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Neue Z}rcer Zeitung AUSLAND Montag, 10.02.2003 Nr.

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Präventive Medienstrategie der USA


Militärische Öffentlichkeitsarbeit im Banne eines Krieges
Von Thomas Rid, Berlin*

Vor einem wahrscheinlichen Krieg im Irak hat das Pentagon seine Medienstrategie ent-
scheidend verändert. Die Planer scheinen von einem restriktiven Vorgehen abzurücken
und einen aktiven Ansatz in der militärischen Öffentlichkeitsarbeit zu bevorzugen.
Der amerikanische Truppenaufmarsch an einer Anstatt nur reaktiv auf die Medienberichterstat-
möglichen Front im Persischen Golf wird von tung zu antworten, will man nun aktiv vorgehen.
einer ebenso resoluten Aufrüstung an der Heimat- Der Initiative in der Öffentlichkeitsarbeit wird
front begleitet. Das Militär erkennt die Unterstüt- eine gesonderte Bedeutung beigemessen. Mit
zung durch die eigene öffentliche Meinung als ge- «Gegenpropaganda» soll verhindert werden, dass
wichtigen Faktor an. «Effektive Öffentlichkeits- die gegnerische Sichtweise und Propaganda in
arbeit ist im Informationszeitalter ausschlag- den amerikanischen und internationalen Medien
gebend für erfolgreiche Operationen der Armee», verbreitet wird. Die «Informationsinitiative zu be-
stellt das Reglement (field manual) für PR-Takti- halten und zu bewahren», sei eine «mächtige
ken und Techniken der US-Army fest. «Die Hei- Waffe», um Propaganda abzuwehren und die
matfront», formulierte General Clark, Nato-Ober- Unterstützung durch die Bevölkerung zu gewähr-
befehlshaber im Kosovo-Krieg, überspitzt, «ist leisten, argumentiert die Air Force in ihrer jüngs-
der wichtigste Kriegsschauplatz, und Worte und ten Doktrin zur Informationskriegführung. Be-
Bilder sind die entscheidenden Waffen.» Die sonders die Berichterstattung durch überzeugende
Handhabung der Presse in den Operationen Fotos und Videos wird heute als wichtig erachtet.
«Desert Storm» im vergangenen Golfkrieg und Spezielle «Combat-Camera»-Einheiten, im mili-
«Enduring Freedom» in Afghanistan wurde hef- tärischen Jargon Comcam genannt, werden für
tig kritisiert. Zudem schwindet eineinhalb Jahre die visuelle Dokumentation des Krieges sorgen:
nach dem 11. September 2001 allmählich die «Gun camera footage» heissen die Bilder aus
Kriegsbereitschaft in der Bevölkerung. Daher hat dem Blick der Bombe, welche die Berichterstat-
das Pentagon die Taktiken und Strategien der tung im Golfkrieg so einseitig dominiert hatten.
Medienarbeit im Vorfeld eines Krieges im Irak Vorgestellt und präsentiert werden die Bilder
grundlegend verändert. und Pläne auf offiziellen Pressekonferenzen.
Diese haben den Vorteil, dass gleichzeitig eine
Zensur und Zugangskontrolle grosse Zahl von Pressevertretern und durch Live-
Im Golfkrieg sowie in Afghanistan hatten Jour- Übertragungen eine noch grössere Zahl von Zu-
nalisten weder ungehinderten Zugang zum schauern erreicht werden kann; und all dies, ohne
Kampfgeschehen noch zu den kämpfenden Sol- dass eine journalistische Aufbereitung der Ereig-
daten. Im Golf unterband 1991 ein «Medien- nisse die militärische Version «verfälscht». Popu-
pool» eine freie Berichterstattung. Reporter konn- läre Sprecher sollen die Pressekonferenzen attrak-
ten sich nur eingeschränkt bewegen, ihre Ent- tiver machen sowie persönliches Engagement und
würfe wurden einer «security review» unterzogen. Anteilnahme demonstrieren – besonders dann,
Am Hindukusch wurde ein solcher Pool sogar erst wenn Hiobsbotschaften zu vermelden sind. Das
verspätet eingerichtet. Journalisten wurden daran den Journalisten präsentierte Anschauungsmate-
gehindert, von den «verdeckten Operationen» rial wird ihnen vor der Konferenz als sogenanntes
und ihren Ergebnissen zu berichten. Ein abge- Media-Kit ausgehändigt.
legenes Kriegsgebiet erleichtert solche Kontrol-
Medienoperationszentren im Einsatzraum
len. Dies soll sich nun ändern. «Wir haben ge-
lernt, dass man entweder die Nachrichtenwelle Ein «media operations center» ist eine Dreh-
lostritt oder von ihr überrollt wird», sagt Jim Wil- scheibe für die Medienarbeit im Konfliktgebiet.
kinson, Leiter eines amerikanischen Medienope- Es stellt sowohl Informationsquelle, logistische
rationszentrums in Afghanistan. Damit weist er Unterstützung kommerzieller Medienorganisatio-
auf eine neue Medienstrategie des Pentagon hin. nen als auch Koordinationszentrum dar. Solche

