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13 november/dezember 2009 Kostenlos – aber nicht umsonst! www.jugendzeitung.net jugend@graswurzel.net

Arbeiten? Aber nicht umsonst!


Die Arbeit wird knapper. Verantwortlich wird zumeist – verkürzt – Beispiel Gastronomie Beispiel Hochschule
eine Automatisierung der Arbeit, also im weitesten Sinne der Ersatz
von Menschen durch Maschinen, und die Globalisierung des Arbeits- Viele Studierende und SchülerInnen sind darauf angewiesen, neben Junge AkademikerInnen üben nicht selten Lehrtätigkeiten aus, die
marktes gemacht. Umso knapper die Arbeit wird, umso begehrter dem Studium oder der Schule zu jobben, um vielleicht die Studien- Ihnen als Sprungbrett zur Karriere an der Hochschule verkauft werden,
scheint sie auch zu werden. So begehrt, dass viele sogar bereit sind gebühren zu deckeln oder auch einfach, um sich etwas Taschengeld um überhaupt eine Chance zu bekommen. Diese Lehrtätigkeiten wer-
umsonst zu arbeiten. hinzu zu verdienen. Solche Jobs lassen sich zum Beispiel in der Gas- den selten bezahlt. Die Uni kann sich das leisten. Schließlich stehen die
tronomie finden, also in Gaststätten, Kneipen und Cafés, weil Leute Schlange, um am Unibetrieb auch beruflich teilhaben zu dürfen.
Wie unzulänglich die Tätigkeit auch sein mag, immer sind es mehr die Einar- beitungszeit von u.a. Kellne- Ob sich das für die Lehrkräfte irgendwann mal auszahlt, ist ungewiss.
Menschen, die auf eine solche angewiesen sind, als es freie Plätze gibt. rInnen kurz ausfällt. Bevor es Reguläre Stellen an der Hochschule sind eher ein Ergebnis des Nutzens
Die Arbeitgebenden wissen das auszunutzen und diktiert die Bedin- aber zur Einstellung guter Beziehungen als von williger Selbstausbeutung.
gungen, unter denen PraktikantInnen, VolontärInnen und Lehrbeauf- kommt, müssen
tragte ihre Arbeit abzuleisten haben. Das heißt nicht selten: Arbeiten Probeschichten Beispiel Ehrenamt
ohne Lohn. Dabei wird unterschlagen, dass mit der Tätigkeit ein Pro- geleistet werden –
dukt oder eine Dienstleistung und damit Profit für den Arbeitgebenden natürlich unbezahlt Das ehrenamtliche Engagement scheint besonders unverdächtig. Sind
entsteht, der eigentlich dem arbeitenden Subjekt zusteht. und ohne Jobga- die Ziele der meisten Stellen, in denen mensch sich engagiert, doch
Während dieser doppelten Ausbeutung – denn die Lohnarbeit als solche rantie. ohne offensichtlich kommerzielle Absichten. Doch auch hier wird
ist bereits Ausbeutung – in anderen Ländern durch einen Mindestlohn, reguläre Beschäftigung vernichtet und eine Ausbeutung der Freiwil-
z.B. für Praktika, entgegen gewirkt wird, sind die zumeist jungen ligen betrieben. Das ist nicht zuletzt eine Konsequenz daraus, dass
Menschen hier zu Lande dem Diktat der Profitmaximierer schutzlos Vermögende immer weniger in die öffentlichen Kassen einzahlen
ausgeliefert. müssen. Dies kommt einer Umverteilung des Geldes von unten nach
oben gleich.
Beispiel Praktikum und Volontariat
Prekarisierung der Arbeits- und Lebensverhältnisse
Sei es das obligatorische Schulpraktikum, das Praktikum, das ich vor
dem Studium zu absolvieren habe, um eine Zugangsberechtigung an der Mit der Nicht- und Schlechtbezahlung von Arbeit, mit dem Schwinden
Hochschule zu erhalten, oder das sog. Volontariat nach dem Studium der unbefristeten Vollzeitstellen, mit sozialversicherungspflichtigem
bei einer Zeitung, das ich trotz bereits erlangtem Diplom, Magister Einkommen, der sog. Normalarbeit, zugunsten einer flexibilisierten
oder Master antrete, weil ich eine Laufbahn als JournalistIn anstrebe und unsicheren Erwerbsarbeit, haben sich die Arbeits- und damit auch
– in den seltensten Fällen werden solche Tätigkeiten bezahlt. Dabei die Lebensverhältnisse vieler Menschen „prekarisiert“. Mit Prekarisie-
ersetzen solche vermeintlichen PraktikantInnen und VolontärInnen rung/Prekarität ist zunächst die Unsicherheit des Arbeitsplatzes, des
nicht selten eine oder mehrere reguläre Stellen. Einkommens und das Fehlen einer sozialen Absicherung gemeint, so-
Fortsetzung nächste Seite

Im Winter Eine neue Chance für mehr Grips


Kommentar

bleibt‘s heiß Im Juni, als es warm war, waren in vielen Städten beim bundeswei-
ten Bildungsstreik Menschen auf der Straße. Sie alle verband das
Gefühl, dass Bildung anders gestaltet sein muss, als es momentan der
Fall ist. Haben diese Proteste aber eine Chance auf Erfolg und somit
eine Zukunft?
Dann kam der Sommer, und so viele Menschen wie schon lange nicht
mehr riefen: „Wir machen nicht mehr mit! Wir streiken!“

