Sie sind auf Seite 1von 3

Deutschland in der Krise: Abschied vom Exportweltmeister? ... http://www.faz.net/s/Rub58241E4DF1B149538ABC24D0E...

Aktuell Wirtschaft Wirtschafts- & Finanzkrise

Deutschland in der Krise

Abschied vom Exportweltmeister?


Wir Deutschen haben lange Zeit vom Export gelebt. In der Wirtschaftskrise zeigt
sich: Diese guten Zeiten sind vorbei. Stellt sich die Frage: Brauchen wir ein neues
Geschäftsmodell?
Von Inge Kloepfer und Christian Siedenbiedel

08. März 2009 Es brennt an allen Ecken. Längst


sind es nicht mehr nur die Banken und
Autohersteller, die in Schwierigkeiten sind. Es hat
die ganze deutsche Wirtschaft erwischt und mit ihr
den Kern unseres Erfolgs: den Export. Schon
rechnet die Ausfuhrwirtschaft mit dem schlimmsten
Jahr in der deutschen Geschichte. Die Krise trifft
nicht nur einzelne Länder. Sie verändert das
gesamte Gefüge der miteinander verwobenen
Weltwirtschaft. Die liebgewordene Rollenaufteilung
unter den Staaten funktioniert nicht mehr. Und
eine neue ist nicht in Sicht.

Jahrelang war es gutgegangen. Die Welt hatte mit


gewaltigen Ungleichgewichten gelebt. Es hat
Staaten gegeben wie Deutschland. Die
wirtschafteten sehr sparsam und verkauften für
Symbol für den Exportweltmeister:
Containerterminal im Hamburger Hafen mehr Geld Maschinen, Autos und Anlagen ins
Ausland, als sie Fernseher, Nahrungsmittel und Öl
einführten. Der Export war größer als der Import. "Leistungsbilanzüberschuss" nennen das
die Fachleute.

Auf der anderen Seite gab es Länder wie Amerika. Die


haben mehr konsumiert, als sie herstellten. Diese Staaten
machten sogar Schulden, um noch mehr aus aller Welt
einkaufen zu können. Kleidung etwa, die kaum noch in
Amerika hergestellt wird, Elektronik aus Japan oder eben
Autos aus Deutschland. Auch der amerikanische Staat hatte ein gewaltiges Loch im
Haushalt, unter anderem weil er teure Kriege finanzierte. Die Folge: Amerika führte mehr
Produkte ein als aus - das Land hatte ein "Leistungsbilanzdefizit".

Das Ungleichgewicht hat so lange gehalten, weil alle davon profitierten

Und dann gibt es noch eine dritte Gruppe von Staaten: die Länder Osteuropas. Die hatten
zwar auch ein Leistungsbilanzdefizit. Aber aus anderen Gründen als die Vereinigten
Staaten. In Osteuropa hat man viele Güter importiert, nicht um zu konsumieren, sondern
um zu investieren. Sie kamen aus dem Sozialismus und wollten rasch wachsen. Dafür
brauchten sie Investitionen und Knowhow. Das wiederum kam aus dem Westen. "Für
solche Länder war es ganz normal, dass sie sich zunächst auf Pump finanzierten", sagt

1 of 3 4/23/10 5:19 PM
Deutschland in der Krise: Abschied vom Exportweltmeister? ... http://www.faz.net/s/Rub58241E4DF1B149538ABC24D0E...

Henning Klodt, Wirtschaftsprofessor am Kieler Institut für Weltwirtschaft. Und die


Menschen in diesen Ländern haben davon außerordentlich profitiert: Ihr Wohlstand wuchs
in raschem Tempo.

Zum Thema
Das Ungleichgewicht der weltweiten Leistungsbilanzen hat
sich viel länger gehalten, als die meisten Fachleute
Die Wirtschaft steckt im
vermutet hatten. Vor allem, weil zunächst alle davon
dunklen Tunnel
profitierten. Über Jahre war das Ungleichgewicht die große
Statistisches Bundesamt:
Pumpe des weltweiten Wachstums. Der Westen pumpte
Staatsdefizit 2008 höher als
erwartet Geld in den Osten hinein, der damit wiederum Maschinen,
Hoffnungsschimmer: Autos, Elektronik aus dem Westen kaufte. Die
Deutschland bleibt exportorientierten Länder profitierten zweifach. Sie
Exportweltmeister verdienten mit dem Verkauf von Konsum- und
Investitionsgütern. Und sie heimsten die Zinsen dafür ein,
dass sie Ländern wie Amerika oder den Staaten
Osteuropas das Geld für die Importe liehen.

