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NTIBERLINER

A
K a m p f b l a t t f ü r M e e r / / N r. 1 8 / / J u n i / J u l i 2 0 0 8

2 MYTHOS I. War das buddhi-


stische »alte Tibet« wirk-
4 MYTHOS II. Verhungern in
Afrika Kinder, weil ich
6 UNSPORTLICH. Bleiben bei
den olympischen Spielen
lich das Paradies auf meinen Teller nicht auf- die Arbeitsrechte aussen
Erden? esse? vor?
■ In eigener Sache
Der Anti-
berliner ist
Romantische Verklärung
eine Zei- Das Bild des »alten Tibet«, wie es, verbreitet über unzählige Bücher und Schriften, heute
tung für im Westen geläufig ist, zeigt das eines Paradieses auf Erden – des mythischen Shangri-La
linke Politik –, das den Menschen ein glückliches und zufriedenes Leben in Einklang mit sich selbst, der
und Kultur, die alle Natur und den Göttern zu führen erlaubt habe. Mit der Besetzung Tibets durch die Chine-
zwei Monate erscheint sen im Jahre 1950 sei dieses Paradies unwiederbringlich zerstört worden
und kostenlos in Ber-

D
lin verteilt wird. Oft ie moderne Ge- wurden erklärt und gerechtfertigt mantische West-Verklärung des al-
werden wir verständ- schichtsschreibung durch die buddhistische Karma- ten Tibet.
nislos nach unserem weiss längst, dass das lehre, derzufolge das gegenwärti-
Namen gefragt und »alte Tibet« keineswegs die »fried- ge Leben sich als Ergebnis ange- Sekte der Gelbmützen
was wir denn gegen volle und harmonische Gesell- sammelten Verdienstes respektive Diese verklärende Sicht basiert
die Berliner hätten. schaft« darstellte, die der Dalai aufgehäufter Schuld frührerer Le- wesentlich auf Unkenntnis der hi-
Dabei leben wir sogar Lama und seine westlichen An- ben darstelle. Das Strafrecht des storischen Gegebenheiten. Der
sehr gern in Berlin. hänger ständig beschwören. Für Priesterstaates zeichnete sich theokratische Feudalismus Tibets
Ihren Namen hat die die grosse Masse der Bevölkerung durch Willkür und unglaubliche bestand in seiner bis 1950 herr-
Zeitung vom ehemali- bedeutete das Leben tatsächlich Grausamkeit aus. Unbotmäßigen schenden Form seit Mitte des 17.
gen Berliner CDU-Bür- jene »Hölle auf Erden«, die zu be- wurde bei lebendigem Leibe die Jahrhunderts, als es der militanten
germeister Eberhard enden die chinesische Volksbefrei- Haut abgezogen, bei leichteren »Gelbmützen-Sekte« mit Hilfe der
Diepgen, der die ungsarmee als revolutionäre Ver- Vergehen stach man ih- Mongolen gelang, sämtliche in-
Kreuzberger als »Anti- pflichtung und legitimen Grund nen die Augen aus nenpolitischen Gegner auszu-
berliner« brandmarkte, ansah für den Einmarsch von oder hackte ihnen schalten. Der seinerzeitige Anfüh-
nachdem sie am 1. 1950. die Hände ab. Jedes rer der Gelbmützen, bekannt als
Mai 1987 nachdrück- Kloster verfügte der »Grosse Fünfte Dalai
lich darauf bestanden Paradies auf Erden über eine eige- Lama«, erklärte sich in der
hatten, den Tag der Die herrschende Mönchselite ne Folterkam- Folge zur höchsten
Arbeit ohne Polizei zu beutete Land und Menschen mit mer. geistlichen und weltli-
feiern. Ein Ehrentitel Hilfe eines weitverzweigten Net- Der Dalai chen Autorität des
also für anständige zes an Klostereinrichtungen und Lama räumt Landes. Obwohl Tibet
Berliner ... monastischen Zwingburgen gna- neuerdings ein, 1720 dem Militärpro-
denlos aus. Bitterste Armut und das feudale Ti- tektorat der Man-
Hunger durchherrschten den All- bet sei »sicher- dschu zugeordnet
■ Impressum: tag in Tibet. Die überwiegende lich nicht voll- wurde und ab 1793
· V.i.S.d.P.: E. Diepgen, Mehrzahl der Menschen lebte un- kommen« ge- vollends zum Vasal-
Fasanenweg 30,
ter indiskutablen Bedingungen, wesen. Damit lenstaat Chinas ge-
10123 Berlin
ihre Behausungen und ihre Er- hat's sich aber worden war, be-
· Redaktionskontakt:
antiberliner@web.de nährung waren katastrophal. an Selbstkri- hielt das Regime
www.antiberliner.de Steuer-, Fron- und Abgabenla- tik. Die elen- der Lamas nach
· Unterstützt von: Antifa- sten drückten sie unter die Mög- den Lebensbe- innen uneinge-
schistische Linke Berlin lichkeit menschenwürdiger Exi- dingungen der schränkte Macht.
· Namentlich gekenn- stenz. Schuldknechtschaft und Masse des Vol- Der chinesische Ein-
zeichnete Artikel spie- Sklaverei war im »alten Tibet« kes unter dem marsch in Tibet von 1950
geln nicht unbedingt gang und gäbe. Es gab außerhalb Joch des gründet mithin in eben
die Position des Redak- der Klöster keine Schulen und Mönchsre- diesem geschichtlich her-
tionskollektivs wider keinerlei Gesundheitsversorgung; gimes blendet geleiteten – und sozusa-
die Säuglingssterblichkeit lag bei er komplett aus. gen aus dem Kaiserreich
fast 50 Prozent, die mittlere Le- Wortreich be- ererbten – Selbstverständnis
benserwartung Erwachsener bei schönigt er der Volksrepublik China.Aus
35 Jahren. diese Zustände L i e b l i n g s g e l b - der Sicht Beijings galt und
Privilegierte beziehungsweise und nährt da- m ü t z e v o n gilt Tibet seit je und späte-
Merkel & Co.
benachteiligte Lebensumstände mit die ro- stens seit 1720 als untrennba-