Und tatsächlich: Die Diskussion über den Zustand des Bildungssystems


hat sich verändert. Mittlerweile meinen sogar CDU/CSU und SPD, die
Editorial bestehende Situation müsse rasant und maßgeblich geändert werden.
Eine ganze unpolitische Generation soll sich im Juni diesen Jahres Diejenigen, die auf ein Massenphänomen gewartet hatten, prognosti-
Die Bäume verlieren ihre Blätter und die Temperaturen sinken – es politisiert haben. Vor dem Bildungsstreik hieß es in den Mainstream- zierten ein neues ’68, eine neue Studierendenbewegung.
wird Winter. Damit es aber wenigstens politisch heiß bleibt, gehen Medien über “die Jugend von heute” häufig, sie bestünde aus eiskalten Tatsächlich ist bei den Protestierenden der große Enthusiasmus des
in den kommenden Monaten die Bildungsstreik-Aktionen aus dem EgoistInnen und “KarrieristInnen”. Dies sei aber auch kein Wunder, Sommers abgeflaut. Ein Grund dafür könnte sein, dass zu wenig
Sommer weiter. Von den Protesten wird natürlich auch die utopia weil unter anderem verschärfte ökonomische Zwänge inhaltliche Auseinandersetzung mit den Themen statt-
in ihrem Online-Magazin jugendzeitung.net berichten. Aber auch dafür sorgten, dass gerade die jungen Menschen fand.
nach der Ausbildung in Schule, Uni oder Lehrbetrieb hört die um die Chance, einmal einen Arbeitsplatz ban-
Ungerechtigkeit nicht auf. Deutlichstes Beispiel dafür sind die so- gen müssten. Protest und Rebellion wurden Die Welt verändern
genannten prekären Arbeitsverhältnisse. Teilweise wird für Arbeit zu etwas Pubertärem, das sich erwachsene,
gar kein Lohn oder nur so wenig Geld gezahlt, dass es zum Leben ernste Leute nicht leisten können. Die Ju- Im Winter steht wieder ein „Bildungs-
nicht reicht. Nicht bezahlt sind zum Beispiel die Arbeit der Schü- gendlichen wurden – vielleicht als erste streik“ an. Eine weitere Chance für die
lerInnen und Studierenden oder auch deren (häufig vorgeschrie- Generation der Geschichte – “vernünf- Menschen, im Bildungssystem die Lage
bene) Praktika. Dadurch entsteht fast durchgängig eine (zumindest tig” genannt. zu ihren Gunsten zu ändern; zu zeigen,
finanzielle) Abhängigkeit vom Elternhaus. Dem könnte mit einem dass Bildung Grundvoraussetzung für
bedingungslosen Grundeinkommen entgegengewirkt werden. All “Neue” Bewegung?! Freiheit und damit ein Gut für sich ist.
diesen Themen widmen wir uns in der aktuellen Ausgabe. Ob ihnen das gelingt, wird maßgeblich
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Auseinandersetzung mit Religion Die Meldung, dass sich dieser selige an der Konzeption der Proteste liegen.
und Kirche und deren Verflechtung mit Staat und Gesellschaft. Ruhezustand im Juni 2009 plötzlich Es müssen auch die hierarchischen Zwän-
Auch wenn wir christlichen Feiertagen ablehnend gegenüber ste- veränderte, ist falsch. Sie kommt von ge in anderen Lebensbereichen kritisiert
hen, freuen wir uns natürlich über Geschenke – vor, nach oder zu Menschen, die die Schulstreiks in den werden, die es den Menschen unmöglich
Weihnachten! ;-) Vorjahren nicht bemerkt haben, weil sie auf machen, sich frei zu entfalten. SchülerInnen,
Denn auch die utopia hat finanzielle Sorgen. Wir bitten euch des- Massenevents warteten. Die Wahrheit ist, dass Studierende, Lehrende, Auszubildende – sie
halb, für die utopia zu spenden. Dies könnt ihr jetzt mit unserem es unter der Decke der konservativen Presse und alle müssen sich diesen Winter zusammenschlie-
neuen Online-Formular unter www.jugendzeitung.net/spenden/ Öffentlichkeit durchweg rumorte. Im Sommer fielen ßen und versuchen, die herrschenden Verhältnisse
tun. Besonders würden wir uns über regelmäßige Spenden freu- mit dem bundesweiten Bildungsstreik 2009 einige Gege- aktiv zu verändern.
en! benheiten günstig zusammen. Die streikerfahrenen SchülerInnen der Wichtig wird auch sein, dass der Protest sich die ganze Welt als Spiel-
Vorjahre kamen an die Unis, die SchülerInnen machten weiter und wiese der neuen Ideen aussucht. Weltweit wird es diesmal Proteste
Eure utopia-Redaktion die Studierenden entdeckten die Chance, ihre Anliegen jenseits der geben, denn die Probleme im Bildungswesen sind global.
Abschaffung von Studiengebühren an die Öffentlichkeit zu tragen.
www.jugendzeitung.net Gleichzeitig gab es mit der Konkretisierung der Bologna-Richtlinien, Felix Blind
dem EU-weiten Rahmenvertrag über die Ausrichtung von Universi- Die Bildungsproteste werden im November und Dezember mit Hintergrundberichten und Analysen auf
täten, für Unternehmen und Parteien einen Grund, Diskussionen zu jugendzeitung.net begleitet.
führen. Bologna wurde als Schnellschuss verurteilt.
Weitere Informationen: www.bildungsstreik.net www.emancipating-education-for-all.org
seite 2 utopia 13 november/dezember 2009

