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NEUKÖLLN IN DEN KOLLWITZPLATZ VERWANDELN?

DER TRAUM VOM RAND IST AUSGETRÄUMT


NEUKÖLLN - SYMBOLISCHE UND REALE AUFWERTUNG
EINE ERKUNDUNG
GENTRIFIZIERUNG IM NORDEN nungs- und Kulturmarkt als „Kreuz-
NEUKÖLLNS kölln“ bekannt, thematisiert das Fea-
ture den Prozess der Gentrifizierung in
Den Effekt der Prenzlauerbergisierung, einem der Berliner Kieze, über den es
den wird es hier nicht geben“, sagt Rein- noch vor drei Jahren im SPIEGEL hieß,
hold Steinle, der in Neukölln Stadtteil- es gehe dort zu „wie einstmals in der
führungen macht. Das sei zumindest Bronx“. Dabei nimmt es auch die sich
seine Hoffnung. Aber längst ist klar: seit Jahren verschlechternde Situati-
Der Norden Neuköllns verändert sich: on auf dem Berliner Wohnungsmarkt
mehr junge Leute, mehr Student_in- in den Blick. In dem Feature äußern
nen, neue Kneipen, Cafés und Galeri- sich ein Vertreter der Berliner Mieter-
en, der Bezirk und der Berliner Senat gemeinschaft, der Stadtsoziologe
bemühen sich um die ‚Aufwertung‘ Andrej Holm, das Quartiersmanage-
des Viertels – und die Mieten steigen ment Reuterkiez, der Vorsitzende von
rasant an. Der Begriff „Gentrifizierung“ Haus und Grund Neukölln, der loka-
ist längst in aller Munde. Was aber le Unternehmerstammtisch Punkt
sind die Gründe für die Entwicklung 20 e.V., die Neuköllner Kiezgruppe
in Neukölln? Was ist „Gentrifizierung“ und zahlreiche Anwohner_innen. So
überhaupt? Und wer treibt sie voran? zeichnet der Radiobeitrag ein Bild des
komplexen Prozesses in Nord-Neu-
Das Radiofeature „Neukölln in den kölln, den Andrej Holm als „Gentrifi-
Kollwitzplatz verwandeln?“ unter-
zierung in Wartestellung“ bezeichnet.
sucht den Norden Neuköllns im Spät-
sommer 2009 und verschafft einen Dass die ‚Aufwertung‘, die sich bisher
Überblick zum Status quo der Gentri- vor allem symbolisch als Imagever-
fizierung. Ausgehend vom Reuterkiez, änderung des Kiezes äußert, bereits
mittlerweile medial und auf dem Woh- ganz reale Folgen hat, bezeugen

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die Anwohner_innen: Insbesondere Gegner_innen dieser Entwicklung
Familien, die die steigenden Mieten mit „aggressiven Pöbeleien, […] Ein-
nicht zahlen können und in Neukölln brüchen und Zerstörungen“ in Ver-
keinen bezahlbaren Wohnraum bindung bringt), tut der Senat wenig,
mehr finden, müssen wegziehen diese Entwicklung aufzuhalten. Im
– ein schleichender Prozess, der Gegenteil: Erstens betreiben die poli-
sich in den nächsten Jahren noch tisch Verantwortlichen zusammen mit
beschleunigen werde, sagt Joachim den Quartiersmanagements (QMs)
Oellerich. Das Mitglied der Berliner eine Kiezpolitik, die Ansätze von Bil-
Mietergemeinschaft befürchtet, dass dungs- und Kulturarbeit beinhaltet
es in naher Zukunft in Berlin zu einer (die vor allem dem so genannten
allgemeinen Wohnungsnot komme. „Standortmarketing“ dient), sowie
Auch wenn einige Vertreter des rot-ro- neue Bewohner_innen und Gewerbe
ten Senats, wie der SPD-Abgeordnete anwirbt und Immobilieneigentümer_
Fritz Felgentreu, inzwischen selbst innen vernetzt. Zweitens steigt der
von Gentrifizierung in Berliner Stadt- Senat immer mehr aus der sozialen
teilen sprechen (und gleichzeitig die Wohnungspolitik aus, orientiert sich

WAS IST GENTRIFICATION?


