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:antifaschistische Nr.

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nachrichten g 3336 17.1.2002 18. jahrg./issn 0945-3946 1,30 ¤

Jahreswechsel mit
rechter Gewalt
In der Neujahrsnacht haben an mehre-
ren Orten rechtsextreme Jugendliche
randaliert: In Vetschau (Oberspree-
wald-Lausitz) überfielen mehrere den
Probenraum der Punkband „Warndrei-
eck“. Die Angreifer haben dabei zwei
Fenster eingeworfen. In Beelitz wurde
in der Neujahrsnacht ein Jugendklub
mit Hakenkreuzen, SS-Runen und
Nazi-Parolen beschmiert. In Lauch-
hammer (Oberspreewald-Lausitz) rie-
fen Jugendliche „Juden raus“ und han-
tierten laut Innenministerium mit „pi-
stolenähnlichen Gegenständen“. Ein
19-Jähriger schlug Silvester in Walsle-
ben (bei Neuruppin) einem dunkel-
häutigen Jugendlichen ins Gesicht.
Köln-
Am Neujahrstag rief der Täter „brau-
nes Arschloch“ und „Niggervater“, als Longerich,
er wieder auf den Jugendlichen traf,
der in Begleitung des Lebensgefährten
seiner Mutter unterwegs war. Das
die Dritte...
Fotos: Jörn Neumann, Version
Amtsgericht Neuruppin verurteilte
den 19-Jährigen inzwischen schon zu Köln. Alle paar Monate scheint Themen für die Teilnehmer politischer
zwei Wochen Dauerarrest. In Prem- die „Bürgerbewegung Pro- Auseinandersetzungen“. Neben der zu er-
nitz zog bereits weit vor Mitternacht Köln“ nun einen Aufmarsch wartenden Verballhornung des politischen
eine 15 köpfige, größtenteils nament- durchzuführen. „Mehrere hundert Pro- Gegners werden Fehler auch bei der eige-
lich und einschlägig wegen Gewaltde- Köln-Anhänger und Bürger aus dem nen Klientel benannt. „Normal ist Top, al-
likten bekannte, Gruppe Rechtsextre- Kölner Norden“ hatte Organisator les andere ist Flop“, heißt es in dem Arti-
misten durch den Ort, bewarf vorbei- Manfred Rouhs (früher DLHV und im- kel. Dass am Samstag ein Teilnehmer we-
fahrende PKWs mit Knallkörpern und mer noch Herausgeber von „Signal“) gen Zeigen des Hakenkreuzes verhaftet
Ähnlichem; Jugendliche wurden erwartet. „Bürger“ kamen auch dies- wurde, war wohl nicht so „top“.
attackiert, weil sie keine Böller raus- mal nicht und zahlenmäßig schlug der Der Trend auf Themen aufzuspringen,
rücken wollten. Später wurden dann Samstagstermin auch nicht zu Buche: die von reaktionären/konservativen Krei-
10 linksorientierte Jugendliche mit Mit 70 bis 80 Neonazis, darunter wie- sen aufgeworfen werden, scheint sich ins-
Böllern und Raketen angegriffen. Ge- der etliche aus den „Freien Kamerad- gesamt immer größerer Beliebtheit zu er-
gen 1Uhr griffen vier namentlich be- schaften“ NRWs, sammelten sich freuen. Wollten die Pro-Nasen schon mit
kannte Täter aus der Nazi-Gruppe ei- kaum mehr als beim letzten Mal auf der sog. Bürger-Kfor gegen Forensik und
nen linksorientierten Jugendlichen dem Altonaer Platz. Flüchtlingsunterbringung in Köln-Porz de-
und dessen Begleiter an. Ohne War- monstrieren, ist jetzt auch das „Bündnis
nung schlugen und traten die vier mit Seit Jahren nun schon versucht Manfred für Deutschland“ auf diesen Zug aufge-
Fäusten und Schuhen auf eines der Rouhs sich den Anstrich des konservati- sprungen. Nachdem eine „Initiative für
beiden Opfer ein. Außerdem zerschlug ven Biedermanns zu geben, bislang ohne mehr Ruhe in der Altstadt“ Gegenkundge-
einer der Tatbeteiligten einen Knüppel Erfolg. Die unter „Pro-Köln“ firmierenden bungen während des Christopher-
auf dem Kopf des selben Opfers, das Aufmärsche in Longerich gegen den sog. Street-Day-Straßenfestes anmeldete, kün-
mit dem Krankenwagen zur Rettungs- „Drogenstrich“ erfreuen sich fast aussch- digte das „Bündnis für Deutschland“ an, es
stelle gebracht werden musste. ließlich der Resonanz aus dem Lager der werde an den Kundgebungen teilnehmen
nach Infotelefon Garfield 06272- militanten Faschisten aus den „unabhängi- und „gegen Schweinskram, Unkultur und
3559, www.infoladen-moskito.de ■ gen Kameradschaften“, angereist aus ganz Ekelhaftigkeit vorgehen“. Die Initiative
NRW. Nicht dass diese Kreise aus ideolo- hat daraufhin auf ihre Aktion verzichtet.
gischen Gründen unerwünscht wären, das Antifaschisten waren am Samstag meh-
Aus dem Inhalt: Problem liegt woanders. In der neuesten rere Hundert vor Ort. Ein massives Poli-
Ausgabe von Rouhs’ Zeitschrift „Signal“ zeiaufgebot verhinderte zwar ein Aufein-
Fragen an die ärztliche
finden sich hierzu interessante Einlassun- andertreffen. Immer wieder wurden aber
Ethik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6
gen. Unter dem Titel „Von Troublemakern kurzfristig Straßenkreuzungen blockiert,
2001: weltweit 46 kriegerische
und Problemlösern“ erörtert ein anony- so dass der gespenstische Fackelzug ziem-
Auseinandersetzungen . . . . . . 8
mer Schreiber „...die Bedeutung von Klei- lich schnell in menschenleere Straßen ver-
dung, Sprache und der Wahl der richtigen schwand. CHR, u.b. ■
: meldungen, aktionen
31.606 Straftaten von Neonazis, 10.369
im Bereich „Linksextremismus“. Umge-
Schily streitet mit Neonazis rechnet heißt das: In den vier Jahren
um Internet-Seite „Den Deserteuren und Kriegsdienstver- 1995 bis 1999 bearbeitete jeder Beamte
weigerern – Kampagne gegen Wehr- der Abteilung „Rechtsextremismus“ 527
Hamburg/Berlin. Bundesinnenminister pflicht, Zwangsdienste und Militär“ ist Straftaten. Sein Kollege im Bereich
Otto Schily streitet mit dem US-Neonazi bereits am Tag der Ehrung heimlich vom „Linksextremismus“ hatte im gleichen
Gary Lauck um Namensrechte im Inter- Ehrenhof der Gedenkstätte Deutscher Zeitraum nur mit 94 Straftaten zu tun.
net. Dabei geht es nach einem Bericht Widerstand entfernt worden. Pro Straftat ermittelten in diesen Jahren
des Nachrichtenmagazins „Spiegel“ be- Gegen 500 Euro, zahlbar an den also fast sechs Mal so viele BKA-Beam-
sonders um die Internet-Domain www. Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsor- te gegen Linke wie gegen Neonazis.
bundesinnenministerium.com, die von ge, stellte das Berliner Amtsgericht am ● Seit April 2000 sind beide Abteilungen
Lauck reserviert wurde und für rechtsex- 10. Januar jetzt das Verfahren gegen den zusammengefasst. Doch die Bagatelli-
treme Propaganda benutzt wird. Vor der Major ein. Die Richterin verlangte ledig- sierung rechter Gewalt und die Aufbau-
UN-Schlichtungsstelle für Netzstreitig- lich, dass er sich für seine Äußerung ent- schung der Gefahren von links geht auch
keiten (Wipo) wolle Schily die Domain schuldigt. Baumann hatte – wie er beton- heute noch weiter. Derzeit sind nach An-
nun Lauck streitig machen. Eine Spre- te – die Anzeige auch im Namen der von gaben der Bundesregierung beim BKA
cherin des Bundesinnenministeriums be- der Wehrmachtsjustiz zum Tode verur- 40 Beamte mit Analyse und Auswertung
stätigte den Konflikt um die Domain, der teilten Kameraden erstattet. Er kritisierte im Bereich Rechtsextremismus beauf-
allerdings schon auf das Jahr 2000 erneut, dass sich die Bundestagsmehrheit tragt, nur noch 20 Beamte analysieren
zurückgehe. Richtig sei auch, dass die trotz rot-grüner Versprechungen noch linke Gewalt. Gleichzeitig meldet das
Anrufung der in Genf ansässigen Wipo immer nicht zur Aufhebung der Un- BKA im Bereich politisch motivierter
erwogen werde. Parallel werde aber auch rechtsurteile „ohne Wenn und Aber Gewalt für 2001 bisher 13.071 Straftaten
auf anderem Weg versucht, Lauck die durchgerungen hat“. von Neonazis gegenüber 3.349 von mut-
Namensrechte streitig zu machen. ■ PM Kampagne gegen Wehrpflicht, maßlichen „Linksextremisten“.
ND, FR 11.1.02. ■ Pro Straftat werden also auch unter
Bundeswehr-Major muss Schily immer noch doppelt so viele
Skandalöse Planstellenpoli- BKA-Beamte gegen mutmaßliche
sich entschuldigen „Linksextremisten“ eingesetzt wie gegen
Berlin. Am 20. Juli 2000 war das Areal tik im Bundeskriminalamt Neonazis. PM Ulla Jelpke ■
um den Bendlerblock der Bundeswehr Berlin. Obwohl die Zahl rechtsextremi-
zur Sondernutzung überlassen worden, stischer, fremdenfeindlicher und antise- DFB-Sportförderverein zieht
um dort abends ein Rekrutengelöbnis zu mitischer Straftaten in den letzten Jahren
zelebrieren. Trotzdem legte die Kampa- ständig drei bis vier Mal so groß war wie Unterstützung zurück
gne gegen Wehrpflicht einen Kranz zu die im Bereich Linksextremismus, waren Berlin. Die Ausstellung „Tatort Stadi-
Ehren des konsequenten Widerstands ge- im Bundeskriminalamt ständig weit on“, die jetzt in Hamburg im DGB-Haus
gen den Krieg nieder. Ludwig Baumann, mehr Beamte mit Ermittlungen im Be- im Besenbinderhof gezeigt wird, muss
Vorsitzender der Bundesvereinigung Op- reich „Linksextremismus“ beauftragt als ohne die finanzielle Unterstützung des
fer der NS-Militärjustiz, hielt die An- gegen Neonazis. Diese skandalöse Baga- DFB-Sportfördervereins auskommen.
sprache. Diese Ehrung wurde von zahl- tellisierung rechter Gewalt geht aus der Die Ausstellung beinhaltete bei ihrer
reichen Feldjägern überwacht. Dabei be- jetzt vorliegenden Antwort der Bundes- Eröffnung in Berlin (s. AN 1-02) eine Ta-
zeichnete der verantwortliche Offizier regierung auf eine Anfrage der PDS her- fel, die auch Aussagen des DFB-Präsi-
der Feldjäger, Major Dirk R., Ludwig vor. Im einzelnen: denten Mayer-Vorfelder enthielt, so z.B.
Baumann im Anschluss an die Gedenk- ● In den Jahren 1991 bis 1994 waren im den Satz: „Die Chaoten in Berlin, in der
veranstaltung als einen „Straftäter“. BKA im Bereich „Linksextremismus/- Hafenstraße in Hamburg und in
Trotz mehrmaliger Aufforderung Lud- terrorismus“ 183 Beamte eingesetzt, im Wackersdorf springen schlimmer herum
wig Baumanns und von Mitarbeitern der Bereich „Rechtsextremismus/-terroris- als die SA damals“.
Kampagne nahm der Offizier seine be- mus“ dagegen nur 20 Beamte. Für die Das Angebot an den DFB, eine eigene
leidigende und kränkende Äußerung gleichen Jahre beziffert das BKA die Tafel zur Selbstdarstellung der Ausstel-
nicht zurück. Ludwig Baumann erstatte- Zahl der Straftaten von Neonazis auf lung hinzuzufügen, wurde abgelehnt,
te daraufhin Strafanzeige. 14.335, im Bereich Linksextremismus stattdessen die Aussteller aufgefordert,
Die Kampagne gegen Wehrpflicht, dagegen auf 7.809. Umgerechnet auf die die Tafel zum DFB abzuhängen. Für
Zwangsdienste und Militär ehrt seit Jah- von jedem Beamten zu bearbeitenden Hamburg wurde die Tafel überarbeitet
ren am 20. Juli in der Gedenkstätte Deut- Straftaten bedeutet das: auf je 43 Strafta- und enthält nun Mayer-Vorfelder Zitate,
scher Widerstand mit einer Kranznieder- ten mutmaßlicher Linksextremisten in die sowohl aus dessen Zeit als CDU-Po-
legung den Widerstand von Deserteuren diesen drei Jahren kam im BKA ein zu- litiker stammen als auch aktuelle Aus-
und Kriegsdienstverweigerern, gegen die ständiger Beamter. Bei Neonazis dage- sprüche wie seine Aussage gegenüber
die NS-Militärjustiz 46.000 Todesurteile gen hatte jeder BKA-Beamte im glei- dem Stern Anfang 2001 „Ich bin stolz ein
verhängte, von denen über 20.000 voll- chen Zeitraum 717 Straftaten zu bearbei- Deutscher zu sein“ und ein Zitat aus der
streckt wurden. Einer von ihnen war ten. Beamte im Bereich Rechtsextremis- Berliner Fußball-Woche vom Oktober
Ludwig Baumann, der 1942 wegen mus hatten also bis 1994 im Schnitt 17 2001: „Wenn beim Spiel Bayern gegen
„Fahnenflucht“ zum Tode verurteilt und Mal so viele Straftaten zu bearbeiten wie Cottbus nur zwei Germanen in den An-
anschließend zu zwölf Jahren Zuchthaus ihre Kollegen der Abteilung Linksextre- fangsformationen stehen, kann irgend et-
begnadigt und im Wehrmachtsgefängnis mismus. was nicht stimmen.“
Torgau inhaftiert wurde. Der Widerstand ● Von November 1994 bis April 2000 Die Förderung wurde zugesagt, als der
von Deserteuren und Kriegsdienstver- waren im BKA 100 bis 110 Beamte zur DFB die Ausstellung noch nicht gesehen
weigerern gegen den verbrecherischen Verfolgung von Linksextremismus ein- hatte. „Die fehlenden gut 5100 Euro
Angriffskrieg wird bei den alljährlichen gesetzt, nur 50 bzw. 60 Beamte gegen werden nun notgedrungen aus einem
staatlichen Feiern am 20. Juli völlig aus- Neonazis. Auch hier zum Vergleich die übergeordneten Topf unseres europawei-
geblendet. Der Kranz mit der Aufschrift Zahl der Straftaten 1995 bis 1999: ten Netzwerks Football Against Racism

