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WILHELM FÜSSL

PROFESSOR IN DER POLITIK:

FRIEDRICH JULIUS STAHL (1802-1861)

DAS MONARCHISCHE PRINZIP UND UMSETZUNG IN DIE

PARLAMENTARISCHE

PRAXIS

VANDENHOECK

& RUPRECHT

IN

GÖTTINGEN

SEINE

Bayerische

Staatsbibliothek

München

ClP-KurztiteUufnähme

der Deutschen

Bibliothek

Füssl, Wilhelm:

Professor in der Politik: Friedrich Julius Stahl (1802- 1861) : d. monarch. Prinzip u. seine Umsetzung in d. Parlamentär. Praxis / Wilhelm Füssl. - Göttingen :

Vandenhoeck u. Ruprecht, 1988 (Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften; Bd. 33)

ISBN 3-525-35932-2

NF: Bayerische Akademie der Wissenschaften <München> / Historischen Kom- mission: Schriftenreihe der Historischen

D

19

Gedruckt mit Unterstützung der Franz-Schnabel-Stiftung

© 1988, Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen. Printed in Germany. - Alle Rechte vorbehalten. Das Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgeset- zes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbeson- dere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspei- cherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Gesetzt aus der 10/11 Punkt Garamond auf der V-I-P Gesamtherstellung: Verlagsdruckerei E. Rieder, Schrobenhausen

INHALT

Vorwort

7

A.

Einleitung

9

B.

Grundzüge der Theorie Stahls

13

I.

„Persönlichkeit" und „sittliches Reich" als die Zentralbegriffe bei Stahl

16

1. Die Deduktion der Theorie Stahls aus dem Persönlichkeitsbegriff

16

2. Stahls Methode von Idealität und Realität

21

3. Das „sittlicheReich"

25

II.

Die Staatsauffassung Stahls

31

1. Der Staat und seine Verfassung

31

2. Strukturelemente des monarchischen Prinzips bei Stahl

42

a) Aufriß der Problematik

42

b) Stahls „Monarchisches Princip" als Idealtypus

44

C.

Stahls politischer Werdegang in Bayern

51

I.

Stahl als Redakteur des „Thron-und Volksfreunds"

52

1. Die Gründungsgeschichte des Blattes

52

2. Der „Thron-und Volksfreund" und das „Bayerische Volksblatt"

61

3. Ursachen für das Scheitern des Blattes

64

II.

Stahl als Repräsentant der protestantischen Professorenschaft in Er- langen

69

1. Das Verhältnis zur „Erlanger Theologie"

69

2. Stahl als Abgeordneter im Bayerischen Landtag 1837

82

a) Die Zusammensetzung der Kammer der Abgeordneten

83

b) Thematische Schwerpunkte Stahls

86

c) Die protestantische Fraktionsbildung um Stahl

93

D

.

Stahl

als konservative r Parteiführe r in Preuße n

108

I .

Stahls Stellun g an de r Universitä t Berli n

110

II

.

De r Aufbau eine r konservative n Parteiorganisatio n

121

1. Die Gründung der „Neuen Preußischen Zeitung"

 

123

a) Das „Berliner Politische Wochenblatt" und der „Janus"

123

b) Die

„Neue

Preußische

Zeitung"

als

Kristallisationspunkt

der

Konservativen

127

6

Inhalt

2. Stahls Sicht des Verhältnisses von Kirche und Politik

137

3. Der „Verein für König und Vaterland"

142

4. Die Wahlen im Frühjahr 1849

152

a) Der Verfassungsoktroi

153

b) Der Wahlkampf

der Konservativen

162

c) Die Bildung der

„Fraktion Stahl"

180

III . Di e Auseinandersetzun g u m die deutsch e Frag e

192

1. Die Stellung Stahls zur Frankfurter Nationalversammlung

 

193

2. Die Opposition gegen die preußische Unionspolitik

 

208

a) Das „Dreikönigsbündnis" und seine Bewertung durch Stahl

 

208

b) Stahl und die Revision des

Reichsgerichts

 

215

c) Die politische Diskussion

um die En-bloc-Annahme

 

224

d) Das Erfurter Unionsparlament

 

238

e) der

Die Politik

„Kreuzzeitungspartei"

bis zur

Reaktivierung

des

Deutschen

Bundes

255

IV.

Stahl und die Umgestaltung der oktroyierten Verfassung

266

1. Der Artikel 108 der Verfassungsurkunde

26 7

2. Der Verfassungseid

275

3. Die Verantwortlichkeit der Minister

284

4. Die Umbildung der Ersten Kammer

298

a) Die Annahme der Königlichen Propositionen

.•

299

b) Die parlamentarische Diskussion um die Oberhausfrage im Jahre 1852

315

c) Die endgültige Umgestaltung der Ersten

Kammer

336

E.

Der , politische Professor" Stahl

356

Tabellen

 

359

Quellen- und Literaturverzeichnis

363

 

A. Archivalische Quellen

363

B. Gedruckte Quellen

369

C. Sekundärliteratur

376

Abkürzungsverzeichnis

393

Personenregister

394

VORWORT

Die vorliegende Untersuchung ist die leicht überarbeitete Fassung der Dis- sertation, die im Wintersemester 1985/86 von der Philosophischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München angenommen wurde. Der Druck der Schrift bietet die Gelegenheit, all denen zu danken, die mit ihrer Unterstützung und Hilfe ihr Entstehen gefördert haben. In besonderem Maße schulde ich Dank meinem geschätzten Doktorvater, Herrn Professor Dr. Eberhard Weis, der mir stets freundlichen Beistand ge- währt und die Dissertation bis zur Drucklegung begleitet hat. Für ihre Mit- hilfe danke ich allen Mitarbeitern der von mir besuchten Archive und Biblio- theken, die mit viel Geduld meine Forschungen förderten, besonders der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel und dem Zentralen Staatsarchiv der Deutschen Demokratischen Republik in Merseburg. Viel schulde ich mei- nem Freundeskreis, der mit Rat und Tat den Abschluß der Dissertation vor- angetrieben hat. Mein Dank gilt nicht zuletzt der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V., die durch ein großzügiges Promotionsstipendium die Grundlage für meine For- schungen geschaffen hat. Für die Aufnahme der Arbeit in ihre Schriftenreihe danke ich der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften ganz herzlich. Widmen möchte ich die Schrift in aufrichtiger Dankbarkeit meinen Eltern, ohne deren Unterstützung die vorliegende Untersuchung nicht entstanden wäre.

München, im Mai 1988

Wilhelm Füßl

A. EINLEITUNG

Der Beginn des 19. Jahrhunderts brachte für die deutschen Universitäten ei- nen bedeutsamen Aufschwung, der den Ruf und den Ruhm der deutschen Geistesgeschichte mitbegründen sollte. Verbunden mit den Namen Imma- nuel Kant, Johann Gottlieb Fichte, Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling ragte dabei vor allem die Philosophie hervor, die im Geistesleben unübersehbare Akzente setzte. Viele Professoren begnügten sich jedoch nicht mit der theoretischen Reflexion, sondern nah- men teil an der sich verstärkenden Politisierung des Bürgertums; einige von ihnen traten sogar in den Parlamenten der deutschen Einzelstaaten als Abge- ordnete hervor. Diese Erscheinung, welche mit der Typisierung „politisches Professorentum" gekennzeichnet werden kann, hatte einen wesentlichen Einfluß auf die konstitutionelle und nationale Bewegung. Die Gelehrten wurden zum Sprachrohr des Bürgertums mit seiner Forderung nach einem verfassungsmäßig verankerten Mitwirkungsrecht in den Kammern und sei- nem Wunsch nach einer deutschen Einigung. Seinen Höhepunkt erreichte das „politische Professorentum" und mit ihm die national-konstitutionellen Bestrebungen in der Frankfurter Nationalversammlung. Es wäre aber eine unzulässige Einschränkung, nur solche Hochschullehrer als „politische Professoren" zu bezeichnen, die liberalen oder demokrati- schen Tendenzen nahestanden. Wenngleich ein Großteil der Gelehrten, wie Karl v. Rotteck, Robert v. Mohl, Friedrich Christoph Dahlmann, Johann Gustav Droysen oder Friedrich List, liberal gesinnt war und somit diesen Typus prägte, kann das „politische Professorentum" nicht allein mit einer einseitigen Parteienkennzeichnung erfaßt werden. Auch im konservativen Lager gab es eine Reihe von Hochschullehrern, die sowohl durch wissen- schaftliche und publizistische Arbeiten als auch in der praktischen Politik hervortraten. Zu nennen sind an erster Stelle Victor Aime Huber, Heinrich Leo, Friedrich Ludwig Keller v. Steinbock oder Ludwig Wilhelm Anton Pernice, die in Preußen Mitte des 19. Jahrhunderts zu den Spitzen der kon- servativen Partei gehörten, weiterhin Johann Joseph v. Görres, Ignaz v. Döl- linger und Johann Nepomuk Ringseis, die sich im katholisch-konservativen Görreskreis in München zusammenfanden. Allein mit einer Parteizuord- nung kann das Phänomen des „politischen Professors" also nicht erklärt werden. Über das parteiliche Bekenntnis hinaus ist für sein Erscheinungsbild das publizistische und politische Wirken kennzeichnend; beide Komponen- ten sind gleichzeitig mit einer intensiven Tätigkeit an der Universität ver- knüpft. Erst die enge Verbindung von Lehre, theoretischer Reflexion, publi- zistischer Tätigkeit und parlamentarischem Engagement charakterisiert das

10

Einleitung

„politische Professorentum" des 19. Jahrhunderts und wirft ein Streiflicht auf sein Selbst- und Wissenschaftsverhältnis. Mit Friedrich Julius Stahl soll in dieser Arbeit einer der bedeutendsten „politischen Professoren" des letzten Jahrhunderts untersucht werden, der zugleich den Gegentypus zu den liberalen Professoren seiner Zeit verkör- pert. Stahl kann als Paradigma für den Typus des „politischen Professors" gelten, da er es verstand, sein Wirken an der Universität mit verschiedenen politischen, kirchlichen und publizistischen Tätigkeiten zu verbinden. Als Lehrer wurde Stahl wegen seiner präzisen Formulierungen und seines kämp- ferischen Eintretens für das monarchische Prinzip geschätzt; seine öffentli- chen Vorlesungen galten als gesellschaftliche Ereignisse, an denen Beamte, Generäle und sogar Minister teilnahmen. Über den Universitätsbetrieb hinaus ergriff Stahl Partei innerhalb der evangelischen Kirche, in der er unter anderem als Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentages hervortrat. Sein Engagement für kirchliche Be- lange verweist auf die besondere Bedeutung der christlichen Religion für Friedrich Julius Stahl, was sowohl in seinen rechtsphilosophischen und staatsrechtlichen Schriften als auch in seinen parlamentarischen Reden zum Ausdruck kommt. Dieses explizite Bekenntnis zum Christentum gilt es ein- zubeziehen, wenn Stahls Wirken adäquat beurteilt werden soll, da es zum Fundament seiner Weltanschauung und seines gesamten theoretischen Wer- kes wurde. Mit seinem Selbstverständnis als Christ war seine eigene politi- sche Wirksamkeit vorgeprägt, da Stahl aus dem Glauben sittliche Inhalte ab- leitete, die zum Maßstab seines Handelns in der Politik wurden. Diese enge Korrelation von Theorie und Praxis ist ein wesentlicher Grundzug der Per- sönlichkeit Stahls und muß bei einer Untersuchung seiner politischen Tätig- keit entsprechend verdeutlicht werden. Demzufolge ist es auch in der vorlie- genden Arbeit notwendig, dieser Verbindung nachzugehen, wobei ein be- sonderer Schwerpunkt auf Stahls methodischem Vorgehen innerhalb seiner Theorie liegen soll. Dabei wird zu zeigen sein, daß seine Philosophie als „praktische Philosophie" konzipiert war, aus der unmittelbar Normen für die Realität abgeleitet werden konnten. Von der Annahme einer Einheit von Theorie und Praxis ausgehend werden in einem einleitenden Kapitel der Ar- beit vor allem die Thematiken angesprochen, die für Stahls eigenes politisches Wirken von Bedeutung waren, d. h. in erster Linie die Darstellung und Beur- teilung seiner Sicht des monarchischen Prinzips. Im Kern der Untersuchung steht allerdings die politische Wirksamkeit Stahls, die in der bisherigen Stahl-Forschung kaum Beachtung gefunden hat. Im Gegensatz zu einer Reihe von Arbeiten über Stahls philosophische und staatsrechtliche Schriften* gibt es bisher keine umfassende Darstellung zu

* Auf einen ausführlichen Literaturbericht kann an dieser Stelle verzichtet werden. Verwie- sen sei auf H.J. Wiegand, Vermächtnis, 3-36, und Nabrings, Stahl, 15-39, die den Forschungs- stand zu Stahl resümieren.

Einleitung

11

diesem Komplex. Ansatzweise wurde Stahls parlamentarische Tätigkeit von Voigt (1919), Masur (1930), Roos (1957) und Wiegand (1976) angesprochen, wobei Roos lediglich Stahls politische Aktivitäten in Preußen in die Betrach- tung einbezog, während sich die anderen Autoren auf seine bayerische Zeit beschränkten. Allerdings kam Roos über eine Untersuchung der Stellung- nahmen Stahls in der I. Kammer nicht hinaus; daher blieb dessen außerpar- lamentarisches Wirken in der Publizistik und vor allem im Rahmen der kon- servativen Partei unklar. Die vorliegende Arbeit versucht - anders als die bisherige Stahl-For- schung —, die enge Verknüpfung von theoretischer Aussage und politischem Engagement bei Stahl einerseits und die Kontinuität seines politischen Den- kens und Handelns in Bayern und Preußen andererseits aufzuzeigen. Aus der bisher praktizierten, isolierten Untersuchung der Bereiche Theorie oder Pra- xis - bayerische oder preußische Zeit ergab sich die häufig wiederholte These von „Brüchen" innerhalb Stahls theoretischem und praktischem Wirken, der entgegenzutreten ist. Wenn dabei überwiegend Stahls politischer Werdegang in Preußen behandelt wird, so geschieht dies aus dem Grund, da Stahl dort den unbestrittenen Höhepunkt seiner Laufbahn als „politischer Professor" erreichte. Eine Untersuchung der politischen Tätigkeit Stahls in Preußen muß in en- gem Zusammenhang mit der Genese der konservativen Partei sowie der preußischen Parlamentarismusgeschichte erfolgen. Stahl war mit dem Auf- bau einer konservativen Parteiorganisation nach 1848 eng verknüpft, ein Aspekt, der in der bisherigen Forschung nur peripher angeklungen ist. Dabei avancierte Stahl nicht nur zum Vordenker der nach ihm benannten „Frak- tion Stahl", sondern hatte wesentlichen Anteil an der organisatorischen Ver- festigung der konservativen Partei, was an Hand der Frühjahrswahlen 1849 und den nachfolgenden Fraktionsgründungen exemplarisch aufgezeigt wer- den soll. Im Rahmen des Aufbaus der Partei kam der Programmatik eine besondere Bedeutung zu, da nur durch sie breite Wählerschichten angesprochen werden konnten. In diesem Zusammenhang war Stahls Konzeption des monarchi- schen Prinzips das entscheidende Bindeglied zwischen der traditionellen alt- ständischen Staatsdoktrin und dem liberalen Gedankengut, da Stahl es ver- stand, beide Positionen zu verbinden und diesem Kompromiß innerhalb der konservativen Partei Geltung zu verschaffen. Insofern war Stahl, das sei vorweg thesenartig formuliert, im theoretischen Denken und in der prakti- schen Politik nicht der Verfechter einer starren Lehre, schon gar nicht einer restaurativen oder reaktionären Politik, sondern Vermittlungsphilosoph und Ausgleichspolitiker.

In den Anmerkungen wird hier wie im folgenden lediglich der Autor und ein Kurztitel zitiert. Die genaue bibliographische Angabe findet sich im Quellen- und Literaturverzeichnis, S. 363-392.

12

Einleitung

Um der Bedeutung Stahls während seiner preußischen Jahre gerecht zu werden, ist es notwendig, seinem Einfluß nachzuspüren. Gerade dieses Vor- haben erweist sich als sehr problematisch, da Einflußnahme und nachweisba- rer Erfolg nicht unbedingt zusammenhängende Größen sind. Nur in seltenen Fällen läßt sich Stahls Einwirken auf bestimmte Personen und deren Ent- scheidungen direkt erkennen, was seine Einflußnahme in anderen Fällen je- doch nicht ausschließt. Aus Tagebüchern, Memoiren, Briefen, Gesprächs- protokollen, Flugschriften, Zeitungsmeldungen und nicht zuletzt aus den Ministerialakten der preußischen Regierung läßt sich ersehen, daß Friedrich Julius Stahl ein geschätzter Ansprechpartner des Königs, der Regierung, der Kamarilla und der führenden Konservativen in Preußen war und daß er durch diese Beziehungen den Entscheidungsträgern seine persönlichen Vorstellun- gen nahebringen konnte. Stahls Einflußmöglichkeiten unterlagen dabei durchaus Schwankungen; je nach der politischen Konstellation waren sie stärker oder geringer. Gerade in den Jahren 1848 bis 1852 finden sich in den Ministerialakten auffällig viele Denkschriften und Entwürfe Stahls, eine Tat- sache, die nicht zuletzt dahingehend gedeutet werden muß, daß Stahl in die- sen Jahren anerkanntermaßen der Führer der konservativen Partei Preußens war. Mit dem Verweis auf die Einflußnahme Stahls in Preußen wurde bereits die Quellenlage angesprochen. Von Stahls Nachlaß (Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel) existieren lediglich die wichtigsten Vorlesungsmanuskripte sowie eine Anzahl zum Teil fragmentarischer Denkschriften und Aufsätze im Konzept; der Rest, darunter sein Briefwechsel, wurde auf Anordnung Stahls vernichtet. Stahls eigene Briefe und politische Schriften sind in vielen Archi- ven und Bibliotheken verstreut. Während Stahls professorale Tätigkeit an Hand der Akten in den Universitätsarchiven von München, Nürnberg-Er- langen und Würzburg sowie der Ministerialakten des Zentralen Staatsarchivs Merseburg erarbeitet werden konnte, waren für sein politisches Wirken die stenographischen Berichte der Kammerverhandlungen und die Bestände des Zentralen Staatsarchivs Merseburg besonders wichtig. Gerade in den Merse- burger Akten, in denen sich eine Vielzahl von Denkschriften und Gesetz- entwürfen Stahls fanden, spiegelt sich das politische Gewicht Friedrich Julius Stahls deutlich wider. Über die Ministerialakten hinaus bieten verschiedene Nachlässe von Zeitgenossen und Freunden Stahls ein Spektrum seiner vielfäl- tigen Aktivitäten. Ein interessanter Aspekt, der sich bei der Durchsicht die- ser Nachlässe ergab, ist die schwankende Einschätzung, die Stahl von den Zeitgenossen erfuhr. Sie muß in Abhängigkeit von der vorgefaßten politi- schen Überzeugung des jeweiligen Autors gesehen und dementsprechend quellenkritisch interpretiert werden. Während Stahl zu Lebzeiten von den Konservativen nahezu enthusiastisch gefeiert und mit vielen Ehrungen be- dacht worden war, setzte schon bald nach seinem Tod eine Distanzierung ein, die bis zu einer völligen Verleugnung Stahls reichte.

B. GRUNDZÜGE DER THEORIE STAHLS

Um der schillernden und umstrittenen Person Friedrich Julius Stahls gerecht zu werden, ist es notwendig, den Zusammenhang zwischen seiner Theorie und seiner aktiven politischen Tätigkeit herzustellen. Theorie und Praxis ge- hören — wie zu zeigen sein wird - enger zusammen, als dies bisher in den Ar- beiten über Stahl gezeigt wurde. Es genügt nicht, seine Rechts- und Staats- philosophie isoliert zu untersuchen 1 , da dadurch der Eindruck erweckt wird, als sei der Rechtsphilosoph Stahl unabhängig von den Zeitereignissen. Wohl nur für seine ersten Jahre als Privatdozent 2 läßt sich die Beurteilung seines Studienkollegen Lautenbacher 3 bestätigen: ,,Es fehlt ihm durchaus an Welt- und Menschenkenntniß, er ist über seine vier Studierstube-Wände nicht hinausgekommen" 4 . Ab 1830 5 nahm Stahl regen Anteil am politischen Tagesgeschehen, was zu vielfältigen Rückwirkungen und Änderungen in sei-

Revo-

lutionen von 1830 und 1848 zogen weitgehende Umgestaltungen des Buches

nach sich 7 . Sie waren ein

als politischer Philosoph verstand. Er selbst betonte im Jahr 1854, „durch die Erfahrungen meiner parlamentarischen Wirksamkeit und durch die mächti-

Grund dafür, daß sich Stahl in der Folge zunehmend

nem Hauptwerk „Die Philosophie des Rechts" 6 führte. Vor allem die

gen Ereignisse der Zeit und ihre Lehren sowohl in wissenschaftlicher Be-

gründung und

Einsicht gefördert zu seyn" 8 .

Auffassung, als in praktischer

1 Vgl. die Arbeiten von Kaufmann, Studien; Meisner, Lehre;Stegmann, Königtum; Poppel- baum, Weltanschauung; Arnim, Studien; Drucker, Stahl; A. Müller, Beiträge; Volz, Christen- tum; Heinrichs, Rechtslehre; ders., Menschenbild; C. Wiegand, Stahl.

2 Stahl hatte sich 1827 in München mit der Arbeit „Über das ältere römische Klagenrecht" habilitiert und im gleichen Jahr die königliche Erlaubnis erhalten, als Privatdozent an der Münchner Universität zu lehren; vgl. Ministerialreskript vom 9. 7.1827, BayHStA, MInn 23589 (Auszug). Vgl. Voigt, Werdegang, 177; G.Masur, Stahl, 93;H.J. Wiegand, Frühwerk, 96f.

3 Ignatz Lautenbacher (1799-1833) hatte wie Stahl Jura studiert und war wie dieser Mitglied der Burschenschaft; vgl. Höhne, Bubenreuther, 20f. Beide wurden deshalb 1824 gemaßregelt; UA Erlangen, Th. III, Pos. 14, Nr. 26 (Abschrift). Seit 1829 arbeitete er an dem neugegründeten Blatt „Das Inland" mit. Er löste im März Georg Friedrich Puchta als leitenden Redakteur der Zeitung ab. Vgl. Steuer, Cotta , 41 ff.

4 Lautenbacher an Cotta vom 11.4. 1830; Cotta-Archiv Marbach, Cotta-Briefe, Lautenba- cher/Cotta, Nr. 31.

5 Ab Mai 1830 war Stahl verantwortlicher Redakteur des offiziösen Blattes „Der Thron- und Volksfreund"; vgl. Kapitel C. I.

6 Bd.I: 1830; Bd. H/1: 1833; Bd.II/2: 1837. Im folgenden wird nach der heute üblichen 6. Auflage (Darmstadt 1963) zitiert (Phil. d. R.), die mit der dritten, von Stahl 1854-1856 noch selbst herausgegebenen Auflage identisch ist. Frühere Ausgaben werden durch in Klammern ge- setzte Erscheinungsjahre gesondert angegeben.

7 Phil. d. R.

Vgl. Stahl,

8 Ebd., VII.

II/l , VIII.

