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Hans J. Nicolini

Finanzierung für Sozialberufe

Hans J. Nicolini

Finanzierung für Sozialberufe

Grundlagen – Beispiele – Übungen

Hans J. Nicolini Finanzierung für Sozialberufe Grundlagen – Beispiele – Übungen

Bibliografische Information Der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.

1. Auflage Oktober 2006

Alle Rechte vorbehalten © VS Verlag für Sozialwissenschaften | GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2006

Lektorat: Stefanie Laux

Der VS Verlag für Sozialwissenschaften ist ein Unternehmen von Springer Science+Business Media. www.vs-verlag.de

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Umschlaggestaltung: KünkelLopka Medienentwicklung, Heidelberg Druck und buchbinderische Verarbeitung: Krips b.v., Meppel Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier Printed in the Netherlands

ISBN-10 3-531-15012-X ISBN-13 978-3-531-15012-3

Inhalt

5

Inhalt

1

Einleitung

13

1.1

Aufgaben der Finanzwirtschaft

15

1.2

Finanzmanagement

17

1.2.1

Finanzwirtschaftliche Entscheidungskriterien

18

1.2.1.1

Rentabilität

20

1.2.1.2

Zahlungsfähigkeit

21

1.2.1.3

Sicherheit

22

1.2.1.4

Unabhängigkeit

23

1.2.1.5

Shareholder Value

24

1.2.2

Liquiditätsmanagement

24

1.2.3

Forderungsmanagement

25

1.3

Grundbegriffe

28

1.3.1

Bestandsgrößen

28

1.3.1.1

Kapital

28

1.3.1.2

Vermögen

31

1.3.2

Stromgrößen

33

1.3.2.1

Auszahlungen und Einzahlungen

33

1.3.2.2

Ausgaben und Einnahmen

35

1.3.2.3

Aufwand und Ertrag

35

1.3.2.4

Kosten und Leistungen

35

2

Finanzierungsplanung

37

2.1

Systematische Unternehmensplanung

37

2.2

Operative Planung

39

2.3

Strategische Planung

40

2.4

Finanzierungsregeln

40

2.4.1

Vertikale Finanzierungsregeln

40

2.4.2

Horizontale Finanzierungsregeln

42

Deckungsgrad A

42

Deckungsgrad B

43

Deckungsgrad C

43

6

Inhalt

2.4.3

Aussagefähigkeit

45

2.5

Liquidität

45

2.5.1

Liquiditätsregeln

47

2.5.2

Liquiditätskennzahlen

48

2.6

Finanzplan

50

2.7

Gemeinnützigkeit

53

3. Finanzierungsarten

55

3.1

Innenfinanzierung

55

3.1.1

Selbstfinanzierung

56

3.1.2

Finanzierung durch Vermögensveränderungen

59

3.1.3

Finanzierung durch Bildung von Rückstellungen

62

3.1.4

Finanzierungen durch Abschreibungen

64

3.1.4.1

Bedeutung von Abschreibungen

65

3.1.4.2

Lohmann-Ruchti-Effekt

66

3.2

Außenfinanzierung

70

3.2.1

Beteiligungsfinanzierung

71

3.2.1.1

Einzelunternehmen

72

3.2.1.2

Personengesellschaften

73

Gesellschaft bürgerlichen Rechts

73

Offene Handelsgesellschaft

74

Partnerschaftsgesellschaft

75

Kommanditgesellschaft

76

Stille Gesellschaft

78

Genossenschaft

79

3.2.1.3

Kapitalgesellschaften

80

Gesellschaft mit beschränkter Haftung

80

Gemeinnützige GmbH

82

Aktiengesellschaft

82

Limited

84

Europäische Aktiengesellschaft

86

3.2.1.4

Fremdes Eigenkapital

88

3.2.2

Fremdfinanzierung

90

3.2.2.1

Kurzfristige Fremdfinanzierung

90

Kontokorrent

91

Lieferantenkredit

93

Kundenkredit

95

Commercial Papers

97

Wechselkredit

98

Inhalt

7

 

Avalkredit

100

Leasing

102

Forderungsverkauf

104

Asset back

securities

107

3.2.2.2

Langfristige

Fremdfinanzierung

109

Darlehen

109

Anleihen

114

Schuldscheindarlehen

115

3.2.3

Subventionsfinanzierung

115

3.2.3.1

Systematisierung und

Ausprägungsformen

116

Investitionsfinanzierung

117

Existenzgründungsunterstützung

119

3.2.3.2

Öffentliche

Förderung

121

Insitutionelle

Förderung

123

Projektförderung

124

Europäische

Union

125

Arbeitsverwaltung

KfW

128

Förderungsprogramme der

130

3.2.3.3

Sponsoring

131

3.2.3.4

Spenden

135

3.2.3.5

Fundraising

137

3.2.3.6

Stiftungen

141

Stiftungen

als

Finanzierungsinstrument

142

Stiftungen als

Finanzierungsquelle

144

3.2.3.7

Benefizveranstaltungen

145

3.2.3.8

Merchandising

146

3.2.3.9

Bußgelder

146

3.2.3.10

Lotteriemittel

149

3.2.3.11

Vermächtnisse

151

3.2.4

Mischformen

151

3.3

Auswahl der geeigneten

Finanzierungsform

153

3.4

Kreditsicherung

154

3.4.1

Pfandrechte

155

3.4.2

Grundpfandrechte

156

3.4.3

Eigentumsvorbehalt

158

3.4.4

Sicherungsübereignung

160

3.4.5

Zession

162

8

Inhalt

3.5

Finanzierungskosten 166

3.5.1

Zinsermittlung 166

Einfache

Zinsrechnung 167

Zinseszinsrechnung 168

Unterjährige

Zinsrechnung 170

Effektiver

Jahreszins 171

3.5.2

Rating 174

3.5.2

Basel

II 176

4 Finanzierungskontrolle

179

4.1

Investitionscontrolling 179

4.1.1

Investitionsrechnung 179

4.1.1.1

Statische

Investitionsrechnung 181

Kostenvergleichsrechnung 181 Gewinnvergleichsrechnung 182 Amortisationsrechnung 182

4.1.1.2

Dynamische

Investitionsrechnung 184

Kapitalwertmethode 184 Annuitätenmethode 187

4.1.2

Strategisches

Investitionscontrolling 187

4.1.3

Aussagefähigkeit 188

4.2

Finanzcontrolling 189

4.2.1

Cash-Flow-Rechnungen 190

4.2.2

Kapitalflussrechnung 192

4.2.3

Bewegungsbilanz 195

4.2.4

Abweichungsanalyse 196

4.2.5

Kennzahlen 196

4.2.5.1

Benchmarking 198

4.2.5.2

Eigenkapitalausstattung 201

Anhang

Übungsaufgaben 205

Übungsaufgaben 211

Förderbanken 217

Banken-Rating 218

Tabellen 220

Abkürzungsverzeichnis 227

Internetlinks 229 Literaturverzeichnis 232

Finanzmathematische

Checkliste zur Vorbereitung eines

Öffentliche

Lösungen zu den

Vorwort

9

Vorwort

In sozialen Organisationen und Einrichtungen besteht mehr und mehr das Erfor- dernis, die erbrachten Leistungen auch unter wirtschaftlichen Aspekten zu recht- fertigen. Dazu kann auf die Erkenntnisse der Allgemeinen Betriebswirtschaftsleh- re zurückgegriffen werden. In der kaufmännischen Ausbildung aller Ebenen werden die Kenntnisse zur Finanzierung selbstverständlich vermittelt. In den Bereichen allerdings, die nicht das Ziel der Gewinnmaximierung verfolgen, sind sie wenig verbreitet. Die Leitun- gen in Sozialeinrichtungen, Jugendeinrichtungen, Praxen und Kliniken und vielen Bereichen des Öffentlichen Dienstes hatten sich ganz bewusst dafür entschieden, sich schwerpunktmäßig eben nicht mit Zahlen zu beschäftigen. Die Vorstände von Vereinen und Verbänden sind vielfach vorwiegend auf anderen Feldern kompe- tent. Die Finanzierung beschäftigt sich mit der Frage, wie Organisationen, Unter- nehmen ebenso wie Haushalte, Sozialeinrichtungen u.a., sich erforderliche Geld- mittel beschaffen können. Sie können prinzipiell intern in der Organisation selbst erwirtschaftet worden sein oder von außen kommen Die Betriebswirtschaftslehre hat ein umfangreiches Instrumentarium entwickelt, das die Alternativen beschreibt und bewertet und die Entscheidungen dazu unterstützt. Eine klare Trennung zwi- schen gewinnorientierten und Non-Profit-Organisationen erscheint dabei weder möglich noch sinnvoll. Unabhängig davon, ob in der näheren Zukunft eine Finanzierung ansteht oder nicht, ist es hilfreich und notwendig, sich regelmäßig mit möglichen Alternativen zur Finanzierung über einen Bankkredit zu befassen und sich zumindest ausführ- lich zu informieren. Denn nur, wenn die Finanzierung langfristig auf mehreren soliden Beinen steht, sind die unterschiedlichsten möglichen Abhängigkeiten ab- schätzbar. 56% aller Organisationen kennen Finanzierungsalternativen wie Facto- ring, Beteiligungskapital, Mezzanine-Kapital oder Assed-backed-Securities nicht oder sind nicht ausreichend darüber informiert. Vor allem bei geringer Eigenkapi- talquote, wenn auf eine Finanzierung außerhalb des klassischen Bankkredits ge- achtet werden muss, bestehen die größten Defizite.

10

Vorwort

In diesem Sinne werden hier die Möglichkeiten beschrieben, wie soziale Ein- richtungen der unterschiedlichsten Art ihre Finanzierung gestalten, sichern und optimieren können. Dabei wird ein möglichst umfassender Überblick angestrebt, die Tiefe der Darstellung orientiert sich an den erwarteten Interessen der unter- schiedlichen Sozialeinrichtungen. Das Buch bietet Studierenden und Praktikern einen systematischen Überblick über die betriebswirtschaftlichen Aspekte der Finanzierung. Der Unterschied ge- genüber allgemeinen Darstellungen liegt in der Spezialisierung und Beschränkung:

– Vorkenntnisse werden nicht vorausgesetzt. Deshalb werden Fachbegriffe erklärt oder zumindest über einen Verweis eine Erläuterung angeboten.

– Die Themen orientieren sich an den notwendigen Kenntnissen für die Anwen- dung in den angesprochenen Organisationen und Einrichtungen. Das bedeutet einerseits eine thematische Einschränkung und andererseits den Verzicht auf die Darstellung von Varianten und besonderen Schwierigkeiten. Die Ansätze werden in ihrer grundsätzlichen Problematik dargestellt, ohne theoretische Fein- heiten zu erörtern.

– Da die Subventionsfinanzierung im sozialen Bereich eine weit größere Rolle spielt als bei der klassischen Unternehmensfinanzierung, wird sie relativ um- fangreich behandelt. Dabei wird bewusst in Kauf genommen, dass die prakti- schen Hinweise teilweise recht allgemein gehalten sein müssen, denn gerade in diesem Bereich sind die Finanzierungsmöglichkeiten oft von den ganz konkre- ten Gegebenheiten abhängig.

– Soweit bestimmte Finanzierungsformen in den angesprochenen Bereichen wohl keine Bedeutung haben, werden sie trotzdem der Vollständigkeit wegen ange- sprochen, aber oberflächlicher, als es für andere Zwecke erforderliche wäre. Dadurch wird die Darstellung entlastet und gleichzeitig die Gesamtübersicht erhalten.

– Finanzanlagen wie z.B. der Kauf von Wertpapieren, der Abschluss von Versi- cherungen und Sparplänen u.Ä. werden hier folglich nicht berücksichtigt. Ebenso muss die Beschreibung des Zahlungsverkehrs einer eigenen Darstellung vorbe- halten bleiben.

– Das umfangreiche und komplexe Thema „Exportfinanzierung“ wird angesichts der angesprochenen Leser nicht berücksichtigt, mit Hilfe der Internet-Links ist dennoch eine einfache und schnelle Orientierung möglich.

– Dagegen wird die Beteiligungsfinanzierung ausführlicher dargestellt, als es die aktuelle Situation erfordern würde. Hier wird es aber aller Voraussicht nach in nächster Zeit erhebliche Veränderungen und Umstrukturierungen geben. Um

Vorwort

11

eine sichere Orientierung zu ermöglichen, wird ein breiter Überblick geboten ohne die Darstellung in Details zu verästeln, die nur in wenigen speziellen Fäl- len interessant werden könnten.

– Auf Formeln kann nicht ganz verzichtet werden. Trotz der manchmal zunächst kompliziert wirkenden Darstellung kann aber – auch mit Hilfe der Erläuterun- gen – ein Verständnis problemlos erreicht werden. Die Grundideen, die hinter den jeweiligen Berechnungen stecken, sind meistens recht simpel.

– Die Beispiele sind den Arbeitsbereichen der angesprochenen Zielgruppe ent- nommen.

– Zu „Finanzcontrolling“ und „Investitionsrechnung“ erfolgt eine Einführung. Bei enger Auslegung des Themas gehören diese beiden Bereiche nicht zur Finanzie- rung aber sie runden das Thema ab.

– Zur Unterstützung der weiteren Beschäftigung mit den Themen wird auf zahl- reiche Internet-Adressen hingewiesen. Der Vorteil liegt im günstigen, schnellen und unkomplizierten Zugang zu den Informationen. Ein Nachteil ist sicher dar- in zu sehen, dass sich Inhalte und Gestaltung der Seiten ändern können. Auch neue Seiten entstehen permanent, die ähnliche und dann vielleicht sogar bessere Informationen enthalten.

– Bei den schriftlichen Quellen erfolgt im Allgemeinen eine Beschränkung auf einführende und grundlegende Darstellungen. Sie sind in der Regel leicht zu beschaffen und allgemeinverständlich verfasst.

Kritische Hinweise der Leserinnen und Leser sind ausdrücklich erwünscht.

September 2006 Hans J. Nicolini

13

1 Einleitung

Eine gute Finanzierung ist die Basis für einen erfolgreichen und nachhaltigen Auf- bau einer Organisation und die Fortdauer ihrer Existenz. Ohne Wissen über die finanzielle Situation des Unternehmens ist wirtschaftliches Handeln undenkbar. Ursprünglich bezeichnete man mit „Finanzierung“ nur die Kapitalbeschaffung durch Ausgabe von Wertpapieren, die neuere Sicht umfasst auch die optimierte Kapitalrückzahlung und -umschichtung zur umfassenden Versorgung mit Kapital. In der Praxis sind Finanzierungsfragen eng verflochten mit dem betrieblichen Rechnungswesen, Investitionen, der Besteuerung, dem Wirtschaftsrecht und vie- len anderen Bereichen. Der ökonomische Bezugsrahmen lässt sich so skizzieren:

Arbeitsmarkt

Bezugsrahmen lässt sich so skizzieren: Arbeitsmarkt Finanzmärkte Beschaffungsmärkte Absatzmärkte

Finanzmärkte

Beschaffungsmärkte

Absatzmärkte

Finanzierungsmängel sind eine häufige Ursache für das Scheitern von Unterneh- men und insbesondere von jungen Unternehmen. Die typischen Fehler bei der Fi- nanzierung sind:

– zu wenig Eigenkapital

– mangelnde Planung des Kapitalbedarfs

– hohe Schulden bei Lieferanten

– zu wenig Beratung

14

Einleitung

– Verwendung des Kontorrentkredits 1 zur Finanzierung von Investitionen

– Finanzierungshilfen werden nicht in Anspruch genommen

Nach der sorgfältigen Ermittlung des kurz- und langfristigen Kapitalbedarfs bieten sich zahlreiche Alternativen der Finanzierung. Grundsätzlich wird nach der Her- kunft der Finanzmittel unterschieden zwischen Eigen- und Fremdkapital.

