You are on page 1of 16

:antifaschistische Nr.

7
nachrichten g 3336 28.3.2002 18. jahrg./issn 0945-3946 1,30 ¤

„Junge Freiheit“ klagt


Berlin. Die „Junge Freiheit“
hat Gerichtsverfahren gegen den Sprin- Bundesrat
ger-Verlag und den Verlag der „Ham- stimmt
burger Morgenpost“ eingeleitet. Die für Zuwan-
Zeitungen hatten im Zusammenhang derungs-
mit einem Beitrag des Hamburger Bau- gesetz –
senators Mario Mettbach von der Verfassungs-
„Schill-Partei“ (PRO) in der „Jungen streit und
Freiheit“ diese als „NPD-Zeitung“ rassistischer
bzw. als vom „Verfassungsschutz als Bundestags-
rechtsextrem eingeordnet“ bezeichnet. wahlkampf
Als Reaktion auf die kritischen Beiträ- sind jetzt
ge verteilten Mitarbeiter des Blattes ge- absehbar.
meinsam mit „freiwilligen Helfern aus
dem studentischen Leserumfeld“ Artikel von
13000 Exemplare der „Jungen Frei- Stefan
heit“ in Hamburg. Weitere 8000 Exem- Keßler auf
plare der Zeitung wurden in Berlin ver- Seite 11
teilt, so u.a. vor dem Bundesinnenmini-
sterium. „Es kann nicht hingenommen
werden, daß seriöse Autoren und Inter-
viewpartner der „Jungen Freiheit“, dass Dortmunder Behörden
jeder einzelne Leser dieser Zeitung in
den Geruch des Extremismus gebracht ermöglichen
wird. Es muß möglich sein, in dieser
Zeitung zu schreiben, sich zu äußern
und diese Zeitung zu lesen, ohne sich
Großkonzert von Neonazis
bei irgendeiner staatlichen Institution Ein jeder Neonazi weltweit beim Betreten der Startseite unmissver-
dafür rechtfertigen zu müssen“, bekommt leuchtende Augen, ständlich ein Hakenkreuz entgegen, die
schreibt der „JF“-Chefredakteur Dieter wenn er von einem derartigen „Blood and Honour“ Band „Max Resist“
Stein in seinem aktuellen Rundbrief. Konzert rechtzeitig erfährt. Gleich (Maximum Resistance = größtmöglicher
Unterstützung erhält das Blatt von ei- mehrere internationale Top-Bands der Widerstand) nannte sich zuvor „Haken-
nem bekannten Vertreter der Totalita- Hardcore-NS-Szene gaben sich am kreuz“ und trat zuletzt im Jahr 2000 an-
rismus-These, Eckhard Jesse vom Samstag, dem 16.3., in Dortmund- lässlich des „Ian Stuart Memorial Gigs“
„Hannah-Arendt-Institut“, den Stein Schüren die Ehre: in Deutschland auf. Bei Ian Stuart han-
gerne zitiert. Jesse schrieb unlängst in delt es sich um den 1993 verstorbenen
der „Die Welt“ (4.2.02): „Offenkundig Die derzeit auf Europa-Tour befindliche Gründer der internationalen Neonazior-
wird mit zweierlei Maß gemessen. Als Band „Intimidation one“ (Intimidation = ganisation „Blood and Honour“, deren
linksextremistisch gilt vielfach nur Einschüchterung) aus Kanada, die hierfür Deutschland-“Division“ im Jahr 2000
noch eine gewalttätige Variante, als sogar ein geplantes Konzert in Florida vom Bundesinnenministerium verboten
rechtsextremistisch hingegen bereits absagte, sowie die US-Band „Max Re- wurde. „Blood and Honour“ geht es u.a.
jede Form der ,neuen Rechten‘. Wer im sist“. Aber auch drei der vier deutschen darum, über Musik(veranstaltungen) na-
,Neuen Deutschland‘ einen Artikel Bands sind international bekannt: Die tionalsozialistische Ideologie zu vermit-
schreibt, kommt ,ungeschoren‘ davon; gastgebende Band „Oidoxie“ aus Dort- teln: „Musik ist das ideale Mittel, Ju-
wer der ,Jungen Freiheit‘ ein Interview mund um Marco Gottschalk, „Haupt- gendlichen den Nationalsozialismus
gibt, provoziert eine Kampagne. Die kampflinie“ (HKL) aus Kassel und „Le- näherzubringen. Besser als dies in politi-
Erosion der Abgrenzung zwischen de- gion of Thor“ aus Berlin. Lediglich die schen Veranstaltungen gemacht werden
mokratisch und extremistisch geschieht sechste und letzte Band, „Boots of Hate“, kann, kann damit Ideologie transportiert
am linken, nicht am rechten Rand, wie aus dem nordrhein-westfälischen Viersen werden“ formulierte einst Ian Stuart of-
gemeinhin behauptet“. hma ■ ist bislang nur wenig bekannt, tritt aber in fen das Anliegen dieser Organisation.
