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Wirtschaftlichkeit?

Wirtschaftlichkeit!
von Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Feist, University of Innsbruck and Passive House Institute, Mai 2010

Immer wieder stolpert man über Wirtschaftlichkeitsvergleiche, in denen die


Amortisationszeiten als Maßstab heran gezogen werden. Welche eine Irreführung!
Amortisationszeiten sind irreführend!

Warum?

An einem einfachen Beispiel lässt sich das sehr gut verstehen: Jedes Jahr im Herbst
hat meine Mutter mit im Supermarkt gekauften Klebebändern die Fenster
abgedichtet:

• kostet 12,50 € je Fenster


• spart 5,00 € je Fenster und Jahr an Heizenergie
• ergibt: 2 ½ Jahre Amortisationszeit

das sieht doch gut aus, oder? Aber: Die Maßnahme hält doch nur ein Jahr! Jedes
Jahr wieder macht der „Investor“ so 7,50 € Verlust. Amortisationszeiten können
immer überhaupt nur im Zusammenhang mit der Nutzungszeit einer Maßnahme
gesehen werden. Aber auch dann erlauben sie keine vernünftige Einschätzung, wie
wirtschaftlich eine Maßnahme ist. Wenn sich ein System, das 8 Jahre hält in 7
Jahren amortisiert ist das dann attraktiver als ein System, das 20 Jahre hält und sich
in 15 jahren amortisiert?

Die letzte Frage zeigt gleich zweierlei:

A) Amortisationszeiten erlauben keine vernünftige Reihung von


Investitionsalternativen. Denn die tatsächlichen Abhängigkeiten auf der
Zeitachse sind stark nichtlinear, und das macht es auch für den Geübten
schwierig, objektive Aussagen zu treffen.

B) Amortisationszeiten „bevorzugen“ in völlig irrationaler Weise kurzfristige


Wirtschaftsgüter. So ist dieser Maßstab „Amortisationszeit“, der
ökonomisch objektiv falsche Bewertungen erzeugt, eine der Ursachen für
die absurde Schnelllebigkeit unserer Zeit und den Mangel an
Nachhaltigkeit
Ein vernünftiges Verfahren für eine möglichst objektive Bewertung der
Wirtschaftlichkeit wird durch Betrachtung des Bahrwertes oder Kapitalwertes
gegeben. Äquivalent dazu ist auch das Annuitätenverfahren.

Der Barwert ist der Gegenwartswert der Kosten, die einem System über die
Lebensdauer zugeordnet sind. Dabei werden Ausgaben negative gezählt und
Einnahmen positiv.

Alle Geldströme, die zu verschiedenen Zeiten anfallen, werden mit dem


„Kalkulationszinssatz“ z auf heutige Kosten zurückgezinst. Sogar die Inflation kann
man so mitberücksichtigen!

Wie groß ist der Kalkulationszinsfuß? Nun, bei Investitionen in Gebäude sollte das
der angebotene Zins des Hypothekenkredites sein. Natürlich gibt es da eine
Unsicherheit bzgl. der Werte in der Zukunft – aber mit Null zu rechnen wäre sicher
der größere Fehler als mit den heutigen Angeboten zu rechnen. Und: Wenn es
spezielle Kredite für Energiesparmaßnahmen gibt, wie z.B. den der kfW, dann ist
natürlich mit diesem Zinsfuß zu rechnen (z.Z.1,8% effektiv nominal).

Wie lange der Kalkulationszeitraum? Das kann im konkreten Fall mit dem Investor
vereinbart werden. Für grundsätzliche Überlegungen ist es aber die Nutzungsdauer
des betreffenden Bauteils – und Bauteile eines Gebäudes haben lange
Nutzungsdauern! Selbst Fenster sind gut 30 bis 40 Jahre in Nutzung. Und das ist aus
ökologischer Sicht gut so. Ausgetauscht wird dann, wenn es nötig ist – aber dann
bitte richtig, d.h. mit hoher Qualität – sowohl bzgl. neuer Nutzungsdauer als auch
bzgl. Energieeffizienz. Das sind die wichtigen Kriterien der Nachhaltigkeit – nicht die
oberflächliche Materialwahl. (Nicht, dass diese gar keine Rolle spielt – aber
Langlebigkeit und Energieeffizienz sind weit, weit wichtiger).

Eine Investition ist rentabel, wenn der Barwert positiv ist. Das ist bei der Investition in
ein Passivhaus der Fall - dass das Haus auch noch lange hält (40, 50, ... Jahre) ist
kein Nachteil, sondern ein Vorteil. Deshalb sind bei Invstitionen in langlebige
Wirtschaftsgüter die Amortisationszeiten irreführend. Nach "Amortisationszeiten"
gemessen würde jeder Neubau eines Wohnhauses schlecht aussehen. [Wolfgang
Feist / 2010-05-01]

Und hier auch noch ein Link mit einer Quelle zu den Aussagen zur Wirtschaftlichkeit
beim Passivhaus:

http://www.passivhaustagung.de/Passivhaus_D/Wirtschaftlichkeit_Passivhaus.html