Gesamtkapital

Gesamtkapital

Eigenkapital

Eigenkapital

Fremdkapital

Fremdkapital

In diesem Zusammenhang ist zu beachten, dass die Eigen- und Fremdkapitalgeber unterschiedliche rechtliche Stellungen aufweisen.

 

Eigenkapital

Fremdkapital

Haftung

im Insolvenzfall Haftung

Gläubigerstellung:

zumindest in Einlagenhöhe

Keine Haftung

Ertragsanspruch

Teilhabe an Gewinn und Verlust

Zinsanspruch in verein- barter Höhe, i.d.R. kein Anteil an Gewinnen und Verlusten

Vermögensanspruch

Anspruch in Höhe der Einlage, wenn der Liquidationserlös die Schulden übersteigt

Anspruch in Höhe der Gläubigerforderung

Leitung

i.d.R. Einfluss auf die Leitung

grundsätzlich ausgeschlossen, aber faktische Möglichkeit

1 Vgl. Kap. 3.2.2.1 Kurzfristige Fremdfinanzierung

1.1 Aufgaben der Finanzwirtschaft

15

zeitliche

i.d.R. zeitlich unbegrenzt

i.d.R. befristet

Verfügbarkeit

finanzielle Kapazität

begrenzt durch Kapazität und Bereitschaft der Kapitalgeber

begrenzt durch die möglichen Sicherheiten

Zum Eigenkapital rechnet man eigene Mittel und Beteiligungskapital (Risikokapi- tal) 2 , Fremdkapital sind Kredite und Fördermittel. Häufig reicht das Eigenkapital zur Finanzierung von geplanten Vorhaben nicht aus. Dann muss zur Finanzierung Fremdkapital eingesetzt werden, Kredit- oder Subventionsgeber müssen gefunden werden. Die Aufgabe des Finanzmanagements besteht u.a. darin, die optimale Kapitalstruktur herzustellen und besonders das Verhältnis von Eigen- zu Fremdka- pital festzulegen. Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist es sinnvoll, Kapitalgeber / -anleger und die- jenigen, die Kapital benötigen, so zusammenzubringen, dass möglichst geringe Reibungsverluste in Form von Transferkosten entstehen. Als Vermittler zwischen Kapitalgebern und -nehmern kommen vornehmlich Börsen und Banken in Betracht, aber auch andere, oft spezialisierte Institutionen.

1.1 Aufgaben der Finanzwirtschaft

Aufgabe der Finanzierung ist die Versorgung der Organisation mit Kapital zur Si- cherung der Zahlungsfähigkeit und zur Schaffung einer angemessenen Kapitalzu- sammensetzung. Der Begriff „Finanzierung“ wird sehr umfassend verstanden. Neben der reinen Bereitstellung finanzieller Mittel werden alle Dispositionen berücksich- tigt, die sich aus der wirtschaftlichen Betätigung ergeben. Investitions- und Finan- zierungsentscheidungen sind unmittelbar miteinander verbunden, sie sind zwei Seiten der derselben Medaille. Die drei Hauptfunktionen sind folglich

– Finanzierung

– Finanzdisposition

– Investition.

Damit ist die Finanzwirtschaft als wichtiger Teil der Unternehmens- / Verbands- / Vereinspolitik zuständig für

2 Vgl. Kap. 3.2.1 Beteiligungsfinanzierung

16

Einleitung

– die optimale Versorgung der Organisation mit Kapital

– die Investitionen als Verwendung finanzieller Mittel

– die Optimierung des Zahlungsverkehrs

– die Optimierung der Kapital- und Vermögensstruktur

– die Sicherstellung der Zahlungsfähigkeit

– die Dokumentation und Verwaltung.

Ihre Bedeutung ergibt sich aus der einfachen Überlegung, dass eine wirtschaftliche Betätigung ohne finanzielle Mittel kaum möglich ist. Diese finanziellen Mittel müssen jeweils

– in der richtigen Größenordnung

– zum richtigen Zeitpunkt

– in der erforderlichen Form

– am richtigen Ort

zur Verfügung stehen. Diese Dispositionen werden als „Finanzmanagement“ be- zeichnet. Die komplexen Zusammenhänge
zur Verfügung stehen. Diese Dispositionen werden als „Finanzmanagement“ be-
zeichnet. Die komplexen Zusammenhänge zeigt die Skizze 3 :
Staat
Eigentümer
(3)
(4)
Kreditgeber
(2)
(5)
(1)
(6)
Debitoren-
Zahlungsmittel-
bestand
(7)
bestand
(Forderungen aus
(10)
Verkäufen)
(8)
Kreditoren-
bestand
(9)
(Verbindlichkeiten
aus Käufen)
Güter
Produktion
Dienstleistungen

3 In Anlehnung an Eichholz, Reinhold E. / Kluge, Hans-Jürgen, Finanzwirtschaft / Planungsrech- nung, 4. Aufl. München 1999

1.2 Finanzmanagement

17

(1)

Kapitalzuführungen

(2)

Dividenden, Gewinnauszahlungen u.Ä

(3)

Subventionen, Projektgelder, Zuschüsse u.Ä.

(4)

Steuern, Gebühren

(5)

Kredite

(6)

Zinsen, Tilgung

(7)

Käufe

(8)

Verkäufe

(9)

Kosten, die zu Auszahlungen führen (z.B. Personalkosten, aber keine Abschreibungen)

(10) Zahlungen von Schuldnern

Damit ist Finanzierung auch für soziale Einrichtungen weit mehr als die Gestal- tung der Beziehungen zu einem Kostenträger. Sie stellt ein System dar, in dem die Übernahme von definierten nicht marktfähigen Leistungen nur ein Element ist.

Leistungs- empfänger Öffentliche Kostenträger Leistungserbringer Kreditinstitute andere Finanzierungen
Leistungs-
empfänger
Öffentliche
Kostenträger
Leistungserbringer
Kreditinstitute
andere
Finanzierungen

1.2

Finanzmanagement

Im Rahmen des Finanzmanagements werden die Verwendung und der Rückfluss der finanziellen Mittel geplant, gesteuert und kontrolliert. Es stellt die finanzielle Führung der Organisation dar und entscheidet über die Maßnahmen, die zur Reali- sierung der finanzwirtschaftlichen Ziele erforderlich sind.

18

Einleitung

Wie bei anderen Zielen in Organisationen sind mehrere Gruppen beteiligt, die jeweils spezifische und eventuell unterschiedliche Interessen verfolgen. Das Ma- nagement hat die Aufgabe, die unterschiedlichen Ansprüche auszugleichen. Aus der Gesamtzielsetzung werden die finanzwirtschaftlichen Teilziele und Ne- benbedingungen, Rentabilität, Sicherheit, Liquidität und Unabhängigkeit abgelei- tet. Das Rentabilitätsstreben setzt möglichst geringe Finanzierungskosten als wei- ters Ziel voraus. Die Managementlehre stellt dafür strategische Konzepte zur Verfügung, die sich sowohl auf die Ressourcen in der Organisation als auch auf die Umfeld- und Branchensituation beziehen. Beide stellen Instrumente zur Verfügung, um die Ent- scheidungen zur langfristigen Entwicklung zu bewerten und zu begründen. Die finanzwirtschaftlichen Ziele einer Organisation sind Teil der übergeordne- ten Unternehmensziele und somit anderen abgeleiteten Unternehmenszielen gleich- zusetzen.

Unternehmensziele Finanzwirtschaftliche Ziele
Unternehmensziele
Finanzwirtschaftliche
Ziele
zusetzen. Unternehmensziele Finanzwirtschaftliche Ziele Leistungswirtschaftliche Ziele Soziale Ziele Unter den

Leistungswirtschaftliche

Ziele

Soziale Ziele

Unter den finanzwirtschaftlichen Zielen steht an erster Stelle die Sicherung der Zahlungsfähigkeit, weil die Existenz der Organisation unmittelbar davon abhängt.

1.2.1 Finanzwirtschaftliche Entscheidungskriterien

Die finanzwirtschaftlichen Entscheidungskriterien liefern Maßstäbe für eine opti- male Gestaltung des Finanzierungsbereichs und tragen dadurch zu einem bestmög- lichen Gesamtergebnis für die Organisation bei. Als Entscheidungskriterien wer- den angesehen:

1.2 Finanzmanagement

19

– die Rentabilität

– die Liquidität

– die Sicherheit

– die Unabhängigkeit

und als neueres Kriterium

– der „shareholder value“.

Allgemein gilt, dass die Qualität des zur Verfügung gestellten Kapitals umso bes- ser bewertet werden muss,

– je länger es zur Verfügung steht

– je geringer die Kosten sind.

Die anderen Kriterien sind damit eng verbunden.

Rentabilität

anderen Kriterien sind damit eng verbunden. Rentabilität Liquidität Unabhängigkeit Sicherheit Die Skizze zeigt,

Liquidität

Unabhängigkeit

Sicherheit

Die Skizze zeigt, dass die Entscheidungskriterien nicht unabhängig voneinander sind, ihre Verfolgung kann durchaus konkurrierend sein. Eine „optimale“ Alterna- tive bezieht sich auf eines der Ziele.

20

Einleitung

Beispiele:

1.) Eine selbstständige Yoga-Lehrerin möchte 5.000 Euro anlegen. Sie kennt zwei alternative Möglichkeiten:

a) Festgeld

1 Jahr festgelegt

4,0 % Zinsen

b) Girokonto jederzeit verfügbar

1,0 % Zinsen

Wenn es ihr Ziel ist, einen maximalen Zinsertrag zu erzielen, wird sie sich für Variante a) entscheiden. Wenn es ihr Ziel ist, ständige Verfügbarkeit zu sichern, wird sie Variante b) wählen.

2.) Ein Zahnarzt will 5.000 Euro anlegen. Sein Bankberater bietet ihm an:

a) Bundesanleihe

03,5 %

b) Anleihe Argentinien

14,0 %

Maximaler Zinsertrag und Sicherheit konkurrieren in diesem Fall, weil bei der Anleihe Argentinien ein höheres Ausfallrisiko besteht.

1.2.1.1 Rentabilität

Die Rentabilität stellt fest, wie hoch die Wirksamkeit eines Kapitaleinsatzes, der Kapitalnutzen, ist. Wann innerhalb des Zeitraums das Ergebnis eintritt, ist nach- rangig. Sie ist eine Verhältniszahl. Eine Erfolgsgröße (z.B. Zinsertrag) wird zu einer Bezugsgröße ins Verhältnis gesetzt und als Prozentsatz ausgedrückt. Typi- scherweise wird sie wird für einen Zeitraum ermittelt, meist bezogen auf ein Jahr.

Re ntabilität =

Ergebnisgröße

Bezugsgröße

x 100

Wichtigste Varianten sind die Eigenkapitalrentabilität

Gewinn

Eigenkapital

x 100,

1.2 Finanzmanagement

21

die Gesamtkapitalrentabilität

Erfo lg sgröße + Fremdkapitalzinsen

die Umsatzrentabilität

Gesamtkapital

Erfo lg sgröße

x 100.

Umsatzerlöse

x 100

und

Sobald der ermittelte Wert > 1 ist, kann grundsätzlich von Rentabilität gesprochen werden, aber ob sie zufrieden stellend ist, kann nur entschieden werden im Ver- gleich mit Alternativen. Außerdem kann der Bereich, auf den sich die Renditeermittlung bezieht, sehr unterschiedlich sein. Denkbar ist die Renditeermittlung für einzelne Organisati- onsbereiche, Projekte, Produktbereiche und Investitionen ebenso wie für die ge- samte Organisationseinheit. Eine besondere Schwierigkeit ist in jedem Fall die Festlegung und Ermittlung der Erfolgsgröße 4 . Zudem ist zu beachten, dass Ansatz- und Bewertungsspielräume bilanzpoli- tisch ausgenutzt werden können, die Darstellung der Ertragskraft also auch im legalen Bereich in die eine oder andere Richtung beeinflussbar ist.

1.2.1.2 Zahlungsfähigkeit

Liquidität ist die Fähigkeit, allen Zahlungsverpflichtungen fristgerecht und betrags- genau nachkommen zu können. Als ausreichend gilt deshalb

Zahlungsmittelbestand + Einzahlungen Auszahlungen.

Durch Kapitalbeschaffung im Rahmen der Finanzierung wird die Liquidität be- rührt, weil Fremdkapital i.d.R. im Voraus befristet zur Verfügung steht und unter bestimmten Voraussetzungen auch kündbar sein kann. Deshalb ist bereits bei der

4 Vgl. z.B. Horváth, Péter / Reichmann, Thomas (Hrsg.), Großes Controllinglexikon, München 1993, S. 545 ff.

22

Einleitung

Kapitalbeschaffung zu prüfen, ob später termingerecht getilgt werden kann. Je kürzer die Kündigungsfrist, desto höher ist das Liquiditätsrisiko. Andererseits verringert die Ausrichtung am Liquiditätsziel die Kapitalrentabi- lität: Finanzielle Mittel, die zuverlässig oder wahrscheinlich kurzfristig zur Verfü- gung stehen müssen, können kaum zur Renditesteigerung eingesetzt werden. Mit Illiquidität wird dagegen die Zahlungsunfähigkeit bezeichnet. Sie ist das auf dem Mangel an Zahlungsmitteln beruhende Unvermögen, die Schulden noch tilgen zu können. Illiquidität führt bei allen Rechtsformen letztlich zur Insolvenz.

1.2.1.3 Sicherheit

Unter dem Aspekt der Kapitalerhaltung ist ein weiteres finanzwirtschaftliches Ziel, die Investitionsrisiken möglichst gering zu halten. Elemente der Risikominderung sind

– eine Verringerung der Unsicherheit durch langfristige Planungen

– eine Risikoabsicherung durch langfristige Festlegungen

– eine Risikoüberwälzung durch Versicherungen oder Beteiligung der Kapital- geber am Risiko

Als Folge dieser Überlegungen ist ein sicherheitsbezogenes Finanzmanagement anzustreben. Kapitalanlageentscheidungen sind zukunftsbezogen, dem Sicherheitsstreben ei- nerseits stehen Prognosen über Rückflüsse gegenüber, die letztlich unsicher und zudem schwankend sind. Um zu einer rationalen Entscheidung bezüglich alternativer Anlage- und Fi- nanzierungsmaßnahmen zu gelangen, ist eine quantitative Verbindung zwischen den Dimensionen Sicherheit und Rentabilität herzustellen, die die Risikopräferenz des Finanzentscheiders berücksichtigt. Höhere Rentabilität geht meist einher mit sinkender Sicherheit. Die finanzwirtschaftlichen Risiken lassen sich in vier Kategorien 5 gliedern:

Gegenparteirisiken

sich in vier Kategorien 5 gliedern: Gegenparteirisiken Ausfallrisiken Aktienkursrisiken Zinsänderungsrisiken 5

Ausfallrisiken

Aktienkursrisiken

Zinsänderungsrisiken

1.2 Finanzmanagement

23

1.2 Finanzmanagement 23 Marktrisiken Liquiditätsrisiken Operationelle Risiken 1.2.1.4 Unabhängigkeit Aktienkursrisiken

Marktrisiken

Liquiditätsrisiken

Operationelle Risiken

1.2.1.4 Unabhängigkeit

Aktienkursrisiken

Zinsänderungsrisiken

Währungsrisiken

Anspannungsrisiken

Terminrisiken

Abrufrisiken

Externe Risiken

Interne Risiken

Bei finanzwirtschaftlichen Entscheidungen ist auf die Erhaltung der Dispositions- freiheit zu achten. Die Entscheidungsfreiheit in finanziellen Fragen bezeichnet man als Unabhängigkeit. Wesentliche Einflussfaktoren sind

– Informationspflichten, z.B. gegenüber den Kreditgebern

– Entscheidungsbeschränkungen durch vertragliche Regelungen, z.B. Ausschließ- lichkeitsklauseln

– Mitspracherechte der Kapitalgeber, z.B. weil sich wichtige Gläubiger in Auf- sichts- und Kontrollgremien wählen lassen, um ihre Interessen zu sichern.

