim Patienten die Pro- nen, was nicht möglich ist, wenn der circulus vitiosus von Einschluß und Ausschluß des Pati-
jizierung der Panik nach außen, das heißt ein Agieren auf der Handlungsebene, dessen thera- enten (in der Familie, in den Arbeitsbeziehungen undsoweiter) innerhalb der Institution von
peutisches Bearbeiten Zeit braucht. Zeit, aus der als Verlorener Zeit' die emotionale Bezie- ihr starr reinszeniert wird. Hierbei bedarf das psychotische/schwer persönlichkeitsgestörte
hung vom Psychotherapeut und Patient gewebt ist und die als gegenwärtig scheinbar 'verlo- Subjekt nach Mannoni (1973, 77-78) einer relativen Immobilität des Rahmens, die als symbo-
rene Zeit' zu einer zukünftig 'gewonnenen Zeit' wird (Mannoni 1976, 228). Derartige Überle- lische Ordnung das Imaginäre des Patienten reaktualisiert, doch wird bei der 'Sprengimg' die-
gungen müssen genutzt werden, um sie in ein therapeutisches Konzept einzubringen, das die ses Rahmens die Phantomwelt sichtbar, die der Patient der Institution als seinen Rahmen 'ü-
destruktiven Elemente der Psychose und der schweren Persönlichkeitsstörungen für Behand- bergestülpt' hat.
lung zugänglich macht und sie im Rahmen des Diskurses der Institution aus ihrer "ausweglo-
sen imaginären Situation" (Mannoni) befreit. Folglich geht es um gegenseitige Anpassungsprozesse von Institution und Individuum, um -
Denn hier überlagern sich der Rahmen der Institution 'Maßregelvollzug' und der Institution ich zitiere hier Feuling (1991, 159) - "die Ermöglichung einer Dialektik der gegenseitigen
'Psychotherapie', wobei das rigide System der Anstalt zu verhindern sucht, daß Patienten ihr Abgrenzung und Beeinflussung, um einen intersubjektiven Prozeß zwischen Subjekten. Einen
Subjektives dem objektiv Wahrnehmbaren überstülpen. solchen Prozeß anzustoßen, ist allerdings ein langfristiges Ziel, das nicht leicht und schnell zu
erreichen ist. Oft ist schon sehr viel erreicht, wenn es ein Oszillieren zwischen Subjekt- und
Insofern setzt sich der externe Therapeuten mitsamt dem Patienten in Widerspruch zur 'klas- Objektposition zwischen Psychotiker und Institution gibt, wenn nicht ein statisches Entwe-
sischen' Institution, die in Stereotypen des 'normalen', inoffensiven, ungefährlichen Verhaltens der-Oder der phantasmatischen oder tatsächlichen gegenseitigen Unterdrückung und Ver-
gefangen ist, sich als das oktroyierte Gute begreift (Lefort) und mit Hilfe pädagogischer, psy- nichtung".
chotherapeutischer Kontrolle die 'korrekte' Produktion seines Systems versucht. Die Überla-
gerung der Rahmen führte Mannoni (1973, 232) zu der Theorie der 'gesprengten' Institution, Das innovative Engagement für eine störende Handvoll strukturell gestörter Patienten bein-
die davon ausgeht, daß der institutionelle Rahmen der Psychotherapie nur so weit toleriert haltet unzweideutig die Infragestellung der institutionellen wie persönlichen Ordnungsfunkti-
werde, wie diese sich dem System unterwerfe, das auch die (psychoanalytische) Therapie ent- on, die gleichzeitige Problematisierung der sowohl auf Behandler wie auf Patienten bezogene
fremdet. Zum Erfolg kann diese Überlagerung folglich nur fuhren, wenn der Rahmen der psy- Fürsorgepflicht und insofern die intuitive 'Sprengung' der Institution. Sie fuhrt zu einer Wie-
choanalytischen Therapie "in ein institutionelles Milieu eingepaßt wird, das flexibel genug ist, dereinführung des Subjektiven: denn sie erlaubt dem Subjekt, sich auf der verbalen Ebene zu
die Breschen, die der Patient in den institutionellen Rahmen zu schlagen versucht ist, hinzu- definieren, sich so potentiell von der Institution zu separieren, ohne daß diese hierdurch in
nehmen" (Mannoni 1973, 91). Frage gestellt würde oder Rechenschaft verlangte (Lefort et al. 1976, 48).

