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Hintergrundinformationen zu Spenden.De - Transparent spenden - April 2010

Die Transparenz von gemeinnützigen Organisationen in Deutschland

von gemeinnützigen Organisationen in Deutschland Kontakt: Simon Stettner Schlesisches Str. 26

Kontakt:

Simon Stettner Schlesisches Str. 26 s.stettner@spenden.de

Zusammenfassung Vertrauen ist das Kapital, auf der die Bezie- hung zwischen Spendern und Hilfsorga- nisationen

Zusammenfassung

Vertrauen ist das Kapital, auf der die Bezie- hung zwischen Spendern und Hilfsorga- nisationen beruht. In der Vergangenheit wurde dieses sensible Verhältnis immer wieder durch Skandale gestört. Aufgrund fehlender staatlicher Offenlegungspflichten ist das Maß an Intransparenz im gemein- nützigen Sektor in Deutschland besonders hoch und trägt zur Verunsicherung der Öffentlichkeit bei.

Gegenwärtig interessiert sich eine immer größere Anzahl von Hilfsorganisationen für eine Verbesserung Ihrer Informati- onspolitik hinsichtlich des vertrauens- vollen Umgangs von Spendengeldern und öffentlichen Mitteln. Dies spiegelt sich in mehreren Transparenzinitiativen innerhalb der letzten Jahre wider, die aber aus verschiedenen Gründen nicht zu einem einheitlichen Transparenzstandard führten. Der Zeitpunkt für den Aufbau einer öffentlichen Datenbank, die zu einer stan- dardisierten Darstellung des über 500.000 Organisationen umfassenden 3. Sektors beiträgt, scheint besonders günstig. Auf diesen Zusammenhang baut das Projekt Spenden.De auf.

In der zweiten Jahreshälfte 2010 wird eine komplett überarbeite Version des Online- Services Spenden.De online gehen. Das Portal wird größtmögliche Transparenz und Sicherheit für Spender bieten. Im Mittelpunkt steht der Aufbau einer umfas- senden Informationsdatenbank zu gemein- nützigen Organisationen in Deutschland.

Der gesellschaftliche Nutzen einer solchen Datenbank liegt auf der Hand: Spender erhalten Überblick und Orientierung zu gemeinnützigen Organisationen - Wissen-

schaft, Presse und philantropische Inves- toren eine vertrauensvolle Informations- grundlage hinsichtlich Forschung, Bericht- erstattung und Finanzierung. Der freie Fluss an Informationen mindert Engage- mentbarrieren, verstärkt das Vertrauen in den 3. Sektor und führt insgesamt zu einer insgesamt Stärkung der Zivilgesellschaft.

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Einfache Fragen – Keine Antworten Spender in Deutschland haben es nicht einfach. Der am häufigst

Einfache Fragen – Keine Antworten

Spender in Deutschland haben es nicht einfach. Der am häufigst genannte Wunsch, sich vor einer Spende über gemeinnüt- zige Organisation zu informieren, bleibt meist unberücksichtigt. 1 Gerne hätte man gewusst, welche Organisation sich für die eigene Vorstellung einer besseren Welt besonders engagiert und effektiv einsetzt, ob es lokale Initiativen gibt, die man vor Ort unterstützen kann und welche der Orga- nisationen, die um Spenden bitten, seriös und als gemeinnützig anerkannt sind. Doch hierzulande wird man dazu nur schwer Informationen erhalten. Oft bleibt einem nur das Bauchgefühl und das Vertrauen in die Werbebotschaften gemeinnütziger Organisationen, um die Entscheidung zu fällen, wem man sein Geld für eine gute Sache anvertraut.

Eine unabhängige, staatliche Auskunfts- stelle, wie in anderen Ländern üblich, sucht man in Deutschland vergeblich. Aufgrund nicht existierender gesetzlicher Offenlegungspflichten bleiben selbst einfache Fragen, wie viele gemeinnützige Organisationen in Deutschland tätig sind und wer überhaupt gemeinnützig ist, unbe- antwortet. Auch gibt es keine offiziellen Zahlen zur Höhe der jährlichen Spenden. Dieses Informationsdefizit hat konkrete Auswirkungen: Es mindert Engagement- potentiale und wirkt sich negativ auf das Spenderverhalten in Deutschland aus.