Fortsetzung von vorheriger Seite mehr oder weniger glaubhaft versuchen, dem Übel aber eine Organisierung der betroffenen Subjekte Nicht nur bei der FAU also scheint darüber Einig-
der unbezahlten Arbeit entgegen zutreten. voraus gehen. Dies wiederum gestalte sich schwie- keit zu bestehen, dass einzig Gratis-ArbeiterInnen
wie die „… subjektiv mit Sinnverlusten, Annerken-
rig, da die Betroffenen in der Regel vereinzelt in und StammbelegschafterInnen gemeinsam eine
nungsdefiziten und Planungsunsicherheit“ (Dörre)
Unter dem Slogan „Keine Arbeit ohne Lohn“ (www. ihren Betrieben arbeiten und nur schwer kollektive Arbeitermacht erzeugen können, die den Arbeit-
verbundene Erwerbsarbeit. Unbezahlte Arbeit ist als
fau.org/static/keine-arbeit-ohne-lohn/) betreibt die Prozesse starten können. Gewerkschaftliche Zusam- gebenden etwas entgegen zu setzen vermag und
Teil dieser zunehmenden Prekarisierung der Arbeits-
gewerkschaftliche Initiative Freie ArbeiterInnen menschlüsse und das Internet mit seinen Foren und dem gegeneinander Ausspielen der Beschäftigten
und Lebensverhältnisse zu begreifen.
Union (FAU) eine Website, auf der Fälle von unbe- Netzwerken können da vielleicht Abhilfe leisten. ein Ende setzt.
zahlter Arbeit gesammelt und dokumentiert werden. Betroffen sind aber nicht nur Menschen, die für lau
Es regt sich Widerstand – It´s time to organize
Die FAU will damit für das Problem „unbezahlte arbeiten müssen, sondern auch die Stammbeleg- Findus
Arbeit“ sensibilisieren und praktisch etwas verän- schaft, deren reguläre Stellen durch die Praxis der
Es gab und gibt verschiedene Kampagnen, die
dern. Der praktischen Wirkkraft, so die FAU, müsse Gratisarbeit bedroht sind.

Was ist eigentlich...

Nach der Schule


zieh’ ich aus!
Wie lange ist man wirklich Kind?
...ein bedingungsloses
Grundeinkommen
Knapp 500 Jahre ist es her, da thematisierte Eltern haben die Freiheit, mehr Zeit mit ihren
?
Die finanzielle Abhängigkeit vom Elternhaus, Lebensstandard einfach etwas herunter schrauben. Thomas Morus in seinem Roman „Utopia“ grund- Kindern zu verbringen oder aber eine Kinder-
davon gehen viele während ihrer Schulzeit aus, ist Wofür braucht man zum Beispiel mit Semester- oder legende Ideen eines bedingungslosen Grundein- betreuung in Anspruch zu nehmen. Kinder sind
spätestens mit Beginn des Studiums passé. Doch Monatsticket ein Auto? Oder muss es wirklich im- kommens. Heute liest man fast jeden Tag in der kein Armutsrisiko mehr und Alleinerziehende
warum ist man in den meisten Fällen nach dem mer die teuerste Kleidung sein? Presse vom bedingungslosen Grundeinkommen. sind besser abgesichert.
Schulabschluss, wenn man eine Ausbildung oder Wer unabhängig sein möchte, sollte dies auch auf Aber um was genau handelt es sich beim Grund- KünstlerInnen und Kreative stehen nicht mehr
ein Studium beginnt, immer noch abhängig? sein ganzes Leben übertragen. Denn spätestens nach einkommen und wem nützt es? unter dem Zwang, von ihrer Kunst auch leben zu
abgeschlossener Ausbildung oder dem Studienende müssen. Mit dem Grundeinkommen können sich
In vielen Ausbildungsberufen verdient man in den sollte man auf eigenen Beinen stehen wollen und Das bedingungslose Grundeinkommen umfasst Kultur und Bildung frei entfalten und die Gesell-
ersten Lehrjahren nur sehr wenig. Oft noch nicht ein- nicht ständig bei Mutti oder Vati nach Geld fragen. vier Grundelemente. schaft bereichern – was allen zu Gute kommt.
mal so viel, dass man dem lange gehegten Wunsch Erstens: Es soll ein Einkommen sein, welches Doch selbst die Unternehmer können vom bedin-
nach einer eigenen Wohnung und somit der Unab- Ein anderer Fall sind diejenigen, die nach dem existenzsichernd ist und darüber hinaus gesell- gungslosen Grundeinkommen profitieren – durch
hängigkeit von den Eltern nachkommen kann. Dies Schulabschluss keinen Ausbildungsplatz oder nach schaftliche Teilhabe ermöglicht. Die morgend- die hohe Motivation der eingeworbenen freien
ist meist nur mit einer monatlichen Finanzspritze Ausbildung oder Studium keinen Job finden. Wer lichen Brötchen sollen also genau so abgedeckt MitarbeiterInnen und der somit steigenden Effi-
