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4.

Wie das Bild Gottes, die menschliche Seele, in diesem Leben zu Seinem
Ebenbild umgestaltet werden kann

Nun fragst du: Wie mag das geschehen, daß das Bild Gottes, also die
Menschenseele, schon hienieden in irgendeinem Geschöpf zu Seinem Ebenbild
rückgestaltet werde? Es scheint nicht möglich, denn wäre sie rückgestaltet,
hätte sie immerfort steten Sinn, klare Einsicht und lautere, glühende Liebe zu
Gott und geistlichen Dingen, wie sie all das im Anbeginn hatte. Das aber gibt
es deiner Meinung nach bei keinem, der noch hienieden lebt, und soweit es
dich betrifft, kannst du wohl sagen, du hieltest dich für sehr weit davon
entfernt. Dein Gedächtnis, deine Vernunft und deine Liebe sind so sehr darauf
bedacht, Irdisches zu betrachten und zu lieben, daß du von geistlichen Dingen
recht wenig fühlst.
Du merkst keine Umgestaltung in dir selbst, sondern bist bei allem, was du
tust, vom düsteren Bild der Sünde so umhüllt, daß du dich - du magst dich
wenden wie du willst - beschmutzt und befleckt fühlst von den sinnlichen
Regungen dieses unsauberen Bildes. Du entdeckst keinerlei Wandel vom
Fleischlichen zum Geistlichen, weder innerlich in den heimlichen Kräften deiner
Seele, noch äußerlich in deiner körperlichen Erfahrung. So hältst du es nicht
für möglich, daß dieses Bild umgestaltet werden könnte; oder, falls die
Umgestaltung möglich ist, so fragst du, wie sie geschehen könnte. Darauf
antworte ich und sage so: Gottes Bild – die menschliche Seele - kann auf
zweierlei Weise umgeformt werden: einerseits in der Fülle und anderseits
teilweise.
Die völlige Umgestaltung läßt sich in diesem Leben nicht erlangen, sie wird
aufgespart für das künftige, die himmlische Seligkeit; da wird die
Menschenseele in Fülle umgestaltet werden, nicht nur zu dem Stand, den sie
anfänglich der Natur nach hatte oder durch Gnade hätte haben können, wenn
sie heil geblieben wäre; sondern dank dem großen Erbarmen und der
unendlichen Güte Gottes wird sie wiederhergestellt werden zu einer viel
größeren Seligkeit und viel höheren Freude, als sie sie gehabt hätte, wenn sie
niemals gefallen wäre. Dann wird die Seele jegliche Freude und Seligkeit
erlangen und die Erfüllung durch Gott in all ihren Kräften, ohne Beimischung
irgendeiner anderen Neigung, und wird in der Person Jesu schauen, wie die
Menschennatur über die Natur der Engel erhoben, mit der Gottheit vereint ist.
Denn dann wird Jesus, Gott und Mensch, alles in allem sein und Er allein und
kein anderer als Er, wie der Prophet sagt: Dominus solus exaltabitur in illa die;
das heißt: Unser Herr Jesus wird allein erhaben sein an jenem Tage - nämlich
am ewigen Tage - und keiner als Er.1 Auch der Leib des Menschen wird dann
verklärt sein, denn er wird in Fülle die reiche Mitgift der Unsterblichkeit
empfangen mit allem, was dazu gehört.

1
Is 2,11
Diese soll die Seele zusammen mit dem Leib erhalten und noch viel mehr, als
ich sagen kann; aber das wird in der himmlischen Seligkeit sein und nicht auf
Erden. Denn obwohl die volle Rückgestaltung der Seele auf Grund des Leidens
unseres Herrn erfolgt, war es doch nicht Sein Wille, diese volle Rückgestaltung
sogleich nach Seinem Leiden allen erwählten Seelen zu gewähren, die zur Zeit
Seines Leidens lebten, Er verschob sie vielmehr auf den Jüngsten Tag und
zwar aus folgendem Grund: Es steht fest, daß unser Herr Jesus in Seiner
Barmherzigkeit eine bestimmte Anzahl Seelen zur Erlösung berufen hat; diese
Zahl aber war zur Zeit Seines Leidens noch nicht voll, so war es nötig, daß sie
sich im Lauf der Zeit durch natürliche Fortpflanzung der Menschen erfüllte.
Und ferner: wenn gleich nach dem Tod unseres Herrn jeder, der an Ihn
geglaubt hätte, ohne Aufschub durch den Glauben selig und völlig
umgestaltet worden wäre, dann hätte es dazumal keinen gegeben, der den
Glauben nicht angenommen hätte, um so selig zu werden. Die Fortpflanzung
hätte aufgehört, und wir Erwählte, die jetzt leben, und andere, die nach uns
kommen, wären nicht geboren worden, und so hätte unser Herr Seine Zahl
nicht aufrunden können. Das darf nicht sein, deshalb sorgte unser Herr viel
besser für uns, indem er die völlige Rückgestaltung des Menschen bis zum
Jüngsten Tag aufschob, wie der heilige Paulus sagt: Deopro nobis melius
providente, ut non sine nobis consummarentur. Unser Herr sorgte besser für
uns, indem Er die Umgestaltung aufschob, statt sie damals schon zu
gewähren, denn die damals Erwählten sollten nicht zur Vollendung gelangen
ohne uns, die nach ihnen kamen.2 Ein weiterer Grund ist der: da dem
Menschen bei der ursprünglichen Schöpfung ein freier Wille gewährt war und
eine freie Entscheidung, ob er Gott vollends besitzen wolle oder nicht, war es
sinnvoll, ihm, der damals nicht Gott wählte, sondern jämmerlich von Ihm
abfiel, dieselbe freie Wahl, die er anfänglich hatte, nochmals zu gewähren, ob
er - im Blick auf die nachfolgende Umgestaltung - deren Vorteil genießen wolle
oder nicht. Auch das wird ein Grund sein, weshalb die Seele nicht sogleich
nach dem Leiden unseres Herrn Jesus Christus endgültig umgestaltet wurde.