1 77% der Bevölkerung wünscht eine

aktive Information der Öffentlichkeit durch Organisationen. 70% der Spender geben an, sich vor einer Spende über betreffende Organisationen zu informieren. Quelle: PWC, Studie Informationsbedarf und Vertrauen privater Spender, 2008.

„Ich traue niemandem mehr von diesen ganzen Organisationen“

Wissenschaftliche Erhebungen schätzen derzeit die Zahl der Privatspender auf 29 Millionen, die ein jährliches Spen- denvolumen zwischen € 2,9 und 5,2 Milliarden erreichen. 2 Diese Zahlen erscheinen zunächst beachtlich, stützen jedoch keinesfalls die These, dass es sich bei Deutschland um den „Spenden- weltmeister“ handelt. So liegt der Anteil der Spender an der Gesamtbevölkerung in den Niederlanden, Großbritanniens, Österreichs, Dänemarks, Sloweniens, Schwedens und Norwegen um 10 - 40% höher als in Deutschland. 3 In den USA übersteigt die Pro-Kopf-Spende die der Deutschen sogar um ein vielfaches. 4

Die Gründe für das verhaltene Spender- verhalten in Deutschland sind vielschichtig. wobei mangelnde Transparenz und ein latentes Vertrauensdefizit in gemeinnüt- zige Organisationen eine gewichtige Rolle spielen. Folgende Aussage gilt nach der Stifterstudie der Bertelsmann-Stiftung als repräsentativ für die Einstellung vieler Spender und Stifter in Deutschland:

„Ich traue niemandem mehr von diesen ganzen Organisationen. Minimum zwei Drittel aller Organisationen verplempern da viel, viel Geld, ohne es zu merken

] [

Tausende von anderen Menschen

denken genau so [

].

Die trauen keiner

2 Quelle: Freiwillligensurvey 2004 und

Emnid-Spendenmonitor 2004, vgl. Priller/ Sommerfeld (2005) S. 13f.

3 Quelle: European Social Survey

2002/2003, vgl. Priller/Sommerfeld (2005) S. 33f.

4 Quelle: Giving USA 2009: The Annual

Report on Philanthropy for the Year 2008. Hier entnommen aus einer Kurzfassung, abrufbar unter: http://www.givingusa.org/press_releases/

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gemeinnützigen Organisation, weil sie genau dieselben Erfahrungen gemacht haben [ ]“ . 5 Das hier

gemeinnützigen Organisation, weil sie genau dieselben Erfahrungen gemacht

haben [

]“.

5

Das hier konstatierte fehlende Vertrauen ist auch aus Statistiken ablesbar. Die Spen- derquote in Deutschland stagniert seit Jahren. 6 Die Mehrheit der Nicht-Spender geben an, dass negative Schlagzeilen und Medienberichte über gemeinnützige Orga- nisationen sie zu dieser Maßnahme verlei- ten. 7

Tatsächlich ist die Liste großer und kleiner Spendenskandale lang. Exemplarisch hierfür könnte der Fall des Deutschen Tier- hilfswerkes stehen, das unter dem Vorwand gequälten Tieren zu helfen, bis zum Jahr 2000 über 25 Millionen Euro an Spen- dengelder hinterzog. 2010 sorgten die so genannte Maserati-Affäre um die Berliner Treber-Hilfe und die gerichtliche Auseinan- dersetzung zwischen Alice Schwarzer und der Frauenrechtsorganisation Hatun&Can e.V. über die Veruntreuung einer 500.000€ Spende für ähnliches Medienecho.

Als besonders vertrauensschädigend für den 3. Sektor erwies sich der UNICEF- Skandal Anfang 2008. Hier geriet zum ersten Mal eine besonders anerkannte Hilfsorganisation mit hunderttausenden Unterstützern in den Fokus negativer Berichterstattung. Schnell wurden allge- meine Zweifel an der zweckgerichteten Mittelverwendung von gemeinnützigen Organisationen laut. So gaben 2008 fast 20% aller Spender an im nächsten Jahr nicht mehr spenden zu wollen. Begründet

5 in: Timmer, K. (2005), S. 66.

6 Die Spenderquote 2009 liegt auf dem

gleichen Niveau wie 1997 bei 39%. Quelle: Emnid

Spendenmonitor 2009.