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Zentren werden eingerichtet, wenn eine grosse arbeit vorzubereiten, fanden in den letzten Mona-
Zahl von Journalisten anlässlich einer Krise er- ten vier sogenannte Media Boot Camps statt. In
wartet wird. Wegen der Zeitverschiebung wurden den einwöchigen Übungen absolvierten etwa 240
im Afghanistan-Krieg und in Kosovo Medienope- bis 300 Journalisten eine elementare militärische
rationszentren von den Alliierten an Ort und Ausbildung. Sie trainierten das Marschieren mit
Stelle eingerichtet. Damit sollte dem Gegner der Gepäck oder lernten, wie sie sich bei einem be-
zeitliche Vorteil geraubt werden. Die Pressemel- waffneten Angriff zu verhalten haben. Zum Ver-
dungen Milosevics oder jene der Taliban waren anstaltungsprogramm gehörten Aufenthalte in
nämlich zeitlich ideal placiert, um in den amerika- Gaskammern der Marines, um mit Tränengas die
nischen Morgennachrichten aufzutauchen, womit Handhabung der Ausrüstung zu üben, ein simu-
eine Nachrichtenwelle ins Rollen gebracht war. lierter Raketenangriff auf den Zerstörer USS
Ein Medienzentrum analysiert 24 Stunden lokale «Iowa», ein Nachtmarsch sowie Rettungsübun-
und internationale Medien und kann bei Bedarf gen, bei denen die Teilnehmer mit schweren
«korrigierend» durch Pressekonferenzen und Rucksäcken in Helikopter einsteigen mussten.
Pressemitteilungen eingreifen.
Eine weitere Massnahme, um eine vorteilhaf- Richtungweisende Medienstrategie
tere Berichterstattung über Militäreinsätze zu er- Von einem lediglich passiven und restriktiven
wirken, ist das «Einbetten der Medien». Einzelne Ansatz scheint das Pentagon mit Blick nach Bag-
Reporter sollen sich zusammen mit militärischen dad abzurücken zu wollen. Stattdessen verfolgen
Einheiten in den Einsatz begeben, etwa in Flug- die Medienexperten der amerikanischen Streit-
zeugen, auf Kriegsschiffen oder mit Verbänden kräfte gemäss ihrer eigenen Begriffsbildung eine
der Armee. Walter Isaacson, Vorstand von CNN, proaktive Strategie in der Öffentlichkeitsarbeit.
hat jedoch die Befürchtung geäussert, «eingebet- Wichtig ist dabei für das Pentagon, selbst einen
tete Journalisten könnten dazu verleitet sein, ein Einfluss darauf zu haben, wann, wo und vor
freundliches Verhältnis mit ihrer Einheit zu wah- allem wie und aus welchem Blickwinkel Nach-
ren, um sich den Zugang zu sichern». Mehr noch: richten verbreitet werden. «Diese Art der Kom-
Auch eine emotionale Befangenheit der Bericht- munikation», wie sich die neue Air-Force-Doktrin
erstatter wäre keine Neuigkeit. Joe Galloway, ein zu «information operations» ausdrückt, «gibt den
Reporter, der in Vietnam und im Golfkrieg im US-Befehlshabern eine Möglichkeit, die Wahr-
Einsatz war, verdeutlicht dieses Risiko, wenn er nehmung von Ereignissen zu beeinflussen, das
bei einem Vortrag ins Schwärmen über die ge- öffentliche Verständnis zu klären und die öffent-
meinsame Kriegserfahrung gerät, über «diese Art liche Debatte einzurahmen.»
von Freundschaft, die in keinem anderen Bereich * Der Autor ist Mitarbeiter der Forschungsgruppe Sicher-
menschlichen Zusammenlebens erworben werden heitspolitik der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.
kann – Bindungen, die ein Leben lang halten».
Um die Presseleute auf die enge Zusammen-

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