letzter Zeit immer häufiger auf Konzer- Auch „Oidoxie“, Hauptkampflinie“
ten auf. und „Legion of Thor“ stehen „Blood and
Aus dem Inhalt: Bei einem derartigen Angebot wundert Honour“ nahe. Die Oidoxie-CD
Frankreich: Präsident- es also nicht, dass die „Event-Halle Dort- „Schwarze Zukunft“ wurde auf staatsan-
schaftswahl mit oder mund“ gut gefüllt war. An Einschlägig- waltschaftlichen Beschluss beschlag-
ohne Neofaschisten? . . . . . . . 8 keit lassen alle der genannten Bands nahmt, die HKL-CD „Völkermordzentra-
Bundesrat stimmt Zuwande- nicht missen. Betrachtern und Betrachte- le“ am 31.8.2000 von der „Bundesprüf-
rungsgesetz zu - oder nicht? . . 11 rinnen der Homepage von „Intimidation stelle für jugendgefährdende Schriften“
One“ (www.intimidationone.com) springt indiziert. Fortsetzung Seite 3
: meldungen, aktionen
Warnung aus Litauen
Litauen/Vilnius. In einem in Vilnius
veröffentlichten Pastoralschreiben war-
Eine deutsche Burg in Polen? kal oder extremistisch“ seien. Verteidigt nen die Bischöfe Litauens vor einen
Nürnberg. Nach Angaben der Sonn- wurde dort auch der „konstruktive Dia- wachsenden Einfluss der „Priesterbru-
tagsausgabe der „FAZ“ (17.3.02) plant log“ von Alfred Mechtersheimer mit der derschaft St. Pius X.“. Die Anhänger des
der Bundesvorsitzende der etwa 30 000 neofaschistischen Partei. hma ■ verstorbenen französischen Erzbischofs
Mitglieder umfassenden „Schlesischen Marcel Lefebvre zerstörten die Einheit
Jugend“, Jürgen Hösl, eine Burg in Polen Herbert Gruhl gedacht der Kirche, warnen die Bischöfe. Die li-
als „Tagungsstätte und Ausflugsziel“ für tauischen Katholiken werden aufgefor-
den Jugendverband der „Schlesischen Königswinter. Die aus den „Unabhän- dert, „Anwerbungsversuchen“ der „Prie-
Landsmannschaft“ anzumieten. Es ginge gigen Ökologen“ hervorgegangene sterbruderschaft“ zu widerstehen. In ei-
darum, den Jugendlichen etwas anbieten „Herbert-Gruhl-Gesellschaft“ hat im nem Interview hatte der Vorsitzende der
zu können, „damit die das Land kennen- vergangenen Oktober gemeinsam mit Litauischen Bischofskonferenz, Erzbi-
und liebenlernen“. der „Stiftung für Ökologie und Demo- schof Sigitas Tamkevicius, die Traditio-
In dem Gespräch mit der „FAZ“ am kratie“ im Adam-Steger-Haus der „Ja- nalisten-Vereinigung unlängst als „ge-
Rande einer Vorstandssitzung im Düssel- kob-Kaiser-Stiftung“ in Königswinter fährlicher als eine Sekte“ bezeichnet.
dorfer „Gerhard-Hauptmann-Haus“ be- anlässlich des 80. Geburtstages Herbert Auch in der Bundesrepublik weitet sich
zeichnete Hösl die Oder-Neiße-Grenze Gruhls eine Gedenkveranstaltung durch- die „Priesterbruderschaft“ weiter aus.
zu Polen als „Unrechtsgrenze“ und be- geführt. Verliehen wurde dort der „Her- Gottesdienste bzw. Niederlassungen gibt
zeichnet die Bombardierung Dresdens bert-Gruhl-Preis“ an den frühereren es mittlerweile schon in mehr als 40
während des 2.Weltkriegs als „Bomben- SPD-Fraktionschef in NRW, Friedhelm Städten und Gemeinden. In der März-
Holocaust“. Auf der Grußkundgebung Farthmann, der 1996 das Buch „Blick Ausgabe des „Mitteilungsblattes der
auf dem Deutschlandtreffen der „Lands- zurück im Zorn“ herausgegeben hatte. Priesterbruderschaft St. Pius X.“ findet
mannschaft Schlesien“ im vergangenen Farthmann war Referent bei der Alten sich diesmal ein Beitrag von Steffen Ern-
Jahr war der seit Ende 1999 amtierende Breslauer Burschenschaft der Raczeks le zum „Nationalen Ethikrat“. Ernle war
Hösl in seiner Rede für das „Recht auf zu Bonn und u.a. Interviewpartner der Funktionär der Partei „Christliche Mit-
Heimat, die Aufhebung der Vertrei- „Jungen Freiheit“, des „Ostpreußenblatt“ te“, schreibt für die neofaschistische
bungsdekrete und die Rückgängigma- und des „Deutschland-Magazin“. Zeitschrift „Nation und Europa“ und
chung der Enteignungen“ eingetreten, Ein Kai Schlengelmilch aus Trittins gehört dem Vorstand des „Cannstatter
weiß das NPD-Organ „Deutsche Stim- „Bundesministerium für Umwelt“ refe- Kreises“ an. Verantwortlich im Sinne des
me“ (8/01) zu berichten. In einem Aufruf rierte auf dieser Veranstaltung über die Pressegesetzes für das „Mitteilungsblatt“
zu einer Demonstration der „Schlesi- angebliche Pionierleistung Gruhls, der ist Pater Markus Heggenberger, zugleich
schen Jugend“ unter dem Motto „Gegen „aufkommensneutralen ökologischen Distriktoberer der „Priesterbruder-
das Vergessen“ am 17. Juni 2000 in Ber- Steuerreform“. Der Schweizer Prof. Hans schaft“. Heggenberger trat 1997 beim
lin, auf der Hösl nebst seiner Amtsvor- Christoph Binswanger von der Univer- „Cannstatter Kreis“ als Referent auf.