Das Streben nach Unabhängigkeit ist je nach Interessenlage in den Organisationen unterschiedlich stark ausgeprägt. Das Interesse des Finanzmanagements besteht darin, diese Einflussmöglichkeiten möglichst gering zu halten, um die eigenen Gestaltungsmöglichkeiten umfassend ausnutzen zu können. Durch Aufnahme zusätzlichen Eigenkapitals werden neue Mitspracherechte ge- schaffen. Bei Aufnahme von Fremdkapital müssen Sicherheiten in Form von Hy- potheken, Sicherungsübereignungen, Verpfändungen u.Ä. 6 gestellt werden, die die Dispositionsfreiheit einengen.

6 Vgl. Kap. 3.4 Kreditsicherung

24

Einleitung

1.2.1.5 Shareholder Value

Dieses neuere Entscheidungskriterium ist eigentlich entwickelt worden 7 zur Si- cherung und Vergrößerung des Aktionärsvermögens, die prinzipielle Idee ist aber auch anwendbar auf alle Formen der Bereitstellung von Eigenkapital. Sharehol- der 8 sind die Anteilseigner, der Shareholder Value stellt den gesamten Vermögens- wert der Anteilseigner dar. Ausgangspunkt ist die Analyse der Zielsetzungen der unterschiedlichen Inter- essengruppen. Hierzu zählen neben den Eigentümern die Arbeitnehmer, die Kun- den, der Fiskus, das Management, die Gläubiger, die Lieferanten u.a. Die gesamte Geschäfts- und damit auch die Finanzpolitik soll sich nach dem Shareholder Value-Prinzip aber an nur einem Ziel orientieren: Der Wert einer ge- samten Organisationseinheit soll zugunsten der Eigentümer langfristig erhalten und möglichst gesteigert werden. Damit steigt auch der Wert der Eigentumsanteile. Das Konzept zwingt damit auch gerade strategische Überlegungen in ein finanz- wirtschaftliches Kalkül. Der Shareholder Value-Ansatz ist besonders geeignet, diese Strategien zu be- urteilen. Angestrebt wird, unter Berücksichtigung des bestehenden Geschäfts und der notwendigen Investitionen neben einer angemessenen Verzinsung des Kapital- einsatzes auch den Wert der gesamten Organisation von einer zur nächsten Periode zu erhöhen. Die Orientierung finanzwirtschaftlicher Entscheidungen am Marktwert des Ei- genkapitals kann allerdings auch als unzulässige Verkürzung der unternehmeri- schen Realität gedeutet werden. Eigenkapitalgeber sind nicht die einzigen An- spruchsgruppen. Demnach sind mindestens auch mögliche Auswirkungen auf Mit- arbeiter, Kunden, die Öffentlichkeit und die Umwelt zu berücksichtigen. Eine ein- seitig am Shareholder Value orientierte Finanzpolitik kann zu einer kurzfristigen und einseitigen Wertbetrachtung führen, die wesentliche Erfolgspotenziale nicht ausreichend berücksichtigt.

1.2.2

Liquiditätsmanagement

Liquidität ist die Fähigkeit, allen fälligen Zahlungsverpflichtungen pünktlich nach- kommen zu können. Die Sicherung ausreichender Liquidität zu jedem möglichen Zeitpunkt ist für die dauerhafte Existenz jeder Organisation unerlässlich. Liquidi-

7 Erstmals diskutiert von Alfred Rappaport, Creating Shareholder Value. The New Standard of Busi- ness Performance, New York 1986

1.2 Finanzmanagement

25

tätsprobleme können zu Zahlungsunfähigkeit und damit im Extremfall zur Insol- venz 9 führen. Vor diesem Hintergrund kommt der Liquiditätsplanung eine besondere Bedeu- tung zu. Es muss sichergestellt sein, dass die Organisation über das ganze Jahr hinweg jederzeit zahlungsfähig ist.

Praxistipp:

Falls Liquiditätsengpässe absehbar sind, können u.a. folgend Sofortmaßnah- men zu einer Entlastung führen:

– Einnahmen erhöhen

– Einnahmen schneller realisieren

– Ausgaben reduzieren

– Ausgaben zeitlich verzögern

1.2.3 Forderungsmanagement

Einen wichtigen Beitrag zur Sicherung ausreichender Liquidität leistet ein effizi- entes Forderungsmanagement. Ein effizientes Forderungsmanagement muss Bestandteil der strategischen Lei- tung sein. Durch keine andere Maßnahme lassen sich die operativen Erträge so direkt positiv beeinflussen wie durch eine Verminderung der Außenstände. Für den unternehmerischen Erfolg jeder Organisation ist die zeitnahe Realisa- tion der Forderungen unverzichtbar. Der unerwartete Ausfall von Forderungen durch Zahlungsunfähigkeit oder mangelnder Zahlungsbereitschaft stellt ein erhebliches Risiko für die Liquidität und damit eine existenzielle Gefahr dar. Forderungen bilden in vielen Organisationen den größten Posten auf der Aktiv- seite der Bilanz. Sie binden Kapital, müssen teuer finanziert werden, schmälern die Rendite und bergen Ausfallrisiken. Das gilt umso mehr, als Schuldner nicht selten ihr Verhalten an die Erfahrungen mit einem Gläubiger anpassen, also ver- spätet und erst nach Mahnung zahlen. Ein wirkungsvolles, schnell reagierendes und trotzdem kundenorientiertes Forderungsmanagement reduziert den Finanzie- rungsbedarf.

9 Insolvenz ist die Zahlungsunfähigkeit eines Unternehmens oder einer natürlichen Person. Sie liegt vor, wenn -nicht nur vorübergehend- die fälligen Schulden nicht mehr beglichen werden können. Bei juristischen Personen liegt Insolvenz auch vor, wenn eine Überschuldung gegeben ist. Ein wei- terer Insolvenzgrund ist bei Eigenantrag des Schuldners die drohende Zahlungsunfähigkeit (Vgl. § 18 II InsO).

26

Einleitung

Die Erfahrung zeigt, dass die Ausfallwahrscheinlichkeit von Forderungen umso höher ist, je mehr Zeit zwischen Überschreitung einer Fälligkeit und den ersten Schritten im Mahnverfahren vergeht. Nach sechs Monaten beträgt die Ausfallwahr- scheinlichkeit bereits 38 %, nach zwölf Monaten 78 %. 10 Die Forderungsrealisation wird zudem zu oft durch eine großzügige Rechnungs- stellung behindert. Gläubiger sollten stärker als bisher üblich Sicherheiten zur Ein- räumung von – auch kurzfristigen – Krediten fordern, denn momentan wird der Großteil der Kredite ungesichert eingeräumt und birgt somit ein großes Risikopo- tenzial.

Ziele des Forderungsmanagements sind

– Transparenz über die Situation der Schuldner

– Senkung von Forderungsverlusten

– Nutzung von Kosteneinsparmöglichkeiten

Wichtige Instrumente dabei sind:

– Absicherung im Vorfeld. Dazu können Sicherheiten verlangt werden oder ver-

tragliche Lösungsklauseln vereinbart werden. 11

– Rechtliche Schritte bei Zahlungsverzug. Grundsätzlich stehen dabei zwei Mög- lichkeiten zur Verfügung:

– Wenn die gelieferte Ware noch vorhanden ist, also noch nicht weiterver- kauft oder verarbeitet wurde, kommt die Rückabwicklung des Liefervertra- ges in Betracht.

– Andernfalls kann die Vertragserfüllung mit Zwangsmaßnahmen durchge- setzt werden.

– Früherkennung der Zahlungsunfähigkeit. Die Beobachtung der Zahlungspflich- tigen kann dem unerwarteten Verlust von Forderungen durch Zahlungsunfähig-

keit oder Überschuldung vorbeugen. Anzeichen für Liquiditätsschwierigkeiten auf Kundenseite können z.B. sein:

– Das Zahlungsziel soll mehrfach verlängert werden

– Zahlungsschwierigkeiten gegenüber anderen werden bekannt

– Steuerschulden

– Verspätete Zahlung von Löhnen und Gehältern

Dem Mahnwesen kommt im Rahmen des Forderungsmanagements eine große Bedeutung zu. Offene Rechnungen bedeuten Zeit- und Personalaufwand, Zinsver- luste, Liquiditätsengpässe und im schlimmsten Fall Totalverlust der Forderungen.

10 Interne Auswertung der Abit AG

1.2 Finanzmanagement

27

Gerade bei notorisch säumigen Zahlern muss ein straffes und konsequentes Mahnwesen verfolgt werden, weil die Schuldner dadurch zu einer schnelleren Be- gleichung ihrer Zahlungsverpflichtungen bewegt werden. Bekannte Inkonsequen- zen würden von den Schuldnern erkannt und für eigene Zwecke genutzt, sie passen ihr Zahlungsverhalten an und werden fällige Zahlungen weiter hinauszögern. Die Verjährungsfristen sind unterschiedlich und abhängig von der Art der For- derung:

Frist

Beispiele

 

Ansprüche aus falscher Beratung Kaufpreis

Handwerkerrechung

3 Jahre

Miete

Gehalt

10

Jahre

sonstige Schadenersatzansprüche

 

Herausgabeansprüche aus Eigentum familien- und erbrechtliche Ansprüche

Ansprüche aus Urteilen Schadenersatzansprüche, die auf der Verletzung des Lebens, des Körpers, der Gesundheit oder der Freiheit beruhen

30

Jahre

 

Aus Vereinfachungsgründen beginnen die Verjährungsfristen im Regelfall am 1. Januar des Folgejahres. Für eine am 4. Januar 2007 entstandene Forderung endet die Verjährungsfrist am 31.12. 2010, für eine Forderung, die am 30. 12. 2007 ent- standen ist, endet die Verjährungsfrist am gleichen Tag. Ein weiteres Mittel zur Vermeidung von Zahlungsausfällen ist das Factoring, das als Kauf bzw. Verkauf von Geldforderungen aus Waren- und Dienstleistungs- geschäften im Rahmen eines Vertrages definiert ist. Factoring beinhaltet drei Funk- tionen:

– Liquiditätsfunktion: Der Verkauf von Forderungen führt sofort zu Einnahmen.

– Kreditsicherungsfunktion: Das Ausfallrisiko wird vollständig vermieden.

– Servicefunktion: In der Regel wird das Mahnwesen einschließlich Inkasso oder Rechtsverfolgung übernommen.

28

Einleitung

Das Factoring ist allerdings nicht kostenlos. Je nach Umfang, Anzahl der Einzel- rechungen und veranschlagtem Risiko werden 0,8 bis 2,5 % der Forderungssum- me in Rechung gestellt. Wenn das relativ aufwändige Mahnwesen nicht selbst organisiert werden kann oder soll, besteht die Möglichkeit, es außer Haus zu geben. Verschiedene Inkasso- unternehmen bieten diese Dienstleistung an.

Praxistipp:

Zur Vermeidung von Forderungsausfällen können folgende Regeln dienen:

– Vereinbarung von möglichst kurzen Zahlungszielen

– Kurzfristige Zusendung der Rechung

– Rechtzeitige Mahnung

– Forderung von Abschlagzahlungen

Bei Erfolglosigkeit des Mahnverfahrens werden die Forderungen zunächst vorge- richtlich bearbeitet. Die Effizienz der Forderungsbeitreibung hängt dabei stark ab vom Know-how der jeweiligen Sachbearbeitung. Wenn die notwendigen Kennt- nissee nicht vorhanden ist, sollte ein Inkassounternehmen eingeschaltet werden. Schon sein Auftreten hat oft eine Erhöhung der Zahlungsbereitschaft des Schuld- ners zur Folge. Zusätzlich bestimmt ein konsequentes Vorgehen die Höhe der Geld- einzugsleistung und damit die Realisierung der Forderung für den Gläubiger.

1.3

Grundbegriffe

1.3.1

Bestandsgrößen

Bestandsgrößen der Finanzierung beziehen sich auf einen bestimmten Zeitpunkt. Ihre Benennung erfolgt in einer Geldgröße. Zu den Bestandsgrößen gehören das Vermögen und das Kapital.

1.3.1.1 Kapital

Im betriebswirtschaftlichen Sinne ist Kapital die Summe aller Finanzierungsmit- tel. Es kann unterteilt werden nach der Fristigkeit in kurzfristiges, mittelfristiges und langfristiges Kapital sowie in Eigenkapital und Fremdkapital.

1.3 Grundbegriffe

29

Vermögen

Der Kapitalbegriff leitet sich ab aus der Darstellung der Finanzierung in der Bilanz. Im engeren Sinne versteht man darunter, wie Vermögensgegenstände fi- nanziert sind. Darüber gibt die Passivseite einer Bilanz Auskunft.

Aktiva

Passiva

Eigenkapital

Fremdkapital

Das Eigenkapital steht typischerweise langfristig zur Verfügung, es ist das Beteili- gungskapital der Eigentümer. Es hat nach üblicher Auffassung drei Funktionen:

– Investitionsfunktion

– Kreditfunktion

– Betriebspolitische Funktion

Der definierte Umfang des Eigenkapitals ist von der Rechtsform abhängig.

– Bei Personengesellschaften 12 entspricht das Eigenkapital dem Vermögen ab- züglich des Fremdkapitals. Das sind die Mittel, die die Eigentümer zur Verfü- gung gestellt haben, zuzüglich der nicht entnommenen Gewinne und abzüglich der Verluste.

Einlagen

+

nicht entnommene Gewinne eventuelle Verluste

./.

=

Eigenkapital

– Bei Kapitalgesellschaften 13 sieht das Handelgesetzbuch detaillierte Regelun- gen vor. Danach 14 gilt:

12 z.B. Einzelunternehmen, OHG, KG

13 z.B. AG, GmbH

30

Einleitung

 

Gezeichnetes Kapital

Grundkapital bei der AG Stammkapital bei der GmbH

+

Kapitalrücklagen

Vgl. § 272 Abs. 2 HGB

+

Gewinnrücklagen

Vgl. § 272 Abs. 3 HGB

+

/ ./.

Gewinnvortrag /

Übertragung von Gewinn oder Verlust aus dem Vorjahr

 

Verlustvortrag

+

/ ./.

Jahresüberschuss /

Ergebnis vor der

 

Jahresfehlbetrag

Gewinnausschüttung

=

Eigenkapital

Allgemein gilt für das Eigenkapital: 15

Kriterium

Eigenschaft

Rechtsverhältnis Fristigkeit Verzinsung Gewinnbeteiligung Mitwirkung an der Geschäftsführung Geldentwertung Interessenlage

Beteiligung Unbefristet, eventuell kündbar Kein Anspruch Recht auf Anteil am Gewinn Unterschiedlich nach Rechtsform und Gesellschaftsvertrag Risiko trägt der EK-Geber langfristige Rendite

Das Fremdkapital ist die Summe der Schulden einer Organisationseinheit. Es er- gibt sich aus der Differenz zwischen den Vermögenswerten und dem Eigenkapital. Es ist der Teil des Gesamtkapitals, der von Externen zur Verfügung gestellt wird. Nach der Dauer der Kreditüberlassung unterteilt man in

– langfristiges Fremdkapital

– Darlehen

– Schuldverschreibungen 16

– Genussscheine

– Leasing

– kurzfristiges Fremdkapital

– Lieferantenkredit

– Kontokorrentkredit

– Kundenkredit

– Factoring

15 nach Eichholz, Reinhold, Finanzwirtschaft, Planungsrechnung, 4. Aufl. München 1999, S. 19

1.3 Grundbegriffe

31

Bei Rückstellungen handelt es ebenfalls um Fremdkapital mit der Besonder- heit, dass die Verbindlichkeiten zwar dem Grunde nach sicher sind, nicht aber ihre Höhe und der Zeitpunkt. Typische Gründe für Rückstellung sind

– Steuernachzahlungen

– Schadenersatzansprüche

– Gewährleistungsansprüche

Prozessrisiken

Rückstellungen für zugesagte Pensionen

Beispiel:

Eine selbstständige Altenpflegerin rechnet nach einer Beratung durch ihren Steuerberater damit, dass der Einkommensteuerbescheid zu einer Nachzah- lung führen wird. Sie hat damit grundsätzlich „Schulden“ bei der Finanzver- waltung, kennt die Höhe aber nicht und weiß auch nicht, wann das Finanzamt den Bescheid erteilen wird.