In dieser Ziel- und Rahmenanalyse wird deutlich, daß sich die Institution die 'Sprengung' Zugleich vollzieht sich ein dialektischer Schritt im Umgang mit der direkten bzw. strukturel-
selbst zufügen muß, um nicht "von der Unerbittlichkeit der Psychose 'gesprengt' zu werden" len Machtausübung der Institution, der eine qualitative Neugestaltung der Beziehungen zwi-
(Feuling 1991, 157). Die Metapher der Sprengung verweist auf die oben geforderte dialekti- schen Patient und Institution ermöglicht, da eine auf re-/aktive Ausübung von Gewalt ge-
sche Form der Patient-Therapeut-Interaktion, in dem die Institution "auf den gesetzgeberi- stützte Interaktion nur Mutismus, Amnesie oder Übergang zur (fremd-/autoaggressiven)
schen institutionellen Diskurs verzichtet, der sich dem Subjekt in der Tat in der Form eines Handlung nach sich zieht. Die Bezeichnung der relativen Immobilität verwies bereits darauf,
Befehls und eines Imperativs, das heißt "Werde gesund bzw. normal!" aufzwingt und auf die- daß in der Therapie nur ein Setting mit möglichst gleichbleibend-kontinuierlichem Charakter
se Weise die Teilung eben dieses Subjekts bis hin zur Dissoziation verschärft (Lefort 1976, geben darf und doch muß der Rahmen ebenfalls kontinuierlich verändert, 'gesprengt' werden,
237). indem sich die Institution zwar nicht entlang der prinzipiell unerfüllbaren imaginären Bedürf-
nisse der Patienten, hingegen an deren im Symptom ersichtlichen Konflikten entlang anpassen
Konkret bedeutet dies, daß die forensisch-psychiatrische Institution selbst vornehmlich ent- muß. Das heißt sie orientiert sich nicht auf die reale Bedürfnisbefriedigung hin, sondern auf
lang der Abwehr der zwangsuntergebrachten, gestörten, delinqenten Subjekts, aber auch ent- die symbolische Anerkennung dieser Bedürfnisse (Sechehaye 1986). Als Bedingung wird
lang der Abwehr(en) der Therapeuten und der Institution selbst konstruiert sein sollte. Der hierbei von Feuling (1988, 42) vorausgesetzt, daß die 'totale' Institution im Sinne Goffmans
Rahmen muß dementsprechend sowohl die unvermeidlichen Wiederholungen des Symptoms, ihren Anspruch auf Omnipotenz und Omnipräsenz aufgeben und sich selbst - ohne sich dabei
sprich: aggressives Re- oder Gegenagieren, perverse Inszenierung undsoweiter zulassen, wie schuldhaft als defizitär zu empfinden - als mangelhaft, das heißt als nicht vollständig formie-
auch in der Wiederholung Chancen des zu etwas unter Umständen nur minimal Neuem eröff- ren und anerkennen kann. Analog muß eben auch der Therapeut über Fähigkeiten verfugen,
bei einem Menschen auszuharren, der als 'therapieunfähig' zusätzlich kulpabilisiert wurde - Mit diesem experimentellen Entwurf einer priviligiert erscheinenden Therapie vermeintlich
und zwar auszuharren, ohne , so Laing (1975, 52) "in das Gefühl des Scheiterns oder Ge- 'aussichtsloser' Fälle, der unterpriviligierten Patienten nämlich läßt sich versuchen, die imagi-
scheitertseins zu fallen. Diese Negativ-Fähigkeit ist wichtig und grundlegend für die Arbeit nären Effekte der Maßregelvollzugseinrichtung aufzulösen, die diesen Patienten jegliche Ver-
des Analytikers". änderung unmöglich machen. Im Gegensatz zur Institution, die den Platz des Gesetzes ein-
nimmt und eine Zensur der "Markierungen des Unbewußten" (Brunner) durch diagnostische,
Wenn sich das psychotische und schwerst persönlichkeitsgestörte Subjekt störungsbedingt soziale und/oder administrative Maßnahmen ausübt, läßt sich der ex-zentrische Diskurs des
außerhalb des Diskurses situiert, so entsteht durch die Einfuhrung des externen Therapeuten Dritten als 'Verwerfung' der Institution und seines Machtwissens (Foucault) auf das abwei-
ein Bezugspunkt, ein Ort, der nach Lefort (1978, 246) von jedem Subjekt anrufbar ist und in chende Sprechen des Patienten als Prozeß der Herstellung einer Wahrheit auf der Ebene des
