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Das Selbst I
Das Selbst I

Vorlesung Einführung in die Sozialpsychologie WS 2015/2016 Prof. Dr. Tobias Greitemeyer

Das Selbst

• Das Wissen über einen Selbst (Selbstkonzept)

• Die Kontrolle über das eigene Handeln (Selbstregulation)

• Die Bewertung der eigenen Person (Selbstwert)

Überblick

• Bedürfnis nach einem positiven Selbstbild

• Selbstwert

explizit

implizit

Bedürfnis nach einem positiven Selbstbild

• „Above average“ Effekt

• Gefühl von Kontrolle

• Optimistische Erwartungen für einen selbst…

Above average

• 90% von befragten Managern glaubten, sie würden überdurchschnittliche Arbeit leisten (French, 1968)

• 129 Therapeuten befragt: keiner schätzt die eigenen Fähigkeiten unterdurchschnittlich ein (Walfish et al., 2012)

• Studierende gaben im Durchschnitt an, sie würden besser Auto fahren als 70% der anderen Fahrer (Roy & Liersch, 2013)

• 68% von Universitätsprofessoren glaubten, sie wären bei den besten 25% was die Lehrbefähigung angeht (Cross, 1977)

Wahrgenommene Kontrolle

• Langer (1975): Probanden bezahlten 1 Dollar für ein Los

• Entweder durften sie selber das Los aussuchen oder es wurde ihnen zugeteilt

• Danach konnten sie das Los verkaufen. Für wie viel würden sie das Los verkaufen?

Wahrgenommene Kontrolle

9 8 7 6 5 4 3 2 1 0 Dollar
9
8
7
6
5
4
3
2
1
0
Dollar

zugeteilt

selbst ausgesucht

Optimistische Erwartungen für einen selbst

• Lerner et al. (2003): 2 Monate nach September, 11

• Probanden werden befragt, wie wahrscheinlich ist es, dass sie bzw. der durchschnittliche Amerikaner Opfer einer Terrorattacke wird Schlafprobleme wegen der Terrorsituation hat Opfer einer Gewalttat wird (nicht bezogen auf Terror)

Optimistische Erwartungen für einen selbst

100 90 80 70 60 50 40 30 20 10 0
100
90
80
70
60
50
40
30
20
10
0

Terror

Schlafprobleme

Gewaltvergehen

selbstErwartungen für einen selbst 100 90 80 70 60 50 40 30 20 10 0 Terror

AmerikanerErwartungen für einen selbst 100 90 80 70 60 50 40 30 20 10 0 Terror

Überblick

Bedürfnis nach einem positiven Selbstbild

Selbstwert

explizit

implizit

Was ist der Selbstwert?

• Positiver (negativer) Eindruck, den man von sich selbst hat

• Expliziter Selbstwert: kann über Selbstbericht erfasst werden; bewusster Prozess

Geschlechtsunterschiede (Gentile et al., 2009)

Geschlechtsunterschiede (Gentile et al., 2009) 12

12

Expliziter Selbstwert

Rosenberg Skala (10 Fragen)

stimme gar nicht zu

1

stimme nicht zu

2

weder noch

3

stimme zu

4

stimme völlig zu

5

Expliziter Selbstwert

Expliziter Selbstwert 14

Auswertung

• Umkodieren von Items 2, 5, 6, 8, 9

• 1 wird 5, 2 wird 4, 3 bleibt 3, 4 wird 2, 5 wird 1

• Aufsummieren (Minimalwert 10, Maximalwert 50)

Expliziter Selbstwert

Expliziter Selbstwert 16

Expliziter Selbstwert

Expliziter Selbstwert 17

Selbstwert und Ethnizität (Twenge & Crocker, 2002)

0,3 0,2 0,1 0 -0,1 -0,2 -0,3 -0,4 Black Hispanic Asian Native American Diskrepanz zu
0,3
0,2
0,1
0
-0,1
-0,2
-0,3
-0,4
Black
Hispanic
Asian
Native American
Diskrepanz zu Whites (d)

Wie stabil ist der Selbstwert? (Kuster & Orth, 2013)

Wie stabil ist der Selbstwert? (Kuster & Orth, 2013) 19

Expliziter Selbstwert über das Lebensalter (Orth et al., 2012)

Expliziter Selbstwert über das Lebensalter (Orth et al., 2012) 20

Ist ein hoher Selbstwert förderlich

• Trzesniewski et al. (2006): Selbstwert erfasst, als Probanden 11, 13 und 15 Jahre alt waren. Korrelationen zwischen .36 und .42. Daher die drei Werte gemittelt

• Mit 26 Jahren erfasst: Depression, Angststörung, Gesundheitsprobleme, längerfristige Arbeitslosigkeit, Delinquenz…

• Wie viele Probanden in Prozent haben mindestens 2 dieser Anpassungsprobleme in Abhängigkeit von ihrem Selbstwert

Ist ein hoher Selbstwert förderlich

100 90 80 70 60 50 40 30 20 10 0 hoher mittlerer niedriger zumindest
100
90
80
70
60
50
40
30
20
10
0
hoher
mittlerer
niedriger
zumindest 2 Anpassungsprobleme

Selbstwert

Ist Selbstwert Ursache oder Effekt? (Orth et al., 2012)

• Selbstwert und verschiedene Lebensergebnisse („life outcomes“) über 20 Jahre hinweg erfasst (insgesamt 7 mal)

• Selbstwert und verschiedene Lebensergebnisse („life outcomes“) über 20 Jahre hinweg erfasst (insgesamt 7 mal) 23

Ist Selbstwert Ursache oder Effekt? (Orth et al., 2012)

Ist Selbstwert Ursache oder Effekt? (Orth et al., 2012) 24

Wie sehr mögen Sie einzelne Buchstaben?