7 Quelle: PWC, Studie Informationsbedarf und Vertrauen privater Spender, 2008.

wurde dieser Entschluss mehrheitlich mit der Aussage, dass man nicht sicher

sei, ob die Spenden allgemein auch dort ankommen, wo sie sollten. 8

Viele seriös arbeitende Organisationen haben ein Problem. Sie arbeiten offen, ehrlich und satzungsgebunden und kommunizieren die Ergebnisse Ihrer Arbeit transparent an die Öffentlichkeit. Jedoch sehen sie sich pauschalen Vorwürfen von Spendern konfrontiert. Gemäß der Devise „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ weisen Kritiker darauf hin, dass allein eine staatliche Rechenschaftspflicht entlas- tendes Beweismaterial liefern könne, die den 3. Sektor von dem Vorwurf der Verun- treuung, Ineffektivität und Intransparenz freisprechen könne.

Sah man dies im Sektor lange anders, fand spätestens seit dem UNICEF-Skandal ein Umdenken statt. Der Zusammen- hang zwischen mangelnder Transparenz, fehlendem Vertrauen und rückläufigen Spendenbeiträge veranlasste große Dach- organisationen sich für Offenlegungs- pflichten auszusprechen. Die Verbände Deutscher Spendenrat und VENRO star- teten gar eigene Initiativen. 9 Es scheint, als ob die Problemwahrnehmung für das im europäischen Vergleich stark ausge- prägte Maß an Intransparenz im gemein- nützigen Sektor zunehme.

8 Quelle: PWC, Studie Informationsbedarf und Vertrauen privater Spender, 2008.

9 2008 initierte der Deutsche Spendenrat

eine bindende Selbstverpflichtung für Ihre Mitglieder. Abrufbar unter http://www.spendenrat. de/index.php?selbstverpflichtungserklaerun g. Der Entwicklungsorganisationendachverban d VENRO entwickelte einen Verhaltenskodex, der weitgehende Bestimmungen zu Transparenz beinhaltet. Abrufbar unter http://www.venro.org/ venro-kodizes.html.

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Deutschland – Intransparenzwelt - meister? Kaum ein Staat ist ähnlich großzügig in der Vergabe von

Deutschland – Intransparenzwelt- meister?

Kaum ein Staat ist ähnlich großzügig in der Vergabe von Steuerprivilegien und Fördermitteln an gemeinnützige Orga- nisationen, verzichtet aber gleichzeitig auf eine wirksame Rechenschaft, was mit diesen Geldern passiert. 10 Einzig die Finanzämter überprüfen Einnahmen und Ausgaben gemeinnütziger Organisationen nach Ihren gemeinnützigen Zwecken. Da aber diese Angaben unter das Steuerge- heimnis fallen und auf über 600 dezent- rale Finanzämter verteilt liegen, ist eine Abfrage dieser Organisationsdaten nicht möglich. Kommunale Vereinsregister bieten lediglich rudimentäre Auskünfte, wie Adresse und Satzungszweck und sind darüber hinaus veraltet und umständ- lich abfragbar. 11 Es liegt nahe, dass der intransparente Umgang mit öffentlichen Mitteln in anderen Sektoren zu Protesten führe. In Deutschland verzichtet man aber unter dem Siegel der Barmherzigkeit auf jegliche Informationspflicht.

Dabei ist der gemeinnützige Sektor in Deutschland von beeindruckender Größe. Insgesamt setzt er sich aus geschätzten 600.000 Vereinen, Selbsthilfegruppen, Organisationen, Stiftungen und gemein- nützigen Unternehmen zusammen. Allein in den Bereichen Umwelt, Kultur und Wohl- fahrt sind weit über gemeinnützige 150.000 Organisationen tätig. Mehr als 20 Millionen Menschen engagieren sich ehrenamtlich.

10 Nach Schätzungen von Transparency

International liegt der Anteil öffentlicher Mittel an der Finanzierung des gemeinnützigen Sektors in Deutschland bei 60%, Quelle: Transparency International Deutschland. Im internationalen Vergleich liegt dieser Anteil bei 42%, s. Zimmer/ Priller (2007). S.42.

11 vgl. Vogelsang (2005), S. 52ff. u. Selbig

(2006) S.287ff.