möglich. Genauso im Studium: Wenn der Studienort als LangzeitarbeitsloseR noch nicht 25 Jahre alt ist, sein wie zum Beispiel die Fahrt zur Demonstrati- zienz und Produktivität der Unternehmen. Pro-
zu weit vom Elternhaus entfernt liegt, dann muss wird vom Staat gezwungen, wieder bei den Eltern on. Als konkreter monatlicher Betrag sind, je nach duzierende Betriebe dürfen rationalisieren ohne
man ausziehen. Keine Frage. Und es gibt ja Bafög. einzuziehen oder sich von diesen unterhalten zu Modell, 800 bis 1500 Euro im Gespräch. stigmatisiert zu werden, denn sie entlassen ihre
Doch bekommen die wenigsten Studierenden den lassen. Kurz gesagt: Die Miete für die Wohnung Zweitens: Es soll ein individueller Rechtsan- Menschen nicht mehr in das „soziale Nichts“.
Höchstsatz von 648 Euro pro Monat. Viele erhalten wird vom Staat nicht übernommen. spruch für alle Menschen sein. Das heißt, das Das bedingungslose Grundeinkommen stellt eine
entweder gar kein Bafög oder nur einen kleinen Geld steht jedem Menschen allein auf Grund Alternative innerhalb des kapitalistischen Sy-
Anteil, weil die Eltern „zu viel“ verdienen. Doch was resultiert aus der jahrelangen finanziellen seiner Existenz zu, ohne Berücksichtigung von stems dar, welche natürlich nicht alle Probleme
Während des Studiums sind die Eltern ihren Kindern Abhängigkeit der Kinder von ihren Eltern? Viele partnerschaftlichen Bindungen, von Einkom- lösen kann, jedoch den Menschen Freiraum zur
zum Unterhalt verpflichtet. Doch wer verklagt schon sehen ihre eigentlich schon erwachsenen Kinder mens- und Vermögensverhältnissen und unab- Selbstermächtigung schafft und so die Möglich-
seine Eltern, wenn diese den Betrag, der mit dem immer noch nicht als solche an. Versuchen, sie in hängig davon, ob man bereit ist, eine Arbeit an- keit bietet, neue Wege zu suchen, zu finden und
Bafög zusammen noch unter dem Bafög-Höchstsatz ihrer Ausbildungswahl zu beeinflussen. Ganz nach zunehmen oder nicht. zu gehen.
liegt, nicht bezahlen wollen? Und warum bekommen dem Motto: So lange du deine Füße unter meinen Drittens: Es wird ohne Bedürftigkeitsprüfung
nicht alle Studierenden und SchülerInnen auf dem Tisch stellst, bestimme ich, was du den ganzen Tag ausgezahlt. Somit ist es nicht mehr nötig, dass Jérôme Drees
zweiten Bildungsweg elternunabhängiges Bafög? über treibst. Menschen sich vor den Jobcentern (im übertra-
genen Sinne) bis auf die Haut ausziehen müssen, Literaturempfehlung: Kleines ABC des bedingungslosen Grundeinkommens,
Warum schafft es der Staat nicht, allen die gleichen Und was macht das mit den „Kindern“? Vielleicht ISBN 978-3-930830-55-8, AG SPAK Bücher, 56 Seiten, 6 Euro
Bildungschancen zu ermöglichen? Es scheint, als mag es einige geben, die sich gerne im Hotel Mama um eine Leistung zu erhalten.
wäre er überhaupt nicht an der Bildung seiner Bür- verwöhnen lassen und die es auch nicht stört, wenn Viertens: Das Grundeinkommen muss so aus-
gerInnen interessiert! die Eltern jede Einzelheit aus ihrem Privatleben gestaltet sein, dass es keinen Zwang zur Arbeit
erfahren. Jedoch gibt es auch solche, die gerne bedeutet. Es darf somit auch nicht zu niedrig an-
Natürlich gibt es auch Eltern, die ihren Kindern ger- unabhängiger wären, dies aber nicht sein können. gesetzt sein, sodass man indirekt dazu gezwungen
ne einen monatlichen Betrag überweisen und auch Eine Unzufriedenheit, die auf der einen Seite die wäre, weiterhin einer Erwerbsarbeit nachzuge-
noch ein Auto finanzieren. Dies sollte natürlich nicht Entwicklung der eigenen Persönlichkeit immens hen. Wer dennoch arbeitet, verdient oben drauf;
zur Selbstverständlichkeit werden. Wenn man nach beeinflusst und auf der anderen Seite das Verhältnis das Grundeinkommen bleibt aber voll erhalten.
dem Schulabschluss in gewissem Maße unabhängig zu den Eltern sehr belasten kann. Wem jedoch nützt ein solches Grundeinkom-
sein möchte, muss man in vielen Fällen den eigenen Maren W. men?
Die Nichterwerbstätigen werden nicht mehr