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in Europe (FARE) fließen“, so Gerd verloren haben, das könne ihnen aber quer“ zogen spontan 300 bis 400 De-
Dembrowski, einer der Ausstellungsma- nicht passieren, wenn sie sein hervorra- monstrantInnen zum Bahnhof – dem
cher, in einem Interview mit der jungen gendes Börsenjournal, den „Effecten- Treffpunkt der Nazis –, um diesen zu
Welt vom 22.1.02. In Hamburg hat der Spiegel“ abonnieren. Hoffmann ist also blockieren. Mit einer knappen Stunde
HSV seine Teilnahme an der Eröffnung zu seinen alten Geschäften zurückge- Verspätung konnte sich der NPD-Zug in
abgesagt. u.b. ■ kehrt. Auf eine Anzeige in der „Jungen Bewegung setzen, nachdem die Polizei
Freiheit“ scheint er diesmal verzichtet zu eine Gasse frei geschoben hatte. Plakate
Nazidemo ausgefallen haben. u.b. ■ mit Forderungen wie „Todesstrafe für
Kinderschänder“ mussten die Rechten,
Paderborn. Die von einer „Initiative Neonazis gegen Wehr- die aus dem gesamten Bundesgebiet an-
der weißen Art“ unter dem Motto „Ruhm gereist waren, zu Schutzschilden um-
und Ehre der Waffen-SS“ für den 5. Ja- machtsausstellung funktionieren, da sie unter Schnee-
nuar angemeldete Demonstration in We- Bielefeld. Anlässlich der Wehr- balldauerbeschuss standen. Der Demon-
welsburg bei Paderborn ist nach einem machtausstellung in Bielefeld mobilisie- strationszug von NPD/JN kroch nun, be-
letztinstanzlichen Urteil des Bundesver- ren NPD und NW bundesweit nach Bie- gleitet von einem Spalier von schnee-,
fassungsgerichtes ausgefallen. In We- lefeld. nach den Erfahrungen von Berlin dreck-, und eierwerfenden Menschen,
welsburg unterhielt die SS eine Elite- sind demnach vierstellige Nazizahlen für durch Trier. Nach zwei Stunden traten
schule und ein KZ. Antifaschistische den 2. Februar zu erwarten. die Faschos wieder die Heimreise an.
Gruppen demonstrierten dennoch am Seit kurzem findet sich auf der bun- Auf eine geplante Kundgebung verzich-
Sonnabend gegen Aktivitäten der örtli- desweiten NPD-Seite www.npd.net unter teten sie. Die meist jungen Anhänger aus
chen Neonaziszene. ■ „TERMINE“ ein Aufruf zum Aufmarsch Kaiserslautern, Saarbrücken, Trier und
am 2.2. in Bielefeld. aus Bayern zogen unter Polizeischutz
Gleich darunter er- vor den NPD-Gegnern durch die Straßen
scheint eine Liste der Stadt. nach Presseberichten
von Telefonnum- – Infotelefon Garfield ■
mern, die Fahrge-
meinschaften orga- Naziaufmärsche am 19.1.
nisieren wollen. 30
Städte im ganzen verhindern!
Bundesgebiet sind Lüdenscheid. In Lüdenscheid wollen
dort aufgelistet. Als Neonazis, unter der Federführung der
Aufrufer bekennen NPD, am 19.1.02 erneut demonstrieren.
sich NPD und Na- Unterstützt wird die Demonstration von
tionaler Widerstand weiten Teilen der rechtsradikalen,auch
Nordrhein-Westfa- gewaltbereiten Szene. Schätzungen ge-
len gemeinsam. Ais hen von 300 bis 400 Personen (und
Redner sind an- mehr) aus. Das wäre eine der größten fa-
gekündigt „Holger schistischen Demonstrationen in NRW
Apfel (stv. NPD- in den letzten Jahren.
Vorsitzender), Karl Die antifaschistische Demonstration,
Lang (Erlebnisge- die mit einer gemeinsamen Kundgebung
neration), Fried- der Friedensgruppe und der Autonomen
helm Busse und Antifa Lüdenscheid / BgR beginnt, fin-
„Der Euro wird uns in die Hartmut Wostepatsch“. det am 19.1. um 15.30 Uhr am Sternplatz
Die Mobilisierung zu Gegenaktionen in Lüdenscheid statt.
Katastrophe führen“ wurde vom Antifa-Bündnis Bielefeld Kontakt: Autonome Antifa Lüden-
Bolko Hoffmann, Herausgeber des Ef- bisher landesweit und Richtung Nord- scheid [AAL] / BgR c/o Grünes Büro,
fecten-Spiegels, der mit seiner national- deutschland vorgesehen. Aufgrund der Am Ramsberg 44, 58509 Lüdenscheid,
liberalen Spekulantenpartei „Pro DM“ Lage sieht das Bündnis das jetzt anders: Internet: www.antifa-
bei den letzten Bundestagswahlen schei- „Offensichtlich sind wir auf Unterstüt- luedenscheid.de.vu, e-mail: autonome-
terte und sie inzwischen auch zu Grabe zung aus dem gesamten Bundesgebiet antifa-luedenscheid@web.de ■
trug, meldet sich mit einer Anzeigen- angewiesen, um die Nazis fix zurück in
kampagne in den überregionalen Zeitun- ihre Busse treiben zu können. Wir Sondershausen. Auch in Sondershau-
gen und Zeitschriften zurück. Wieder bemühen uns, die Mobilisierungsarbei- sen /Thüringen ist am 19.1.2002 ein Na-
wird die Horrorvision eines bankrotten ten entsprechend auszuweiten, brauchen ziaufmarsch geplant. Dafür mobilisiert
Deutschland vor Augen geführt, dass aber gerade überregional dabei tatkräfti- das Nationale und Soziale Aktionsbünd-
demnächst den „südeuropäischen ge Unterstützung.“ Kontakt kann über nis Westhüringen. Die Demonstration
Schwachländern“ Subventionen zahlen die Web-Adresse unter http://people.fre- soll unter dem Motto „Für Meinungs-
muss, weil die neue Währung für diese enet.de/buendnis oder http://nadir.org/ freiheit“ stehen und um 13 Uhr am Kauf-
zu „hart“ sein. Genau dies sei in Argenti- kampagne/owl aufgenommen werden. land (Einkaufzentrum) losgehen. Der
nien passiert. Nach Einführung der har- Antifa-Bündnis Bielefeld ■ Aufmarsch reiht sich ein in eine Reihe
ten Währung US-Dollar sei Argentinien von faschistischen Aktivitäten im Raum
mit Waren aus südamerikanischen Trier stellte sich quer Nordhausen/Sondershausen in der letz-
„Weichwährungsländern“ über- ten Zeit: Am 8.12.2001 marschierten 170
schwemmt worden und nun bankrott. Trier. 150 Mitglieder und Anhänger der Neonazis fast ungestört mit Hilfe eines
Hoffmann empfiehlt daher: „Retten Sie NPD sind am Samstag, dem 29. Dezem- riesigen Polizeiaufgebot durch die Nord-
Ihr Geld durch Investitionen in erfolgrei- ber durch Trier marschiert, angeblich um häuser City. In der Silvesternacht pöbel-
che Aktien bei den jetzt günstigen Kur- für härtere Strafen für Kinderschänder zu ten und randalierten Dutzende Faschos in
sen!“ Er räumt ein, dass Anleger in den demonstrieren. Nach zwei Kundgebun- der Stadt und initiierten eine Spontande-
letzten Monaten viel Geld an der Börse gen unter dem Motto: „Trier stellt sich monstration in weiter Seite 4

: antifaschistische nachrichten 2-2002 3


das Nordhäuser Plattenbaugebiet. Vor der wurde am Montag morgen entdeckt, die zu Motivation und Geschichte des
Kneipe „Odins Keller“ wurde eine Grup- genaue Tatzeit ist unbekannt. Mahnmales). Ein breites Bündnis lädt zu
pe von Jugendlichen mit Schreckschus- Die Kriminalpolizei Mannheim hat dieser Veranstaltung ein. ■
spistolen angegriffen. Bei diesem An- eine Ermittlungsgruppe eingesetzt, ver-
griff waren auch Mitglieder des „Natio- stärkt durch Beamte des Dezernats Völkischer Kampf gegen
nalen Widerstand NDH“ anwesend. Ein Staatsschutz, die die Straftat aufklären
27jähriger wurde von einem 16jährigen soll. Ob sie von Neonazis verübt wurde, zweisprachige Ortstafeln
und einem 17jährigem Jungnazi mit ei- ist für die Polizei, trotz Hakenkreuz- Österreich. Zu einem Sturm der Entrü-
nem Messer attackiert und so stark ver- Schmierereien und eindeutiger Parolen, stung führte eine Entscheidung des Ver-
letzt, dass er operiert werden musste. nicht erwiesen. „Es könnte sich auch um fassungsgerichtshofes, nach der auch in
Die Stadt hat den Naziaufmarsch erst einen Dumme-Jungen-Streich handeln“, Ortschaften mit weniger als - bisher als
mal verboten, aber es ist davon auszuge- sagte Mannheims Polizeisprecher Volker Grenze definierte - 25 Prozent Angehöri-
hen, dass das Verbot vor Gericht keinen Dressler. Größere rechtsradikale Vorfälle ge einer „Minderheit“ zweisprachige
Bestand hat und die Neonazis marschie- habe es in der Vergangenheit im Raum Ortstafeln angebracht werden müssen.
ren werden. Treffpunkt für Antifas ist Mannheim nicht gegeben, eine organi- Zehn Prozent wären bereits ausreichend.
13.00 Uhr vor der Pizzeria „Milano“. sierte rechtsradikale Szene existiere in Betroffen von der neuen Regelung wäre
email: ajgn@firemail.de der Region nicht, so Dressler. vor allem Kärnten, da es hier eine starke
Antifaschistische Jugendgruppe Dass die Rechtsradikalen im Südwe- slowenisch-sprachige „Minderheit“ gibt.
Nordhausen ■ sten Zulauf haben, vermeldet indes der Doch dass in dieser Frage nichts ge-
baden-württembergische Verfassungs- schieht, dafür will Kärntens Landes-
AABA plant Demo gegen schutz. Demnach gehören 3680 Men- hauptmann Jörg Haider sorgen. Und da
schen im Ländle einer rechtsextremen kann er sich der Unterstützung seiner
Rechts am 16. Februar Partei an, darunter 750 gewaltbereite Landsleute sicher sein: Wurde doch be-
Augsburg. Das Antifaschistische Akti- Skinheads. Die Zahl der von der braunen reits die Umsetzung der alten Regelung
onsbündnis Augsburg (AABA) berät seit Szene verübten Körperverletzungen von deutschnationalen Kräften schon in
geraumer Zeit über Aktionen gegen die habe sich im Jahr 2000 auf 94 Fälle na- den 70iger-Jahren verhindert. Dement-
Untaten der Faschisten im Augsburger hezu verdoppelt. Lag das Land vor Jah- sprechend scharf Haiders Reaktionen:
Raum (Brandanschlag auf das Flücht- ren bei rechtsextremistisch motivierten Einerseits kündigte er – bar jeglicher ge-
lingsheim in Aystetten, Kranzniederle- Gewalttaten auf Platz 13 der Bundeslän- setzlichen Grundlage – eine Volksbefra-
gung und Absingen der ersten Strophe der, nimmt es inzwischen den zehnten gung zu der Thematik an, andererseits
des Deutschlandlieds am „Heldenge- Rang ein. „Baden-Württemberg hat kei- fordert er die Absetzung des Verfas-
denktag“), gegen das Augsburger faschi- nen Anlass mehr, sich an die Brust zu sungsgerichtshofspräsidenten und er-
stische Wahlbündnis, gegen den „Anti- schlagen und so zu tun, als sei Gewalt klärt, dass auch die bereits bestehenden
terror“-Krieg der Herrschenden – nach von Rechtsextremisten vorrangig ein zweisprachigen Ortstafeln abgebaut wer-
außen durch Bombardements und Unter- Thema des Ostens und Nordens den sollen.
werfung Afghanistans, Iraks, Somalias... Deutschlands“, warnt denn auch Helmut Als die „drei Weisen“ letztes Jahr
und im Inneren durch die Verabschie- Rannacher, Präsident des Landesamts für Österreich besuchten, um sich über die
dung immer neuer, immer schrankenlo- Verfassungsschutz, vor einer Verharmlo- Situation nach der Regierungsübernah-
serer Gesetzespakete zur Volksüberwa- sung der brauen Gefahr. me von FPÖ und ÖVP zu erkundigen,
chung – und gegen den dazugehörigen Martin Höxtermann in jW 9.1.02 ■ rühmte sich Haider noch mit seinem gu-
Nationalismus. In der letzten Dezember- ten Verhältnis zur slowenischen „Volks-
sitzung wurde beschlossen, bis zum 9. Gedenktag 27. Januar gruppe“. Dem kritischen Ausland führte
Januar den vorliegenden Aufrufentwurf er ein potemkinsches Dorf vor und nann-
für eine Demo zu überarbeiten und die- Köln. Der Arbeitskreis, der in den letz- te dieses „Kärntner Modell“.
sen als Flugblatt herauszugeben. Die De- ten Jahren regelmäßig in der Antoniter- Rosa Antifa Wien,
monstration wird am 16. Februar stattfin- kirche in der Kölner Innenstadt am 27. Quelle: http://derstandard.at ■
den. Dort sollen Reden gehalten werden Januar eine Gedenk- und Mahnveranstal-
zu den Themen: Gegen die Nazis – ihr tung für die Opfer des Nationalsozialis- Neonazis machen mobil
Bündnis, ihre Taten; Was bringen die maus organisiert hat, jedes Jahr unter
sog. Sicherheitsgesetze? Zur Situation exemplarischer Hervorhebung einer an- Aachen. Die Neonazis in der Aachener
der Flüchtlinge hier; Aktuell zu den deren Opfergruppe, wird am Gedenktag Region machen grenzübergreifend mo-
Kriegen der Imperialisten. jol ■ im Jahr 2002 die Gruppe der Lesben und bil. Sie zeigen den Hitlergruß, verbreiten
Schwulen in den Mittelpunkt stellen. Musikstücke, die „Juden in den Ofen“
Fremdenfeindlicher Brand- Zunächst findet eine Veranstaltung in wünschen, und rufen offen zur Gewalt
der Antoniter-Kirche statt (Schildergas- gegen Andersdenkende auf. Sie machen
anschlag in Brühl se, Beginn: 15:00 Uhr), mit Beiträgen sich in Jugendzentren und Fußballstadi-
Brühl/Baden-Württemberg. Am von Bürgermeisterin Renate Canisius en breit, propagieren ihre braune Gesin-
Wochenende 5./6. Januar haben unbe- (SPD), Kordula Völker (Kabarettistin, nung und träumen von „national befrei-
kannte Täter an der Eingangstür eines Journalistin, Autorin), Georg Uecker, ten Zonen“. Ihre Protagonisten sitzen in
Jeans-Geschäftes in der Innenstadt von (Schauspieler) Zauberflöten (Chor Düren, Langerwehe, Weisweiler, Stol-
Brühl bei Mannheim (Baden-Württem- Schwuler Männer), Die Taktlosen (ge- berg, Broichweiden, Herzogenrath, Was-
berg) ein Feuer gelegt und die Schaufen- mischter Chor). Anschließend führt eine senberg und Heerlen. Sympathisanten
sterscheiben des Geschäfts mit Haken- Demonstration zum „Mahnmal für die finden sich in fast jedem Ort in Stadt und
kreuzen und fremdenfeindlichen Parolen lesbischen und schwulen Opfer des Na- Kreis Aachen, Heinsberg, Düren sowie
wie „Ausländer raus“ beschmiert. Das tionalsozialismus“ im Rheingarten an in Südlimburg. Mit der „Kameradschaft
Geschäft wird von einem türkischen der Hohenzollernbrücke; dort ab ca. Aachener Land“ und den „Mijnstreeko-
Landsmann betrieben. Da das Feuer von 16.45 Uhr Kranzniederlegung und ostskins“ haben sich regionale Neonazi-
selbst wieder erlosch, entstand kein nen- Beiträge von Edith Müller (Vizepräsi- strukturen entwickelt, die fernab von
nenswerter Sachschaden. Der Anschlag dentin des Landtages) und Bodo Busch klassischen Parteienverbänden eine kul-
(AK Lesben und Schwule in Ver.di Köln, turelle Hegenomie weiter Seite 6

