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rlffirt 4?

f*

einem Land wie Deutschland in der heutigen


Situation paßt wie die Faust auß Auge.

Globalisierung Robert Kurz und andere berufen sich bei ihren


Ausfthrungen auf Man<. Der Begriff ,,fiktives
Kapital" steht auch tatsächlich bei Mar4 be-
deutetjedoch ganz etwas anderes.

Fiktives Kapital Wir haben im Reader Teile aus zwei Kapiteln


des ,,Kapital" abgedruckt, an denen dies jeder

und Fiktionen nachprüfen kann. Es geht dabei um das zinstra-


gende lbpital und um die Rolle des Kredits.

Wenn Marx verschiedene Werte im Kapitalis-


mus als fiktives Kapital bezeichnet, dann
nicht, weil diese Werte fiktiv sind, son-
demweilsie kein Kapital sind. Siever-
halten sich aber wie Kapital, sind also fiktives
lnhalt Kapipl.

Kurz und Marx


Kapital und fiktives Kapital
Kapital und fiktives Ka-
AkLien
Fiktives Kapital nach Marx
pital
Die Börse
Entkopplung von der Produktion?
Aktien
Akkumulation von Geldkapital Als Hauptbeispiel für fiktives Kapital k'onnen
wir Aktien ansehen. Wie kommt der Wert von
Robert Kurz und.der Kettenbrief
Aktien zustande?
Aber...
Ich möchte die Sache zuerst an einem Beispiel
Andere Formen fiktiven Kapitals deutlich machen. Angenommen, der Statrlkon-
Aber in der Hausse... zem Krupp-Hoeschl hat 20 Mio Aktien des
Nennwerts 50 DM ausgegeben, also insgesamt
einen Nennwert von I N/ftd DM. Jede Aktie
verbrieft also l/20 Millionstel des Gesamtkapi-
tals von Krupp-Hoesch. Nehmen wir an, die
Firma wurde mit der Ausgabe der Aktien ge-
grilndet, d.h. die Akdonäre haben die Aktien
Kurz und Marx zum Nennwert gekauft, also I Mrd DM einge-
zahlt, womit dann der Betrieb aufgenommen
Der entschiedenste Vertreter der Theorie des worden ist.z Im Laufe der Jahre wächst das
fiktiven Kapitals ist Robert Kurz. Wir haben im
Bilanzkapital durch Investitionen, mindert sich
Reader einen Teil aus ,,Die Himmelfahrt des
Geldes" abgedruckt.
Dieses ganze Gerede von fiktivem Kapital, Die folgenden Zahlen entsprechen ziemlich ge-
platzenden Blasen, ungedecktem Konsum, dro- nau den tatsächlichen Daten von Knryp-Hoesch
hendem Weltuntergang usw. steht aber nicht im Jahr 1995.
nur bei Kurz. Es handelt sich um den Kern der In der Realität werden die Aktien fiir einen be-
Globalisierungstheorie und findet sich in Ab- reits produzierenden Betrieb und nach und nach
wandlungen bei jedem Vetreter dieser Theorie. ausgegeben. Sie lauten dann zwar auch auf z.B.
50 DM müssen aber gleich mit einem höheren
Ohne dieses Brimborium würde die Theorie der
Preis bezahlt werden, wie es eben ihrem Anteil
,,Globalisierung" dastehen als das, was sie ist: am bereits vorhandenen Kapital entsprichl
Nationalismus und Volksgemeinschaftsideolo-
gie. Genau die Ideologie, die zu einer Linken in Siehe auch das Kapitel "Die Börse", S. 5.
durch Werwerlust usw. Der Wert von Krupp-
Hoesch betrage heute 5 Ivfud DM. Dann ver-
brieft jede Aktie immer noch l/20 Millionstel
der Firma, aber das sind nun 250 DM. Das wäre
also der heute zu erwartende realistische Kurs
der Aktie.
Allerdings kann in Wiklichkeit der Wert einer
Aktiengesellschaft nicht t,nabb:ingig von den
Aktien, sondern nur in Form des Aktienk.rses
festgestellt werden. Die Aktien haben also den
Kurs von 250 DM, weil der Aktienmarkt erwar_
t€t, daß Krupp-Hoesch in Zukunft soviel erwirt_
scha.ften wird, wie es von 5 Mrd DM Kapital
durchschnittlich erwartet wird. In diesem Sinne
handelt es sich beim Aktienkurs um "Spekulati-
on": Der Aktienkurs ist so hocb, .laß der e r -
w a r t e t e Zuwachs die Durchschnittsrendite
erbringt.3
Der gesamte Kapitalzuwachs der Firmen spie-
gelt sich deshalb in den Aktienkurseo. Voo
"fiktiv" im Sinne von "real wertlos" kann nicht 80 8t 82 83 84 8tt 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95

die Rede sein. Die Grafik zeigg aaß die Aktien-


Diagiamm 1: Anlagevermögen und Aktienkurs4
kurse tatsächlich" abgesehen von ihren heftigen
Schwankungen, der Entwicklung des Anla-
gevermögens folgen.
Manchmal kommt es auch zum Schwur: Bei der
Übernahme einer Firma durch eine andere wird
ihr Wert als Verkaußpreis festgestellt. Der
übernehmer hat datrn gentigend ALtieo für eine
Aktienmehrheit zu einäm Kurs gekauft, den er
offenbar fir lohnend hielt. Die anderen Aktio-
näre werden mit entsprechenden Aktientau-
schen abgefunden. Allein die Möglichkeit einer
Übernahme bindet den Kurs: W:iri der Kurs zu
niedrig, wtirde sich sofort jemand finden, der
einen Übernahmeversuch durch Aktienkauf

a Anlagevermögen: Bundesministerium für.Aöeit


rrnd $szialsrdnung: Statistisches Taschenbuch
1996, Nr. 1.19. Summe der Neüosachvermö-
gensbildung.