14

Grundzüge der Theorie

Stahls

Diese Selbsteinschätzung deutet das Ineinandergreifen von Theorie und Pra- xis bei Stahl an. Sie kann darüber hinaus ein Hinweis darauf sein, daß seine Rechts- und Staatslehre mit der Erstausgabe der „Philosophie des Rechts" keineswegs ein geschlossenes System war, das für Stahl unverrückbar blieb. Trotzdem gibt es eine Grundkonzeption Stahls, welche die unveränderli- che Basis seines Denkens bildet. Sie zu kennen ist notwendig, um Stahls Fä- hig- oder Unfähigkeit zur Aufnahme neuer und weiterführender Gedanken beurteilen zu können. Damit hängt auch Stahls Positionsbestimmung als „Konservativer" oder als „Reaktionär" Somit ist eine Untersuchung der politischen Tätigkeit Stahls nicht von sei-

nem theoretischen Ansatz zu lösen. Schon Stahls Bild des christlichen Staates

ist geprägt von

der „Persönlichkeit Gottes" 9 , sein Eintreten für das monar-

chische Prinzip setzt seine christliche Weltanschauung voraus. Im Kern hatte sich das System Stahls bereits in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts herausgebildet. Um die Grundp^sition Stahls herauskristallisieren zu kön- nen, ist es erforderlich, die verschiedenen Ausgaben der „Philosophie des Rechts" vergleichend nebeneinander zu stellen. Dabei kommt es im Rahmen dieser Arbeit nicht darauf an, das philosophische System und die Rechtslehre

Hand einiger

Stahls in ihren Einzelheiten zu erörtern 10 , sondern es soll an

entscheidender Prinzipien Stahls methodisches Vorgehen im theoretischen Bereich aufgezeigt werden 11 . Solche sind die Begriffe „Persönlichkeit" und „sittliches Reich".

Die Schrift „Das monarchische Princip" bedeutet im Werk Stahls eine ent-

scheidende Wende 12 . Standen seine bisherigen Abhandlungen nahezu aus- schließlich im Zeichen theoretischer Erörterungen, stellt sie ein Eingreifen in die Auseinandersetzungen um die verfassungsmäßige Ausgestaltung Preu- ßens, die in diesen Jahren diskutiert wurde, dar. Von dem Wissen getragen, „daß eine bedeutende Veränderung in der Verfassung dieses Königreiches

bevorstehe" 13 , sah Stahl in seiner Schrift die

Möglichkeit, in seinem Sinne auf

die preußische Verfassungsgebung einwirken zu können. Trotz des hohen Abstraktionsgrades, mittels dessen Stahl das „monarchische" von dem „par- lamentarischen" Prinzip schied, funktionalisierte Stahl seine Theorie in Hin- blick auf real „Erreichenswertes" und stellte sie in den Dienst aktiver politi- scher Gestaltung. Wenn Stahl in den folgenden Jahren öffentlich das Wort ergriff, wollte er auf das politische Geschehen Einfluß nehmen. Daher kann

»

10 Vgl. dazu die Arbeiten von Grosser, Grundlagen;//./. Wiegand,

Vgl. ebd. ,

7 ff.

Frühwerk; C.

Wiegand,

Stahl.

11 Stahls eigener Methodik wurde trotz seiner Angaben dazu (vgl. Phil. d. R. H/1 , 141 f.) in der Forschung bisher kaum Beachtung geschenkt. 'Nur Drucker, Stahl, 11, erwähnt die „Polari-

tät, wie wir seine Methode nennen möchten", ohne diesen Gedanken

weiterzuverfolgen.

12 Heidelberg 1845 (zitiert: Mo. Pr.).

13 Stahl, Mo. Pr., III.

Grundzüge der Theorie Stahls

15

nicht mehr davon gesprochen werden, daß Stahls theoretische Schriften aus- schließlich einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung dienten. Diese politische Publizistik 14 ist daher von den rein theoretischen Schriften zu trennen, solange es darum geht, Stahls Grundüberzeugung und seine wis- senschaftliche Argumentation herauszuarbeiten. Sie würde den Aussagen Stahls eine Programmatik verleihen, die einer adäquaten Bestimmung seiner Position die Sicht versperren würde.

14 Sie reicht von Stahls Artikeln in verschiedenen Zeitungen bis zu seinen posthum veröffent- lichten Vorlesungen über „Die gegenwärtigen Parteien in Staat und Kirche".

I. „Persönlichkeit" und „sittliches Reich" als die Zentralbegriffe bei Stahl

1. Die Deduktion

der Theorie Stahls aus dem

Persönlichkeitsbegriff

Mit den Worten „Jede philosophische Wissenschaft muß mit dem obersten

Princip der Dinge, dem ,Absoluten', beginnen" 1 leitet Stahl seine „Philoso- phie des Rechts" ein. Dabei ist sich Stahl bewußt, daß das, was als das oberste

Prinzip anzusehen ist, letztlich auf

stellen sich dabei im Grunde nur zwei Alternativen: der absolute Weltgeist im

Sinne Hegels 3

nach Stahl das Bekenntnis entweder zum Rationalismus oder zum Theismus, die als Extrempole möglicher „Weltanschauung" 4 gelten. Vom Einzelnen verlangt Stahl eine Entscheidung zugunsten einer dieser Positionen; er selbst spricht sich für die „christliche Offenbarung" aus 5 , wodurch „der persönli- che, überweltliche, offenbarungsfähige Gott" 6 das oberste Prinzip für Stahl

wird.

oder der persönliche Gott. Diese beiden Positionen beinhalten

Glaubenshaltung beruht 2 . Für Stahl

einer

Stahls Prämisse seiner wissenschaftstheoretischen Anschauung ist also ein dezidiertes Bekenntnis zum Christentum. Stahl, ursprünglich mosaischen Glaubens, war am 6. November 1819 zum Protestantismus übergetreten, nachdem er durch Friedrich Wilhelm Thiersch und Friedrich Immanuel Niet- hammer während seiner Schulzeit in München dem Christentum nahege-

in späteren Jahren engagierten Christen 8 wurde

bracht worden war 7 . Für den

1 Stahl,

Phil. d.

R. H/1, 7.

 

2

Vgl. ebd., 5.

 

3 Vgl. Hirschberger,

Geschichte II, 407ff.

 

4

Stahl,

Phil.

d.

R.

II/l , 4;

vgl. C. Wiegand,

Stahl, 191.

5

Stahl,

Phil. d. R. II/l,

5; ähnlich Phil. d. R. II/l

(1833), X.

6

Stahl,

Phil.

d.

R.

II/l ,

7; ebenso Phil. d. R. II/l

(1833), 18.

7 Vgl. Voigt, Werdegang, 59; G. Masur, Stahl, 37. Stahl beschreibt in einem Brief an Thiersch vom 20.1.1820 den Ablauf der Tauffeierlichkeiten; gedruckt bei Koglin, Briefe, 44-46. Die Da- tierung Koglins (20.1. 1819) ist offensichtlich falsch. Ober Stahls früheren Namen herrscht besonders in der älteren Forschung einige Verwirrung. Für die früher vorgebrachte These, Stahl habe ursprünglich „Schlesinger" geheißen (Tannen- wald, Art. „Stahl", Sp. 623) finden sich in den Akten keine Belege. Hier taucht der Name „Jol- son" oder „Golson" auf. In den Judenmatrikeln von 1815 wurde Stahls Vater in München mit dem Namen „Valentin Golson" als Nachfolger von Abraham Uhlfelder mit der Schutznummer 34 eingetragen; StA München, RA 33908; ähnlich die Matrikel von 1819, StA München, RA 33909; vgl. auch den Bericht der Polizeidirektion München an das Generalkommissariat vom 6.12. 1816, StA München, RA 33891.

Andererseits finden sich zahlreiche Belege für den Namen „Jolson", so in einem Schreiben von Marcus Felshof, Hofmeister „bey Jolson Uhlfelder", datiert vom 29.3. 1813; StA Mün-

Die Deduktion der Theorie Stahls aus dem Persönlichkeitsbegriff

17

der Glaube zum Grundzug seiner Philosophie, der ihn zur Ablehnung aller rationalistisch-naturrechtlich geprägten Ideen bestimmte, durch welche Stahl die christliche Weltordnung in Frage gestellt glaubte. So setzt am Begriff der „Persönlichkeit", den Stahl zum „Princip der

Welt" erhebt 9 , seine Kritik am Pantheismus an, den er von Spinoza bis in der Philosophie vertreten sieht 10 . Stahl knüpft mit diesem Begriff an

Pantheismus an, den er von Spinoza bis in der Philosophie vertreten sieht 1 0 . Stahl

Hegel

Schel-

ling an, der in seinen „Philosophischen Untersuchungen über das Wesen der menschlichen Freiheit und die damit zusammenhängenden Gegenstände" (1809) die Persönlichkeit Gottes besonders hervorgehoben hatte 11 . Stahl be-

tont die Persönlichkeit, da in ihr allein die Einheit gründe, die der Mannigfal- tigkeit der Schöpfung einen umschließenden Sinn gebe: „Die Persönlichkeit aber ist absolute Einheit" 12 , die Verbindung von Konkretem und Abstrak- tem, die Potenz aller Denkmöglichkeiten. Schon Kaufmann hat die Bedeu- tung der Einheit hervorgehoben, die Stahl durch den Persönlichkeitsbegriff

zur Geltung bringen wollte 13 .

Persönlichkeit versucht Stahl, die innere Widersprüchlichkeit der Welt zu überwinden. Auch Geist und Materie sind demzufolge keine antagonisti- schen Begriffe, sondern in der Einheit der Person verschmolzen. Absolute Einheit kann nach Stahls christlichem Verständnis letztlich nur in Gott be- gründet sein. Aus einer empirischen Vielfalt induziert Stahl methodisch auf die Notwendigkeit einer Ganzheit. Totalität ist aber gleichbedeutend mit Gott. Die umständliche Argumentation Stahls, mit der er aus der Vielheit auf die Einheit folgert, dient im wesentlichen dazu, „einen möglichst zwingen- den, vernunftmäßigen Beweis für die Existenz eines frei waltenden, persönli- chen Gottes" zu liefern 14 .

Durch diese Gleichsetzung von Einheit und

chcn, RA 33877. Auch in den Jahresberichten des Wilhelms-Gymnasiums, das Stahl besuchte, taucht immer der Name „Julius Jolson" auf; vgl. Berichte von der Königlichen Studien-Anstalt zu München, Jg. 1815-1818. Über die Herkunft des Namens „Stahl" ist nichts bekannt; vgl. Voigt, Werdegang, 57; G. Ma- sur, Stahl, 37 Anm. 2. Denkbar wäre die Wahl des Namens wegen seines metaphorischen Cha- rakters, ähnlich der Namenswahl seines Onkels Mayer-Uhlfelder, der am 28.11. 1816 zum ka- tholischen Glauben übergetreten war und den Namen „Kraft" angenommen hatte; vgl. StA München, RA 33908 und RA 33891.

8 1848 Berufung in das neugeschaffene Oberkonsistorium, 1852 Mitglied des Evangelischen Oberkirchenrats; vgl. Ministerialreskript Raumers an Uechtritz, Berlin 10.3.1852, EZA Berlin, EOK Präs. 11, Bd. I. Seit 1848 war Stahl Vorsitzender der Berliner Pastoralkonferenz sowie Prä- sident des Deutschen Evangelischen Kirchentags; vgl. Landsberg, Art. „Stahl", ADB XXXV, 397; H. ]. Wiegand, Bild, 47. Eine umfassende Darstellung von Stahls kirchenpolitischen Akti- vitäten bietet Nabrings, Stahl, 120-148.

» Stahl,

10 Vgl. ebd., 8.

Phil. d. R. II/l,

7.

11 Abgedruckt in: Schelling, Werke IV, 223-308. Zum Einfluß Schellings auf Stahl vgl. Gros- ser, Grundlagen, 30-37; C. Wiegand, Stahl, 93-104. Dagegen Nabrings, Stahl, 47ff., der Stahl „nur sehr eingeschränkt als Schüler Schellings" beurteilt; vgl. ebd., 54.

12

Stahl,

Phil. d.

R.

13 Vgl. Kaufmann,

II/l ,

15; vgl. Phil. d. R. II/l (1833),

18f.

Studien, 71 ff.; ähnlich C. Wiegand, Stahl, 201.

18

„Persönlichkeit" und „sittliches Reich" als die Zentralbegriffe bei Stahl

In Gott verbinden sich die „mannigfaltigsten Kräfte und Eigenschaften:

Selbstbewußtseyn, Wille, Verstand, Macht, oder, wie wir die göttlichen Ei- genschaften bezeichnen, Allwissenheit, Allmacht, Unveränderlichkeit, Ge-

rechtigkeit, Heiligkeit, Treue, Liebe, Barmherzigkeit, Seligkeit, Ewigkeit

[ .]" 1S . Entscheidende und wichtigste Attribution der Persönlichkeit ist für

Stahl der

zeigt sich dem Menschen in der Schöpfung, die aus dem Willen zur Tat ent- sprungen ist. Die Begriffe „Persönlichkeit", „Wille" und „Tat" gehören bei Stahl eng zusammen und bedingen sich gegenseitig. Ohne den Willen gibt es keine Persönlichkeit, ohne Tat ist der Wille ein Absurdum. Etwas zu wollen setzt voraus, sich das Gewollte gedanklich vorstellen zu können. Das Unvorstellbare kann der Mensch nicht in die Tat umsetzen. Anders dagegen Gott. Für ihn ist das menschlich Unvorstellbare möglich und realisierbar. Stahl spricht mit diesem Gedanken die Freiheit Gottes an. „Freiheit" all- gemein bedeutet in Stahls Vorstellung die Möglichkeit der Wahl, die Freiheit Gottes ist - dementsprechend erhöht - „unendliche Wahl" oder „Ur- wahl" 17 . Die „unendliche Wahl" ist wie die „Persönlichkeit" ein zentraler Gedanke Stahls und taucht bereits in der Erstauflage der „Philosophie des Rechts" auf 18 . Freiheit meint in beiden Fällen eine „schöpferische Freiheit", die über die „empirische Wahl, d.i. Auswahl aus Vorhandenem" 19 hinaus- geht. Vielmehr beinhaltet die „schöpferische Freiheit" die Möglichkeit, Nichtexistentes zu schaffen, eine Richtung, ein „telos", zu bestimmen 20 . Nun sind die Dinge aber nicht planlos. „Sie sind nach Zweck und Absicht geschaffen" 21 , d.h. sie besitzen eine „Providenz" 22 , einen innersten Zu- sammenhang, der für den Menschen empirisch nicht mehr erfahrbar ist. Daß die Schöpfung nicht ziellos und zufällig ist, liegt in der Persönlichkeit Gottes begründet. Daher ist nach Stahl auch die Weltgeschichte auf ein Ziel ausge- richtet, das in einem ewigen „Zustand sittlicher und natürlicher Vollendung" besteht 23 . Die Aufgabe der Geschichte liegt in einem vorbereitenden Charak- ter, in der Entfaltung auf dieses Ziel hin 24 . Der Mensch kann aber von sich aus den Zustand höchster Vollendung nicht erreichen, dazu benötigt er das

Wille, durch den eine Tat initiiert wird 16 . Gottes Persönlichkeit

15 Stahl, Phil. d. R. II/l , 15.

16 Vgl. ebd., 16: „Das Seyn der Persönlichkeit ist aber That, unausgesetzt innere That, denn

nur als Wille ist sie

[

].

17 Ebd., 27; vgl. Phil. d. R. II/l (1833). 21.

18 Vgl. Stahl, Phil. d. R. II/l (1833), 26f.

"

19 Stahl, Phil. d. R. II/l, 28. Stahl wehrt sich hiergegen eine Besprechung der Erstauflage der Phil. d. R., Bd. II/l durch Ludwig Feuerbach, Jahrbücher für wissenschaftliche Kritik 1835, Bd. II , Sp. 1-20, besonder s 3 ff.

20 Vgl. Grosser, Grundlagen, 47.

21 Phil. d.

Stahl,

R. II/l, 40.

" Ebd.

" Ebd., 48; vgl. ebd., 45.

24 Vgl. ebd., 51 und 151; ebenso Phil. d. R. II/l (1833), 101.

Die Deduktion der Theorie Stahls aus dem Persönlichkeitsbegriff

19

tätige Eingreifen Gottes in die Welt. Da Stahl aber im Rahmen seiner christli- chen Geschichtsphilosophie die aktive Lenkung der Welt durch Gott ab- lehnt, kann die Geschichte letztlich nur in einer Annäherung an das „telos" bestehen 25 .

In der Schöpfung Gottes nimmt der Mensch einen besonderen Rang ein, da er Ebenbild Gottes ist 26 . Als solches hat der Mensch ebenfalls Personhaftig- keit, d. h. er ist mit Freiheit und Willen ausgestattet 27 . Allerdings besteht für Stahl ein essentieller Unterschied zwischen der Persönlichkeit Gottes und des Menschen. Für Gott gibt es keinerlei Schranken; er allein hat die Möglichkeit der Urwahl, er ist es auch, der den Menschen geschaffen hat. Für den Men- schen bedeutet seine „kreatürliche Stellung", wie Stahl es nennt 28 , daß er trotz einer gewissen Selbständigkeit einer zweifachen Bedingtheit unterliegt. Zum einen ist er Teil im „göttlichen Weltplane" 29 und hat damit als Einzel- wesen oder in der Gemeinschaft bewußt oder unbewußt die Aufgabe, Gottes Weltordnung auszufüllen. Dies geschieht im Rahmen von Religion und Sitt-

Re-

lichkeit: „Sittlichkeit ist die Vollendung des Menschen in ihm selbst [

ligion dagegen ist das Band des Menschen zu Gott, daß er sich immer nur in

Gott wisse und wolle, sich überall auf ihn beziehe - also die völlige Hinge-

Doppelung von Religion

bung, die persönliche Einigung mit

und Sittlichkeit auf ethischem Gebiet entspricht die Duplizität der organisa- torischen Einbindung des Menschen einmal in die „Gottesgemeinde", zum anderen in die „sittliche Welt" 31 , wie sie durch die Kirche bzw. durch die „bürgerliche Ordnung" 32 verwirklicht ist.

Die zweite strukturelle Bedingtheit liegt in der Sündhaftigkeit des Men- schen. Durch den Sündenfall Adams wurde die Persönlichkeit des Men- schen, die ursprünglich in der engen Verbindung zu Gott bestand 33 , defor- miert und in ihrem Wesensgehalt - dem Willen zum Guten - zerstört. Seither hat der Mensch das „Doppelvermögen des Guten und Bösen" 34 . Gerade das hindert ihn, seine frühere sittliche Qualität wiederzuerlangen. Sein Bemühen nach Vollkommenheit ist daher von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Das Streben nach Sittlichkeit stellt in der christlichen Philosophie Stahls ein wesentliches Kennzeichen dar, das mit seinem Persönlichkeitsbegriff korrespondiert. Wie bei der Persönlichkeit trennt Stahl auf sittlichem Gebiet

]

Gott" 30 . Dieser

25 Phil. d. R.

Vgl. Stahl,

II/l,

151; Phil. d. R. II/l (1833), 104.

26 Phil. d.

Vgl. Stahl,

R.

II/l,

71 und 313; Phil.

d. R. II/l (1833), 57.

27 Phil. d. R. II/l, 92ff.

Vgl. Stahl,

und 114.

28 Ebd., 92.

29 Ebd., 76; vgl. Phil. d. R. II/l (1833), 98.

30 Stahl,

31 Ebd., 79.

32 Ebd., 82.

Phil. d. R. II/l, 71.

33 Vgl. ebd., 123 f. Die einschneidende Bedeutung des Sündenfalls wird von Stahl in der ersten Auflage stärker betont als in späteren Ausgaben; vgl. Phil. d. R. II/l (1833), 61-68.

20

„Persönlichkeit" und „sittliches Reich" als die Zentralbegriffe bei Stahl

zwischen der „höchsten innerlichen Sphäre" und der „niedrigem äußerli-

chen Sphäre" 35 . Erstere ist eine Emanation Gottes, während die zweite der bürgerlichen Ordnung zugeschrieben wird. Prinzipiell gehören beide Sphä-

ren zusammen: „[

Lebensverhältnissen der menschlichen Gemeinschaft die göttlichen (sittli-

chen) Ideen sich realisiren, und diese in Gestaltung derselben ihren eignen

.]" 36 . Aus diesem Zitat läßt sich ab-

lesen, daß Stahl „Sittlichkeit" im Grunde als ein Prinzip Gottes und seiner Personalität versteht 37 , die in ihrer höchsten Form für den Menschen nicht erreichbar ist. Er hat lediglich Gestaltungsmöglichkeiten innerhalb dieses ideellen Rahmens, der vereinfacht durch die Gleichung „Sittlichkeit = das Gute" ausgedrückt werden kann 38 . Würde man das Verhältnis des Menschen zu der Forderung bzw. Verpflichtung nach Sittlichkeit weiterverfolgen, müßte man eine starke Diskrepanz zwischen Sollen und Wollen, zwischen Verpflichtung und Verhalten, zwischen Idee und Wirklichkeit konstatieren.

Das System Stahls birgt hier die Gefahr in sich, in zwei Extreme- das Prinzip des Guten einerseits und das Prinzip des Bösen andererseits - auseinanderzu- driften, zwischen denen es keine Vermittlung zu geben scheint. Stahl hat diese Gefahr fraglos erkannt und als das verbindende Glied zwischen Idee

und Wirklichkeit die

das Verhältnis Gott - Mensch zu einer Beziehung zwischen zwei Persönlich- keiten. Durch seine eigene Persönlichkeit kann sich der Mensch an die Idee Gottes annähern, da er aber gleichzeitig mit der Erbsünde belastet ist, wird die Annäherung nicht endgültig gelingen. Dabei hat der Mensch potentiell die Möglichkeit, sich an der Sittlichkeit Gottes zu orientieren. Ob er sie in Anspruch nimmt, ist seiner menschlichen Freiheit überlassen. Diese Kon- struktion Stahls versucht also, einen Ausgleich zwischen zwei Polen zu schaffen, die sich ansonsten zunehmend voneinander isolieren würden. Das gleiche Vorgehen wendet Stahl in dem Bereich seiner Philosophie an, in dem es um die Freiheit und Selbständigkeit des Menschen geht. Es wurde bereits angesprochen, daß der Mensch als ein Teil der Schöpfung mehrfachen Bedingtheiten unterliegt. Die Frage ist aber, wo die Freiheit des Menschen in der Schöpfung, vor allem wo seine Willensfreiheit bleibt. Stahl versucht, die- ses Problem zu neutralisieren, indem er höchste Freiheit nur dann gegeben sieht, sobald Willensfreiheit und Sittlichkeit zusammenfallen 40 . Indem der Mensch die Möglichkeit hat, auch Böses, Unsittliches zu wollen, erfüllt er den Freiheitsbegriff Stahls nicht mehr. Es ist nicht Freiheit, argumentiert Stahl, was der Mensch zu haben glaubt, sondern lediglich „sittliche Will-

Persönlichkeit des Menschen gesetzt 39 . Durch sie wird

sittlich verständigen Willen offenbare [

die sittliche Welt aber besteht darin, daß in den eignen

]

35

Stab!,

Phil. d.

R.

36 Ebd., 79.

37 Vgl. ebd., 83f.

38 Vgl. ebd., 84.

39 Vgl. ebd.

40 Vgl. ebd.,

117f.