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OLDENBURG (Niedersachsen). Polizeikessel gegen Antifa-Demonstranten:
Wer sich am 27. Oktober 2001
um etwa 11.30 Uhr an der
Nordseite des Lappans, eines zentra-
Tanja Hoppe lässt nicht
len Platzes im niedersächsischen Ol-
denburg, aufhielt – sei es, weil er auf
seinen Bus wartete, sei es, weil er
locker Von Thomas Klaus

„sonstwas“ beabsichtigte – , hatte en brutal gegen die Eingekesselten vor- im März 2001 befasste sich das Ober-
Pech. An dieser Stelle kesselte näm- gegangen, hätten sie beispielsweise zum verwaltungsgericht Dortmund mit zwei
lich die Polizei mehr als 500 Personen Stürzen gebracht und ihnen so Verlet- Polizeikesseln am Rande von Protesten
ein, und das immerhin für rund drei zungen zugefügt. Nach den Beobachtun- gegen Naziaufmärsche im Oktober und
Stunden. Hintergrund war ein Auf- gen von Tanja Hoppe wurden außerdem Dezember 2000 in Dortmund und Düs-
marsch der rechtsextremistischen Sitzblockaden, die aus Protest gegen die seldorf. Die Richter bewerteten die Poli-
„Nationaldemokratischen Partei NPD gebildet worden waren, „mit unan- zeikessel als rechtswidrig, weil die Ver-
Deutschlands“ (NPD), die den 45- gemessener Gewalt aufgelöst“. In der sammlung nicht – gut hörbar und mehr-
jährigen Neonazi-Führer Christian Regel hätten sich die Polizisten nicht fach geschehen – aufgelöst worden sei.
Worch als Chefredner aufgeboten darauf beschränkt, Sitz-
hatte. Rund 2.000 Menschen aus Ol- blockierer einfach und
denburg und Bremen gingen gegen schmerzlos von der
die NPD auf die Straße. Straße zu tragen.
Man müsse sich vor
Tanja Hoppe gehörte zu denjenigen, die Augen halten, gegen
zur besagten Stunde am Lappan nicht wen in Oldenburg pro-
mit dem Bus fahren wollten, sondern et- testiert worden sei, so
was anderes vorhatten, nämlich der die 18-Jährige, die sich
NPD Paroli zu bieten. Die 18-jährige seit zwei Jahren mit
Rechtsanwaltsgehilfin wurde ebenfalls dem Thema „Rechtsex-
von Polizeibeamten „in Kampfmontur“ tremismus“ beschäftigt
umringt, und das in der Zeit von unge- („Als ich noch mit ei-
fähr 11.30 bis 14.30 Uhr. Nun hat die nem Russlanddeutschen
junge Frau rechtliche Schritte eingelei- zusammen war, wurden
tet. Tanja Hoppe fordert eine Entschädi- wir desöfteren angepö-
gung und will, dass der Oldenburger Po- belt. Das hat mich sen-
lizeikessel als „rechtswidrig“ eingestuft sibilisiert“). Gegen die
wird. NPD läuft zurzeit vor
Aus der Umringung beziehungsweise allem wegen Verbindun-
dem Kessel führte für Tanja Hoppe kein gen zu gewalttätigen Rechtsextremisten Die Rechtswidrigkeit des Kessels hätte
Weg heraus, trotz mehrerer Versuche: und Rechtsterroristen ein Verbotsverfah- laut Oberverwaltungsgericht Dortmund
„Ich hatte der Polizei immer wieder an- ren. Und der Hamburger Christian selbst dann gegolten, wenn aus der Ver-
geboten, meine Personalien festzustellen Worch spielt seit zweieinhalb Jahrzehn- sammlung heraus Straftaten begangen
und mich danach aus dem Kessel zu ent- ten die erste Geige, wenn es gilt, mili- worden wären.
lassen. Denn ich hatte ja meinen Perso- tante Neonazis zu mobilisieren und den Rechtlich ist also in Sachen Olden-
nalausweis dabei.“ Doch die Ordnungs- Holocaust zu verharmlosen. Unter an- burger Polizeikessel das letzte Wort
hüter hätten sich darauf nicht eingelas- derem war er der engste Mitstreiter des noch nicht gesprochen; die Bezirksre-
sen. Viele der Eingekesselten hätten ver- berüchtigten Neonazi-Führers Michael gierung Weser-Ems hat aufgrund des
sucht, friedlich mit den Polizisten zu re- Kühnen und genießt ein entsprechendes Vorstoßes von Tanja Hoppe ein Prü-
den und sich zu verständigen - und seien Ansehen bei den braunen Horden. fungsverfahren eingeleitet.
schließlich aus dem Kessel ausgebro- Bei der Oldenburger Polizei verweist Politisch scheint dagegen in der An-
chen. man mit Blick auf den Kessel Ende Ok- gelegenheit nicht mehr viel zu laufen.
Auf das Verhalten zahlreicher der tober auf Gewalttaten aus Kreisen der Die Oldenburger PDS-Fraktion hatte im
„Freunde und Helfer“ ist Tanja Hoppe Anti-NPD-Demonstranten und auf die städtischen Parlament einen Untersu-
nicht besonders gut zu sprechen. Ob- Verpflichtung, blutige Auseinanderset- chungsausschuss zum Polizeikessel be-
wohl sich auch Kinder und ältere Leute zungen zwischen den nur etwa 80 antragt, weil sie die Verhältnismäßigkeit
im Kessel befunden hätten, die mit den Rechtsextremisten und ihren zahlen- der Mittel verletzt sah und die Rolle des
Aktionen gegen die NPD überhaupt mäßig weit überlegenen Gegnern zu ver- Ordnungsamtes geprüft haben wollte.
nichts im Sinn hatten, seien Sanitäter hindern. Der NPD-Aufmarsch in Olden- Auf einer Ratssitzung im November
nicht in den Kessel gelassen worden. burg sei nicht verboten gewesen und wurde dieser Antrag mit den Stimmen
Die Polizei habe den Ring im Laufe der habe deshalb geschützt werden müssen. der Ratsmehrheit abgelehnt: In Olden-
Stunden immer enger gezogen und da- Das habe sicherlich auch den meisten burg regieren SPD, FDP und die Mini-
durch die Stimmung unter den Einge- Polizeibeamten gar nicht „geschmeckt“. gruppe BfO.
kesselten verschärft: „Die Leute im Kes- Tanja Hoppe ist zuversichtlich, dass Nun wähnt sich die Linkspartei poli-
sel haben zuerst einigermaßen gelassen ihre rechtlichen Schritte gegen die Ver- tisch mit ihrem Latein am Ende. Die
reagiert, sich aber zunehmend unwohl antwortlichen des Oldenburger Polizei- PDS-Fraktion erwartet aber noch immer
und bedroht gefühlt.“ Hinzu gekommen kessels von Erfolg gekrönt sein werden. von dem frisch gebackenen Oberbürger-
seien wachsender Hunger und Durst – Immerhin: Bereits 1987 hatte das Land- meister Dietmar Schütz (SPD) – einem
und drängende menschliche Bedürfnis- gericht Hamburg die Polizeiführer eines gelernten Juristen –, dass er sein auf der
se: Toiletten sind innerhalb eines Poli- Kessels aus dem Vorjahr wegen Frei- Ratssitzung gegebenes Wort hält und
zeikessels nicht vorgesehen... heitsberaubung zu Geldstrafen verur- das Verhalten der Ordnungshüter mit der
Einige der Polizeibeamten – so der teilt. 861 Demonstranten bekamen Polizei kritisch bespricht.
Vorwurf der jungen Oldenburgerin – sei- Schmerzensgeld zugesprochen. Und erst Thomas Klaus ■

: antifaschistische nachrichten 2-2002 5


unter Jugendlichen anstreben. Die „Köp- Tod durch Brechmitteleinsatz:
fe“ der Neonazis sind altbekannt. In Es-
chweiler-Hücheln ist der langjährige Neo-
nazi-Kader Michael Schlee (Ex-FAP,
Fragen
DVU u.a.) aktiv. Und auch der NPD- und
JN-Funktionär Sascha Wagner (früher an die
Herzogenrath, heute Koblenz) versucht
sich nach wie vor in der Politisierung der
Jungnazis. Intensive Kontakte gibt es in
ärztliche Ethik
die Niederlande. Die dort aktiven „Mijns- Hamburg. Der Tod eines hatte er Dokumente zum Ärzteprozess
treekoostskins“ um die aus dem Kreis 19jährigen mutmaßlichen Dro- veröffentlicht, in dem schleichenden
Heinsberg stammenden Bianca König gendealers bei der Zwangs- Prozess des „Eindringen(s) allgemeiner,
und Harald Paulsen (Heerlen) nutzen die einflößung von Brechmitteln hat, ne- weltanschaulicher Fragen“ in die Ärzte-
liberalere Gesetzgebung im Nachbarland ben juristischen und politischen Fra- schaft eine der wichtigsten Ursachen für
u.a. zur Verbreitung hier verbotener Mu- gen, auch wieder die ärztliche Ethik, die Komplizenschaft zahlreicher Ärzte
sik über das Internet. antifa aachen - grup- das Selbstverständnis eines Berufs- mit dem Natio-
pe s.p.u.n.k.,www.antifa-aachen.de ■ standes, auf die Tagesordnung ge- nalsozialismus.
setzt. Wem, so ist zu fragen, hat ein Die Verände-
Mediziner zu dienen: dem Individu- rungen im ärzt-
um, seinem Patienten, oder einer ab- lichen Selbst-
„Augen auf und handeln strakten Allgemeinheit mit ihren An- verständnis,
gegen Rechts!“ sprüchen, in diesem Fall an der Be- weg von der
weissicherung zum Zwecke der Straf- ausschließli-
Nazi-Aussteiger Jörg Fischer startet verfolgung? chen Aufgabe,
Internet-Aktion. Helfer kranker
Der Nazi-Aussteiger und Buchautor Jörg Als bindend, zumindest im moralischen Menschen zu
Fischer startet am 15. Januar auf seiner Sinne, gilt nach wie vor der Hippokrati- sein, habe nicht
Homepage im Internet eine neue Aktion sche Eid, der sich bezüglich solcher Fra- erst im Natio-
gegen Rechtsextremismus und Neonazis. gen ausgesprochen unmissverständlich nalsozialismus
Unter dem Motto „Augen auf und han- ausnimmt: Sein medizinisches Wissen, begonnen, so
deln gegen Rechts!“ soll bundesweit ver- so schwor Hippokrates von Kos um 400 Friedrich Koch
stärkt gegen die Verbreitung rechtsextre- v.u.Z., werde er „nach Kräften und im „Bayeri-
mer Propaganda vorgegangen werden. gemäß meinem Urteil zum Nutzen der schen Ärzte-
Nach dem Vorbild ähnlicher Aktionen ge- Kranken einsetzen, Schädigung und Un- blatt“.
gen rechte Seiten im Internet können sich recht aber ausschließen.“ Kosten-Nut-
per eMail Bürgerinnen und Bürger direkt Eine Debatte um die ärztliche Ethik gab zen-Rechnun-
an Fischer wenden, um beispielsweise es in Westdeutschland nach der Befrei- gen seien u.a.
Zeitschriftenläden zu melden, die rechts- ung vom Faschismus, als die ungeheure von der Sozialversicherung forciert wor-
extreme Zeitungen vertreiben – etwa die Zahl und Brutalität ärztlicher Verbre- den. Es „entstand der Gedanke, dass die
„National-Zeitung“ oder die „Junge Frei- chen durch den Nürnberger Ärztepro- Tätigkeit des Arztes ... einem Kollekti-
heit“. Gleiches gilt auch in Bezug auf zess in die Öffentlichkeit gebracht wor- vum als dem höheren übergeordneten
Buch- und Musikhandlungen mit rechts- den waren. Ärzte hatten in den KZ Men- Gesichtspunkt sich unterordnen solle“.
extremen Produkten in der Angebotspa- schenversuche durchgeführt, sie hatten Die Konsequenz dieses Denkens for-
latte oder Gaststätten, in denen Rechtsex- in den Vernichtungslagern bei der Selek- mulierte der Neurologe Viktor von
tremisten Versammlungen, Stammtische tion von Häftlingen über Leben und Tod Weizsäcker (in der Zeitschrift „Psy-
oder ähnliches abhalten. Vor einer öffent- entschieden, sie hatten selbst zahllose che“): Leben wurde nach biologischen
lichen Nennung sollen Händler und Wirte Menschen mittels Giftspritzen ermordet. und Leistungskriterien bewertet. „Man
direkt angesprochen werden, die entspre- Das größte ärztliche Verbrechen aber kann dies auch so ausdrücken, dass die
chenden Produkte aus dem Angebot zu war der unter dem Euphemismus „Eut- Definition des Lebens, welche seinen
nehmen bzw. den Rechten keine Räum- hanasie“ begangene Massenmord an be- Sinn, Zweck oder Wert nicht transzen-
lichkeiten mehr zur Verfügung zu stellen. hinderten und psychisch kranken Men- dent versteht, keinen inneren Schutz ge-
Fischer verspricht sich von dieser Akti- schen. gen den Begriff eines unwerten Lebens
on mehrere Effekte: Zum einen die weite- Jede ethische Grundlage ärztlichen im biologischen Sinne besitzt.“ Die
re Sensibilisierung der demokratischen Handelns schien zerschlagen und musste Schlussfolgerungen daraus lagen auf der
Öffentlichkeit und eine Einschränkung neu fundiert werden. Darum kreisten Hand:
der Organisations- und Propagandamög- 1947/48 Debatten in verschiedenen Zeit- Eine humane Ethik müsse sich gegen
lichkeiten für Rechtsextremisten und zum schriften. das NS-Arztbild wenden. Ärzte ent-
anderen – besonders bei den Zeitungs-, Die Wandlung der Medizin hin zu ei- schieden aufgrund einer angemaßten Su-
Buch- und Musikverlagen – erhebliche fi- ner am Kollektiven, am Staat, am Volk periorität, wer zu „opfern“ war. Medizi-
nanzielle Einbußen. Fischer, dessen im oder an der Menschheit, aber nicht mehr ner dürfen sich aber niemals derart über
September erschienenes Buch „Das NPD- in erster Linie an dem einzelnen Patien- den Menschen stellen. Eugen Kogon be-
Verbot“ in mehreren neonazistischen Pu- ten orientierten Wissenschaft, schrieb rief sich in den „Frankfurter Heften“ auf
blikationen und Internetseiten bereits zu Thure von Uexküll in der „Zeit“, führe den Hippokratischen Eid. Als ehemali-
mehrseitigen hasserfüllten Reaktionen ge- dazu, dass der einzelne nicht mehr ger Arztschreiber im Konzentrationsla-
führt hat, garantiert allen Hinweisgebern „Maßstab ärztlicher Verantwortung“ sei ger Buchenwald und Autor des „SS-
selbstverständlich völlige Anonymität. und „durch den Begriff eines Kollektivs Staates“ war er einer der prominentesten
Die eingehenden Angaben werden selbst- abgelöst wird“, das „das Opfer des ein- Zeugen im Ärzteprozess. Auch für ihn
verständlich genau nachgeprüft. Die Ak- zelnen zugunsten des Kollektivs verlan- galt es, die ärztliche Verantwortung neu
tion ist im Internet erreichbar unter: gen“ könne. Ähnlich sah Fred Mielke, zu fundieren, nach der ein Arzt zu heilen
http://www.joergfischer-online.de ■ zusammen mit Alexander Mitscherlich habe und, wie es der ärztliche Eid ver-