Der Begriff Gentrification (dt. Gentrifizierung) stammt aus der Stadtsozi-
ologie und steht für einen Forschungsansatz, der versucht, den sozialen
und räumlichen Wandel in Wohnvierteln zu erklären. Gentrifizierung meint
in diesem Sinne einen Prozess der baulichen und sozialen, aber auch sym-
bolischen Aufwertung eines Viertels. Der Begriff leitet sich vom englischen
Wort ‚Gentry‘ (dt. nieder Adel, gehobenes Bürgertum) ab. Bürgerliche
Schichten ‚erobern‘ sich innerstädtische Viertel mit größtenteils armer Be-
völkerung zurück. Am Anfang eines Gentrifizierungsprozesses steht eine
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deutlich an einer neoliberalen Stand- Tagesspiegel, die Veränderung des
ortpolitik, welche die Stadt nach unter- Kollwitzplatzes im Prenzlauer Berg,
nehmerischenKriterienführt,undbaut einer der seit langem gentrifizierten
schlecht bezahlte Niedriglohn- und Kieze, aus dem nach Studien bis zu 50
Ein-Euro-Jobs flächendeckend aus. Prozent der ehemaligen Mieter_innen
Leuchtendes Beispiel für die gezielte verdrängt wurden, war eine „behutsa-
politische Steuerung dieser ‚Aufwer- me Stadtentwicklung“. Es werde „nie-
tung‘ ist die SPD-Senatorin für Stadt- mand in ein Randgebiet verdrängt“.
entwicklung,IngeborgJunge-Reyer.Die Mit dem Neuköllner Bezirksbürger-
Senatorin ist zuständig für das Großin- meister Heinz Buschkowsky (SPD) ist
vestorenprojekt Mediaspree, den Aus- Junge-Reyer auch für das Sanierungs-
bau der umstrittenen Stadtautobahn gebiet Karl-Marx-Straße verantwort-
A 100 und die Nachnutzung des Flug- lich. Zusammen mit Unternehmern
hafens Tempelhof. Auf Gentrifizierung und Künstlern initiierten sie die „Akti-
angesprochen, spielt sie den Lila-Lau- on! Karl-Marx-Straße“, die sich um Kul-
ne-Bär. So sagte sie gegenüber dem tur- und Wirtschaftsmarketing sowie

‚Pionierphase‘, d.h. so genannte ‚Pioniere‘ (Student_innen, Künstler_innen,


Alternative) ‚öffnen‘ von Arbeiter_innen und Armen geprägte Viertel für
die später nachfolgende mittelständische Klientel. Sie sorgen besonders
für die kulturelle Aufwertung - den Imagewandel, der die Viertel für die so
genannten ‚Gentrifier‘ erst attraktiv macht. In der Konsequenz meint Gen-
trifizierung einen Prozess, der aus privatkapitalistischer Sicht unattraktive
Viertel wieder der Verwertung des Wohnungsmarktes zuführt (steigende
Mieten und Umwandlungen von Miet- in Eigentumswohnungen). Da sich
die ‚alten‘ Mieter_innen so etwas nicht leisten können, ziehen sie gezwun-
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um einen Imagewechsel Neuköllns be- Sanierungsgebiet umfasst neben der
müht und ebenfalls an den geplanten Karl-Marx-Straße auch sämtliche Sei-
Sanierung beteiligt ist. Die Karl-Marx- tenstraßen sowie die ehemalige Kindl-
Straße soll „wieder eine erfolgreiche Brauerei und den Karl-Marx-Platz. So
Einkaufsstraße werden“. „Jung, bunt, wie die QMs in den Kiezen von pri-
erfolgreich“ ist das vielsagende Mot- vaten Firmen wie der Brandenburgi-
to für die ‚Aufwertung‘, die teilweise schen Stadterneuerungsgesellschaft
schon begonnen hat. Auch wenn zu- aus Potsdam betrieben werden, so
nächst nur die Verkehrsführung umge- sind Unternehmen auch in die Aus-
baut werden soll, ist das Ziel, auf das arbeitung der Sanierungspläne ein-
die Sanierungsmaßnahmen hinaus- gebunden. Der Berliner Senat setzt
laufen, deutlich formuliert: Der „Stadt- damit weiterhin auf die Privatisie-
raum“ soll zum „Erlebnisraum“ werden rung öffentlicher Angelegenheiten.
– ein „Erlebnisraum“ in einem Viertel, Ebenfalls will der Senat das Gebiet
das, wie neueste Studien noch einmal zwischen Sonnenallee und Landwehr-
gezeigt haben, mit Abstand zu den kanal zum Sanierungsgebiet erklären.
ärmsten Berlins gehört. Das gesamte

