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Mögliche akustische Effekte bei Windparks

ein Beitrag von Dipl. Ing. Jürgen Kurtz

Derzeit wird eine höchst bemerkenswerte Debatte über Schallwirkungen von Windkraft- anlagen geführt. Die eine Seite beruft sich auf Schallmessungen. Sie weisen wiederholt aus, dass die entsprechenden Schallpegel im sehr tiefen Frequenzbereich einschließlich Infraschall erheblich unterhalb der zulässigen Werte bzw. Wahrnehmungsschwelle liegen. Betroffene beklagen demgegenüber teils wahrnehmbare Geräusche im tiefen Frequenz- bereich. Und weil die o.g. Messwerte ständig etwas Anderes aufzeigen, wird die Anwend- barkeit der TA Lärm in Abrede gestellt. Zudem muss das Gehörte etwas Besonderes sein, sprich Infraschall, über den es zu forschen gilt.

Die eine Seite wird sich weiter auf die Messberichte von Einzelanlagen berufen können, ist sich aber nicht bewusst, dass sie den Gültigkeitsbereich der Messergebnisse verlässt, wenn sie von Messungen im Nahbereich an ausgewählten Einzelanlagen auf Schallwirkungen eines Windparkes im Fernbereich schließt. Gedanken, dass ein Windpark mehr sein könnte als nur eine bloße Ansammlung von Einzelanlagen, kommen nicht auf. Die andere Seite akzeptiert die bisherigen Messberichte und wird weiter unter dem teilweise hörbaren Schall leiden. Aus der gegebenen Situation heraus, werden unerforschte Wirkungen im Infraschallbereich postuliert. Praktisch niemand belässt es bei seinen Sinneswahr- nehmungen, dass man eben auch etwas hört und es sich deshalb in Teilen auch um Hörschall handeln muss. Denn wenn man von Hörschall ausgeht, müssten Zweifel darüber aufkommen, ob die generalisierten Schlussfolgerungen aus Messberichten überhaupt zutreffen.

Im Februar 2016 hat die Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden- Württemberg seinen Bericht mit dem Titel:

Tieffrequente Geräusche inkl. Infraschall von Windkraftanlage und anderen Quellen Bericht über Ergebnisse des Messprojekts 2013 2015 veröffentlicht (http://www4.lubw.baden-wuerttemberg.de/servlet/is/257896/). Wie der Titel schon sagt, befasst sich ein Teil dieses Berichtes mit Geräuschen von Wind- kraftanlagen. Das nachfolgende, dem Bericht entnommene, Pegel-Frequenz-Diagramm zeigt für den Nahbereich eines Windrades die bekannte Situation. Die Blattdurchgangsfrequenz und eine Anzahl von dessen Oberwellen zeichnen sich in diesem Diagramm im Infraschallbereich deutlich ab. Als entsprechender Frequenzbereich ist der zwischen etwa 1 Hz und etwa 5 Hz auszumachen.

In weiterer Entfernung, also bei den Betroffenen, wird sich das Windradgeräusch durch die Entfernungsdämpfung soweit

In weiterer Entfernung, also bei den Betroffenen, wird sich das Windradgeräusch durch die Entfernungsdämpfung soweit abmindern, dass es unter die Kurve des Hintergrundgeräusches absinkt und damit scheinbar verdeckt wird. Überdies (hier nicht gezeigt) liegen gleichzeitig die Infraschallpegel des Windrades weit unterhalb der Wahrnehmungsschwelle. Dies sind die Erkenntnisse aus obigem Diagramm.

Den gleichen Sachverhalt soll das nachfolgende aber stilisierte Pegel-Frequenz-Diagramm zeigen (blaue Linie: Frequenzspektrum des Windradgeräusches einer Einzelanlage). Eingezeichnet (ebenfalls stilisiert) ist diesmal auch eine Wahrnehmungsschwelle (rote Linie).

ist diesmal auch eine Wahrnehmungsschwelle (rote Linie). Wirken nun mehrere Anlagen ein, ist eigentlich zu erwarten,

Wirken nun mehrere Anlagen ein, ist eigentlich zu erwarten, dass sich der Frequenzbereich mit dem Faktor verbreitert, der der Anzahl der einwirkenden Anlagen entspricht. Bei 2 Anlagen müsste sich folglich der Frequenzbereich von 1 Hz bis 10 Hz ausweiten.

Bei 10 relevant einwirkenden Anlagen ist es dann schon ein Bereich zwischen 1 Hz und 50 Hz. Diese gedachte Situation macht auch das nachfolgende stilisierte Pegel-Frequenz- Diagramm deutlich.

nachfolgende stilisierte Pegel-Frequenz- Diagramm deutlich. Das Diagramm zeigt, dass durch diesen Summationseffekt ein

Das Diagramm zeigt, dass durch diesen Summationseffekt ein Gesamtgeräusch generiert werden würde, dass in den Hörfrequenzbereich hineinragt und dort zu Überschreitungen der Hörschwelle führen kann und damit hörbar sein würde, obwohl jedes der einzelnen Windräder in solitärer Lage im Infraschallbereich ungehört verharren würde. Dieser Entstehungsmechanismus ist hierbei ganz ähnlich dem einer Lochsirene (siehe:

oder https://www.youtube.com/watch?v=hWMsTik-EaM). Nur das hier die Luftdruckschwankungen nicht durch eine Lochscheibe, sondern durch mehrere Rotoren erzeugt wird. Dabei fungiert der Wind als „Druckluftquelle“.

