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Das ganz alltägliche Abkassieren

Von Nadine Oberhuber

Volksbanken und Sparkassen nutzen das Vertrauen ihrer Kunden besonders


aus, meint die Schutzgemeinschaft der Bankkunden

Viele Kunden haben es noch, „das gewisse Urvertrauen“ zu ihrer Bank,


stellt Rechtsanwalt Jens Graf fest. Aber das sollten sie mal lieber
schleunigst ablegen. Dies meint zumindest der Anlegeranwalt, der schon
gegen viele Banken vor Gericht gezogen ist. Denn mit Treu und Glauben
hat das Geschäft mit Konto und Kredit nur noch wenig zu tun.

Oder wie sonst sollte man nennen, was viele Banken mit ihren Kunden
treiben? Sie schließen mit ihnen Verträge über Zinssätze - die sie in
Wirklichkeit gar nicht berechnen. Sie schreiben Geld zu spät auf
Konten gut, um erst ein paar Tage Überziehungszinsen zu kassieren. Und
sie erheben immer öfter üppige „Entgelte“, obwohl etliche
Gerichtsurteile ihnen das längst verbieten. Wie sollte man so ein
Geschäftsgebaren nennen?

„Kalkulierter Rechtsbruch“

„Banken begehen einen kalkulierten Rechtsbruch“, so sagt es


Rechtsanwalt Graf. Weil die Kreditinstitute wahre Meister darin sind,
sich über Urteile hinwegzusetzen, die Deutschlands höchste Gerichte
seit Jahren im Sinne der Verbraucher fällen. Beispiele gefällig?

Vor Jahren urteilte der Bundesgerichtshof (BGH), dass Banken kein


Entgelt dafür verlangen dürfen, wenn sie Lastschriften ablehnen, weil
ein Konto nicht ausreichend gedeckt ist. Damit handele die Bank aus
Eigeninteresse. Sie müsse ja fürchten, das Geld nicht
zurückzubekommen. Eine Leistung, für die der Kunde bezahlen müsse, sei
das nicht, befand der BGH. Und was taten die Banken?

Es kostet immer

Sie strichen das „Rücklastschrift-Entgelt“ aus den


Geschäftsbedingungen und erhoben fortan ein
„Benachrichtigungsentgelt“. Dafür, dass sie Schreiben verschicken, in
denen sie den Kunden über zurückgegebene Lastschriften informieren.
Auch die Klausel kippte der BGH: Die Benachrichtigung der Kunden sei
eine Pflicht der Banken. Extragebühren dürfe das nicht kosten. Also
erfanden die Banken den „Schadensersatz“ für Rücklastschriften.
Inzwischen kippte der BGH auch den. Doch viele Banken kassieren ihn
trotzdem.

Es ist nur ein Beispiel von vielen, hat Jochen Schädtler, Vorsitzender
der Schutzgemeinschaft für Bankkunden ermittelt: Er durchforstet seit
Jahren die Preis-Leistungsverzeichnisse von Banken und hat 1400
Klauseln entdeckt, in denen Banken sich selbst Entgelte zusichern, die
Gerichte längst für unzulässig erklärt haben.

Volksbanken und Sparkassen fallen negativ auf


„Die setzen sich einfach darüber hinweg“, registriert er
kopfschüttelnd. Auch wenn es oft nur ein paar Euro sind, die dem
Kunden dabei abgezogen werden: Immer öfter und auch immer üppiger
kassieren Banken mit Entgelten ab, beobachtet er. So berechnen manche
Banken schon mal 250 Euro für „Sonderleistungen“, ohne die näher zu
beziffern. Über eine Dauer von 10 bis 20 Jahren gehen dem Konto so
5000 bis 10.000 Euro flöten.

Warum lassen sich Kunden das gefallen? Weil sie oft nicht jeden
Kleinstbetrag nachprüfen. Oder zu vertrauensselig sind: „Wenn der
Hausbanker sagt: Das geht schon in Ordnung Herr Meyer, dann glauben
sie dem“, hört Schädtler oft. Es sind übrigens gerade die Volksbanken
und Sparkassen, die dieses Vertrauen besonders ausnutzen, sagt er. Bei
den Privatbanken findet er viel seltener unzulässige Klauseln. „Und
bei einer Bank haben wir sogar noch gar keine gefunden: bei der
Deutschen Bank.“

Banken umgehen auch EU-Regeln

Es geht aber nicht nur um unzulässige Gebühren. Auch andere Verbote


umgehen Banken trickreich, weiß Rechtsanwalt Graf: Das Verbot der
Kick-Back-Zahlungen etwa, das seit 2007 EU-weit gilt. Danach dürfen
Banken keine Rückflüsse aus Ausgabeaufschlägen mehr erhalten, die sie
bisher als versteckte Provisionen von Fondsgesellschaften bekamen.
Dumm nur: Die EU-Regelung ließ eine Ausnahme zu.

