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Mittwoch, 16. März 2016

Neuö Zürcör Zäitung

MENSCH UND ARBEIT 33

Das Rennen um die Jobsuche ist eröffnet

Tausende Hochschulabsolventen steigen diesen Sommer ins Berufsleben ein – die Arbeitgeber testen sie zuvor auf Herz und Nieren

Der erste Job nach dem Studium ist für viele der wichtigste. Nun zeigt sich, ob sich die langjährige Ausbildung gelohnt hat. Entsprechend gehen Absolventen bei der Stellen- suche sehr gezielt vor.

CARLO PORTMANN

Auf einem Markt geht es meist laut zu und her. Die Standbetreiber buhlen um Kundschaft und versuchen, auf sich auf- merksam zu machen. Interessierte zie- hen zwischen den Ständen umher und vergleichen das Angebot. Wie auf einem Markt ist es an diesem Februartag auf dem Irchel-Campus der Universität Zürich (UZH). Am Absolventenkon- gress Life Science Day präsentieren sich Firmen aus den Bereichen Pharma, Medizinaltechnik und Chemie sowie für diese Branchen arbeitende Beratungs- unternehmen. Es wird oft Englisch ge- sprochen. Für eine Karriereveranstal- tung, an der die Firmen nach möglichen Mitarbeitern Ausschau halten, sind die angereisten Studenten und Doktoran- den locker gekleidet. An einem An- schlagbrett findet man offene Positio- nen, etwa als Betriebschemiker bei Lonza oder als Spezialist für Partikel in einem Labor. Davor bildet sich eine Menschentraube.

Den Lebenslauf optimieren

Etwas abseits des Trubels haben sich die Mitarbeiter des CV-Checks eingerich- tet. Hier erhalten die künftigen Medizi- ner und Ernährungswissenschafter von Personalfachleuten Verbesserungsvor- schläge für die Gestaltung ihres Lebens- laufs. Auch Ulrike Bätz lässt sich heute beraten. Nach dem Master an der ETH Zürich steht sie nun vor dem Abschluss ihres Doktorats in molekularer Pflan- zenbiologie an der hiesigen Universität. Sie nutzt den Kongress, um sich einen Überblick über den Stellenmarkt zu ver- schaffen. Die Mitarbeiterin des CV- Checks erklärt ihr gerade, dass es beim Bewerben Unterschiede zwischen den Ländern gebe. So müsse man in den USA keine Angaben zu Alter und Ge- schlecht machen und könne die Foto weglassen. Doch Bätz möchte eigentlich in der Schweiz bleiben. Mit diesem Wunsch ist sie nicht alleine. Zwar wurde es in den vergange- nen Jahren immer einfacher, einen Teil des Studiums im Ausland zu absolvie- ren, und der eigene Abschluss zählt auch in anderen europäischen Ländern. Die sogenannte Bologna-Reform, de- ren Massnahmen die Schweiz 2001 ein- führte, hat das Ziel, die Hochschulland- schaft in Europa zu harmonisieren. So kann heute jeder den ersten Abschluss in der Schweiz machen, nach dem Er- halt des Bachelors einen Master in Eng- land anhängen und dann in Brüssel eine Stelle suchen. Doch strömten die Ab- solventen nach dem Abschluss nicht gleich ins Ausland, sagt Evelyne Kappel vom Career Center der ETH Zürich, das Studierende und Doktorierende beim Berufseinstieg berät. Begehrt seien aber internationale Unterneh- men, die den Absolventen die Chance böten, nach ein paar Jahren ins Ausland zu wechseln. Der Wunsch, gleich nach dem Studium die Schweiz zu verlassen, sei eher selten, wohl auch, weil der hie- sige Arbeitsmarkt vergleichsweise at- traktiv sei. Dafür lasse sich klar beobachten, und das zeigten auch verschiedene Studien, dass die Jungen heute die Vereinbarkeit von Beruf und Familie hoch gewichte- ten. Das mache Arbeitgeber attraktiv, die flexible Arbeitszeiten sowie ge- nügend Freizeit anböten und bei denen man von zu Hause aus arbeiten könne. Zwar sei das Salär für die ETH-Absol- venten auch wichtig, es komme aber definitiv nicht an erster Stelle, meint Kappel überzeugt. Vielmehr suchten die Studenten und Doktoranden eine Stelle bei einer innovativen Firma, die span-

eine Stelle bei einer innovativen Firma, die span- An Absolventenkongressen und Karrieremessen erhalten