Aktienkurs: Monasbericht der Deutschen Bun-


desban\ Dezember 1996. Beiheft Kapitalmarkt-
statistih S. 7. Deutscher AJrtienindex @AX1.
Bei genauer Betrachnrng sieht maq daß der
Atcienkurs etwas schneller steigt als das Anlage-
Der Kurs ist also höher, wenn vermutet wird, daß vermögen. Das wäre zunächst so zu erklären, daß
die betreffende Aktiengesellschaft ihr lfupital die Abschreibung€n zu 5s6[ angesetzt sind, das
besser verwertet als der Durcbschnin allen Kapi- nwirkliche"
Anlagwermögen also sülrker steigt
tals und umgekehrt. Dabei wird auch das Risiko als ausgewiesen. Außerdem nimmt der Anteil
bewertet: Der Kurs ist niedriger, wenn die Ver- des in Aktiengesellscbaften befindlichen Kapitals
wertung des Kapitals durch diese Firma für we_ zu. Vor allem bewertet der Aktienkurs nicht den
niger gesichert gebalten wird ats bei einer durch-
aktuellen, sondern den enmrteten z u -
schnittlichen Firrna k ü n ft i g e n
Umfangdes Kapitals.
Kapital und filcives Kapital

macht. Der Aktienkurs muß sich also einem Fiktives Kapital nach Marx
Wert ar',:hern, der dem Kaufpreis der Firma
entspricht. Der richtet sich nach der Einschät- Der Begriff "fiktives Kapital" stammt von
zung des Käufers von den vorhandenen Wer- Marx, Von Zusammenbruchstheoretikern wird
ten5 und Gewinnerwartungen. er so verwendet, als sei dieses Kapital ohne
realen Wert. Nach ihrer Meinung vermehrt sich
So wurde z.B. am 2.9.97 bekannt, daß die das fiktive Kapital aus sich selbst durch Spe-
Preussag AG von verschiedenen institutionellen kulation.
Großakrionären deren Anteile an Hapag-Lloyd
gekauft hatte. Es waren ca. 2 Mio Aktien vor- Dabei kann man sich nicht auf Marx berufen,
handerq von denen Preussag nun 99,2 % besita. wie es z.B. Robert Kurz tut:
Der Kaufpreis betrug 1040 DM pro Aktie im "Was heißt fiktives Kapital? ... Wie kann
Nennwert von 50 DM. Der Kurs der Altie hatte sich Geld verwerten, wenn es gar nicht
vor Bekanntwerden des Geschäftes ca. 920 DM mehr in ausreichendem Maße lebendige
betragen, er war allerdings wegen einer mo- Arbeitskraft vernutzen kann?"6
mentanen Schwäche des DAX so niedrig. Sei-
nen Höchstwert hatte der Kurs am 13.6.97 mit Ich würde mit Marx antworten: Ohne Arbeit
1050 DM gehabt. Es wird übrigens für 1997 ein überhaupt nicht. Aber Kurz behauptet:
Gervinn pro Aktie nach Steuern von 42 DM "Hier kann nun der Begriff des fikliven
envartet. Bei einem Kurs von 1040 DM ist das Kapitals von Marx Auskunft geben. ...
eine Verzinsung des Kapitals von ca. 4 Y'. Die allerdings weit hinten im dritten Band
Aktie ist also wohl eher auf spätere Jahre mit (des 'Kapital'), wohin sich leider die we-
höheren Gewinnen bewertet. Marxistlnnen vorgearbeitet haben
Das Fallen und Steigen der Kurse macht nie- ::fl"*
manden ärmer oder reicher, denn dies sind nur Kurz verlraut offenbar darauf, daß dies, wenn
Kurswerte. Verkauft der eine seine Aktien, muß es denn so wäre, auch so bleibt, und daß man
sie zu diesem Kurs ein anderer kaufen, beide ihm ungeprüft glaubt. Marx schreibt "hinten im
zusarunen haben nichts gewonnen oder verlo- driuen Band" nämlich etwas ganz anderes.
ren.
Marx bezeichnet Geldanlageformen, die wie
Es wird erzählt, beim Böisensturz von 1987 sei Kapital Profit ziehen, ohne Kapital zu sein, als
der Wert aller Papiere in einer Stunde um fiktives Kapital. Das sind vor allem Aktien,
I Billion $ gefalle4 aber auch dies bedeutet erst aber auch z.B. Staatsanleihen. Das Adjektiv
einmal keinen wahren Verlust. Die Aktien be- "fiktiv" wird heute umgangssprachlich anders
zeichnen nach wie vor dieselbe Menge von verstanden. Es legt nahe, daß dieses Kapital
Kapital, gefallen ist nur dessen Buchwert. Ein "vorgetäuscht" sei und "zu Unrecht" Profit zie-
realer Werlverlust kann nur eintreten, wenn, he. In diesem Sinne ist der Begriff bei Zusam-
z.B. aufgrund einer Wirtschaftskrise, dieses menbruchstheoretjkern beliebt. Dies ist jedoch
Kapital tatsächlich an Wert verliert. Dies würde bei Marx nicht gemeint, sondern es kommt auf
man aber auch erst bei einem Verkauf dieses die Fmktion an: Nur Werte, die am Reproduk-
Kapitals real feststellen können. tionsprozeß selbst (erfolgreich) teilnehinen,
Aufjeden Fall hat die Aktie keine eigene Wert- nennt er einfach Kapital.
bildung, sie spiegelt mit ihrem Kurswert nur Marx beschreibt, wie im Kapitalismus die Ak-
den momentanen Schätzwert des zugrundelie- kumulation des Kapitals durch das Kreditwesen
genden Kapitals wieder. beschleuni5 wird und stellt fest:
"Die Form des zinstragenden Kapitals
bringt es mit sich, daß jede bestimmte
und regelmäßige Geldrevenue als Zins