Weil Rückstellungen für Aufwendungen gebildet werden, mindern sie den Gewinn. Sie wirken sich dadurch positiv aus auf die flüssigen Mittel und erhöhen die Liqui- dität. Allgemein gilt für das Fremdkapital:

Kriterium Eigenschaft

Rechtsverhältnis Schuldverhältnis Fristigkeit Befristete Bereitstellung Verzinsung Anspruch auf Verzinsung gemäß Vertrag Gewinnbeteiligung Keine Gewinnbeteiligung

Mitwirkung an der Geschäftsführung

Geldentwertung Wird vom FK-Geber getragen Interessenlage Sicherung der Verzinsung über die gesam-

Kein Mitspracherecht. Eventuell Kontrollfunktion

te Laufzeit

1.3.1.2 Vermögen

Das Vermögen umfasst grundsätzlich die materiellen und immateriellen Güter ei- ner Person oder einer Organisation, also z.B. Wertpapiere und Bargeld, Vorräte

32

Einleitung

und Geschäftsausstattung mit Maschinen und Anlagen, Rechte wie Patente und Lizenzen. Die Höhe des Vermögens bzw. der Vermögenszuwachs müssen finanziert wer- den, der Finanzierungsbedarf hängt also unmittelbar mit dem Vermögen zusam- men. Das gilt für alle Vermögensgegenstände, nicht nur für die nach handels- und steuerrechtlichen Vorschriften auszuweisenden. Man unterscheidet – auch unter Finanzierungsaspekten – zwischen Anlage- und Umlaufvermögen.

– Das Anlagevermögen umfasst die Vermögensgegenstände, die dauernd der be-

trieblichen Leistungserstellung dienen und die Betriebsbereitschaft sichern. Dazu gehören

– Sachanlagen wie Grundstücke, Bauten, technische Anlagen, Betriebs- und Geschäftsausstattung.

– Finanzanlagen wie Wertpapiere und Beteiligungen.

– Immaterielle Vermögensgegenstände, z.B. Konzessionen und Geschäftswert.

– Das Umlaufvermögen besteht aus den Vermögensgegenständen, die nicht dau-

ernd dem Geschäftsbetrieb dienen sollen, also nur kurzfristig gebunden sind. Dazu gehören

– Vorräte, z.B. Handelswaren, Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe, fertige und unfertige Erzeugnisse.

– Forderungen als Rechte aus Lieferungen und Leistungen.

– Wertpapiere wie Anteile an verbundenen Unternehmen, eigene Anteile und Papiere, die einer kurzfristigen Anlage dienen.

– Flüssige Mittel, z.B. Kassenbestände und Schecks, Guthaben bei Kreditin- stituten.

In Organisationen sind nicht immer alle Vermögensarten vorhanden, Sachanlagen, Vorräte und flüssige Mittel aber eigentlich immer. Ohne Vermögen kann der Organisationszweck nicht erreicht werden. Im Lei- stungsprozess werden die verschiedenen Vermögensgegenstände umgeformt, wo- bei darauf zu achten ist, dass

– das Gesamtvermögen nicht abnimmt (Substanzerhaltung)

– die Vermögensformen vorhanden sind, die für die Leistungserstellung benötigt werden.

1.3 Grundbegriffe

33

Beispiel:

Vermögensteile 17 in einem Krankentransportunternehmen könnten z.B. so ein- zuordnen sein:

– Immaterielle Vermögensgegenstände: Erlaubnis, Krankentransporte durch- zuführen

– Sachanlagen: Schreibtische, Computer, Telefonanlage, Transportfahrzeuge

– Finanzanlagen: Beteiligung an einer Reha-Klinik

– Vorräte: Benzin, Ersatzdecken, Briefbögen, Kassenbestand

– Forderungen: Rechungen für Transportleistungen sind gestellt, aber noch nicht bezahlt

Im Zusammenhang mit Finanzierungsüberlegungen hat das Vermögen noch eine wesentliche Funktion: es dient der Sicherung von Ansprüchen

1.3.2 Stromgrößen

Stromgrößen drücken Wertbewegungen aus, sie verändern die Bestandsgrößen. Einzahlungen, Einnahmen, Erträge und Leistungen erhöhen den Bestand, Auszah- lungen, Ausgaben, Aufwand und Kosten führen zu einer Bestandsminderung. Ein Überblick über die verschiedenen für die Finanzierung relevanten Strom- größen gibt die Übersicht:

Auszahlung

Geldbewegungen

Einzahlung

Ausgabe

Güterbewegungen

Einnahme, Erlös

Aufwand

Güterverbrauch / Güterentstehung

Ertrag

Kosten

Güterverbrauch / Güterentstehung, betriebszweckbezogen

Leistung

1.3.2.1 Auszahlungen und Einzahlungen

Typische Zahlungsströme sind Einzahlungen und Auszahlungen. Geld fließt einer Organisation zu oder aus ihr ab. Eine Veränderung des Vermögens ist dadurch

17 Die Zuordnung erfolgt unter systematischen Gesichtspunkten, nicht nach den Vorschriften des Handels- und Steuerrechts.

34

Einleitung

möglich, aber nicht notwendig. Es handelt sich um tatsächliche bare oder unbare Geldbewegungen, Einzahlungen als Zuflüsse von liquiden Mitteln, Auszahlungen als Abflüsse von liquiden Mitteln. Auszahlungen sind Zahlungsmittelabflüsse, Einzahlungen sind die Zahlungs- mittelzuflüsse. Als Zahlungsmittel gelten die Bestände an Bargeld, Schecks und Wechseln und die Guthaben bei Kreditinstituten. Bei kapitalbindenden Auszahlungen findet keine Vermögensminderung statt, z.B.

– beim Kauf von Produktionsfaktoren

– bei der Zahlung von Kostensteuern

– bei Zinszahlungen

Bei kapitalentziehenden Auszahlungen wird das Vermögen dadurch gemindert, z.B.

– bei Zahlung von Ertragsteuern

– bei Gewinnausschüttungen

– bei Entnahmen für private Zwecke

Entsprechend werden auf der anderen Seite kapitalfreisetzende und kapitalzufüh- rende Einzahlungen unterschieden.

Beispiel:

In einer Arztpraxis wird ein neues Diagnosegerät angeschafft und durch Über- weisung vom Girokonto bezahlt. Die Auszahlung führt zu einem Abfluss an liquiden Mitteln, eine Verringerung des Vermögens liegt jedoch nicht vor, weil mit dem neuen Gerät das Anlagevermögen in gleicher Höhe verändert wird. Es handelt sich um eine kapitalbindende Auszahlung. Der Zahlung von Verbandsbeiträgen vom gleichen Girokonto steht jedoch kein Vermögenszuwachs gegenüber, die Auszahlung führt zu einer Verminde- rung des Vermögens. Kapital wird entzogen.

Aus Sicht einer Einrichtung ist ein Bankkredit eine Finanzierungsmaßnahme, aus Sicht der Bank dagegen eine Investition. Investition und Finanzierung sind ledig- lich zwei Seiten einer Medaille und müssen daher im Zusammenhang betrachtet werden.

– Bei Investitionen steht zu Beginn eine Auszahlung, gefolgt von Einzahlungen in der Zukunft.

– Der Zahlungsstrom einer Finanzierungsmaßnahme dagegen beginnt mit einer Einzahlung und zukünftigen Auszahlungen, die zum Beispiel Zins und Tilgung eines Kredits darstellen.

1.3 Grundbegriffe

35

1.3.2.2 Ausgaben und Einnahmen

Ausgaben und Einnahmen sind umfassender als Auszahlungen und Einzahlungen. Die Erweiterungen bestehen in der zusätzlichen Einbeziehung der Veränderungen von Forderungen und Verbindlichkeiten:

 

Auszahlungen

Einzahlungen

+

Forderungsabgänge

+

Forderungszugänge

+

Verbindlichkeitszugänge

+

Verbindlichkeitenabgänge

=

Ausgaben

=

Einnahmen

Beispiel:

Im obigen Fall wird das Diagnosegerät nicht sofort durch Überweisung ge- zahlt. Vielmehr nutzt der Arzt das Zahlungsziel von 30 Tagen aus, das ihm von dem Lieferanten eingeräumt wird. Seine Verbindlichkeiten haben zugenommen, die Ausgaben sind gestiegen, ob- wohl noch keine Auszahlung vorliegt.

1.3.2.3 Aufwand und Ertrag

Aufwand und Ertrag sind Größen aus der Finanzbuchhaltung, sie werden vor allem herangezogen, um den Gewinn zu ermitteln. Aufwendungen geben den Wert der verbrauchten Sach- und Dienstleistungen während einer Periode an. Erträge sind das Ergebnis des Leistungsprozesses und geben den Wert der erstellten Sach- und Dienstleistungen an. Sofern sie steuerlichen Vorschriften entsprechen, werden Aufwendungen auch als Betriebsausgaben und Erträge auch als Betriebseinnahmen bezeichnet.

1.3.2.4 Kosten und Leistungen

Als Kosten wird der bewertete betriebsbedingte Güterverzehr bezeichnet. Die in den Leistungsprozess eingegangenen Mengen an Produktionsfaktoren werden dazu mit ihren Preisen bewertet. Bei den Leistungen werden drei Gruppen unterschieden:

36

Einleitung

– Umsatzleistungen entsprechen den Umsatzerlösen aus dem Verkauf von Waren und Dienstleistungen.

– Lagerleistungen sind Bestandserhöhungen.

– Eigenleistungen sind selbst erstellte Anlagen und ähnliche Leistungen.

Die Skizze zeigt die Zusammenhänge und Korrespondenzen zwischen den ver- schiedenen Stromgrößen:

Auszahlung Ausgabe Aufwand Kosten
Auszahlung
Ausgabe
Aufwand
Kosten
Einzahlung Einnahme Ertrag Leistung
Einzahlung
Einnahme
Ertrag
Leistung

37

2 Finanzierungsplanung

Die Finanzplanung umfasst vollständig und zeitpunktgenau die Höhe der Ein- und Auszahlungen. So wird der Finanzmittelbedarf für einen definierten Zeitraum er- mittelt. Üblich ist eine Aufteilung, die sowohl eine sehr kurzfristige (Tagesplan), wie auch eine mittelfristige (bis zu einem Jahr) und eine langfristige (mehrere Jah- re) Planung ermöglicht. Je länger der Planungszeitraum ist, je weiter also die er- warteten tatsächlichen Ein- und Auszahlungen in der Zukunft liegen, desto unsi- cherer sind naturgemäß die Daten und desto unschärfer wird die Finanzplanung sein müssen. In Zukunft werden die Finanzierungen noch weitaus komplexer werden, die richtige Kombination aus mehreren Finanzierungsinstrumenten zur Lösung der an- stehenden Probleme wird zugleich Herausforderung und Chance sein.

2.1 Systematische Gesamtplanung

Der Prozess der Finanzplanung muss eingebettet sein in den umfassenderen Pro- zess der gesamten Organisationsplanung. Idealerweise ergibt sich eine Vorgehens- weise, wie sie aus der Managementlehre bekannt ist:

Ziele bilden

weise, wie sie aus der Managementlehre bekannt ist: Ziele bilden kontrollieren analysieren realisieren entscheiden

kontrollieren

analysieren

realisieren

entscheiden

38

2 Finanzierungsplanung

Im Zielbildungsprozess werden die Finanzierungsziele definiert. Dabei bleibt zunächst unberücksichtigt, welcher Weg zur Realisierung dieser Ziele führen kann und ob es überhaupt eine Realisierungsmöglichkeit gibt. Bei diesem Schritt kommt es also darauf an, dass keine vorzeitigen Einschränkungen entstehen, dass keine „Schere im Kopf“ entsteht. Bei der Analyse wird zunächst die Ausgangslage festgestellt. Dazu gehören

– die Prognose des Finanzbedarfs und der Einnahmen- und Ausgabenströme.

– die aktuelle Finanzierungssituation wie der momentane Anteil des Fremdkapi- tals, die Einstellung der Eigentümer, die derzeitige und zukünftige Liquiditäts- lage.

– die Lage auf dem Kapitalmarkt.

– die allgemeinen wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen.

Danach erfolgt die Analyse der Finanzierungsalternativen unter Berücksichtigung der gesetzten Ziele. Die eigentliche Finanzentscheidung erfolgt durch Bewertung der verschiede- nen Alternativen. Wie bei allen Entscheidungen wird zunächst die Vorteilhaftigkeit jeder Alternative ermittelt und ihre Eintrittswahrscheinlichkeit geschätzt. Aus die- sen beiden Komponenten ergeben sich – unter den getroffenen Annahmen – Er- wartungswerte, aus denen sich die optimale Alternative ergibt 18 . Die Realisation ist die konsequente Umsetzung der Finanzierungsentscheidung. Sie umfasst also – abhängig von der Art der Lösung – die Verhandlung mit Kredit- gebern, Maßnahmen zur Verbesserung des Fundraising, Beauftragung von Exter- nen u.Ä. Bei der Kontrolle schließlich handelt es sich um einen Soll-Ist-Vergleich, die prognostizierten Ergebnisse der Finanzplanung werden den tatsächlichen gegen- übergestellt. Dabei werden gegebenenfalls Notwendigkeiten für Korrekturen fest- gestellt und zugleich Möglichkeiten gesucht, zukünftige Abweichungen von den Plänen zu vermeiden. Die so gewonnen Erkenntnisse werden zur Planungsverbes- serung genutzt. Die systematische Finanzplanung ist also ein kontinuierlicher Prozess, bei dem sich die einzelnen Schritte permanent wiederholen und durch eventuell notwendi- ge Korrekturen optimiert werden. Eine Reaktion ist insbesondere notwendig, wenn die Abweichungen gegenüber dem Plan auf strukturelle Mängel zurückzuführen sind. Wenn einmalige Vorgänge, die sich voraussichtlich nicht wiederholen wer- den, die Ursache sind für die Differenzen, kann eine Korrektur entfallen.

18 Vgl. z.B. http://de.wikipedia.org/wiki/Entscheidungstheorie

2.2

Operative Planung

39

Bezogen auf den zeitlichen Planungshorizont unterscheidet man zwischen ei- ner eher langfristige strategischen Planung und der eher kurzfristigen operativen Planung.

Praxistipp:

Die Kapitalgeber werden in Zukunft auf Transparenz verstärkt Wert legen und ausführliche Informationen über den Geschäftsverlauf und finanzwirt- schaftliche Kennzahlen verlangen. Dazu sind viele Organisationen gar nicht in der Lage und versperren sich dadurch möglicherweise interessante Finan- zierungsmöglichkeiten. Die notwendigen Schritte zum Aufbau eines ange- messenen Informationssystems müssen langfristig vorgesehen werden, eine schnelle Einführung unter äußerem Druck verspricht keinen Erfolg.

2.2 Operative Planung

Die operative Finanzplanung dient der kurzfristigen Steuerung. Sie ist meistens für ein- bis maximal zwölf Monate konzipiert und eignet sich deshalb für die eigentli- che Liquiditätssteuerung, also die kostengünstige Beschaffung der aktuell notwen- digen dispositiven Liquidität und ihre rentable Verwendung. Sie soll monatsgenau sein und deshalb auch monatlich erstellt werden. Der kurzfristige Finanzplan ist die Basis und zugleich Zentrum der gesamten Finanzplanung. Er soll die Liquidität für die unmittelbare Zukunft feststellen. Da- bei werden eventuelle Engpässe sichtbar und ihre Gründe können identifiziert werden. Deutlich ist, dass die operative Planung eingebettet ist in die strategische Pla- nung. Die Grundstruktur entspricht der anderer Finanzpläne:

+

Plananfangsbestand an liquiden Mitteln Planeinzahlungen Planauszahlungen

./.