Rettet die utopia!


unter Druck gesetzt, beschuldigt, kontrolliert,
drangsaliert und zu fragwürdigen (Arbeitssuch-)
Maßnahmen gezwungen, die keine Perspektive
bieten. Sie können frei entscheiden, was sie tun
möchten, sich ehrenamtlich engagieren oder mit
Eine kritische und kostenlose Jugendzeitung dem Grundeinkommen im Rücken die Selbst-
herauszugeben kostet im Kapitalismus leider einen ständigkeit wagen.
Die Erwerbstätigen können es sich leisten, we-
Haufen Geld. Jetzt spenden oder DauerspenderIn werden, niger zu arbeiten und auf ihre Gesundheit zu
Soli-Parties schmeißen... Damit die utopia so bleibt, wie achten. Gegenüber ArbeitgeberInnen können sie
selbstsicherer aufzutreten und zum Beispiel eine
sie ist, und sich weiter entwickeln kann. Lohnerhöhung oder mehr Urlaubstage fordern.
Die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes
http://www.jugendzeitung.net/spenden/ wird abnehmen, denn die Existenz bleibt in jedem
Fall gesichert.
Foto: Udo Herzog

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utopia 13 november/dezember 2009 seite 3

Den Müll bitte sauber trennen!


Staat und Kirche kleben aneinander wie Kaugummi
Mit der französischen Revolution von 1789 wurde Beispielsweise treibt der Staat die Kirchensteuer delt, wird schon auf Erden bestraft und nicht erst darf eine menschenwürdige Existenz nicht von der
erstmals die Trennung von Staat und Kirche öffent- ein, Religion ist in den meisten Bundesländern ein im Jenseits. Zugehörigkeit zu einem Glauben abhängen.
lich eingefordert. Seit 1905 ist Frankreich, zumin- normales Lehrfach in der Schule, staatliche Uni-
dest auf dem Papier, ein „laizistischer Staat“. Die versitäten haben theologische Fakultäten, manche Trotz der Verpflichtung des Staates zu religiöser In einer aufgeklärten, vernunftbasierten Gemein-
Bürger_innen können selbst entscheiden, ob und Politiker_innen und andere Beamte hängen ihrem und weltanschaulicher Neutralität werden Religi- schaft, die auf freiwilligen Zusammenschlüssen be-
welcher Religion sie angehören wollen, der Staat Amtseid die Formel „so wahr mir Gott helfe“ an, onsgemeinschaften und Kirchen Privilegien und ruht, werden jedoch weder geistliche, noch weltliche
selbst jedoch hat sich weltanschaulich neutral zu christliche Feiertage sind besonders geschützt, und Sonderstellungen gewährt, die unabhängigen Ein- Autoritäten benötigt. Solange sie jedoch noch nicht
geben. in manchen öffentlichen Gebäuden hängen Kreuze richtungen, beispielsweise in der Kinder- und Ju- auf dem Abfallberg der Geschichte gelandet sind, gilt
oder andere Symbole des christlichen Glaubens. Hie- gendarbeit, eine Etablierung oft stark erschweren. es, den Müll sauber zu trennen – nicht zuletzt, weil
Seit langem ergänzen sich Staat und Kirche her- rin offenbart sich auch die Vorherrschaft der beiden Mit dem Abbau des Sozialstaates, wie er auch von dadurch eine Schwächung der beiden Institutionen
vorragend. Dem Staat als Inhaber des öffentlichen großen christlichen Kirchen: Sobald das Symbol der neuen Regierung zu befürchten ist, wird die Für- zu erwarten ist.
Gewaltmonopols über seine Bürger_innen und alle einer anderen Religion, beispielhaft das Kopftuch sorge für Schwache und Bedürftige wohl auch wie-
anderen, die auf seinem Gebiet weilen, ist die Kirche einer muslimischen Lehrerin, in öffentlichen bzw. der vermehrt in die Hände der Kirchen gelegt. Dabei Ani K.
sehr nützlich. Mit Bezug auf göttliche Vorgaben staatlichen Räumen gezeigt wird, ist der Aufschrei
lassen sich die Menschen eher in ihrem Verhalten groß – während die Beeinflussung durch christliche
beeinflussen, und den Vertretern der Kirchen ver- Symbolik überwiegend akzeptiert oder gebilligt
trauen sie ihre Sorgen und Nöte an. So können Staat wird. Somit ist Religion nicht Privatsache, sondern
und Kirche gemeinsam eine riesige Autorität ent- dauerpräsent und staatlich gefördert, ungeachtet ih-
wickeln und helfen sich gegenseitig, die Menschen rer blutigen Geschichte von der Hexenverbrennung
zu gefügigen, unfreien und gebundenen Wesen zu über die Kreuzzüge bis zur NS-Zeit.
machen. Sie sind zwei Institutionen, die niemand
braucht und an die dennoch alle mehr oder weniger Imaginäre Autoritäten dienen der Machtsicherung
gebunden sind.
Religionen bemühen vorgestellte Autoritäten, die
Hinkende Trennung angeblich über Wohl und Wehe der Menschen ent-
scheiden. Von angeblichen „Vertretern Gottes auf
In Deutschland besteht laut Weimarer Reichsverfas- Erden“ werden Verhaltensregeln aufgestellt, die
sung bzw. Grundgesetz seit 1919 keine Staatskirche logischen Verhaltensmustern häufig zuwiderlaufen
mehr. Dennoch ist es kein laizistischer, sondern und Unterwerfung einfordern, sinnlose Mühen und
höchstens ein säkularisierter Staat. Denn die Tren- nicht selten Leiden bedeuten. Das Versprechen ist
nung ist eine „hinkende“: Die Religion und ihre überall das gleiche: Nach dem Tod sollen die bra-
Ausübung ist in Deutschland nicht Privatsache, son- ven Diener_innen in eine Art Paradies gelangen,
dern durchaus öffentlich – und ihre Organisation in welchem jegliches Leid beendet sein wird. Die
geschieht in enger Zusammenarbeit mit dem Staat. staatlichen Autoritäten sind greifbarer, die von ihm
vorgegebenen Regeln auch: Wer ihnen zuwider han-