gängerin Renate Sappelt sprach, hieß es sität St.Gallen, Mitte der 90er Jahre Mit- hma ■
u.a.: „Wir alle wissen, gegen welche ver- glied des „Ökologischen Rates“ der ÖDP,
kommenen Wertmaßstäbe wir anzutreten „Junge Freiheit“-Interview-partner und Ausschreitungen beim
haben: tausende Jugendliche bei gewalt- Redner bei den sog. Freiwirtschaftlern,
tätigen, anarchistischen Chaostagen, fast sprach über regenerative Energien und Auflösen rechtsextremer
eine Million Jugendlicher, halb nackt der umweltpolitische Sprecher der Skinheadkonzerte
und teilweise unter Drogen bei einer CDU/CSU-Fraktion, Dr. Peter Paziorek, Berlin. Die Zahl rechtsextremistischer
„Loveparade“ in Berlin“ und „die Viel- u.a. Referent bei den Vertriebenenverbän- Skinheadkonzerte ist im Jahr 2001 mit
falt der Völker und Kulturen, die die den, würdigte Gruhl als CDU-Umweltpo- 80 (2000: 82) unverändert hoch geblie-
Welt erst so interessant gestalten, somit litiker der ersten Stunde. hma ■ ben, das geht aus der Antwort der Bun-
auch unser Volk und unsere Kultur, wird desregierung auf eine Kleine Anfrage der
durch eine ,Multi-Kulti-One-World‘ zer- Tagung in Pommersfelden Abgeordneten Ulla Jelpke hervor. Auch
stört.“ die Zahl der rechtsextremistischen Lie-
1997 wurde in „Nation und Europa“, Pommersfelden. Der „Schulverein zur derabende war mit 40 (2000: 44) nahezu
der „Jungen Freiheit“ und den „Unab- Förderung der Rußlanddeutschen in Ost- gleichbleibend hoch. Während solcher
hängigen Nachrichten“ für „den bundes- preußen e.V.“ führt vom 19. bis 21. April Veranstaltungen kommt es in zahlreichen
weit berühmt gewordenen Aufkleber des seine Jahrestagung im Schloß Weißen- Fällen zur strafbaren Verwendung von
Nürnberger J. Hösl jun., Mitglied in stein bei Pommersfelden durch. An- Kennzeichen verfassungsfeindlicher Or-
„Junger Union“ und CSU,“ (UN 8/97) gekündigt werden Vorträge von Dr. Alb- ganisationen. Wie im Vorjahr waren
geworben, „der schon mehr als eine Mil- recht Jebens, ehemals Geschäftsführer 2001 ca. 100 rechtsextreme Skinhead-
lion“ mal verbreitet worden sei und die der „Stiftung Ostdeutscher Kulturrat“ Bands aktiv, die Zahl der rechten Lieder-
Aufschrift trägt: „Nein zum Euro. Wir und heute u.a. in der neofaschistischen macher ist auf neun (2000: 20) zurückge-
Deutschen vertrauen weiter in unsere „Gesellschaft für freie Publizistik“ aktiv, gangen. Ca. 40 Vertreiber boten 2001
Mark und lehnen den Zwangsumtausch Prof. Werner Obst, der ebenfalls schon (2000: 46) in größerem Umfang Tonträ-
in die Kunstwährung EURO ab!“. 1998 als Referent bei der „Gesellschaft für ger mit rechtsextremistischen Inhalten
veröffentlichte die „Junge Freiheit“ freie Publizistik“ auftrat, der österreichi- sowie Skinhead-Utensilien an, dazu
(8/98) einen Aufruf von sieben Regional- sche Professor Lothar Höbelt, „Junge kommen zahlreiche Einzelanbieter.