6 :antifaschistische nachrichten 2-2002


Schluss mit der Vergabe von Brechmitteln!
Die Würde des Menschen ist unantastbar!
Achidi John ist tot. Gestorben bei einem gewaltsamen Einsatz von Brech-
mitteln im Institut für Rechtsmedizin in Hamburg am 9. Dezember 2001.
Er ist Opfer einer längst gescheiterten Drogenpolitik, die vorgibt, mit Re-
pression von Kleindealern und KonsumentInnen die Drogenprobleme dieser Ge-
sellschaft lösen zu können.
Achidi John ist das erste Todesopfer der Brechmitteleinsätze, die der Hambur-
ger rot-grüne Senat im Sommer 2001 durchgesetzt hat und die von der CDU/FDP/
Schill-Regierung zugespitzt weiter betrieben werden. Der Einsatz von Brechmit-
teln ist Teil einer Politik, der es in erster Linie darum geht, in der Öffentlichkeit
Härte gegenüber „der Drogenszene“ zu demonstrieren und richtet sich insbeson-
dere gegen junge Schwarze. Damit werden rassistische Denkmuster gefördert und
bedient.
Brechmitteleinsätze waren und sind aus juristischer und ermittlungstechnischer
Sicht nicht notwendig. Es geht nicht um Beweissicherung, sondern um eine öf-
fentlichkeitswirksame Ersatz-Strafe – ohne dass die Betroffenen tatsächlich verur-
teilt worden wären. Schon unter diesem Gesichtspunkt ist diese Praxis ein rechts-
staatlicher Skandal.
Die Vergabe von Brechmitteln ist seit Jahren umstritten, unter Anwendung von
Gewalt ist sie lebensgefährlich. Sie widerspricht der Menschenwürde und dem
ärztlichen Berufsethos.
Die staatliche Anordnung der Brechmittelvergabe ist eine Aufforderung zur Folter.
Denn nichts anderes ist die Sicherstellung von Beweisen unter Missachtung und
Verletzung der körperlichen und psychischen Unversehrtheit. Ihre Wahrung und
die Unantastbarkeit der Menschenwürde gelten immer noch für jedermann – ob
Straftäter oder nicht.
● Wir fordern den Senat auf, den Einsatz von Brechmitteln unverzüglich zu
lange, einem Patienten niemals schaden beenden!
dürfe. ● Wir fordern die umfassende juristische Überprüfung des Todes von Achidi
Einigkeit bestand unter den zitierten John: Ermittlungsverfahren gegen die Verantwortlichen – ÄrztInnen, Polizeibeam-
Autoren in Diagnose und Therapie. Auf- tInnen, politisch Verantwortliche – und die Überprüfung der Obduktionsergebnis-
fällig ist, wie vehement betont wurde, se durch unabhängige GutachterInnen.
dass die einzige Sicherung vor solchen ● Wir fordern ÄrztInnen und PolizeibeamtInnen auf: Machen Sie sich nicht zu
Menschheitsverbrechen, wie Ärzte sie Handlangern einer solchen Politik! Beteiligen Sie sich nicht an der Brechmittel-
zwischen 1933 und 1945 begangen hat- vergabe!
ten, die ist, den Patienten als Absolutum Name Funktion, Beruf o.ä. Unterschrift
anzusehen, auf dessen Wohl ein Arzt
ausschließlich verpflichtet sei, und dass Dieser Aufruf soll Mitte Januar als Anzeige im Hamburger Abendblatt erscheinen.
jede Anforderung aus der Gesellschaft, Wir bitten Sie deshalb für die Veröffentlichung auf folgendes Konto zu spenden:
aus Politik oder Justiz, die die Konzen- Pastor Christian Arndt, HASPA BLZ 20050550, Kto-Nr. 1048 / 780 744
tration auf das Patientenwohl auch nur Die Unterschriften können gesandt werden an:
relativieren will, abgelehnt wurde. i Kampagne gegen Brechmitteleinsätze, Nernstweg 32, 22765 Hamburg
Diese Erkenntnisse scheinen wie so Tel: 040/399 05 234, Fax:040/399 01 012
viele andere im Zuge des gesellschafts- oder elektronisch an: aufruf-gegen-brechmittel@gmx.de
politischen Roll Backs, der deutschen
Großmachtpolitik spätestens seit Ende
der DDR, vergessen zu sein. Wenn hu- ernährung hungerstreikender politischer dafür entschieden, das Wohl des Einzel-
manistische Konsequenzen aus dem Gefangener aus der RAF, an deren Fol- nen zu missachten, weil der Staat das
deutschen Faschismus wie die, Deutsch- gen 1974 Holger Meins starb. Dennoch von ihnen verlangt. Der Leiter des Ge-
land dürfe nie wieder Krieg führen, wie glaube ich, dass das was jetzt in Sachen richtsmedizinischen Instituts, Prof.
die, der Nationalsozialismus sei mit der Brechmitteleinsatz geschieht, eine neue Klaus Püschel, hat das in aller Offenheit
Wurzel auszurotten, oder wie die, einen Dimension erreicht hat. Die eben er- zugegeben. Trotz des ersten Todesfalles
Überwachungsstaat abzulehnen und Ge- wähnten Beispiele aus der bundesdeut- werde er weitermachen, weil er den Se-
heimdienst und Polizei strikt voneinan- schen Geschichte liefen mehr oder weni- nat „nicht im Regen stehen“ lassen wol-
der trennen zu wollen, über den Haufen ger hinter verschlossenen Türen ab, sie le. Die Verschiebung des ärztlich-ethi-
geworfen werden, kann es da verwun- waren Ausnahme, nicht Regel. Man war schen Paradigmas kann deutlicher kaum
dern, dass dieser Prozess sich auch der bemüht, sie nicht ans Licht der Öffent- sein.
medizinischen Ethik bemächtigt? lichkeit gelangen zu lassen (was nicht Erfreulich immerhin, dass die Hambur-
Nun war auch nach 1945 natürlich immer gelang). Heute wird politisch da- ger Ärztekammer sich gegen die Verga-
nicht jeder Arzt eine Zierde seiner Zunft. mit geworben, Brechmittel zwangsweise be von Brechmitteln aussprach. V.a. eine
Im Gegenteil kamen viele Mediziner, verabreichen zu lassen. Diese Methode Oppositionsgruppe innerhalb des Ver-
die im „3. Reich“ Verbrechen begangen wird in Hamburg zum Routineeinsatz – bandes ist sehr deutlich geworden:
hatten, mit Wissen ihrer Kollegen wie- in den Tagen nach dem Tod Achidi J.s „Eine Todesstrafe durch die Hintertür
der als Ärzte unter, z.T. getarnt, wie das wurden ostentativ weitere Zwangsverab- darf es nicht geben.“ Sie forderte von
Beispiel Dr. Heyde/Sawade zeigt. Auch reichungen durchgeführt. der Ärztekammer, gegen jeden Arzt zu
dass das höchste Gut das Wohl des Pati- Ohne die Mitwirkung von Ärzten wäre ermitteln, der sich an solchen polizeili-
enten sei, wurde gelegentlich beiseite die Zwangseinflößung von Brechmitteln chen Zwangsmaßnahmen beteiligt.
geschoben, wie bei der Zwangs- kaum durchführbar. Ärzte haben sich F■

: antifaschistische nachrichten 2-2002 7


Am 17. Dezember veröffent-
lichte die AKUF (Arbeitsge- 2001:
meinschaft Kriegsursachen-
forschung), Universität Hamburg,
ihre Jahresbilanz 2001, die wir im
weltweit 46
Folgenden gekürzt dokumentieren.
Der vollständige Text ist der Home-
kriegerische Konflikte
page von AKUF zu entnehmen:
Überblick
www.akuf.de flikten. Damit bestätigt sich auch im
Jahr 2001 die regionale Ungleichvertei- Wohl kaum ein Ereignis hat ein Jahr so
Allgemeine Trends
lung des weltweiten Kriegsgeschehens: geprägt, wie die Terroranschläge vom
Nach Untersuchungen der Hamburger Weit über 90 Prozent aller Kriege seit 11. September auf das World Trade Cen-
Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenfor- 1945 finden in der „Dritten Welt“ statt. ter in New York und das Pentagon in
schung (AKUF) wurden im Jahr 2001 Auch ein anderer Trend wird durch das Washington. Die knapp vier Wochen
weltweit 46 kriegerische Konflikte ge- Kriegsjahr 2001 bestätigt: die wachsen- später begonnene Reaktion der USA be-
führt. Gegenüber dem Vorjahr hat sich de Bedeutung innerstaatlicher Gewalt- gann zunächst in Form von Luftangrif-
diese Zahl damit nur geringfügig von 47 konflikte. Zwischenstaatliche Kriege fen auf Stellungen der Taliban-Regie-
auf 46 verringert. bilden die Ausnahme. Zentraler Gegen- rung in Afghanistan und vermischte sich
Beendet wurde der blutige Grenzkrieg stand der innergesellschaftlichen Ge- in der Folge mit dem seit 1978 andau-
zwischen Eritrea und Äthiopien. Über waltkonflikte sind der Kampf um die ernden innerafghanischen Krieg. Diese
die Konflikte in Laos, im mexikanischen Macht im Staat sowie Autonomie- und Ereignisse haben andere kriegerische
Bundesstaat Chiapas und dem erdölrei- Sezessionsbestrebungen. Konflikte des Jahres 2001 überschattet
chen Nigerdelta in Nigeria lagen in die- In immer stärkeren Maße wird die Zi- und aus dem Blick der Medien ver-
sem Jahr keine Meldungen über größere vilbevölkerung durch die kriegerischen drängt.
bewaffnete Auseinandersetzungen vor. Auseinandersetzungen in Mitleiden- Deutlich eskaliert ist im Laufe des
Neu begonnen hat in diesem Jahr der auf schaft gezogen. Nach vorsichtigen Jahres der Palästina-Konflikt. Die Spira-
die Terroranschläge vom 11. September Schätzungen sind in den 46 aktuellen le der Gewalt aus Selbstmordanschlägen
folgende und in Afghanistan ausgetra- Konflikten seit deren Beginn über 7 Mil- palästinensischer Attentäter einerseits
gene so genannte Anti-Terror-Krieg. lionen Menschen zu Tode gekommen - und militärischen Übergriffen Israels an-
Neu dazu kommen der Krieg, der von die meisten von ihnen Zivilisten. Um ein dererseits lässt einen Frieden unwahr-
der separa- Vielfaches höher liegt die Zahl der Ver- scheinlicher denn je erscheinen. Nicht
tistischen wundeten, Vertriebenen und Flüchtlinge. umgekehrt wurde dadurch bislang der
UÇK in Die materiellen Schäden sind unermess- Friedensschluss im Südlibanon aus dem
Mazedoni- lich. Versuche der UNO oder anderer Or- Jahr 2000. Zwar wurden hier die Kämp-
en geführt ganisationen, die Gewalt einzudämmen fe zwischen israelischer Armee und der
wurde und oder durch Vermittlung dauerhaft zu be- islamistischen Hizbollah-Miliz nicht
die bewaff- enden, haben auch in diesem Jahr nur endgültig beigelegt. Sie gingen aber all-
neten Aus- wenig Erfolg gezeigt. Im Gegenteil wie- gemein zurück und konzentrierten sich
einanderset- sen eine ganze Reihe von Konflikten in im Wesentlichen auf ein zwischen Israel,
zungen zwi- diesem Jahr eine Eskalation der Gewalt Syrien und Libanon umstrittenes Grenz-
schen mus- auf, und nur wenige scheinen einer Lö- gebiet. Ganz in den Hintergrund ge-
limischen sung näher gekommen zu sein. Auch die drängt wurde der wegen der NATO-In-
und christli- beiden diesjährigen Konferenzen der tervention bis zum 11. September heftig
chen Mili- UNO zu den Problemfeldern „Kindersol- diskutierte Krieg zwischen der mazedo-
zen in Ni- daten“ und „Kleinwaffen“ können nicht nischen UÇK und der mazedonischen
geria. als erfolgreich angesehen werden. Regierung. Durch diese Gewalteskalati-
Die von
Kriegen am
stärksten Die kriegerischen Konflikte im Jahr 2001:
betroffenen
Weltregio- Afrika Indien (Nagas) 1975 Israel (Palästina) 2000
Angola (Beginn:) 1960 Indien (Naxaliten) 1997 Libanon 1975
nen sind
Burundi 1993 Indien (Tripura) 1999 Russland (Tschetschenien) 1999
nach wie Guinea 2000 Indien / Pakistan 1998 Tadschikistan 1992
vor Asien Kongo-Kinshasa (Afrik. Regio- Indonesien (Aceh) 1999 Türkei (Kurden) 1984
mit 16 vor nalkrieg) 1998 Indonesien (West-Papua) 1965 USA, GB / al-Quaida, Afghani-
Afrika so- Kongo-Kinshasa (Kivu) 1997 Myanmar 1948 stan (Anti-Terror-Krieg) 2001
wie dem Liberia 2000 Nepal 1999 USA, GB / Irak 1998
Vorderen Nigeria 2001 Pakistan 1986 Usbekistan, Kirgistan 1999
und Mittle- Ruanda 1990 Philippinen (Mindanao) 1998
ren Orient Senegal (Casamance) 1990 Philippinen (NPA) 1970
mit 14 bzw. Sierra Leone 1993 Salomonen 1999 Süd- und Mittelamerika
12 Gewalt- Somalia 1988 Sri Lanka 1983 Kolumbien (ELN) 1964
Kolumbien (FARC) 1965
konflikten. Sudan 1983
Es folgen Tschad 1966
Vorderer und Mittlerer
Uganda 1995
Lateiname- Orient Europa
rika und Asien Afghanistan 1978 Jugoslawien (Kosovo) 1998
Europa mit Indien (Assam) 1997 Algerien 1992 Mazedonien 2001
jeweils 2 Indien (Bodos) 1997 Georgien (Abchasien) 1992
kriegeri- Indien (Kaschmir) 1990 Iran (Mudschahiddin) 2000
schen Kon-