Zu vermuten ist, dass sich dieses Diagramm erst in einiger Entfernung zeigt. In der Realität wären auch sicherlich starke Abweichungen von der obigen Ideallinie zu erwarten. Einflussfaktoren könnten z.B. sein:

- Entfernung Immissionsort zum Windpark,

- Entfernungsverteilung zwischen Immissionsort und einzelnen Windrädern,

- unterschiedliche Windradtypen im Windpark.

Diesen Gedankengang folgend habe ich eine eigene Geräuschaufzeichnung durchgeführt und diese dann mittels FFT analysiert.

Geräuschquelle war in diesem Fall ein von meinem Grundstück rund 2 km entferntes Windfeld mit 15 Windkraftanlagen mittlerer Leistung, wobei 14 Anlagen des gleichen Typs sind. Der Winkelbereich, bezogen auf den Messort beträgt rund 30°. Die Messung fand um etwa 23:00 Uhr statt. Gemäß Wetterstationsdaten herrschte Wind (Stationshöhe) mit einer durchschnittlichen Windgeschwindigkeit von 11 km/h (Böen bis 14 km/h). Der Wind wehte praktisch genau vom Windpark in Richtung Messort. Anhand der Ballonaufstiegsdaten der nächststehenden Wetterstation Lindenberg von 0:00 Uhr herrschte zu dieser Zeit bis zu einer Höhe von mindestens 290 m eine Inversionswetterlage. Zusätzlich sei angemerkt, dass sich zwischen Windfeld und meinem Grundstück eine ca. 40 m

hohe Geländestufe befindet. Die Windräder stehen dabei auf dem Plateau und der Messort liegt praktisch im Windschatten der Anhöhe. Ergebnis dessen war, dass in Messposition praktisch Windstille herrschte. Es lagen also besonders günstige Messbedingungen vor. Zudem liegt mein Grundstück in sonst sehr ruhiger Lage, sodass einschließlich Windparkgeräusch ein Immissionspegel von nur rund 30 dB(A) ermittelt wurde (RFT Impulsschallpegelmesser 00014).

Der Betrieb der Anlagen im Windfeld war während der Messung deutlich als pulsierendes tiefes Gesamtgeräusch mit Tonhaltigkeiten im höherfrequenten Bereich hörbar. Dieses Gesamtgeräusch hatte keine Ähnlichkeiten mehr mit typischen Geräuschen von Windkraft- anlagen im Nahbereich.

Zur Geräuschaufzeichnung benutzte ich im üblichen Handel erhältliche Technik bzw. freie Software. Das verwendete Messmikrofon (Kugelcharakteristik) der Klasse 1 (MicW M 215) hat ein Eigenrauschen von 18 dB(A). Als digitales Aufzeichnungsgerät kam ein Zoom H6 zum Einsatz. Die Abtastrate betrug 44100 Hz und der Dynamikumfang 16 bit (mono). Für die Berechnung der FFT (Fensterung: Hanning) verwendete ich das Programm Audacity. Heraus kam folgendes Pegel-Frequenz-Diagramm (Linienbreite: rund 2,7 Hz).

Pegel-Frequenz-Diagramm (Linienbreite: rund 2,7 Hz). Zu sehen ist, dass sich solch ein erwarteter Frequenzverlauf

Zu sehen ist, dass sich solch ein erwarteter Frequenzverlauf offenbar eingestellt hat. Das Ende des markanten Frequenzblockes liegt bei etwa 78 Hz (durch Pfeil gekennzeichnet). Unter Zugrundelegung der weiter oben beschriebenen Herleitungen wäre ein Frequenzbereich bis etwa 75 Hz zu erwarten gewesen (15 WKA * 5 Hz). Das ist eine sehr gute Überein- stimmung.

Nach weiterer Überlegung wäre zu erwarten, dass die Differenz zwischen dem höchsten Pegel des Schmalbansdspektrums und dem niedrigsten Pegel am Ende der Rampe(78 Hz) mit der Entfernungsverteilung der Windräder im Windpark korreliert. Die kürzeste Entfernung zwischen einem Windrad des Windparkes und dem Messort beträgt 1,51 km. Das weitest gelegene Windrad steht in einem Abstand von 2,79 km. Die Differenz D errechnet sich folglich aus der Formel

= 20 ∗ log⁡( 2,79

und beträgt 5,3 dB. Aus dem Schmalbandspektrum lässt sich demgegenüber eine Differenz von 5,1 dB ermitteln. Auch das ist eine sehr gute Übereinstimmung (siehe nachfolgendes Bild).