Gotteslästerung verboten?
„Ich mag mich nicht gern mit der Kirche auseinan- die Kirche und Gott ein Schutzobjekt des Paragraph,
dersetzen; es hat ja keinen Sinn, mit einer Anschau- sondern der “öffentliche Friede”.
ungsweise zu diskutieren, die sich strafrechtlich fentliche Friede gefährdet sei, sondern forderte eine Impressum
hat schützen lassen.“ (Kurt Tucholsky) Natürlich sind die meisten sich einig, dass Be- Strafe für Verspottung und Herabsetzung von Religi-
Dass man in Deutschland zumindest theoretisch zu
schimpfungen sowieso zu nichts führen und wenn
Meinungsfreiheit herrscht, sollte ein Glaube ebenso
on und Kirche. Während die katholische Kirche einer Impressum Utopia Nr. 13
solchen Änderung positiv gegenüberstand, sah die
jedem Thema seine Kritik äußern kann, ist für die bewahrt werden dürfen, der auch zu respektieren evangelische Kirche keinen Handlungsbedarf. utopia herrschaftslos – gewaltfrei,
meisten hier lebenden Menschen selbstverständ- ist. Doch gerade die Grenze von Kritik und Beleidi- Bündnis 90/Die Grünen forderten hingegen eine
Nr. 13 november/dezember 2009
www.jugendzeitung.net jugend@graswurzel.net,
lich. Ob es um die Politik, Schule oder Kirche geht, gungen ist fließend und häufig schwer zu ziehen. Der komplette Abschaffung des Paragraphen. Sie be- www.myspace.com/jugendzeitung
Kritik zu äußern ist Meinungsfreiheit und die ist Paragraph weist keine Definition einer Beschimp- zeichneten diesen als „nicht mehr zeitgemäß“, zudem Layout: BRiB
für uns ein Grundrecht. In diesem Recht fühlen fung auf, somit können darunter theoretisch auch lasse “Respekt sich nicht strafrechtlich verordnen,
Auflage: 25.000.
sich aber viele Kirchenkritiker und Atheisten einge- schon negative Äußerungen fallen. sondern müsse stattdessen gesellschaftlich herge- utopia wird von Jugendlichen für Jugendliche gemacht. Sie
schränkt. Denn in Deutschland gibt es immer noch Zudem ist fraglich, wie die Störung des öffentlichen stellt werden.” Gegenüber der “Berliner Zeitung” erscheint alle zwei Monate, separat und als Beilage der
den so genannten “Gotteslästerungsparagraphen” im Friedens durch “Gotteslästerung” (= Blasphemie) sagte Volker Beck, parlamentarischer Geschäfts-
Monatszeitung Graswurzelrevolution. utopia kann und soll
kostenlos z.B. auf Demos, in Schulen, Unis, Jugendtreffs usw.
Strafgesetzbuch, der besagt, dass das Beschimpfen gefährdet ist und vor allem nachgewiesen werden führer der Grünen, dass der Paragraph nach seiner verteilt werden. Spenden sind erwünscht.
religiöser Bekenntnisse anderer oder einer Religi- kann. Unter öffentlichem Frieden versteht man den Meinung “auf den Misthaufen der Rechtsgeschichte” Verlag Graswurzelrevolution e.V.: Sitz Heidelberg. Redaktion
onsgesellschaft im Inland mit einer Geldstrafe oder Zustand rechtlicher Ordnung einer Gesellschaft und gehöre.
Gras­wurzelre­vo­lu­tion: Breul 43, 48143 Münster, Tel. 0251/48290-
57, Fax: -32, redaktion@graswurzel.net. GWR-Vertrieb, Bir­
bis zu drei Jahren Haft bestraft werden kann, wenn das daraus entspringende Bewusstsein der Rechts- Kritiker behaupten ebenfalls, dass der § 166 über- kenhecker Str. 11 Str. 24, D-53947 Net­tersheim. Verantwortlich
durch die Beleidigung der öffentliche Frieden ge- sicherheit. Kritiker behaupten, dass eine Störung flüssig sei, da Gotteslästerern beispielsweise durch sind im Grunde alle, doch im Sinne des Presserechts ist dies:
stört ist. Das Preußische Strafgesetzbuch von 1851 auch im Nachhinein konstruiert werden könne, wenn den § 185 der Beleidigung ebenfalls Grenzen gesetzt
Michael Schulze von Glaßer, c/o GWR-Red. Münster. www.
graswurzel.net
(PStGB) beinhaltete bereits einen Paragraphen,der Menschen sich nur beschwerten, sich in ihrer Glau- seien.
die Verspottung christlicher Kirchen unter Strafe bensfreiheit beleidigt zu fühlen. Andererseits wird in Fest steht jedoch, dass die Bundesregierung keinen utopia ist eine Zeitung zum Mitmachen. Bei uns können junge
stellte. Andere Glaubensgemeinschaften waren au- diesem Fall meist damit argumentiert, dass der Frie- gesetzgeberischen Handlungsbedarf sieht und der
Menschen Artikel schreiben über Themen, die sie interessie-
ren. Bei uns kannst du dein Schreibtalent unter Beweis stellen,
ßen vorbehalten. Damals wurden die Kirche und ihr den nur dann gefährdet sei, wenn eine breite Masse “Gotteslästerungsparagraph” in Deutschland also nette Menschen kennen lernen, dich am Layout beteiligen,
Gott selbst unter Schutz gestellt. Das Reichsstraf- oder die Öffentlichkeit davon mitbekomme. voraussichtlich bis auf weiteres erhalten bleiben deine Ideen einbringen. Genauso suchen wir noch Leute, die
gesetzbuch des Deutschen Reichs übernahm diese Edmund Stoiber, ehemaliger bayrischer Minister- wird.
utopias unter die Leute bringen. Gehst du auf Demos? Oder
du machst Veranstaltungen? Wir schicken dir gerne einige
Strafregelungen in den § 166. Im Jahre 1969 wurde präsident, forderte 2007 aus diesem Grund eine Ver- Exemplare zu!
der Artikel reformiert, von dort an waren nicht mehr schärfung des § 166. Er kritisierte, dass Blasphemie Ana Wir warten auf deine Mail: jugend@graswurzel.net
nicht nur dann bestraft werden dürfe, wenn der öf-

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seite 4 utopia 13 november/dezember 2009

Liegeplätze statt Standorte!