8 :antifaschistische nachrichten 2-2002


on wurde auch der letzte der fünf Nach- Asien war im Jahr 2001 die Weltregi-
folgestaaten des früheren sozialistischen on mit den meisten kriegerischen Kon- Schwerpunkt:
Jugoslawien vom Krieg erfasst. Vor dem flikten. Dies ist auch darauf zurückzu-
Hintergrund der Rechte der albanisch- führen, dass allein in Indien sechs Kon-
Rechte Musik
sprachigen Minderheit in Mazedonien flikte gewaltsam ausgetragen werden. Lange Zeit galt Rock von Rechts ausschließ-
trug hier vor allem der nur unzureichend Neben dem Kaschmirkonflikt im Nord- lich als ein Phänomen, das mit der rechts-
eingedämmte Zufluss von Waffen aus westen waren dies vor allem Konflikte extremen und Gewalt bereiten Skinhead-
dem benachbarten Kosovo zur Eskalati- im Osten des Landes, die von Rebellen Szene in Verbindung gebracht wurde.
on bei. Ein Übergreifen des Kosovo- für eine größere Autonomie oder gar Se- Doch jüngere Entwicklungen haben ge-
Konfliktes war bis zum ersten Quartal zession einer Bevölkerungsgruppe ge- zeigt, dass rechtsextreme Musik keines-
des Jahres 2001 auch noch in der zwi- führt werden. Daneben kämpfen aber wegs auf das Skinhead-Milieu beschränkt
schen dem Kosovo und Zentralserbien auch maoistische Rebellengruppen im ist, sondern dass nahezu alle Musikstile für
eingerichteten Sicherheitszone zu ver- so genannten Naxaliten-Konflikt für rechtsextreme Agitation und Propaganda
zeichnen. Neben diesen Konflikten wur- eine Veränderung des politischen und genutzt werden können.
den auch 2001 weltweit eine ganze Rei- sozialen Systems. Weiter eskaliert ist im Die aktuelle Ausgabe des Fachinformati-
he von weitgehend „vergessenen“ krie- November 2001 der Krieg einer eben- onsdienstes DER RECHTE RAND
gerischen Konflikten ausgetragen. falls maoistischen Rebellenbewegung (Januar/Februar 2002) widmet sich aus-
Noch nicht abzusehen sind die Aus- im benachbarten Königreich Nepal. führlich dem Thema rechte Musik. Neben
wirkungen der Ereignisse in Afghanistan Bei den Gewaltkonflikten in Asien einem allgemeinen Aufsatz zur Verortung
auf weitere Konflikte in der Region. In war auch im Mindanao-Konflikt auf den
Usbekistan ist in diesem Jahr im Ver- Philippinen eine Eskalation der Gewalt
gleich zu den beiden Vorjahren ein ge- zu verzeichnen. Hier kämpfen mehrere
ringeres Ausmaß an bewaffneten Aus- islamische oder islamistische Rebellen-
einandersetzungen zwischen islamisti- gruppen für eine größere Autonomie
schen Rebellen und der Regierung zu bzw. einen eigenen Staat. Durch ihre
verzeichnen gewesen. Der innerpakista- Entführungen und Geiselnahmen
nische Konflikt mit islamistischen Grup- berüchtigt, wenn auch klein, ist die Abu
pierungen ist entgegen vielen Voraussa- Sayyaf Gruppe. Bemerkenswert ist in
gen bislang nicht weiter eskaliert. Der diesem Jahr vor allem die Wiederauf-
Kaschmirkrieg in Indien und die damit nahme der Kampfhandlungen durch die
zusammenhängenden bewaffneten Zu- in der Vergangenheit größte Rebellen-
sammenstöße zwischen Indien und Paki- gruppe des seit 1970 andauernden Krie-
stan verliefen 2001 insgesamt auf dem ges, die infolge eines Friedensvertrages
Niveau des Vorjahres. 1996 ihre Waffen niedergelegt hatte.
Regional weiter entfernt – aber durch Weitere kriegerische Auseinanderset-
Andeutungen aus der US-Administrati- zungen in Asien wurden ohne wesentli-
on immer wieder im Zusammenhang mit che Veränderungen in Indonesien, in
einer möglichen Ausweitung des „Anti- Myanmar (Birma) und in Sri Lanka aus-
Terror-Krieges“ genannt – liegen der getragen. Dagegen deutet sich auf den
Irak und Somalia. In beiden Ländern Salomonen eine Entspannung der Lage
dauern Kriege an, die von der Öffent- an.
lichkeit weitgehend übersehen werden: Afrika weist vor allem zwei Krisen-
Irakische Militäranlagen sind seit 1998 herde mit Verbindungen zu mehreren der verschiedenen Musikstile und ihrer
regelmäßig das Ziel von US-amerikani- Kriegen auf. Zum einen ist dies der Nähe zum Rechtsextremismus finden sich
schen und britischen Luftangriffen. In „Afrikanische Regionalkrieg“ um Macht darin unter anderem Beiträge zu rechtsex-
Somalia hat auch die Bildung einer im und Einfluss in der Demokratischen Re- tremen Liedermachern, zu den politischen
Jahr 2000 aus längeren Friedensver- publik Kongo. Er steht sowohl mit den Dimensionen des Rechts-Rock, zu Magazi-
handlungen hervorgegangenen Über- innerstaatlichen Kriegen der östlichen nen aus dem rechten Musikspektrum, zu fa-
gangsregierung keine Befriedung des Nachbarstaaten Ruanda, Burundi und schistoider Ästhetik sowie zur Frage der
Landes herbeigeführt. Wichtige Warl- Uganda als auch mit dem Krieg in Nationalisierung durch Musik. Das Heft
ords haben sich mit ihrer bewaffneten Angola in Verbindung. Auf diesem zeigt: nicht nur Glatzen machen und hören
Anhängerschaft diesem Friedens^-pro- großen Kriegsschauplatz zeichnet sich rechte Musik. Und: Rechtsextrem und rassi-
zess entzogen. Da die amtierende Regie- eine Entspannung ab, weil ein seit Fe- stisch durchsetzte Musik ist weiter auf dem
rung der Zusammenarbeit mit islamisti- bruar bestehender Waffenstillstand im Vormarsch.
schen Terroristen verdächtigt wird, hof- Wesentlichen eingehalten wird. Aller-
fen diese Warlords nun auf eine Unter- dings wird neben diesem „großen“
stützung im Rahmen der Terrorismus- Krieg auch noch ein „kleinerer“, dafür ria und Guinea. Hier wurde der 1989 in
bekämpfung. aber umso blutigerer bewaffneter Kon- Liberia erstmalig gewaltsam eskalierte
Auf andere Weise mit der Terroris- flikt im Osten des Kongo, unvermindert Konflikt zunächst nach Sierra Leone ex-
musbekämpfung verbunden ist der weiter geführt. Schätzungen beziffern portiert und erfasste im Jahr 2000 auch
Krieg in Tschetschenien. Der General- die Zahl der Todesopfer in dieser Region Guinea. In diesen beiden regionalen Kri-
verdacht gegen islamistische bewaffnete in den letzten drei Jahren auf bis zu 2,5 senherden besteht ein Interesse der be-
Gruppierungen als Terrorgruppen kam Millionen. Von den benachbarten Kon- teiligten Akteure an der Ausbeutung von
der russischen Führung im Kampf gegen flikten scheint lediglich in Uganda ein Rohstoffen (Gold, Coltan, Diamanten
die von ihnen als Terroristen bezeichne- Sieg der Regierungstruppen über die usw. im Kongo sowie Diamanten in
ten Rebellen sehr entgegen. Die Kritik dortigen Rebellengruppierungen und da- Westafrika). Die darauf basierende
an dem nach wie vor brutalen Vorgehen mit ein Ende der Kämpfe in absehbarer Kriegsökonomie trägt nicht wenig zur
der russischen Armee wurde dadurch Zukunft nicht ausgeschlossen. Fortführung der jeweiligen Kriege bei.
vollkommen in den Hintergrund ge- Der zweite Krisenherd in Afrika um- Auseinandersetzungen zwischen Mus-
drängt. fasst die drei Staaten Sierra Leone, Libe- limen und Christen in Nord- und Zen-

: antifaschistische nachrichten 2-2002 9


tralnigeria forderten bereits in den Vor-
jahren hohe Zahlen an Menschenleben,
erfolgten in der Vergangenheit aber eher
„Wir sind wieder wer!“
pogromartig und sporadisch. Mittlerwei- Die Bundeswehr im Ausland – Eine Übersicht
le scheinen sie sich aber zumindest auf
lokaler Ebene in Form von Milizen or- Am Heiligabend 2001 verbrei- AWACS-Überwachung der UN-Blocka-
ganisatorisch verfestigt zu haben. Darü- teten manche Zeitungen eine de gegen Serbien und Montenegro in der
ber hinaus werden in Afrika unverändert Zusammenstellung von dpa Adria, von 1995 an Beteiligung an den
kriegerisch die Auseinandersetzungen über deutsche Auslandseinsätze. Es Friedenstruppen Ifor und Sfor in Bosni-
im Senegal, im Sudan und im Tschad ist erstaunlich, wie viel es davon en. 1999 Abordnung eines Kontingents
ausgetragen. schon gegeben hat. Und künftig soll für die unter Nato-Kommando stehende
Noch mehr als Asien und Afrika wies das alles ganz „normal“ sein. Friedenstruppe Kfor in Kosovo.
der Vordere und Mittlere Orient im Jahr ● Auch an der reinen Nato-Mission
2001 eine Reihe von Konflikten auf, die Bereits seit den 70er Jahren beteiligt „Amber Fox“ in Mazedonien nehmen
mit den Folgen des 11. September in Zu- sich die Bundeswehr an Einsätzen der deutsche Soldaten teil. Seit Ende Sep-
sammenhang standen. Daneben wurden Vereinten Nationen (UN) und auch der tember ist es ihre Aufgabe, etwa 280 in-
auch weitere Konflikte, die in der Ver- NATO. Sie hatten damals allerdings ternationale Beobachter des Frieden-
gangenheit mehr oder weniger Beach- noch einen anderen Charakter und wa- sprozesses zu schützen. Die Mission
ren weitgehend unumstritten. steht unter deutschem Kommando und
Seit den 90er Jahren nahmen die war am 27. September vom Bundestag
Einsätze zu – und die politischen gebilligt worden.
Auseinandersetzungen darüber Vorgänger von „Amber Fox“ war die
ebenso. Das Bundesverfassungs- Mission „Essential Harvest“ (Wesentli-
gericht hat mit seiner Entschei- che Ernte) zur Entwaffnung der albani-
dung 1994 solche Einsätze für schen UCK-Rebellen in Mazedonien.
grundgesetzkonform gehalten. ● Insgesamt ist die Bundeswehr im
Im Jahr 2001 stimmte der Bun- früheren Jugoslawien mit mehr als 7.500
destag sechsmal über Auslands- Mann engagiert: In Bosnien stellt
einsätze deutscher Soldaten – Deutschland ein Kontingent von 1.760
hauptsächlich im ehemaligen Ju- Mann in der Nato-geführten Sfor, 5.130
goslawien – ab. Zu den Ausland- Deutsche sind in Kosovo und dort für
seinsätzen seit den 70ern zählen: den Süden zuständig , weitere 660 Mann
● 1973/74 im Nahen Osten: sind in Mazedonien als Mitglieder der
Flugzeugtransporte von medizi- „Task Force Fox“.
nischem Gerät nach Ägypten, ● 1992/94 in Somalia: Entsendung von
Syrien und Israel. Auftraggeber: 1.700 Mann in das von Bürgerkrieg und
www.arbeiterfotografie.com

Die UN-Friedenstruppe Unef. Hungersnot gezeichnete ostafrikanische


● 1978 im Nahen Osten: Trans- Land. Federführend ist die Mission
all-Transporte von Fahrzeugen Unosom. Ergebnis gleich Null.
und Ausrüstungen für die UN- ● Seit 1994 in Georgien: Unterstützung
Streitmacht in Libanon (Unifil). der Mission Unomig mit Sanitätsperso-
Info:

Nepalesische Soldaten werden in nal und Beobachtern. Unomig über-


den Gebrauch der Geräte einge- wacht den Waffenstillstand in der Unru-
wiesen. heprovinz Abchasien.
● 1988/89 in Namibia: Trans- ● 1999/2000 in Osttimor und Australi-
porte im Auftrag der UN-Missi- en: Transport und Behandlung von
tung fanden, unverändert mit kriegeri- on Untag, die den Unabhängigkeitspro- Kranken auf dem nach Unabhängigkeit
schen Mitteln ausgetragen: in Algerien, zess und die ersten freien Wahlen in von Indonesien strebenden Osttimor.
im Iran, in der Türkei, in Georgien und dem afrikanischen Land überwacht. Die deutschen Soldaten sind Teil der
in Tadschikistan. ● 1989 in Sudan: Flüge zur Linderung Friedenstruppe Interfet, die unter austra-
In den letzten Wochen und Monaten einer Hungersnot. Auftraggeber ist die lischer Führung, aber im Auftrag der UN
wieder eskaliert sind auch die beiden „Lifeline Sudan“ der UN. handelt.
Kriege in Kolumbien. Dort kämpfen seit ● 1991 im Persischen Golf: Minensuche ● 2001/2002: Beteiligung an der „Anti-
Mitte der 1960er Jahre zwei „linksge- mit sieben Schiffen auf Bitten der UN Terror-Mission“ der USA gegen Afgha-
richtete“ Guerillagruppen größtenteils und der USA. Die Schiffe werden aller- nistan unter dem Namen „Enduring
unabhängig voneinander gegen die ko- dings nicht einem UN-Kommando un- Freedom“ („Dauerhafte Freiheit“). Bis
lumbianische Regierung und seit einigen terstellt. Danach Unterstützung der UN- zu 3.900 Soldaten sollen zum Einsatz
Jahren vor allem auch gegen parami- Mission Unscom bei der Suche nach kommen. Beschlossen im Bundestag am
litärische Verbände. Ähnlich wie bei den Massenvernichtungswaffen in Irak. 16. November 2001.
afrikanischen Krisenzentren spielt auch ● 1991/93 in Kambodscha: Kranken- ● 2001/2002 in Afghanistan: Beteili-
in Kolumbien die Kriegsökonomie eine versorgung im Rahmen der UN-Über- gung von bis zu 1.200 Bundeswehr-Sol-
entscheidende Rolle. gangsbehörde Untac und deren Nachfol- daten an der multinationalen Schutztrup-
Das Interesse der Kontrolle über den georganisation Unamic. Die Ärzte und pe (Isaf) mit UN-Mandat in „Kabul und
Drogenanbau durch Guerilla und para- Pfleger des Bundeswehrlazaretts in Ph- Umgebung“. Bundestagsbeschluss: 22.
militärische Gruppen führt hier zur Ver- nom Penh behandeln nach Angaben der Dezember 2001.
stetigung des Konfliktes. Zur Eskalation Bundesregierung 44.000 Menschen.
beigetragen hat in diesem Jahr vor allem ● Seit 1992 im früheren Jugoslawien: Quelle: homepage des Kasseler Frie-
auch die von den USA im Rahmen des Zunächst Beteiligung an einer Luft- densforums, www.uni-kassel.de, eMail:
so genannten Plan Colombia zur Dro- brücke nach Sarajevo, strutype@hrz.uni-kassel.de ■
genbekämpfung unterstützte Verstär-

10 :antifaschistische nachrichten 2-2002


Die Arbeitsgruppe Ausge-
grenzte Opfer erwartet am Ehemalige Zwangsarbeiter
21. Januar Besuch von einem
Polen und vier Tschechen, die in der
Zeit des Nationalsozialismus in
werden Frankfurt besuchen
Frankfurt Zwangsarbeit leisten muss- 17.12.2001) als „berechtigt“ anerkannt und hier Zwangsarbeit leisten mussten.
ten: Tadeusz Grabal bei der Deut- für die Soforthilfe von 2000 DM und für Die Arbeitsgruppe Ausgegrenzte Opfer
schen Reichsbahn, Jaroslav Vrba bei das Besuchsprogramm. jedenfalls hält die Angaben in den Fra-
Telefonbau & Normalzeit, Jaroslav Nun muss man aber wissen, dass die gebögen für plausibel. Die Arbeitsgrup-
Sima bei Holzmann, Zdenek Halas Hauptquellen des Instituts die Haus- pe will die Chance nicht verpassen, mit
beim Bahnpostamt, Frantisek Mittel- standsbücher (Meldebücher) sind. Für den wenigen Überlebenden zu sprechen
bach bei Zeppelin. die Erfassung dieser Bücher in einer Da- und hat deshalb auf eigene Kosten bzw.
tenbank hat die Stadt insgesamt 210.000 mit Hilfe von Spenden eine kleine Grup-
Seit August 2000 versucht die Arbeits- DM zur Verfügung gestellt. Die Erfas- pe eingeladen. Und diese Menschen
gruppe vergeblich, das im Juni 2000 be- sung wurde Okt./ Nov. 2000 begonnen freuen sich auf den Besuch. Sie werden
schlossene städtische Besuchsprogramm und sollte nach Aussagen von Nordhoff vom 21.-29. Januar in Frankfurt sein,
zu beschleunigen und hat der Stadt zu Anfang Mai 2001 abgeschlossen sein. u.a. Schüler und Gewerkschafter treffen
dem Zweck über 200 ausgewertete Fra- Am 16.7.2001 erwähnte Nordhoff in ei- und an einer Gedenkveranstaltung am
gebögen ehemaliger Frankfurter nem Magistratsbericht, dass die Daten 27. Januar teilnehmen. Vielleicht be-
ZwangsarbeiterInnen aus Polen und zu 2/3 eingegeben seien. Am 21.9.2001 schleunigt dieser Besuch ja die Aufnah-
Tschechien zur Verfügung gestellt. Das waren sie immer noch nicht komplett me weiterer Besuchsprogramme durch
Institut für Stadtgeschichte hat die An- eingegeben – wahrscheinlich sind sie es die Stadt. udi ■
gaben mit seinen Unterlagen abgegli- heute noch nicht. Infos und Spenden: Arbeitsgruppe
chen und 24 (Kulturdezernent Nordhoff Doch selbst wenn sie es wären, ist das Ausgegrenzte Opfer, c/o Studienkreis
am 16.7.2001 in der Stadtverordneten- keine Garantie dafür, dass Personen, Deutscher Widerstand, Rossertstr. 9,
versammlung) bzw. fünf Personen (In- über die nichts in der Datenbank zu fin- 60323 Frankfurt, Tel. 069-721575,
stitut für Stadtgeschichte am den ist, nicht doch in Frankfurt waren Fax 069-71034254