An Absolventenkongressen und Karrieremessen erhalten Hochschulabgänger Hilfe beim Einstieg ins Arbeitsleben. M. KANE / BLOO

ternehmen, relativ einfach die Spreu vom Weizen zu trennen – oder zu- mindest glauben sie das. Von diesen Tests verschont blieb bis anhin die Doktorandin Ulrike Bätz. Ausser mit dem Lebenslauf, den sie heute im CV- Check auf seine Tauglichkeit für die Arbeitswelt überprüfen lässt, will sie mit einem Profil auf Linkedin auf sich aufmerksam machen. Es sei für Ab- solventen auf Stellensuche schon fast eine Pflicht, in für die Arbeitswelt kon- zipierten sozialen Netzwerken wie Linkedin und Xing ein Profil zu er- stellen, sagt Yves Müller. Der Mitarbei- ter des Regionalen Arbeitsvermitt- lungszentrums (RAV) berät am Life Science Day die Studenten und Dokto- randen zu ihren Lebensläufen und zum Bewerbungsverfahren. Meistens suchten die Arbeitgeber im Internet nach dem Namen des Bewer- bers. Wer ein Profil erstelle, habe die Möglichkeit, seinen Auftritt im Internet selbst zu gestalten. Zusätzlich erlaubten es solche Profile, dem Personalverant- wortlichen weitere Informationen wie Publikationen in Fachzeitschriften anzu- bieten, ohne dass der Lebenslauf Seite um Seite wächst.

Zugang zum Verborgenen

sen durchlaufen sie ein auf ein bis zwei Jahre ausgelegtes Traineeship (siehe Zu- satztext) und legen sich erst danach auf einen Karriereweg fest. Für das Prakti- kum, den Direkteinstieg und das Trai- neeship gilt: Die Arbeitgeber durch- leuchten die potenziellen Mitarbeiter gründlich. Oftmals wird das Kandida- tenfeld in einem ersten Schritt durch Telefoninterviews geschmälert, denn sie sind für die Personalabteilung weniger zeitintensiv als persönliche Gespräche. Wer im Lebenslauf mit Fremdsprachen- kenntnissen auftrumpft, sollte nicht überrascht sein, im Telefoninterview plötzlich einen Muttersprachler am Draht zu haben, der prüft, ob sich der Bewerber wirklich auf Englisch oder Spanisch ausdrücken kann. Eine weitere Möglichkeit, schon vor dem ersten Bewerbungsgespräch das Kandidatenfeld auszudünnen, bieten im Internet durchgeführte Tests. Unter Zeitdruck muss der Kandidat Fragen beantworten und Aufgaben lösen. Die Ergebnisse sollen über die numerischen Fähigkeiten, das logische Denkvermö- gen, die Fremdsprachenkenntnisse und die Persönlichkeit des Bewerbers Aus- kunft geben. Laut Ladina Härtli müssen

Roger Gfrörer, der die Career Services der UZH leitet, weist darauf hin, dass Netzwerke wie Xing und Linkedin Instrumente zur Bewirtschaftung des eigenen Netzwerkes sind. Insbesondere seien sie hilfreich, um Zugang zum ver- deckten Arbeitsmarkt zu erhalten, also zu Vakanzen, die nie ausgeschrieben werden. Die sozialen Netzwerke ermög- lichten es, Mitarbeiter in Funktionen und Unternehmen aufzuspüren, für die sich der Absolvent interessiert, und sie dann anzuschreiben. Das mache es manchmal möglich, ein informelles In- terview mit der Kontaktperson zu ver- einbaren. Bei einem Kaffee bringt der Absolvent in Erfahrung, wie es im Unternehmen läuft, welche Qualifika- tionen besonders wichtig sind und ob vielleicht schon bald eine Stelle frei wird. Viele Studenten unterschätzten die Bedeutung solcher Netzwerke für den Berufseinstieg, sagt Gfrörer. Auch Ulrike Bätz will in den nächs- ten Wochen ihre persönlichen Kontakte nutzen, etwa indem sie sich bei ehema- lige Arbeitskollegen aus der gemeinsa- men Zeit im Labor meldet. Zuerst gilt es aber, das im CV-Check Gehörte in den Lebenslauf einfliessen zu lassen und sich ins Getümmel des Absolventenkongres- ses zu stürzen.