Gleichzeitig stellt der so genannte Dritte Sektor mit dem Deutschen Caritasver- band und dessen ca. 500.000 hauptamt- lichen Beschäftigten den größten nicht staatlichen Arbeitgeber des Landes. 12

Angesichts der Ausmaße und zuneh- menden Bedeutung des 3. Sektors kriti- siert Transparency International seit Jahren die mangelnde Transparenz-Praxis auf dem Spendenmarkt und fordert vom Staat die Schaffung eines bundesweiten, elektronischen und kostenlos einsehbaren Vereinsregisters. 13 Es sei widersinnig, warum ein Sektor, der sowohl von dem Steuerprivileg also auch von steuerlich absetzbaren Spendern in hohem Maße durch öffentliche Gelder finanziert werde, geringeren Offenlegungspflichten unter- läge als der privatwirtschaftliche Bereich. Dabei gehe es lediglich um Mindestinfor- mationen, wie Adresse, Tätigkeitsfelder und Spendenaufkommen. Experten gilt aber eine baldige Gesetzesänderung als unwahrscheinlich. Im Gegenteil, Kontrol- linstrumente auf Länder-Ebene, wie z.B. diverse Sammlungsgesetze, wurden im Zuge einer Entbürokratisierung abge- schafft. Dabei ist Transparenz ein wirk- sames Instrument das verloren gegan- gene Vertrauen in den gemeinnützigen Sektor wieder zu gewinnen.

Weil Transparenz Vertrauen schafft

Alle gemeinnützigen Organisationen brauchen, sei es um sich zu finanzieren, Mitstreiter zu finden oder ihre ideelle Mission auszuüben, langfristiges öffent- liches Vertrauen. Gerade weil non-profit- Organisationen als Intermediär zwischen Bedürftigen und Wohltäter auftreten, steht

12 s. WZB (2009), S. 208f.

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der gemeinnützige Sektor unter einem erhöhten Legitimitätsdruck. Anders als im kommerziellen Bereich erhält der

der gemeinnützige Sektor unter einem erhöhten Legitimitätsdruck. Anders als im kommerziellen Bereich erhält der Spender kein konkretes Produkt, sondern ermög- licht eine durch ihn finanzierte Wohltat zu Gunsten Dritter. Da aber sowohl Finan- ziers (Staat, Spender, Stifter) als auch Empfänger selten in Kontakt treten und dadurch nur erschwerend die Leistung einer Hilfsorganisation überprüfen können, basiert das Verhältnis im Wesentlichen auf dem Vertrauen, dass Gelder zielorientiert und wirksam eingesetzt werden.Auch wenn in Deutschland, wie bereits beschrieben, keine gesetzlich bindende Rechenschafts- pflicht besteht, ist der Non-Profit-Sektor einer ethisch-moralisch begründeten Transparenzpflicht unterworfen. 14

In der Regel erkennen gemeinnützige Organisationen diese Rechenschaftspflicht gegenüber Spendern und Anspruchs- gruppen an. Allein die Auffassungen, worin diese Rechenschaft bestehe, weichen erheblich voneinander ab. Während die einen schon in der Ausweitung Ihrer Public-Relations-Aktivitäten in Form von Spenderwerbebroschüren einen Beitrag zu Transparenz sehen, versuchen andere durch aufwendige Wirkungsevaluationen die Effizienz Ihrer Maßnahmen zu messen und intern wie öffentlich zu demonstrieren. Die fehlende Vergleichbarkeit dieser Maßnahmen verhindert eine sinnvolle Orientierung des Spenders.

Das Problem fehlender Transparenz-Stan- dards haben bereits große Wohlfahrtsver- bände und Dachorganisationen erkannt. Dennoch konnten sich diese bisher nicht auf einen einheitlichen Standard hinsicht- lich einer freiwilligen Selbstverpflichtung einigen. Zu unterschiedlich gestalten sich

14 s. Dobbertin (2005), S. 9ff.

die Erwartungen und Begriffsverständ- nisse einer Transparenzkultur. 15

Einige gemeinnützige Organisationen begegnen Appelle zu mehr Transparenz mit dem Hinweis auf hohe Kosten, die diese verursache. Dadurch würde der Anteil an Verwaltungskosten steigen und die eigentliche satzungsgemäße Arbeit leiden. Übersehen wird dabei, dass dem Finanzamt bereits jährlich umfang- reiche Daten übermittelt werden, die im Sinne einer Mindesttransparenz auch ohne Evaluierungsaufwand gegenüber der Öffentlichkeit kommuniziert werden können. Auch ist das Argument gestie- gener Publizierungskosten in Zeiten des Internet vernachlässigbar.