Wenn der Kurs sogar noch unter diese Werte 6 Robert Kurz:Mit Volldampf in den Kollaps. ln:
fiele, wtirde sich jemand finderl der die Aktien IG Rote Fabrik / Zinch (IIg.): Krise - welche
kauft, um die Firma auszuschlachten. Krise? Edition ID-Archiv, BerlirU 1995. S. 56.
eines Kapitals erscheint, sie mag aus ei- Der Arspruch auf die zjnsartige Geldz^hlg1g is1
nem Kapital entspringen oder nicht."7 selbst kein Kapital:
Um den Gegensatz zum eigentlichen Kapital "Alle diese Papiere slellen in dsr Tat
deutlich zu machen, nennt er solche Anrechte nichts vor als akkumulierte Ansprüche,
auf Geldrevenue fiktives Kapital. Denn sie sind Rechtstitel, auf künftige Produktion, de-
nicht selbst Kapital, sie verhatten sich aber wie ren Geld- oder Kapitalwert entweder gar
IGpital insofern als sie Revenue, also Anteile kein Kapital repräsentiert, wie bei den
des Mehrwerts, beziehen, als wären sie Kapital. Staafschulden, oder von dem Wert des
Im Kapitalismus wird von allen nicht zum Kon- wirklichen Kapitals, das sie vorstellerg
sum bestimmten Werten, die nicht selbst Kapi- unabtuingig reguliert wird. " lo
tal sind, erwartet, daß sie den Durchschnittszins Das fiktive Kapital hat also eine eigene preis-
erbringen. Alle solchen Werte sind fiktives bildrng:
IGpital.
"Die selbstiindige Bewegung des Werts
Marx betmchtet u.a. Staatsanleihen und Aktien. dieser Eigentumstitel, nicht nur der Staat-
Für Aktien gilt: seffekte4 sondern auch der Aktien, be-
"... dies Kapital existiert nicht doppelq s&itigt den Schein" als bildeten sie wirkli-
einmal als Kapitalwert der Eigen- .-_ ches Kapital neben dem Kapital oder
tumstitel, der Aktien, und das andere Mal dem Anspruch, worauf sie möglicher-
als das in jenen Untemehmungen wirk- weise Titel sind. Sie werden nämlich zu
lich 'ngelegte oder anzulegende IGpital. Waren, deren Preis eine eigentümliche
Es existiert nur in jener letzteren Form, Bewegung und Festsetzung hat. ... Einer-
und die Aktie ist nichts als ein Eigentum- seits schwankt ihr Marktwert mit der Hö-
stitel, pro rata, auf den durch jenes zu he und Sicherheit der Erfage, worauf sie
realis ierenden Mehrwert. 8 Rechtstitel geben. ... (Andererseits ist)
"
der Markfwert dieser Papiere zum Teil
Bei Staatsadeihen wird das Geld nicht einmal spekulativ, da er nicht nur durch die
als Kapital angelegt: wirkliche Einnahme, sondern durch die
"... bleibt das K4pital, als dessen Ab- erwartete, vorweg berechnete bestimmt
kömmling (Zins) die Sraatszahlung be- ist-"'
trachtet wird, illusorisch, fiktives IGpital. Diese Bewerrung ist eine Funktion des ak-
Nicht nur, daß die Summe, die dem Staat tuellen Zinssatzes und der MarkMert entspricht
geliehen wurde, überbaupt nicht mehr einem Kapital, das diesen Zinsertrag ergeben
existiert. Sie war überhaupt nie bestimmt, würde:
als Kapital verausgabt, angelegt zu wer-
den, und nur durch ihre Anlage als Ka- "(Ibr) Wert ist stets nur der kapitalisierte
pital hätte sie in einen sich erhaltenden Erbag, d.h. der Ertrag, berechnet auf ein
Wert verwandelt werden können_"9 illusorisches Kapital nach dem bestehen-
den Zinsfilß."11

Nicht nur hat das fiktive Ifupital seine eilene


Preisbildung und seinen Markt. Auch weicht
Karl Marx Das Kapital. Band III, Werke Bd. 25, seine Bewegung zeitlich von der Bewegung des
Dietz Verlag 1968. Im Folgenden ats MARX realen Kapitals ab, z.B. im Zyklus der Krisen:
zitierl S. 482.
"ln Zeiten einer Klemme im Gel{markt
Revenue (engl.): Einnahmen, Einkünfte. werden diese Wertpapiere also doppelt
im Preise fallen; erstens weil der Zinsftß
MARX, S.484/5.
steigt, und zweitens weil sie massenhaft
Pro rata (laf ): anteilsmrißig.