den sich auch das Sprechen des gestörten Subjekts als noch so sinnentleerter Diskurs ein- Subjekts des Unbewußten ein. Trotz des resultierenden "bisweilen 'insularen' Standpunkts"
schreiben kann. Mit einer solchen 'subversiven' Wiedereinführung des Psychotherapeuten (Brunner 1984, 22) öffnete sich dem Subjekt(iven) innerhalb der Institution ein Sprachfeld,
wird dem bis dahin sprachlosen Subjekt, seinem Sprechen ein - subjektiver - Sinn gegeben, das das Hauptprinzip der Institution gerade für die mehrfach benachteiligten, angstabwehrend
das heißt es wird von ihm nicht formal-desinteressiert wie eine Strafvollstreckungskammer nichtbehandelten, gefährlich-problematischen wie störenden Subjekte durchbricht. Mit diesem
angehört und es beginnt ein langer (therapeutischer) Weg, der die Fähigkeit des Behandlers engagiert-subjektiven therapeutischen Programm wird zugleich der Versuch gemacht, die von
herausfordert, sich anrufen, treffen, betreffen und von den Auswirkungen zeichnen zu lassen, Sartre beschriebene "Notwendigkeit" einzulösen, "das Begriffspaar Wissen-Macht zu spalten
die das Unerträgliche eines subjektiven Dramas als Noch-Nicht-Benennbares erzwingen und die darin begründete Allianz aufzukündigen" (Basaglia et al. 1980, 41), hiermit die totale
(Mannoni 1976b, 262). Institution des Maßregelvollzugs zu einer therapeutischen zu re-/formieren. Solchermaßen
"subversiv inszenierte Reformen" müssen auf den Widerstand von Teilbereichen der Institu-
Die symbolische Anerkennung des Konflikts des Patienten als seiner subjektiven 'Wahrheit' tion treffen, die um ihr Wissen über den Patienten und damit ihre Macht über ihn fürchten,
beinhaltet in der Anerkennung eigener Unvollständigkeit wie Mangelhaftigkeit, daß ein neuer sodaß es, wie von Wulff (1975, 119-120) beschrieben, nur zu "punktuellen, isolierten Struk-
Diskurs entsteht, der sich von dem Diskurs der normalisierend-verwaltenden Psychiatrie e- turkorrekturen" am Beispiel der oben genannten Patienten kommen konnte. Denn "die Defi-
benso abgrenzt wie von den psychologischen Diskursen unterschiedlichster Herkunft, die u- nitionskompetenz über das Reguläre und das Irreguläre, das Normale und das Deviante ist
niverselle Therapeutik mit illusionärer Ganzheitlichkeit kombinieren. Insofern erfolgt nicht Gewaltkompetenz" (Basaglia und Basaglia-Ongaro 1975, 25) - im Gegensatz hierzu entsteht
nur eine progressive Korrektur hinsichtlich der 'totalen' Institution, die alle Ebenen des An- das von der Macht getrennte Wissen des externen Psychotherapeuten durch den Patienten
staltslebens und -alltags dem institutionellen Rahmen unterordnet, sondern auch bezüglich der selbst, der innerhalb des psychotherapeutischen Diskurses in seinem abweichenden Sprechen
reformierten Institutionen, die u. U. strukturell und subtil psychotherapeutisch totalisiert sind. Bereiche thematisiert, die der Verdrängung unterliegen, und gleichzeitig einen Übergangs-
raum öffnet, der die zuvor erwähnte Faszination als auch angstbesetzte Faszination ausübt.
Hier bedarf es zur Durchbrechung dieser Beziehung der Nichtanerkennung (= Negation) des Dennoch machen die bisherigen Erfahrungen der letzten 2'/a Jahre in ihrem Modellcharakter
externen Therapeuten als Drittem, der die Sprache als symbolische Ordnung einführt, sodaß sichtbar, was unter den gegenwärtigen maßregelvollziehenden Verhältnissen einerseits mög-
dem Patienten die Möglichkeit gegeben wird, seinen Wunsch mit der sozialen Realität ebenso lich und realisierbar, andererseits innerhalb der institutionellen Machtinteressen unerwünscht
zu verbinden wie die Flucht ins Imaginäre oder Reale zu wählen, ohne daß dem ein institutio- ist.
neller Imperativ entgegengestellt würde. Mit diesem Eintritt in die symbolische Ordnung kann
das Subjekt somit teilweise aus der aggressiven Spannung heraustreten, in der es innerhalb
des kollektiven Diskurses gefangen ist. Die Sprache ermöglicht dem Patienten eine wechsel- Literatur
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