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kommt ihm heute allenfalls noch ■ Aufgemotzte Armut

die Rolle eines geistlichen Ober-


hauptes jener Teile der tibetischen
Bevölkerung zu, die sich zur
Gelbmützensekte und zu ihm be-
kennen. Und das sind weitaus we-
niger Menschen, als er und seine Laut des aktuellen Ar-
westliche Anhängerschaft meinen mutsberichts der Bun-

Protest gegen Besuch von Dalai Lama in oder großsprecherisch vorgeben; desregierung geht die
Berlin, im Mai 2008 insbesondere sind es weit weniger, soziale Kluft weiter
als die aus Mönchskreisen heraus auseinander: Demnach
rer Bestandteil des chinesischen »tägliche Leben der Tibeter im inszenierten Krawalle im März lebt heute jeder achte
Territoriums. eigenen Land« sei bestimmt durch dieses Jahres vermuten lassen. Für Bundesbürger in Armut.
»Folter, psychischen Terror, Dis- das Gros der ethnisch-tibetischen Andere Erhebungen wie
Propaganda des Dalai Lama kriminierung und totale Missach- Bevölkerung inner- und außer- das sozioökonomische
Die im Zuge der Kulturrevoluti- tung der Menschenwürde« ist rei- halb der Autonomen Region Ti- Panel des Deutschen
on in den 1960er Jahren von der ne Propaganda zur Sammlung von bet sind der Dalai Lama und sei- Instituts für Wirt-
Volksbefreiungsarmee in Tibet Sympathiepunkten beziehungs- ne im nordindischen Dharamsala schaftsforschung (DIW)
verübten Gewalt- und Zerstö- weise von Spendengeldern; solche ansässige »Exilregierung« völlig verzeichnen einen
rungsakte sind durch nichts zu Anwürfe spiegeln, ungeachtet bedeutungslos. Colin Goldner deutlich höheren An-
rechtfertigen und zu entschuldi- notwendiger Kritik an der chine- stieg der Armutsquote –
gen. Dennoch ist den exiltibeti- sischen Militärdiktatur, nicht die ◆ Colin Goldners Buch »Dalai eine Steigerung von 12
schen Verlautbarungen und denen gegenwärtige Realität Tibets wi- Lama – Fall eines Gottkönigs« Prozent im Jahr 2000,
der internationalen Tibet-Unter- der.Auch die Behauptung »kultu- erscheint im Juni 2008 in ak- auf 18 Prozent im Jahr
stützerszene prinzipiell nicht zu rellen Genozids« durch »Überflu- tualisierter Neuauflage bei Ali- 2006. Dies ist u.a. dar-
trauen: Sie sind, sofern sie nicht tung des Landes mit chinesischen bri/Aschaffenburg auf zurück zu führen,
völlig aus der Luft gegriffen sind, Siedlern« entspricht nicht den ◆ Vortrag von Goldner zum dass die Regierung im
in der Regel heillos übertrieben Tatsachen. Dalai Lama: 4. Juli 2008, Jahr 2003 die Armuts-
oder beziehen sich auf längst nicht Der Dalai Lama war und ist de- 19.30 Uhr, JW-Galerie, Tor- grenze auf 938 Euro
mehr aktuelles Geschehen. Die mokratisch durch nichts legiti- straße 6 (Nähe Rosa-Luxem- festlegte, bei der neuen
Behauptung des Dalai Lama, das miert. Entgegen aller Propaganda burg-Platz) Studie liegt die Grenze
bei 781 Euro, dass sind
fast 150 Euro Unter-

Tante Käthe plaudert aus dem Nähkästchen schied.