insbesondere Absolventen oftmals zu solchen Tests antreten. Studenten hät-

Weitere Informationen für Absolventen www.staufenbiel.ch

Weitere Informationen für Absolventen www.staufenbiel.ch

ten im Vergleich mit Berufserfahrenen,

ten im Vergleich mit Berufserfahrenen, www.berufsberatung.ch

www.berufsberatung.ch

die sich um eine ausgeschriebene Stelle

die sich um eine ausgeschriebene Stelle www.careerservices.uzh.ch

www.careerservices.uzh.ch

bewürben, einen relativ homogenen

bewürben, einen relativ homogenen www.eth-gethired.ch

www.eth-gethired.ch

Lebenslauf mit ähnlichen Abschlüssen

Lebenslauf mit ähnlichen Abschlüssen www.careerstep.ch

www.careerstep.ch

und vergleichbaren Arbeitseinsätzen.

und vergleichbaren Arbeitseinsätzen. www.studentcareer.ch

www.studentcareer.ch

Diese Tests ermöglichen es den Un-

Diese Tests ermöglichen es den Un- www.academics.ch

www.academics.ch

mögensverwalters Blackrock am An- fang für zwei Wochen in New York tref- fen. Firmen können durch Traineeships potenzielle Fach- und Führungskräfte testen und überprüfen, ob die in der Be- werbung hervorgehobene Begeiste- rungsfähigkeit und Leistungsbereit- schaft auch nach mehreren Monaten noch da ist. Sie bekommen so aber auch Talente zu niedrigen Kosten, denn Trai- nees verdienen weniger als die übrigen Absolventen, die direkt mit einer Fest- anstellung einsteigen. Wer sich für ein solches Programm interessiert und diesen Sommer ab- schliesst, der sollte sich jetzt im Internet und an Karrieremessen informieren, denn rekrutiert wird meist im Frühling für die im Herbst startenden Trainee- ships. Die Konkurrenz ist zahlreich, und die Arbeitgeber setzen meist gute Noten, erste Berufserfahrungen und Auslandaufenthalte voraus.

Im Laufe der Zeit finden die meisten eine feste Stelle

Anteil der befristet angestellten Absolventen, in %

Ein Jahr nach dem Abschluss Fünf Jahre nach dem Abschluss 0 10 20 30 40
Ein Jahr nach
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QUELLE: BUNDESAMT FÜR STATISTIK 2015

Bachelor Universität/ETH Master Universität/ETH Doktorat Universität/ETH Bachelor Fachhochschule Lehrdiplom Pädagogische Hochschule

NZZ-Infografik/lea.

nende Inhalte und lösungsorientiertes Arbeiten ermögliche. Dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bei einem Arbeitgeber, der die Mitarbeiter zugleich fordert und för- dert, für die Absolventen wichtig ist, be- stätigt Ladina Härtli, die an der Univer- sität Zürich Beratungen zum Berufsein- stieg durchführt. Zwar müsse man mit allgemeingültigen Aussagen vorsichtig sein, da die Studierenden der UZH mit ihren verschiedenen Fakultäten und Fachrichtungen überaus heterogen sei- en. Dass sich die besten Talente nicht mehr nur durch ein hohes Salär und gute Karrieremöglichkeiten gewinnen lies- sen, hätten mittlerweile selbst die Con- sulting-Firmen erkannt. Gerade bei Ab- solventen der Wirtschaftswissenschaf- ten sind diese dafür bekannt, dass der Einstieg hart und die Arbeitstage lang sind. Dafür winken hohe Löhne, Reisen und steile Aufstiegsmöglichkeiten.