MARX, S.483.
Kapitals wertlos sind- Es bekdfti$ nur, daß die
Nicht nur Staatskonsum, auch Staatsinvestitionen Staatspapiere selbst kein Kapital sind.
rechnet Marx konsequent nicht als Kapitat da sie l0
sich nicht selbst reproduzieren. Das bedeutet
MARX S.486.
natürlich nicht, daß sie für die Reprodulction des ll MARX S.485.
--)
Kapital und fiktives Kapital

auf den Markt geworfen werden, um sie sellschaftlicben Verhaltnisses, nicht als
in Geld zu realisieren."12 Produkt eines bloßen Dings."ra
Dieses lGpital ist auch in dem Sinne fiktiv, daß Selbst das tatsächliche Kapital wird angeseherq
es keinen Anteil am Gesamtkapital einer Ge- als sei es auch nur geldlieckendes Geld:
sellschaft hat. Marx redet zwar vom"Zerplatzen
dieser Seifenblasen von nominellem Geldkapi-
"Das wirklich fungierende Kapital
stellt sich selbst so dar, daß es den Zins
tal", aber gerade entgegengesetzt a)t Meinung
nicht als fungierendes Kapital, sondem
der Zusammenbruchstheoretiker. Das Platzen
als Kapital an sictq als Geldkapital ab-
dieser Blasen hat keinen EinJluß auf den gesell-
wirft."l5
schaftlichen Reichtum.
Die wertschaffende Arbeit als Ursache der Ka-
"Soweit die Entwerhrng oder Wertsteige-
pitalvermehrung verschwindet aus dem Blick-
rung dieser Papiere unabhängig ist von
feld:
der Wertbewegung des wirklichen Kapi-
tals, das sie repräsentieren" ist der Reich- "Das Kapital erscheint als mysteriöse und
tum einer Nation gerade so groß vor wie selbstschöpferische Quelle seiner eigenen
nach der Entwerlung oder Wertsteige- Vermehrung."l6
13
rttng'"
namit verschwindet die Gesellschaft selbst:
Marx bezeichnet das fiktive Kapital als "Auf-
"Das gesellschaftliche Verhältnis ist voll-
hebung des Kapitals als Privateigentum inner-
endet als Verhälüris eines Dings zu sich
halb der Grenzen des Kapitalismus". Das fiktive
selbst. " 17
Kapital bezeichnet also die reinste Form des
Kapitalismus, in der Privatbesitz nicht mehr an Es ist das Problem der Zusammenbruchstheore-
einzelnem konkretem Kapital, sondem "nur tiker, daß sie diesen Fetisch nicht durchschauen
noch" an den aus ihm folgenden Anteilen an (mögen). Sie sind selbst dem Scheinbild des
Mehrwert und Macht besteht. sich selbst vermehrenden Geldes aufgesessen.
Das fiktive Kapital bringt den Fetischcharakter
des Geldes im Kapitalismus zum vollen Aus- Die Börse
druck:
Eine Aktie bezeichnet nur den Besitaitel auf
"Im zinstragenden Kapital erreicht das
einen entsprechenden Anteil am Kapital der
Kapitalverhältnis seine äußerlichste und
Aktiengesel lschaft . Das tatsächliche Kapital der
fetischartigste Form. Wir haben hier G -
Aktiengesellschaft, das einmal bei der Ausgabe
G', Geld, das mehr Geld erzeugt, sich
der Aktien eingezahlt worden ist, verwertet sich
selbst verwertenden Wert, ohne den Pro-
fast unabhlingig vom Besitzer der Aktien. Der
zeß, der die beiden Extreme vermittelt.
Aktionär hat allenfalls formalisierte Ein-
Im Kaufrnannskapital, G - W - G', ist we-
flußrechte.
nigstens die allgemeine Form der kapita-
listischen Bewegung vorhanden, obgleich Er karur seine Aktie nicht in das repräsentierte
sie sich nur in der Zirkulationssphäre Kapital zurückverwandeln, sonst könnte ei die
hiilt, der Profit daher als bloßer Veräuße- Freiheit des Kapitals, die ja gerade der Sinn der
rungsprofit erscheint; aber immerhin Sache ist, wieder einschräinken. Er kann nur die
stellt er sich dar als ein Prodult eines ge- Aktie als Aktie verkaufen. Zum Handel mit
Aktien wurde ein eigener Markt geschaffen, die
Börse.

t2 MARX, S.485.
Dazu auch andere Stellen: 5.4'76, S. 511/512. l4 MARX, S.404.
In Zeiten einer Krise ist das filctive Kapital stark l5 MARX, S.405.
gemindert. In Zeiten des Aufschwungs steigt es
dafür überproportional. l6 MARX, S.405.

l3 MARX. S.486. t7 MARX, S.405.


Entkopplung von der Produ!:tion?