»Das Schwein« ■ Arm trotz Arbeit


Immer mehr Menschen
arbeiten in der BRD für
ein sehr niedriges Ein-

E in Jeder hat das Schwein gesehn, dickes fettes einst, einer anderen Tiergruppe zugehörig wähnend, vor-
kommen. Innerhalb ei-
Schwein gesehn, jeder hat das Schwein gesehn stellte als »Hundepräsident Horst Köter«. Der äußerte
sich mit Bezug auf die aktuelleWirtschaftskrise und gei- nes Jahrzehnts stieg der
und jeder hat gelacht..«, so in etwa der Text
eines hervorragenden Pogosongs der Band Klischee. ßelte die Finanzmärkte eben als Monster. Schon interes- Anteil der Geringverdie-
Mit den Schweinen ist das ja so eine Sache, die Einen sant, wenn man sich einmal in Erinnerung ruft, dass eben ner von 15 auf 22,2
betrachten sie als unreine Tiere, andere halten sie dagegen jener vor gar nicht allzu langer Zeit Präsident eines Prozent. Das ist das Er-
für recht sauber und in Intelligenztests haben sie wohl mal Vereins war, der Internationaler Währungsfonds (IWF)
gebnis einer Studie des
gar nicht so schlecht abgeschnitten.Aus »Snatch-Schweine hieß. Gerade unter der Ägide dieses Hundes änderte der
IWF seine Geldvergabepolitik dahingehend, dass Kredite Instituts für Arbeit und
und Diamanten« wissen wir: »Acht Schweine fressen eine
Leiche von 200 Pfund in acht Minuten«. Hier wird also fortan an strikte Umstrukturierungsmaßnahmen gekop- Qualifikation (IAQ) der
die positiv konnotierte Schnelligkeit mit dem eher negativ pelt wurden, die der Spekulation und dem schnellen Universität Duisburg-Es-
belasteten Menschenfressen verbunden. Das klingt etwas Fluss exorbitanter Geldmengen Tür und Tor öffneten. sen. 2006 arbeiteten
gruselig und lässt vielleicht alte Ängste von Monstern Aus dessen Mund (Maul wäre jetzt zu reißerisch, meine
insgesamt 1,9 Millionen
unter dem Bett wieder aufkeimen. Jüngst lernten wir aus Tiervergleiche dürfen ja schon den Rahmen der Kolumne
nicht verlassen) erklingt jetzt – frei nach dem Motto Menschen für eine
der Monsterkategorie eine neue Art kennen, eine, die so
mancher vielleicht eher vulgär noch eben als Schwein »Apfelsaft ist großer Mist, wenn er ausgesoffen ist« – ein Stundenlohn unter fünf
bezeichnet hätte. Nicht so der Mann, den die Titanic Gequieke, das scheinheiliger kaum sein könnte. Euro.

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SCHWERPUNKT

Die »Welternährungskrise« –
Rückkehr der Untoten
Anfang 2008 wurde das Thema »Welternährung« auf einmal wieder hochbrisant. Der Spiegel titelte in einem Dos-
sier mit der Schlagzeile »Der hungrige Planet« und wies auf die Zusammenhänge zwischen Versorgungsengpässen
bei »Rohstoffen« (wie Weizen und Mais auf einmal hießen) für die Produktion von so genannten Bio-Treibstoffen
und einer zunehmend kritischen Ernährungslage in vielen Gebieten der Welt hin. Weil eine steigende Nachfrage
nach diesen Gütern die Preise extrem belaste, sei mit einer neuen »Welternährungskrise« zu rechnen