Eine andere Befürchtung von Verantwort- lichen aus dem 3. Sektor ist, dass eine Offenlegung zu einer permanenten Recht- fertigung gegenüber Dritten führe. Beson- ders in der Rolle als ehrenamtlich Aktiver, verspürt man wenig Willen sich für seinen scheinbar selbstlosen Einsatz rechtfer- tigen zu müssen. Ein anderes Gegenar- gument zielt auf die Befürchtung ab, dass „konkurrierende“ Organisationen Einblick in „Geschäftsgeheimnisse“ erhalten.

Die Verengung des Begriffs von Trans- parenz auf die Bedeutung der Kontrolle Dritter überlagert oftmals die positiven Bedeutungen. Neben der bereits thema- tisierten Vertrauensbildung gegenüber anderen Anspruchsgruppen, dient Trans- parenz auch als integraler Vorraussetzung einer zielorientierten und effizienten Orga- nisationskultur, die gemessen an selbst gewählten Indikatoren mit gegebenen Ressourcen möglichst viel an guten Taten bewerkstelligen möchte.

15 vgl. Boldt (2008).

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Transparenzinitiativen in Deutschland Da auf der Ebene der Dachverbände keine Einigung bezüglich allgemeiner Mindest-

Transparenzinitiativen in Deutschland

Da auf der Ebene der Dachverbände keine Einigung bezüglich allgemeiner Mindest- kriterien eines Transparenzstandards gefunden wurde, entstanden für verschie- dene Bereiche eine Reihe eigener freiwil- liger Selbstverpflichtungen, die dem rück- läufigen Vertrauen der Spender entgegen- wirken soll. Im Resultat besteht heute rund ein Dutzend dieser Initiativen, die aber meist unter der Wahrnehmungsschwelle der Öffentlichkeit liegen und aufgrund Ihrer fehlenden Unabhängigkeit wenig Subs- tanz als Gütekriterium besitzen. 16

Derzeit wird in der öffentlichen Wahr- nehmung einzig das Spendensiegel des DZI als eine qualitative Auszeichnung für Transparenz und Organisationsfüh- rung wahrgenommen. In einem über 100 Kategorien umfassenden Berichts- rahmen werden Fragen zu Fundraising, Werbung, Mittelverwendung, Finanzen und Leistungsorgane behandelt. Das Siegel geht dabei weit über einen stan- dardisierten Transparenzberichtsrahmen hinaus. Anhand qualitativer Kriterien mit z.T. ethisch-moralischen Bezügen definiert das DZI eine ideale Organisationskultur und spricht daraufhin konkrete Spende- empfehlung aus. Das DZI-Spendensiegel tragen derzeit 254 deutsche Organisati- onen. 17 Bei einer geschätzten Gesamt- zahl von 600.000 gemeinnützigen Orga- nisationen bedeutet dies ein Anteil am Gesamtsektor von 0,04% Diese geringe Reichweite ist zum einen auf finanziellen

16 Beispiele sind: Datenbank des

Spendeninstituts Krefeld, Selbstverpflichtung Deutscher Spendenrat, Ethik-Kodex Deutscher Fundraiserverband, VENRO Verhaltenskodex,

Transparenzcharta Berlin, Diakonischer Corporate Governance Index u.a

17 weitere Informationen unter www.dzi.de.

Restriktionen zurückzuführen, da eine Prüfung durch das DZI von den Organi- sationen selbst finanziert werden muss, zum anderen daran, dass regional tätige Organisationen generell ausgeschlossen werden.