Witzigerweise vergessen gerade linke Ökono- der Bewertung heraus. Das reale repräsentierte
men offenbar geme, daß die Börse ein Markt IGpital hat sich dadurch nicht ver?indert.
ist. Jedem Verkauf steht ein Kauf gegenüber. Jede Ware ist im Kapitalismus nur ein Besitzti-
Der Käufer ist natürlich nicht jemand, der sein tel und ihr Wert muß "erst am Markt realisiert
Geld zum Fenster hinaus wirft, sondern er werden. Wer den Kurs seiner Al:tie als Wert
rechnet sich mit der Aktie, die er kauft, einen realisieren will, muß einen Käufer der Aktie zu
angemessenen Gewinn aus. diesem Kurs finden. Der Altienkurs ist nich*
Beim Verkauf einer Aktie geht das Anrecht auf anderes als der bei tatslichlich stattgefundenen
das entsprechende Kapital und seinen Ertrag auf Börsengeschäften erzielte Preis.
den Käufer über. Er zahlt dafirr einen ihm an- Woher stammen nun die Spekulationsgewinne?
gemessen erscheinenden Preis, sonst würde er Wird hier Geld geschöpft? Jemand, der mit Ak-
nicht kaufen. tienspekulation hohe Gewinne gemacht hat,
Wenn der Kurs einer Aktie steigt, dann deshalb, vereinigt auf sich größere Besitaitel am beste-
weil es Käufer zu diesem Preis gegeben hat. henden Gesamtkapital. Die Aktienspekulation
Diese waren also der Meinung, daß die betref- bewirkt also nur eine Umverteilung des Rechts
fende Alrtie zu diesem Preis profitabel sein auf den Mehrwer! jedoch keine Wertschöp-
wird. fung. Spekulanten hoffen auf Ubervorteilung
anderer Aktionäre, um einen Vorsprung gegen-
Wenn alle Aktienkurse steigen würden, so wäre über der durchschnittlichen Rate zu erzielen'
doch dadurch kein zusätzlicher Wert und auch Sie versuchen, überbewertete Kapitalrechte
kein zusätzliches Kapital geschaffen. Es ist gegen aussichtsreichere zu tauschen.
dann nur die Bewertung des realen Kapitals, das
durch die Aktien verbrieft wird" gestiegen. Das
kann im Durchschnitt nur deshalb stattfinden,
weil das reale Kapital tatsächlich gewachsen ist, Entkopplung von der
oder weil sich zumindest die Aussichten, daß es
wachsen wird verbessert haben. Produktion?
Man bedenke, daß ein pennenswerter Teil der
Spekulanten auch auf fallende Kurse setzt und Akkumulation von Geldkapital
damit seinen Gewinn macht. Dies unterstreicht
noch mehr, daß der tatsächliche Aktienkurs das Der Theorie des ,,fiktiven Kapitals" liegt die
empfindliche Gleichgewicht der ökonomischen Velsfglhrng zugrunde, dieses IGpital habe sich
Einschätzung des Wertes des in der Aktie ver- von der Produktion abgekoPPelt.
brieften Kapitals an zsig1. Die These der Entkopplung lautet platt so:
Die Zusammenbruchstheoretiker vermitteln das ,, ... wurde Kapital nicht mehr in Fabri-
Gefühl, eine Aktie sei im Vergleich zu realem ken, sondern zunehmend in Finanzpapie-
Kapital weniger sicher. Dabei wird vergessen" re investiert."l8
daß im Kapitalismus auch die Verwertung des
Dies liegt angeblich an der geringeren Profita-
Kapitals in der Produktion unsicher ist, da sich
das Ergebnis erst gesellschaftlich auf dem bilität im produzierenen Bereich. Ich zitiere
einen Satz von Joachim Bischoffie:
Markt realisiert. Der Aktienkurs ist prinzipiell
genauso sicher oder unsicher, wie die Spekula- ,"AIs Reaktion auf die deutliche lnvestiti-
tion des Kapitalisten, daß er mit seinem Kapital ons- und Akkumulationsschwäche in den
Mehrwert erzeugen lassen kann und diesen kapitalisti.schen Metropolen setzte sich
dann auf dem Markt realisieren wird.

Die Aktienkurse steigen durchschnittlich mit


der durchschnittlichen Zinsrate, die wiederum t8 Georg Lutz: ,,T- Westen nichts Neues? Globale
die durchschnittliche Profitrate ist. Eine Aktie Verwimmgen um ein neues Theorem"' In: blät-
steigt überdurchschnittlich, wenn das repräsen- ter des iz3w, SePtember 96.
tierte Kapital sich überdurchschnittlich verwer- Joachim Bischoff: ,,Auf dem Wege der Rentier-
tet oder darauf Aussicht hat. Entsprechend im Ökonomie. Zu einigen Entwicklungslinien des
Gegenteil. internationalen Finanzsystems". In: Z, Nr' 21,
Mllrz 1995.
Bei einem Fehlschlag der Spekulation wird
nichts vernichtet. Es stellt sich nur ein Fehler
Entkopplung von der Produlction?