Erprobte Einsteiger

Wer nach der Universität in einem kom- petitiven Feld wie dem Consulting lan- den will, muss mehr bieten als nur einen Hochschulabschluss. Wichtig scheint vor allem, bereits während des Studiums Arbeitserfahrung zu sammeln. Ver- schiedene Firmen meldeten, dass die Studierenden heute meist mehr Berufs- erfahrung vorweisen könnten als ihre Vorgänger, sagt Ladina Härtli. So sei es beispielsweise seit der Um- setzung des Bologna-Modells einfa- cher, in den Sommermonaten ein Prak- tikum zu machen, denn die Prüfungen fänden nun meist vor den Ferien statt. In manchen Studiengängen ist es mög- lich, Praktika anrechnen zu lassen. So können angehende Politologen der Universität Zürich einen Sommer lang auf einer Schweizer Botschaft Diplo- matenluft schnuppern und müssen da- für an der Universität einen Kurs weni- ger belegen. Für andere Studiengänge ist ein Praktikum gar Pflicht. Wer sich an der ETH Zürich zum Maschinen- bauingenieur ausbilden lässt, muss vor dem Abschluss für mindestens fünf

Wochen in einem Industriebetrieb an Rotorblättern und Elektromotoren werken. Droht hier eine Generation Prakti- kum heranzuwachsen, die zwar in ver- schiedenen Bereichen Arbeitserfah- rung sammeln konnte, aber nie eine Festanstellung erhält und sich von Prak- tikum zu Praktikum hangelt? Tatsäch- lich sind befristete Arbeitsverträge nicht nur bei Praktika im Rahmen des Studiums verbreitet. Das Bundesamt für Statistik (BfS) hat Absolventen ein Jahr und fünf Jahre nach dem Abschluss zu ihrer Situation befragt. Zwölf Mo- nate nach dem Ende des Master- studiums oder des Doktorats sind noch fast die Hälfte aller Absolventen befris- tet angestellt. Allerdings sinkt der An- teil der Absolventen ohne festen Ver- trag im Laufe der Zeit. Das hängt auch damit zusammen, dass viele Absolventen nach dem Ab- schluss bewusst auf den Direkteinstieg mit Festanstellung verzichten. Stattdes-

Traineeships–Lehre für Hochschulabsolventen

poc. Die ersten Kapitel der Master- arbeit sind geschrieben, die Zeit an der Universität neigt sich dem Ende zu. Viele Studenten wissen schon jetzt ge- nau, wo sie nach dem Studium arbeiten werden. Wer nicht zu dieser Gruppe ge- hört und zuerst einmal verschiedene Unternehmen und Positionen kennen- lernen möchte, der ist mit einem Trai- neeship statt einer Festanstellung viel- leicht gut bedient. In der Schweiz dau- ern diese Programme 12 bis 24 Monate und sehen mehrere Arbeitseinsätze im Unternehmen vor. Bei Raiffeisen Schweiz etwa durchlaufen Trainees fünf Stationen, beispielsweise auf einer Ge- schäftsstelle, in der Abteilung für Fir- menkunden oder im Controlling. Fast immer kommen zudem berufsbeglei- tende Seminare und erfahrene Mitarbei- ter zum Einsatz, die die Einsteiger als Mentoren unterstützen. Ausflüge mit ehemaligen Trainees sollen es ermög-

lichen, in der Firma neue Leute für das eigene Netzwerk kennenzulernen. Oftmals kann der Absolvent im Laufe des Traineeship bestimmen, in welchen Bereichen er sich spezialisieren will. Bei manchen Firmen muss man sich hingegen bereits bei der Bewerbung ent- scheiden, wo man hinwill, da die Unter- nehmen die Neueinsteiger auf spezifi- sche Rollen im Betrieb vorbereiten. So bietet Julius Baer Ausbildungen zum Kundenberater oder zum Investment Specialist an, der Discounter Lidl formt zukünftige Regionalleiter, und bei Ap- ple wird man darauf vorbereitet, nach zwei Jahren einen Apple Store zu leiten. Wer bei einem internationalen Konzern unterkommt, darf schon bald die Koffer packen: Mehrmonatige Einsätze in einer ausländischen Niederlassung stehen bei- spielsweise für Ingenieure von ABB und Siemens auf dem Programm, während sich alle zukünftigen Analytiker des Ver-