II/l , 161

Stahls Methode von Idealität und Realität

21

zur Sittlichkeit wendet

sich Stahl gegen eine rationalistische Interpretation des Terminus, die auf

„Freiheit von etwas" hinausläuft. Vielmehr versteht Stahl den Begriff im Sinne von „Freiheit für etwas". Willensfreiheit meint dann die Kraft, „auch bei allen entgegengesetzten Antrieben sich zum Guten zu entscheiden" 42 , d. h. sittlich vollkommen im Sinne Gottes zu handeln. Unklar bleibt, ob die Freiheit im Sinne Stahls überhaupt noch als solche bezeichnet werden kann oder ob sie im Grunde nur im Rahmen einer göttlichen Prädestination der Welt abläuft. Gerade die Verbindung der Sittlichkeit als eines Attributs Got- tes und der Freiheit erzeugt diese Frage. Auch Stahl kann dieses Problem nicht klären; sehr oberflächlich merkt er an: „Wir müssen nun des scheinba- ren Widerspruchs ungeachtet an beiden festhalten, der Einheit des Weltpla- nes und der menschlichen Freiheit. Wir können nicht annehmen, daß die Weltgeschichte bloß Folge der menschlichen Entschlüsse, aber auch nicht umgekehrt, daß die menschlichen Entschlüsse bloß Folge der Konception

nur dann,

der Weltgeschichte seyen" 43 . Erklärbar ist dieser Widerspruch

kür" 41 . Durch die Kanalisation des Freiheitsbegriffes

wenn gemäß dem Verständnis Stahls die Freiheit des Menschen als idealer

Wert interpretiert wird, der anstrebbar, aber nicht erreichbar ist. Freiheit hat so einen Soll-Charakter. Der Mensch soll versuchen, in Übereinstimmung mit dem göttlichen Weltplan zu handeln, auch wenn er das Bewußtsein hat, die Zielorientierung nur andeutungsweise - aus dem Glauben heraus - zu

als Lösung

kennen. Erkenntnistheoretisch 44 greift Stahl hier auf den Glauben

der Diskrepanz von Idealität und Realität zurück. Nur der Glaube an die Exi- stenz eines persönlichen Gottes, d.h. auch an einen göttlichen Weltplan,

kann der Realität einen Sinn geben.

2. Stahls Methode von Idealität

und

Realität

In der Geschichte steht der Mensch nicht als Einzelner, sondern er hat gemeinschaftlich mit anderen „den Plan Gottes für das menschliche Geschlecht" zu erfüllen 45 . Daher ist für Stahl die Untersuchung der menschlichen Ordnung wesentlicher als die subjektive Form der Sittlichkeit des Individuums. Bevor jedoch auf die damit zusammenhängenden Begriffe

41 Ebd., 119; Phil. d. R. 11/1 (1833), 70.

42 Stahl, Phil. d. R. H/1, 122.

43 Ebd., 126f.; ähnlich Stahl, Protestantismus, 9. Grosser, Grundlagen, 50f., stellt diesen Zwiespalt ebenfalls dar und untersucht damit zusammenhängend das schwierige Problem, in- wieweit Stahl mit der Rechtfertigungslehre Luthers noch übereinstimmt. Heinrichs, Rechtsleh- re, 12-19, ist zu sehr der Darstellung Stahls verhaftet, um der Problematik von Freiheit und Pro- videnz gerecht werden zu können.

Weltanschau-

44 Zur Erkenntnistheorie Stahls vgl. Volz, Christentum, 27-41; Poppelhaum, ung , 70 ff.

45 Stahl, Phil. d. R. U/1, 76.

22

„Persönlichkeit" und „sittliches Reich" als die Zentralbegriffe bei Stahl

„sittliche Welt" und „sittliches Reich" eingegangen wird, erscheint es notwendig, das methodische Vorgehen Stahls zu erläutern, das seine gesamte Philosophie durchzieht und sich schon in der Untersuchung des Persönlich- keitsbegriffes gezeigt hat. Stahl geht von einer grundsätzlichen Gegenüberstellung von Vollkom- menheit und Unvollkommenheit aus. Diese Trennung erklärt sich aus seiner christlichen Weltanschauung, in der Gott axiomatisch der Erhabene, Wür- dige und Vollkommene ist. Dieses Axiom steht am Anfang und im Kern sei- ner Betrachtung. Da seine Anerkennung letztlich Glaubenssache ist, muß es

nach Stahl nicht

nichts Ebenbürtiges existieren; alles ist ihr gegenüber unvollkommen und mangelhaft. Diese Schematik kann mit dem Gegensatzpaar Idee und Realität beschrieben werden. Zwischen die Pole Idee und Realität schaltet Stahl in seinem methodischen Vorgehen einen dritten Bereich, der die Funktion hat, zwischen beiden zu vermitteln. Dieser „Vermittlungsfaktor" orientiert sich an der Idee, indem aus der Idee Prinzipien abgeleitet werden, die dazu dienen sollen, daß sich die Realität positiv an die Idee annähern kann 47 . Dabei trägt der Vermittlungs- faktor selbst hohe Idealzüge, die allerdings nicht so fremd und unerreichbar wirken wie die Idee selbst. Die Schwierigkeit besteht bei Stahl darin, daß dem Vermittlungsbereich des „Idealen" zwei verschiedene philosophische Vorstellungen zugeordnet werden, die Stahl in seinem Werk nicht klar getrennt hat: der Inhalt des Ideals und der Inhalt der Idee. Zum einen verbindet Stahl mit dem Ideal etwas Erstrebenswertes, Voll- kommenes und Vorbildliches. Diesem „vorphilosophisch-umgangssprach- lichen Verständnis" 48 geht der Gedanke voraus, daß dem Ideal die Wirklich- keit fundamental gegenübersteht. Es meint aber auch, daß Idealität und Rea- lität divergieren, d. h. es wird, „je angestrengter die Realisierung des Idealen angestrebt wird, desto deutlicher, daß sich die gelebte Wirklichkeit nicht dem Bilde fügen will, welches die Vorstellung dem Handeln zum Maßstab setzt" 49 . Gerade dieses Auseinanderbrechen will Stahl verhindern. Er betont den Gedanken der Einheit besonders 50 . Sein immanenter „Ideal"-Begriff ist daher auf einer Verflechtung der beiden Termini „Idealität" und „Realität" aufgebaut. Nimmt man dagegen einen unpersönlichen Weltgeist an, wie He- gel das tut 51 , trennen sich beide Bereiche, da sie lediglich in einer rationalen Vorstellung künstlich vereint sind. Das Ideal wird dann unerreichbar, weil es

bewiesen werden 46 . Gegenüber dieser Absolutheit kann

14ff.

47 Ein ahnlicher Ansatz - die „Vermittlung" zwischen zwei Polen - findet sich auch bei He-

46 Trotzdem versucht Stahl, Gott auch mittels der Vernunft zu beweisen. Vgl. ebd.,

gel; vgl. Hirschberger,

Geschichte II, 414.

48 Malter,

49 Ebd., 702.

Art. „Ideal", 701.

50

Vgl. Stahl,

Phil. d. R.

I, 493, 496 und 519, sowie II/l ,

51 Vgl. Hirschberger,

Geschichte II, 407ff.

12 und 15.

Stahls Methode von Idealität und Realität

23

nicht mehr faßbar ist. Die Konsequenz wäre für Stahl, daß im menschlichen Zusammenleben keine wirklichen ethischen Maßstäbe mehr gefunden wer-

den könnten, die von den Menschen als Verpflichtung angenommen würden. Daher ist für Stahl der Rationalismus eine Auflösung auf religiösem, sittli-

chem und politischem Gebiet 52 , weswegen kämpft.

Mit seinem ,,Ideal"-Verständnis steht Stahl ganz in der Tradition des

,,Ideal-Realismus" 53 , wie sie sich seit der Antike bei Piaton, Aristoteles,

gustinus, Anselm, Bonaventura, Thomas und nicht zuletzt bei Schelling aus- gebildet hatte 54 . Vor allem Schelling mit seiner Identitätsphilosophie hatte großen Einfluß auf Stahl. Von Schelling übernimmt Stahl den Gedanken der Identität von Objekt und Subjekt, von Natur und Geist, von Realität und Idealität, ebenso den dahinterstehenden Gedanken, daß diese Unterschei- dungsgrößen durch ein Absolutes eben zu dieser Einheit verbunden sind 55 . Da also Ideal und Realität nicht nebeneinander existieren, sondern in einer höheren Einheit - der Idee Gottes - verknüpft sind, muß aus dem Ideal eine praktische Relevanz gefolgert werden; sonst würde das Ideal seinen hohen Anspruch verlieren. Die Relation von Idealität und Realität ist daher von ei- nem Soll-Charakter geprägt; dieser meint, daß sich die Realität an dem Maß- stab des Ideals zu orientieren habe. Das „Ideal" erhält dadurch einen prag- matisch-regulativen Charakter. Dies zeigt sich beispielsweise an Hand der angesprochenen Funktion der Sittlichkeit, die - in ihrer höchsten Form in

des Menschen" beinhalten soll 56 . De-

mentsprechend ist das Ideal geformt; es ist „dem inneren und äußeren An- schauen so weit voraus, daß es selbst nie real werden kann" 57 . Dieser Ge- danke findet sich bei Stahl in der Erwartung, daß erst durch das Eingreifen Gottes die Vollkommenheit der Schöpfung erreicht werden wird 58 . Während Stahl mit dieser Interpretation des Real-Ideal-Denkens ganz in der Tradition des ethischen Idealismus steht, verkompliziert sich sein Ideal- Begriff, indem er häufig die Nuance von „Idee" hat. Stahl verwendet die Vorstellung des „Idealen" auch dann, wenn definitorisch eigentlich von „Idee" gesprochen werden müßte. „Idee" im philosophischen Sinne heißt „der im Geist gefaßte und festgehaltene Umriß eines Sachgehaltes in seiner

er ihn in der Folge energisch be-

Au-

Gott verwirklicht- die „Vollendung

52 Vgl. Stahl, Phil. d. R. H/1, XVII. Wenn Stahl den Prototyp des Rationalisten in Hegel ver- körpert sieht, beruht dies auf einer Verkennung von Hegels „Subjekt-Objekt-Identität", die Stahl ganz unter dem Aspekt seiner eigenen Prämisse „Persönlichkeit" untersucht. Zu der pro- blematischen Hegelinterpretation Stahls vgl. Eswein, Stellung; C. Wiegand, Stahl, 104 ff.; He- gel, Vorlesungen I, 561 f.; Nabrings, Einfluß , 53-87 .

53 Hirschberger, Geschichte II, 387.

54 Vgl. ebd.

55 Vgl. Stahl, Phil. d. R. I (1830), VI und 242-269; Phil. d. R. I, XVII; Grosser, Grundlagen,

30-37.

56 Stahl, Phil. d. R. H/1., 71.

57 Malter, Art. „Ideal", 708.

58 Vgl. oben S. 18 f.

24

„Persönlichkeit" und „sittliches Reich" als die Zentralbegriffe bei Stahl

Allgemeinheit, d.h. in seiner Reinheit von empirisch-materiellen Besonde-

rungen" 59 . Der Idee-Begriff ist bei Stahl in seiner deutlichsten Form in der

Idee des persönlichen Gottes vorhanden 60 . Die Idee

tes galt für Stahl als der entscheidende Beitrag der christlichen Kultur zur abendländischen Philosophie. Indem die Persönlichkeit Gottes empirisch nicht erfahrbar ist, trotzdem aber gedanklich notwendig erscheint (sonst würde die Schöpfung nicht aus dem Willen, der Attribution Gottes, ableitbar sein), ist sie keiner zeitlichen Einschränkung unterworfen. Die Idee umfaßt also die Dinge und gibt ihnen ihren innersten Zusammenhang. Schematisiert würde „Idealität" bei Stahl bedeuten, daß hinter dem Be- griffspaar „Ideal" und „Realität" die höhere Einheit der „Idee" steckt, wo- bei das „Ideal" ein Ausfluß der „Idee" ist. „Idee" und „Ideal" sind bei Stahl somit nicht identisch, wenngleich sie des öfteren vermischt werden. „Ideal" meint die Vorstellung von etwas Vollkommenen, die „Idee" selbst ist nicht mehr vorstellbar. Auch wenn die „Idee" gedanklich nicht mehr faßbar ist, heißt das nicht, daß sie nicht vorhanden ist. Sie äußert sich im Ideal. Idealität und Realität würden auseinanderbrechen, wenn sie keinen Bezug zur „Idee" hätten. Also muß es ein vermittelndes Glied geben, das sie miteinander ver- bindet. Auf das Beispiel des Verhältnisses von Gott zum Menschen übertra- gen ist der Vermittlungsfaktor die Persönlichkeit, die sowohl ein Attribut Gottes wie des Menschen ist. Wenngleich die Persönlichkeit des Menschen und Gottes nur analog (in der Fähigkeit zu Wille und Tat), nicht jedoch iden- tisch sind, werden „Idealität" und „Realität" auf einer höheren Ebene ver- bunden 61 . Bei Stahl steht der Bereich „Idealität - Realität" im Vordergrund seines philosophischen Denkens. Die Idee an sich wird nur knapp behandelt. Auch an dem Bezugspaar der beiden Begriffe interessiert Stahl primär das „Mach- bare", d.h. der Bereich zwischen Ideal und Wirklichkeit. Das „Machbare" trägt selbst ideale Züge, ist aber nicht identisch mit dem Ideal 62 . Vielmehr ist es eine aus dem Ideal abgeleitete Stufe. Es ist für Stahl das - erreichbare - Ziel, das er den Menschen setzt. So verstanden ist seine Philosophie eine Philoso- phie der Vermittlung, die trotz hoher Normierung durch idealähnliche Züge einen ausgesprochen pragmatischen Charakter hat. Resümierend zu dem Komplex „Idealität und Realität" muß auf die teil- weise offensichtliche Parallelität zwischen Stahl und Hegel hingewiesen wer- den. Die Ähnlichkeit wurde in der bisherigen Stahlforschung durchaus gese-

der Persönlichkeit Got-

59 Hirsch, Art. „Idee", 709.

60 So spricht Stahl von der „Idee der vollendeten Persönlichkeit"-.Stahl, Phil. d. R. II/l, 92 und 94.

61 Die Verwandtschaft Stahls zu Thomas von Aquin ist unverkennbar. Den Einfluß Thomas'

hat Heinrichs, Menschenbild, herausgearbeitet; vgl. Nahrings, Stahl, 24ff. Zum Einfluß Tho-

mas' auf die Staatslehre des 19. Jahrhunderts vgl. Raab,

Wiederentdeckung.

Das „sittliche Reich"

25

hen, wenngleich man sich nicht klar darüber war, welchen Stellenwert sie einnahm. Fast durchgängig wurden die Differenzen zwischen beiden Den- kern hervorgehoben, sei es hinsichtlich verschiedener Begrifflichkeit 63 oder sachlicher Unterschiede 64 . Mit Drucker und Müller wurde Stahl in die Nähe Hegels gerückt 65 . Trotz der vielfältigen Ansätze, das Verhältnis von Stahl zu Hegel zu klären, konnte bisher kein allgemeiner Konsens gefunden werden; auch Grossers berechtigter Hinweis auf die Nähe zu Schelling 66 hat daran bisher wenig ändern können. Nabrings hat in seiner jüngst erschienenen Dis- sertation das Problem erneut aufgegriffen 67 und eine neue Variante angebo- ten, indem er Stahl als „unglücklichen Hegelianer" interpretiert 68 . Demzu- folge sei Stahls Philosophie hinsichtlich ihrer Intention und ihrer Leistung auf der Folie von Hegels Anschauungen zu interpretieren 69 . Nabrings' These bleibt jedoch problematisch, da er der Methodik beider Denker nur sekun- däre Bedeutung beimißt und bei der Deutung des Persönlichkeitsbegriffes ihre gemeinsame Wurzel im deutschen Idealismus übersieht. Nur durch die Betonung beider Faktoren kann ein adäquates Bild der Korrelation zwischen Stahl und Hegel gezeichnet werden. Wie Hegel dachte Stahl in methodisch streng abgetrennten Gegensätzen, die beide in einer Synthese zu verbinden suchten. Bei Stahl war dies der dialektisch begründete Vermittlungsbereich, der für ihn besondere Bedeutung hatte. Wesentlich für die Beurteilung des Verhältnisses von Stahl und Hegel dürfte Esweins These von Stahls Intention einer praktischen Rechts- und Staatsphilosophie sein 70 , die Stahls Antipo- denschaft zu Hegel in der Akzentuierung der „Tat" gegenüber dem Hegel- schen „Denken" sowie die Autonomie der „Persönlichkeit" gegenüber He- gels Universalismus geistiger Prozesse betont 71 . Der von Stahl entwickelten Philosophie der „Vermittlung" gilt es auch in anderen Bereichen nachzuspüren. Exemplarisch wird im folgenden daher noch ein zweiter wesentlicher Begriff Stahls, der des „sittlichen Reiches", untersucht.

3. Das ,,sittliche

Reich"

In der Ethik unterscheidet Stahl zwei Sphären, die Moral (= Sittlichkeit) und die Religion 72 , die sich gegenseitig durchdringen und die an sich untrennbar

63 Vgl. Landsberg, Geschichte, 371 f.

64 Vgl. Kaufmann, Stahl, 32f.; G.Masur, Stahl, 123.

65 Vgl. Drucker, Stahl, bi.; A. Müller, Beiträge, 20f.

66 Vgl. Grosser, Grundlagen (besonders 30ff.).

67 Vgl. Nabrings, Stahl, 55-90; ähnlich ders., Einfluß.

68 Nabrings, Stahl, 15.

69 Vgl. ebd., 55.

70 Vgl. Eswetn, Stellung, 2.

71 Vgl. ebd., 8.

72 Vgl. Stahl, Phil. d. R. H/1, 71; Phil. d. R. II/l (1833), 57-61.

26

„Persönlichkeit" und „sittliches Reich" als die Zentralbegriffe bei Stahl

sind. Religion wird verstanden als das Band des Menschen zu Gott. Als Ein-

zelner hat der Mensch „sein Urbild an der Idee der vollendeten Persönlich-

keit" 73 , d. h. er besitzt

in einer besonderen Beziehung zu Gott durch seinen Glauben zu vervoll- kommnen sucht. Mit anderen Gläubigen zusammen bildet er die Gottesge-

meinde 74 , deren institutionalisierte

Außer im Glaubensbereich steht der Mensch als Gemeinschaftswesen in einer anderen sittlichen Sphäre, die einen spezifischen sittlichen Gedanken verwirklichen will. Stahl nennt sie das „Ethos der menschlichen Gemeinexi- stenz" 75 . Als Gemeinschaft kann die Menschheit einmal Gottesgemeinde 76 sein, zu anderen ist sie die „sittliche Welt", die darin besteht, „daß in den

eignen Lebensverhältnissen der menschlichen Gemeinschaft die göttlichen (sittlichen) Ideen sich realisiren, und diese in Gestaltung derselben ihren eig-

nen sittlich verständigen

ihre Organisation in der bürgerlichen Ordnung, die eine Verbindung von Recht und Staat beinhaltet 78 . In seiner „Philosophie des Rechts" behandelt Stahl vorwiegend die bür- gerliche Ordnung, während er in seiner Schrift „Die Kirchenverfassung nach Lehre und Recht der Protestanten" 79 und in dem Buch „Der Protestantismus als politisches Prinzip" 80 primär den Menschen im Rahmen der kirchlichen Gemeinschaft untersucht. Für die „bürgerliche Ordnung" oder die „sittli- che Welt", wie Stahl sie auch bezeichnet, konstatiert er eine Inkongruenz zwischen ihrem ideellen Gehalt und den tatsächlich herrschenden Bedingun- gen 81 . Auch im Bereich der sittlichen Welt läßt sich Stahls Trennung von Idee und Wirklichkeit deutlich beobachten. Während im Verhältnis Gott-Mensch die Persönlichkeit das vermittelnde Glied ist, ist ein solches im Rahmen einer Weltordnung an der Oberfläche nicht oder nur bedingt vorhanden: „Dage-

Willen offenbare" 77 . Die „sittliche Welt" findet

unabhängig von anderen ein subjektives Ethos, das er

Form die Kirche ist.

gen für den Gemeinzustand der Menschen - die sittliche Welt - besitzen wir schon kein vollständiges und sicheres Ideal, und auch soweit wir es besitzen,

ist es nicht unbedingte, ja nicht unmittelbare Norm des Handelns" 82 . So be-

findet sich die Welt in einem Zwischenzustand von Regellosigkeit und natur- haftem Verhalten auf der einen und dem Reich Gottes auf der anderen Seite 83 .

73 Stahl, Phil. d. R. II/l, 92.

74 Vgl. ebd., 79.

75 Ebd., 78.

76 Die Gemeinschaftsform

der Gottesgemeinde muß im Rahmen dieser Arbeit nicht näher

untersucht werden. Vgl. dazu Srocka, Kirchenbegriff; Fagerberg, Bekenntnis, 179-225.

77 Stahl, Phil. d. R. II/l, 79.

78 Vgl. ebd., 82.

79 Erlangen 1840; M862.

80 Berlin 1853.

81 Vgl. Stahl, Phil. d. R. II/l, 141.

82 Ebd.

83 Vgl. ebd., 148; Phil. d. R. II/2 (1837), 12.

Das „sittliche

Reich"

27

Mit diesem Zustand kann sich Stahl als Christ nicht zufrieden geben. Falls die Welt durch die Existenz Gottes das Ideal der Vollkommenheit in sich trägt, muß sie immanent nach einem möglichen idealen Zustand streben, damit die Idee Gottes nicht ad absurdum geführt wird. Für Stahl muß daher das Christentum die Funktion einer Normierung der sittlichen Welt überneh- men, d. h. Werte vorgeben, die der Annäherung an das Ideal einer möglichst sittlichen Welt förderlich sind. Das Christentum wird also von Stahl nicht nur als Religion, sondern als gestaltende Weltanschauung gesehen 84 . Diese Forderung nach Gestaltung setzt ein aktives Verhältnis des Christen zur „sittlichen Welt", eben zu Staat und Recht, voraus; im Sinne Stahls muß der Christ Anteil nehmen an der weltlichen Ordnung, um gegen das Böse eine positive Richtung zu stellen. Das Christentum wird so zum Vermittlungsfak- tor zwischen Gott und der Schöpfung, zwischen Idee und Wirklichkeit. Die Norm des menschlichen Handelns ist die Sittlichkeit. So wie das sittli- che Handeln das Ziel des einzelnen Menschen ist, muß auch der Inhalt der Sittlichkeit das bestimmende Element der menschlichen Gemeinschaft sein. Ihre politische Organisation findet die weltliche Ordnung im Staat, der schon in der ersten Auflage des Werkes „Die Philosophie des Rechts" als „Träger

Inhalt ist die Gerechtig-

keit 86 . In derselben Auflage wird auch das Verhältnis Gott - Staat stärker be-

tont als in den späteren Ausgaben: „Darum hat Gott auf wunderbare Weise diese Anstalt (d. h. den Staat; Anm. d. Verf.) über die Menschen gesetzt- aus ihnen selbst gebildet aber mit Seinem Ansehen bekleidet und Seinem Ein- flüsse zugänglich - daß sie in Seinem Namen ihren ganzen äussern Zustand beherrsche durch äussere Macht und Gewalt". Und weiter: „So ist der Staat der Leiter der göttlichen Einflüsse auf den äussern Zustand der Menschen. Er soll ihn an Gottes Statt ordnen, fördern, Verletzung der Ordnung strafen, eben damit aber auch den sittlich vernünftigen Willen der menschlichen Ge- meinschaft bewähren, d.i. ihren Gehorsam, Gottes Ordnung aufzurichten

starke Begründung des Staates in Gott

hat Stahl in späteren Ausgaben zwar nicht zurückgenommen, aber doch et- was in den Hintergrund gedrängt. Die metaphysische Grundlage des Staates

beruht dann lediglich auf einer ideellen Vorgabe durch die Personalität Got-

Gott

und dem Menschen nun auch dem Staat zugeordnet wird, erhält der Staat eine

der menschlichen Sittlichkeit" 85 gesehen wird. Sein

und zu handhaben" 87 . Diese extrem

tes 88 . Durch eine Kongruenz des Persönlichkeitsbegriffes, der neben

84 Vgl. Stahl, Phil. d. R. H/1, 151.

85 Stahl, Phil. d. R. II/2 (1837), 4.

86 Vgl.StaM, Phil. d. R. II/l

(1833), 81. In späteren Auflagen konkretisierte Stahl diesen Be-

griff näher: „Die Gerechtigkeit ist die Idee der sittlichen Welt als solcher, d. i. die Idee, auf der ihr Bestand und ihre Erhaltung beruhen. Sie bezeichnet das Verhalten der sittlichen Macht und Autorität (Gottes und bez. des Staates) selbst zu den freien Persönlichkeiten (Menschen), die un- ter ihrem Gebote stehen." Stahl, Phil. d. R. II/2, 160.