beauftragten der nationalistischen Freiheit“-Autor und Interviewpartner des Zur Finanzierung rechtsextremer Or-
„Deutschland-Bewegung“, darunter Jür- „Der Republikaner“, der Berliner CDU- ganisationen oder Parteien aus den Erlö-
gen Hösl jun. aus Nürnberg, in dem u.a. Rechtsaußen Heinrich Lummer von den sen rechtsextremer Musikveranstaltun-
vor „jeder Art von Ausgrenzung oder „Deutschen Konservativen“ und Ferdi- gen liegen der Bundesregierung nur ver-
Diffamierung der Republikaner“ ge- nand Fürst von Bismarck, der u.a. für die einzelte Erkenntnisse vor. Bekannt ist ihr
warnt wurde, „die weder verfassungs- Otto-von-Bismarck-Stiftung tätig ist . aber, dass sich von 1997 bis 2001 die
feindlich noch in irgendeiner Weise radi- hma ■ Fortsetzung Seite 3

2 :antifaschistische nachrichten 7-2002


Fortsetzung von Seite 1 destagsabgeordnete. Lediglich „wenige“
Insgesamt haben nach korrigierten Neonazis würden vor Ort eine private
Polizeiangaben vom 17.3. etwa 1.000 Geburtstagsparty feiern, es gäbe keinen
Personen, laut Angaben der Neonazis Grund einzuschreiten und sich zu sor-
1.200 bis 1.500 Personen an dem Kon- gen. Es würde mit „Oidoxie“ auch „nur
zert teilgenommen. Und was macht die eine einzige Band“ auftreten, von aus-
Dortmunder Polizei? Sie besucht am ländischen Bands könne nicht die Rede
Morgen des 16.3. den Vermieter der Lo- sein. Das Ganze sei auch nicht öffent-
kalität und wirkt auf ihn ein, er möge lich, was alleine schon dadurch wider-
doch den Mietvertrag trotz Erschlei- legt ist, dass für das Konzert via Internet
chung der Räumlichkeiten durch Anga- geworben wurde und eine Kontakt-Tele-
be falscher Tatsachen nicht kündigen. fonnummer für weitere Informationen
Die Neonazis könnten sonst eventuell bekannt gegeben wurde, so dass es Hun-
sauer reagieren und außer Kontrolle ge- derten von rechten Jugendlichen mög-
raten. Die Öffentlichkeit wird erst gar lich war, den Veranstaltungsort in Erfah-

A m 17. August soll in Wunsiedel


(Nordbayern) wieder der Auf-
marsch zu Ehren des Hitler-Stellvertre-
nicht informiert. AnwohnerInnen sind
ohne Vorwarnung mit hunderten von an-
reisenden Neonazis konfrontiert. Ledig-
rung zu bringen und pünktlich vor Ort
zu sein. Jede/r, der/die den verlangten
Eintritt von 15 Euro am Eingang ent-
ters Rudolf Heß stattfinden. Heß war der lich einige Zivilbeamte beobachten in richtete und vom Outfit her nicht völlig
zweite Mann in der NSDAP und wurde Sichtweite zur Halle das Geschehen, szene-untypisch auftrat, konnte an der
im Nürnberger Kriegsverbrecher-Pro- „nicht ein einziger Wagen in Grün/Weiß Konzertveranstaltung teilnehmen. Es ist
zess zu lebenslanger Haft verurteilt. [ist] zu sehen“, freut sich später einer wie es immer ist: Wer sich bei der
Nach seinem Selbstmord am 17. August der Konzertbesucher im Internet. Antifa- Bekämpfung des Faschismus auf Poli-
1987 avancierte er in rechten Kreisen schistInnen, die Hinweisen im Internet zei, VS, auf staatliche Behörden über-
zum „Märtyrer für Deutschland“. Zu sei- nachgingen und das Konzert aufstöber- haupt verlässt, ist verlassen! Die Dort-
nen Ehren finden jedes Jahr bundesweit ten, wurden bei der telefonischen Kon- munder Polizei hat dieses einmal mehr
„Heß-Gedenkwochen“ statt. An seinem taktaufnahme mit dem Dortmunder Poli- eindrucksvoll bewiesen. Nehmen wir die
Todestag trifft sich an seinem Grab in zeipräsidium ebenso dreist belogen, wie Sache also weiterhin in die eigenen
Wunsiedel die komplette Nazi-„Promi- von ihnen informierte besorgte Bürge- Hände! Keinen Fußbreit den Faschisten
nenz“ (Thomas Wulff, Jürgen Rieger, rInnen, Presse- – weder in Dortmund, noch sonst ir-
Christian Worch und andere Leitfiguren vertreterIn- gendwo!
der Szene). nen und Antifaschistische Gruppen
Wunsiedel hat mehr als nur regionale sogar Bun- aus NRW ■
Bedeutung:
● Hier ist die Verherrlichung der
NSDAP das zentrale Thema der Aktion.
● Hier marschieren sie nicht. um ihre
kranken Theorien zu Nationalismus und Großkonzert von Neonazis muss Konsequenzen haben
Rassismus unters Volk zu bringen, son- Zu dem Neonazi-Konzert am 16. März 2002 in Dortmund erklärt die bündnisgrüne Bundes-
dern für einen Funktionär des Dritten tagsabgeordnete Annelie Buntenbach:
Reichs. Bei dem Neonazi-Konzert mit mehr als 1.000 Teilnehmern handelt es sich um eine der größ-
Die Heß-Aufmärsche sind bereits bis ten Veranstaltungen dieser Art. Es deutet alles darauf hin, dass die Dortmunder Polizei die Ver-
2010 angemeldet. Im Ort gibt es keinen anstaltung begünstigt und ermöglicht hat. Daraus müssen zum einen personelle Konsequen-
nennenswerten Protest. Die deutsche Ju- zen gezogen werden, zum anderen muss der Umgang mit Neonazi-Konzerten in NRW geän-
stiz hat entschieden, dass es rechtmäßig dert werden. Bei dem Konzert in Dortmund traten zahlreiche bekannte und extrem agressive
ist.Wir rufen auf zum Widerstand gegen Nazibands auf. Neben den deutschen Bands „Oidoxie“, „Hauptkampflinie“, „Legion of
den Heß-Marsch! Thor“ und „Boots of Hate“ auch die international bekannten Gruppen „Intimidation one“ (Ka-
Es gab immer antifaschistische Ge- nada) und „Max Resist“ (USA). Es ist zum Beispiel amtlich bekannt, dass es bei Konzerten
genveranstaltungen. Im letzten Jahr wa- von „Oidoxie“ immer wieder zu „Sieg Heil“-Rufen und anderen Straftaten kommt. Auf der In-
ren wir nicht sehr erfolgreich, weil wir ternetseite von „Intimidation one“ finden sich zahlreiche Hakenkreuze, Hitlerbilder und volks-
kaum Zeit hatten zur Mobilisierung, und verhetzende antisemitische Bilder, die in der Bundesrepublik Straftatbestände darstellen.
weil man in Antifa-Kreisen die Bedeu- Die Funktion der Konzerte ist es, gerade Jugendlichen nationalsozialistische Ideologie mit-
tung der Aktion weit unterschätzt hat. tels agressiver und zu Hass anstachelnder Liedtexte näherzubringen. Sie ermöglichen über
Wenn unsere Mobilisierung in diesem diese (Un)kultur einen idealen und vorerst unverbindlichen Einstieg in die Szene.