Noch exklusiver gestaltet sich der jährlich von PriceWaterhouseCoopers organisierte Wettbewerb Transparenzpreis. Hier liegt die Eingangsschwelle für Organisationen bei einem jährlichen Spendenvolumen von 1.000.000 Euro. Im Unterschied zum DZI- Spendensiegel dient hier ein wertfreies Kategorienschema als Bemessungsgrund- lage, das sich an Wirtschaftsprüfungsstan- dards der Wirtschaft orientiert. Ziel des Wettbewerbs ist es die Transparenzkultur besonders großer Hilfsorganisationen zu fördern. Beim Transparenzpreis 2009 nahmen 60 Organisationen teil. 18

Das DZI und der Transparenzpreis decken mit Ihrem Fokus auf die besonders großen und kapitalintensiven Hilfsorganisationen einen kleinen, gemessen an der Spenden- summe aber wichtigen Teil des deutschen Spendenmarkts ab. Mittlere und insbeson- dere kleine gemeinnützige Organisationen bleiben aber von einer öffentlichkeitswirk- samen Auszeichnung, die Transparenz sichtbar belohnt, ausgeschlossen. Prob- lematisch ist auch, dass die Angaben der Organisationen im Falle des Transparenz- preises nicht, und im Falle des DZI nur eingeschränkt vergleichend veröffentlicht werden. Das Ziel einer flächendeckenden und sektorübergreifenden Transparenz leisten diese Initiativen nicht.

Hier setzte 2005 eine Initiative unter dem Namen Guidestar Deutschland an. Erklärtes Ziel war die Schaffung einer

18 weitere Informationen unter www.pwc.de/

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internetgestützten, deutschlandweiten Datenbank zu gemeinnützigen Organi- sation, um das beschriebene Informati-

internetgestützten, deutschlandweiten Datenbank zu gemeinnützigen Organi- sation, um das beschriebene Informati- onsdefizit in Deutschland zu minimieren. Dabei bedient sich die Initiative eines in den USA und England bereits erfolgreich praktizierten Konzepts. Hier werden Daten von staatlichen Stellen abgerufen, durch freiwillige Selbstauskünften gemeinnüt- ziger Organisationen ergänzt und für eine multiple Weiterverwendung aufbereitet. Die Initiatoren der deutschen Initiative planten fehlende staatliche Daten durch eine freiwillige Selbstauskunft gemeinnüt- ziger Organisationen zu kompensieren. 19 Das mit EU-Mitteln geförderte Projekt setzte bei der Durchführung auf die Unter- stützung der großen Dachverbände des gemeinnützigen Sektors. Da kein Kompro- miss gefunden wurde, welche Daten abzufragen seien, lief das Projekt ergeb- nislos aus ohne jemals online gegangen zu sein. 20

Somit ergibt sich die heutige Situation, dass in Deutschland kein wirksames Inst- rument besteht, um flächendeckende Transparenz im 3. Sektor zu fördern. Orga- nisationen werden kaum Anreize geboten durch eine freiwillige Selbstverpflichtung fehlende staatliche Rechenschaftspflichten zu kompensieren. Welchen Nutzen eine internetgestützte, flächendeckende Trans- parenzplattform hat, erfahren Sie im nächsten Kapitel.

Der Nutzen von Transparenz

Transparenz rettet Leben, behaupten die Gründer von Aiddata 21 , einer der

19 weitere Informationen unter www.

20

vgl. Boldt (2008).

21

weitere Informationen unter www.aiddata.

org

größten internationalen Datenbanken zu Projekten staatlicher Entwicklungshilfe. Sie begründen diese Behauptung auf Erkenntnissen einer Studie, die im länd- lichen Raum von Uganda den Einfluss eines Transparenzprojektes maß, bei der 50 Krankenstationen mit Gesund- heitsinformationen der jeweiligen Stati- onen untereinander versorgt wurden. Nach Projektablauf starben 800 weniger Menschen, da falsche Behandlungsmaß- nahmen minimiert und effektive medizini- sche Versorgung gewährleistet wurde. 22 Auch wenn das Projekt nur begrenzte Gültigkeit im Rahmen der Entwicklungs- zusammenarbeit besitzt, ist es ein beson- ders anschauliches Beispiel, dass Trans- parenz die Grundlage für die Zirkulation von Innovationen und gemeinschaftlichen Lernprozessen ist.