Wenn die Rückzahlungen dazu beitrügen, die Infrastruktur der Bank zu


verbessern, seien sie weiterhin erlaubt, heißt es. Darum verteilen
Banken nun Merkzettel, auf denen sinngemäß steht: Wir bekommen diese
Zahlungen, weil wir nur so in der Lage sind, die Ausführung der
Geschäfte zu gewährleisten. Das hält Graf für „nichts anderes als eine
vorgeschobene Ausrede: Deshalb bekommt der Kunde keinen besseren
Service und erst recht kein Glas Champagner zum Abschluss.“ Aber die
Bank bekommt weiterhin viel Geld.

Uralte Tricks funktionieren immer noch

Der häufigste Trick aber, mit dem sich Kontoprüfer wie Hans Peter Eibl
herumschlagen, ist die Wertstellung: Wird Geld bar aufs Konto
eingezahlt oder überwiesen, muss es schnellstmöglich gutgeschrieben
werden. Auch darauf pochen Gerichte. Doch bei rund jeder dritten
Buchung arbeiten Banken erst noch ein paar Tage mit dem Kundengeld,
regt sich Eibl auf. Denn gleichzeitig rutscht der Kunde oft in den
Überziehungszins.

Noch mehr Geld geht den Verbrauchern bei Zinsgeschäften und Krediten
verloren. Denn Banken rechnen gern falsche Zinssätze ab, erlebt Eibl
oft: Kreditkunden haben Verträge in der Hand, in denen ihnen die Bank
einen Zinssatz von sagen wir 10 Prozent zusichert. Doch sie berechnet
in Wahrheit 11,5 Prozent. Ohne mit der Wimper zu zucken. Sie muss es
nicht einmal erklären, „denn ohne technische Hilfe und Gutachter
merken Sie das nicht einmal“, sagt Eibl.

Je nach Kredithöhe zahlen Kunden so mehrere tausend Euro pro Jahr


drauf. Die Bank aber wirbt mit ihren niedrigen Zinsen. Selbst
diejenigen, die den Banken auf die Schliche kommen, beschweren sich
meist nicht: „Weil sie oft Angst haben, dass ihnen die Bank den Kredit
ganz kündigt.“ So bleibt für die Gerichte noch viel zu tun, wenn sie
wollen, dass die Banken ihren Kunden endlich wieder treu sind, damit
die den Glauben nicht ganz verlieren.

Was Bankkunden selbst tun können:

Liste besorgen: Fragen Sie in Ihrer Bankfiliale nach dem vollständigen


Preis-Leistungs-Verzeichnis. Nur damit können Sie die Konditionen von
Banken wirklich vergleichen. Kunden haben Anspruch auf die Herausgabe
der Liste. „Potenzielle“ Kunden auch. Denen händigen Banken die Listen
aber oft ungern aus.

Nicht abwimmeln lassen: Oft antworten Bankmitarbeiter, die Liste sei


„gerade nicht zur Hand“, „beim Chef“ oder „zu umfangreich“. Im
Gegenzug bieten sie an: „Was wollen Sie denn genau wissen? Ich gucke
das gern nach.“ Bleiben Sie hartnäckig und bestehen Sie auf der Liste.

Verwechslungsgefahr: Vorsicht, das Preis-Leistungs-Verzeichnis ist


nicht der Preisaushang. Der liegt meist offen aus. Er listet aber nur
einen Bruchteil der Entgelte auf. Meist nur die gängigsten.

Im Netz nachsehen: Einige Privatbanken haben ihre Preisverzeichnisse


ins Internet gestellt.

Entgelt zurückfordern: Eine Liste aller unzulässigen Bankgebühren hat


die Schutzgemeinschaft für Bankkunden erstellt.
(www.schutz-vor-banken.de.) Zudem halten Verbraucherzentralen
Musterbriefe bereit, mit denen Kunden ihr Geld zurückfordern können.