87 Stahl, Phil. d. R. II/2 (1837), 2f.

88 Vgl. A.Müller, Beiträge, 22.

28

„Persönlichkeit" und „sittliches Reich" als die Zentralbegriffe bei Stahl

ethische Begründung und Funktion. So gelangt Stahl zu seiner oft zitierten Definition des Staates: „Dieser ist bewußte in sich einige Herrschaft nach

sittlich-intellektuellen Motiven über bewußte frei gehorchende Wesen, da- mit auch diese geistig einigend - er ist demnach Herrschaft von persönlichem

ein Reich der Persönlichkeit" 89 . Damit ist charakterisiert. Diese Festlegung verdeut-

licht die Parallelisierung von Staat und Individuum im Sinne Stahls: Sowohl

der Mensch als auch der Staat besitzen Persönlichkeit und damit per defini- tionem die Tendenz zum sittlichen Handeln. „Persönlichkeit" meint in die- sem Zusammenhang vorwiegend die Fähigkeit, etwas zu wollen und tun zu

können 91 .

nahe, daß die Herrschaft im sittlichen Reich/Staat von Gott gegeben sein muß. Dies beinhaltet eine Annäherung an die traditionelle Lehre des „Got- tesgnadentums" hinsichtlich der monarchischen Stellung. Stahl vollzieht die- sen Schritt, indem er den Staat und die Monarchie als göttliche Institutionen legitimiert 92 . Im Anschluß an den Römerbrief 13,1 - „Jedermann sey vnter-

Da Personalität immer von Gott stammt, liegt die Konsequenz

Charakter nach jeder Beziehung, der Staat als „sittliches Reich" 90

than der Oberkeit / die gewalt vber jn hat. Denn es ist keine Oberkeit / als von Gott. / Wo aber Oberkeit ist / die ist von Gott verordnet" 93 , - und an Lu-

thers Sicht von Obrigkeit 94 leugnet Stahl jede

gründender Theorie. Stahl wendet sich explizit gegen Jean-Jacques Rousseau und dessen Vertragstheorie, nach der die Menschen von sich aus befähigt sind, durch Vertrag herrschaftliche Gewalt zu schaffen 95 .

Der Gedanke des sittlichen Reiches bedeutet eine klare Absetzung zu dem Organismus-Gedanken der romantischen Staatslehre, wie er sich am ausge-

prägtesten bei Adam Müller findet 96 . Zwar trifft sich Stahl mit den Romanti- kern in der Ablehnung des Rationalismus und der Aussage, daß der Staat ein durchkonstruierter Mechanismus sei, wie sie betont er den Staat als „perso-

nale Gemeinschaft" 97 , doch sieht

mantiker die Selbständigkeit der Einzelpersönlichkeiten nicht gewahrt. In einem Organismus sind die einzelnen Teile aufeinander bezogen und wirken aufeinander. Die Funktionsuntüchtigkeit eines Teils führt zu einem Fehlver- halten des gesamten Organismus. Gegen diese Ansicht stellt Stahl den Staat als „sittliches Reich" dar und setzt ihn in Analogie zum Pflanzenreich, in

er in dem Organismus-Gedanken der Ro-

andere Möglichkeit staatsbe-

89 Stahl, Phil. d. R. H/2, 1.

90 Vgl. ebd.

91 Zu der Thematik „Wille" und „Tat" siehe oben S. 18.

92 Vgl. Stahl, Phil. d. R. II/2, 196.

93 Luther, Heilige Schrift III, 2290.

94 Zur Rezeption Luthers bei Stahl nach wie vor am prägnantesten: Grosser, Grundlagen, 37-45 und 55.

95 Vgl.

Stahl, Phil. d. R. I, 299-316; II/2 , 176 und 216.

96 Vgl. Kluckhohn, Ideengut, 81 ff.; Grosser, Grundlagen, 5ff.; C.Schmitt, Romantik, lehnt die These einer eigenen politischen Theorie der Romantik ab; dagegen Scheuner, Beitrag, 18, mit weiteren Literaturhinweisen. Zum Organismusgedanken bei Adam Müller vgl. Busse, Lehre.

97 Scheuner, Beitrag, 30.

Das „sittliche Reich"

29

dem ebenfalls eine Vielzahl selbständiger Existenzen vorhanden sind, ohne sich aber gegenseitig zu bedingen; selbst wenn ein Glied oder mehrere Teile

fehlen, bleibt die Substanz erhalten. In ähnlicher Weise sieht Stahl das Funk-

tionieren des Staates 98 .

Die scharfe Trennung des Organismus-Gedankens von der Vorstellung

des Staates als eines sittlichen Reiches findet sich in der ersten Auflage der „Philosophie des Rechts" noch nicht, auch fehlt die explizite Formulierung des „sittlichen Reiches", wenngleich schon 1837 das Wesen des Staates in ei- nem ähnlichen Sinn beschrieben wurde". Der Staat wird in dieser Auflage

noch mehrfach

als organische Anstalt bezeichnet 100 . Hier zeigt sich der Ein-

fluß Schellings,

dem Stahl damals noch nahezu unkritisch gegenüberstand 101 .

Für den frühen Schelling waren die Dinge „also nicht Principien des Orga- nismus, sondern umgekehrt, der Organismus ist das Principuum der Din- ge" 102 . In dieser organischen Auffassung aber konnte die Persönlichkeit und ihre Selbständigkeit keinen Platz finden; daher verwundert es nicht, daß sich Stahl zunehmend von Schelling entfernte, ohne dessen positive Philosophie aufzugeben 103 . Bereits in der Ausgabe der „Philosophie des Rechts" von 1845 trennt Stahl exakt zwischen sittlichem Reich und sittlichem Organis- mus 104 , in der dritten Auflage schließlich werden beide Gedanken scharf ein- ander gegenübergesetzt 105 . Allerdings ist auch Stahls Ansicht des sittlichen Reiches nicht in sich geschlossen. Einmal bezeichnet er die „bürgerliche

Ordnung" als „sittliches Reich", wodurch die Vermutung naheliegt, daß er

Seiten

weiter verwendet er den Terminus nur für den Staat allein 107 . Eigentlich transzendiert das sittliche Reich mit seinen Ansprüchen das rein Reale, da es eine ethische Forderung an die Mitglieder dieses Reiches beinhal- tet 108 . Ähnlich dem Persönlichkeitsbegriff ist das sittliche Reich ein Zwi-

staatliche und rechtliche Institutionen darunter versteht 106 . Einige

98 Vgl. Stahl, Phil. d. R. II/2, 9f. Zur Auseinandersetzung Stahls mit dem Organismus-Ge- danken vgl. Kaufmann, Begriff, 10 ff.; Grosser, Grundlagen , 60 ff. Zum Organismus-Begriff all- gemein : Scheuner, Beitrag, 69ff.; Busse, Lehre , 13 ff. ;Kluckhohn, Ideengut, 81 ff.; Brinkmann, Romantik (v. a. die Aufsätze von Birtsch, Faber, Scheuner, Stanslowski).

99

Vgl. Stahl,

Phil. d. R. II/2 (1837), 2ff.;

II/l (1833), 96.

100 Vgl. Stahl, Phil. d. R. II/2 (1837), 17, 19 und 40. Hier spricht Stahl noch stärker den Ge-

danken des Organismus an.

101 Vgl. Stahl, Phil. d. R. I (1830), Vif.

102 Schelling, Werke I, 568. Zu Schelling vgl. Grosser, Grundlagen (besonders 30ff.); Stans- Gesellschaft; Zu Schellings Wirksamkeit in Bayern vgl. H. Thiersch, Leben I, 346 und

lowski,

349; Kantzenhach,

Schelling; ders., Rezeption; Bosl, Schelling; Rall,

König.

103 Vgl. Stahl, Phil. d. R. I, XVIIff. und Anm.; Grosser, Grundlagen, 5-8.

104 Vgl. Stahl,

Phil. d.

R.,

Bd. I:

1847, Bd. II/l :

1845, Bd. 11/2: 1846.

105 Vgl.

Stahl,

Phil.

d.

R.

II/2, 9 f.

106 Vgl. ebd., 2 und 8; Grosser, Grundlagen, 54 Anm. 345 mit weiteren Textbelegen.

107 Vgl. Stahl,

108 Vgl. C. Wiegand, Stahl, 244.

Phil. d.

R. II/2, 12.

30

„Persönlichkeit" und „sittliches Reich" als die Zentralbegriffe bei Stahl

der Idee und der Wirklichkeit 109 , das selbst einen eige-

nen hohen Idealwert hat. Ein Staat kann nach Stahls Vorstellung nur dann de Funktion ethischer Normierung besitzen und beanspruchen, wenn er eh „christlicher Staat" ist, der sich im Gegensatz zum aufklärerischen Staat zun

christlichen Glauben bekennt.

schenglied zwischen

109 Vgl. Ellwein, Erbe, 82. Ellwein sieht das sittliche Reich als „eine Art Mittelstufe zwiscien dem Reiche der Natur und dem Reiche Gottes". Vgl. Heinrichs, Rechtslehre, 172, der von eirerr. „Kombinationsbegriff" spricht.

II. Die Staatsauffassung Stahls

/ .

Der

Staat

und

seine

Verfassung

Ein richtiges Verständnis des Stahlschen Gedankens vom sittlichen Reich setzt voraus, daß es nicht identifiziert wird mit bestehenden politischen, ge- sellschaftlichen oder sozialen Verhältnissen. Es ist keine Zustandsbeschrei- bung, sondern vielmehr Maßstab der Wirklichkeit. Stahl will mit diesem Begriff des sittlichen Reiches bewußt ein Idealbild menschlichen Zu- sammenschlusses projizieren, um so dessen Entwicklung positiv zu beeinflussen 1 . Diese Intention wird bereits aus der Begriffsbestimmung des sittlichen Reiches erkennbar 2 :

„Dieser Begriff des sittlichen Reiches gibt die tiefere (philosophische) Grundlage und Bürgschaft politischer Ordnung und politischer Freiheit. Denn er enthält als diese seine Charaktere die Notwendigkeit einer über den Menschen schlechthin erhabe- nen Autorität, d. i. eines Anspruchs auf Gehorsam und Ehrfurcht, welche nicht bloß dem Gesetze, sondern einer realen Macht außer ihnen, der Obrigkeit (Staatsgewalt) zukommt (Princip der Legitimität im Gegensatze zur Volkssouveränität), und zu- gleich die Nothwendigkeit eines sittlich verständigen Inhaltes, welcher das unwan- delbare Wollen, daher auch die Schranke der Autorität ist, d. i. die Nothwendigkeit des Gesetzes des Staates, das durch die Geschichte überkommen über Fürst und Volk steht und nur nach seinen eignen Bedingungen abgeändert werden kann (konstitutio- nelles Princip im wahrhaften Sinn), und endlich die Anerkennung der Nation (der Gehorchenden) als einer sittlichen Gemeinschaft, deßhalb selbständig, frei gehor- chend, dem Gesetze nur als Ausdruck und Forderung ihres eignen sittlichen Wesens

aus dem es ursprünglich durch Sitte und Herkommen hervorgeht,

und an dem es bei späterer Fortbildung mittels der Zustimmung der Landesvertretung erprobt wird (Repräsentativprincip im wahrhaften Sinn)."

unterworfen [

],

Aus diesem umfangreichen Zitat wird deutlich, worauf es Stahl in seiner Staatslehre ankommt: Es geht um eine Legitimierung der Staatsgewalt aus ei- ner sittlichen Idee heraus, um das Problem einer Konstitution und schließlich um die Frage nach den Kompetenzen der Kammern. Die genannten Kriterien sind nicht nur in der Philosophie Stahls anzutreffen, sondern stellen im staatsrechtlichen Denken des Vormärz die entscheidenden Kristallisations- punkte dar 3 .

Rechtslehre, 174, hinfällig, der die

Verbindung von Realem und Idealem im sittlichen Reich als „widersinnige Konsequenz" be- zeichnet.

1 Auf diesem Hintergrund wird die Kritik Heinrichs',

2 Stahl,

3 Zur Staatslehre des Vormärz gibt es eine Fülle von Arbeiten. In diesem Zusammenhang sei

Phil. d.

R. 11/2,3 f.

32

Die Staatsauffassung Stahls

Für Stahl ist der Staat „nach Art und Form seines Bestandes der Verband eines Volkes unter einer Herrschaft (Obrigkeit). Nach Gehalt und Bedeu-

ein sittliches Reich" 4 . Diese Formulierung zeigt, daß Stahl zwi-

schen dem formalen Charakter, d.h. der Herrschaftsorganisation, einerseits und der höheren Aufgabe, der Realisierung sittlicher Werte, andererseits dif- ferenziert. Rechtliche und ideale Werte gehören unter dem Aspekt der „Weltordnung Gottes" zusammen 5 und bedingen sich dadurch gegenseitig, doch kann der Staat erst dann für sich in Anspruch nehmen, ein sittliches Reich zu sein, wenn er sittliche Inhalte durch materielles Recht zu konkreti- sieren versucht 6 . Der Staat hat demzufolge für den Einzelnen wie für die Ge- meinschaft rechtliche Bedingungen zu schaffen, die einem solchen Ziel die- nen. Dazu gehören für Stahl die „Erhaltung der individuellen Existenz" 7 als Sammelbegriff für Integrität der Person, persönliche Freiheit und Eigen- tumsschutz, der Schutz der Familie, die staatliche Gliederung in Gemeinden, Stände und Korporationen sowie die Klärung der rechtlichen Beziehungen zwischen Staat und Kirche 8 . Die rechtliche Fixierung der genannten Punkte, die genau in dieser Form bereits in der Erstauf läge der „Philosophie des Rechts" erscheinen 9 , bilden einen wichtigen Bestandteil im Denken Stahls. Der Staat muß seinem Wesen nach primär Rechtsstaat sein, das sei die „Losung" und der „Entwickelungstrieb der neueren Zeit" 10 . Nur durch die Gewährleistung des Rechtsstaatsprinzips könne die Persönlichkeit des Ein- zelnen in ihrem Kern gewahrt werden. Am Rechtsstaatsdenken Stahls wird erneut deutlich, welch tiefe Auswirkungen seine Philosophie der Persönlich- keit auch auf die Staatstheorie hat. Auf der anderen Seite meint Stahls Bekenntnis zum Rechtsstaat eine klare Absetzung zum Absolutismus, dem „bloßen Polizey-Staate", wie er ihn nennt 11 . Schon mit seinem Rechtsbegriff löst sich Stahl in einer für die Zeit vor 1848 nahezu einzigartiger Weise von der traditionellen Staatslehre, indem er die liberale Forderung nach Rechtsgarantien in sein System integriert. Damit ist Stahl neben Karl Theodor Welcker und Robert von Mohl „einer der Begründer der modernen deutschen Rechtsstaatsidee" 12 . Allerdings muß kritisch angemerkt werden, daß Stahl die rechtliche Verankerung nur auf die

tung ist er

v. a. auf die Untersuchungen von Boldt, Staatslehre, Brandt, Repräsentation, und Hartmann, Repräsentation, verwiesen, die für die vorliegende Arbeit eine wesentliche Grundlage bildeten.

4 Stahl, Phil. d. R. II/2, 131.

5 Ebd., 132.

6 Vgl. ebd., 135.

7 Ebd. II/l, 197.

8 Vgl. ebd., 197f.

9 Vgl. Stahl, Phil. d. R. II/l (1833), 110 f.

10 Stahl, Phil. d. R. II/2, 137; ähnlich Phil. d. R. II/2 (1837), 37.

11 Stahl, Phil. d. R. II/2, 138. Stahl trennt zwischen dem Absolutismus des Staates und dem Absolutismus des Fürsten; vgl. ebd., 157. Im obigen Zusammenhang ist der Begriff im letzteren Sinne gebraucht.

12 Crosser, Grundlagen, 83.

Der Staat und seine

Verfassung

33

äußere Ordnung des Staates bezieht. Dadurch bleibt sein Rechtsbegriff äu-

ßerlich 13 und formal.

liegt somit eine der bedeutsamsten Wurzeln des Stahl'schen Rechtspositivis- mus" 14 . Sittliche Inhalte oder positive Vorstellungen impliziert Stahl mit sei- nem Rechtsgedanken nicht; sie sind nur das Ziel, aber nicht die Grundlage

des Rechts. So neu Stahls rechtsphilosophischer Ansatz um 1830/35 war, so nachteilig wirkte sich die rein formale Rechtsansicht im Kaiserreich und selbst bis 1945 aus. Mit dem formalen Charakter des Rechts bestand immer die Möglichkeit, daß Recht und Gerechtigkeit auseinanderfielen. Auf dieser formalrechtlichen Basis baut Stahl seine Staatsauffassung auf. Im Gegensatz zum Recht und dessen äußerlichen Charakter ist der Staat

mehr von einem Idealbild geprägt: „Er ist ein Reich realisirter und zu realisi-

15 . Der Staat kann aber

render sittlicher Ideen und verständiger Zwecke [

nicht von sich aus allein sittliche Inhalte schaffen; sie müssen in der Persön-

lichkeit Gottes vorgebildet sein. Auch dadurch entsteht eine enge Verbin- dung des Staates zu Gott in dem Sinne, daß der Staat seine Wurzel in Gott habe. Er ruht auf der „Verordnung (Ermächtigung, Einsetzung), Gottes

Seine ganze legitime Ordnung - Gesetz, Verfassung, Obrigkeit - hat

daraus ihre bindende Macht" 16 . Mit dieser christlichen Begründung des Staa-

tes wird der Gedanke der Vertragstheoretiker zurückgewiesen, nach deren Ansicht durch einen Konstitutionsakt ein Staat entstehen könne. Vielmehr

,,In der starken Betonung der Äußerlichkeit des Rechts

]"

[ ]

bedürfe

Unter diesem Aspekt ist auch Stahls Stellung zur Verfassung zu sehen. Stahl versteht „Verfassung" nicht im Sinne einer Staatsurkunde, sondern als ,,Gliederung der menschlichen Gemeinschaft, durch welche der Staat als An- stalt besteht - also der Einrichtungen, die Austheilung der Berufstellung

1 8 . „Verfassung" meint die Beschreibung eines politisch-rechtlichen

Zustandes, der sich im Laufe der historischen Entwicklung herausgebildet

hat. Anscheinend hat Stahl hier die Verfassungswirklichkeit Englands vor

Augen 19 , wo keine

geschriebene Verfassung existiert. Jeder Staat habe seine

der Staat eines organischen Wachstums 17 .

[. ]"

13 Vgl. Stahl, Phil. d. R. II/2, 136. Stahl sieht die Nähe zu Kant, setzt sich jedoch bewußt von ihm ab; vgl. ebd., 152.

14 Heinrichs, Rechtslehre, 220.

15 Stahl, Phil. d. R. II/2 , 140 f. An dieser Stelle findet sich erneut die Doppelschichtigkeit des ,,Idee"-Begriffs bei Stahl.

16 Ebd., 176. Der gleiche Gedanke taucht bereits in der 1. Auflage auf; Phil. d. R. II/2 (1837),

67.

17 Vgl. Stahl, Phil. d. R. 11/2 (1837), 67. „Organisch" wird hier im Sinne von „kontinuier- lich" verstanden.

18 Stahl, Phil. d. R. II/2 (1837), 30.

19 Seit der dritten Auflage der „Philosophie des Rechts" von 1856, also nach dem Erscheinen der Schrift „Das monarchische Princip" von 1845, die von einer tiefgreifenden Analyse der eng- lischen Verfassungswirklichkeit geprägt ist, finden sich auch in seinem Hauptwerk Hinweise auf England. Vgl. Phil. d. R. II/2, 267, 270, 287, 297 etc. Inwieweit sich Stahl schon vor 1837 auf England stützte , ist unklar; vgl. Klenk, Beurteilung, 86 ff. Wahrscheinlich war Stahl vor 1837 in

34

Die Staatsauffassung Stahls

„eigentümlichen Bedingungen" 20 und seine eigene Individualität; daher könne es keine einheitliche, für alle Staaten gültige Verfassungsform geben. Es sei lediglich möglich, daß sich die Verfassungen an einem Idealbild orien- tierten. Diese „vollkommene Verfassung" 21 bestehe darin, daß sie einen sitt- lich vollkommenen Zustand eines Volkes in sich trage. In Stahls christliches Staatsverständnis umgesetzt heißt das, daß die vollkommene Verfassung an „Gottes Ordnung" 22 geknüpft ist. Erneut findet sich hier eine metaphysi- sche Transzendierung realer Zustände in einen nur vage erfaßbaren Bereich des „Guten" und „Sittlichen". Indem die Verfassung realpolitische und religiös-sittliche Elemente verbinden soll, erhält sie einen normativen Charakter, der über Rekrutierungsverfahren, Struktur und Zuständigkeit der Staatsorgane hinausgeht. Der formale Charakter der Verfassung - Regierungsform, Thronfolge, Rechte des Regenten und der Stände sowie der Staatsbürger 23 - wird ergänzt durch eine irrationale Zielsetzung. Auch wenn Stahl „Verfassung" als ungeschriebenes Staatsgrundgesetz versteht, schließt er die Möglichkeit einer Kodifikation nicht aus. Die Verfas- sung wird dann zur Konstitution. Voraussetzung für eine Kodifikation sind schriftliche Rechtsaufzeichnung und die Existenz einer Vertretung aus dem Volke 24 . Allerdings will Stahl die Funktion der Volksvertretung auf die Überwachung der erlassenen Konstitution beschränken; wie weit diese Kompetenz reichen soll, läßt Stahl offen. Weiterhin fordert Stahl, daß die Konstitution vom König oktroyiert werde; eine Mitwirkung der Stände in Form einer zwischen dem König und der Volksvertretung vereinbarten Kon- stitution oder gar eine von der Volksvertretung allein beschlossene Verfas- sung schließt Stahl ausdrücklich aus 25 . Nach Stahl gibt es „historische" und „reflektirte" Verfassungen 26 . Wäh- rend die historischen Verfassungen kontinuierlich im Laufe der Geschichte entstanden sind und sich unter Umständen an die gewandelten politisch- rechtlichen Gegebenheiten angepaßt haben, bilden sich reflektierte Verfas- sungen dort, wo trotz vieler äußerer Wandlungen die Verfassung über eine lange Zeit unverändert geblieben ist. Als Folge davon werde der Staat durch

der Beurteilung parlamentarischer Formen mehr an der Regierungsform Frankreichs orientiert. Der Brief Stahls an Linck, Berlin, 19.3.1842, zeigt die wachsende Beschäftigung mit den engli- schen Verhältnissen; abgedruckt in: Koglin, Briefe, 264. Zum Einfluß Englands auf die politi- sche Theorie in Deutschland vgl. Eyck, Influences; Wilhelm, Verfassung; Scheuner, Volksherr- schaft. Ein kurzes Resümee findet sich bei Hartmann, Repräsentation, 33 f.