Jahr kein durchschlagender Erfolg wird, Nach einem Hinweis aus der Bevölkerung habe ich mich am Abend des 16. März an die
führt das zu einer bundesweiten Stär- Dortmunder Polizei gewandt und sie aufgefordert, das Konzert zu beenden. Ich erhielt die ir-
kung der Nazi-Szene. reführende und täuschende Information, es handele sich um eine „Privatveranstaltung“ und es
Das Grab in Wunsiedel wird zu einer bestehe keinerlei Anlass zum Einschreiten. Nach Aussagen des Betreibers der Veranstaltungs-
Wallfahrtsstätte der Nazis und ihrer ideo- halle, war das Konzert für 100 Personen angemeldet worden. Er sei am Morgen des 16.
logischen Nachfolger. Ein alljährliches März von der Polizei gebeten worden „die Leute bloß rein zu lassen“ und den Vertrag nicht
Treffen in Wunsiedel zu einem festen zu kündigen. Wenn das zutreffend ist, hat die Polizei das Neonazi-Konzert begünstigt und er-
Termin wird ihre Strukturen stärken und möglicht, obwohl die Möglichkeit bestand es zu unterbinden.
vor allem ihr Bewusstsein, eine „unbe- Ich habe den Innenminister des Landes NRW Fritz Behrens brieflich um eine Untersuchung
siegbare, eingeschworene Kamerad- der Vorfälle gebeten. Wenn sich die Vorwürfe bestätigen, muss der zuständige Dortmunder
schaft“ zu sein. Polizeipräsident abgelöst werden. Darüber hinaus ist der Umgang mit Neonazi-Konzerten in
Sie mobilisieren bundesweit. NRW insgesamt zu überprüfen. Mir sind mittlerweile auch andere Fälle kleinerer Veranstaltun-
Wir auch. gen aus NRW bekannt, in denen Straftaten hingenommen oder neonazistische Propaganda
AntifaGruppe Bayreuth, Postfach beschönigt wird. Andere Bundesländer gehen dagegen weit konsequenter gegen derartige
110303, 95422 Bayreuth Veranstaltungen vor.
wunsiedel@linkeseite.de ■

: antifaschistische nachrichten 7-2002 3


Fortsetzung von Seite 2 rung gegenüber den Überlebenden der die Viktoriaschule auf amerikanische
NPD, die JN sowie die „Hilfsorganisati- SS-Massaker in Griechenland, den italie- Anordnung in Bettinaschule umbenannt.
on für nationale Gefangene und deren nischen Militärinternierten, den jüdi- Ihre Vorgängerschule, die Viktoriaschu-
Angehörige eV.“ (HNG) auch mit Ein- schen Gemeinden in der Slowakei oder le, war ab 1908 ein Lyzeum, auf dem die
nahmen aus rechtsextremen Musikveran- den Euthanasiegeschädigten nicht die Hochschulreife erlangt werden konnte.
staltungen finanzierten. gleiche Großzügigkeit wie jetzt gegen- Während der NS-Zeit wurde ein über-
In der rechtsextremistischen Skin- über den ost- und mitteleuropäischen zeugter Nationalsozialist Leiter der Vik-
head-Szene gibt es nach wie vor zahlrei- Opfern? Warum wird diesen Menschen toriaschule, ein bewusster Schachzug der
che Kontakte zwischen in- und ausländi- nicht endlich auch eine humanitäre Geste Nationalsozialisten, da die Viktoriaschu-
schen Bands, Vertreibern und Produzen- zuteil? Mehr ist doch ohnehin nicht mög- le einen hohen Anteil an Schülerinnen
ten rechtsextremistischer Musik. Insbe- lich. Die finanziellen Beträge, um die es jüdischen Glaubens zählte. Insgesamt
sondere die Produktion und der Vertrieb bei diesen Opfergruppen geht, können 183 Schülerinnen mussten ab 1933 die
stellen einen grenzüberschreitenden nicht das Problem sein. Ein paar Trup- Schule verlassen, ihnen gilt diese Ge-
Markt dar. Bei 30 rechtsextremen Mu- pentransporter weniger für Scharping, denkstätte. Die Namen der Schülerinnen,
sikveranstaltungen im Ausland traten und das Geld wäre da.“ PM Ulla Jelpke ■ Ergebnisse der Recherchen, Akten und
2001 17 deutsche Skinhead-Musikgrup- Bilder sind in Archiv und Museum zu
pen auf. 16 rechtsextreme Konzerte wur- Antifa-Demo in Lichtenberg finden. Durch die Gedenkstätte sollen
den im Jahr 2001 verboten, 2 fanden un- die ehemaligen, jüdischen Mitschülerin-
ter Auflagen statt, 14 Konzerte hat die Berlin, Samstag 20. April 2002 nen symbolisch wieder in die Schulge-
Polizei nach Beginn bzw. während des U Bhf.- Tierpark 12 Uhr meinde aufgenommen werden.