Fettes Fleisch allein macht auch nicht glücklich

B
ereits 2007 hatte dieses Thema international wäh- fast verwundert feststellte, dass nicht überall auf der Welt Kartoffel-
rend der so genannten »Tortilla-Krise« in Mexi- schneidemaschinen die Kartoffeln auf Einheitsgröße schälten, son-
ko für Aufsehen gesorgt.Weil die Preise für Mais- dern Hunger und Mangelernährung einen großen Teil der Bevöl-
mehl, eines der Grundnahrungsmittel in Mittel- kerungen in den damals so genannten »unterentwickelten Ländern«
amerika, drastisch gestiegen waren, machten vie- betraf. Obwohl die BRD bereits 1950 der FAO beigetreten war, die
le MexikanerInnen ihrem Ärger Luft und protestierten teilweise 1945 mit dem Ziel angetreten war, den weltweiten Hunger zu »be-
gewalttätig gegen die »Schattenseiten des Biospritbooms«. Gut ein siegen«, war die Informationslage in Westdeutschland zunächst spär-
Jahr später brachten erneute Unruhen auf Grund von Nahrungs- lich. Doch der Tenor der Aussagen einiger weniger »Experten« ließ
engpässen, bzw. extremen Preissteigerungen bei Grundnahrungs- Schlimmes erahnen: Millionen hungernder Menschen, die sich un-
mitteln, unter anderem in Haiti, Ägypten und Indonesien, das The- kontrolliert vermehrten, seien drauf und dran die Erde kahl zu fres-
ma »Hunger« wieder auf die mediale Agenda. Die FAZ titelte »Der sen. Mit Hilfe von vermeintlich hieb- und stichfesten Statistiken
Hunger meldet sich zurück« und die Süddeutsche Zeitung meldete wurde belegt, dass zu wenig Nahrung für die bis zu acht Milliarden
die »Rückkehr eines Gespenstes«. Beide Überschriften sind vor dem Menschen, die bis zum Jahre 2000 den Planeten bevölkern könn-
Hintergrund der Tatsache, dass laut Statistiken der Food and Agri- ten, vorhanden sein würde. Die Schließung der »Kalorien- und Ei-
culture Organization (FAO) seit mehr als einem halben Jahrhun- weißlücke« (wie die Tatsache, dass jährlich hunderttausende Men-
dert durchschnittlich über ein Fünftel der Weltbevölkerung hun- schen an Hunger oder hungerinduzierten Krankheiten starben, im
gert oder mangelernährt ist, genauso reißerisch wie grundfalsch. Fachjargon genannt wurde) wurde entsprechend zum hohen Ziel
erklärt.
Alte Hüte
Das eigentlich bemerkenswerte an der aktuellen Debatte ist nicht X+Y (+N) = Weltfrieden
ihr Neuheitswert, sondern die Tatsache, dass das Jahrzehnte alte Die Lösungsformel war so einfach wie naiv: Geburtenzahlen in den
»Märchen vom strukturellen Nahrungsmangel«, ganz plötzlich und Entwicklungsländern runter, Nahrungsmittelerzeugung rauf und in
unter leicht veränderten Vorzeichen erneut aus seinem »Verlies für der Zwischenzeit mit Nahrungsmittelhilfe »zufüttern«.An die erste
Verlegenheitsschlagzeilen« ans Tageslicht entlassen wurde. Es lohnt Variable wurde sich mit Feuereifer gemacht, vor allem medial wur-
sich daher, den Blick zurück zu richten auf die späten 50er Jahre de die Bedrohung durch die so genannte »Bevölkerungsexplosion«
in der BRD; Zurück auf eine inzwischen wieder wohlgenährte aufbereitet. Der Spiegel titelte 1962: »Mehret euch nicht!« und droh-
deutsche Bevölkerung, die, (die Erinnerungen an die Nahrungs- te, dass Kriege und vagabundierende hungernde Massen auch die
engpässe der Nachkriegsjahre noch schemenhaft im Hinterkopf) Industriestaaten überrollen könnten. Mit teilweise offen rassistischen