Ende der siebziger Jahre eine Politik der geblich ungedeckt sein soll, wäre es auch schon
Deregulierung durch. Ihr Ergebnis ist je- damals ungedeckt gewesen. Es mtrßten von den
doch nicht die angestrebte Revitalisie- Zusammenbruchstheoretikem grundlegende
rung der Kapitalakkumulation, sondem Veränderungen des Kapitalismus angegeben
bei anhaltender Schwäche der Realak- werden" die bewirken, daß es heute im Gegen-
kumulation entwickelt sich gleichsam ein satz nJ damals ungedeckt sein soll.
Treibhausklima für die besctrleunigte
Wie man an den allgemeinen Betrachtungen
Akkumulation von Geldkapital. "
von Marx über die "fetischartigste Form"22
Robert Kurz sieht hierin den Anfang vom Ende sieht, mirfJte dazu die Grundlage der Gesell-
des Kapitalismus: schaftstheorie, daß nämlich die Arbeit alle
Werte schafft, verändert werden. Dies ist das
"Logischerweise muß irgendwann die ka-
pitalistische Reproduktion durch eine ge-
Ziel, auf das die Zusammenbruchstheoretiker,
vermutlich unbewußt, hinarbeiten.
waltsame Kontraktion der entkoppelten
Geldmengen auf ihre reale Basis zurück-
gefirhrt werden".2o
Robert Kurz und der Ketten-
In Wirklichkeit ist es andersherum richtig: Der brlef
Aktienmarkt ist, zumindest fi-rr die Aktienge-
sellschaften, der Markt, auf dem der Wert des Norbert Trenkle und Robert Kurz gelingt es,
Kapitals festgestellt wird. Es gibt keine "reale das Ganze noch zu potenzieren:
Basis" außer der, die vom Markt bewertet wird. ,,Wenn ... Zns- und Tilgungszahlungen
Auf einem kapitalistischen Markt schwanken von in Wirklichkeit schon fiktivem Ka-
die Preise, weil sie nur so ihren Markfvrert fin- pital im Vorgriff auf ihren unterstellten
den können. Beim Aktienmarkt handelt es sich zukunftig realen Eingang wieder beliehen
um einen Markt, auf dem die Preise besonders und damit Konsum- oder lnvestitionsgü-
heftig schwanken.2l Dies eröffiret ein Feld für ter eingekauft werden, so sind auch diese
Spekulation. Das bedeutet aber nicht, daß. die doch anscheinend ganz realen Produktio-
gehandelten Werte fiktiv sind. Bei einer Spe- nen letztlich ,,ungültig", weil die dafur
kulation mit z.B. Weizön würde man diesen verausgabten Gelder nur scheinbar exi-
Schluß ja auch nicht ziehen., slieren. Sobald schließlich das ganze
Kartenhaus des fiktiven Kapitals arsam-
Die Annahme, daß das fiktive Kapital generell menbricht, werden in einer Kettenreakti-
überbewertet sei, ist mit dem Markt nicht ver- on alle darauf aufgebauten Zahlungsver-
tniglich. Es gibt keine "wirklichen" oder "ande- pflichtungen in die Luft gesprengt und
ren" 'Werte als die Markfwerle, insbesondere das mittlerweile den gesamten Globus
keine, denengegenüber ein Marktwert fiktiv umspannende,,Kettenbrief lSystem ent-
sein könnte. Das fiktive Kapital, wie Marx es puppt sich als grandiose Publikumsverar-
nennt, ist als Kapital fiktiv, nicht als Wert. SChung'"23
Die reale Deckung einer Aktie ist der durch sie Das wollen wir uns jetzt mal ganz klar maihen:
verbriefte Anteil an Kapital, d.h. an Mitteln zur Von dem Geld" das sich hier in unseren Geld-
Ausbeutung von Arbeit. Wenn also gerade das börsen befindet, ist also auch der größte Teil
Aktienkapital als fiktiv im umgangssprachli- rein fiktiv. Im Moment des Zusammenbruchs
chen Sinne bezeichnet wird, wird tatsächlich wird sich herausstelleq daß z.B. die damit ge-
das Kapital selbst als Fiktion gekennzeichnet. kauften Lebensmittel und Getrtinke,,ungültig"
Die Theorie des fiktiven Kapitals bei Marx ist werden und wir werden plötzlich wieder hung-
ca. 150 Jahre alt. Damals hielt Marx es nicht firr rig und durstig sein. Ach was: Da das ja seit
"ungedeckt". ln der Form, in der es heute an-

)a
Siehe S. 5.
20 Robert Kurz: Die Himmelfahrt des Geldes. ln:
Krisis, Nr. 16/i7.
23
Norbert Trenkle / Robert Kurz: ,,Fiktives Kapi-
tal*.
21 Siehe das Diagramm "Anlagevermögen und http://www. magnet. atllkisiVtexte/trenklefiktives
Aktienkurs", S.2. kapital.htrnl
Aber...

vielen Jahren so ist, wird sich dann die gesamte


Menschheit auf der Stelle in tote Skeleue ver- Aber...
wandeln. Oder was?
Robert Kurz nimmt nicht aq daß der primare Andere Formen fiktiven Kapi-
f-r_:ß des Kapitalismus, also die Verwern:ng tals
des Kapitals selbst das eigentliche problem sei.
Offenbar wäre es heutzutage nicht mehr über- Die Meinung, daß es im Kapitalismus eine
zeugend zu behaupten, die Verwerlung des Ka_ Geldvermehrung in irgendeiner Form gibt, ist
pitals selbst werde an eine Schranki stoßen. harhäckig. Das Bild des Spekulanten, äer sich
Nachdem der Kapitalismus nun weltweit keine an der arbeitenden Menschheit urechtmäßig
Konkurrenz mehr haq ist die nngebremst€ bereichert, hat tiefe Wurzel4 die sich nicht
Macht seiner Akkumulation allgemein rnschau- ausreißen lassen. Nach jeder Auftlärung eines
lich geworden. Er sucht deshatb dje Ursache Sachverhalts kommt garantiert jeman( der
des Zusammenbruchs in einem sekundaren sagt Aber...
Vorgang. Es sei die zunehmende Herrschaft des
Finanzkapitals, das sich von der realen Ak- Man könnte z.B. weiter fragen: Ja, Aktieh sind
kumulation abkoppele und den Kapitalismus also auch an die Produltion gebunden, aber wie
ist es mit Derivaten?
aus dem Gleichgewicht bringe.
Damit handsll sich Kurz aber ein logisches DaS-rnacht keinen Sinn. Wenn man ein Beispiel
Problem ein. Selbst wenn seine Theorie des durchgegangen ist, drnn ist doch spätestens
"fiktiven Kapitals" richtig wäre, ist es nämlich klar, daß alle diese Dinge im Kapitalismus
gar nicht ersichtlich, warum bei einem "Kon_ funktionieren. Aktien sind nur ein Beispiel firr
traktion der entkoppelten Geldmengen" gleich die allgemeine Tatsache, daß es ,,fiktives" Ka-
der ganze Kapitalismus in die Krise kommen pital im Sinne von Robert Kurz nicht gibt. Das
sollte. Im Gegenteil, er wtirde sich doch da_ kann man ohnehin wissen, dazu braucht man
durch gesundstoßen. Die "kapitalistische Re- eigentlich kein Beispiel.
produktion" würde eben "auf ihre reale Basis Kredite, Aktie4 Anleihen, Optionen usw. sind
zurückgeführt werden ". nur einige der mannigfaltigen konkreten Aus-
Nattirlich spricht Kurz diese für ihn heikle Fra_ formungen des Privateigentums an den produk-
ge nicht direkt an. Aber man versteht, warum tionsmitteln-
seine Zusammenbruchsthebrie so eng mit der
Theorie der "Globalisierung" verknüpft ist. Nur
wenn er behauptet, daß das Finanzkapital außer
Aber in der Hausse...
Kontrolle sei, weil es sich von den nationalen Eine andere Art von ,,.{ber..." möchte ich noch
Wirtschafukreisläufen gelöst habe, kann er zum Schluß als Beispiel aus der akfuellen pres-
se anfthren. Winfried Wol! ein wirklich nefter
lberhaupt eine gewisse überzeugungskraft ftr
die Aussage gewinnerq das Finanzkatital werde Menscb, friiher Trotzkist, heute in der pDS
den Kapitalismus ruinieren. tätig, schreibt neusldings als Krisentheoretiker
in der ,jungen Welt". In einem großen Artikel
Aber selbst mit seinen eigenen Argumenten
am l. September betrachtet er die Weltwirt-
wäre es doch viel wahrscheinlicher, daß die
schafukrise von 1929. Er behauptet, der Bör-
"reale Basis" des Kapitalismus aufatnet, wenn
senkrach sei der Wirtschaftskrise vorausgegan-
die angebliche Fiktion zusammengebrochen ist.
gen, es gebe eine Abfolge von ,,Cash, Crash
Nach Meinung*von Kqrz-st€U1 ja das filrive und Crisis". Alles immer mit dem warnenden
Äept!41_ ggledg k e i n e n eCtiten Wert dar.
Unterton: Das bahnt sich heute wieder an, sie-
Sein Zusammenbruch wäre also eben der Zu-
he, der DAX fillt schon.
sammenbruch eines Kartenhauses, der nichts
ernsthaft beschädigen kann. Damit würde sich Das ist natürlich Quatsctr" der Schwan" wedelt
die "Globalisierung" von selbst erledigen, gera- nicht mit dem Hund, das fiktive lGpital bringt
de weil sie nicht mit realen Werten handelt nicht das reale zu Fall. Aber das nur im voraus,
es geht mir hier darurL ein wunderschönes
Beispiel von ,"A.ber..." nt. zeigen, mit dessen
Hilfe dieser Quatsch zustande gebracht wird.
Winfried Wolf stellt richtig dar, daß das fikrive
'Kapital kein reales ist, er zitiert richtig Man<
Aber...