Wie sehr mögen Sie die Buchstaben des Alphabets? (1 gar nicht – 9 sehr)

A

B

C

D

E

F

G

H

I

J

K

L

M

N

O

P

Q

R

S

T

U

V

W

X

Y

Z

Name letter effect

Wie sehr mögen Sie die Buchstaben des Alphabets? (1 gar nicht – 9 sehr)

A

B

C

D

E

F

G
G

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I

J

K

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M

N

O

P

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S

T
T

U

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W

X

Y

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Impliziter Selbstwert

• Impliziter Selbstwert: spontane, nicht bewusste Einschätzung der eigenen Person (Greenwald & Banaji, 1995)

• Wie werden Objekte (Buchstaben, Zahlen …) wahrgenommen, die mehr oder weniger mit dem eigenen Selbst assoziiert sind

Impliziter Selbstwert: Name letter effect

Erhebung in zwei früheren Seminaren

80

70

60

50

40

30

20

10

0

Name letter effect Erhebung in zwei früheren Seminaren 80 70 60 50 40 30 20 10

Eigene Initialen

Andere Buchstaben

Auswirkungen des impliziten Selbstwerts

• Die meisten Menschen haben einen hohen impliziten Selbstwert

• Bevorzugen also Objekte, die mit dem eigenen Selbst verbunden sind

• Diese Tendenz nennt man: „implicit egotism

• Wirkt sich implicit egotism auf bedeutsame Lebensentscheidungen aus?

• “Markus mag seinen Namen und zieht deshalb nach Mannheim, wird ein Makler und heiratet Martina”

Wohnortswahl (Pelham et al., 2002)

Wohnortswahl (Pelham et al., 2002) 30

Berufswahl (Pelham et al., 2002)

Berufswahl (Pelham et al., 2002) 31

Wahl des Ehepartners (Jones et al., 2004)

Wahl des Ehepartners (Jones et al., 2004) 32

Implicit egotism

• Wirklich implizit?

• Kausale Richtung:

impliziter Selbstwert -> Lebensentscheidungen?

Experimentelles Vorgehen notwendig

Implicit egotism (Jones et al. 2004)

• 30 Reaktionszeittests

• Tatsächlich subliminales Priming (Reiz nicht bewusst wahrnehmbar)

• Zahl 16 oder 24 wird für 14 Millisekunden präsentiert

• Eine der beiden Zahlen wird immer gefolgt vom eigenen Namen (wiederum 14 Millisekunden), wogegen die andere Zahl gefolgt wird von einem anderen Namen

• Anschließend Bewertung der Attraktivität einer Frau auf einem Foto

Implicit egotism (Jones et al. 2004)

Implicit egotism (Jones et al. 2004) 35

Implicit egotism (Jones et al. 2004)

8 7 6 5 4 3 2 1 0 Attraktivität der Frau auf Foto
8
7
6
5
4
3
2
1
0
Attraktivität der Frau auf Foto

eigener Name

Kontrollname

Zahl assoziiert mit

Wie valide sind die Verfahren? (Bosson et al., 2000)

Wie valide sind die Verfahren? (Bosson et al., 2000) 37

Wie valide sind die Verfahren? (Bosson et al., 2000)

Wie valide sind die Verfahren? (Bosson et al., 2000) 38

Erfolg/Misserfolg eines romantischen Partners

• Ratliff & Oishi (2013): wie wirken sich Erfolg/Misserfolg des romantischen Partners auf den eigenen expliziten und impliziten Selbstwert aus?

• beide Partner bearbeiten Test, der soziale Intelligenz misst

• Rückmeldung über Ergebnis des Partners, der angeblich bei den besten oder den schlechtesten 12% abgeschnitten hat

• expliziter und impliziter Selbstwert gemessen

Expliziter Selbstwert

4 3 2 1 Männer Frauen expliziter Selbstwert
4
3
2
1
Männer
Frauen
expliziter Selbstwert

positive RMExpliziter Selbstwert 4 3 2 1 Männer Frauen expliziter Selbstwert negative RM 40

negative RMExpliziter Selbstwert 4 3 2 1 Männer Frauen expliziter Selbstwert positive RM 40

Impliziter Selbstwert

0,6 0,5 0,4 0,3 0,2 0,1 0 Männer Frauen impliziter Selbstwert
0,6
0,5
0,4
0,3
0,2
0,1
0
Männer
Frauen
impliziter Selbstwert

positive RMImpliziter Selbstwert 0,6 0,5 0,4 0,3 0,2 0,1 0 Männer Frauen impliziter Selbstwert negative RM 41

negative RMImpliziter Selbstwert 0,6 0,5 0,4 0,3 0,2 0,1 0 Männer Frauen impliziter Selbstwert positive RM 41