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Stereotypen wurden Ängste vor »Überbevölkerung« geschürt, wäh- dukte vor die Nase gesetzt wurden, muss – ebenso wie der Ein-
rend auf politischer Ebene massiver Druck auf die Regierungen der satz dieser »Hilfen« als politisches Druckmittel der Geberländer –
»Entwicklungsländer« ausgeübt wurde, endlich eine »vernünftige« an anderer Stelle diskutiert werden.
(das heißt den Industriestaaten genehme) Bevölkerungspolitik zu
betreiben. Nicht Mangel sondern Politik
Die zweite Variable, die Erhöhung der Nahrungsmittelerzeugung Die alleinige Existenz derartiger Nahrungsmittelhilfen in erhebli-
in den »Entwicklungsländern«, gestaltete sich ebenfalls schwierig. chem Umfang verweist jedoch auf eine grundlegende Tatsache:We-
Vor der Kulisse ruinös niedriger Weltmarktpreise, die über Jahrzehn- niger fehlende Nahrung war das Problem, als vielmehr zunehmend
te durch Exportsubventionen der Überschuss erzeugenden Staaten überschüssige Lebensmittel. Das vorgebliche strukturelle »Weltnah-
immer weiter gedrückt worden waren, war kostendeckende Land- rungsmitteldefizit« war letztlich niemals – weder vor 50 Jahren noch
wirtschaft vielfach nicht möglich. Auch die »Grüne Revolution«, aktuell – ein wirkliches Mengenproblem. Das »Welternährungs-
und der Einsatz von genetisch verändertem Saatgut brachten nur problem« war und ist ein Verteilungsproblem – damals wie heute
spärliche Erfolge und schufen vor allem zahlreiche neue Probleme. geht es um politische Fragen. Selbst das Deutsche Bundesernäh-
In Anbetracht der fortgesetzt fehlenden Kaufkraft der hungernden rungsministerium fühlte sich 2002 bemüßigt zu schreiben: »Es ist
Menschen, bot sich als Maßnahme gegen »den akuten Hunger« vor deutlich geworden, dass Hunger weniger durch ein unzu-
allem die bereits angesprochene Nahrungsmittelhilfe an. reichendes Nahrungsmittelangebot als vielmehr durch
Gerade diese erwies sich vor allem für die Geberlän- den fehlenden Zugang der Menschen zu diesen
der als Geschenk des Himmels. Denn bereits in Nahrungsmittelbeständen verursacht wird.Tat-
den 20er Jahren hatten einige Staaten, al- sächlich hatte die Welt bereits vor 50 Jah-
len voran die USA, Probleme mit ren infolge fehlender Kaufkraft ein Pro-
überschüssigem Getreide, das die blem mit »Nahrungsmittelüberschüs-
Binnenmärkte extrem belastete. Auf sen«.« Oder wie der Nobelpreisträger
dem europäischen Markt führte die Amartya Sen es fasste: »Was wir essen
1962 in Kraft getretene Gemeinsame können, hängt davon ab, was wir an Nah-
Agrarpolitik ebenfalls sukzessive zu rung erwerben können. Das bloße Vorhanden-
Überschüssen bei landwirtschaftlichen Pro- sein von Nahrungsmitteln in der Volkswirtschaft
dukten. Ab Ende der 60er Jahre wurde nach oder auf dem Markt berechtigt noch keinen Menschen,
Lösungen für künftige »Milchseen« und »Butter- diese zu konsumieren.«
berge« gesucht, die nicht nur sündhaft teures Ergeb- Dies lässt auch die aktuelle Debatte in einem anderen Licht er-
nis protektionistischer Agrarpolitik waren, scheinen. Dass Mais und andere ehemalige Nah-
Luxusprodukt in jeder
sondern auch die Gemüter all derer er- rungspflanzen heute zunehmend zur Ethanol-
Hinsicht
hitzten, die nicht einsehen wollten, wie- oder Biodieselproduktion verwandt werden oder
so in Europa und den USA Nahrung vergammelte, während »an- direkt in Rindermägen wandern, liegt letztlich auch daran, dass dies
derswo die Kinder verhungern«. Die Nahrungsmittelhilfe aus Über- sich rechnet.Wer den Zugang zu einer so grundlegenden Ressour-
schussbeständen, die die USA seit 1954 unter dem wohlklingenden ce wie Nahrung marktförmig organisieren will, der kann es nicht
Titel »Food for Peace« lieferten, und die nach Bekunden des US- gleichzeitig unmoralisch finden, wenn Produzenten ihre Produkte
Präsidenten Eisenhower den Zweck hatte, die »Basis für eine dau- an jene verkaufen, die dafür in harter Währung aufkommen. Und
erhafte Expansion unserer landwirtschaftlichen Exporte mit dauer- Fakt ist, dass hunderte Millionen Individuen weltweit genau das
haften Vorteilen für uns und die Bevölkerungen anderer Länder“ nicht können.
zu legen, wurde ab 1967 auch in der EWG eingeführt. Wer essen will. muss dafür bezahlen, so lautet die einfache For-
Landwirtschaftliche Überschüsse, letztlich unverkäuflicher Abfall, mel in arbeitsteilig organisierten kapitalistischen Gesellschaften. Und
wurde in »Hungergebiete« gebracht, verschenkt oder zu verbillig- wer nichts bezahlen kann. der darf nun mal auch nicht essen. Dass
ten Preisen verkauft. Dass diese vermeintlich milde Gabe in den es im Kapitalismus immer Menschen geben wird, die nicht zahlen
Empfängerländern vor allem die lokalen Märkte ruinierte, indem können und also auch nicht essen, ist allerdings nun mal kein un-
den ortsansässigen Produzenten konkurrenzlos billige Dumpingpro- günstiger Zufall, sondern hat »System«. HW

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■ Was kostet die Luft?
»Liberalisieren! Deregu- Leben für den Sport
lieren! Privatisieren!« – Die Olympischen Spiele stehen vor der Tür und während die ganze Welt über die schlech-
der Schlachtruf der te Menschenrechtssituation in Tibet spricht, werden die erbärmlichen Bedingungen der
neoliberalen Offensive vielen Menschen, welche beispielsweise in der internationalen Sportindustrie arbeiten müs-
seit den 1970er Jahren. sen, kaum thematisiert
Was hinter diesem
weltweiten Programm
der kapitalistischen Mo-
dernisierung steht und
welche verheerenden
Folgen es bisher mit
sich brachte, zeigen
eine Reihe von Autoren
in dem neu erschienen Adidas und Nike geben mehr Geld für Imagepflege als für Löhne aus
Heft »They gonna priva-