Verlaufs aufgelöst. Im Zusammenhang Am 20. April 2002 rufen antifaschisti- Die Gedenkstätte wird aus zwei Ele-
mit Kontrollmaßnahmen zur Einhaltung sche Gruppen zu einer Demonstration menten bestehen, einem „offenen“ Ge-
der Verbotsverfügungen sowie bei der durch Berlin-Lichtenberg auf. Sie soll denkarchiv in der Schule und einem
Auflösung der Konzerte durch die Poli- der Abschluss einer kleinen antifaschisti- Denkmal auf dem Schulhof. Dort wird
zei kam es in mehreren Fällen zu gewalt- schen und antirassistischen Aktionswo- eine geborstene, schwarz-weiße Mauer
tätigen Ausschreitungen seitens der Kon- che sein. Es soll auf die rechtsextremen stehen, die für jede der ehemaligen Vik-
zertteilnehmer. Dabei wurden Straftaten Zusammenhänge in diesem Bezirk auf- toriaschülerinnen ein Namensplättchen
wie Landfriedensbruch, gefährliche Kör- merksam gemacht werden, auch um es trägt. Um einen Gingkobaum gruppieren
perverletzung und Widerstand gegen den Nazis in ihren „sicheren Rückzugs- sich kreisförmig 4 Bänke. Eine Bank ist
Vollstreckungsbeamte verübt. gebieten“ etwas ungemütlicher zu ma- aus dem Kreis herausgedreht und trägt
2001 wurden 16 Tonträger (2000: 20) chen. NPD und JN sowie die „Freien Ka- die Inschrift für die Gedenkstätte. Weite-
und 4 Bücher/Broschüren (2000: 2) mit meradschaften“ betrachten den Bezirk re Informationen unter
rechtsextremen Inhalten in die Liste der als einen ihrer Berliner Schwerpunkte. www.gedenkarchiv.de ■
jugendgefährdenden Schriften eingetra- Vor Wahlen hängt an jeder zweiten
gen. Ca. 49 Verlage und Vertriebsdienste Laterne ein Naziplakat, der Bezirk ist oft Anschläge auf sowjetische
vertreiben rechtsextreme Publikationen. mit Naziaufklebern übersät. Die Weit-
All diese Zahlen geben Anlass zu lingstraße, ein von Nazis besetztes Haus, Denkmäler und jüdischen
größter Besorgnis. Eine weitgehend kon- aber auch das Cafe Germania lagen in Friedhof in Berlin
spirativ vorgehende Netzwerk-Struktur Lichtenberg. Nach antifaschistischen Berlin. Am Samstag, 16.3. sind offen-
mit zahlreichen Kontakten ins Ausland Protesten mussten beide aufgeben. Am 1. sichtlich von Neofaschisten mehrere Ter-
versorgt weiterhin insbesondere Jugend- Mai 1993 marschierte hier die FAP, 2001 roranschläge verübt worden. Vormittags
liche mit rechtsextremistischer Musik, die Kameradschaft Germania. Der jüng- wurde das sowjetische Ehrenmal auf
schürt Rassismus und verherrlicht den ste Nazitreff, das „Prozentehaus“ in Alt- dem Städtischen Friedhof in Berlin-Mar-
Nationalsozialismus. Das Verbot von friedrichsfelde hat erst vor wenigen Wo- zahn geschändet. Grabsteine von im
Blood&Honour im September 2000 hat chen geschlossen. Der Anti-Antifaakti- Zweiten Weltkrieg gefallenen sowjeti-
offenbar nicht zu einem nennenswerten vist Oliver Schweigert hat hier schon seit schen Soldaten wurden umgestoßen und
Rückgang rechtsextremer Musikveran- längerem seinen Wohnsitz. Er war schon mit Hakenkreuzen besprüht. Ebenfalls in
staltungen oder zu einem Rückgang bei 1990 in der Weitlingstraße dabei. Berlin warfen Unbekannte gegen 19.40
dem Vertrieb und Verkauf rechter Tonträ- Überdies ist der 20. April der Geburts- Uhr einen Sprengsatz über den Zaun des
ger beigetragen. Der Kampf gegen tag Hitlers und alljährlich für viele Nazis jüdischen Friedhofs im Stadtteil Charlot-
Rechtsextremismus muss insbesondere ein Anlass zu „feiern“ und dabei gezielt tenburg. Dabei ging eine Gehwegplatte
im Hinblick auf Jugendliche verstärkt Jagd auf andersaussehende, andersden- zu Bruch, mehrere Fenster und Kränze
geführt werden. BT-Ds. 14/ 8333,8337 kende Menschen, insbesondere Flücht- wurden zerstört. Derselbe Friedhof war
Ulla Jelpke ■ linge und MigrantInnen zu machen. Die- bereits im Dezember 1998 Ziel eines an-
se „Parties“ sollen nicht ungestört statt- tisemitischen Anschlags geworden. Da-
Alle „vergessenen Opfer“ finden und es soll nicht abgewartet wer- mals zerstörte ein in eine Gasflasche ein-
den, bis die Nazis am 1. Mai – auf die gebauter Sprengsatz die Platte am Grab
der NS-Zeit entschädigen Straße gehen: 1. Mai – nazifrei! des früheren Vorsitzenden des Zentral-
Berlin. Das Bundesfinanzministerium Antifaschistische Initiative Moabit rats der Juden, Heinz Galinski. Die Täter
(BMF) hat Entschädigungszahlungen für (AIM) / AGIP / Gruppe 17.3 / sind bis heute nicht ermittelt worden.
