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Abdullah Öcalan: Nicht nur die Kurden, auch die Demokratie wird

übergangen
Gespräch vom 7. April 2010

Es soll Feierlichkeiten zu meinem Geburtstag gegeben haben. Aber eigentlich geht es dabei nicht
um meinen Geburtstag. Das kurdische Volk sieht diesen Tag als ihren eigenen Geburtstag. Es
sieht diesen Tag als ihre eigene Renaissance. Ich möchte allen, die an den Feierlichkeiten sowie
an den Vorbereitungen teilgenommen haben, meinen Dank aussprechen.
Wichtig aber ist, dass Dinge dabei ihren Sinn nicht verliert. Im Mittleren Osten ist so eine Kultur
vorhanden, ich habe Respekt davor. Aber diese Kultur darf ihren wahren Sinn nicht verlieren, sie
darf sich nicht zu einem inhaltslosen Kult entwickeln. Ich glaube daran, dass ich einen Wert (für
das Volk) eingenommen habe. Es ist wichtig, dass sie auf diesen Wert beharren und ihn
verstehen. Ich glaube, dass ich in diesen 61 Jahren Einiges verändert habe. Das kurdische Volk
hat sich mit dem Veränderten vereinigt. Ich gratuliere dem assyrischem Volk zu Ostern. Ich
erforsche das Christentum. Das Christentum aus dem Westen muss das Christentum aus dem
Osten verstehen. Für den ganzen Mittleren Osten ist eine Renaissance notwendig. Das gilt nicht
nur die Kurden, sondern auch für die Assyrer und alle Völker des Mittleren Ostens. Im Mai kann
einiges passieren. Wir müssen auf alles vorbereitet sein. Die Kurden haben keinen Zwischenweg
mehr. Im Mai könnten kritische Ereignisse passieren. Aus der anstehenden Entwicklung kann
sowohl die Vernichtung, als auch die Lösung kommen. Die AKP hat Tausende Kurden verhaftet
und dies dauert noch weiter an. Die physischen Angriffe erwähne ich hierbei schon gar nicht
mehr. In den Diskussionen über die Verfassung werden die Kurden nicht thematisiert. Nicht nur
die Kurden, auch die Demokratie wird übergangen. Die Kurden und die demokratischen Kräfte
sollten Widerstand für eine demokratische Verfassung leisten. Die Verfassung von 1921 sollte
aktualisiert werden. Auf der einen Seite ist es der „weißtürkische“ Faschismus, der von der CHP
und MHP vertreten wird, auf der anderen Seite ist es der „nach Herrschaft strebende Islam“, der
von der AKP angeführt wird. Ich kann nicht sagen, dass die Linie der AKP weniger gefährlich als
die der CHP und MHP ist. Meiner Meinung nach sind beide undemokratisch. Das Zentrum der
ersten Linie [die der AKP] ist in Ankara. Das Zentrum der zweiten ist zwischen Konya und
Kayseri, wo das saudiarabische Kapital vertreten ist. Beide Zentren, also beide Linien, haben
eine Vergangenheit. Die erste Linie ist der „weißtürkische“ Faschismus bzw. die „weißtürkische“
Oligarchie. Diese ist die Fortsetzung der Ittihat&Terakki Linie. Nachdem die Republik ausgerufen
wurde, haben diese Kreise Mustafa Kemal eingekreist und außer Gefecht gesetzt. Im Staat sind
damals gegenüber den Kurden zwei Linien aufgekommen. Die erste, die Linie von Ismet Inönü
und die Politik Englands. Ittihat&Terakki-Kader haben diese Linie angeführt. Die zweite war
Mustafa Kemal zusammen mit Fethi Okyar. Der laizistische „Weißtürkenfaschismus“ hat die
Vernichtung der Kurden angestrebt. Diese Mentalität nimmt ihre Kraft aus der Verfassung von
1924 und hält bis zum heutigen Tag an. Die Verfassung von 1924 ist die Version des
„weißtürkischen“ Faschismus. Der Staat hatte in den 20ern in Person Mustafa Suphis die
Linksbewegung, mit der Verfassung von 1924, die Kurden und danach in den Personen von
Mehmet Akif und Said-i Nursî die islamische Linie vernichtet. Die Mentalität der Verfassung von