20 Stahl,

21 Stahl, Phil. d. R. U/2 (1837), 62.

22 Ebd., 66.

23 Vgl. Stahl, Phil. d. R. U/2, 101.

24 Vgl. Stahl, Phil. d. R. U/2 (1837), 102.

Phil. d. R. II/2 (1837), 62; vgl. Phil. d.

R. U/2, 221.

25 Vgl. ebd., 107. Interessant ist, daß Stahl diese Bemerkungen niederschrieb, als er 1837 Ab- geordneter am Bayerischen Landtag war.

26 Ebd., 105f.; in späteren Jahren fügte Stahl noch die Kategorie der „revolutionären" Ver- fassung hinzu; vgl. Stahl, Phil. d. R. U/2, 275.

Der Staat und seine

Verfassung

35

eine Konstitution auf eine neue Grundlage gestellt, ohne daß dabei die Struk- tur des Staates als Ganzes verändert werde. Diese reflektierten Verfassungen sind dann „nur umfassendere tiefer greifende Reformen" 27 . Inhaltlich deduziert Stahl vier Bereiche, welche durch eine Verfassung ge- regelt werden müssen: den herrschaftlichen, den individuellen, den korpora- tiven und den religiösen Aspekt 28 . Die Herrschaft soll im allgemeinen die staatliche Gemeinschaft als solche konstituieren, d. h. es müssen Regelungen über die Regierungsform, das Staatsgebiet, Gericht und Behörden getroffen sein. Der individuelle Bereich soll das Verhältnis des Einzelnen zum Staat klären, soweit es das Staatsbürgerrecht, die Garantien persönlicher Freihei- ten und Rechte oder das Auswanderungsrecht betrifft. Das korporative oder ständische Element schafft Bedingungen über die „Bildung der Gemeinden und Korporationen und ihre Stellung zum Staate, über Adel, Bürger-, Bau-

ernstand" 29 . In einem letzten Punkt wird schließlich das Verhältnis der

Reli-

gionsgemeinschaften zum Staat festgesetzt (z.B. Staatsreligion, Anerken- nung der Kirchen durch die Verfassung). Der religiöse und der individuelle Bereich müssen in unserem Zusammen- hang nur kurz gestreift werden, da sie für Stahls Staatsrecht von sekundärer Bedeutung sind. Mit seinen Forderungen auf diesem Gebiet bewegt sich Stahl

durchaus im Rahmen der Verfassungsbestrebungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die grundsätzliche Bereitschaft Stahls, neben der christli- chen Religion auch andere Religionsgemeinschaften wie das Judentum anzu-

zurück-

zuführen. Immerhin war Stahl selbst konvertierter Jude und daher mit den Problemen vertraut, mit denen die Angehörigen des mosaischen Glaubens konfrontiert waren 31 . Gleich der Religionsfreiheit tritt Stahl für die persönliche Freiheit ein. Die Verfassung soll sich seiner Meinung nach darauf beschränken, die Bedingun- gen festzulegen, unter denen der Mensch sittlich handeln könne. Stahls Frei- heitsbegriff zielt also nicht auf einen modernen Grundrechtskatalog ab, auch nicht auf die Freiheit des Individuums vom Staat; es geht ihm nicht um eine positive Auflistung von Freiheitsrechten, sondern um eine Beschränkung des Staates in seiner Einflußnahme auf das Individuum. Persönliche Freiheit meint im Sinne von Stahl nur die private Sphäre des Individuums. Wirkliche

erkennen 30 , ist wohl auf seine prinzipielle Konzilianz in dieser Frage

27 Stahl, Phil. d. R. 11/2 (1837), 106.

28 Zum folgenden vgl. ebd., 30ff. und Phil. d. R. H/2, 205ff.

29 Stahl, Phil. d. R. II/2, 206 und Phil. d. R. 11/2 (1837), 31.

30 Vgl. Stahl, Phil. d. R. II/ 2

(1837), 283 ff.

31 Die Behauptung von Hermann Seligsohn (abgedruckt in: Richarz, Leben, 150), Stahl habe die Juden gehaßt, geht vollständig an der Wirklichkeit vorbei. Schon Stahls Buch „Der christli- che Staat und sein Verhältnis zu Deismus und Judentum" beweist die offene und zugleich kriti- sche Haltung Stahls zu seinen früheren Glaubensgenossen. Vg\. Arnsberg, Stahl, 515. Trotz sei- nes Übertritts zum evangelischen Glauben blieb Stahl tief in der jüdischen Tradition verwurzelt;

vgl. Brief von Bertha Held, abgedruckt bei Arnsberg, Notizen, 2. Zur Auseinandersetzung Stahls mit dem Judentum vgl. Kapitel D.I.I., S. 114-117.

36

Die Staatsauffassung

Stahls

Freiheit sei die Realisierung eines subjektiven Ethos, der Moral, während der

das Recht, zu gewährleisten 32 .

Entscheidend ist für Stahl der herrschaftliche und korporative Bereich der Verfassung. Es wurde bereits angeführt, daß die bürgerliche Ordnung, d.h.

der Staat und das Recht, ein „sittliches Reich" bilde. Da die Staatsgewalt den

nach un-

teilbar sein, das heißt, sie kann nicht in voneinander unabhängige Bereiche wie Exekutive, Legislative und Jurisdiktion zerlegt werden. Nur die Einheit der Gewalten verleiht der Staatsgewalt „Souveränität" 34 im Sinne einer Staatshoheit und Machtvollkommenheit. Je nach der Art des Souveränitäts- trägers unterscheidet Stahl die Monarchie, die Aristokratie und die Demo- kratie als unterschiedliche Verfassungsformen 35 . Allein in der Monarchie ist für Stahl die persönliche Herrschaft am natürlichsten gegeben, da in ihr die Staatsgewalt ungeteilt sei. Legitimitätsprobleme und die Frage nach einem Konstitutionalismus ste- hen bei Stahl in einem engen Zusammenhang. Durch die Ablehnung des ra- tionalistischen Vertragsmodells und seiner eigenen Begründung des Staates in Gott sieht sich Stahl in Gefahr, einen theokratischen Staat zu errichten. Wäh- rend Stahl in der Erstauflage seines Werkes „Die Philosophie des Rechts" diesem Problem nicht weiter nachgegangen ist, betont er in späteren Aufla- gen ausdrücklich, daß sich die göttliche Institution des Staates auf Gottes Gebot und Ordnung, nicht aber „auf Gottes unmittelbare (die Natur durch- brechende) That gründet" 36 . Die Idee Gottes meint nur eine oberste sittliche Autorität; es kann nicht gefolgert werden, daß Gott aktiv in die Welt ein- greift. Eine staatliche Ordnung ist von der Idee der Vollkommenheit ange- regt, wie sie jedoch letztlich aussehen soll, bleibt bei Stahl offen. Von Gott sei zwar keine bestimmte Staatsform projiziert, doch gibt Stahl der Monarchie den Vorzug, da in ihr durch das Element der Persönlichkeit die größte Kon- gruenz zu der obersten sittlichen Idee herrsche 37 :

„Charakter persönlicher Herrschaft" habe 33 , muß sie ihrem Wesen

Staat die Aufgabe habe, das objektive Ethos,

„Dieß ist die Bestimmung (TEKOC;) des erblichen Königthums. Es ist eingesetzt, damit eine Herrschaft über den Menschen bestehe, persönlich, in sich einig, in sich gegrün- det, die sie sich nicht gegeben, dadurch erhaben und majestätisch über ihnen, mächtig, sie in Ordnung zu halten und zu lenken, heilig, sie mit Ehrfurcht zu erfüllen. Diese Herrschaft des Staates sohin der Staat selbst, wird persönlich im König."

Durch die Einsetzung hat

er ist „König von Gottes Gnaden, nicht König durch den Willen des Vol-

der

König seine Gewalt von „Gottes Gnaden" 38 ,

32 Vgl. Stahl, Phil. d. R. II/2, 80 und 145.

33 Ebd., 188; vgl. Phil. d. R. II/2 (1837), 39.

34 Stahl, Phil. d. R. II/2 (1837), 39.

35 Vgl. Stahl, Phil. d. R. II/2, 211. Im eigentlichen Sinn müßte von Regierungsformen und

nicht von Verfassungsformen

36 Ebd., 177.

37 Ebd., 236.

38 Ebd., 250.

gesprochen werden.

Der Staat und seine

Verfassung

37

kes" 39 . Diese scheinbare Anknüpfung an das traditionelle Gottesgnadentum ist nicht unproblematisch. Stahls König von Gottes Gnaden meint nicht das sakralmythische Königtum des Mittelalters und des Absolutismus. Gegen diese Vorstellung spricht Stahls Aussage, daß das Königtum nicht direkt von Gott abgeleitet, sondern lediglich in der Idee Gottes begründet sei. Stahls Gottesgnadentum als Legitimation des Königtums bedeutet vielmehr die Rückführung der Staatsgewalt auf das „christliche Princip des Staates" 40 . Dieses schließt die Respektierung anderer Menschen und ihrer Persönlich- keit ein. Daher ist der „König von Gottes Gnaden" nicht mehr unum- schränkt, er ist einerseits an Gesetz, Verfassung, Stände und an die öffentli- che Meinung gebunden 41 , andererseits an das Ideal des sittlichen Reiches. In- dem Stahl diese Bindungen anerkennt, gleichzeitig aber die Souveränität des Fürsten betont, ergeben sich gewisse Spannungen in der Stellung des Monar- chen. Stahl versucht sie dahingehend zu lösen, daß er dem König die Priorität gegenüber den Ständen und der öffentlichen Meinung einräumt, da seine Stellung ein Ausfluß göttlichen Willens sei. Dadurch ist aber das Verhältnis des Königs zu einer Volksvertretung eindeutig im Sinne einer Uberordnung angelegt. Auch wenn Stahl erklärt, daß sich Regierung, Volksvertretung und öffentliche Meinung gegenseitig ergänzen und beschränken 42 , ist der Monarch letztlich die Instanz, durch die Konflikte entschieden werden 43 . Diese überhöhte monarchische Gewalt läßt keine ebenbürtige Kraft neben sich zu. Die Frage der Volksvertretung ist der vierte Bereich, den Stahl neben der herrschaftlichen, individuellen und religiösen Komponente im Rahmen sei- ner verfassungspolitischen Auseinandersetzung behandelt. Eine Volksver- tretung wird von Stahl ohne Vorbehalte gefordert, doch sind seine Ansichten insofern von der liberalen Theorie verschieden, soweit die letztere Volksver- tretung als Repräsentation der Staatsbürger versteht. Andererseits bekämpft Stahl ebenfalls u.a. die Anschauungen Hallers, Gentz', Jarckes, Vollgraffs sehr entschieden 44 , da sie die Vertretung des Volkes auf ein ständisches Mo- dell reduzieren wollen. Im Kern seiner theoretischen Äußerungen steht eine

39 Stahl,

40 Ebd., 82; ähnlich Phil. d. R. U/2, 251; vgl. Brunner, Gottesgnadentum, 160-186.

41 Vgl. Stahl, Phil. d. R. U/2 (1837), 68ff., 88ff.; Phil. d. R. U/2, 255.

42 Vgl. Stahl, Phil. d. R. U/2 (1837), 68.

Phil. d. R. U/2 (1837), 78.

43 Diese Ansicht darf jedoch nicht im Sinne eines „pouvoir neutre" verstanden werden, wie dies Benjamin Constant getan hat. Bei Constant hat der König durch die Einführung der konsti- tutionellen Monarchie die Regierungsgewalt an das Parlament verloren und ist damit im politi- schen System funktionslos geworden. Das „pouvoir neutre-Modell" als Modell der Konflikt- entscheidung setzt den schwachen König voraus; vgl. Boldt, Staatslehre, 142-151; Call, Con- stant. Gerade umgekehrt ist es bei Stahl. Da der König die stärkste Macht im Staate sein soll, wird ihm die letzte Entscheidungsgewalt zugesprochen. Von dieser Position her erklärt sich Stahls Kritik an Constant; vgl. Phil. d. R. U/2, 202.

44 Vgl. Stahl, Phil. d. R. II/ l (1833), 7ff.; U/2 (1837), 151; Phil. d. R. U/2, 332 und 365ff.; Mo. Pr., IV.

38

Die Staatsauffassung Stahls

eigenwillige Ausdeutung des Begriffsinhaltes von „Repräsentation" 45 . Sie

derzufolge

Repräsentation nur imRahmen einer demokratischen Staatsform gewährlei- stet sei. Vielmehr muß „Repräsentation" historisch gesehen werden, da es vielfältige und durchaus unterschiedliche Erscheinungsformen gab und gibt, in denen „Repräsentation" stattfindet 47 . Stahls spezifische Repräsentationsdeutung ist aus seiner doppelten Front- stellung gegen liberale wie altständische Vorstellungen zu verstehen: „Das

repräsentative Princip ist nur dann ein Irrthum, wenn es vom ständischen ge-

löst ist [

.]." 4 8 Die Gegenüber-

stellung im Zitat von „dort" und „hier" meint die verschiedenen politischen Verfassungen in Frankreich und in Deutschland, zwischen die Stahl sein Ver- ständnis einer Volksvertretung setzt. Stahl fordert eine Verbindung von repräsentativem und ständischem Prinzip, die für ihn keine Antagonismen sind 49 . „Repräsentation" bedeutet bei ihm nicht die Ausübung von Herr- schaftsfunktionen durch Organe, die vom Volk als dem Träger der Staatsge- walt dazu autorisiert worden sind. So weit geht Stahl nicht. „Repräsenta- tion" hat bei ihm zunächst mit Herrschaft nichts zu tun. Vielmehr weist die Gleichsetzung von „repräsentativ" und „volkseinheitlich" auf seine spe- zielle Auslegung hin. „Repräsentation" ist für Stahl „Vertretung", aller- dings nicht so verstanden, daß das Volk als Summe von Individuen vertreten wird, sondern das Volk als Einheit: Die Volksvertreter sind „Repräsentanten des Volkes im wahren Sinne, indem sie das Urbild des Volkes, sein vollkom- menes Wesen darstellen, nicht eine Repräsentation im Sinne der herrschen- den Lehre, daß sie das Volk selbst, die Menschen, aus welchen es besteht, darstellten" 50 . Vertretung meint also nicht „Stellvertretung" 51 , sondern Verkörperung der „Idee der Volksexistenz" 52 . Diese in der Stahl-Forschung oft zitierte Stelle 53 wurde bisher nur nach ihrer praktischen Auswirkung in bezug auf die Zusammensetzung einer politischen Volksvertretung bei Stahl untersucht. Keine Berücksichtigung fand aber der Inhalt, den Stahl mit der „Idee" an sich verband. Während der Begriff der Volksexistenz auf Savigny

vom repräsentativen (volkseinheitlichen) gelöst ist [

und das ständische Princip ist nicht minder ein Irrthum, wenn es

darf nicht allein auf die Demokratietheorie reduziert werden 46 ,

],

45 Zur Theorie der Repräsentation vgl. u. a. Brandt, Repräsentation; Hartmann,

tion; Boldt,

Staatslehre, 84-96.

46 Vgl. Rausch, Repräsentation, 81.

47 Vgl. ebd., 87.

48 Stahl, Mo. Pr., VIII.

49 Vgl. Stahl, Phil. d. R. II/2 (1837), 152.

50 Ebd., 145.

51 Stahl,

52 Ebd., 320.

Phil. d.

R. II/2, 147.

Repräsenta-

53 Vgl. u.a. Grosser, Grundlagen, 92; Brandt, Repräsentation, 109; Pyclik, Stahl, 273ff.; C. Wtegand, Stahl, 259. Wiegand schließt sich in seiner Deutung ganz an Brandt an und über- nimmt sogar dessen falsche Quellenverweise.

Der Staat und seine

Verfassung

39

und die Historische Rechtsschule verweist 54 , bewegt sich Stahl mit seinem Idee-Realitäts-Denken ganz in der Tradition des deutschen Idealismus. Wenn Stahl von der Idee der Volksexistenz spricht, meint er damit nicht allein eine Zustandsbeschreibung einer Deputiertenkammer, sondern er möchte „Repräsentation" auch als Zielprojektion, als „telos" verstanden wissen 55 , in dem Sinne, daß auch eine Volksvertretung an fundamentale sitt- liche Inhalte gebunden sein und für ihre Verwirklichung eintreten muß. Die Verknüpfung der Volksvertretung mit dem Staat und die des Staates mit dem „sittlichen Reich" gehören bei Stahl selbstverständlich zusammen. Daraus erklärt sich der Wirkungskreis der Volksvertreter, der mehr prohibitiv denn konstruktiv umschrieben wird. Vorwiegend gelte es, den Einzelnen in seinen Rechten zu schützen und die Interessen des Volkes bei der Regierung zu Ge- hör zu bringen 56 .

In der Frage der Volksvertretung geht Stahl von den Ständen aus, die der wahren Volksexistenz am besten entsprechen würden. Damit bekennt er sich ausdrücklich zu einer Gliederung des Volkes in Stände. Im Gegensatz zu Haller und dessen feudalistisch-privatrechtlich geprägten Ständegedanken vertritt Stahl das „neuere Ständewesen" 57 , das durch seinen nationalen Cha- rakter bestimmt sei. Diesen sieht Stahl nicht allein äußerlich in einem national geeinten Staat gegeben, sondern darin, daß die Stände nicht mehr eigene Standesinteressen vertreten als vielmehr Repräsentanten des gesamten Volkes

sind 58 . Daher bezeichnet Stahl

Der gewandelten Bedeutung der Reichsstände will Stahl durch eine Neu- definition von „Stand" gerecht werden. In gewohnter negativer Abgrenzung zur älteren Ansicht des Ständewesens, die auf einer Gliederung Adel, Geist- lichkeit und Städte aufbaut 60 , differenziert Stahl zwischen „politischen" und , bürgerlichen" Ständen 61 , die sich durch die Tatsache unterscheiden, daß sie einen wirtschaftlichen oder einen herrschaftlichen Verband bilden 62 . Die bürgerlichen Stände sind nach Stahl vom wirtschaftlichen Aspekt bestimmt; dementsprechend setzt er sie mit bestehenden Berufsgruppen wie Kaufleute, Bäcker etc. gleich. Ihr Interesse beschränkte sich auf die Befriedigung des

sie als „Reichsstände" 59 .

54 Vgl. den Brief Stahls an Böttiger, (Würzburg) 3.12.1833, abgedruckt bei Koglin, Briefe, 121-123, besonders 122: „Die Schriften Savigny's hatten mehr Einfluß auf mich als meine Leh- rer." Dagegen verweist Grosser, Grundlagen, 88, auf den Volksbegriff der politischen Roman- tik.

55 Vgl. Stahl, Phil. d. R. II/2, 323.

56 V%\. Stahl, Phil. d. R. 11/2(1837), 143 f.; zu den einzelnen Funktionen der Volksvertretung

vgl. ebd.,

153ff.

57

58

59

60

61

62

Stahl, Phil. d. R. II/2, 335.

Vgl. ebd., 344 und 371.

Ebd., 318.

Vgl. ebd., 336.

Vgl. ebd., 42-83; Phil. d. R. II/2 (1837), 180-209; Grosser, Grundlagen, 88.

Vgl. Stahl, Phil. d. R. II/2, 51.

40

Die Staatsauffassung

Stahls

Lebensbedürfnisses, insbesondere auf die Vermögensbildung 63 . Die politi- schen Stände dagegen haben „auf Grund ihres gemeinsamen Berufes ein ge-

einheitliche politische Stellung" 64 .

Sie streben nach politischen Rechten, nach Herrschaftsfunktionen und besit- zen die Fähigkeit zu Staatsämtern 65 . „Politische Stände" sind für Stahl die Grundaristokratie (nicht der Adel allgemein), die Städte und Landgemeinden sowie die Geistlichkeit der Nationalkirchen 66 . Ihnen spricht Stahl ein über den Eigennutz hinausgehendes Interesse zu, das dazu diene, die Grundlage und die Struktur eines Staates zu erhalten. Gerade die Betonung der Stellung der Grundaristokratie zeigt, wie sehr es Stahl darum geht, den präindustriel- len Staat zu stabilisieren und zu bewahren. Die zunehmende Industrialisie- rung, die Stahl selbst in Preußen miterlebt hatte, findet bei ihm im politischen Bereich dennoch Niederschlag. Die Unternehmer werden zwar dem bürger- lichen Stand zugeordnet 67 , durch ihre politische Mitwirkung in den Kom- munen werden sie allerdings indirekt zu einem Teil der „politischen Stände", da sie über die Vertretung der Städte in der Landesvertretung teil haben an der politischen Verantwortung. Durch die Vernachlässigung des wirtschaftli- chen und sozialen Wandels erhält Stahls Ständebegriff einen stark bewahren- den Charakter. Indem er die Bedeutung des Grundbesitzes hervorhebt, in dem eine historische Kontinuität gewahrt sei, verfolgt er ganz offensichtlich die Absicht, in den Kammern eine konservative Mehrheit zu schaffen 68 .

meinsames politisches Interesse und eine

Dieser Aspekt wie auch das Faktum, daß Stahl den Ständen nur einen ein- geschränkten Mitwirkungskatalog zugesteht 69 , erklären sich aus Stahls Grundannahme des „sittlichen Reiches" und dessen Rückwirkung auf die

bürgerliche Ordnung. Da im Monarchen die Idee der Persönlichkeit am ide-

alsten ausgedrückt ist und ihm

Volksvertretung keinen Anteil an ihr haben. Zwischen dem König als dem Repräsentanten des Staates und den Ständen als den Repräsentanten des Vol- kes 71 besteht so ein eigentümliches Ungleichgewicht, das allein schon der

die gesamte Staatsgewalt zusteht 70 , kann die

verschiedene Inhalt von „Repräsentation" deutlich macht. Dieter Grosser und - seiner Argumentation folgend - Hartwig Brandt, heben den Unterta- nencharakter hervor, der sich im Verhältnis Volk/Volksvertretung zum Für-

63 Vgl. ebd., 50.

64 Grosser, Grundlagen, 88.

65 Vgl. Stahl, Phil. d. R. II/2, 54.

66 Vgl. ebd., 322.

67 Bereits Grosser, Grundlagen, 88, zeigt, wie sehr Stahl den vorindustriellen Verhältnissen verhaftet war; in Anschluß an ihn Brandt, Repräsentation, 107, und C. Wiegand, Stahl, 260.

68 Vgl. Grosser, Grundlagen, 93.

69 Vgl. Stahl, Phil. d. R. II/2 (1837), 153-180. Die Stellung der Volksvertretung wird im

nächsten Kapitel ausführlich

behandelt.

70 Vgl. oben S.36f.

" Vgl. Stahl, Phil. d. R. II/l , 318 Anm.