=

Planendbestand an liquiden Mitteln

Sinnvoll ist neben dieser einfachen Übersicht sicher auch eine kumulierte Erfas- sung der Zahlungsströme, die eine Betrachtung der Einnahmen und Ausgaben deut- lich vereinfacht.

40

2 Finanzierungsplanung

2.3 Strategische Planung

Die strategische Planung ist langfristig angelegt, der Planungshorizont umfasst meistens mehrere Jahre. Daher ist eine enge Verzahnung mit der Investitionspla- nung und anderen finanzierungsrelevanten Planungen unabdingbar. Die langfristige Finanzplanung befasst sich mit der Sicherung der strukturellen Liquidität, sie ist Teil der Steuerung für die gesamte Einrichtung. Die Grundstruktur eines mehrjährigen Finanzplanes berücksichtigt die langfri- stigen Ein- und Auszahlungen:

Planeinzahlungen aus Außenfinanzierung

+

Planeinzahlungen aus Innenfinanzierung

./.

Planauszahlungen für Investitionen

./.

Planauszahlungen für Kapitalrückzahlung

2.4 Finanzierungsregeln

Als Anhaltspunkte für finanzpolitische Entscheidungen sind Finanzierungsregeln entwickelt worden, die sich nicht mit der absoluten Höhe der des Kapitals und des Vermögens beschäftigen, sondern mit den Relationen von Eigen- und Fremdkapi- tal einerseits und Anlage- und Umlaufvermögen andererseits.

Aktiva Passiva AV EK UV FK
Aktiva
Passiva
AV
EK
UV
FK

2.4.1 Vertikale Finanzierungsregeln

Vertikale Finanzierungsregeln beschäftigen sich mit dem Verhältnis von Eigen- und Fremdkapital.

2.4 Finanzierungsregeln

41

Aktiva Passiva AV EK UV FK
Aktiva
Passiva
AV
EK
UV
FK

Die einfachste Regel besagt, dass sich die Eigentümer in gleicher Weise beteiligen sollen wie die Gläubiger, dass die Anteile von Fremd- und Eigenkapital gleich groß sein sollten:

Eigenkapital

1

oder

EK

Fremdkapital

FK

x 100

100%

Diese Regel erscheint jedoch allzu simpel, denn eine Beurteilung der Finanzie- rungssituation kann nur unter Berücksichtigung der Gliederung der Aktivseite sinn- volle Aussagen erfolgen. Trotzdem spielt die vertikale Betrachtung in der Praxis eine bedeutende Rolle, nämlich im Ausweis des Eigenkapitalanteils, der so ge- nannten Eigenkapitalquote.

Eigenkapitalquote

Eigenkapital

=

Gesamtkapital

Bei Kreditverhandlungen werden die Banken ein besonderes Augenmerk auf die Eigenkapitalausstattung legen. Eine niedrige Eigenkapitalquote bedeutet einen geringen Finanzierungsspielraum und führt zu einem niedrigen finanziellen Puffer zur Überbrückung schwieriger Engpässe. Der Grund liegt in den Funktionen 19 des Eigenkapitals, es

– wirkt als Verlustpuffer und beugt einem Verlust durch Überschuldung vor.

– verursacht keine Belastung der Liquidität durch Zins- und Tilgungszahlungen.

– erhöht als Haftungskapital die Kreditwürdigkeit.

– führt nicht zur Mitsprache von Gläubigern bei wichtigen Entscheidungen.

– kann in Risikosituationen nicht von Außenstehenden aus dem Unternehmen herausgezogen werden.

42

2 Finanzierungsplanung

Die Eigenkapitalausstattung wird im Allgemeinen – besonders bei kleinen und mittleren Unternehmen – als zu gering angesehen. Eine Finanzierungsstruktur, die hauptsächlich Fremdkapital berücksichtigt, ist meistens angesichts der Risiken nicht zielführend.

2.4.2 Horizontale Finanzierungsregeln

Horizontale Finanzierungsregeln betreffen sowohl Positionen der Aktiv- als auch der Passivseite.

Aktiva Passiva AV EK UV FK
Aktiva
Passiva
AV
EK
UV
FK

Sie beruhen auf der Vorstellung von Fristenkongruenz 20 , dass nämlich Vermögens- gegenstände, die langfristig zur Verfügung stehen müssen, auch langfristig finan- ziert sein sollten. Gegenstände des Umlaufvermögens dagegen, die definitionsge- mäß nicht dauerhaft zur Verfügung stehen sollen, können kurzfristig finanziert sein. Alle Vermögensteile sollen also entsprechend der Dauer ihres Verbleibs mit min- destens gleich fristigem Kapital gedeckt sein. Daraus werden die horizontalen Finanzierungsregeln entwickelt:

Deckungsgrad A Der Deckungsgrad A (auch Goldene Bilanzregel) beschreibt den einfachsten Zu- sammenhang, der sich aus der Forderung nach Fristenkongruenz ergibt. Danach soll das gesamte Anlagevermögen, weil es der Organisation langfristig dient, durch Eigenkapital gedeckt sein, das ebenfalls langfristig gebunden ist.

20 Kongruenz = Übereinstimmung, Deckungsgleichheit

2.4 Finanzierungsregeln

43

Aktiva Passiva AV EK UV FK EK ≥ EK 1 oder x 100 ≥ 100
Aktiva
Passiva
AV
EK
UV
FK
EK ≥
EK
1
oder
x 100
100 %
AV
AV

Deckungsgrad B Die Überlegungen zum Deckungsgrad A werden insofern modifiziert, als die Tat- sache berücksichtigt wird, dass ein Teil des Fremdkapitals ebenfalls langfristig zur Verfügung steht und deshalb bei der Finanzierung des Anlagevermögens berück- sichtigt werden kann.

Aktiva Passiva EK AV langfristiges FK mittelfristiges FK UV kurzfristiges FK EK + langfristiges FK
Aktiva
Passiva
EK
AV
langfristiges FK
mittelfristiges FK
UV
kurzfristiges FK
EK
+
langfristiges FK ≥
AV
1

Deckungsgrad C Wieder mit dem Grundgedanken der Fristenkongruenz berücksichtigt der Dek- kungsgrad C, dass es auch im Umlaufvermögen (entgegen der Definition, das Um- laufvermögens stünde nur kurzzeitig zur Verfügung) Vermögensgegenstände ge- ben kann, die tatsächlich langfristig gebunden sind, weil sie sehr wohl für die Be- triebsbereitschaft zwingend erforderlich sind. Gemeint ist der „Eiserne Bestand“, ein Sicherheitsbestand an Waren bzw. Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffen zur Auf-

44

2 Finanzierungsplanung

rechterhaltung der Produktions- und Lieferbereitschaft. Seine Höhe ist sehr unter- schiedlich und abhängig vom Bedarf, vom Bestellrhythmus, von der Bestellmen- ge, von den Lieferfristen u.a.

Aktiva Passiva AV EK Eiserner Bestand langfristiges FK mittelfristiges FK UV kurzfristiges FK EK +
Aktiva
Passiva
AV
EK
Eiserner Bestand
langfristiges FK
mittelfristiges FK
UV
kurzfristiges FK
EK
+ langfristiges FK
1

AV

+ Eiserner Bes tan d im UV

Beispiel: Die Gegenüberstellung von Vermögen und Schulden in einer Bilanz ergibt folgendes Bild: Bilanz Aktiva
Beispiel:
Die Gegenüberstellung von Vermögen und Schulden in einer Bilanz ergibt
folgendes Bild:
Bilanz
Aktiva
Passiva
AV
80
EK
60
UV
FK
eiserner Bestand
20
langfristig
50
Vorräte
40
mittelfristig
30
Kasse, Bank
30
kurzfristig
30
170
170
Daraus ergeben sich als horizontale Kennzahlen:
EK
60
Deckungsgrad
A :
1
=
=
0,75
Bedingung nicht erfüllt
AV
80
EK
+
langfristiges FK
60
+
50
Deckungsgrad
B :
1
=
=
1,38
erfüllt
AV
80
EK
+
langfristiges FK
60
50
Deckungsgrad C :
1 =
+ 1,1
= →
erfüllt
AV
+ Eiserner Bes tan d
80
+ 20

2.5 Liquidität

45

2.4.3

Aussagefähigkeit

Diese Finanzierungsregeln können allerdings nur Hinweise und Anhaltspunkte sein, weil ihre Erfüllung allein keineswegs die Zahlungsfähigkeit sichert oder garan- tiert. Ihre Schwächen resultieren vor allem daraus, dass sie an Bilanzpositionen gebunden sind:

– Die festgestellten Beziehungen sind stichtagsbezogen, sie beschreiben die Si- tuation zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt, der zudem noch in der Vergan- genheit liegt.

– Bei der Bewertung der Vermögensgegenstände gibt es zahlreiche Spielräume und Gestaltungsmöglichkeiten 21 .

– Es gibt nur in besonderen Fällen Hinweise auf die Entwicklung nach Aufstel- lung der Bilanz.

– Unvorhersehbare Ereignisse können trotz Einhaltung der Finanzierungsregeln zu Liquiditätsproblemen führen.

– Kostengesichtspunkte, Gewinnaussichten und Autonomieaspekte spielen bei den Finanzierungsregeln keine Rolle.

– Vergleiche zwischen verschiedenen Tätigkeitsfeldern sind nicht sinnvoll.

Trotz dieser offenkundigen Probleme der horizontalen Finanzierungsregeln soll- ten sie nicht außer Acht gelassen werden.

Sie bieten einfache und transparente Entscheidungshilfen, die gegebenenfalls im Einzelfall modifiziert werden können oder modifiziert werden müssen.

Im Vergleich über mehrere Perioden sind Veränderungen erkennbar, die – glei- che Vorgehensweise vorausgesetzt – wertvolle Hinweise erlauben über die fi- nanzielle Entwicklung.

Da die Regeln allgemein gebräuchlich sind, wird ihre Einhaltung bei der Ein- schätzung und Bewertung durch Externe eine wichtige Rolle spielen.

2.5

Liquidität

Liquidität bezeichnet die Fähigkeit und Bereitschaft, jederzeit bestehende Zah- lungsverpflichtungen der Höhe nach fristgerecht erfüllen zu können. Laufende Kosten und eingehenden Rechnungen müssen jederzeit bezahlt werden können. Die dazu notwendigen „liquiden Mittel“ sind Kassenbestände und Guthaben auf

21 Vgl. §§ 252 ff. HGB

46

2 Finanzierungsplanung

Girokonten. Andere Vermögensgegenstände können in kürzerer oder längerer Frist in liquide Mittel umgewandelt werden. Wenn Zahlungen durch eine zu niedrige Liquidität nicht oder nur verspätet geleistet werden können, wirkt sich das negativ auf die Reputation aus. Dauerhaft fehlende Liquidität hat Zahlungsunfähigkeit zur Folge. Andererseits ist eine hohe Liquiditätsreserve unproduktiv angelegtes Vermögen.

Beispiel:

Eine Einrichtung „Essen auf Rädern“ kauft regelmäßig die Lebensmittel bei den gleichen Händlern auf dem Großmarkt.

a) Mangelndes Liquiditätsmanagement führt dazu, dass die Rechnungen nicht pünktlich bezahlt werden können. Auf Dauer werden die Händler Vorkasse verlangen, neue Lieferanten werden nicht zu finden sein, die Kreditauskünfte werden belastet.

b) Die gleiche Einrichtung hat hohe Liquiditätszuflüsse durch den Verkauf der Essen, die sich auf dem Geschäftskonto ansammeln. Diese über- höhte Liquidität könnte z.B. in eine verbesserte Geschäftsausstattung mit höherer Kapazität oder in höher verzinsliche Finanzanlagen inve- stiert werden.

Auch eine rentabel arbeitende Organisation kann zahlungsunfähig werden. Es müssen nur einige Kunden später als erwartet bezahlen oder gar ein Zahlungs- pflichtiger ganz ausfallen. Liquiditätsschwierigkeiten sind dann die fast unaus- weichliche Folge. Sie gehören zu den größten Problemen und häufigsten Ursa- chen für Insolvenz. Daher muss die Liquidität systematisch geplant und sorgfältig überwacht wer- den. Sie kann mit Hilfe einer Liquiditätsrechnung vorausberechnet werden, die mindestens drei Monate umfassen sollte. Basis dafür ist eine aussagefähige Ko- stenrechnung 22 . Voraussetzung für die Ermittlung und Sicherstellung der Liquidität ist die ex- akte Planung aller anfallenden Ein- und Ausgaben. Aus der Differenz ergibt sich der periodenbezogene Saldo: die Liquidität, die zur Verfügung steht, um die finan- ziellen Verpflichtungen zu erfüllen. Dabei stellt sich möglicherweise auch ein Li- quiditäts-Fehlbetrag heraus, der schnellstmöglich behoben werden sollte. Bei mangelnder Liquidität können oft nur noch die allerwichtigsten Verpflich- tungen beglichen werden. Skontomöglichkeiten können nicht ausgenutzt werden,

22 Vgl. Nicolini, Hans J., Kostenrechung für Sozialberufe, Wiesbaden 2005

2.5 Liquidität

47

Geschäftskonten werden über die Kreditlinie hinaus überzogen, Umsatzsteuern werden nicht abgeführt und die Mitarbeiter erhalten ihren Lohn nicht mehr pünkt- lich. Diese Vorgehensweise ist aber nur sehr kurzfristig erfolgreich und führt ledig- lich zu höheren Kosten. Die Liquidität verschlechtert sich weiter und führt zu Zah- lungsunfähigkeit. Zu hohe Liquidität führt hingegen zu Rentabilitätseinbußen. Zahlungsverpflich- tungen können dann zwar leicht erfüllt werden, aber durch fehlende Verzinsung der überschüssigen Liquidität sinkt die Rentabilität.

2.5.1

Liquiditätsregeln

Liquiditätsregeln stellen ein Verhältnis her zwischen Teilen des Umlaufvermögens und kurzfristigen Schulden.

Aktiva Passiva AV EK UV FK Kasse, kurzfristige kurzfr. Forderungen Verbindlichkeiten
Aktiva
Passiva
AV
EK
UV
FK
Kasse,
kurzfristige
kurzfr. Forderungen
Verbindlichkeiten

Welche Teile des Umlaufvermögens (Flüssige Mittel, Forderungen, konsumreife Waren u.a.m.) und der kurzfristigen Schulden (Lieferantenverbindlichkeiten, son- stige Verbindlichkeiten u.a.m.) dabei aufeinander bezogen werden sollen, wird je nach Branche, aber auch abhängig von der jeweiligen Meinung der Autoren, unter- schiedlich gesehen. Mit dieser Ungenauigkeit werden dann die

– 1 : 1 - Regel

– 1 : 2 - Regel

Teile des UV

=

1

=

1

 

kurzfr. Schulden

1

Teile des UV

=

2

=

2

 

kurzfr. Schulden

1

48

2 Finanzierungsplanung

aufgestellt. Beide sichern zwar die jederzeitige Zahlungsfähigkeit, ein Liquiditäts- management können sie aber schon deshalb nicht wirkungsvoll ersetzen, weil die Gefahr der Überliquidität besteht. Andererseits können nur solche Verbindlichkeiten berücksichtigt werden, die zum Zeitpunkt der Analyse bzw. zum Zeitpunkt der Datenermittlung bereits beste- hen. Spätere, auch kurzfristige Verbindlichkeiten wie Mieten und Personalkosten, sind nicht erfasst und können so zu Zahlungsproblemen führen.