genermaßen nach und nach weg; sie werden verdrängt. Die Stadtpolitik,
die auf internationalen Wettbewerb der Städte als Wirtschafts- und Kul-
turstandorte ausgerichtet ist, fördert solche Prozesse direkt und indirekt.
In Berlin gibt es verschiedene Viertel, bei denen von einer Gentrifi-
zierung gesprochen werden kann; dazu zählen unter anderem ein-
zelne Kieze in Prenzlauer Berg, Friedrichshain, Mitte, Treptow, Kreuz-
berg und Neukölln. Während Teile Westberlins bereits in den 70er
und 80er Jahren aufgewertet wurden, hat sich die Entwicklung im
Zuge der Wiedervereinigung nach 1990 teilweise rasant beschleunigt.
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Der Neuköllner Baustadtrat Thomas zumeist mit dem Sicherheitsbedürfnis
Blesing (SPD) schließt in diesem Zu- der Anwohner_innen argumentiert.
sammenhang nicht aus, dass es zu Dafür werden zahlreiche Ein-Euro-Job-
Verdrängungen kommen werde; und ber in Neukölln zur „Stadtbildpflege“
auch der Sanierungsplan formuliert eingesetzt und als Hilfssheriffs miss-
nicht explizit, dass die jetzigen Bewoh- braucht (zum Beispiel die sogenann-
ner_innen des Viertels bleiben sollen. ten „Kiezläufer“). Das im Schillerkiez
Ähnliche Programme will die Politik ansässige QM machte kürzlich mit
auch am südlichen Ende der Karl- der so genannten „Task Force Oker-
Marx-Straße umsetzen. Unter dem straße“ Schlagzeilen. Unter dieser
Namen „Stadtumbau West Neukölln- Bezeichnung will das QM für ein „si-
Südring“ soll hier der „Wirtschafts- cheres Wohnumfeld“ sorgen, welches
standort“ Neukölln gestärkt werden, zur Zeit durch „Trinkergruppen“ sowie
gerade auch in Erwartung einer „Kinder und Jugendliche vorwiegend
gesteigerten Nachfrage wegen des aus Roma-Familien“ verunsichert wer-
Ausbaus des Flughafens Schönefeld, de. In dem Konzeptpapier zur Einrich-
der manche schon von Neukölln als tung der Task Force (nicht zufällig ein
die „neue Mitte Berlins“ phantasie- Begriff aus dem militärischen Sprach-
ren lässt. Diese Maßnahmen werden gebrauch) werden Roma in rassisti-
die ‚Aufwertung‘ und ihre sozialen scher Weise mit Betteln in Verbindung
Folgen wesentlich beschleunigen. gebracht, sowie mit Beschaffungskri-
minalität, Prostitution und Schwarzar-
Gleichzeitig zu der sich verschlech- beit. Zu den Lösungsvorschlägen des
ternden Situation für Mieter_innen QMs gehört unter anderem die Ein-
greifen Politik und QM mit ordnungs- richtung von „Hauswartwohnungen“
politischen Maßnahmen in die Ent- zur besseren Überwachung. Vorge-
wicklung der Kieze ein. Hierbei wird sehen ist eine Koordination mit dem