Der gemeinnützige Sektor in Deutschland sieht sich aufgrund eines allgemeinen Wertewandels im Zuge demographi- scher Entwicklung, sinkenden staatlichen Transferzahlungen und einer wachsenden marktwirtschaftlichen Ausrichtung beson- deren Herausforderungen gegenüber. 23 Aus den veränderten Rahmenbedin- gungen entsteht die Notwendigkeit neuer Netzwerkbildungen und Interaktions- formen. Transparenz in Form einer stan- dardisierten Datenbank bietet hier eine wichtige Entscheidungsgrundlage, die Interaktionen vereinfacht und fördert. Der Nutzen einer Datenbank definiert sich je nach Bezugsgruppen verschieden:

Spender erhalten Überblick und Orientie- rung zu gemeinnützigen Organisationen; die Wissenschaft umfassendes Daten- material zur Erforschung des 3. Sektors und eine Basis für Wirkungsevaluationen;

22 vgl. Björkmann und Svennsson (2009).

23 s. Zimmer/Priller (2007), S. 107ff.

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Medien eine Grundlage für Recherche und Berichterstattung und somit einer höheren öffentlichen Wahrnehmung,

Medien eine Grundlage für Recherche und Berichterstattung und somit einer höheren öffentlichen Wahrnehmung, philanthropi- sche Investoren eine Entscheidungshilfe für die Finanzierung sozialer Projekte und staatliche Stellen eine Basis zur Gestaltung einer faktenorientierten Politik. Allgemein bedeutet ein höherer Transpa- renzstandard im 3. Sektor einen freieren Fluss an Informationen, der Engagement- barrieren mindert und Vertrauen in den 3. Sektor stärkt. 24

24 vgl. Guidestar International (2006).

Literatur Björkmann und Svensson (2009): When is community-based monito- rin g effective? , abrufbar unter:

Literatur

Björkmann und Svensson (2009):

When is community-based monito- ring effective?, abrufbar unter: http:// didattica.unibocconi.it/mypage/

Boldt, K. (2008): Von Glasnost-Befür- wortern, Bremsern und Tricksern auf dem Spendenmarkt, 27.10.2008. abrufbar unter http://www.epo.de/index. php?option=com_content&task=view&id=

Dobbertin, S. (2005): Accountability im Dritten Sektor, Die Problematik der Institutionalisierung von Transparenz unter besonderer Berücksichtigung des Online Informationsportals GuideStar Deutschland. Abrufbar unter: http://www. fundraising.de/content/fundrais/download/ Diplomarbeit_Accountability.pdf

Frankfurter Allgemeine Zeitung: Das zähe Geschäft mit der Transparenz, 22.2.2008. Abrufbar unter: http://www.

Frankfurter Allgemeine Zeitung: Die heimlichen Geschäfte der Wohltäter, 4.12.2006. Abrufbar unter: http://www.

Guidestar International, Hrsg. (2006):

The Value of Guidestar, abrufbar unter http://www.guidestarinternational.org/

Selbig, S. (2006): Förderung und Finanz- kontrolle gemeinnütziger Organisationen in Großbritannien und Deutschland, In:

Studien zum ausländischen und internati- onalem Privatrecht, Bd. 173, Tübingen.

Timmer, K. (2005): Stiften in Deutsch- land - Die Ergebnisse der StifterStudie, Gütersloh.

Vogelsang, M. (2005): Machbarkeits- studie Guidestar Deutschland. Abrufbar unter: http://guidestareurope.org/uploads/ pdfs/MB-Studie_red.pdf

WZB, Hrsg. (2009): Bericht zur Lage und zu den Perspektiven des bürgerschaft- lichen Engagements in Deutschland, Berlin.

Zimmer, A./Priller, E. (2007): Gemeinnüt- zige Organisationen im gesellschaftlichen Wandel, Wiesbaden.

Quellen

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Freiwilligen- survey 2004.

European Social Survey (ESS)

2002/2003.

Giving USA (Hrsg.): The Annual Report on Philanthropy for the Year 2008. Hier entnommen aus einer Kurzfassung,

Seite 10

abrufbar unter: http://www.givingusa.org/ press_releases/gusa/20070625.pdf TNS Emnid Spendenmonitor PWC (Hrsg.): Studie

abrufbar unter: http://www.givingusa.org/

TNS Emnid Spendenmonitor

PWC (Hrsg.): Studie Informationsbedarf und Vertrauen privater Spender 2008.

Transparency International:

Arbeitspapier der AG „Transpa- renz im Nonprofit-Sektor“ (2009), abrufbar unter: http://www. transparency.de/fileadmin/pdfs/ Themen/ Nonprofit/Arbeitspa-