2.5.2

Liquiditätskennzahlen

Um Liquidität differenziert beurteilen zu können, werden Kennziffern zu Liquidi- tätsgraden gebildet:

– Liquidität 1. Grades (Barliquidität): Die kurzfristigen liquiden Mittel (Kasse, Bank, Schecks, diskontierbare Wechsel, u.Ä.) werden zu den kurzfristigen Ver- bindlichkeiten (z.B. fällig in den nächsten drei Monaten) ins Verhältnis gesetzt.

kurzfristige liquide Mittel

kurzfristige Verbindlichkeiten

– Liquidität 2. Grades: Die liquiden Mittel zuzüglich der kurzfristigen Forderun- gen (fällig innerhalb der nächsten 3 Monate) werden zu den kurzfristigen Ver- bindlichkeiten ins Verhältnis gesetzt.

kurzfristige liquide Mittel + kurzfristige Forderungen

kurzfristige Verbindlichkeiten

– Liquidität 3. Grades: Entweder wird das gesamte Umlaufvermögen zu den kurz- fristigen Verbindlichkeiten ins Verhältnis gesetzt

Umlaufvermögen

kurzfristige Verbindlichkeiten

oder als Variante der Liquidität 3. Grades wird als Bezugsgröße die Summe aus den kurz- und mittelfristigen Verbindlichkeiten gewählt:

2.5 Liquidität

49

Umlaufvermögen

kurzfristige

+ mittelfristige Verbindlichkeiten

Die Liquiditätskennzahlen werden als zufrieden stellend beurteilt, wenn ihr Wert > 1 ist. Diese Ansicht ist aber sicher viel zu einfach und kann sogar zu falschen Einschätzungen führen. Bei der Barliquidität kann im Einzelfall ein Wert > 0,5 schon zu einer Überliquidität führen. Bei der Liquidität 3. Grades sollte dagegen ein Wert deutlich > 1 angestrebt werden, damit auch noch Teile des Umlaufvermö- gens den langfristigen Verbindlichkeiten gegenüber stehen.

Beispiel:

Eine Diätberaterin macht am Ende eines Geschäftsjahres folgende Bilanz auf:

Aktiva

 

Passiva

 

Anlagevermögen Vorräte Forderungen aus Beratung Kasse und Bank

 

1.500

Eigenkapital Rücklagen Darlehen 5 Jahre kurzfr. Verbindlichkeiten

1.000

 

200

200

 

1.700

1.000

 

100

1.300

 

3.500

 

3.500

Die Ermittlung der Liquiditätskennzahlen ergibt:

 

Liquidität 1. Grades :

kurzfristige liquide Mittel

100

= 0,077

 
 
 

kurzfristige Verbindlichkeiten

 

1.300

Das Ziel ist deutlich verfehlt, die Liquidität 1. Grades muss als schlecht be- zeichnet werden.

 

kurzfristige liquide Mittel

+

kurzfristige Forderungen

 

Liquidität 2. Grades :

kurzfristige Verbindlichkeiten

 

 

100

+

1.700

1.800

=

=

1,38

 
 

1.300

 

1.300

50

2 Finanzierungsplanung

Die Liquidität 2. Grades ist zufrieden stellend.

Liquidität 3. Grades :

Umlaufvermögen

2.000

 

1.300

= 1,54

kurzfristige Verbindlichkeiten

Formal ist die Liquidität 3. Grades ebenfalls zufrieden stellend, aber ihre Aussagefähigkeit muss kritisch gesehen werden: Ob die Vorräte kurzfristig verkauft werden können, damit die Erlöse zur Bedienung der kurzfristigen Verbindlichkeiten zur Verfügung stehen, wird im Einzelfall festzustellen sein.

2.6

Finanzplan

Weil die Finanzlage einer Organisation in jedem Falle von entscheidender Bedeu- tung für ihre dauerhafte Existenz ist, kann Improvisation im Finanzbereich keine Option sein. Die systematische Vorwegnahme zukünftiger Zahlungsströme ist ein unverzichtbares Leitungsinstrument. Ein Finanzplan stellt die Auszahlungen zukünftiger Perioden (Wochen, Mona- te) den Einnahmen gegenüber. Je genauer ein Finanzplan ausgearbeitet ist, desto eher kann eine Organisation auf veränderte Rahmenbedingungen reagieren. Dabei werden sich bei aller Sorgfalt Ungenauigkeiten nicht vermeiden lassen, weil Pro- gnosen über zukünftige Daten immer mit Unsicherheiten verbunden sind. Die sind umso geringer, je genauer die zu Grunde liegenden Einzelpläne sein können. In der Praxis können Monats-, Quartals-, Halbjahres- und Jahresfinanzpläne erstellt wer- den. 23 Es geht darum, das Verhältnis von Einnahmen und Ausgaben unter Berücksich- tigung von geplanten Investitionen und anderen Vorgaben zu gestalten. Dazu muss geplant werden, welche Finanzmittel wann genau in den jeweiligen zukünftigen Perioden benötigt werden und auf welche Weise sie bereitgestellt werden können. Ein Finanzplan ist daher grundsätzlich eine Darstellung der finanziellen unterneh- merischen Abläufe, bezogen auf die Einzahlungen und Auszahlungen eines festge- legten Zeitraums. Er enthält ausschließlich zahlungsbezogene Daten, die in der Regel keine Informationen über Kosten, Aufwand und Mengen beinhalten. Das ist auch der wesentliche Unterschied zum „Budget“, mit dem er gelegentlich verwech- selt wird.

23 Vorlagen für Finanzpläne z.B. bei www.diegruender.at, www.zdnet.de

2.6 Finanzplan

51

Für eine bestehende Organisation ermöglicht der Finanzplan, die verschiede- nen Teilpläne wie Investitionsplan, Beschaffungsplan, Produktionsplan, Absatz- plan usw. so miteinander zu verzahnen, dass die Finanzierung insgesamt sicherge- stellt ist. Der Finanzplan ist also selbst Ergebnis eines weit umfangreicheren Pla- nungsprozesses. Gegenübergestellt werden die erwarteten tatsächlichen Einnahmen und Ausga- ben für die betrachtete Periode. Sie können sehr unterschiedlicher Art sein, einma- lig oder laufend, außerordentlich oder betrieblich veranlasst, hoch oder niedrig. Wegen der unterschiedlichen Quellen ist es für Analysezwecke sinnvoll, die Ein- nahmen und Ausgaben differenziert darzustellen. Wenn die vorhandenen liquiden Mittel zu Beginn der Planungsperiode berück- sichtigt werden, ergibt sich ein Finanzmittelüberschuss oder ein Finanzmittelbe- darf:

Vorhandene liquide Mittel

+

Summe Einzahlungen

./.

Summe Auszahlungen

=

Liquiditätsüberschuss oder Deckungslücke (Finanzmittelbedarf)

Der Finanzplan hat also die Hauptaufgabe, jederzeit ausreichende Liquidität zu gewährleisten, damit die finanziellen Verpflichtungen jeweils zum richtigen Zeit- punkt erfüllt werden können. An der Übersicht ist aber zu erkennen, dass zukünftige Ein- und Auszahlungen nicht mit Hilfe der Zinseszinsrechnung abgezinst werden, was eigentlich korrekt wäre. Deshalb wird der Finanzplan als „statisch“ bezeichnet. Diese Ungenauigkeit ist akzeptabel, wenn die betrachteten Zeiträume eher kurz sind.

52

2 Finanzierungsplanung

Beispiel:

Finanzplan für die Monate Januar bis März in €

Januar

Februar

März

Bestand 1. Januar

 

2.000

 

./. 4.000

 

0

Einnahmen

           
 

Umsatzerlöse

20.000

 

2.000

 

24.000

 
 

Finanzeinnahmen

4.000

         
 

Sonstige Einnahmen

 

24.000

20.000

22.000

4.000

28.000

   

26.000

 

18.000

 

28.000

Ausgaben

           
 

Materialbeschaffung

22.000

 

12.000

 

24.000

 
 

Investitionen

4.000

     

6.000

 
 

Finanzerlöse

2.000

 

2.400

 

2.400

 
 

sonstige Ausgaben

2.000

 

3.600

 

3.600

 
   

30.000

 

18.000

 

36.000

Finanzüberschuss /

     

Finanzbedarf

./. 4.000

 

0

./. 8.000

Obwohl in zwei von drei Monaten die Einnahmen geringer sind als die Ausgaben, muss die Situation nicht unbedingt problematisch sein. Für den Monat Januar ergibt sich ein Finanzmittelbedarf i.H.v. 4.000 Euro. Er ist allerdings kurzfristig, denn im Februar erfolgt ein Ausgleich. Zu denken wäre an die Inanspruchnahme eines Kon- tokorrentkredites, was allerdings zu weiteren Ausgaben für Zinsen führen würde. Problematischer scheint das Defizit i.H.v. 8.000 Euro im März, weil ein Aus- gleich nicht festgestellt werden kann. Hier könnte an eine mittelfristige Kreditfi- nanzierung gedacht werden.

Finanzpläne können in folgenden Bereichen Informationen liefern und Entschei- dungsgrundlagen bieten: 24

– Aussagen über – voraussichtliche – Zahlungsmittelbestände.

– Aussagen über die Höhe von Zahlungsströmen.

– Unterstützung bei der Rechnungsabgrenzung. Wenn Zahlungen vor dem Bi- lanzstichtag sich ganz oder teilweise auf die Zeit nach dem Bilanzstichtag be- ziehen, sind Rechnungsabgrenzungsposten zu bilden.

– Aussagen über den Kapitalbedarf. Aus den geplanten Zahlungsbewegungen ist der zukünftige Kapitalbedarf – insbesondere bei Gründung und Erweiterungen – zu ersehen.

24 Zingel, Harry, Verfahren und Methoden der statischen Finanzplanung, www.zingel.de

2.7 Gemeinnützigkeit

53

– Aussagen über Mittelfreisetzungen. Mögliche Entnahmen und Ausschüttungen werden prognostizierbar.

– Insolvenzprognosen. Der Finanzplan kann prognostizieren, ob eine Zah- lungseinstellung droht.

– Abweichungsanalyse. Zielabweichungen werden einfach und übersichtlich er- kennbar.

– Liquiditätsüberwachung.

Der Finanzplan macht also über Angaben zum aktuellen Finanzierungsbedarf oder -überschuss hinaus Aussagen über das allgemeine Unternehmensrisiko. Er liefert den Entscheidungsträgern wesentliche Informationen über die kurz- und mittelfri- stige Situation der Organisation.

Praxistipp:

Der Finanzplan stellt einen sehr wichtigen, aber auch sehr schwierigen Teil ei- nes jeden Businessplans dar, der von den Banken von Existenzgründern gefor- dert wird. Es ist dringend zu empfehlen, dabei eher vorsichtige als zu optimisti- sche Erwartungen zu Grunde zu legen. Nur eine möglichst realistische Einschät- zung wird zu einer zufrieden stellenden Zusammenarbeit führen. Im Zweifel kann professionelle Unterstützung genutzt werden.

2.7

Gemeinnützigkeit

Die Gemeinnützigkeit ist ein rein steuerlicher Tatbestand 25 , kein Thema der Finan- zierung im engeren Sinne. Gegebenenfalls sind jedoch bei Überlegungen zur Fi- nanzierung Regeln zu beachten, um die Gemeinnützigkeit und damit die Steuerbe- günstigung nicht zu gefährden. Steuervergünstigungen können gewährt werden, wenn ausschließlich und un- mittelbar gemeinnützige, mildtätige oder kirchliche Zwecke verfolgt werden 26 . Eine Förderung oder Unterstützung geschieht selbstlos, wenn dadurch nicht in erster Linie eigenwirtschaftliche Zwecke – zum Beispiel gewerbliche Zwecke oder sonstige Erwerbszwecke – verfolgt werden. Die Abgabenordung verlangt, dass Mittel grundsätzlich nur für satzungsgemäße Zwecke eingesetzt werden. Daraus folgt, dass keine Mittel eingesetzt werden dürfen zur Mehrung des eigenen Vermö-

25 Vgl. § 52 AO, eine ausführliche Darstellung z.B. unter www.steuerlexikon-online.de/gemein- nützigkeit.html

54

2 Finanzierungsplanung

gens. Auch die Bildung von Rücklagen ist nur unter engen Voraussetzungen mög- lich 27 . Die finanziellen Mittel müssen – mit Ausnahme des Ausstattungskapitals – zeit- nah verwendet werden. Davon geht die Finanzverwaltung aus, wenn die in einem Geschäftsjahr zugeflossenen Mittel im Laufe des folgenden Jahres verwendet wer- den. Eine Verwendung liegt vor, wenn verbindlich über die Mittel disponiert wird, eine Auszahlung ist nicht unmittelbar erforderlich.

Praxistipp:

Eine Verpflichtung zur zeitnahen Verwendung von Vermögenswerten besteht nicht 28 , wenn

– bei Zuwendungen von Todes wegen der Erblasser keine Verwendung für den laufenden Aufwand vorgeschrieben hat.

– der Zuwender ausdrücklich erklärt, dass sie zur Ausstattung mit Vermögen oder zur Erhöhung des Vermögens bestimmt sind.

– die Zuwendungen das Ergebnis eines Spendenaufrufes sind, aus dem er- sichtlich ist, dass Beträge zur Aufstockung des Vermögens erbeten werden.

– es sich um Sachzuwendungen handelt, die ihrer Natur nach zum Vermögen gehören.

– eine Stiftung im Jahr ihrer Errichtung und in den zwei folgenden Kalender- jahren Überschüsse aus der Vermögensverwaltung und die Gewinne aus wirt- schaftlichen Geschäftsbetrieben ganz oder teilweise ihrem Vermögen zu- führt.

Gemeinnützige Einrichtungen sollten also ihre Vermögensverwaltung durchaus nach betriebswirtschaftlichen Aspekten ausrichten und optimieren, die Regeln des Ge- meinnützigkeitsrechts sind aber zu beachten, um eine Mittelfehlverwendung und als Folge steuerliche Probleme zu vermeiden.

27 Vgl. § 58 Nr. 6 f.

3.1 Innenfinanzierung

55

3

Finanzierungsarten

Allen Organisationen steht grundsätzlich ein breites Spektrum von Finanzierungs- instrumenten zur Verfügung, allerdings sind sie nicht alle gleichermaßen für alle Finanzierungsfragen tauglich. Das Alter, die Rechtsform, die Größe, der Tätig- keitsbereich und nicht zuletzt die aktuelle Situation einer Organisation spielen da- bei eine Rolle. Während der direkte Zugang zum Kapitalmarkt eher großen Orga- nisationen zur Verfügung steht, ist außerbörsliches Kapital im Grunde für alle Grö- ßenklassen verfügbar. Die Finanzierung steht traditionell auf zwei Säulen: der Gewinnthesaurierung 29 und der Kreditaufnahme. Für Organisationen, die soziale Zwecke verfolgen, erge- ben sich aber weitere Finanzierungsmöglichkeiten, die ebenfalls dargestellt wer- den. Die Außen- und Innenfinanzierung beschreibt die verschieden Finanzierungs- arten nach der Herkunft des Kapitals. Während unter der Innenfinanzierung dieje- nigen Finanzierungsarten zusammengefasst werden, bei denen die finanziellen Mittel selbst erwirtschaftet werden, umfasst die Außenfinanzierung die Finanzie- rungsformen, bei denen das Kapital extern bereit gestellt wird. Die Vor- und Nachteile der Finanzierungsarten, aber auch die Möglichkeit, sie im konkreten Fall einzusetzen, sind von zahlreichen unterschiedlichen Einflüssen abhängig und im Einzelfall zu beurteilen. Die Darstellung orientiert sich an den Bedürfnissen sozialer Organisationen.