Nationalismus wird über die bürgerliche Hintertür hoffähig – schon immer, immer wieder
Dumme NationalistInnen sind nun wirklich nicht beliebt hierzulan-
de. Ganze Städte, wie etwa Köln, so scheint es, haben Nationen
Termine abgeschworen und setzen sich nun dafür ein, Menschen nicht mehr
in willkürliche Grüppchen einzuteilen, womöglich noch nach Blut,
Rasse oder eben Volk. Der Sieg der Individualität über Nationalismus
04.11.2009, 18h, Kassel: Der Werbefeldzug der Bundeswehr –
ist aber noch lange nicht vollständig. Bei Standortdebatten werden
Analyse und Kritik, kritischeuni.de
Nationen immer wieder als Argument herangezogen.
09.-17.11.2009: weltweit: Global Week of Action, weltweiter
Bildungsprotest, www.emancipating-education-for-all.org
Bei nahezu jeder politischen Debatte kommt früher oder später der
17.11.2009, überall: Dezentrale Demonstrationen und Aktionen
Standort ins Spiel. Der Wirtschaftsstandort Deutschland müsse ge-
als Auftakt des bundesweiten Bildungsstreiks,
schützt, die Wettbewerbsfähigkeit verbessert werden. Seien es die
www.bildungsstreik.net
Hartz-IV-Reformen, Studiengebühren, niedrige Umweltstandards oder
17.11.-10.12.2009, überall: Aktionen im Rahmen des budneswei-
Steuersenkungen. Immer geht es darum den Standort Deutschland für
ten Bildungsstreiks, www.bildungsstreik.net
Unternehmen und Reiche attraktiver zu gestalten. Man verspricht sich
24.11.2009, Leipzig: Proteste gegen Hochschulrektorenkonferenz,
Arbeitsplätze und Steuereinnahmen.
www.bildungsstreik.net
28.11.2009, 14h, Neuss: 10. Demonstration gegen den Frauenab-
Diese Politik wird nicht nur in Deutschland verfolgt. Auch in anderen
schiebeknast, toaneuss.blogsport.de
Ländern wird mit Hilfe des Standortnationalismus’ der neoliberale
21.-22.11.2009, Berlin: Workshop zu antisexistischer verbaler
Umbau vorangetrieben. Unter Neoliberalismus versteht man eine
Selbstverteidigung, www.nfj-seminare.de
Wirtschaftspolitik, die Unternehmen weitgehend freie Hand lassen will:
27.11.2009, 19h, Berlin: Anarchistische Positionen zum Thema
Auflagen, wie zum Beispiel der Kündigungsschutz oder im Bereich
Wirtschaft, Haus der Demokratie
des Umweltschutzes, werden abgeschafft, Steuern und Sozialabgaben
27.-29.11.2009, Hamburg: Wochenendseminar: Fuck normativity!
werden gesenkt. Durch die dadurch fehlenden Einnahmen müssen die
Für emanzipatorische Verhältnisse!, jdjl.org
öffentlichen Mittel, wie zum Beispiel im Bildungs- oder im Gesund-
01.12.2009, 19h, Aschaffenburg: 500 Jahre Kapitalismus sind
heitssystem gekürzt werden. Sobald sich das eine Land auf diese Art
genug! mit Christian Frings, Autor für Analys & Kritik,
und Weise für Unternehmen attraktiver gemacht hat, meint das andere
kriseab.blogsport.de
nachziehen zu müssen: Eine nicht endende Abwärtsspirale.
10.12.2009, Bonn: Aktionen des zivilen Ungehorsams zur Kul-
tusministerkonferenz, www.bildungsstreik.net
Diese Logik wird von vielen als völlig selbstverständlich angesehen,
28.-31.12.2009, Berlin: linkes Wintercamp 2009, www.jdjl.org
hinter ihr steckt aber nichts weiter als Nationalismus. Wer will, dass
25.12.09 – 03.01.10, Hamburg: Jugendumweltkongress,
Arbeitsplätze und Steuereinnahmen in Deutschland bleiben, der/die
www.jukss.de
will sie dem Ausland vorenthalten.
Plakat der Initiative übergebühr
Kampagnen Für diejenigen, die Arbeit und Arbeitsplätze brauchen, um Geld zu
verdienen ist das offenbar nicht so klar. Die faire, aber leider meist Interessant, dass sowohl Staat als auch Gewerkschaften und Unter-
Kampagne gegen die Ausgrenzung von AsylbewerberInnen: nur revolutionär durchzusetzende, Forderung wäre, die anfallende nehmen letztlich wieder auf völkische Erklärungsmuster zurückfallen,
www.gegen-ausgrenzung.de Arbeit global auf alle zu verteilen, um so genügend zu produzieren. wenn es darum geht ihre Politik als gut zu verkaufen. Der Standort
Kampagne für Kohlekraftwerks-Besetzer: Da die Arbeitenden und potentiell Arbeitenden sich aber nicht mächtig Deutschland wird Unternehmen schmackhaft gemacht und umgekehrt
www.ausgekohlt.net wähnen, haben ihre VerwalterInnen, die großen Gewerkschaften die wird natürlich auch den Deutschen erklärt, dass sie jetzt besonders
Kampagne für deutschlandweite Volksentscheide: Zusammenarbeit mit dem Staat arrangiert, die Sozialpartnerschaft. Und zusammenhalten müssen. Nur wird dieser neue deutsche Nationalismus
www.volksentscheid.de weil auf dem Arbeitsmarkt eine so hohe Konkurrenzsituation herrscht, als harmlos dargestellt. Immerhin sei die Lage schlimm und die Besin-
Kampagne für die Rechte von Klimaflüchtlingen: werden gerne die staatlichen Ausschlussmechanismen mit benutzt. Das nung auf die Nation ein Sachzwang – Nationalismus der Hintertür.
www.bundjugend.de/protest bedeutet dann vielleicht nicht unbedingt sofort „Arbeit für Deutsche“,
Kampagne „Atomkraft jetzt abschalten“: aber doch zumindest „Arbeit in Deutschland“. Felix Blind
www.atomkraft-abschalten.de
Kampagne gegen den Überwachungsstaat:

Doch kein fröhlicher


www.safer-privacy.de
Kampagne gegen den Pelzhandel bei Escada:
www.antifur-campaign.org
Kampagne für die Abschaffung von Atomwaffen:

Party-Patriotismus
www.atom­waffenfrei.de
Kampagne gegen die Privatisierung der Bahn vom Bündnis Bahn
für alle: www.bahn-fuer-alle.de
Kampagne „save me – Flüchtlinge aufnehmen!“:
www.save-me-kampagne.de Rezension
„Den immer wieder postulierten, während des WM-Sommerfestes
2006 den Deutschen bisweilen auch bescheinigten unverkrampften,

Rechtskonservativ harmlosen Nationalstolz gibt es so nicht.“ Mit dieser nüchternen


Feststellung bereiten Klaus Ahlheim und Bardo Heger in ihrer Unter-
suchung „Nation und Exklusion – Der Stolz der Deutschen und seine
Nebenwirkungen“ allen Wunschvorstellungen von einem ungefähr-
Irgendwo zwischen CDU und NPD lichen, friedlichen Patriotismus ein jähes Ende.