1,51⁡ )

5,1 dB
5,1 dB

Dies alles sind die Ableitungen im Zusammenhang mit dem dichtest gelegenen Windpark. Im Schmalbandspektrum ab etwa 78 Hz weiter nach rechts ist allerdings eine weitere Rampezu erkennen. Möglicherweise repräsentiert sie Windräder in noch weiterer Entfernung. Dazu gehören ein Windpark mit 9 Windrädern in einem Abstand zwischen rund 3,8 km und 6,0 km und ein 3. Windpark mit 11 Windrädern in einem Entfernungsbereich zwischen rund 8,9 km und 10,2 km. Alle 3 Windparks zusammen überstreichen einen Winkel (bezogen auf den Messort) von rund 60°.

2. Windpark ? 3. Windpark ?
2. Windpark ?
3. Windpark ?

Zum Schluss sei auch die andere mögliche Variante erläutert. In sehr kurzen Zeitabschnitten könnte das Infraschallpeak (Rotorblatt passiert den Turm) sämtlicher Windräder den Immissionsort zur gleichen Zeit erreichen. Dann müsste das Gesamtpeak deutlich höher als das entsprechende Peak der Einzelanlage ausfallen. Nach dieser Überlegung wäre somit auch die Kontrolle der frequenzbezogenen Maximalpegel erforderlich, um zu prüfen, ob der resultierende Maximalpegel zulässige Werte einhält oder nicht.

Fazit:

Die Logik der beschriebenen Mechanismen springt ins Auge. Für eine allgemeine Akzeptanz reicht das aber nicht aus. Die eigene Messung und auch das dabei hörbare Geräusch sind aber starke Argumente dafür, den Sachverhalt ernst zu nehmen und weitere Untersuchungen anzustrengen. Deshalb halte ich es für sachdienlich und erforderlich, hier weitere Immissionsmessungen an Windparks durchzuführen. Sie sollte bei günstigen Bedingungen erfolgen. Dazu zähle ich Inversions- wetterlagen in der Dämmerungszeit bzw. in der Nacht.

Sollte sich der Sachverhalt bestätigen, hätte das erhebliche Auswirkungen auf die Bewertung des Schalls von Windparks. Wichtige Punkte wären:

1. Windparks generieren im unteren Frequenzbereich ein markantes Geräusch. Der betroffene Frequenzbereich ist dabei abhängig von der Anzahl der Windräder insgesamt. Bei 4 Wind- kraftanlagen ist lediglich der Infraschall berührt (bis 20 Hz). Bei mehr als 4 Windkraft- anlagen reicht das Geräusch (u.U. bis weit) in den Hörschallbereich hinein (ab 20 Hz)

2. Bei Untersuchungen zur Wirkungen von Windradgeräuschen auf den Menschen im Infraschallbereich und im Bereich tiefer Frequenzen gemäß DIN 45680 ginge es nicht mehr nur darum, ob Auswirkungen mit den bisher angenommenen Pegelhöhen auftreten können. Vielmehr müsste erst einmal ermittelt werden, welche Pegelhöhen dieses Geräusch überhaupt erreichen kann

3. Ein Windpark wäre lauter als die einfache Summe der Einzelanlagen. Denn der Windpark erzeugt (wie erläutert) einen zusätzlichen Schallanteil, der sich sowohl bei der Beurteilung tieffrequenter Geräusche nach DIN bzw. DIN (E) 45680 als auch bei der Bestimmung des Beurteilungspegels nach TA Lärm niederschlagen würde.

4. Emissionsmessungen (Nahbereichsmessungen) von Einzelanlagen wären für die Kontrolle von Windparks nicht ausreichend. Vielmehr würden Immissionsmessungen erforderlich werden, wie es auch der Regelfall der TA Lärm vorsieht.

5. Beim Lärm von Windparks ginge es nicht mehr nur um den Abstand zur Wohnbebauung, sondern auch um die Anzahl von Windkraftanlagen im Windpark. Denn es würde einen Unterschied machen, wenn (wie hier am Beispiel gezeigt) bei 15 Windrädern der besagte Frequenzbereich bei etwa 75 Hz und bei 30 Windkraftanlagen erst bei etwa 150 Hz endet.

6. Die Anwendbarkeit der TA Lärm ist nicht das Problem. Gründe für die bisherige Situation wären vielmehr,

- dass man sich besonderen Schallbildungsgesetzen eines Windparkes nicht bewusst war,

- dass man bei den Ergebnisableitungen von Emissionsmessungen an Einzelanlagen dessen Gültigkeitsgrenzen verlassen und vorschnell auf Immissionen von Windparks geschlossen hat,

- dass dies nicht auffiel, weil in der Regel keine Immissionsmessungen an Windparks in schallausbreitungsgünstigen Situationen durchgeführt wurden.

8. Die Kontrolle der Maximalpegel rückt in den Focus. Allerdings ist die Überwachung der Maximalpegel insbesondere im tieffrequenten Bereich auch schon jetzt geregelt und erforderlich.

Jürgen Kurtz