3.1

Innenfinanzierung

Bei der Innenfinanzierung werden Finanzmittel aus dem eigenen Betriebs- und Umsatzprozess beschafft. Die Mittel fließen nicht von außen zu, sondern sind auf

29 Kapitalbildung, bei der ein Teil des Gewinns nicht an die Eigentümer ausgeschüttet wird. Dieser Teil steht dann zur Verfolgung der spezifischen Ziele zur Verfügung. Bei Einzelunternehmen und Personengesellschaften werden die Gewinne den Kapitalkonten der Gesellschafter gutgeschrieben und von den Gesellschaftern nicht entnommen. Bei Kapitalgesellschaften werden die Gewinne in die offenen Rücklagen eingestellt oder als Gewinnvortrag in das folgende Jahr übertragen.

56

3 Finanzierungsarten

interne Prozesse zurückzuführen. Im Gegensatz zur Außenfinanzierung gibt es keine externen Kapitalgeber mit der Folge, dass für Externe keinerlei Ansprüche (Stimm- recht und dadurch Einfluss auf die Politik, Verzinsung, Rückzahlung) begründet werden. Bei Unternehmen macht die Innenfinanzierung rund zwei Drittel des Finanzie- rungsvolumens aus, sie also durchaus sehr bedeutend. Innenfinanzierung ist auf verschiedene Weisen möglich:

Innenfinanzierung Selbst- stille Rückstellungen finanzierung Reserven Vermögens- Abschreibungen veränderungen
Innenfinanzierung
Selbst-
stille
Rückstellungen
finanzierung
Reserven
Vermögens-
Abschreibungen
veränderungen

In allen Fällen fließen liquide Mittel durch einen Desinvestitionsprozess zu, ohne dass in der gleichen Periode höhere auszahlungswirksame Beträge gegenüberste- hen. Sie können für neue Finanzierungsmaßnahmen verwendet werden. Das Potenzial für eine Innenfinanzierung einer Organisation wird häufig als Maßstab verwandt für die Beurteilung ihrer finanziellen Leistungsfähigkeit insge- samt. Besonders im Hinblick auf die Einschätzung der Kreditfähigkeit 30 ist es eine wesentliche Schlüsselgröße bei der Beurteilung durch die potenziellen Gläubiger.

3.1.1

Selbstfinanzierung

Selbstfinanzierung liegt vor, wenn Teile des erwirtschafteten Gewinns nicht an die Eigentümer ausgeschüttet, sondern einbehalten werden. Diese finanziellen Mittel stehen dann für beliebige Verwendungen, besonders für Investitionen, zur Verfü- gung. Diese so genannte Gewinnthesaurierung ist die bevorzugte Methode der

30 Vgl. Kap. 3.5.2 Rating

3.1 Innenfinanzierung

57

Unternehmensfinanzierung, fast 80 % der Unternehmen wollen eine angestrebte Eigenkapitalerhöhung durch verstärkte Einbehaltung der Gewinne erreichen. 31

Umsatzerlöse

Jahresüberschuss

Selbstfinanzierung

Aufwand

ausge-

schüttet

einbehalten

Beispiel:

Ein Fitness-Center, das in der Rechtsform einer GmbH geführt wird, ermittelt einen Jahresüberschuss i.H.v. 30.000 Euro. Die Gesellschafterversammlung, die über die Gewinnverwendung beschließt, entscheidet, nur 10.000 Euro da- von an die Gesellschafter auszuschütten. 20.000 Euro verbleiben in dem Unter- nehmen und stehen für Investitionen, z.B. für die Anschaffung neuer Übungs- geräte, zur Verfügung.

Je nach der Art, wie die Zurückbehaltung der Gewinne vorgenommen wird, kann die Selbstfinanzierung in die offene Selbstfinanzierung und die stille Selbstfinan- zierung unterschieden werden. Merkmal der offenen Selbstfinanzierung ist, dass sie aus dem Jahresabschluss ersichtlich ist. Bei Einzel- und Personengesellschaften erhöhen sich die entspre- chenden Kapitalkonten, bei den Kapitalgesellschaften die Gewinnrücklagen. Die stille Selbstfinanzierung erfolgt durch die Bildung stiller Rücklagen. Da- durch werden die Gewinne in der Bilanz nicht sichtbar. Das ist möglich, weil An- satz- und Bewertungswahlrechte ausgenutzt werden können. Grundsätzlich bestehen folgende wichtige Möglichkeiten:

– Geringwertige Wirtschaftsgüter müssen nicht ausgewiesen werden. Sofern der Wert eines Wirtschaftsgutes (ohne USt) 410 Euro nicht überschreitet, kann es sofort als Aufwand behandelt werden und erhöht das ausgewiesene Vermögen nicht.

31 Befragung durch die KfW im Jahre 2005

58

3 Finanzierungsarten

Beispiel:

In einem Mädchenhaus wird ein Kopiergerät zum Preis von 476 Euro (400 Euro + 76 Euro USt) angeschafft. Obwohl das Gerät voraussichtlich 5 Jahre zur Verfügung stehen wird, muss es nicht als Vermögensgegenstand ausgewiesen werden. Damit ist der Aufwand um 320 Euro (400 - (400 / 5)) zu hoch, der ausgewiesenen Gewinn um 320 Euro zu niedrig. Würde das Kopiergerät 420 Euro (ohne USt) kosten, wäre es gewinnerhöhend auf der Aktivseite der Bilanz zu erfassen.

– Vermögensgegenstände werden mit einem geringeren als ihrem tatsächlichen Wert angesetzt.

Beispiel:

Ein Seniorenheim ist Eigentümer eines Baugrundstückes, das vor 30 Jahren für eine mögliche Erweiterung erworben worden ist. Obwohl die Grundstücksprei- se inzwischen erheblich gestiegen sind, wird das Baugrundstück nur mit den – eigentlich zu niedrigen – Anschaffungskosten angesetzt. Die Wertsteigerung des Grundstücks erhöht nicht das ausgewiesene Vermögen und wirkt so nicht gewinnerhöhend.

– Überbewertung von Passivpositionen: z. B. durch einen Ansatz überhöhter Rückstellungen.

Beispiel:

Eine Beratungsstelle bildet Rückstellungen für eventuelle Prozesskosten Wenn der Betrag besonders hoch angesetzt wird, können stille Rücklagen entstehen.

Als Vorteile der Selbstfinanzierung sind zu sehen:

– Es entstehen keine Abhängigkeiten von Gläubigern.

– Die Eigenkapitalbasis wird verstärkt, die Kreditwürdigkeit wird dadurch ver- bessert.

– Es fallen keine Zins- und Tilgungszahlungen an und dadurch entsteht keine Liquiditätsbelastung.

– Es sind keine Kreditsicherungen erforderlich.

3.1 Innenfinanzierung

59

Praxistipp:

Ein weiterer Vorteil der stillen Selbstfinanzierung liegt darin, dass die stillen Rücklagen bei steuerlicher Anerkennung steuerfrei gebildet werden können, während offene zurückbehaltene Gewinne dagegen z. B. bei Kapitalgesell- schaften mit 25 % Körperschaftsteuer und zusätzlich mit Gewerbesteuer be- legt werden.

Praxistipp:

Eine Gefahr der Selbstfinanzierung besteht darin, dass diese Mittel leicht fälsch- lich als „kostenlos“ beurteilt und deshalb zur Finanzierung von Investitions- projekten eingesetzt werden, die bei einer Kreditfinanzierung nicht rentabel wären und daher nicht durchgeführt würden.

3.1.2 Finanzierung durch Vermögensveränderungen

Bei dieser Form der Innenfinanzierung werden Vermögensgegenstände veräußert, um zusätzliche finanzielle Mittel für andere Zwecke zur Verfügung zu haben. Als Möglichkeiten kommen in Betracht:

1. Verkauf von Gegenständen des Sachvermögens, die nicht – mehr – betriebsnot- wendig sind. Dabei ist zunächst an Grundstücke zu denken, aber auch an nicht mehr benötigte Maschinen und Anlagen.

Beispiel:

In einer Gemeinde mit mehreren Krankenhäusern einigt man sich auf eine fach- liche Spezialisierung. In diesem Zusammenhang wird eine gynäkologische Ab- teilung aufgelöst. Die nicht mehr benötigten Geräte können verkauft werden, der Erlös kann z.B. für die verbesserte Ausstattung der verbleibenden Abtei- lungen verwandt werden. Die beiden Bilanzen zeigen die Auswirkungen:

60

3 Finanzierungsarten

Bilanz vor Verkauf

Aktiva

 

Passiva

Übrige Vermögensgegenstände Ausstattung Gynäkologie Liquide Mittel

1.400.000

Eigenkapital

1.200.000

350.000

Fremdkapital

580.000

30.000

 
 

1.780.000

 

1.780.000

Bilanz nach Verkauf

 

Aktiva

 

Passiva

Übrige Vermögensgegenstände Ausstattung Gynäkologie Liquide Mittel

1.400.000

Eigenkapital

1.200.000

0

Fremdkapital

580.000

380.000

 
 

1.780.000

 

1.780.000

Besonders geeignet sind Gegenstände,

– die zu einem hohen Preis verkauft werden können.

– deren Veräußerung die Leistungsfähigkeit und die Marktposition nicht beein- trächtigt.

– mit deren Verkauf gleichzeitig andere Ziele verfolgt werden können, z.B. Ra- tionalisierungen oder Veränderungen des Angebots.

– die leicht wieder gemietet werden können. Der Vorteil dieses Sale-and-lease- back-Verfahrens besteht darin, dass durch den Verkauf liquide Mittel zuflie- ßen, dass aber dennoch die weitere Nutzung der Vermögensgegenstände mög- lich ist.

Beispiel:

Eine Krankenhausgesellschaft verkauft ein Klinikgebäude an einen Finanzin- vestor und schließt gleichzeitig einen langfristigen Mietvertrag ab. So fließen dem Krankenhausträger liquide Mittel zu, die für beliebige Zwecke eingesetzt werden können. In der Wahrnehmung der Patienten ändert sich nichts.

3.1 Innenfinanzierung

61

2. Verkauf von Teilen des Finanzvermögens. Hierzu zählen insbesondere Wertpapiere, die bei Finanzierungsengpässen relativ leicht wieder verkauft werden können.

3. Verringerung der Kapitalbindung im Umlaufvermögen Eine Kapitalfreisetzung im Umlaufvermögen ist möglich durch

– eine Verringerung der Lagervorräte Die Lagerhaltung ist kostenintensiv, außer den Personalkosten und den Kosten für Lagereinrichtungen wie Hallen und Regalen ist unter finanziellen Gesicht- punkten die Kapitalbindung zu berücksichtigen. Waren, die gekauft und gege- benenfalls verarbeitet worden sind, aber nicht verkauft werden können, binden finanzielle Mittel. Die Zinskosten dafür betragen

Lagerbes tan d x marktüblicher Zinssatz x Lagerdauer

100 x 360

Beispiel: Bei einem Umsatz von 12 Mio Euro und einer durchschnittlichen Lagerdauer von 45 Tagen
Beispiel:
Bei einem Umsatz von 12 Mio Euro und einer durchschnittlichen Lagerdauer
von 45 Tagen beträgt der durchschnittliche Wert der
45 x 12 =
Lagervorräte
1,5 Mio €.
360
Kann die durchschnittliche Lagerdauer auf z.B. nur noch 30 Tage verkürzt
werden, ergibt sich unter sonst gleichen Annahmen nur noch
30 x 12 =
ein Wert von
1 Mio €.
360
Die Zinskosten verringern sich bei einem Zinssatz von 3 % von
100 x 360
Der Differenzbetrag steht für andere Zwecke zur Verfügung.

1,5 Mio x 3 x 45 =

5.625 €

auf

1,5 Mio x 3 x 30

=

3.750 €.

62

3 Finanzierungsarten

Die grundsätzlich konsequente Vermeidung von Lagern ist allerdings nur in Ausnahmefällen möglich: Bei netzabhängigen Bezügen wie Gas, Wasser und Elektrizität und in eingeschränktem Maße bei just-in-time-Lieferungen.

– eine Verringerung der Kapitalbindung im Anlagevermögen Das Anlagevermögen kann in manchen Fällen durch Rationalisierungsmaßnah- men verringert werden. Nach ihrer Umsetzung kann dann eine gegebene Lei- stung mit geringerem Kapital- und eventuell auch geringerem Arbeits- und Zeit- aufwand erbracht werden. Der Finanzierungseffekt besteht in einer Reduzie- rung der leistungsbedingten Bindung finanzieller Mittel.

Ein zweiter Effekt von Rationalisierungsmaßnahmen besteht in der höheren Effizienz bei den Produktionsverfahren. Dadurch wird der Aufwand geringer und unter sonst gleichen Bedingungen steigt der Gewinn. Die Höhe dieses Fi- nanzierungseffektes hängt ab von der Verwendung des höheren Gewinns.

– eine Verringerung der Liquiditätsreserven Liquiditätsreserven wie Kassenbestand und Guthaben auf dem Girokonto sol- len unter Finanzierungsgesichtspunkten möglichst gering gehalten werden, weil dafür keine Zinsen gezahlt werden, andere Anlageformen aber zur Rendite bei- tragen können. Ein funktionierendes Liquiditätsmanagement 32 ist ein wesentli- cher Teil der Innenfinanzierung.

4. Abbau von Forderungen Ausstehende Forderungen stehen für Finanzierungszwecke erst zur Verfügung, wenn die Beträge eingehen. Deshalb ist das Forderungsmanagement 33 ebenfalls ein Ele- ment der Innenfinanzierung.

3.1.3 Finanzierung durch Bildung von Rückstellungen

Rückstellungen werden für ungewisse Verbindlichkeiten gebildet, die dem Grund, aber nicht der Höhe nach bekannt sind, und von Schulden, die weder der Höhe noch der Fälligkeit nach bekannt sind 34 . Rückstellungen sind zum Zeitpunkt ihrer Bildung Gewinn mindernder Aufwand, führen aber nicht zu einer Auszahlung. Vorhandene liquide Mittel können daher bis zur Auflösung der Rückstellung an- derweitig eingesetzt werden.

32 Vgl. Kap. 1.2.3 Liquiditätsmanagement

33 Vgl. Kap. 1.2.4 Forderungsmanagement

3.1 Innenfinanzierung

63

Von besonderer Bedeutung sind in diesem Zusammenhang die Pensionsrück- stellungen, mit denen für bestehende Pensionszusagen vorgesorgt wird. Wenn Mit- arbeitern ein Ruhegehalt zugesagt ist, muss das benötigte Kapital dafür über die Rückstellungen angesammelt werden. Es handelt sich dabei um Ansprüche der Arbeitnehmer, deshalb sind die Pensionsrückstellungen dem Fremdkapital zuzu- ordnen. Modellhaft und für zahlreiche Mitarbeiter und für einen langen Zeitraum kann die Situation aus der Sicht des Zusagengebers so skizziert werden:

Höhe der Pensionsrückstellungen t
Höhe der
Pensionsrückstellungen
t

Konsolidierungsphase Einzahlungen Auszahlungen

Ansparphase Einzahlungen > Auszahlungen

Rückführungsphase Einzahlungen < Auszahlungen

Es ist erkennbar, dass besonders in der Konsolidierungsphase mit Zu- und Abflüs- sen zu bzw. aus den Rückstellungen eine Situation entsteht, in der finanzielle Mit- tel auch langfristig zur Verfügung stehen. Obwohl sie ursprünglich zur Erfüllung der Pensionszusagen gedacht waren, können sie für andere Finanzierungszwecke eingesetzt werden. Ein weiterer Finanzierungseffekt ergibt sich aus der steuerlichen Behandlung der Pensionsrückstellungen. Diese Rückstellungen mindern den steuerpflichtigen Gewinn, dadurch erhöht sich die Liquidität, da die nicht zu zahlenden Steuern investiert werden können. Durch die weniger zu zahlenden Steuern wird weniger Fremdkapital benötigt. Allerdings stellen die Pensionsrückstellungen keine Steuerersparnis dar, son- dern eine Steuerstundung, denn die Rückstellungen müssen später – entweder ab Zahlung oder bei Fortfall der Leistungen (z.B. durch Ausscheiden eines Mitarbei- ters) – wieder aufgelöst werden.