Der Staat und seine

Verfassung

41

der Repräsentativbegriff bei Stahl reduziert

auf die Organisation von Herrschaft. Diese Ebene allein genügt jedoch nicht. Vielmehr transzendiert der Repräsentationsbegriff in den Bereich normativer Ethik, da Repräsentanz des Fürsten wie der Standschaft dem übergeordneten

Ziel einer Annäherung an das sittliche Reich dient. Dadurch wird Stahls Re-

präsentationsbegriff funktional. Er dient einer „Optimierung des

auf sittlichem Gebiet. Diese Funktionalität muß daher als ein Hauptmerkmal der Theorie Stahls hervorgehoben werden. In der Forderung nach einer Vertretung des Volkes durch Stände besteht der entscheidende Unterschied zwischen Stahl und den restaurativen Theore- tikern. Auch wenn Stahl die Vertretung des Volkes durch Stände nicht aufge- geben hat, so hat er dem Ständewesen eine neue Richtung gewiesen. Seine Funktionalisierung findet sich in Ansätzen bereits in der ersten Auflage der „Philosophie des Rechts" aus den Jahren 1830 bis 1837, doch ist sie dort noch nicht voll ausgeprägt 74 . Auch fehlt das Moment der Nationalrepräsen- tation. Hier ist der Einfluß des englischen Staatsrechts unübersehbar, der von Stahl nicht geleugnet wird 75 . Gerade durch dessen Rezeption gelangt Stahl zu einem differenzierteren Theorieansatz, der über die negative Auseinander- setzung mit den Schlagworten der französischen Revolution hinausgeht. Erst durch die Analyse der politischen Verhältnisse Englands kommt er zu kon- kreten Aussagen über die konstitutionelle Monarchie. Dieser Umschwung ist in der zweiten Auflage der „Philosophie des Rechts" und in der Schrift „Das monarchische Princip" zu beobachten, also in den Jahren 1845 bis 1847. Entscheidend ist die Umsetzung der Idee-Realität-Methode, das Den- ken in Gegensätzen, auf die Verfassungssituation in Deutschland, speziell in Preußen. Diese konkrete Anbindung des Königs und der Stände an die Idee des sittlichen Reiches strukturiert seit diesem Zeitpunkt die Philosophie Stahls.

Volkes" 73

sten manifestiere 72 . Damit wäre

Die Auseinandersetzung mit England führte zu der klaren Absetzung des monarchischen Prinzips von dem parlamentarischen Prinzip, die Stahl durch die Schrift „Das Monarchische Princip" 1845 in die Verfassungsdiskussion einbrachte. Mit dieser Schrift vollzog Stahl den endgültigen Bruch zu den alt- ständischen Vertretern Haller, Gentz und Jarcke, gleichzeitig auch zu dem konstitutionellen System, wie er es in England verwirklicht sah.

72 Vgl. Grosser, Grundlagen, 91; Brandt,

tion, 439.

73 H. Hofmann, Repräsentation, 440.

Repräsentation, 112; H. Hofmann,

Repräsenta-

74 So beispielsweise, wenn Stahl von der „Repräsentation des Volkes im wahren Sinne" spricht; Phil. d. R. II/2 (1837), 145.

75 Vgl. Stahl, Phil. d. R. II/2, 343ff.

42

Die Staatsauffassung Stahls

2. Strukturelemente

des monarchischen

Prinzips bei Stahl

a) Aufriß der Problematik

Die Einführung des monarchischen Prinzips in die deutsche Staatsrechtslehre des 19. Jahrhunderts hat zu vielfältigen Diskussionen und Forschungskon- troversen geführt 76 , denen im Rahmen dieser Arbeit im einzelnen nicht nachgegangen werden muß. Bei allen diesen Forschungen läßt sich das durchgängige Ergebnis dahingehend formulieren, daß sich der Inhalt des monarchischen Prinzips erst in der Zeit von 1814/15 bis zur Revolution von 1848 allmählich konkretisierte. Angefangen von der ersten Verwendung bei

Schlegel 77 oder Dambray 78 , bei denen der Terminus noch relativ unbestimmt ist (der Fürst als das vornehmere Organ im Staat), spitzt er sich durch den be- rühmten Artikel 57 der Wiener Schlußakte zu einem formalrechtlichen Be-

souveränen Fürsten die „gesammte Staats-Gewalt" 79 , den

Ständen lediglich ein eingeschränktes Mitwirkungsrecht zuspricht. Damit wurde der Artikel 57 zum entscheidenden Kriterium in der Auseinanderset- zung zwischen Fürst und Ständen. „Die Auffassungen über die Kompeten- zen der Kammern in der Gesetzgebung und im Finanzwesen, über ihr Ver- hältnis zur Exekutive und über die Regelung der Ministerverantwortlichkeit, schließlich über Zusammensetzung und Wahl der Volksvertretung stehen dabei im Mittelpunkt" 80 . Indem das monarchische Prinzip immer mehr dem politischen Emanzipationsstreben der Stände gegenübergestellt wurde, wurde es zum erklärten Kampfziel der liberalen Bewegung. Damit verlor es seine ursprüngliche Vermittlungsfunktion zwischen den Extremen eines ab- soluten Königtums und der konstitutionellen Bewegung 81 . In diesem Sinne

griff zu, der den

76 Aus der Fülle der Literatur seien hier nur einige für den Zusammenhang der Arbeit wesent- liche Meinungen herausgegriffen: Kaufmann, Studien; Meisner, Lehre; Hubrich, Prinzip; Staudt, Rechtsinhalt; Wilhelm, Verfassung; Hintze, Prinzip; Crosser, Grundlagen; Ellwein, Erbe; Brunner, Gottesgnadentum; Brandt, Repräsentation; Boldt, Staatslehre.

77 Vgl. Boldt,

Staatslehre, 15.

78 Vgl. Meisner, Lehre, 46 Anm. 1. Der Versuch, einen französischen Ursprung des Begriffs und des Inhaltes des monarchischen Prinzips zu finden, ist oft mit der These verknüpft, daß das monarchische Prinzip lediglich von Frankreich übernommen wurde. So z. B. Kaufmann, Studi- en, 42: „Es ist umgekehrt ersichtlich, daß erst die Aufnahme des monarchischen Prinzipes die französischen Gegensätze in die deutschen Verfassungskämpfe trug." Schon vorher hatte Treitschke, Geschichte II, 573, diese These vertreten. Zum französischen und englischen Einfluß auf die deutsche Entwicklung allgemein Eyck, Influences. Dagegen weisen Staudt, Rechtsinhalt, 13, Hintze, Prinzip, 349, Meisner, Lehre, 213 und 278, Boldt, Staatslehre, 133 ff., mit Recht dar- auf hin, daß die spezifisch deutschen Verhältnisse eine eigenständige inhaltliche Ausfüllung des Begriffs mit sich brachten.

79 Abgedruckt in: E. R. Huber, Dokumente I, 99.

80 Botzenhart, Parlamentarismus, 31.

81 Im Gegensatz zu Stahls Konstitutionalismusbegriff (Mo. Pr., IX) wird die konstitutionelle Bewegung hier im weitesten Sinne als Bewegung verstanden, die einen Staat verfassungsmäßig ausgestalten will.

Strukturelemente des monarchischen Prinzips bei Stahl

43

war es zum Beispiel von dem Würzburger Professor Conrad Cucumus ver- standen worden 82 . Die Verbindung des monarchischen Prinzips mit den Bundesmaßnahmen zur Erhaltung der Sicherheit und Ordnung in den Jahren

von 1824 bis 1834 machte es auch gemäßigten Liberalen, die monarchisches

und

unmöglich, sich länger mit diesem eindeutigen Herrschaftsanspruch der Für- sten abzufinden. Mit der Einbürgerung des Begriffs ging eine inhaltliche Ausgestaltung des monarchischen Prinzips Hand in Hand 84 . Allerdings liegen theoretische Äu- ßerungen 85 und konkrete verfassungspolitische Formen weit auseinander. So hatten sich zwischen 1814 (Nassau) und 1841 (Luxemburg und Schwarz- burg-Sondershausen) fast alle Mitglieder des Deutschen Bundes - mit den Ausnahmen Preußen, Österreich, Oldenburg, Hessen-Homburg - eine alt- ständische oder zum größten Teil eine landständische Verfassung gegeben 86 . Damit verschwamm eine klare Festlegung dessen, was unter dem monarchi- schen Prinzip verstanden wurde, immer mehr. Trotz Differenzierungen und einzelstaatlicher Ausprägungen kann in etwa von einem „einheitlichen Typ der älteren Verfassungen mit monarchischem Prinzip" 87 ausgegangen wer- den. Im Zentrum steht die Ansicht, daß der König rechtlich die Staatsgewalt in sich vereinigt und die Stände nur dann ein Zustimmungsrecht haben, wenn Eingriffe in die Eigentumssphäre des Bürgers von Seiten der Regierung not- wendig werden. Mit dieser Einschränkung soll der Ständevertretung ein möglichst geringes Mitspracherecht in der Gesetzgebung und im Finanzwe- sen zugestanden werden. Der Fürst regiert aus seiner Machtfülle heraus na- hezu unbeschränkt; die Minister sind lediglich seine Erfüllungsgehilfen, tra- gen aber durch ihre Gegenzeichnungspflicht die Verantwortung für eventu- elle Verfassungsverletzungen. Eine Abhängigkeit von den Kammern besteht nicht 88 .

parlamentarisches Prinzip nicht als Antagonismus verstanden hatten 83 ,

82 Vgl. Cucumus, Lehrbuch, 89ff. Cucumus beschreibt Bayern als „Monarchie mit Reprä- sentativ-Verfassung", in der das monarchische Prinzip gewahrt sei. Stahl war bei Cucumus 1826 promoviert worden; vgl. die Promotionsurkunde Stahls, UA München, E II 346. Der Einfluß von Cucumus auf Stahl wurde in der Forschung bisher überhaupt nicht beachtet. Voigt, Werde- gang, 170 f., un d Masur, Stahl, 86 f., gehen nicht darauf ein. Zu r Staatsauffassung von Cucumu s vgl. Schützenberger, Staatsauffassung, 35-39.

83 Vgl. Rotteck/Welcker, Staatslexikon III, 714. Zu den Bundesbeschlüssen vgl. E. R. Huber, Dokumente I, 129-149; ders., Verfassungsgeschichte I, 732-765; II, 125-184.

84 Zum folgenden vgl. Brandt, Repräsentation; Boldt, Staatslehre, 34 ff.; Botzenhart, Parla- mentarismus, 30 ff.

85 Z. B. Aretm, Staatsrecht; Zachariä, Staats- und Bundesrecht; Türckheim, Betrachtungen. Einen kursorischen Überblick geben Meisner, Lehre, 281-298, und Botzenhart, Parlamentaris- mus, 30-54.

86 Vgl. E. R. Huber, Verfassungsgeschichte I, 656f.

87 Boldt,

Staatslehre, 36.

88 Vgl. die klassisch gewordene Formulierung des monarchischen Prinzips durch Meisner, Lehre, 2. Meisner macht jedoch den Fehler, den Begriffsinhalt des monarchischen Prinzips mit Stahls Definition gleichzusetzen. Dadurch fehlt bei ihm die Entwicklungsdynamik des Begriffs.

44

Die Staatsauffassung

Stahls

b) Stahls „Monarchisches Princip" als Idealtypus

Vergleicht man die bisherigen Ausführungen mit Stahls Kriterien des monar- chischen Prinzips, so wird klar, daß Stahl ganz in der Tradition der deutschen Vormärzzeit steht. Er hat das monarchische Prinzip weder als erster 89 noch hat er es „endgültig" 90 formuliert. Auch war es sicherlich bei ihm keine „zweckmäßigere Definition des monarchischen Prinzips, als politischer Kampfbegriff verstanden" 91 . Stahls Schrift „Das monarchische Princip" (1845) hat zwar einen betont pragmatischen Charakter, doch darf der Zu- sammenhang mit seiner gesamten Philosophie und speziell mit der Idee des „sittlichen Reiches" nicht außer acht gelassen werden. Ein zweiter Fehler der Stahl-Forschung ist, daß diese Abhandlung meist als ein allgemeiner Beitrag zur Verfassungsdiskussion in Deutschland gesehen wurde 92 . Zwar betont Stahl selbst, daß es ihm um das Problem geht, „das in Deutschland seit der

Es ist das Problem - ständi-

scher Verfassung unter monarchischem Princip" 93 , doch weist er gleichzeitig

darauf hin, daß eine praktikable Lösung nur im Verbund mit Preußen, dem

größten Staat in Deutschland, möglich sei 94 . Dieser Bezug seiner Schrift spe-

ziell auf Preußen muß besonders hervorgehoben werden. Gerade Preußen befand sich 1845, dem Erscheinungsjahr der Stahlschen Schrift, in einer entscheidenden Phase seiner Verfassungsentwicklung. Als einer der wenigen Staaten des Deutschen Bundes hatte es keine landständi- sche Verfassung; als Vertretung des Volkes gab es beim Regierungsantritt König Friedrich Wilhelm IV. nur die Provinzialstände. Im Jahr 1842 hatte der König aus deren Mitte die Vereinigten Ausschüsse berufen, deren Tagun- gen aber in der Frage des Eisenbahnbaus eine für die Regierung „peinliche Wendung" 95 genommen hatte. Trotzdem war damit die konstitutionelle Diskussion auch in Preußen angeregt worden. Der Verfassungsplan König Friedrich Wilhelms IV. vom Dezember 1844 96 , der zwar keine Repräsenta- tivverfassung vorsah, weckte gleichfalls Hoffnungen auf eine Verfassungsge- bung.

Errichtung des Bundes seine Lösung sucht [

]

89 Vgl. ebd., 4 f.

90 Oestreich, Art. „Monarchisches Prinzip", 199; ähnlich Härtung, Entwicklung, 289; £//- Erbe, 49. Dagegen Boldt, Staatslehre, 197.

91 Boldt, Staatslehre, 197.

92 So z.B. Klenk, Beurteilung, 86-106; A. Müller, Beitrage, 29-41; Poppelbaum, Weltan- schauung; Drucker, Stahl.

wein,

93 Stahl, Mo. Pr., III; vgl. ebd., XV.

94 Vgl. ebd., II, XIVf., 28ff., 30f., und 33. Vgl. Stahls Brief an Rotenhan, Berlin, 22.6.1845, in: Koglin, Briefe, 286-288. Boldt, Staatslehre, 198, hat das Problem kurz angedeutet, ohne ihm weiter nachzugehen.

95 E. R. Huber, Verfassungsgeschichte II, 490.

96 Die Vorstellungen des Königs liefen in die Richtung einer ständischen, nicht einer konsti-

Strukturelemente des monarchischen Prinzips bei Stahl

45

In dieser Situation, in der das Gerücht umlief, „daß eine bedeutende Ver- änderung in der Verfassung dieses Königreiches bevorstehe" 97 , konnte die Schrift Stahls trotz ihres grundsätzlichen Charakters nicht ohne Wirkung bleiben. Gerade weil in Preußen keine Verfassung bestand, Stahl aber von der Notwendigkeit einer geschriebenen Verfassung ausging, konnte die Abhand- lung mit einer breiten Rezeption rechnen. Die Stimmen zu dieser Schrift wa- ren geteilt. Der Staatswissenschaftler Friedrich Bülau 98 nahm sie in einer Be- sprechung in den „Neuen Jahrbüchern der Geschichte und Politik" 99 sehr wohlwollend auf: „Daß ein Mann wie Hr. Stahl, recht wohl weiß, was in Teutschland Rechtens ist in Staatssachen, versteht sich; erfreulich aber war uns, auch das politische Princip dieses bestehenden Rechtes von ihm so klar und sicher erkannt, so einsichtsvoll begriffen und gewürdigt, keinesweges aber zu irgend einem entgegengesetzten Extreme, weder zu idealisirten Feu- dalismus, noch zu einer Identificirung des monarchischen Principes und des Absolutismus übergegangen, vielmehr die richtige Linie scharf, fest und würdig innegehalten zu sehen. Mit Recht erkennt er in der Vereinigung des monarchischen Principes und der ständischen Repräsentation die Aufga- be." 100 Auch Stahl berichtet von einer meist wohlwollenden Aufnahme der Schrift 101 . Die Urteile im Kreis der einflußreichen Kamarilla waren weitaus zurückhaltender. Hier dominierte die Staatslehre Hallers 102 ; daher wurden Stahls Forderungen trotz ihrer eindeutig promonarchischen Tendenz sehr

sahen die altständischen Vertreter

in der Schrift Stahls einen größeren Schaden als Nutzen; zumindest erkann- ten sie den direkten Bezug zu den Verfassungsplänen in Preußen.

viel skeptischer beurteilt 103 . Anscheinend

Die Kernaussagen der Schrift Stahls lassen sich in wenigen Sätzen zusammen- fassen, da sie auf ethischem und staatsrechtlichem Gebiet an Aussagen an- schließen, die schon angesprochen wurden. Daraus folgt die Grundentschei- dung für einen verfassungsrechtlich verankerten Staat, in dem der König die rechtliche wie faktische Macht besitzt und in dem die Stände „nicht mehr Sonderinteressen schützen, sondern den allgemeinen bürgerlichen Rechtszu- stand verbürgen sollen" 104 . Die Anerkennung wie die Forderung nach einer wahren ständischen Verfassung im Sinne Stahls sind die Elemente, die dem

97 Stahl, Mo. Pr., III.

98 Zu Bülau: ADB III, 512f.; Klenk, Beurteilung, 21-42; Boldt, Staatslehre, 169-176.

99 Bülau, Neue Jahrbücher der Geschichte und Politik 8 (1845), Bd. II, 187-190.

100 Ebd., 188.

101 Vgl. Stahl an Rotenhan, Berlin, 22.6.1845, in: Koglin, Briefe, 287.

102 Vgl. Meinecke, Weltbürgertum, 210-264.

103 Vgl. Gerlach, Denkwürdigkeiten I, 282, 398, 403, 596 und 732; II, 8 und 13. Vgl. die Ur-

teile Heinrich Leos abgedruckt bei Kraus, Monatsberichte (AKM 1894), 1121 f. und 1128; Kritik

des „Monarchischen Princips" durch Victor Atme Huber,

Janus 1 (1845), 822-828.

104 Stahl, Mo. Pr., V.

46

Die Staatsauffassung Stahls

„Monarchischen Princip" seine Bedeutung in der Verfassungsdiskussion Deutschlands und Preußens gegeben haben. Wesentlicher aber war die Un-

terscheidung zwischen rechtlicher und tatsächlicher Macht des Königs. Zu dieser Differenzierung kommt Stahl auf Grund seiner Analyse der englischen Verfassungswirklichkeit. Dort habe der Monarch zwar rechtlich noch die Souveränität inne, das Parlament eine „Ar t Mitsouveränität"; dadurch sei das Parlament „thatsächlich, d.i. dem Erfolge nach, ohne allen Vergleich

den öffentlichen Zustand" 105 .

Diese Position des Parlaments nennt Stahl das „parlamentarische Princip

d.i. die überwiegende Stellung des Parlaments gegenüber dem Köni-

ge" 106 . Sie beruhe darauf, daß in England das Parlament nicht nur das Peti-

tions-, sondern auch das Initiativrecht in der Gesetzgebung habe sowie das unbedingte Steuerverweigerungsrecht, daß es das Militärbudget bestimme und daß zudem die Minister vom Parlament abhängig seien 107 . Damit habe der Monarch alle entscheidenden Machtmittel verloren; die wirkungsvollsten Steuermechanismen - die Verfügung über das Heer und die Finanzen - hätten sich zum Parlament verlagert. Die Folge: „Die Nation in ihrer parlamentari-

schen Vertretung regiert sich selbst, und der König steht nur darüber, indem

er dieser Regierung (formell) die Sanktion ertheilt und [

so weit die Um-

mächtiger, ja die entscheidende Macht für

], [

],

stände ihn unterstützen, sie ermäßigt. Dies ist es, was wir das parlamentari- sche Princip nennen" 108 .

Aus dieser Negativabgrenzung entwickelt Stahl seinen Begriff des monar- chischen Prinzips. Dieses bestehe darin, „daß die fürstliche Gewalt dem Rechte nach undurchdrungen über der Volksvertretung stehe, und daß der Fürst thatsächlich den Schwerpunkt der Verfassung, die positiv gestaltende

Macht im Staate, der Führer der Entwicklung bleibe" 109 . Um die Stellung des Fürsten zu sichern, soll ihm die gesamte Administration untergeordnet sein und ihm die Abfassung der Gesetze, die Festlegung des Haushaltes und das Recht der eigenen Regierung zustehen 110 . Die Funktion der Stände schränkt Stahl in der Gesetzgebung auf die Zustimmung und Petition ein sowie auf das

Beschwerde- und Steuerbewilligungsrecht 111 .

105 Ebd., 2. Zu der problematischen Gleichsetzung von monarchischem Prinzip und monar- chischer Souveränität, wie sie in den theoretischen Schriften des Vormärz häufig auftaucht, vgl. Boldt, Staatslehre, 20 Anm.24.

106 Stahl, Mo. Pr., 2. Auch wenn Stahl, Mo. Pr., 2, glaubt, einen neuen Terminus in die Dis- kussion einzuführen, finden sich ähnliche Begriffe, wie „parlamentarisches System" und „par- lamentarische Regierung", schon Anfang der 1840er Jahre; vgl. Beyme, Regierungssystem, 155; Botzenhart, Parlamentarismus, 54 f.

107 Mo. Pr., 2-6.

Vgl. Stahl,

108 Ebd., 11.

• *» Ebd.,

110 Vgl. ebd., 14-18.

12.

111 Auf die nähere Ausgestaltung des monarchischen und des parlamentarischen Prinzips muß hier nicht näher eingegangen werden. Vgl. dazu Meisner, Lehre, 198-312; Grosser, Grund- lagen, 111-117; Boldt, Staatslehre, 198-206.

Strukturelemente des monarchischen Prinzips bei Stahl

47

Ein durchaus originärer Aspekt im „Monarchischen Princip" ist die Art der Konfliktregulierung für den Fall ständisch-fürstlicher Auseinanderset- zungen. Sie findet sich in der Art wie bei Stahl bei keinem anderen Staats-

rechtslehrer des Vormärz 112 . Die Konfliktregelung soll bei Stahl so festge-

setzt werden, „daß der König der oberste Richter über Streitigkeiten der Verfassung bleiben muß" 113 . Die Zuweisung der Letztentscheidung in Fra- gen der Verfassungsinterpretation an den König bildet den Abschluß und den Höhepunkt des promonarchischen Bekenntnisses von Stahl. Damit wird der König in der Verfassungswirklichkeit zur unangreifbaren Institution. Die Tatsache, daß er vor und über der Verfassung steht, kommt auch darin zum Ausdruck, daß eine Konstitution nach der Ansicht Stahls nicht auf einer Ver- einbarung zwischen Fürst und Ständen oder auf einem Beschluß einer verfas- sungsgebenden Versammlung beruhen darf, sondern vom König per Oktroi erlassen werden soll. Nur so komme seine Machtvollkommenheit zum Aus-

druck 114 .

Zwar sieht Stahl die Gefahr, daß der Monarch auf Grund seiner Machtfülle eine absolute Stellung erhalten und letztlich ohne Schranken regieren könne, doch glaubt er, daß der Fürst durch „Meinung und Sitte" 115 am Mißbrauch seiner Macht gehindert werde. Diese und ähnliche Passagen, die sich mit der Grenze der monarchischen Gewalt beschäftigen, bleiben unbefriedigend, da sich Stahl meist mit vagen Formulierungen zufrieden gibt. Zu selbstverständ- lich geht Stahl von einem sittlichen Handeln des Fürsten aus, ein unsittliches Verhalten wird nicht diskutiert. Als Folge der Annahme, daß der Fürst stets sittlich handle, schränkt Stahl das Widerstandsrecht gegen den Fürsten auf

den privat-individuellen,

nicht auf den politischen Bereich ein 116 . Überhaupt

muß man sagen, daß das politische System Stahls - orientiert am monarchi- schen Prinzip - in der Theorie wenig Spielraum für die Austragung von Kon- flikten läßt. Stahls Theorie des monarchischen Prinzips beinhaltet ein bewußt harmonisierendes Modell, das damit auch wenig dynamisch ist. Erst im Laufe seiner parlamentarischen Tätigkeit spielt die Regelung derartiger Kon- flikte eine zunehmend bedeutendere Rolle, weshalb er diesem Aspekt mehr Beachtung schenkt 117 . Stahls Harmoniemodell erklärt sich aus seiner Ge- schichtsauffassung, die von den Stichworten „Entfaltung" und „Kontinui-

tät" bestimmt ist 118 .