Zum Interna-
tionalen Ju-
Internationales Jugendworkcamp
gendwork- Bergen-Belsen 15. - 21.4.2002
camp laden christli-
che und gewerk- am 12.4.02 ein, wobei für Jugendli- heute genutzte und umstrittene Militär-
schaftliche Jugend- che aus Deutschland noch einige gelände, das, erst im Landtagswahl-
verbände. Plätze frei sind. kampf 1998 geschlossene neo-faschisti-
60 Jugendliche aus sche Zentrum Hetendorf, der jüngste
Bergen-Belsen und die Jugend-
6 Ländern pflegen Nazi-Mordanschlag im nahen Eschede
bauliche Reste, ma- workcamps bis heute: und das neofaschistische Treiben der
chen Baracken und Die Gedenkstätte ist ein, als Park- Celler Kameradschaft im mittleren Nie-
Lagergrenze des anlage gestalteter, großer Friedhof. dersachsen sowie die Arbeit antifaschi-
ehemaligen Kriegsgefangenenlagers „Man kann sich hier gar nichts vor- stischer Bündnisse und Friedensgruppen
und KZ symbolisch wieder erkenn- stellen“ sagen besonders junge Besuche- der Region bieten u.a. weitere anschauli-
bar, sprechen mit Verfolgten des Fa- rInnen ständig. Seit Beginn des Jahres che Beschäftigung. Flüchtlinge von heu-
schismus und heute von Asylpolitik 1993 haben erstmals Jugendliche die te berichten über ihre Verfolgung in den
Betroffenen. „steinernen Zeugen“ des Holocaust Herkunftsländern und über ihre Situation
sichtbar gemacht. Gruppen von Schüle- und Behandlung in Deutschland. interna-
Die Umgebung von Bergen-Belsen mit rinnen, Auszubildenden, Jugendverbän- tionale kulturelle Angebote zum Thema
dem größten, bereits von den Nazis an- den haben Barackenfundamente, Lager- und zur Unterhaltung stehen ebenso auf
gelegten, Truppenübungsplatz und Mord straße und Feuerlöschbecken freigelegt dem Programm.
und Anschläge von Neonazis in der Um- und parallel dazu im Archiv der Gedenk- Für die Teilnehmenden des Camps
gebung wird ebenso Thema sein wie stätte Fotos und Dokumente eben zu die- wird das gemeinsame Handeln in einer
Zwangsarbeit, Ausgrenzung und Milita- sen Orten aufgestöbert. Viele Fundstücke internationalen Gruppe aus 5 Ländern
rismus. Zum Jahrestag der Befreiung ge- kamen beim Graben zu Tage. Sowjeti- gerade an diesem Ort eine wichtige Er-
staltet das Jugendworkcamp gemeinsam sche Münzen, Essgeschirr, Stacheldraht fahrung sein. An den Gedenkfeiern zum
mit anderen Gruppen am 21.4.02, 13 usw.; Dinge die auf eine Geschichte von Jahrestag der Befreiung beteiligen sich
Uhr, die öffentliche Gedenkfeier auf der Menschen schließen lassen. Das „Spuren die Jugendlichen des internationalen Ju-
Eisenbahnrampe bei Bergen und um suchen, Spuren sichern“ genannte Pro- gendworkcamps zusammen mit Verfolg-
15.30 Uhr am Obelisk. jekt ist der Beginn, Bergen-Belsen be- tenverbänden, Kirchen, Antifagruppen,
Die Teilnahme kostet Euro 50,- . Darin greifbar und erfahrbar werden zu lassen. Schulen, Gewerkschaften usw. An die-
enthalten sind alle Kosten für Unter- im Mittelpunkt des Internationalen Ju- sem Tag werden wohl die Geschütze des
kunft, Verpflegung, Aktivitäten und Pro- gendcamps vom 15. - 21.4.02 steht das Truppenübungsplatzes zwischen Bergen
gramm. Die Woche ist als Bildungsur- „Ausgraben der Geschichte“ im ehem. und Fallingbostel schweigen.
laub anerkannt. Anreise: 15.4.02 abends. KZ, im Archiv, durch Gespräche mit Das Programm wird auf Wunsch von
Schülerinnen haben gute Chancen für die überlebenden Häftlingen und anderen der DGB-Jugend zugesandt. ■
Zeit vom Unterricht befreit zu werden, ZeitzeugInnen. Der von den Nazis ange- Information und Anmeldung bei:
zumal die niedersächsische Kultusmini- legte, und bis heute betriebene, größte DGB-Gewerkschaftsjugend, Niedersach-
sterin Schirmfrau des Workcamps ist. Truppenübungsplatz Westeuropas bot sen-Bremen, H-D. Charly Braun
Anmeldeschluss ist 12.3.02. Die mei- genügend Platz für sowjetische Kriegs- Dreyerstr. 6, 30169 Hannover
sten internationalen Gäste treffen bereits gefangenenlager und ein KZ. Das bis T. 0511-456252 oder T. 0511-1260161

: antifaschistische nachrichten 2-2002 11


: ausländer- und asylpolitik

Verletzt Bundesamt Gesetze? schenrechtslage in


Berlin. Presseberichten zufolge hat das der Türkei als auch
Bundesamt für die Anerkennung auslän- die NATO-Mit-
discher Flüchtlinge personenbezogene gliedschaft beson-
Daten von asylsuchenden Flüchtlingen ders berücksich-
an andere Behörden weiter gegeben und tigt“.
damit das Datenschutzrecht verletzt. Die Besonders gleich-
Freiburger Außenstelle des Bundesamts gültig scheint der
hatte eine Flüchtlingsorganisation be- Regierung die Pres-
schuldigt, mit ihren Aktivitäten das sefreiheit in der
Rechtsberatungsgesetz zu verletzen. Zur Türkei zu sein. Auf
Untermauerung des Vorwurfs gab die die Frage, welche
Behörde von sich aus Schreiben von Zeitungen, Zeit-
Asylantragstellern und andere Doku- schriften, Verlage
mente aus Fallakten an die Strafverfol- und Journalisten
gungsbehörden weiter. Nach dem Asyl- seit Aufnahme der
verfahrensgesetz dürfen jedoch Daten al- Türkei in den Kreis der Beitrittskandida- rungs-Richtlinie der Europäischen Union
lenfalls auf Ersuchen einer anderen ten zur EU verboten, mit Geldstrafen be- umgesetzt sein. Wir werden die entspre-
Behörde weiter gegeben werden. legt oder auf andere Weise verfolgt wur- chenden Vorschläge der Bundesregie-
Diesen sehr freihändigen Umgang mit den, heißt es in der Antwort: „Die Bun- rung sehr sorgfältig daraufhin prüfen,
höchst sensiblen Daten von Menschen, desregierung führt keine Statistik über ob sie tatsächlich zu einer Verhinderung
die Schutz suchen, darf man nicht auf die einzelnen Sanktionen gegenüber Me- ungerechtfertigter Benachteiligungen
sich beruhen lassen, findet die PDS-Ab- dien und Medienvertretern.“ ■ führt.“ PM PDS ■
geordnete Ulla Jelpke. Sie hat deshalb
den Fall in einer Kleinen Anfrage thema- „Selektion“ von Aussiedlern „Klassenziel verfehlt!
tisiert und die Bundesregierung zur Stel-
lungnahme aufgefordert. PM PDS ■ bei Versicherung beenden! Sitzengeblieben!“
Berlin. Nach einem vorab verbreiteten „So muss man die deutschen Ergebnisse
8.216 Abschiebungen in die Bericht des Nachrichtenmagazins der PISA –Studie bewerten, wenn man
STERN hat die Stuttgarter Zentrale des Chancengleichheit zur wesentlichen
Türkei trotz schwerer Men- Versicherungskonzerns „Die Württem- Aufgabe des Schulsystems erklärt“, sagt
schenrechtsverletzungen bergische“ ihre Bezirksdirektionen in ei- Tayfun Keltek, Vorsitzender der Landes-
Berlin. Trotz anhaltender Menschen- nem vertraulichen Schreiben angewie- arbeitsgemeinschaft der Ausländerbeirä-
rechtsverletzungen in der Türkei haben sen, keine Aussiedler in die Kfz-Versi- te NRW (LAGA). Allerdings zeigen die
deutsche Behörden von Januar 2000 bis cherung aufzunehmen und bestehende Ergebnisse der PISA-Studie beides:
Oktober 2001 8.216 Flüchtlinge in die Verträge zu kündigen. Inzwischen seien Schule auf hohem Niveau ist auch mit
Türkei abgeschoben. Das geht aus der über 5.000 Policen gekündigt, auch von SchülerInnen möglich, die einen Migra-
Antwort der Bundesregierung auf eine Fahrern, die seit Jahren unfallfrei am tionshintergrund haben oder aus unteren
PDS-Anfrage hervor. Straßenverkehr teilnehmen. Mitarbeitern sozialen Schichten kommen. Allerdings
Gleichzeitig bestätigt die Bundesre- werde gekündigt, wenn sie an der „Se- eher in Schweden oder Finnland als in
gierung schwere Menschenrechtsverlet- lektion“ nicht teilnehmen wollen. „Hier Deutschland. Die Frage liegt nahe: war-
zungen in der Türkei. 154 registrierte werden Menschen ausgegrenzt, nur weil um sind in anderen Ländern bessere Er-
Morde sogenannter „unbekannter Täter“, sie Aussiedler sind. Der Ausschluss von gebnisse bei vergleichbaren Vorausset-
173 Todesfälle in Untersuchungsfällen der Kfz-Versicherung hat zur Folge, dass zungen möglich? Wie kann hier konkret
und 594 registrierte Fälle von Folterung viele von ihnen möglicherweise ihren Abhilfe geschaffen werden, ohne in Ak-
allein im Jahr 2000, 792 Folterungen in Beruf nicht mehr ausüben können,“ so tionismus zu verfallen?
den ersten neun Monaten 2001 sind ihr die innenpolitische Sprecherin Ulla Jelp- Konkret: 20% des getesteten Alters-
ebenso bekannt wie 10 vorübergehende ke und die umweltpolitische Sprecherin jahrgangs haben grundlegende Probleme
Schließungen von Radio- und Fernseh- der PDS-Fraktion Eva Bulling-Schröter. beim Lesen, wobei mittlerweile jeder
stationen in dieser Zeit und die Verbots- „Dieser Skandal macht deutlich, wie weiß: sprachliche Fähigkeiten sind eine
drohungen gegen die prokurdische Partei notwendig es ist, endlich wirksame Anti- wesentliche Voraussetzung für Lernen
HADEP. Auf die deutsche Türkeipolitik Diskriminierungs-Regelungen zu verab- und Schulerfolg. Allerdings war dieser
hat all das offenbar keine Auswirkungen. schieden, die auch eine Benachteiligung Befund absehbar. Denn die Kenntnis
Die Abschiebungen gehen weiter, Kredi- wegen der Herkunft oder der Staatsan- über diese reale Situation hat dazu ge-
te werden weiter bewilligt, Waffen gelie- gehörigkeit ausschließen. Zwar gilt der führt, dass am 18.1. 2000 die LAGA
fert. Allein von der EU erhält die Türkei Gleichheitsgrundsatz des Artikels 3 NRW ihr Positionspapier vorgelegt hat:
als Beitrittskandidat seit 2000 jährlich Grundgesetz auch im Rechtsverkehr „Integration konkret: die Schulerfolge
rund 177 Millionen Euro Zuschüsse, zwischen Privaten, konkrete Sanktionen der Migranten verbessern!“ Hauptbe-
außerdem bis 2004 EIB-Darlehen von sind aber mit einer Verletzung dieses fund: Die Schulen sind immer noch nicht
1,44 Milliarden Euro. Zur Förderung Grundsatzes nicht immer verbunden. Es eingestellt auf die spezifischen Bedin-
deutscher Exporte in die Türkei bewillig- muss klar und deutlich geregelt werden: gungen, die eine Zuwanderungsgesell-
te die Bundesregierung im gleichen Zeit- Wer Menschen wegen ihrer Herkunft, ih- schaft mit sich bringt. Es fehlt an der
raum Ausfuhrbürgschaften von 6,2 Milli- rer Staatsangehörigkeit, ihrer Hautfarbe Umsetzung von Konzepten, die Lernen
arden DM. Kritik an ihren Waffenexpor- oder aus ähnlichen Gründen ausgrenzt in sprachlich heterogenen Klassen, dar-
ten in die Türkei weist die Bundesregie- und benachteiligt, handelt rechtswidrig unter solchen mit SchülerInnen unter-
rung zurück: „Im Rahmen des Entschei- und wird zur Rechenschaft gezogen. Im schiedlicher Muttersprachen, effektiv
dungsprozesses werden sowohl die Men- Jahre 2002 muss die Anti-Diskriminie- machen. Da liegt das eigentliche Pro-