64

3 Finanzierungsarten

Praxistipp:

Steuerlich ist die Berechnung der Pensionszusage an enge Bedingungen ge- bunden. Zwischen dem Zeitpunkt der Zusage der Pension und dem vorgesehe- nen Zeitpunkt des Eintritts in den Ruhestand müssen mindestens 10 Jahre lie- gen. Das Höchstalter bei der Zusageerteilung darf obendrein maximal das 60. Lebensjahr sein. Besondere Regelungen gelten für Geschäftsführer. Die Rechtsprechung des Bundesfinanzhofes tendiert zunehmend dazu, Pensi- onszusagen nur noch bei außerbetrieblicher Finanzierung, beispielsweise über eine Rückdeckungsversicherung, anzuerkennen.

3.1.4 Finanzierung durch Abschreibungen

Mit Abschreibungen wird berücksichtigt, dass Vermögensgegenstände einer Wert- minderung unterliegen, die jeweils periodengerecht erfasst und zugeordnet wer- den muss. Die Buchführung erfasst die Wertminderung von Anlagegütern als bilanzielle Abschreibungen, in der Kostenrechung sollen die kalkulatorischen Abschreibun- gen den tatsächlichen Werteverzehr ausweisen. Die Höhe der Abschreibungen in beiden Systemen kann, muss aber nicht gleich sein. Auch für die Verteilung der Wertminderung auf die Nutzungszeit sind verschie- dene Varianten denkbar:

– Bei der linearen Abschreibung wird ein gleichmäßiger Werteverzehr über die gesamte Nutzungszeit unterstellt.

– Bei der degressiven Abschreibung wird angenommen, dass der Werteverzehr zu Beginn stärker ist als in den folgenden Perioden.

– Bei der progressiven Abschreibung wird umgekehrt unterstellt, dass der Werte- verzehr zum Ende der Nutzungszeit zunimmt.

– Bei der Leistungsabschreibung wird der Wert der Abschreibungen an der Lei- stungsabgabe (z.B. Maschinenstunden) ermittelt.

Praxistipp:

Für steuerliche Zwecke stehen AfA-Tabellen zur Verfügung, aus denen die ge- wöhnliche Nutzungsdauer entnommen werden kann. 35

35 Vgl. z.B. www.steuernetz.de

3.1 Innenfinanzierung

65

3.1.4.1 Bedeutung von Abschreibungen

Den Finanzierungseffekt von Abschreibungen verdeutlicht die Skizze. Weil der Wertverzehr in die Preiskalkulation einfließt, werden über den Verkaufspreis wie- der Mittel für die Ersatzbeschaffung zur Verfügung gestellt. Da die Abschreibun- gen bei ihrer Berücksichtigung nicht zu Ausgaben führen, beim Verkauf aber als liquide Mittel oder Forderungen zurückfließen, ist ein echter Finanzierungseffekt gegeben: Über den Markt wird die Wertminderung der genutzten Anlagegüter er- stattet.

Neuanschaffung Neuanschaffung Ersatzanschaffung Ersatzanschaffung Abschreibungen Abschreibungen liquide Mittel
Neuanschaffung
Neuanschaffung
Ersatzanschaffung
Ersatzanschaffung
Abschreibungen
Abschreibungen
liquide Mittel
liquide Mittel
Kosten in der Kalkulation
Kosten in der Kalkulation
Umsatzerlöse
Umsatzerlöse
der Absatzpreise
der Absatzpreise
Verkauf der Erzeugnisse
Verkauf der Erzeugnisse
Beispiel: In einer Einrichtung „Essen auf Rädern“ wird ein neuer Herd angeschafft. Der Kaufpreis beträgt
Beispiel:
In einer Einrichtung „Essen auf Rädern“ wird ein neuer Herd angeschafft. Der
Kaufpreis beträgt 15.000 Euro, die erwartete Nutzungsdauer 5 Jahre. Die bis-
her ermittelten Kosten betragen pro Essen 5 Euro bei 30.000 Einheiten pro
Jahr. Die Kalkulation ergibt
30.000 Essen
à
5,00 €
Anschaffungspreis 15.000 €
Kalkulatorische
0,10 €
Abschreibungen
30.000 Essen x 5 Jahre
Preis pro Essen
5,10 €

66

3 Finanzierungsarten

Über den Preis fließen die Anschaffungskosten zurück:

30.000 Essen x 5 Jahre x 0,10 Euro = 15.000 Euro

Aus der Rechnung ist leicht zu erkennen, dass auch Preissteigerungen einbezogen werden können, indem ein Wiederbeschaffungspreis prognostiziert und in der Kal- kulation berücksichtigt wird 36 .

3.1.4.2 Lohmann-Ruchti-Effekt

Eine besondere Form der Finanzierung durch Abschreibungen stellt der Lohmann- Ruchti-Effekt 37 dar. Unter bestimmten – allerdings sehr engen –Annahmen kön- nen nämlich mit den freigesetzten Werten nicht nur Ersatz, sondern auch Erweite- rungsinvestitionen finanziert werden. Die regelmäßig über die Abschreibungen zurückfließenden Mittel können um- gehend zum Kauf neuer Maschinen genutzt werden. Diese Neuinvestitionen wer- den auch wieder abgeschrieben und die Fortsetzung dieses Prozesses führt zu einer dauerhaften Zunahme des Maschinenparks. Der Lohmann-Ruchti-Effekt insgesamt besteht aus einem Kapitalfreisetzungs- effekt und einem Kapazitätsausweitungseffekt.

Kapitalfreisetzungseffekt:

Er beschreibt, dass Gegenstände des Anlagevermögens, die der Abschreibung un- terliegen, finanzielle Mittel freisetzen, wenn die Abschreibungsbeträge in die Prei- se eingerechnet werden und tatsächlich am Markt durchgesetzt werden können.

Kapazitätserweiterungseffekt:

Er ist eine Folge des Kapitalfreisetzungseffekts: Da die Abschreibungsgegenwerte dem Unternehmen bereits zur Verfügung stehen, bevor eine Ausgabe für eine Er- satzinvestition nötig ist, können sie auch für Neu- oder Erweiterungsinvestitionen verwendet werden. Diese Investitionen können dann ebenfall abgeschrieben wer- den. Wird dieser Prozess dauerhaft fortgesetzt, ist die Kapazitätserhöhung eben- falls dauerhaft.

36 In der Kostenrechung wird sinnvoll nur mit Wiederbeschaffungspreisen kalkuliert.

3.1 Innenfinanzierung

67

Weil die Erhöhung der Ausstattung eine Umsatzerhöhung ermöglicht, wird in dem Zusammenhang vom „Kapazitätserweiterungseffekt“ gesprochen. Zugleich ergibt sich eine permanente Altersumschichtung des Anlagenbestandes. Damit dieser Prozess reibungslos funktioniert, muss ein genauer Abschreibungs- und Reinvestitionsplan aufgestellt werden, damit bei einer fälligen Ersatzinvestiti- on auch das benötigte Kapital vorhanden ist.

Beispiel:

In der „Gesellschaft für mobile Krankenbetreuung mbH“ wird in jedem Jahr ein Pkw für die Mitarbeiter im Außendienst angeschafft. Die Autos kosten jeweils 20.000 Euro, die Nutzungsdauer wird wegen der starken Belastung durch Kurzstreckenfahrten mit 4 Jahren angenommen. Bei gleichmäßiger Verteilung der Abschreibungen über die Nutzungsdauer ergibt sich ein jährli- cher Abschreibungsbetrag i.H.v. 5.000 Euro. Am Ende des jeweils 4. Nutzungsjahres scheidet das bisherige Fahrzeug aus und ein gleichartiges neues wird angeschafft. Die Tabellen zeigen die Entwicklung:

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3 Finanzierungsarten

uswAbschreibungen 1. Jahr 2. Jahr 3. .Jahr 4 Jahr 5. Jahr 6. Jahr 7. Jahr
uswAbschreibungen
1. Jahr
2. Jahr
3.
.Jahr
4 Jahr
5. Jahr
6. Jahr
7. Jahr
8. Jahr
Pkw 1
5.000
5.000
5.000
5.000
Pkw 2
5.000
5.000
5.000
Pkw 3
5.000
5.000
Pkw 4
5.000
Pkw 5
Jährliche Abschreibung
5.000
10.000
15.000
20.000
insgesamt
liquide Mittel
Neuinvestition
5.000
15.000
30.000
50.000
20.000
30.000freigesetzte
Mittel
5.000
15.000
30.000
Am Ende des 4. Jahres wird
Am Ende des 5. Jahres wird
1 aus dem Bestand genommen und ein neuer „Pkw 5“ angeschaf ft.Pkw
aus dem Bestand genommen und ein neuer „Pkw 6“ angeschaf ftPkw usw.2

3.1 Innenfinanzierung

69

7. JaAbschreibungen 1. Jahr hr2. 8.Jahr Jahr3. JahrJahr 94 Jahr usw.5. Jahr 6. Jahr Pkw
7. JaAbschreibungen
1. Jahr
hr2.
8.Jahr
Jahr3.
JahrJahr
94
Jahr
usw.5.
Jahr
6. Jahr
Pkw
5.0001
5.000
5.000
5.000
Pkw 2
5.000
nicht mehr im Bestand5.000
5.000
5.000
Pkw 3
5.000
5.000
5.000
5.000
Pkw 4
5.000
5.000
5.000
5.000
Pkw 5
5.000
5.000
5.000
5.000
Pkw 6
5.000
5.000
5.000
5.000
Pkw 7
5.000
5.000
5.000
Pkw 8
5.000
5.000
Pkw 9
5.000
usw.
Jährliche
5.000
10.000
2 0.00015.000
20.00020.000
20.00020.000
20.000
20.000
Abschreibung
insgesamt
liquide Mittel
40.0005.000
40.00015.000
40.00030.000
40.00050.000
40.00040.00
0
Neuinvestition
20.000
2 0.00020.000
20.000
20.000
20.000
20.000
3freigesetzte
Mittel
5.000
15.000
0.00030.000
30.00030.000
30.00030.000
30.000
30.000
Vom Ende des 4. Jahres an entspricht die Summe aller Abschreibungsbeträge eines Jahres (20.000 Euro)
genau
Kapitalbedarf für die Ersatzinvestition (20.000 Euro). Die freigesetzten Mittel betragen dauer -dem
haft 30.000 Euro.

70

3 Finanzierungsarten

Rechnerisch lässt sich der Kapitalfreisetzungseffekt ermitteln als

A f

=

a

2

x (n

Im Beispiel:

1)

A f

=

wobei

20.000

2

x (4

1)

A

a = Anschaffungskosten

n = Perioden der Nutzungsdauer

f

= freigesetzter Abschreibungsbetrag

=

30.000

Die Wirkungsweise des Kapazitätserweiterungseffekts ist abhängig von teilweise realitätsfernen Annahmen:

– der Reinvestition der Abschreibungsgegenwerte in gleichartige Anlagen, die auf dem gleichen technischen Stand bleiben.

– Preisstabilität, damit die Abschreibungsbeträge ausreichend sind für die Finan- zierung der Neuanschaffung.

– der Teilbarkeit der Gesamtanlage, die eine sukzessive Erweitung ermöglicht. Bei einer Großanlage ist ein Kapazitätserweiterungseffekt nicht denkbar.

– der Verfügbarkeit zusätzlicher finanzieller Mittel, die notwendig werden, wenn Lagerbestände und -kapazitäten als Folge der Kapazitätserweiterung erhöht werden müssen.

– der Aufnahmefähigkeit und -bereitschaft des Marktes bei steigenden Fertigungs- kapazitäten und daraus folgender Angebotserhöhung.

Wegen dieser erheblichen Voraussetzungen ist die praktische Bedeutung des Loh- mann-Ruchti-Effekts umstritten. Die grundsätzliche Aussage ist jedoch hilfreich, weil sie die Bedeutung der Abschreibungen im Rahmen der Finanzierungsüberle- gungen deutlich macht. Theoretisch könnte eine Verdoppelung der Kapazitäten erreicht werden.

3.2

Außenfinanzierung

Außenfinanzierung liegt vor, wenn Finanzierungsmittel von außerhalb der Organi- sation zusätzlich oder erstmalig zugeführt werden. Das kann geschehen durch die Eigentümer oder durch Externe. Außenfinanzierung steht in keinem direkten Zu- sammenhang mit den Leistungen, die in der Organisation erbracht werden. Die Kapitalbeschaffung wird nach der Rechtsstellung der Kapitalgeber und der Kapi- talhaftung in Eigenfinanzierung und Fremdfinanzierung unterteilt:

3.2 Außenfinanzierung

71

– Beteiligungsfinanzierung (Eigenfinanzierung)

– Fremdfinanzierung (Kreditfinanzierung).

– Nicht marktkonforme Finanzierung (Subventionsfinanzierung)

Außenfinanzierung

Fremdfinanzierung

Außenfinanzierung Fremdfinanzierung Eigen- / Beteiligungs- finanzierung nicht marktkonforme
Außenfinanzierung Fremdfinanzierung Eigen- / Beteiligungs- finanzierung nicht marktkonforme

Eigen- / Beteiligungs- finanzierung

nicht marktkonforme Finanzierung

Beteiligungs- finanzierung nicht marktkonforme Finanzierung langfristig kurzfristig 3.2.1 Beteiligungsfinanzierung Unter
Beteiligungs- finanzierung nicht marktkonforme Finanzierung langfristig kurzfristig 3.2.1 Beteiligungsfinanzierung Unter

langfristig

kurzfristig

3.2.1

Beteiligungsfinanzierung

Unter Beteiligungsfinanzierung versteht man die Bereitstellung von allen Formen von Eigenkapital durch bisherige und neue Anteilsinhaber. Eigen- oder Beteili- gungsfinanzierung liegt vor, wenn von den Eigentümern Eigenkapital in Form von Geldeinlagen, Sacheinlagen oder Rechten von außen zugeführt wird oder bei Maß- nahmen, die das Eigenkapital ändern oder reduzieren. Typische Anlässe einer Beteiligungsfinanzierung sind

– Gründung

– Kapitalerhöhung

– Umwandlung

– Kapitalherabsetzung

– Liquidation.

Beteiligungsfinanzierung im engeren Sinne liegt vor, wenn neues Kapital durch Verkauf von Anteilsrechten an einer Börse beschafft werden kann, also nur bei Aktiengesellschaften und Kommanditgesellschaften auf Aktien. In allen anderen Fällen handelt sich um Eigen- oder Einlagenfinanzierung. Eine Eigenfinanzierung findet regelmäßig statt bei der Gründung, aber auch bei späteren Erhöhungen des von den Gesellschaftern bereitgestellten Eigenkapi-

72

3 Finanzierungsarten

tals. Die konkreten Möglichkeiten zur Eigenfinanzierung sind abhängig von der Rechtsform. Einige Rechtsformen sind besonders für große Unternehmen geeignet und ihre Konstruktion ist geradezu ausgerichtet auf einfachen Zugang zu neuen Finanzmit- teln. Die sind im sozialen Bereich eher selten, aber doch vereinzelt vertreten. Des- halb, aber auch der Vollständigkeit halber, werden auch sie in die Darstellung ein- bezogen.

Rechtsformen

auch sie in die Darstellung ein- bezogen. Rechtsformen Einzelunternehmen Gesellschaften Personengesellschaften
auch sie in die Darstellung ein- bezogen. Rechtsformen Einzelunternehmen Gesellschaften Personengesellschaften

Einzelunternehmen

Gesellschaften

ein- bezogen. Rechtsformen Einzelunternehmen Gesellschaften Personengesellschaften Kapitalgesellschaften GbR GmbH

Personengesellschaften

Kapitalgesellschaften

GbR

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