F
tize the air«. Die Bro- ast alle Kleidungsstücke springt für die meist körperlich firmen zufällt. Zumeist erfolgt
schüre zum Thema Pri- und Sportartikel, die in sehr anstrengende Arbeit nicht einfach eine Umschichtung in-
vatisierung, Stadtum- Europa und Nordamerika heraus. Mehrere Studien gehen nerhalb der Unternehmen. So
strukturierung und Wi- von den großen Bekleidungs- und von einem Stundenlohn von nicht werden dann beispielsweise Si-
derstand mit Beiträgen Sportartikelfirmen verkauft wer- mehr als zehn bis 15 US-Cents cherheitsmaßnahmen für die Ar-
u.a. von Ingo Stützle & den, wurden nicht von diesen aus. Der Arbeitstag dauert oft län- beiter durch Überstunden oder
Sabine Nuss, Raul Zelik, selbst hergestellt. Sie werden von ger als zehn Stunden an sechs bis Lohnkürzungen kompensiert.
Werner Rügemer, Alexis Billigstproduzenten in Südost- sieben Tagen pro Woche. Über- Der Konkurrenzkampf unter den
Passadakis, Thomas Sei- asien, Mittelamerika und Osteuro- stunden werden nicht bezahlt. einzelnen Zulieferfirmen tut sein
bert, Andrej Holm und pa produziert. Hier befinden sich Krankenversicherung, gewerk- Übriges und wenn es in einer Fa-
Karin Baumert. die billigsten Werkstätten mit den schaftliche Rechte oder Schutz- brik, bedingt durch Arbeitskämp-
◆ 44 Seiten, DIN A5, zu billigsten Arbeitskräften. Deswe- kleidung sind Fremdwörter. Ta- fe, zu Verbesserungen kommen
bestellen unter: gen wurden inzwischen in rund 70 rifverträge existieren ebenfalls ge- sollte, wird auch gerne mal die
www.antifa-versand.de Ländern sogenannte Freihandels- nerell nicht. Gearbeitet wird in ganze Produktion verlegt. Studi-
zonen bzw. Exportproduktionszo- extrem staubigen und heißen Fa- en zufolge geben die Markenfir-
■ Weltweite Aufrüstung nen geschaffen, in denen etwa 30 briken, die selten über eine Belüf- men Nike und Adidas fast zwei-
Deutschland hat es Millionen Menschen beschäftigt tung verfügen. Es gibt viele Be- mal soviel für ihre Imagepflege
2006 weltweit zum sind. Diese Zonen sind isolierte, richte Betroffener von einge- aus, wie für die Löhne ihrer sämt-
drittgrößten Rüstungs- steuer- und zollfreie Wirtschafts- schränkten Toilettengängen, kör- lichen 650.000 ArbeiterInnen
exporteur gebracht, so räume. Den zuständigen Regie- perlicher Bestrafung und sexuel- weltweit.
der Jahresbericht des rungen bleiben nur wenige Ein- ler Belästigung.
Internationalen Konver- griffsrechte. Arbeitsrechte fordern
sionszentrums Bonn Keinen Ausweg? Dass Menschenrechte immer
(BICC), welcher Mitte Ausbeutung pur! Aufgrund von Druck seitens ver- auch mit den Arbeitsverhältnis-
Mai präsentiert wurde. Gemessen am Verkaufspreis eines schiedener Gewerkschaften, Kam- sen der Menschen verknüpft sein
Der Exportweltmeister Sportschuhmodells erhalten die pagnen und Nichtregierungsor- müssen, spielt im aktuellen öf-
liegt in Sachen Rüstung Herstellerfirmen rund zwölf Pro- ganisationen sahen sich viele gro- fentlichen Diskurs keine Rolle.
demnach hinter den zent und müssen davon die Mate- ße Unternehmen gezwungen, so Die Ursache dieser schlechten
USA und Russland. Ins- rial- und Produktionskosten be- genannte »Codes of Conduct« Arbeitsverhältnisse entspricht
gesamt sei ein globaler streiten. Die Näher selbst erhalten einzurichten. Darin werden, rela- dem globalen Wettbewerb. Und
Trend der Aufrüstung zu durchschnittlich nur etwa 0,4 Pro- tiv wage, verschiedene Arbeits- die Gesetze des Marktes werden
erkennen: Weltweit zent des erzielten Preises für ihre rechte proklamiert. Real sind die- auch weiterhin dafür sorgen, dass
stiegen die Militäraus- Arbeit. Schätzungen gehen von se jedoch vor allem eine marke- die Warenproduktion im globa-
gaben von 2001 bis zirka zwölf Millionen Kindern aus, tingstrategische Überlegung. An len Süden für viele Millionen
2006 um 30 Prozent auf die für die Herstellung von Ex- den Arbeitsverhältnissen änderte Menschen ein Leben unter un-
etwa 1,179 Billionen portprodukten aller Art schuften sich nur wenig, da die Umsetzung würdigen Bedingungen bedeu-
Dollar. müssen. Mehr als ein Hungerlohn dieser Codes meist den Zuliefer- tet.

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Olympische Disziplin 1936 ■ Nazis morden
In der Nacht des 1. Mai
Vom 1. bis zum 16. August 1936 wurden die IX. Olympischen Sommerspiele in Berlin aus- 2008 wurde Nicola
getragen. Mit 49 teilnehmenden Nationen und 3961 Athleten stellten sie einen neuen Teil- Tommasoli (29) in Vero-
nehmerrekord auf. Zugleich waren sie ein vorläufiger Höhepunkt nationalsozialistischer Pro- na (Italien) von Neona-
pagandainszenierung zis totgeschlagen, weil
er die Frage nach einer
fernung aller Schilder mit der Zigarette verneinte. Den
Aufschrift »Juden unerwünscht« fünf Tätern hingen be-
veranlasst. Für die Zeit der Spiele reits Verfahren wegen
wurde der SA verboten, antisemi- rassistischen Gewalt-
tische Pogrome zu veranstalten verbrechen an. Einer
und das Naziorgan Der Stürmer war im vergangen Jahr
wurde unter Zensur gestellt. sogar Kandidat der
rechtsextremen Partei
Ästhetisches Kunstwerk Forza Nuova, die Ver-
Mit den Olympischen Spielen bindungen zur NPD un-
Te i l d e r N a z i - P r o p a g a n d a m a s c h i n e , d a s konnte das von der NS-Ideologie terhält.
Olympiastadion in Berlin geforderte »Heranzüchten kern-
gesunder Körper« für einen ge- ■ Neuer Antinazibund