etwa 5.000 bisher nicht entschädigte ost- Vorbereitungsgruppe 20.4./ Auch in Ahlbeck auf der Insel Usedom
und mitteleuropäische Zwangsarbeiter Antichipkarteninitiative ■ hat es am Wochenende einen Anschlag
der Nazi-Zeit bewilligt, sie sollen umge- mit der Handschrift von Neonazis gege-
rechnet 6000 DM pro Opfer erhalten. Gedenkstätte für ehemalige ben. Wie in Marzahn war auch hier das
Die innenpolitische Sprecherin der PDS- Ziel ein Denkmal für im Zweiten Welt-
Bundestagsfraktion, Ulla Jelpke hat dies jüdische Schülerinnen krieg gefallene Soldaten der Roten Ar-
begrüßt, fragt aber zu Recht: „Warum Frankfurt. Die „Gedenkstätte für ehe- mee. In der Nacht zum Sonntag hatten
verfährt die Regierung nicht endlich malige jüdische Viktoriaschülerinnen“ die Täter einen Molotow-Cocktail gegen
auch mit anderen so genannten vergesse- ist ein Projekt der Schülervertretung der das Denkmal geschleudert.
nen Opfern so? Warum zeigt die Regie- Bettinaschule in Frankfurt. 1947 wurde Fortsetzung Seite 6

4 :antifaschistische nachrichten 7-2002


Unter der Überschrift „Dem
braunen Spuk ein Ende berei-
ten. Barsinghäuser demon-
Neues Konzept der NPD?
strierten gegen rechte Jugendliche“ Regelmäßiges „Auftauchen“ in Barsinghausen
berichtete die „Hannoversche Allge-
meine Zeitung“ am 2.2.02 über fa- Landjugend in dem Wennigser Ortsteil tet, die Deisterstadt werde als „Brücken-
schistische Aktivitäten in Barsinghau- hatte sich zu einem Sammelbecken kopf Richtung Hannover“ missbraucht.
sen, einer Nachbargemeinde von rechtsradikaler Jugendlicher aus dem „Soll das jetzt so weitergehen?“ fragt er
Hannover. Westen der Region entwickelt. Nazi-Lie- Richter kann sich „etwas Besseres vor-
der wurden gesungen, Parolen an Häu- stellen für Barsinghausen“ – und er
„Hakenkreuze an der Ernst-Reuter-Schu- serwände geschmiert, und auf einer Ge- überlegt, ob es nicht klüger wäre, den
le in Barsinghausen, an Klosterwänden burtstagsfeier wurden zwei 14- und nächsten Info-Stand der NPD „einfach
und am Rathaus haben Polizei und Poli- 15jährige zusammengeschlagen. Außer- zu ignorieren“.
tiker aufgeschreckt. Kurzerhand wurde dem hatte ein Kern von zwölf rechtsradi- Dies wäre äußerst unklug, denn die
ein „Bündnis gegen Rechts“ gegründet, kalen Jugendlichen versucht, ausländer- NPD hat für den 27. April erneut zu ei-
und 400 Menschen zogen am Wochenen- feindliche Parolen zu verbreiten. Der Ju- nem Treffen in Barsinghausen aufgeru-
de demonstrie- fen. Der Pro-
rend durch die test dagegen
Innenstadt. Seit wird derzeit
Jahren wird in organisiert.