In einer Weltwirtschaftskrise zeigt sich die Verletzlichkeit des Konzepts

Allerdings darf man sich nicht von der Vorstellung verleiten lassen, dieser Mechanismus sei
von einer übergeordneten Institution gemacht. Zumindest nicht in Deutschland. Er ist
vielmehr das Ergebnis individueller Tugenden (oder Sünden), die sich über Jahre
durchsetzten. Die deutschen Unternehmen sind seit jeher investitionsfreudig und
innovativ. Das macht ihren Erfolg aus, der sich in der Leistungsbilanz als Überschuss
niederschlägt. Zugleich sind die deutschen Konsumenten im internationalen Vergleich
schon immer zurückhaltend gewesen. Zwölf Prozent von allem, was sie erwirtschaften,
geben sie nicht aus, sondern legen es an. In großem Stil auch im Ausland. Die Sparquote
hierzulande ist hoch. Auf der Produktionsseite also entstehen die international gefragten
Güter, auf der Seite der Sparer die Vermögen, die den Export ermöglichen.

In einer Weltwirtschaftskrise zeigt sich jetzt die Verletzlichkeit dieses Konzepts. Die Pumpe
stottert, und den Exportweltmeister Deutschland trifft es doppelt hart: Die Nachfrage nach
seinen Exportgütern geht dramatisch zurück - das wird für die Unternehmen zum Problem.
Gleichzeitig geraten die Gläubiger unter Druck, deren Vermögensanlagen durch
Währungsabwertungen einem größeren Risiko unterliegen - das trifft die Sparer. Und so
steht Deutschland in der Krise mit seinen gigantischen Leistungsbilanzüberschüssen auch
nicht stärker da als andere. Während die Defizitländer auf die Gnade ausländischer
Investoren angewiesen sind, hängen die Überschussländer am Tropf der Nachfrage aus
dem Ausland. Und damit an deren Wohlergehen. Die Weltwirtschaftskrise trifft nicht nur
die Sünder, sondern auch die Tugendhaften.

Soll sich Deutschland isolieren? Das würde in die Verarmung führen

Braucht Deutschland also ein neues Geschäftsmodell? Eines, das das Land aus dieser
doppelten Krisenanfälligkeit künftig herausführt und die Welt von den Gefahren der
riesigen Handelsungleichgewichte befreit?

Ein Ausweg wäre: Deutschland produziert nur noch das, was es selbst braucht, und klinkt
sich aus der internationalen Arbeitsteilung aus. Was aber selbst für ein großes Land wie
Amerika kaum vorstellbar ist, würde in einem kleinen Land wie Deutschland in die
Verarmung führen. Nur indem wir unsere Autos und Maschinen eintauschen, können wir
unsere Versorgung etwa mit Öl, Südfrüchten oder Unterhaltungselektronik sicherstellen.

2 of 3 4/23/10 5:19 PM
Deutschland in der Krise: Abschied vom Exportweltmeister? ... http://www.faz.net/s/Rub58241E4DF1B149538ABC24D0E...

Die andere Möglichkeit wäre: Deutschland macht aus dem Leistungsbilanzüberschuss eine
ausgeglichene Bilanz. Dazu müssten die Unternehmen weniger exportieren und mehr im
Inland verkaufen. Und die Menschen im Inland müssten mehr kaufen und weniger sparen.
Diese Idee aber hat eine große Schwäche: Wie bringt man die Menschen dazu, mehr zu
konsumieren, vor allem in solch unsicheren Situationen wie einer Krise? Und darf man das
überhaupt?

Kein Grund, an den Grundfesten des Geschäftsmodells zu rütteln

Der Münchener Wirtschaftsprofessor Kai Carstensen zumindest meint, die Krise des
Exportes sei kein Grund, an den Grundfesten des deutschen Geschäftsmodells zu rütteln.
Deutschland habe sich eben auf den Export von Investitionsgütern spezialisiert, deren
Nachfrage besonders mit der Konjunktur schwanke. In guten Zeiten profitiere Deutschland
überdurchschnittlich - in schlechten Zeiten leidet das Land besonders stark. Auch Michael
Hüther, Chef des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln, hält wenig
von einem Wechsel des Geschäftsmodells: "Deutschlands Modell ist das Ergebnis der
internationalen Arbeitsteilung. Es ist keines, das man einfach ändern könnte."

Text: F.A.S.
Bildmaterial: AP, F.A.Z., REUTERS

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2010.


Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben

Verlagsinformation
Der Ratenkreditrechner zeigt Ihnen auf einen Blick, welche Kreditanbieter die
günstigsten Konditionen bieten. Jetzt vergleichen und sparen!

F.A.Z. Electronic Media GmbH 2001 - 2010


Dies ist ein Ausdruck aus www.faz.net.

3 of 3 4/23/10 5:19 PM