2
Heb 11,40
5. Wie die menschliche Seele auf zweierlei Art zum Ebenbild Christi
umgestaltet werden kann, und zwar im Glauben und in der Erfahrung (feeling)

Die andere Umgestaltung geschieht teilweise, und diese lässt sich hienieden
erlangen. Erreicht man sie aber nicht hier, so kann man sie nie mehr erlangen,
und der Mensch wird nicht mehr erlöst. Diese Umgestaltung geschieht auf
zwei Arten. Die eine erfolgt im bloßen Glauben, die andere in Glaube und
Erfahrung. Die erste, also die Umgestaltung im Glauben allein, genügt zur
Erlösung, die zweite ist reichen Lohnes in der himmlischen Seligkeit wert. Die
erste kann man leicht und in kurzer Zeit erlangen, nicht so die zweite, die man
nur nach langer Zeit und viel geistlicher Mühe erlangen kann.
Die erste kann man haben, auch während man das Bild der Sünde noch in sich
fühlt, denn einer, der in sich nichts anderes spürt als lauter Regungen
sündiger und sinnlicher Begierden, und trotz dieses Fühlens ihnen nicht
beistimmt, kann im Glauben zum Ebenbild Gottes rückgestaltet werden. Die
zweite Umgestaltung aber tilgt sowohl das Fühlen sinnlicher Regungen und
weltlicher Begierden wie das Ergötzen daran und duldet nicht, daß solche
Makel am Bild verbleiben. In der ersten Art werden nur Anfänger und
Fortschreitende und auch Aktive umgestaltet. Die zweite Art ist den
Vollkommenen und den Kontemplativen vorbehalten. Durch die erste Art der
Umgestaltung wird das Bild der Sünde nicht zerstört, sondern bleibt im Fühlen
gleichsam ganz bestehen.
Aber die zweite Art vernichtet die alten Empfindungen des Sündenbildes und
bringt durch das Wirken des Heiligen Geistes neues, der Gnade
entstammendes Fühlen in die Seele.

Die erste Art ist gut, die zweite ist besser, aber die dritte, die in der
himmlischen Seligkeit sich verwirklicht, ist schlechthin die beste. Zunächst
beginnen wir über die erste zu handeln, dann über die zweite, und so werden
wir zur dritten gelangen.
Walter Hilton Glaube und Erfahrung (The Scale of Perfection) Aus
dem Altenglischen übertragen von Elisabeth Strakosch Vorwort von Hans Urs
von Balthasar 1966, 319 Seiten, Leinen Euro 16.-; SFr. 31.- Lectio
Spiritualis 10 ISBN 978 3 89411 144 1

Nach kleineren Werken der Klassiker der englischen Spiritualität wie:


«Offenbarungen von göttlicher Liebe» Julianas von Norwich und die «Wolke
des Nichtwissens» eines unbekannten Verfassers, erscheint die
bedeutendste, erfolgreichste und in gewisser Beziehung abschließende
Hauptschrift des Augustinerchorherrn Walter Hilton (ca. 1330-1396), die nicht
nur in origineller und selbstgedachter Form die Tradition zusammenfasst,
sondern bedeutsam vorausweist auf die Nacht-Lehre des Johannes vom
Kreuz. Der Hauptgedanke ist kühn: der Christ soll versuchen, den Glauben,
den er anfänglich wie theoretisch bekennt, sich so lebendig anzugestalten,
dass er ihm zur gnadenhaften Erfahrung wird, wir würden heute sagen: dass
er ihn existentiell verantwortet. Das ist freilich für Hilton nicht ohne ein
radikales Sich-selber-Sterben und Für-Gott-Auferstehen möglich.
Thomas Morus hat Hiltons Buch hoch geschätzt und darin eines der Werke
gesehen, die England die Frömmigkeit erhalten haben. Es ist das letzte große
spitituelle Zeugnis Englands vor der Reformation. Nicht nur aus Pietät oder
historischem Interesse, sondern sachlich um seiner selbst willen verdient
Hiltons Werk, auch bei uns lebendig zu bleiben.