dazu. Dann arbeitet Wolf aber weiter daran Hört sich doch sehr logisch arg nicht wahr? Ich
herum: ,,Es entwickelt sich spekulatives Kapital erlaube mir kotzdem einige Anmerkungen.
in zweiter Potenz". Die,,spekulationsgesell- Also noch einmal:
schaft" sei eine ,,Scheinwelt". Wir sehen hier
schon, wie er den Begriff des ,,fiktiven Kapi- ,,Spekulationen und Kurssteigerungen der
tals" unmerklich verdreht hat, denn natürlich ist
Aktien mögen streng wissenschaftlich
das keine Scheinwelt und es ist keine Spe- fiktiv sein."
kulationsgesellschaft, es ist reale Bewegung Zu diesem ,,streng wissenschaftlich" muß ich
wirkl i chen fiktiven Kapitals. gleich etwas sagen. Hier wird also die marxisti-
Das ist aber nur die Vorbereitung, um die ganze sche Theorie behandelt nach dem Motto: Dort
marxistische Theorie aus den Angeln zu heben.
isr die Wissenschaft, aber hier ist das wahre
Winfried Wolf führt mrn fort: Leben. Man fragt sich, wozu er eine solche
Wissenschaft dann betreibt. Auf diese Weise ist
,,Spekulationen und Kurssteigerungen der er aber erst mal diese ltisigen Marx-Zitate wie-
Aktien mögen streng wissenschaftlich der los. Doch weiter im Text, nun kommt das
fiktiv sein. Dies bedeutet jedoch keines- ,,.A,ber...":
wegs, daß sie keine Wirkung auf die
Ökonomie und den Verlauf der Kon- ,,Dies bedeutet jedoch keineswegs, daß
' sie keine Wirkung auf die Ökonomie und
junkrur hätten."
den Verlauf der Konjunkrur hätten."
Winfried Wolf zitiert nun Eugen Yarg*a:
Die Bewegung des fiktiven Kapitals hat nicht
,,Die einzelnen Aktienbesitzer, die ihren ,,Auswirkungen" auf die Ökonomie, es
Gewinn im Verlauf der Hausse-Periode i s t die Ökonomie, zumindest was den Wert
durch Verkauf ihrer Aktien realisierterq von z.B. Aktiengesellschaften angeht. Und nun
gewannen dadurch ei:re zuschüssige zu Varga:
Kauftraft, eine zuschüssige Konsumpti-
onskraft. Diese Konsumptionskraft war ,,Die einzelnen Aktienbesitzer, die ihren
Gewinn im Verlauf der Hausse-Periode
ökonomisch nicht real, sie entsprang
nicht der Schaffiing von neuem Wert in durch Verkauf ihrer Aktien realisierlen,
gewannen dadurch eine zuschüssige
der Produktion. Trotzdem wirkte sie auf
Kaufl<raft, eine zuschüssige Konsumpti-
dem Warenmarkt als Erhöhung der Nach-
frage, verlängerte die Dauer der Hoch- onsktaft."
konjunktur, indem die bestehende Und die verschärft dann also die Krise.
Disproportion zwischen Produktions- und
Ich möchte dazu nur eines zu bedenken geben:
Konsumptionskraft der Gesellschaft da-
Der einzelne Aktienbesitzer, der in der Hausse
durch verdeckt wurde: Um so größer
seinen Gewinn realisiert, indem er seine Aktien
wurde die Disproportion; um so schwerer
verkauft, ka:rn dies nur tulr, wenn ein anderer
die Krise."
zu diesem Kurs seine Aktien kauft. Der Käu-
Und Winfried Wolf folgert: fer kauft zu diesem Preis, weil er ein weiteres
Steigen dieser Aktien erwartet. Was der eine an
,,Cash, Crash, Crisis"
,,Konsumptionskraft" gewinnt, verliert der an-
dere. Und so geht das bei jedem Aktienge-
schäft.
24 Eugen Varga war d e r Experte für ökonomie in Mit anderen Worten: Es ist völlig ausge-
der Kommunistischen Internationale. Das Zitat schlossen, daß Aktien in Konsumpti-
starnmt vermutlich aus dem Buch: onskraft, was immer das sein soll, verwan-
Eugen Varga: ,,Die große Krise und ihre Folgen. delt werden, außer durch den Verkauf der
Wirtschaft und Politik bis 1934". Moskau, Le- zugrundeliegenden Aktiengesellschaft gegen
ningrad 1934. Geld und dessen Austeilung an die Aktionäre.
Was in der Praxis nie vorkommt, weil immer in
Im gleichen Artikel zitiert Winfried Wolf ihn als
Aktien der neuen Gesellschaft getauscht wird.
Beispiel für die fatale Fehleinschäzung der
Kominterq daß der Faschismus ,,nicht ein Aus- Und was vor allem in jedem Fall bedeutet, daß
fluß der Stärke, sondern der Schwäche der Posi- der Wert der Aktie am realen Wert der Aktien-
tion der Bourgeoisie" sei. gesellschaft gemessen wird, d.h. daß real vor-
handene Konsumptionskraft ausgeteilt wird.
Aber...