Zunächst fassen die Autoren die Nationalstolz-Debatten der letzten


Die politische Bezeichnung “rechtskonservativ” wird immer popu- Jahre zusammen und zeigen, wie ein positives Nationalbewusstsein
lärer, doch nur die Wenigsten wissen damit etwas anzufangen. Was durch Medien und Politik wieder salonfähig gemacht wurde. Diese Ent-
ist rechtskonservativ, wer ist es und wofür stehen so genannte wicklung zeige sich auch in Umfrageergebnissen, die der ganzen Un-
Rechtskonservative? tersuchung zugrunde legen: Während 1996 63 Prozent der Deutschen
stolz waren, deutsch zu sein, waren es im Jahr 2006 72 Prozent.
In den 1980ern wurde der Begriff erstmals durch die Republikaner
bekannt, einer Partei, die rechts von der CDU sein wollte, ohne dabei Als Reaktion auf diese Befunde stellen sich die Autoren die Frage, Der Schein trügt. Foto: smitty – http://www.flickr.com/photos/smitty/
mit den Rechtsradikalen in eine Schublade gesteckt zu werden. Noch welche Nebenwirkungen der erstarkende Nationalstolz mit sich trägt.
bis heute sind sie die größte derartige Partei in Deutschland. Rechts- Sie stellen fest, dass Nationalstolz direkt oder indirekt mit Fremden- ner vor allem im Kampf gegen den ‘Außenfeind’, die Flüchtlinge und
konservative halten wenig bis gar nichts von demokratischen Werten feindlichkeit, Abschottungsgedanken, Schlussstrich-Mentalität und Migranten.“
und befürchten eine kulturelle “Überfremdung” durch Zuwanderung. Antisemitismus verknüpft ist.
Sie haben also eine große Schnittmenge mit den Rechtsextremen,
Ähnliche Zusammenhänge werden bei antisemitischen Vorurteilen und
wollen sich aber gleichzeitig von ihnen abgrenzen, um die ebenfalls Den Zusammenhang zwischen Nationalstolz und Fremdenfeindlichkeit der „Schlussstrich-Mentalität“ der Deutschen aufgezeigt. Mit dem
vorhandene Schnittmenge mit den Konservativen zu betonen. Somit lässt sich laut Ahlheim und Heger eindeutig belegen: So haben 36 Nationalstolz wachse die „Beschwörung deutscher Normalität und
stehen die meisten selbst bezeichnenden Rechtskonservativen irgend- Prozent der stolzen Deutschen fremdenfeindliche Einstellungen. Bei damit verbunden die Neigung, unter die Verbrechen der NS-Vergan-
wo zwischen der CDU und der NPD. denjenigen, die überhaupt nicht stolz auf ihre Nationalität seien, sind genheit einen Schlussstrich zu ziehen“, so Ahlheim und Heger. Unter
es nur zwölf Prozent. Für diese der Schlussstrich-Mentalität verstehen die Autoren den verbreiteten
In einigen Ländern sind derartige Parteien bereits etabliert: In Ös- Befunde haben die Autoren eine „Wunsch, an den Holocaust nicht mehr erinnert zu werden“. Diese
terreich erreichte die rechtskonservative FPÖ bei der letzten Wahl einfache Erklärung: „Jede Beto- „Abkehr von der Erinnerung“, so wird der Psychoanalytiker Werner
17,5% der Stimmen und wurde dadurch drittstärkste Kraft. In Un- nung des nationalen ‘Wir’, jede Bohleber zitiert, mache jedoch „hartherzig und mitleidslos“.
garn ist die Fidesz sogar zweitstärkste Partei und bekam auch bei Betonung der eigenen ‘Gruppe’,
der Europawahl 14 von 22 Sitzen. Im Vergleich dazu sind die bereits in die man ja wohl eher zufällig Diese und weitere knallharten, auf Fakten fußenden Feststellungen
erwähnten Republikaner mit 0,4% nur schwach vertreten. Dennoch hineingeboren ist, enthält, auch machen die Analyse von Klaus Ahlheim und Bardo Heger zu einer
ist die rechtskonservative Szene in Deutschland nicht zu unterschät- wenn das nicht immer ausgespro- Pflichtlektüre für all jene, die noch immer an den Mythos des ungefähr-
zen. Als ihr Sprachrohr gilt die Zeitung „Junge Freiheit“. Einst als chen wird, ein Moment der Ab- lichen Nationalstolzes glauben oder nach Argumenten dagegen suchen.
Schülerzeitung angefangen, hat sie heute über 20.000 LeserInnen. Die und Ausgrenzung“. Dies sei kein Der Schreibstil lässt zwar den wissenschaftlichen Hintergrund der
Zeitung versucht sich bewusst von den Rechtsradikalen abzugrenzen, deutsches Problem, sondern lasse Autoren durchblicken und ist deshalb teilweise schwierig verständlich,
indem sie Journalisten verklagt, die sie als rechtsradikal oder rechts- sich auch in anderen europäischen die ausführlichen Erläuterungen sowie die bildliche Darstellung von
extrem bezeichnen. KritikerInnen werfen der „Jungen Freiheit“ in Staaten feststellen. „Für Europa Umfrageergebnissen machen das Lesen aber einfacher. Die zahlreichen
diesem Zusammenhang auch ein Vorgehen gegen die Pressefreiheit vor. insgesamt scheint es so“, schreiben Literaturverweise bieten zudem die Möglichkeit weiter zu dem Thema
Gleichzeitig berichtet sie aber über die angeblich hohe “Ausländerkri- Ahlheim und Heger, „als finde das zu recherchieren.
minalität” und “Entfremdung” der deutschen Kultur. Somit erfüllt die neue Europa der nationalstolzen
Zeitung den klassischen rechtskonservativen Stereotyp und hat nicht Bürger einen gemeinsamen Nen- David W.
zuletzt deswegen einen großen Bekanntheitszuwachs.
Klaus Ahlheim, Bardo Heger, Nation und Exklusion Der Stolz der Deutschen und seine Nebenwirkungen
Lucas Politische Analysen, Wochenschau Verlag 2008, ISBN 978-3-89974391-3, 128 S., Euro 12,80