1924 hat sich in veränderten Versionen bis zum heutigen Tag durchgesetzt. Heute wird diese
Mentalität von der CHP und MHP vertreten. Bei beiden Linien werden die Kurden übergangen.
Alle demokratischen Kreise, eingeschlossen die BDP, müssen dies gut verstehen. Bei beiden ist
kein Raum für demokratische Aufbrüche vorhanden. Die Kurden und die demokratischen Kräfte
müssen sich nicht für eine der beiden Linien entscheiden. Sie können für eine demokratische
Verfassung eintreten. Sie sollen ihre Vorschläge formulieren. Soweit ich es verfolgen kann, tun
sie dies auch. Die 10%-Hürde und die innerparteiische Demokratie sind zu beachten. Die Kurden
müssen jene unterstützen, die eine demokratische Verfassung vorsehen. Die Verfassung von
1921 war demokratisch. Sie beruht auf der Grundlage der Zusammenarbeit zwischen dem Staat
und den Kurden. Deswegen sage ich, die Verfassung von 1921 sollte aktualisiert werden. Mein
61-jähriges Leben ist Widerstand gegen das falsche Verständnis von „Ehre“ gegenüber der Frau.
Ich glaube daran, dass die Frau ihre Freiheit erlangen wird. Ich habe von den „Akademien für die
freie Frau“ gesprochen. Dies sollte ernsthaft angegangen werden. Frau sollte sich in allen
Bereichen – von der Kunst bis zum Sport, von der Gesundheit bis zur Kultur bis hin zur Mode –
organisieren.
Die Einheit der Kurden im Süden [Südkurdistan] ist gut, ich gratuliere ihnen. Die Anzahl ihrer
Sitze im Parlament hat sich etwas verringert. Es sieht so aus, als wäre es schwer, auf diese
Weise erfolgreich zu sein. Die Kurden brauchen eine nationale Einheit. Talabanî und Barazanî
müssen für diese Einheit arbeiten. Ich möchte ihnen bezüglich der Wahlen gratulieren und
wünsche ihnen viel Erfolg. Für den Frieden unter den Kurden muss gearbeitet werden. Es gibt
z.B. die Dorfschützer, die viel Leid angetan haben. Aber diese können zusammenkommen und
Frieden schließen. Der „Kongress für eine demokratische Gesellschaft“ (DTK) kann diesbezüglich
Projekte verwirklichen. Regionale Verwaltungen sind sehr wichtig. Diese dürfen aber kein
verlängerter Arm des Staates sein. Ein Verständnis der regionalen Kommunen muss als
Grundlage für diese Verwaltungen aufgenommen werden. Wenn sich diese Arbeit an die
Gesellschaft lehnt, wird auch der Staat Respekt vor ihr haben. Wenn man auf Geld von dem
Staate wartet, wird sich nichts entwickeln. Dieses Verständnis darf nicht vorherrschend sein.
Das Modell im Süden [Südkurdistan] ist ein Nationalstaat. Es wird verfaulen und irgendwann nicht
mehr existent sein. Aber mit unserem Modell wird man sich immer weiter entwickeln, da es sich
auf das Volk beruft. Wenn eine starke Organisation in dieser Form vorhanden sein wird, dann
werden nebensächliche Dinge wie Geld auch überflüssig. Gesellschaftliche Probleme können
sich nur auf dieser Basis lösen. Ich sage nicht, das sich alles zu 100% lösen lässt. Aber ein
großer Anteil der Probleme werden gelöst werden.

* İttihat und Terakki ist eine geheime Organisation, die in der Zeit des Zerfalls des
osmanischen Reiches gegründet wurde und in Kontakt zu den Jungtürken stand. Am
21. Mai 1889 wurde sie erst unter dem Namen İttihad-i Osmani Gesellschaft
gegründet und später in İttihat und Terakki umbenannt. Die eigentlichen
Verantwortlichen sind die Jungtürken vom İttihat ve Terakki Regime, die das
osmanische Reich in den imperialistischen Umverteilungskrieg hineinzogen und
diesen als eine Gelegenheit für Massaker an Bevölkerungsgruppen nutzten.

Quelle: ANF, 07.04.2010