Ebenso kann auch die Wertsteigerung der Akti_ tun. Aber wir tun es sicherlict nicht und da
engesellschaft, die sich im Kursgewinn der macht es nach meiner Meinung einen Unter-
Aktie ausdrüclt, nur zu ,,Konsumptionskraft.. schied, ob wir etwas so simples wie den Handel
gemacht werden, wenn sie in Geld ausgezahlt mit Aktien besser oder.schlechter durchschau-
wird, z.B. als Dividende. Das ist abär nur en.
,,Konsumptionskraft", die real von den Arbei-
tenden der Aktiengesellschaft geschaffen wor- Die Aktie ist nur Ausdruck des Auseinander-
den ist.,,Konsumptionskraft.. wird ausschließ- fallens der Produktion des Reichtums der Ge-
lich durch reale Arbeit erzeugl und kann dann sellschaft und des Eigentums an diesem Reich-
nur umverteilt werden. tum. Wer ihr andere geheimnisvolle Eigen-
scbaften- zuschreibq arbeitet mit an der Ver-
t,
Übrigens will auch kein Akrionär, daß Kapital schleienrng dieser einächen brutalen Tatsache.
in Geld verwandelt und an die Aktionäre aus-
geteilt wird. Dieses Kapital würde ja im nach- So ist das mit der Krisentheorie: Der übergang
sten Produktionsschritt fehlen. Die Aktie würde von Wissenscbaft zu Wahnsinn erfolgt leicht
schon bei der Auszahlung entsprechend fallen und scbnell. Die Frage, wanrm das so ist, will
und auf Grund des fehlenden Kapitals würde ich hier nicht weiter behandeln, aber ich denke,
es hat was mit rnserer heutigen Situation als
luch ihre folgende Entwickh'ng girioge. aus- Linke zu tun, in einem Land, das gerade an der
fallen.
Spitze des Weltkapitalismus marschiert, etwas,
Es ist wirklich so simpel und ich möchte, daß was wir aber meist lieber nicht so genau wissen
das gan. deutlich wird, weil mit dieser einfa- wollen.
chen klaren Tatsache allen Krisentleorierq die
mit dem Begritr des fiktiven Kapitals arbeiten,
sofort der Boden entzogen wird. Die einfache Eckehard Seidl
klare Tatsache ist, rtaß jedem Verkäufer einer
Aktie ein Käufer gegenübersteht. Es ist nicht
möglictr, Aktien in etwas anderes zu verwan-
deln, seien es Kaviarschniuen, Maschinen oder
Staatsanleihen. Konkret wird das Aktienkapital
sogar jedes Jahr vermehrt.25

Es trägt wirklich zu meinen Depressionen bei,


daß marxistische Theorie verschiedener Art
wir haben es gerade am Beispiel von Varga
-
gesehen - nicht einmal über eine Kenntnis die-
ser einfachen Zusammenfuinge verfügt. Natür-
lich, man kann Glück haben und in einer Zeit
leben, in der fastjede beliebige Theorie, sei sie
richtig oder falsch, zu revolution?iren Verände-
rungen beitragen kann. Varga dachte sicheriicb,
daß er in einer solchen Zeit lebte. Aber die Tat-
sache, daß er sich noch 1934 so gräßlich über
den Faschismus getäuscht hat, hat ja vielleicht
etwas mit seinen ökonomischen lrrti.imem zu

25 Deutsche Bundesbank:,.Kapitaknarktstatistik".
Dezember 1996.

Das Aktienkapitai nimmt in der Bundesrepublik


z.Zt. auch nominell ständig um ca- 15 Mrd DM
pro Jalr zu. Dieser Zuwachs stammt aber ver_
mutlich weniger aus,$onsumptionsmitteln.,
sondern aus Kapitalbestä-nden" die in Aktienka-
pital umgewandelt werden Die Zahl der Alcien-
gesellschaften nirnmt jährlich um ca.200 ztt.

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