12 :antifaschistische nachrichten 2-2002


blem, so die LAGA NRW. Die frühe Se- 16.1.02 von 10 - 18 Uhr im Reichstag mit den Ländern verhandelt, und dem
lektion nach nur 4 Grundschuljahren und eine öffentliche Expertenanhörung zum das Plenum des Bundesrates am
das vielfache Abschieben von Migranten Zuwanderungsgesetzentwurf durch. Die 20.12.01 zugestimmt hat, betrifft die
auf die „Restschule“ Hauptschule gehen Anhörung ist öffentlich. Verschärfung des § 1a AsylbLG „ gesetz-
oft an den Möglichkeiten der Betroffe- Die Ausschüsse des Bundesrates ha- liche Klarstellung des Leistungumfangs
nen vorbei, entmotivieren viele Schüle- ben am 13.12.01 eine Liste mit insge- „Butterbrot und Fahrkarte“!“ Leistungs-
rInnen und vermitteln keine Perspekti- samt 175 Vorschlägen zur Verschärfung streichung erfolgt künftig auch dann,
ven. Leistung wird mit Auslese verwech- des Zuwanderungsgesetzentwurfs vorge- wenn der Ausländer „das Ausreisehin-
selt. Statt jetzt in der Auswertung von legt (Bundesratsdrücksache 921/ 1/01 v. dernis selbst zu vertreten hat oder zumut-
PISA die Selektion zu verschärfen und 13.12.01). Das Plenum des Bundesrates bare Anforderungen zur Beseitigung des
noch mehr Tests durchzuführen (etwa bei hat am 20.12.01 der Mehrzahl der Ver- Ausreisehindernisses nicht erfüllt“! Von
den dreijährigen Kindern), ohne zu wis- schärfungsvorschläge zugestimmt, ähnlicher Schäbigkeit sind auch die zahl-
sen, was man denn mit den Testergebnis- während über die restlichen Vorschläge reichen weiteren Vorschläge zur Ver-
sen anschließend machen soll, muss noch diskutiert wird, diese aber auch schärfung des Zuwanderunggesetzent-
überlegt werden, welche Art von Unter- noch nicht vom Tisch sind. Ein Beispiel: wurfs, über die Herr Schily jetzt mit den
richt und Schulstruktur wir brauchen, um Rot-Grün verhandelt mit den Ländern Ländern verhandelt.. Übrigens fordern
mehr Chancengleichheit zu verwirkli- über massive Verschärfungen des Asyl- nicht nur CDU, FDP und Rot-Grüne
chen. Die notwendigen Schritte im Vor- bLG. Leistungen nach § 2 AsylbLG (36 Länder Verschärfungen des Zuwande-
schulbereich ersetzen nicht schulische runggesetzent-
Konzepte. wurfs, in einer
Das Ministerium für Schule, Wissen- Reihe von Fällen
schaft und Forschung behandelt die Be- hat auch das Rot-
schulung der Migranten immer noch als Rote Meck-
Außenseiterthema, und nicht als integra- lenburg-Vorpom-
len Bestandteil von Schule. Praktische mern den Ver-
Schritte dürfen nicht mehr auf die lange schärfungsforde-
Bank geschoben werden. Die LAGA rungen zuge-
NRW ist weiterhin bereit, sie mit zu be- stimmt.
raten, mit zu tragen und zu unterstützen. Georg Classen,
LAGA-Stellungnahme zur PISA-Stu- Flüchtlingsrat
die vom 14.12.2001, email: info@laga- Berlin, gekürz,
nrw.de, Internet: www.laga-nrw.de ■ Fennstr 31,
12439 Berlin
Seit 9 Jahren gleichbleiben- FAX 030-
6361198
de Leistungen nach AsylblG E-mail:
weiterhin „auskömmlich“ georg.classen@
Berlin. Da die seit 1.11.1993 unverän- berlin.de ■
dert geltenden Grundleistungsbeträge
nach AsylblG weiterhin „auskömmlich“ Monate Leistungsbezug vorausgesetzt) Blockade gegen Abschiebung
seien, hat der Bundesrat u.a. mit dem sollen nur noch an Ausländer mit huma-
Stimmen NRWs – am 20.12.01 die von nitärem Aufenthaltstitel gewährt werden, Bremen. In den frühen Morgenstunden
der Bundesregierung vorgeschlagene Er- während andere Asylbewerber und Aus- des 9. Januar haben über 120 Menschen
höhung der Leistungen nach AsylbLG länder künftig unbefristet abgesenkte durch Straßenbarrikaden und Blockade
um ca. 1,4 % abgelehnt und stattdessen Sachleistungen nach §§ 3-7 AsylbLG er- eines Wohnhauses eine Abschiebung in
lediglich eine Aufrundung auf den näch- halten sollen. Dieser Hilfsempfehlung Bremen verhindert.
sten vollen Euro vorgeschlagen (Bundes- hat das Plenum des Bundesrates am In Bremen sind mehr als fünfhundert
rats-Drucksache 956/1/01). Die Bundes- 20.12.01 bereits zugestimmt. Dieser Vor- staatenlose Kurdinnen und Kurden aus
regierung war demgegenüber der Auffas- schlag stammt übrigens aus dem SPD-re- dem Libanon seit nunmehr zwei Jahren
sung, dass eine Anpassung zwar in den gierten Niedersachsen, gegen den im akut von Abschiebung bedroht. Ihnen
Jahren 1994 bis 2001 nicht nötig war. Da Bundesratsinnenausschuss nur Me-Vo, soll zum Verhängnis werden, dass sie die
aber in 2001 die Preise um ca. 2,9 % ge- Sa-Anhalt und Sl-H gestimmt haben, Türkei vor 10 oder 15 Jahren als „Tran-
stiegen seien, müssten zum 1.1.2002 während Berlin, NRW und Rh-Pfalz und sitland“ auf ihrer Flucht vor dem Bürger-
die Grundleistungen nach AsylbLG um alle übrigen Ländern dafür gestimmt ha- krieg im Libanon benutzt haben, sich
ca. 1,4 % angehoben werden (Bundes- ben. In den weiteren Beratungen im In- dort für die „Weiterreise“ türkische Pa-
rats-Drucksache 956/01). Da zwischen nenauschuss sowie im Bundesrat wird piere organisiert haben, um überhaupt
Regierung und Bundesrat noch keine Ei- nun eine Kompromisslösung zwischen weiter zu kommen. Der Vorwurf des
nigung erzielt werden konnte, erfolgt die Bund und Ländern gesucht. Wie das Bei- großangelegten „Asylbetrugs“, mit de-
Umrechung in Euro vorerst centgenau spiel zeigt, will bereits der ursprüngliche nen Innensenator Schulte (CDU) die
auf Grundlage der seit 1993 geltenden Entwurf von Rot-Grün das AsylbLG ver- staatliche Kampagne medienwirksam
Beträge, zur Umrechnung reicht ein eu- schärfen. Dem Bundesrat reicht das aber lostrat, hat sich längst in Luft aufgelöst.
rokompatibler Taschenrechner. nicht, er will noch weitere Verschärfun- Die Strafgerichtsverfahren, in denen den
Georg Classen, Flüchtlingsrat Berlin ■ gen, und legt hierzu mehrere Vorschläge Flüchtlingen Betrug vorgeworfen wurde,
vor. Deshalb verhandelt Rot-Grün jetzt sind samt und sonders gescheitert. Doch
Bundesrat fordert Verschär- mit den Ländern über die vorgeschla- die Verleumdungs- und Abschiebekam-
genen weiteren Verschärfungen des Asy- pagne ist nicht ohne Widerstand geblie-
fung des Zuwanderungs- lbLG, d.h. die teilweise oder vollständi- ben. Mit Demonstrationen, Aktionen,
gesetzentwurfs ge Streichung des § 2 AsylbLG. Veranstaltungen und Flugblättern haben
Berlin. Der Innenausschuss des Deut- Ein weiterer Vorschlag der Auschüsse die Betroffenen und antirassistische In-
schen Bundestages führt am Mittwoch des Bundesrates, über den Rot-Grün jetzt itiativen dem Propagandagetöse des In-

: antifaschistische nachrichten 2-2002 13


: neuerscheinungen, ankündigungen
nensenators, seiner „Spezialeinheit“ der
Bremer Polizei und der Ausländerbehör-
de Paroli geboten und das Bild von den Der Mythos vom
„falschen LibanesInnen“ wieder gerade
gerückt. guten Krieg
Am Dienstag, den 8. Januar 2002 be- Der belgische Politologe Jacques Pau-
kam dann die Familie Z. ihren erneuten wels zweifelt die gängige Sicht der Rolle
Termin zur Abschiebung genannt. Kurz- der USA im 2. Weltkrieg an: „In diesem
fristig nahm die Ausländerbehörde Bre- Buch wird der Zweite Weltkrieg ... nicht
men die Mutter der 9-köpfigen Familie auf konventionelle Art und Weise als
von der Liste, da sie in einem Attest für 4 Kreuzzug der USA gegen Faschismus
Wochen reiseunfähig geschrieben ist. und Militarismus, als ihr ‘guter Krieg’
Alle anderen sollten sich am 9.1. ab 6.00 präsentiert, sondern als Konflikt, in dem
Uhr zum „Abtransport“ bereithalten. es um Geschäfte, Gewinne und Geld
Pünktlich um 5.30 Uhr versammelten ging.“
sich über 120 SchülerInnen, Antirassi- Hitler-Deutschland stieß in den USA
stInnen, AntifaschistInnen und viele an- nicht von vornherein auf Ablehnung. Die
dere vor dem Haus der Familie Z. in der „Große Depression“ der 30er Jahre ließ
Bremer Neustadt. Die mit Holzpaletten, nicht wenigen Wirtschaftsbossen und
Tannenbäumen und anderem Spermüll Politikern der USA die Politik der NSD-
ausgestatteten FrühaufsteherInnen AP als Alternative erscheinen. Sie „sa-
blockierten die Straße und die Straßen- hen in Hitler ... einen Politiker mit kla-
bahnschienen mit zwei ansehnlichen rem Blick, welcher sich traute, die
Barrikaden. Dann wurde ein fester Men- ,Wahrheit‘ zu sagen, und einen Führer,
schenblock vor den Eingängen des Ein- der nicht vor den harten Maßnahmen
familienhauses gebildet, Ketten ge- zurückschrak, die die Situation erforder-
macht, Transparente zum Schutz gehal- te“. Insbesondere die Ausschaltung von Pauwels gewichtet die Vielzahl der Fak-
ten und die pink-silver-formation begann Kommunisten, Sozialdemokraten und toren rein ökonomisch. Dass sich mit
vor dem Haus künstlerisch radikale Per- Gewerkschaftern kam bei US-Industriel- Großbritannien aus verschiedenen Grün-
formance darzubieten. Mit Megaphon- len gut an. Lange Zeit machten US-Un- den besser Handel treiben ließ als mit
durchsagen und Flugblättern wurden ternehmen profitable Geschäfte mit dem dem Deutschen Reich, mag in US-Kon-
NachbarInnen und der langsam einset- „Dritten Reich“. Für einige – wie Gene- zernetagen und -Regierungskreisen er-
zende Berufsverkehr (heute ausnahms- ral Motors, ITT und IBM – gingen diese wogen worden sein. Wesentlicher aber
weise nur zu Fuß – die Straße war ja Geschäfte auch im Krieg und sogar nach noch war der deutsche Versuch der Er-
dicht) über die Aktion informiert und dem Kriegseintritt der USA weiter. Ihre richtung eines Reiches, das fast ganz Eu-
aufgefordert, sich der Blockade anzusch- Lieferungen spielten in der deutschen ropa umfasst und nicht nur den ökono-
ließen. Die Resonanz war gut, einige Rüstungsproduktion eine wichtige Rolle. mischen Ausschluss der USA aus diesem
Menschen blieben stehen, unterhielten Dennoch scheint Pauwels’ Wertung, Teil der Welt bedeutet hätte. Es wäre
sich mit den AktivistInnen und zeigten ohne die Güter der genannten und weite- eine hoch aggressive – und starke –
ihre Solidarität. Die Bremer Polizei war rer Firmen „hätte der Führer von Blitz- Macht entstanden, die keinerlei Gewähr
von den Aktivitäten überrascht worden. kriegen, und somit von Blitzsiegen, nur dafür geboten hätte, sich auf Europa zu
Entgegen vieler Erwartungen ließen träumen können“, überzogen. Ähnlich beschränken. So betrachtet, war der
größere Polizeieinheiten lange auf sich klingt die Einschätzung amerikanischer deutsche Faschismus eine existenzielle
warten. Gegen 8.00 Uhr erst begannen Öllieferungen: „Die deutschen Panzer Bedrohung für die USA.
Polizisten mit Unterstützung der Bremer wären ohne das Benzin, das US-Erdöl- Die Unterstützung durch die USA er-
Entsorgungsbetriebe die Barrikaden ab- trusts lieferten, niemals bis in die Vororte möglichte Großbritannien erst das
zubauen. Kurze Zeit später wurde ver- Moskaus gekommen.“ Durchhalten. Finanziert durch ein Kre-
kündet, dass die Ausländerbehörde und Wenn aber in den herrschenden Krei- ditsystem, das nach dem Krieg zur öko-
die Polizei gegenüber der Presse versi- sen der USA Sympathien für das „3. nomischen Abhängigkeit Großbritanni-
chert hätten, heute fände keine Abschie- Reich“ vorhanden und die Geschäfte mit ens von den USA führen sollte, verzehn-
bung mehr statt. Die Blockade wurde be- Nazi-Deutschland ausgesprochen lukra- fachten die USA ihren Export auf die In-
endet. Die Familie allerdings war gar tiv waren, warum unterstützten die USA sel von 500 Mio. $ (1939) auf über 5
nicht mehr anwesend gewesen. schließlich dennoch die Gegner Deutsch- Mrd. $ (1944).
„Natürlich ist die gesamte Aktion nur lands und traten an ihrer Seite in den Die USA gingen als einzige intakte
ein kleiner Erfolg, die Familie soll wei- Krieg ein? „Daß sich Washington Wirtschaftsmacht aus dem Krieg hervor.
terhin abgeschoben werden und alle an- schließlich doch am Krieg gegen Hitler- Aber sie waren nicht die einzige Welt-
deren Betroffenen auch. Dennoch kann Deutschland ... beteiligte, lag darin be- macht: Die UdSSR und ihre Staatenwelt
der Tag positiv bewertet werden, haben gründet, dass sich die Unterstützung von wurden nach dem Kriegsende schnell
wir es doch zumindest geschafft, Sand Deutschlands Feind, Großbritannien, als zum neuen Feind im „Kampf der Syste-
ins Getriebe der Abschiebemaschinerie noch gewinnbringender erwies.“ me“. In dieser Auseinandersetzung fand
zu streuen und deutlich gemacht, dass Pauwels diskutiert weitere Aspekte: auch der westliche Teil Deutschlands
wir eine Abschiebung unserer FreundIn- Deutschland war nicht nur Handelspart- seinen Platz. Den USA gelang es, in
nen und Bekannten nicht widerstandslos ner, sondern auch Konkurrent (erwähnt „ihrem“ Teil der Welt sämtliche Natio-
hinnehmen werden“, so die Akteure. „Es wird eine deutsche Handelsoffensive in nalökonomien der US-Industrie zu öff-
bleibt abzuwarten wie sich Politik und Südamerika), die Planung einer deut- nen. Dies wurde, neben der durch den
Behörde in den nächsten Tagen verhalten schen „geschlossenen Großraumwirt- Krieg entstandenen hohen Verschuldung
werden. Der Blockadetag endete heute schaft“ ließ Befürchtungen wachsen, in Großbritanniens, durch den Marshallplan
mit folgender Parole: Heute ist nicht alle einem künftig deutsch beherrschten erwirkt, der zur Bedingung für Hilfslei-
Tage, wir kommen wieder keine Frage!“ Kerneuropa ausgegrenzt zu werden. Hier stungen die Akzeptanz des Paradigmas
gekürzt, quelle: de.indymedia.org ■ wird ein Manko des Buchs deutlich: der „open door“-Ökonomie war.