Geschichte und ebenso das Staatsrecht müssen sich nach

Stahl kontinuierlich und ohne abrupte Brüche weiterentwickeln.

112 Vgl. Boldt, Staatslehre, 203.

113 Stahl, Mo. Pr., 30; vgl. ebd., 21. i « Vgl. ebd., 32.

1.5

1.6

117

Ebd., 31.

Vgl. Stahl, Phil. d. R. II/2 (1837), 90.

Vgl. dazu die Kapitel C. und D. dieser Arbeit.

1,8 Vgl. Stahl, Phil. d. R. II/2, 226. Zu Stahls Geschichtsphilosophie: Phil. d. R. I, 551; II/l, 48, 51 f., 54, 93 , 127, 151; II/2 , 181. Vgl. Poppelbaum, Weltanschauung , 67-69 ; Grosser,

48

Die Staatsauffassung Stahls

Damit ist man wieder an dem Punkt der innerpreußischen Verfassungsdis- kussion angelangt. Es wurde bereits angeführt, daß Stahl zumindest indirekt mit seiner Schrift Einfluß auf diese Diskussion nehmen wollte. Immer wieder bezieht sich Stahl in seiner Abhandlung auf die künftige preußische Verfas-

sung 119 , in der das monarchische Prinzip verankert sein soll. Für die

sungsgebung schlägt Stahl vor 120 , daß aus den vorhandenen

den und den ständischen Ausschüssen Reichsstände gebildet werden sollten, denen zunächst im Rahmen der Verabschiedung des Staatshaushaltes Ein- sichtnahme und Prüfung der Ausgaben zugebilligt werden sollten. Sukzes- sive Schritte könnten ein eingeschränktes Zustimmungsrecht zu Gesetzes- vorlagen und die öffentliche Verhandlung der Standschaft sein. Erst nach ei- ner Reihe derartiger Zugeständnisse sollte dann eine schriftliche Verfassung geschaffen werden, die vom König oktroyiert werden müsse. Die Konstitu- tion sollte demnach nicht am Anfang der Verfassungsentwicklung stehen, sondern sich erst kontinuierlich aus dieser hervorbilden 121 . Gerade das mehrfach angesprochene Kontinuitätsproblem bildet einen zentralen Ansatzpunkt für eine entscheidende Neuinterpretation der Schrift „Das monarchische Prinzip" Stahls. Da er darin selbst davon spricht, daß sich die Verfassung eines Staates langsam entfalten müsse, darf seine eigene Konzeption nicht als ein konkreter Vorschlag gesehen, sondern muß als Orientierungsrahmen für künftige Verfassungsdiskussionen verstanden werden. Es ging Stahl in seiner Abhandlung darum, zunächst zu klären, was das monarchische Prinzip im Gegensatz zum parlamentarischen Prinzip beinhalten soll. Dem dient die Unterscheidung zwischen „Souveränität" und „monarchischem Prinzip", d. h. die Trennung zwischen rechtlicher und tat- sächlicher Stellung des Fürsten 122 . Der Funktionskatalog, den Stahl zugun- sten des Fürsten entwickelte, um ihn zum wirklich tragenden Element im Staate zu erheben, ist in Stahls wissenschaftstheoretischem Verständnis ein Idealtypus. Das „monarchische Princip" ist demnach bei Stahl eine gedank- liche Übersteigerung, die primär das Ziel hat, der Begriffsbildung zu dienen. Daher ist es auch in seiner reinen Form keine praktisch-politische Forderung, sondern eine Zielprojektion, deren ideale Züge als solche nicht zu realisieren sind. Die tatsächliche Verfassung kann nur eine Annäherung an dieses Ge- dankenmodell sein. Diese These findet eine Bestätigung in dem methodi- schen Vorgehen Stahls. Er gewinnt sein Bild des monarchischen Prinzips nicht aus der Analyse einer konkreten, am monarchischen Prinzip orientier- ten Verfassung, sondern aus dem Umkehrschluß eines von ihm beargwöhn- ten Systems, der parlamentarischen Monarchie Englands. Indem Stahl ver- sucht, das „parlamentarische Princip" als solches zu fassen, wobei er auch

Provinzialstän-

Verfas-

Mo. Pr., III, XIVf., 28ff., 30f., 33 und 44.

'»» Vgl. Stahl,

120 Zum folgenden vgl. ebd., 33f.

121 Vgl. ebd., 34.

122 Vgl. ebd., 2; Crosser, Grundlagen, 115; Boldt, Staatslehre, 20 und 199

Strukturelemente des monarchischen Prinzips bei Stahl

49

vor erheblichen Verzerrungen nicht zurückschreckt 123 , entwickelt er als Ne- gativfolie dazu die Charakteristika des „monarchischen Prinzips" in ihrer reinen Form. Aus der Polarisierung der Prinzipien ergeben sich die jeweiligen Maximal- forderungen. Für die Vertreter des parlamentarischen Prinzips wurden Stahls Kennzeichnungen zum Programm; immerhin orientierten auch sie sich am Vorbild England. „Stahl hat zur Klärung der Begriffe und zur Erfassung der Besonderheiten des parlamentarischen Systems im vormärzlichen Deutsch- land wahrscheinlich mehr beigetragen als jeder Anhänger der parlamentari-

schen Regierungsweise" 124 . Auf

nicht die gleiche Ideologisierung des konservativen Lagers erreichen. Dazu trugen verschiedene Faktoren bei. Neben persönlichen Aversionen gegen Stahl 125 war ein Hauptgrund die unterschiedliche Struktur der promonarchi- schen Bewegung, die in Preußen - für dessen Gebiet Stahls Forderungen in erster Linie relevant sein sollten - aus Anhängern Hallers, de Maistres, Gentz', A. Müllers u.a. bestand. Stahl brachte mit seiner Ausgestaltung des monarchischen Prinzips eine neue Variante fürstlicher Regierungsweise in die Diskussion, die aus konservativer Sicht ein Zurückweichen von bisher

nicht gefährdeten Positionen erforderte. Stahls Ansicht beruhte auf der Basis

des

zip gehörten für ihn wechselseitig zusammen. Diese Forderung war für die Hochkonservativen im Jahr 1845 noch unannehmbar. Allerdings wurde von ihnen nicht erkannt, daß bei Stahl der Verfassungsoktroi erst am Ende einer ständischen Inkorporation in den Staatsorganismus stehen sollte. Die berechtigte Frage, inwieweit Stahls Projektion durchsetzungsfähig war, sowohl gegen die altkonservative wie gegen die liberale Bewegung, muß hypothetisch bleiben. Viel Zeit, eine organische Verfassungsentwicklung einzuleiten, war Preußen nicht mehr geblieben. Dazu brach die Revolution zu unerwartet aus. Es ist fraglich, ob König Friedrich Wilhelm IV. ohne die Ereignisse der Märzrevolution bereit gewesen wäre, sich den Vorstellungen Stahls anzuschließen. Immerhin hatte er noch bei der Eröffnung des Verei- nigten Landtages am 11. April 1847 erklärt, „daß es keiner Macht der Erde je gelingen soll, mich zu bewegen, das natürliche, gerade bei uns durch seine in- nere Wahrheit so mächtig machende Verhältnis zwischen Fürst und Volk in ein konventionelles, konstitutionelles zu wandeln" 127 .

der anderen Seite konnte Stahl anfänglich

konstitutionellen Prinzips 126 , d.h. Verfassung und

monarchisches Prin-

123 Vgl. Klenk, Beurteilung, 89; Boldt, Staatslehre, 209.

124 Botzenhart, Parlamentarismus, 72.

125 So sah beispielsweise Bismarck Stahl nur immer als den getauften Juden; vgl. Bismarck an

seine Gattin, Karlsbad, 7. 7. 1863, in: Bismarck,

126 Stahl, Mo. Pr., IX, versteht unter dem konstitutionellen Prinzip „jenes Ineinandergreifen von Regierung und ständischer Wirksamkeit zur Einen ungetheilten Versorgung des Einen un- geteilten Gemeinwesens."

Verfassungsgeschichte II, 495.

Werke XIV/2, 645.

127 Zitiert bei E. R. Huber,

50

Die Staatsauffassung Stahls

Mit der Revolution und dem königlichen Verfassungsoktroi vom S.De- zember 1848 hatten sich die politischen Grundbedingungen, unter deren Stahl das „Monarchische Princip" geschrieben hatte, entscheidend gewin- delt. Inwieweit Stahl diesen Veränderungen in seiner politischen Tätigkeit Rechnung getragen hat, muß die Untersuchung seines parlamentarischen Wirkens ergeben.

C. STAHLS POLITISCHER WERDEGANG IN BAYERN

Stahls wissenschaftliche, publizistische und parlamentarische Laufbahn be- gann nicht erst in Preußen, wo er zum gefeierten Parteiführer der Konserva- tiven avancierte, sondern in einem damals noch bescheidenen Rahmen in Bayern. Wenngleich Stahls bayerische Zeit bei weitem nicht mit seiner späte- ren Wirksamkeit in Berlin zu vergleichen ist, so ist sie doch für seine Ein- schätzung als „politischen Professor" von Bedeutung. In Bayern sammelte Stahl als Professor an den drei bayerischen Universitäten, in der Publizistik und als Abgeordneter wertvolle Erfahrungen, die er nach 1840, dem Jahr sei- ner Berufung nach Berlin, in seine vielfältigen Aktivitäten einbringen konnte. Schwerpunkt der Untersuchung der bayerischen Zeit Stahls muß seine Mit- wirkung an dem Ministerialblatt „Der Thron- und Volksfreund" sein, die für die Gesamtbeurteilung seiner theoretischen Position wertvolle Hinweise bietet. Da aber die vorliegende Arbeit nicht nur den Theoretiker Stahl, son- dern den „Professor in der Politik" behandelt, kommt seinem Wirken am bayerischen Landtag 1837, wo Stahl als Wortführer der bayerischen Prote- stanten auftrat, erhebliche Bedeutung zu.

I. Stahl als Redakteur des „Thron- und Volksfreunds"

Nach seiner Habilitation im Jahre 1827 1 bewarb sich Stahl um eine Privatdo-

zentenstelle an der Universität München 2 , die ihm noch rechtzeitig ginn des Wintersemesters bewilligt wurde 3 . Allerdings war die Stelle

München 2 , die ihm noch rechtzeitig ginn des Wintersemesters bewilligt wurde 3 . Allerdings war

vor Be-

mit kei-

ner Dotierung verbunden; auch eine Remuneration wurde Stahl in dem glei- chen Reskript abgelehnt. In der Folge kam Stahl zunehmend in finanzielle Schwierigkeiten, da er nach dem Tode seiner Eltern für sieben Geschwister sorgen mußte. Mehrere Gesuche um eine ordentliche oder außerordentliche

Professur wurden ihm in dieser Zeit abschlägig beschieden 4 .

Innerhalb der Juristischen Fakultät verschaffte sich Stahl rasch Anerken- nung; gemeinsam mit dem Senat unterstützte sie „seiner trefflichen Eigen-

schaften wegen" 5

von Maurer 6 förderte Stahl entscheidend. Durch ihn lernte Stahl den Verleger Jakob Christian Benjamin Mohr kennen, in dessen Verlag er Mitte 1830 den ersten Band seiner „Philosophie des Rechts" veröffentlichte 7 . Schließlich hatte es Stahl Professor Maurer zu verdanken, daß er im Jahr 1830 mit der Herausgabe des Blattes „Der Thron- und Volksfreund" beauftragt wurde.

alle seine Gesuche. Besonders der Jurist Georg Ludwig

/. Die Gründungsgeschichte

des Blattes

Die Herausgabe des „Thron- und Volksfreunds" steht in der Tradition der

bayerischen Regierung, sich ein offizielles Organ zu schaffen, das die Maß- nahmen des Ministeriums gegen die zunehmenden Angriffe der Opposition verteidigen sollte. Einen Versuch stellte im Jahr 1829 die Gründung des von Cotta 8 herausgegebenen Blattes „Das Inland" dar, nachdem noch frühere

werden konnten 9 . Das „In-

Pläne von Schenk und Hormayr

land" entwickelte sich jedoch nicht im Sinne des Ministeriums, woran haupt-

nicht realisiert

1 Vgl. Stahl, Ueber das ältere römische Klagenrecht. München 1827. Die Habilitation wird von Landsberg, Geschichte III, 173, als bedeutungslos eingestuft. Vgl. G. Masut, Stahl, 87.

2 Vgl. das Gesuch Stahls an den Senat, 10.3.1827; UA München E II 346.

3 Vgl. kgl. Reskript vom 9.7.1827. Ein Auszug findet sich in: BayHStA, MInn 23589.

4 Vgl. Stahls Gesuche vom 21. 1.1829, 18.7.1829 und 25.6.1830; BayHStA MInn 23589.

5 Ebd. (undatiertes Konzept). Vgl. den Antrag Schenks an König Ludwig I., 25.4.1829; BayHStA, MK 11312. Eine ähnlich positive Beurteilung findet sich im Sitzungsprotokoll des Senats, 19.11.1831; UA München, L III 77.

6 Zu Maurer vgl. ADB XX, 699-706; Dickopf, Maurer; ders., König; BayHStA MInn 43625.

7 Vgl. Stahl an Mohr, München, 26.8.1829, in: Koglin, Briefe, 60-62.

8 Zu Cotta vgl. Lohrer, Cotta; Steuer, Cotta.

9 Vgl. Baader, Werke XV, 451; F. Ritter, Beiträge II, 143; Lempfrid, Anfänge, 85; Steuer, Cotta, 37-51; Treml, Pressepolitik, 126-130.

Die Griindungsgeschichte

des Blattes

53

sächlich der Verleger Cotta Schuld trug, der bei der Auswahl seiner verant- wortlichen Redakteure mehr auf deren journalistische Qualifikation als auf deren politische Einstellung sah. Zu den Redakteuren des „Inlandes", das von 1829 bis 1831 erschien, zählten Mönnich, Kolb, Lautenbacher, Lindner, Hungerkhausen, Puchta, Stahl, Schulz und Wirth. Von ihnen sind Mönnich, Kolb, Schulz und Wirth der liberalen Richtung zuzuordnen; der eigensinnige Georg Friedrich Puchta stand im Verdacht, Mitglied des Eoskreises zu sein 10 . Als Puchta das „Inland" Anfang 1830 übernahm, wandte ersieh aus- drücklich gegen eine offiziöse oder halboffiziöse Tendenz des Blattes 11 . Gerade unter der autokratischen Chefredaktion Puchtas verschärfte sich die Kritik. Der Mitredakteur Lautenbacher beschwerte sich bei dem Verleger Cotta mit den Worten „Puchta versteht Nichts und wird auch Nichts verste-

.]" 1 2 . Von Seiten der Regierung wurde Puchtas Versuch, das

hen lernen [

„Inland" vom Ministerium zu lösen, mit einigem Mißtrauen beobachtet, wenngleich sie keinen Anlaß fand, mit Zensurmaßnahmen gegen das Blatt vorzugehen 13 . Diese Querelen um das „Inland" führten bei König Ludwig I. und seiner Regierung zu der Ansicht, daß es notwendig sei, ein eigenes ministerielles

Organ zu schaffen, das die Regierungspolitik stärker als das „Inland" vertre- te. Der Ersatz sollte die Zeitung „Der Thron- und Volksfreund" sein. Trei- bende Kraft warder König. In einem Signat vom 25. Februar 1830 äußerte er:

„Daß bald alles zu Stande komme daran liegt mir viel" 14 , und im Uber-

noch in diesem Monat" 15 .

Auch der Titel,,Thron- und Volksfreund" geht direkt auf Ludwig zurück 16 .

schwange forderte er: „[

]

die Probeblätter

10 Vgl. PGBI, 151; Lautenbacher an Cotta, München, 12.11.1829; Cotta-Archiv Marbach, Cotta-Briefe, Lautenbacher/Cotta, Nr. 8. Der sogenannte „Eoskreis" gruppierte sich seit 1832 um die bayerische Zeitschrift „Eos", nach deren Namen die Vereinigung in der Forschung be- nannt wurde. Der Kreis an sich bestand schon seit den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Ursprünglich stärker auf die theoretische Diskussion philosophischer, wissenschaftlicher oder politischer Fragen aus der kirchlich-katholischen Position ausgerichtet, tendierte er seit etwa 1827 zu einem verstärkt praktisch-politischen Engagement. Führende Mitglieder des „Eoskrei-

ses" waren Baader, Ringseis, Döllinger und Görres. Vgl. Spindler,

11 Vgl. Inland, Nr. 1, 1.1.1830. Zu Puchta vgl. ADB XXVI, 685ff.; Bohnert, Rechtslehre; ders., Beiträge.

12 Lautenbacher an Cotta, 16.1.1830; Cotta-Archiv Marbach, Cotta-Briefe, Lautenba- cher/Cotta, Nr. 18. In einem weiteren Brief Lautenbachers vom 21.1.1830 (ebd., Nr. 20), übt er eine vernichtende Kritik an Puchta. Dieser sei als Redakteur völlig ungeeignet und schreibe schulmeisterliche Aufsätze, die wie „langweilige Predigten" wirkten.

13 Vgl.Steuer, Cotta, 48; Treml, Pressepolitik, 128 f. Die Zensur setzteerst unter den Redak- teuren Schulz und Wirth, d.h. Anfang 1831, ein; vgl. BayHStA, MInn 45313 und 25105.

Regierungszeit, 146.

14 BayHStA, MInn 45315.

15 Ebd.

16 Vgl. Maurer an Ludwig I., 25.2.1830: „Einen besseren Titel für das Blatt wüßte ich in der That nicht anzugeben, als den Euere Königliche Majestät, wie man sagt, schon bestimmt haben, nämlich Freund des Thrones und des Volkes"; vgl. ebd.

54

Stahl als Redakteur des „Thron- und Volksfreunds"

Mit dem Entwurf eines Konzeptes für das neue Blatt wurde Staatsrat Mau- rer beauftragt, der in seinem Gutachten auf die Vorstellungen des Königs zu- rückgriff 17 . Danach sollte der „Thron- und Volksfreund" primär die Auf- gabe haben, die Regierungspolitik in einem positiven Licht darzustellen. Dazu sei es notwendig, in der Zeitung die Regierungsmaßnahmen zu erläu-

tern und zu erklären. Weiter sollte sie die Regierung gegen die Angriffe der liberalen Presse verteidigen, wobei gemäß dem Befehl des Königs die Ausein- andersetzung mit dem oppositionellen „Bayerischen Volksblatt", das in

müsse. Der Entwurf Maurers

forderte, daß die Mitarbeiter des „Thron- und Volksfreunds" alle aus Würz- burg stammenden Angriffe widerlegen und verzerrende Artikel berichtigen sollten 19 . Die Gründung des Blattes ging in größter Heimlichkeit vor sich, da weder die Redaktion des „Inlands" noch Cotta selbst von dem neuen Ministerial- blatt erfahren sollten. Dahinter stand die Absicht des Königs, es unabhängig vom bisherigen offiziellen Organ des „Inlands" herauszugeben, nachdem sich dieses als unzuverlässig erwiesen hatte. Daher wurde für den Druck der Verlag Frankh gewählt, ein Konkurrenzunternehmen zu Cotta in München. Mit dem Verlag verhandelte Kabinettssekretär Grandauer 20 . Trotz der Ver- traulichkeit, mit der von Seiten des Ministeriums verfahren wurde, blieb der Plan zur Gründung eines neuen Ministerialblattes dem wachsamen Vertreter des Cotta-Verlages in München, Lautenbacher 21 , nicht verborgen. In einem

Würzburg erschien 18 , im Vordergrund stehen

Brief an Cotta berichtete er von den Vorgängen um den „Thron- und Volks- freund", wobei er sich erstaunlich informiert zeigte 22 . Lautenbacher erkann- te, daß sich das Blatt gegen das „Inland" richten würde; er ging sogar so weit zu behaupten, Puchta sei mit Absicht an die Spitze des „Inlands" gestellt

worden, um das Blatt

Um die Interessen des Cotta-Verlages zu schützen, intervenierte Lauten- bacher massiv bei Innenminister Schenk 24 . Nachdem der Minister erkannt

dem König verdächtig

zu machen 23 .

«» Vgl. ebd.

18 Zum „Bayerischen Volksblatt" vgl. Lempfnd, Anfänge, \04-\24;Stadtmüller, Geschich-

te, 68-82; Treml,

Pressepolitik, 122-126.

19 Vgl. Maurer an Ludwig [., 25.2. 1830; BayHStA, MInn 45315.

Vgl. Lautenbacher an Cotta, 30.3.1830; Cotta-Archiv Marbach, Cotta-Briefe, Lautenba- cher/Cotta, Nr. 30. Zu Lautenbacher vgl. Kapitel B. I, Anm. 3.

Marbach, Cotta-Briefe, Lautenba-

cher/Cotta, Nr. 27. Vgl. ebd.

24 Vgl. Lautenbacher an Schenk, 18.3. 1830 (Abschrift); Cotta-Archiv Marbach, Cotta-Brie- fe, Lautenbacher/Cotta, Nr. 27 a. Lautenbacher schlug Cotta sogar vor, er solle dem bayeri- schen Innenminister damit drohen, daß Cotta das „Inland" mit dem „Bayerischen Volksblatt" vereinigen werde, falls der Verlag Cotta von der Herausgabe des „Thron-und Volksfreundes" ausgeschlossen werde; vgl. Lautenbacher an Cotta, 23. 3. 1830; Cotta-Archiv Marbach, Cotta- Briefe, Lautenbacher/Cotta, Nr. 27.

20

11

22 Vgl. Lautenbacher an Cotta, 23. 3. 1830; Cotta-Archiv

»

Die Gründungsgeschichte des Blattes

55

hatte, daß die geheimen Bestrebungen zur Herausgabe des Blattes vorzeitig bekannt geworden waren, trat er den Rückzug an. In einem Gespräch si- cherte Schenk Lautenbacher zu, daß das Ministerium den „Thron- u/id Volksfreund" mit dem „Inland" vereinigen werde 25 . Der Buchhändler Frankh wurde durch die Vermittlung Hormayrs zum Verzicht auf den Druck der neuen Zeitung bewegt 26 . Schenk zeigte sich über die Ausschaltung Frankhs in einem Brief an den König sehr zufrieden: „Frankh ist der Verleger nicht bloß mehrerer Oppositionsblätter, sondern auch der Schriften Behrs, insbesondere seiner letzten empörenden. In den Händen eines solchen Verle- gers wären die Teilnehmer gerade an die Partei verraten gewesen, welche sie bekämpfen wollen" 27 . Die Loslösung von Frankh war ein Schlag gegen den Kabinettssekretär Grandauer 28 , der sich für diesen Verleger und gegen Cotta ausgesprochen hatte 29 . Parallel zu den Auseinandersetzungen um den Verleger lief die Suche nach einem verantwortlichen Redakteur und nach geeigneten Mitarbeitern. Letz- tere Aufgabe übernahm Innenminister Schenk. Schenk schrieb an den Staatsminister des Königlichen Hauses und des Äußern Joseph Graf Arman- sperg, den Regierungsdirektor Ignatz Rudhart, an die Generalkommissäre des Oberdonau- und des Rezatkreises, Ludwig von Oettingen-Wallerstein und Arnold Friedrich von Mieg 30 . Als weitere Mitarbeiter konnte er die Staatsräte Maurer und Stürmer, den Ministerialrat Abel und den Kabinetts- sekretär Grandauer gewinnen 31 . Wesentlich schwieriger gestaltete sich die Suche nach einem Redakteur. Nach den Vorstellungen Maurers, die vom König gebilligt worden waren, sollte der Redakteur der Regierung ergeben sein, sich jedoch nicht aus dem Kreis der hohen Ministerialbürokratie rekrutieren 32 . Wahrscheinlich be- fürchtete Maurer, daß dadurch dem neuen Organ in der Öffentlichkeit zu sehr das Etikett des Regierungsblattes anhaften könnte, was wiederum seine Wirkung beeinträchtigen würde; das offizielle Organ sollte nicht sofort als solches erkannt werden. Dieser Argumentation schlössen sich Schenk und

der Advokat Meinel abge-

der König an 33 . Nachdem Professor Bayer und

* 5 Vgl. Lautenbacher an Cotta, 25.3.1830; Cotta-Archiv Marbach, Cotta-Briefe, Lautenba- cher/Cotta, Nr. 28. Die Regelung sah so aus, daß beim Erscheinen des Ministerialblattes das „Inland" an dem betreffenden Tag ausfiel. Zudem hatten sie einen gemeinsamen Vertrieb.