F
ür Deutschland, das An- Sportler, die nach Berlin gehen, sunden »Volkskörper« im Hin- Im Mai startete in
greifer und Verlierer des werden dort nichts anderes sein als blick auf Wehrertüchtigung und Brandenburg eine Kam-
Ersten Weltkrieges war, Gladiatoren, Gefangene und Kriegseinsatz auf breiter Basis pagne gegen den Ein-
bedeutete die Vergabe der Spiele Spaßmacher eines Diktators, der propagiert werden. Militarismus zug der NPD in die
nach Berlin eine Chance, sich als sich bereits als Herr dieser Welt und Sport wurden zu einem äs- Kommunen. Es soll bis
wieder erstarkte Nation präsentie- fühlt.«, so Heinrich Mann bei der thetischen Gesamtkunstwerk ver- zum 28. September
ren zu können. Nach der Macht- Konferenz zur Verteidigung der schmolzen, bedienten euphori- 2008, zu der stattfin-
übernahme durch die Nationalso- Olympischen Idee am 6. und 7. sche Massenhysterie und ließen denden Kommunalwahl
zialisten war jedoch zunächst un- Juni 1936 in Paris. sich langfristig nutzen, indem sie viele Aktionen geben.
sicher, ob die Spiele stattfinden wirksames Bild- und Filmmateri- Die Kampagne ist so
konnten. Doch angesichts der pro- Wohlwollen des IOC al produzierten, wie man in den ausgerichtet, dass jeder
pagandistischen Möglichkeiten, Doch konnte sich die deutsche Olympiafilmen von Leni Riefen- selber aktiv werden
die eine erfolgreiche Durchfüh- Regierung auf das Wohlwollen stahl beobachten kann. Daneben kann.
rung der Spiele bieten würde, be- des IOC verlassen und garantier- war die Gelegenheit, mit diversen ◆ Mehr: www.keine-
tonte Adolf Hitler, die Spiele so te einen freien Zugang »für alle Baumaßnahmen wie dem Olym- stimmedennazis.de
vollkommen wie möglich zu ge- Rassen und Konfessionen« in die piastadion der ökonomischen Re-
stalten. Olympiamannschaften, um den zession zu begegnen, die Arbeits- ■ Mit der Antifa zelten

Boykottbestrebungen entgegen- losenzahl zu verringern und auf Zur rechten Zeit am


Boykottversuche zutreten. Die Rechnung ging auf. diese Weise die Popularität der rechten Ort: Mit jeder
Um die verschiedenen Aktivitäten Der Schein sollte auch breiten- Regierung zu steigern, ein weite- Menge Veranstaltungen,
gegen die Austragung der Nazi- wirksam aufrechterhalten werden: res Motiv der Naziführung. Infos, Workshops, Kultur,
spiele zu koordinieren, gründete Wenige Wochen vor Eröffnung Während die NS-Propaganda Aktionen wird es ein
sich 1935 in Paris ein internatio- der Spiele wurde die deutsche Be- das »Weltfriedensfest« feierte, ent- Camp im Rheinland ge-
nales Boykottkomitee: »Ein Re- völkerung aufgerufen, durch be- stand nahe Berlin zeitgleich das ben. Unter anderem
gime, das sich stützt auf Zwangs- sonders zuvorkommendes Verhal- Konzentrationslager Sachsenhau- wird der Begriff Faschis-
arbeit und Massenversklavung; ein ten gegenüber den Gästen der sen. Doch die Propaganda funk- mus erklärt oder Tricks
Regime, das den Krieg vorberei- Olympischen Spiele »alle Vorur- tionierte offensichtlich – die mei- gezeigt, wie man Nazi-
tet und nur durch verlogene Pro- teile gegenüber dem deutschen sten Gäste und Funktionäre sahen aufmärsche blockieren
paganda existiert, wie soll ein sol- Volk aus der Welt zu schaffen«. während der Olympischen Spie- kann. Auch für ein Kul-
ches Regime den friedlichen Um die internationalen Gäste le nur das, was sie sehen sollten, turprogramm ist gesorgt.
Sport und freiheitlichen Sportler über die Diskriminierung und nämlich ein perfekt durchgeführ- ◆ 25. bis 29. Juli, Le-
respektieren? Glauben Sie mir, Verfolgung der Juden in Deutsch- tes Massenspektakel nationalso- verkusen, mehr Infos
diejenigen der internationalen land zu täuschen, wurde die Ent- zialistischer Propaganda. unter: antifa-camp.de