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Schul- und Jugendamt, dem Ordnungs- Möglichkeiten. Weiter unten findet ihr
amt und der Polizei. Allerdings hat das einen Info-Kasten mit Adressen, an die
Projekt durch zahlreiche Proteste mit- ihr euch wenden könnt. Wenn ihr von
tlerweile starken Widerstand erfahren. Mieterhöhungen betroffen seid, ist es
Proteste gibt es auch gegen die allge- wichtig, dass ihr euch wehrt. Wir emp-
meine ‚Aufwertung‘. Es gab Demonst- fehlen allen, sich in der Berliner Mieter-
rationen und Kundgebungen für eine Gemeinschaft zu organisieren. Wich-
Öffnung des Tempelhofer Flugfeldes tig ist es aber auch, sich in den Kiezen
und gegen den Bau von teuren Woh- und in den einzelnen Häusern zu ver-
nungen und der Ansiedlung von Ge- ständigen und darüber zu beraten,
werbe auf dem Gelände. Die Vorgänge was ihr tun könnt. In diesem Sinne ist
in Neukölln sind nicht losgelöst vom das Feature auch ein Aufruf zum Han-
Rest der Berliner Politik und deren deln. Holen wir uns die Stadt zurück!
Abkehr von sämtlichen sozialen Stan-
dards im Rahmen einer neoliberalen Avanti. Projekt undogmatische Linke
und pro-kapitalistischen Stadtpolitik. Dezember 2009
Langsam formiert sich der Widerstand
gegen die Gentrifizierung Nord-Neu-
köllns. Voraussetzung dafür ist, die
politischen Entwicklungen nachzuvoll-
ziehen und sich über die wichtigsten
NEUKÖLLN IN DEN KOLLWITZPLATZ VERWANDELN?
Akteure zu informieren. Das Radiofea-
DER TRAUM VOM RAND IST AUSGETRÄUMT. NEU-
ture „Neukölln in den Kollwitzplatz ver- KÖLLN – SYMBOLISCHE UND REALE AUFWERTUNG.
wandeln?“ will hierzu beitragen. Es ist EINE ERKUNDUNG. EIN RADIOFEATURE VON MARTIN
längst an der Zeit, in die Entwicklung KASCHUBE. IN ZUSAMMENARBEIT MIT AVANTI. PRO-
einzugreifen. Dafür gibt es vielfältige JEKT UNDOGMATISCHE LINKE. LAUFZEIT: 53 MINUTEN

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DATEN UND FAKTEN weit das niedrigste, wobei sich die
Berlin ist traditionell eine Stadt der Armut wesentlich auf den Norden
Mieter_innen. Insgesamt gibt es Neuköllns konzentriert. Die Zahl der
1.941.000 Haushalte. Der Anteil der Bedarfsgemeinschaften liegt in al-
Einpersonenhaushalte, also der Sin- len Kiezen Nordneuköllns bei über
gles, ist sehr hoch (53%). Die Zahl 30%, in manchen bei über 40%.
der Wohnungswechsel innerhalb 7,6% aller Berliner Arbeitslosen und
des Stadtgebietes liegt bei 10,3%. 7,1% aller Langzeitarbeitslosen le-
Die Durchschnittsmiete in Berlin be- ben in Nordneukölln. Im gesamten
trägt pro Quadratmeter 4,83 Euro Bezirk liegt die Durchschnittsmiete
(ohne Heizung und Nebenkosten). bei 4,40 Euro, im Norden weichen
Neukölln zählt zu den ärmsten Be- die Zahlen aber ab. Während die
zirken Berlins. Im November 2009 Durchschnittsmiete in Nordneukölln
betrug die Arbeitslosenquote 18,4%. 5 Euro beträgt, liegen die Mieten im
Reuterkiez bei 5,75 Euro und mehr.
Das Pro-Kopf-Einkommen ist berlin-

ST E I G E N D E M I E T E N STO PP E N!
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