26 Vgl. Lautenbacher an Cotta, 30.3.1830; Cotta-Archiv Marbach, Cotta-Briefe, Lautenba- cher/Cotta, Nr. 30.

27 Schenk an Ludwig L, 1.5. 1830, in: Spindler, Briefwechsel, 134. Vgl. Steuer, Cotta, 66f. Gemeint ist die Schrift Wilhelm Behrs, Bedürfnisse und Wünsche der Bayern, Stuttgart 1830.

28 Zu Grandauer vgl. NDB VI, 741-743; Spinaler, Grandaur.

29 Vgl. Lautenbacher an Cotta, 30.3.1830; Cotta-Archiv Marbach, Cotta-Briefe, Lautenba- cher/Cotta, Nr. 30.

30 Die Konzepte der Briefe sind datiert vom 21.3.1830; BayHStA, MInn 45315.

31 Vgl. Steuer, Cotta, 66.

32 Vgl. Maurer an Ludwig I., 25.2.1830; BayHStA, MInn 45315.

33 Vgl. ebd.; Steuer, Cotta, 66; Treml, Pressepolitik, 129.

56

Stahl als Redakteur des „Thron- und

Volksfreunds"

lehnt hatten, fiel die Wahl auf Friedrich Julius Stahl 34 . Der Vorschlag, ihn zum Redakteur zu ernennen, stammte von den Professoren Maurer und Bayer 35 , die Stahl schon bei seinem Gesuch um eine Professorenstelle unter- stützt hatten 36 . Die aktive Rolle der beiden Juristen geht aus einem Vortrag des Innenministers beim König hervor. Sie hatten Stahl als einen talentierten, aber auch „hinsichtlich seiner Gesinnung verläßlichen Mann" bezeichnet 37 , der die nötige Zeit besitze, um die Redaktionsgeschäfte zu führen. Trotz dieser positiven Beurteilung Stahls darf nicht vergessen werden, daß Stahl erst dann zum Redakteur bestimmt wurde, nachdem sich kein anderer bereit erklärt hatte, diese Aufgabe zu übernehmen. Für ihn bedeutete das Angebot eine persönliche Auszeichnung. Immerhin hatte der König die Vorbedingung gestellt, daß der Redakteur zuverlässig sein sollte und seine politischen Grundsätze vertreten müsse 38 . Der Vorschlag der Juristen Mau- rer und Bayer, Stahl die Redaktion anzuvertrauen, wirft ein bezeichnendes Licht auf die Einschätzung, die sie von Stahls politischen Anschauungen hat- ten. Gerade bei dem schwierigen Projekt des Ministerialblattes, an dem der König selbst so großen Anteil nahm, durfte der verantwortliche Redakteur keine andere Linie als das monarchische Prinzip Ludwigs I. vertreten. Stahl konnte sich Anfang 1830 noch nicht durch sein wissenschaftliches Werk als Verfechter des monarchischen Prinzips ausweisen, da die „Philosophie des Rechts" erst im Laufe des Jahres erschien. Allerdings hatten bereits seine Vorlesungen über „Naturrecht" und „Philosophie des positiven Rechts" ei-

ihnen war zu erkennen, daß Stahl bereits 1830

niges Aufsehen erregt 39 . Aus

ein entschiedener Gegner des Rationalismus und des Liberalismus war. Die- ser Gesinnung hatte es Stahl zu verdanken, daß er zum Redakteur ernannt wurde 40 .

Allerdings wurde Stahl in seiner Verantwortlichkeit als Redakteur stark eingeschränkt, da ihm ein „Redaktionsrat", der aus Stürmer, Abel und Mau-

Seite gestellt wurde 41 . Vermutlich war dieses Gremium ins

rer bestand, zur

34 Vgl. Schenk an Ludwig I., 4.3.1830; BayHStA, MInn 45315. Bayer hatte das Angebot der Redaktion zurückgewiesen, da er mit der Durchsicht seines Buches über den Zivilprozeß beauf- tragt sei; Meinel lehnte ebenfalls wegen Arbeitsüberlastung ab; ebd. Vgl. Steuer, Cotta, 66.

35 Hieronymus Bayer (1792-1876) war zu dieser Zeit Professor für Römisches Zivilrecht in München; vgl. ADB XLVI, 278-281; Prantl, Geschichte II, 556.

36 Vgl. Kap. C. I., Anm. 5.

37 Schenk an Ludwig I., 4.3.1830; BayHStA, MInn 45315. Auch Lautenbacher weist auf den entscheidenden Einfluß Maurers hin; Lautenbacher an Cotta, 11.4. 1830, Cotta-Archiv Mar- bach, Cotta-Briefe, Lautenbacher/Cotta, Nr. 31.

38 Vgl. Signat Ludwigs I., 25.2.1830; BayHStA, MInn 45315.

39 Diese Vorlesungen waren ausschlaggebend für die Vermittlungstätigkeit Maurers bei Mohr. Seit Mitte 1829 verhandelte Stahl mit Mohr über die Herausgabe der „Philosophie des Rechts"; vgl. Stahl an Mohr, 26.8.1829, 29.12.1829, 14.2.1830 und 7.4.1830, m-.Koglin, Brie- fe, 60-69. Eine Zusammenstellung der Vorlesungen Stahls an der Universität München findet sich in seinem Personalakt; UA München, E II 346.

40 Vgl. Signat Ludwigs L, 13.3.1830; BayHStA, MInn 45315.

41 Vgl. Maurer an Ludwig I., 25.2.1830, und Schenk an Ludwig L, 3.3.1830; ebd.

Die Gründungsgeschichte des Blattes

57

Leben gerufen worden, um Stahl einerseits bei seiner Aufgabe zu unterstüt- zen, andererseits aber um ihn zu überwachen 42 . Diese Annahme wird durch die Tatsache bestätigt, daß Maurer eine Artikelserie Stahls im „Thron- und Volksfreund" prüfte, bevor sie veröffentlicht wurde 43 . Die Beschneidung der Funktion Stahls als Redakteur zeigt sich auch daran, daß er keinerlei An- teil an der Suche nach Mitarbeitern hatte. Allein in der Führung der Redak- tionsgeschäfte, wie der Korrespondenz mit den ausgewählten Mitarbeitern, war er selbständig und nicht an die Weisungen Maurers gebunden 44 . Auch an der Projektplanung der Zeitung war Stahl nicht beteiligt gewesen. Dies zeigt, daß er erst spät zum Mitarbeiterstab des Blattes gestoßen ist und seine Funk- tion als verantwortlicher Redakteur in vielfacher Hinsicht weisungsgebun- den war. Primär bestand seine Aufgabe darin, geeignete Artikel für den „Thron- und Volksfreund" auszuwählen. Doch hier ergaben sich sehr bald Schwierigkeiten. Zwar hatten Maurer, Schenk, Armansperg und Oettin-

gen-Wallerstein ihre Mitarbeit zugesichert 45 , allerdings war die Resonanz in der Ministerialbürokratie geringer als erhofft. Erneut zeigt sich Lautenba- cher bestens informiert: „Heute ließ mich Herr von Schenk rufen und sagt mir im Vertrauen, er sey überzeugt, daß wegen Mangels an Mitarbeitern aus der ganzen Sache Nichts werden würde, sie seyen in Verlegenheit schon bei

personeller Schwierigkeiten verzögerte sich die

erste Nummer des „Thron- und Volksfreunds" bis zum l.Mai 1830. Jedoch

auch in der Folge war es nicht möglich, ein geregeltes Erscheinen sicherzu-

geplante Periodizität - eine Nummer pro Woche 47

— konnte nicht eingehalten werden. Insgesamt erschienen von Anfang Mai bis

dem Probeblatt 46 ." Infolge

stellen. Die ursprünglich

Ende September lediglich acht Nummern mit insgesamt 60 Seiten 48 .

Stahls geringe Beteiligung am „Thron- und Volksfreund" zeigt sich eben- falls, wenn man die anonymen Autoren der Artikel aufschlüsselt. Dies wird

möglich durch die Briefe Innenminister Schenks an den König 49 . Dabei

wird

deutlich, daß nicht alle angeschriebenen Personen wirklich am Ministerial- blatt mitarbeiteten. Zu den Mitarbeitern gehörten lediglich Stahl, Grandauer,

42 Vgl. Treml, Pressepolitik, 129.

43 Vgl. Schenk an Ludwigl., 21.5.1830, in:Spindler, Briefwechsel, 137. Schenk spricht sogar von einer Revision des Stahlschen Artikels.

44 Vgl. Lempfrid, Anfänge, 129; gegen Lempfrid wandte sich schon Voigt, Werdegang, 200.

G. Masur,

45 Vgl. Armansperg an Schenk, 27.3.1830; Oettingen-Wallerstein an Schenk, 26.3.1830;

BayHStA, MInn, 45315; Schenk an Ludwig I., 31.3.1830, in: Spindler,

46 Lautenbacher an Cotta, 11.4.1830; Cotta-Archiv Marbach, Cotta-Briefe, Lautenba- cher/Cotta, Nr. 31.

Stahl, 158, übernimmt diese nicht belegbare Behauptung Lempfrids.

Briefwechsel, 131.

47 Vgl. das Gutachten Maurers vom 25.2.1830; BayHStA, Mlnn 45315.

48 „Thron-und Volksfreund", Nr. 1, 1.5.1830; Nr.^, 11.5.1830; Nr. 3, 20.5.1830; Nr. 4, 12.6.1830; Nr. 5, 16.7.1830; Nr. 6,24.7.1830; Nr. 7, 26.8.1830; Nr. 8,23.9.1830. Masurs Angabe, es seien neun Nummern erschienen, ist offensichtlich falsch; vgl. G. Masur, Stahl, 168.

49 Vgl. Briefe Schenks vom 31. 3., 1.5., 21.5., 25.7.1830, in: SpiW'er, Briefwechsel, 131, 134, 137, 148.

58

Stahl als Redakteur des „Thron- und Volksfreunds"

Schenk, Abel, Stürmer und Oettingen-Wallerstein. Von den insgesamt 19 Artikeln, die in dem Blatt erschienen, können insgesamt zwölf eindeutig auf ihren Verfasser festgelegt werden. Von Stahl sind die Artikel „Ankündi- gung" (Nr. 1) und „Über die Öffentlichkeit und Mündlichkeit der Rechts- pflege" (Nr. 3, 4, 5), von Grandauer „Über die Tendenz und den Genius des

Thron- und Volksfreundes"

obersten Justizstelle" (Nr. 2), von Abel die „Statistischen Notizen" (Nr. 2 und 3), von Schenk die „Berichtigung eines Artikels aus Bayern im Hespe- rus" (Nr. 1). Oettingen-Wallerstein schrieb „Über die Rechnungsdefekte bey den Brandversicherungs-Anstalten" (Nr. 5). Schließlich erschien ein gemeinsamer Artikel von Wallerstein, Schenk und Abel, betitelt „Glossen zu den Glossen ueber die juengst erschienenen Landraths-Abschiede" (Nr. 6 und 7), sowie der „Bericht der zur Revision des Schulplanes vom 8. Februar 1829 angeordneten Kommission", der von Roth, Freyberg, Lichtenthaler, Meilinger, Fischer und Freundensprung gezeichnet ist 51 . Der Artikel „Motive

für die Aufhebung der Polizei-Taxen" (Nr. 4, 5, 6) ist wahrscheinlich von Stürmer, die „Beantwortung einer konstitutionellen Frage" (Nr. 4) von

Schenk sowie die „Nachträgliche Erläuterung" (Nr.

kurze Notiz „Wiederholte Erklärung" (Nr. 4), in der sich die Redaktion ge- gen polemische Artikel wehrt, stammt wohl von dem verantwortlichen Re- dakteur Stahl. Bereits bei dieser Auflösung der Artikel nach ihren Verfassern fällt auf, wie wenig Stahl selbst geschrieben hat. An dieser Stelle gilt es, früheren Arbeiten über Stahl entgegenzutreten, so denen von Voigt, Masur und H. J. Wie- gand 53 . Obwohl Voigt anscheinend alle Nummern des „Thron- und Volks- freundes" zugänglich waren 54 , überschätzt er die Tätigkeit Stahls maßlos, da er ihm fast alle Artikel des Blattes zuordnet 55 . Ebenso verfährt Masur 56 ; er argumentiert, daß Stahl den weitaus größten Teil des Blatts selbst geschrieben habe, da die Mitarbeiter auf sich warten ließen 57 . Hans Jürgen Wiegand folgt

7) von Abel 52 . Eine

I) 50 und „Über den Geschäftsgang der

(Nr.

50 Eine Bestätigung der Verfasserschaft Grandauers findet sich in einem Brief Friedrich v. Roths an seine Frau, München, 17.5.1830; LKA Nürnberg, Pers. XLVI, II. F. v. Roth.

51 Der Bericht ist kein spezieller Beitrag für das Blatt, sondern lediglich der Abdruck des Kommissionsberichtes.

52 Vgl. Schenk an Ludwig I., 21.5.1830, in:Spinaler, Briefwechsel, 137. Die „Nachträgliche

„Bayerischen Volksblattes", Nr. 29,

17.7.1830, in dem der vorausgehende Artikel „Statistische Notizen" kritisch untersucht wor- den war. Es ist wahrscheinlich, daß Abel für die Rückäußerung verantwortlich zeichnet, da auch der frühere Artikel von ihm stammt.

Erklärung" ist eine Antwort auf den Angriff des

" Vgl. Voigt, Werdegang; G. Masur, Stahl; H. J. Wiegand, Frühwerk.

54 Vgl. Voigt,'Werdegang, 201 Anm. 1. Masur scheint das Blatt nur nach Voigt zu zitieren.

55 Soz. B. den Artikel von Grandauer in Nummer 1 und die „Glossen zu den Glossen", Nr. 6

und 7. Vgl. Voigt,

Werdegang, 201 und 206.

56 Vgl. G. Masur, Stahl, 163 Anm. 1; 165 Anm. 2.

57 Vgl. ebd., 165.

Die Gründungsgeschichte

des

Blattes

59

in seiner Zuordnung seinen beiden Vorgängern 58 . Wie gezeigt wurde, ist je- doch gerade das Gegenteil der Fall. Stahl hat nur die „Ankündigung" und den auf mehrere Nummern verteilten Aufsatz „Übe r die Öffentlichkeit und Mündlichkeit der Rechtspflege" verfaßt. Trotz der fraglichen Zuordnung der Artikel wurden von Voigt, Masur und Wiegand weitreichende Konsequen- zen hinsichtlich Stahls politischer Wirksamkeit gezogen. Hier nimmt die Überschätzung Stahls im publizistischen und politischen Leben Bayerns ih- ren Ausgangspunkt. Demgegenüber muß festgestellt werden, daß Stahl beim „Thron- und Volksfreund" nur eine untergeordnete Rolle spielte. Sie redu- zierte sich darauf, daß Stahl seinen Namen für die Redaktion des Blattes her- gab. Dies sollte vor allem den offiziösen Charakter der Zeitung vertuschen helfen, wenngleich das nur unvollständig gelang. Das Blatt war als Rechtfer- tigungs- und Verteidigungsinstrument der Ministerialbürokratie geplant ge- wesen und blieb auch fest in der Hand der Regierung. Das Funktionieren des Redaktionsrates hatte dabei entscheidenden Anteil.

Wegen der geringen Nummern des „Thron- und Volksfreunds" und der mäßigen Mitarbeit, die Stahl in diesem Blatt zeigte, ist es schwierig, in dieser ersten publizistischen Tätigkeit Stahls Kristallisationskerne zu finden, in de- nen sich seine theoretische Position zeigt 59 . Es ist zu bedenken, daß zu dem Zeitpunkt, zu dem er den „Thron- und Volksfreund" redigierte, noch kein Band seiner „Philosophie des Rechts" erschienen war. Stahl war damals noch

Band beschäftigt 60 ; auch dies ist ein Grund

mit den Korrekturen zum ersten

für seine zögernde Mitarbeit an dem Ministerialorgan. Unter dem Vorbehalt, daß seine „Ankündigung" des Blattes wegen ihres grundsätzlichen Charakters sicherlich vom Redaktionsrat stark beeinflußt worden ist und nicht als alleiniges Gedankengut Stahls gelten kann, fällt darin der spezifische Angriff gegen „jene abstrakten Theorien (auf), die durch ihre vielfache Wiederholung und durch die Leichtigkeit, mit der alles minder Tiefe verstanden wird, jetzt unter allen Ständen Wurzeln geschlagen ha- ben" 61 . Das antirationalistische und antirevolutionäre Denken, das hinter dieser typischen Aussage Stahls steht, findet sich in ähnlicher Schärfe durch- gängig in seinem gesamten späteren Werk. Diese Feststellung muß besonders hervorgehoben werden, da häufig das Jahr 1848 als Zäsur in der politischen Philosophie Stahls gesehen wird 62 . Demgegenüber ist es notwendig zu beto- nen, daß der Kampf gegen Rationalismus und Revolution bei Stahl schon vor

58 Vgl. H.J.

Wiegand,

Frühwerk I, 163 und 165; III, 81 Anm. 234.

59 Die genannten Arbeiten von Voigt, Masur und Wiegand kommen zu weiterreichenden Er- gebnissen als der Verfasser dieser Arbeit. Da sie allerdings auch offenkundig fremde Artikel in ihre Prämissen einbeziehen, ergibt sich ein verzerrtes Bild.

60 Vgl. Sonntag an Cotta, 3.7.1830: „Dr. Stahl den ich besucht habe, kann sich den Arbeiten über Landstände nicht unterziehen, weil ihn sein Werk: Philosophie des Rechts zu sehr in An- spruch nimmt"; Cotta-Archiv Marbach, Cotta-Briefe, Sonntag/Cotta, Nr. 101.

61 Thron- und Volksfreund (TV), Nr. 1, 1.5.1830.

62 So neuerdings Nabrings, Stahl, 13.

60

Stahl als Redakteur des „Thron- und Volksfreunds"

den Märzereignissen, ja sogar vor der Julirevolution 1830, ausgeprägt ist. Er ist Wesenszug seines politischen Denkens und - wie die Tätigkeit beim „Thron- und Volksfreund" 1830 andeutet- auch seiner publizistischen und politischen Tätigkeit. Stahl lehnte bereits zu dieser Zeit Revolutionen als Möglichkeiten, politische Systeme zu verändern, durchgängig ab. Gleichzei- tig wies er die Verfassungsinhalte fremder Staaten bzw. die Vorstellung, sie auf Deutschland zu übertragen, als anorganisch zurück 63 . Hier steht Stahl in der Tradition der Historischen Rechtsschule Savignys und des philosophi- schen Denkens Schellings, von denen ähnlich argumentiert wurde. Den „Thron- und Volksfreund" sah Stahl in seiner Ankündigung als „ein vermittelndes Organ zwischen der Regierung und der öffentlichen Mei- nung" 64 . Anklänge an das Gutachten Maurers und an den Vortrag Schenks beim König sind offensichtlich 65 . Über die vorgegebene Richtlinie hinaus schrieb Stahl die bedeutsamen Sätze: „Contreopposition zu seyn ist nicht Bestimmung desselben. Denn soweit die Opposition bloß verneinend ist, wäre es ein unlohnendes Unternehmen, wenn nur das bloße Angreifen und

Verneinen hier wieder angegriffen und

Stahl demzufolge nicht nur um eine negative Reaktion auf Angriffe der Op-

verneint werden sollte" 66 . Es ging

position und um eine reine Verteidigung der Regierung; vielmehr wollte Stahl gleichzeitig positive Inhalte durch das Blatt vermittelt wissen, so die „Vertretung der wahrhaften und rechtmäßigen Freyheit der Untertha-

nen" 67 . Die „Rechtmäßigkeit" von Ansprüchen

terium, an dem er sein eigenes Verhalten messen wollte. Daher war z. B. das Eintreten für die Freiheit der Presse für ihn selbstverständlich 68 . Die Grenze zog er allerdings dort, wo die Wahrheit durch die Presseartikel verfälscht werde 69 . Aus diesen kurz angerissenen Aussagen Stahls läßt sich ein zentraler Punkt in seinem publizistischen Werk ablesen. Stahl vertritt durchaus „liberale" Forderungen, wie die Freiheit der Presse. Es wäre falsch, Stahl allein auf die Position des Reaktionärs einengen zu wollen. Auch wenn er im „Thron- und Volksfreund" die Regierungspolitik verteidigt, gibt er eine gewisse Basis von Freiheitsrechten nicht auf. Auf keinen Fall will er nur Reaktion, die sich auf Abwehr beschränkt. Es geht ihm nicht nur um die Bekämpfung eines Prin- zips, z. B. des Rationalismus; gleichzeitig will er an seine Stelle positive Ideen

bedeutete für Stahl das Kri-

63 Vgl. TV, Nr. 1, 1.5.1830. Vgl. Stahls theoretische Aussagen, Kapitel B. II.

64 TV, Nr. 1, 1.5.1830.

65 Vgl. BayHStA, MInn 45315. TV, Nr. 1, 1.5.1830.

67 Ebd.

68 Vgl. ebd.

«

69 Vgl. ebd.: „Zu verhüten aber ist, daß durch die Preßfreiheit eine unrichtige Auffassung ih- rer Maßregeln (d.h. der Regierung; Anm. d. Verf.) verbreitet, und so die öffentliche Meinung getrübt werde."

Der „Thron- und Volksfreund" und das „Bayerische Volksblatt"

61

setzen 70 . Dieser Grundzug zieht sich durch die gesamte politische Wirksam- keit Stahls und erfährt von der Tendenz her keine entscheidende Abwand- lung.

2. Der „Thron-

und

Volksfreund"

und das „Bayerische

Volksblatt"

In der Öffentlichkeit wurde das Erscheinen des „Thron- und Volksfreunds" begrüßt. Sogar das „Bayerische Volksblatt" in Würzburg, zu dessen Be-

kämpfung das Blatt ins Leben gerufen worden war 71 , äußerte sich in einem wohlwollenden, aber ironischen Artikel positiv über das Erscheinen des Mi-

nisterialorgans 72 . Vor allem die Wahl Stahls zum Redakteur wurde

als vor-

teilhaft erachtet 73 . Dieses Lob Stahls verwundert, da er damals in der

Öffent-

lichkeit so gut wie nicht bekannt war. Es ist wahrscheinlich, daß der Verfas-

ser des Artikels im „Bayerischen Volksblatt" Stahl persönlich kannte, ver-

mutlich aus dessen Studienzeit in Würzburg 74 . Dort hatte Stahl aktiven

teil an der Burschenschaftsbewegung genommen, aus dessen Kreis wohl auch der Verfasser des Artikels stammte. Von den Mitarbeitern des Blattes, es handelt sich um Brendel, Seuffert, die beiden Hornthals, Behr, Lommel, Bentzel-Sternau und den Herausgeber Eisenmann 75 , hatte Stahl nachweislich persönliche Beziehungen zu Brendel, Seuffert und Eisenmann 76 .