14 :antifaschistische nachrichten 2-2002


Ausführlich diskutiert Pauwels die Das Beispiel zeigt eine Problematik die Grenze nach Polen (dem einzigen
Frage, warum die „2. Front“ in Europa, dieses Buches auf: Der US-Politik eine noch verbliebenen Schlupfloch nach
die Stalin so dringend brauchte, erst schlechte Motivation zu unterstellen, England) gebracht werden konnten.
1944 mit der Landung in der Normandie wofür es zumeist gute Gründe gibt, hat Auch an der Verbreitung illegaler Litera-
eröffnet wurde. Die offizielle Begrün- bei Pauwels schon obsessive Züge, wo- tur war sie beteiligt. Im November 1939
dung des Jahres 1942, man habe noch durch die sachliche, faktengenaue Dis- deswegen verhaftet und, nach endlosen
nicht ausreichend Kräfte für ein Lan- kussion dieser Politik hinter des Autors Gestapo-Verhören, in Dresden vor Ge-
dungsunternehmen vor Ort, hält Pauwels Abneigung gegen die USA verschwin- richt gestellt, musste sie „mangels Be-
für einen Vorwand, in Wirklichkeit woll- det. Dazu kommen einige Merkwürdig- weisen“ freigesprochen werden. Das
te man die Sowjetunion weiterhin die keiten, wie die durchgängige Verwen- aber bedeutete keineswegs Entlassung
Hauptlast des Krieges tragen lassen, um dung des Wortes „Yankees“ und die zu- und Rückkehr zu ihrer kleinen Tochter
selbst weniger Verluste zu erleiden, aber stimmende Zitierung A.J.P. Taylors, ei- Jana, sondern die Einweisung ins Frau-
auch, um damit die UdSSR zu nem der frühen Geschichtsrevisionisten, en-Konzentrationslager Ravensbrück,
schwächen, weil man schon für die die dazu beitragen, dass das Buch den wo sie am 17. Mai 1944 an einer Nie-
Nachkriegszeit plante und klar war, wie Leser mit gemischten Gefühlen zurück- renerkrankung starb.
die Fronten dann (wieder) verlaufen lässt. F■ „Die Fähigkeit, stehen zu bleiben“ lau-
würden. tet das Motto einer Ausstellung über Mi-
Ohne dieses wesentliche Motiv anz- Jacques Pauwels: Der Mythos vom lena Jesenská, die am 6.12. im Tschechi-
weifeln zu wollen, ist es doch erforder- guten Krieg. Die USA und der 2. schen Zentrum München eröffnet wurde.
lich, die Argumente für die Zurückhal- Weltkrieg, PapyRossa, Köln 2001, Nach einer kurzen Einführung durch den
tung zumindest zu erwägen, denn völlig 302 S., 16,50 EURO Leiter des Zentrums las Jaromír Kone¢ný
lassen sie sich nicht von der Hand wei- mehrere Texte von ihr. Nach einigen sehr
sen. Die westlichen Alliierten entschie- Die Fähigkeit, stehen zu
den sich für Operationen in Nordafrika, Milena
um von dort aus sowohl Italien bedro- bleiben Jesenská:
hen als auch antideutsche Aufstandsbe- Ausstellung über Milena Jesenská Alles ist
wegungen in Südosteuropa unterstützen im Tschechischen Zentrum München Leben.
zu können. Für das Nachgeben der USA Milena Jesenská, in Deutschland vor Feuilletons
in dieser Frage gab es durchaus militäri- allem bekannt als Adressatin von Kaf- und
sche Gründe neben der schlichten Wei- kas berühmten „Briefen an Milena“, Reportagen
gerung der Briten, solch ein Unterneh- war selbst eine hervorragende Journa- 1919 – 1939
men anzugehen: Es bestanden außeror- listin, die in den 1920-er und 1930-er
dentliche logistische und militärische Jahren Hunderte von Feuilletons, Arti- btb-Taschen-
Schwierigkeiten für eine Landung; auch kel und Reportagen in tschechoslowa- buch
die schließlich erfolgte Invasion ab dem kischen Zeitungen schrieb. Die Kultur ISBN
6. Juni 1944 stand zeitweilig auf der des täglichen Lebens, die Beziehungen 3-442- 72499-6
Kippe, obwohl Deutschland schon er- der Menschen zu einander und ihr Um- DM 18,00
heblich geschwächt war. Gelingen konn- gang mit einander, das waren ihre The-
te sie v.a. wegen Treibstoffmangels bei men, ebenso aber auch die Folgen der
der Wehrmacht und der Lufthoheit der „großen Politik“ für die „kleinen Men-
Alliierten, wodurch Deutschland nicht schen“. Unabhängig dachte sie, unkon- ernsten Texten – darunter „Es geht über
ausreichend Truppen zur Sprengung der ventionell lebte sie, unerschrocken unsere Kräfte“ vom 12. Oktober 1938, in
Brückenköpfe nachführen konnte - bei- mischte sie sich ein. Nach der Besetzung dem M.J. die verzweifelte Lage der
des Bedingungen, die Mitte 1942 noch der Tschechoslowakei durch die Nazis Tschechoslowakei sowie der Flüchtlinge
nicht gegeben waren. In Rechnung zu rettete sie, zusammen mit anderen Anti- aus Deutschland und aus den besetzten
stellen ist außerdem, dass die US- faschisten, zahlreichen Verfolgten das Grenzgebieten nach dem Münchner Dik-
Kriegsproduktion erst Ende 1942 auf Leben, nahm sie in ihrer Wohnung auf, tat vom 29./30. September 1938 schildert
Hochtouren lief. versorgte und versteckte sie, bis sie über und England und Frankreich auffordert,
nun wenigstens ihre Grenzen für die
Flüchtlinge zu öffnen – folgte schließlich
Der Herausgabekreis und die Redaktion sind zu erreichen über: eins der Feuilletons („Direktzug Prag –
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln Tel. 0221 / 21 16 58, Fax 0221 / 21 53 73.
email: antifanachrichten@netcologne.de, Internet: http://www.antifaschistische-nachrichten.de Wien“), in denen M.J. witzig und scharf-
Erscheint bei GNN, Verlagsges. m.b.H., Postfach 260 226, 50515 Köln. V.i.S.d.P.: U. Bach züngig ihre Mitmenschen aufs Korn
nimmt, so dass sich die etwas bedrückte
Redaktion: Für Schleswig-Holstein, Hamburg: W. Siede, erreichbar über GNN-Verlag, Neuer Kamp 25, Stimmung, die sich vorher eingestellt
20359 Hamburg, Tel. 040 / 43 18 88 20. Für NRW, Hessen, Rheinland Pfalz, Saarland: U. Bach, hatte, schließlich in heiteres Gelächter
GNN-Verlag Köln. Baden-Württemberg und Bayern über GNN-Süd, Stubaier Str. 2, 70327 Stuttgart,
Tel. 0711 / 62 47 01. Für „Aus der faschistischen Presse“: J. Detjen c/o GNN Köln. auflöste. Das Tschechische Zentrum
Erscheinungsweise: 14-täglich. Bezugspreis: Einzelheft 1,30 Euro. München hofft, im Januar oder Februar
Bestellungen sind zu richten an: GNN-Verlag, Postfach 260 226, 50515 Köln. Sonderbestellungen sind 2002 noch einmal eine Veranstaltung
möglich, Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt. durchführen zu können, in deren Mittel-
Die antifaschistischen Nachrichten beruhen vor allen Dingen auf Mitteilungen von Initiativen. Soweit ein- punkt Milena Jesenská steht. Bis dahin
zelne Artikel ausdrücklich in ihrer Herkunft gekennzeichnet sind, geben sie nicht unbedingt die Meinung ist die Ausstellung in den Räumen des
der Redaktion wieder, die nicht alle bei ihr eingehenden Meldungen überprüfen kann. Zentrums in der Prinzregentenstraße 7
Herausgabekreis der Antifaschistischen Nachrichten: Anarchistische Gruppe/Rätekommunisten (AGR); Annelie (zwischen Nationalmuseum und Frie-
Buntenbach (MdB Bündnis 90/Die Grünen); Rolf Burgard (VVN-BdA); Jörg Detjen (Forum kommunistischer Arbeitsge-
meinschaften); Martin Dietzsch; Regina Girod (Bund der Antifaschisten, Dachverband); Dr. Christel Hartinger (Friedens-
densengel; Bus 53, Haltestelle Reitmor-
zentrum e.V., Leipzig); Hartmut-Meyer-Archiv bei der VVN - Bund der Antifaschisten NRW; Ulla Jelpke, (MdB PDS); straße) zu sehen. Renate Hennecke ■
Jochen Koeniger (Arbeitsgruppe gegen Militarismus und Repression); Marion Bentin, Edith Bergmann, Hannes Nuijen Wegen wechselnder Öffnungszeiten bitte vorher
(Mitglieder des Vorstandes der Arbeitsgemeinschaft gegen Reaktion, Faschismus und Krieg–Förderverein Antifaschisti-
anfragen, wann jemand da ist: Tel. 089-2102-
sche Nachrichten); Kreisvereinigung Aachen VVN-BdA; AG Antifaschismus/ Antirassismus in der PDS NRW; Angelo
Lucifero (Landesleiter hbv in ver.di Thüringen); Kai Metzner (Info Pool Network); Bernhard Strasdeit (MdB-Büro Winfried
4932 oder 0160-91905145, Fax 089-2102-4933,
Wolf); Volkmar Wölk. E-mail: ccmunich@czech.cz.

: antifaschistische nachrichten 2-2002 15


: aus der faschistischen presse
Problem gibt es aber noch. Bisher ist
noch zu wenig bekannt, dass die Bundes-
republik Anrainerstaat des Mittelmeeres
Geostrategen und Umwälzungen dem Chaos die Bahn zu ist. Das löst Wisuschil mit den Worten
Koofmichs bereiten.“ „damit auch“, die ja als Schlussfolgerung
In einen Anfängerkurs für deutsche dienen: „Dieser Umstand bedingt, daß
Criticon, Nr.172, Winter 2001 Geostrategie führt Andreas Wisuschil eine europäische und damit auch deut-
Deutschland muss wieder weltweit ein. Wisuschil wird von criticon vorge- sche Geostrategie diesem Land seine
Kriegspolitik betreiben, das fordert der stellt als „Vorsitzender der Akademie für Aufmerksamkeit widmen muß.“
„Verantwortliche Redakteur“ Alexander Geostrategie e.V.“ Unter der Überschrift ,Criticon‘ wird sicher an den Stütz-
Schmidt im „Editorial“. Unter der Über- „Die Europäische Union und der Staat punkten des Akademievorsitzenden
schrift „Deutschland und Amerika – eine Israel. Geostrategie und das EU-Bei- dranbleiben.
Hassliebe aus Unzulänglichkeit“ be- trittsverlangen Israels“ breitet Wisuschil Um aufzusteigen, wie es sich der Ver-
hauptet Schmidt, das frühere militärische aus, was er sich in der Akademie e.V. so antwortliche Redakteur wünscht, braucht
Großmachtstreben der Herren in zusammenreimt an wissenschaftlichen es nicht wenig Geld. Der Herausgeber
Deutschland sei doch genau das Richtige Gesetzen: „Die geographische Grenze Gunnar Sohn und der Redakteur
gewesen: „Denn tatsächlich ist die Kritik Europas im Süden und Südosten bildet Schmidt haben einen Weg zu mehr Geld
an der weltweiten Durchsetzung ameri- die Verkehrsfläche des Mittelmeeres (...) gefunden. Anzeigenkunden, die eine
kanischer Interessen scheinheilig. Solan- Eine Verkehrsfläche macht nur dann großformatige Anzeige bezahlen, haben
ge Deutschland in der Lage war, dies Sinn, wenn man von einer Küste zur an- damit zugleich einen Artikel des Heraus-
ebenso zu tun, handelten wir nicht an- deren gelangen kann, also an der Ge- gebers bzw. des Redakteurs gekauft. Am
ders. Warum auch? Es gibt in der herr- genküste über Stützpunkte verfügt.“ Anfang der Seite 11 schreibt Sohn, im
schenden politischen Theorie keine (Das „also Stützpunkt“ kommt wohl Zusammenhang einer Kritik an Scholl-
Gründe, warum Außenpolitik nicht eige- kaum von dem Wort „Verkehrsfläche“ Latour: „Dazu bemerkte sehr treffend
nen nationalen Interessen dienen sollte.“ her. Das Verlangen nach „Stützpunkt Reginald Rudorf vom Mediendienst
Schmidts „sollte“ deutet darauf hin, dass muß her“ folgt eher aus Wisuschils mi- ‚rundy’ (...)“. Am Ende der Seite 11
der letzte großdeutsche Überfall auf die litärischem Wunschdenken). Wisuschil schließt Sohn mit: „Soweit die Aus-
meisten anderen europäischen Staaten folgert messerscharf weiter und findet führung von Rudorf.“ Auf den folgenden
mit einer umfassenden Niederlage ende- „Grundgesetze“: „Demnach rücken die Seiten 12 und 13 hat eben dieser „run-
te. Dabei formuliert Schmidt mit den jeweiligen Gegenküsten in das Augen- dy“-Dienst eine zweiseitige Anzeige
Worten „wir handelten“, dass er sich im merk der Anrainerstaaten. Der Drang zur platziert. Auf der Seite 18 hat die Firma
Geiste an der Seite der Nazi-Wehrmacht Gegenküste ist deshalb ein altes geopoli- Herhof, Restmüll-Verwertung, eine
marschieren sieht. Die 50 Millionen Tote tisches Grundgesetz (...) Am Grenzver- ganzseitige Anzeige veröffentlicht. Ge-
als Ergebnis der letzten weltweiten deut- lauf zwischen Ägypten und Israel mani- kauft ist gekauft: Alexander Schmidt
schen Militärpolitik verbucht Schmidt festiert sich ein weiteres geopolitisches schreibt auf den Seiten 23 und 24 den ge-
unter die Rubrik „Na und“ und schreibt: Gesetz: nämlich das Streben eines Fluss- wünschten redaktionellen Artikel, „Ex-
„ ... handelten wir nicht anders. Warum mündungsstaates, die gesamte Fluss- portschlager Trockenstabilat: Herhof-
auch?“ mündung sowie die Gegenküste des Del- Technik nun auch für den Großraum Ve-
Wegen des letzten Desasters in Fragen tas als sein Staatsterritorium zu beherr- nedig“. Alles im Dienste der criticon-
der militärischen Außenpolitik Deutsch- schen.“ Diese Manifestation des Sehers Kampagne: „Rettet den Mittelstand“?
lands hat er sich einen schon bekannten Wisuschil passt schön in seinen Plan der Für das Ressort „Anzeigen“ ist Jutta
Spruch ausgedacht: „Von Amerika ler- deutschen Vorherrschaft: „Israel ist zwar Sohn verantwortlich.
nen heißt siegen lernen.“ Schmidts An- rein physio-geographisch zu Vorder-Asi- Sohn berichtet auf Seite 9, dass der
weisung für die Leserinnen und Leser: en zu zählen, muß jedoch wegen seiner Kölner Soziologe Erwin K. Scheuch ei-
„ ... denn konservativ zu sein, heißt in be- Küstenlage am Mittelmeer zur europäi- nen Gracian-Preis bekommen hat, verlie-
sonderem Maße eins: bestehende Struk- schen Gegenküste und damit zum natür- hen in München von der Förderstiftung
turen und Kräfteverhältnisse anerken- lichen Einflussradius Kontinentaleuro- Konservative Bildung und Forschung.
nen, um darin aufzusteigen, anstatt durch pas gerechnet werden.“ Ein kleineres Scheuch wurde in Köln bekannt, als er
vor einer rechten Bürgervereinigung for-
derte, dass die Kommunalpolitik nicht
mehr von demokratisch kontrollierbaren
Gewählten bestimmt werden solle, son-
BESTELLUNG: Hiermit bestelle ich … Stück pro Ausgabe (Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt)
dern von Experten, die nicht gewählt,
O Halbjahres-Abo, 13 Hefte 22 Euro
Erscheinungsweise: sondern von den ansässigen Konzern-
O Förder-Abo, 13 Hefte 27 Euro
O Jahres-Abo, 26 Hefte 44 Euro
14-täglich interessenten bestimmt werden sollten.
O Förder-Abo, 26 Hefte 54 Euro
Der Kritik an seiner konservativen ge-
O Schüler-Abo, 26 Hefte 28 Euro
gendemokratischen Position versucht
O Ich möchte Mitglied im Förderverein Antifaschistische Nachrichten werden. Der Verein unterstützt finanziell
Scheuch dadurch zu entkommen, so be-
und politisch die Herausgabe der Antifaschistischen Nachrichten (Mindestjahresbeitrag 60,- DM). richtet zustimmend Sohn, dass er seinen
Einzugsermächtigung: Hiermit ermächtige ich den GNN-Verlag widerruflich, den Rechnungsbetrag zu Lasten Kritikern unterstellt: „Links und die bei-
meines Kontos abzubuchen. (ansonsten gegen Rechnung) den Gegenbegriffe konservativ oder
rechtsaußen (...) seien Tabubegriffe, wel-
Name: Adresse: che die Herrschaft von Linken erleich-
tern sollen.“ Wenn Professor Scheuch
Konto-Nr. / BLZ Genaue Bezeichnung des kontoführenden Kreditinstituts weiter Experten vorschlagen sollte: Als
Experte für redaktionelle Artikel, die
Unterschrift
nicht als tatsächliche Firmenwerbung für
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln, Tel. 0221 - 21 16 58, Fax 21 53 73, email: gnn-koeln@netcologne.de
Anzeigenkunden gekennzeichnet sind,
Bankverbindung: Postbank Köln, BLZ 370 100 50, Kontonummer 10419507 hat Sohn seine Verdienste.
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