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Filmtipps »Der Kampf findet ohne ihre Gewerkschaften. Sie sind
dazu da, dass wir unseren Frust
■ Widerstand auf Kreta

Der Film »Als die Deut-


ihr System statt« abladen können und die Illusi-
on haben,Teil eines Kampfes zu
schen vom Himmel fie- Mit ihrem Song »La rage« sein. Aber für mich findet der
len« erzählt vom Wi- sprach die Rapperin Keny Ar- Kampf heute ohne ihr System
derstand der Bevölke- kana aus Marseille vielen statt, wir organisieren uns sel-
rung Kretas gegen die aus dem Herzen. Am 1. Mai ber, auf lokaler Ebene und ver-
deutschen Truppen, die 2008 rappte sie erstmalig netzen uns miteinander. Es ist
im Mai 1941 die Mittel- auch in Berlin. Der Antiber- wichtig, dass sich die Leute ver-
meerinsel angriffen. liner ergatterte ein Exklu- sammeln, in einer Zeit, in der
Für die Frauen, Männer sivinterview mit ihr man uns stark voneinander
und Kinder war es ein trennt, uns stark individuali-

D
Kampf um Freiheit, ge- u gehörst zu den we- siert.
gen die Vernichtung ih- nigen politischen Rap- Wie sollte für dich Widerstand
Keny Arkana, 2008
rer Angehörigen und perinnen.Was war dei- aussehen? In deinem Album »dé-
die Zerstörung der Dör- ne Motivation mit Hiphop anzu- versuche ich, bestimmte Ideen sobéissance« rufst du zu zivilem
fer. Der Kampf geht fangen? und Informationen rüber zu Ungehorsam auf.
weiter, vor allem gegen Als ich angefangen habe Texte bringen. Heute haben Künstler Mit dem Gehorsam und dem
die Wehrmachtsdenk- zu schreiben, war ich dreizehn mehr als Andere diese Möglich- Ungehorsam ist das so: Das Sy-
mäler und die Verherr- Jahre alt. Ich war in einem Heim keit. Die meisten der offiziellen stem beeinflusst jeden und
lichung durch die Bun- und Schreiben war meine Art Medien sind manipuliert, sie bringt dir schon Gehorsam bei,
deswehr und Vetera- damit umzugehen und einen spielen eben das Spiel der Poli- wenn du noch ein ganz kleines
nen. Ausweg zu finden. Und es war tik mit. Kind bist. Sie bringen dir bei,
◆ erhältlich bei: auch meine kleine Rebellion Du forderst in deinen Songs revo- dass alles hierarchisch funktio-
www.antifa-versand.de gegenüber den Heimbetreuern, lutionäre Veränderungen... niert, dass man seinem Chef ge-
die ich damit nerven konnte. Ich glaube weder an Parteien horchen muss und so weiter.
■ »Dinner for Four« In Deinen Texten sprichst Du Din- noch an Gewerkschaften, das ist Das ist eigentlich ein Prozess
ge an, die Dir in der globalisierten alles vom Prinzip her hierar- der Auflösung von Verantwor-
Welt nicht gefallen. Welche Rolle chisch von oben nach unten tungsbewußtsein. Bei uns in
kann Musik einnehmen? strukturiert, und die Leute ver- Frankreich gibt es seit Sarkozy
Ich glaube nicht, dass man mit öden. Für mich heißt Verände- eine große Jagd auf die sans pa-
Musik die Politik verändern rung, es anders zu machen. piers. Und zum Beispiel gab es
kann.Wichtiger ist, mit der Mu- Auch wenn es schwieriger ist hier immer wieder Piloten, die
»Dinner for Four« er- sik die Menschen zu erreichen und länger dauert, sich hori- sich geweigert haben, das Flug-
zählt die Geschichte der und ihnen zu zeigen, wie die zontal zu organisieren, ist es das, zeug zu fliegen um die Leute
vier Asylbewerber Welt beschaffen ist, in der sie le- was man versuchen und wagen abzuschieben, weil sie eben da-
Thierry aus Kamerun, ben. In den Vorstädten bei uns muss. gegen waren. Für mich bedeu-
Lan aus Vietnam, Carlos zum Beispiel sind die Leute un- Heute ist die Politik nicht tet Ungehorsam also schon auf
aus Peru und Nadjib zufrieden und wütend, aber sie mehr national, sie ist global ge- der persönlichen Ebene zu ler-
aus Afghanistan, die wissen nicht, warum, gegen wen worden, und zwar stark hierar- nen, wie man anfängt selbstän-
eine Gemeinschaftskü- und gegen was genau. Deshalb chisch, genau wie ihre Parteien, dig zu denken.
che in einem Asylbe-
werberheim teilen und
E r n a e m p f i e lt h e ute : » N e u e M e di e n i n d e r K r it i k «
mit den eigenartigen
Leibspeisen der ande-
ren konfrontiert wer-
den – und schließlich
auch mit der deutschen
Polizei, welche die Vier
zu einem ganz beson-
deren Essen inspiriert.
◆ hindukushfilm.com

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