und um Barsing- bee ■
hausen hinter
„Keine Krimi-
vorgehaltener
Hand von einem nalisierung
„braunen von Antifa-
Sumpf“ gespro- schisten –
chen. Von gefe- Polizei wollte
stigten rechten Randale
Strukturen wol- Der PDS-Regi-
len die Staats- onsabgeordne-
schützer zwar te und Teilneh-
nicht sprechen. mer der De-
„Aber wir weh- monstration
ren uns gegen gegen die NPD
Anfänge“, sagte in Barsinghau-
Bürgermeister sen, Stefan
Klaus-Detlef Richter auf der Kundge- gendtreff wurde Müller, hat das martialische Auf-
bung. SPD-Ratsherr Thomas Wittschur- daraufhin ge- treten der Polizei und insbesonde-
ky geht sogar noch weiter und fordert, schlossen.“ re des Bundesgrenzschutzes kriti-
dem „braunen Spuk ein Ende zu berei- Für den 9.3.02 siert. Die Botschaft, die davon
ten“. hatte die NPD er- ausgehe sei, dass nicht die NPD
Vor einem Jahr siedelten sich in Bar- neut einen Stand den Rechtstaat gefährde, sondern
singhausen die Jungen Nationaldemokra- angemeldet und die jungen Antifaschisten. Außer-
ten an, vor zwei Wochen gründete auch durchgeführt. Die „Hannoversche All- dem sei die Gewalt zumindest beim Ab-
der Nachwuchs der Republikaner einen gemeine Zeitung“ hetzte diesmal in zug der NPD zuerst von der Polizei aus-
Stadtverband. In der vergangenen Woche ihrem Artikel vor allem gegen die Geg- gegangen, die einen Knüppeleinsatz ge-
hatten Unbekannte zahlreiche Gebäude ner des Naziaufmarschs: „Steine und gen eine Sitzblockade durchgeführt hät-
mit Hakenkreuzen beschmiert – und für Flaschen fliegen, Skinheads und linke te. Müller fragt sich auch, warum gerade
das Wochenende hatten die Jungen Na- Gegendemonstranten beschimpfen sich, dieser Weg gewählt wurde, um die Neo-
tionaldemokraten einen Informations- die Polizei riegelt mit zwei Hundert- faschisten von ihrem Kundgebungsort zu
stand in der Innenstadt angemeldet. „Da schaften Straßen ab, um die Lage wieder geleiten. Vier andere Abgänge, die nur
konnten wir nicht mehr zuschauen“, sagt unter Kontrolle zu bekommen. Ein Poli- wenig blockiert waren, standen ebenfalls
der Vertreter der Jungsozialisten. Inner- zist und ein Demonstrant wurden leicht zur Verfügung. Scheinbar wollte man
halb weniger Stunden gründete er mit verletzt. 18 linke Protestler festgenom- Nazi-Gegner einschüchtern um künftige
Unterstützung der anderen Parteien aus men, gegen zehn ermittelt die Polizei Demonstrationen zu verhindern. Dabei
dem Stadtrat das Bündnis – am Wochen- wegen Landesfriedensbruch.“ gelte es zu berücksichtigen, dass z.Z. ein
ende folgten 400 Menschen dem Aufruf An die 600 Demonstranten hatte das Verbotsverfahren gegen die NPD laufe,
zur Demonstration. Nach der Kundge- „Bündnis gegen Rechts Barsinghausen“ dass von allen Parteien im Bundestag –
bung postierten sich die Demonstranten auf die Beine gebracht, ein Zusammen- von CSU bis PDS – unterstützt werde.
nur zwei Meter vom Stand der National- schluss unter anderem der örtlichen SPD Deshalb dürften öffentliche Aktivitäten
demokraten entfernt. Die 20 jungen und der Jungen Union, von Gewerk- der NPD auch nicht ignoriert werden.
Männer packten daraufhin ihre Sachen schaften und Schulen. Als Gegendemon- Die PDS fordert, dass gegen vorüberge-
zusammen und den Stand ab. stranten den Abmarsch der Rechten hend festgenommene Antifaschisten kei-
Barsinghausen und die Rechtsradika- Richtung Bahnhof gegen 13 Uhr mit ei- ne Ermittlungsverfahren eingeleitet wer-
len – das ist in unregelmäßigen Abstän- ner Sitzblockade verhindern wollten, den. Hier werde mit zweierlei Maß ge-
den immer wieder ein Thema. Eine machten Bereitschaftspolizisten die messen: Wenn Nazis andere Menschen
Kneipe, ein Keller in der Innenstadt, soll Straße mit Gewalt frei – nur durch Zu- mit Baseballschlägern brutal zusammen-
Treffpunkt der Radikalen sein. Und auch fall wurde niemand schwer verletzt. schlügen, passiere gar nichts; ein Eier-
ein Vorfall im benachbarten Holtensen Bürgermeister Richter - so die „Han- wurf dagegen werde als gefährliches
ist noch gut in Erinnerung. Der Treff der noversche Allgemeine Zeitung“ vermu- Delikt verfolgt. PM Stefan Müller ■

: antifaschistische nachrichten 7-2002 5


Fortsetzung von Seite 4
Der Brandsatz traf den Betonsockel, der
durch Brandspuren beschädigt wurde.
Nazis als 100 Neonazis mit Flaschen und Steinen
angegriffen. Nachdem die „völlig über-
Die Anschläge vom Wochenende sind
Teil des neofaschistischen Terrors, der in Opfer forderte“ Polizei irgendwann die Neona-
zis von der Demo abgedrängt hatte, sam-
den letzten Wochen an Intensität zuge- In Pirna begann am 12.3.2002 der Pro- melten sich die Neonazis vor dem Antal-
nommen hat. Anfang März hatten sich in zess gegen Familie Sendilmen. Wer sind ya-Grill. Die Polizei sah sich nicht in der
Mecklenburg-Vorpommern zahlreiche die Opfer, wer die Täter? Aufgabe, den Imbiss vor den Neonazis
Denkmal- und Friedhofsschändungen er- zu schützen. Auch die „Zivilcouragier-
Situation in Pirna
eignet. Nach Meinung von Staatsschüt- ten“ sahen keine Grund einzugreifen und
zern sind insbesondere die Sprengstoff- „Ausländer haben hier zu warten! Sie zogen es vor, woanders weiter gegen
anschläge auf Galinskis Grab sowie drei können ihre Wünsche äußern. Unmittel- Gewalt zu demonstrieren.
Monate später in Saarbrücken auf die bar in das Geschäft nur noch mit Be- In dieser Situation ist es absurd zu er-
Wehrmachtsausstellung des Hamburger gleitperson (Mitarbeiter, Chefin)“ stand warten, dass Familie Sendilmen dasitzt
Instituts für Sozialforschung Belege monatelang auf einem Schild der Pirna- und wartet, bis sie zusammengeschlagen
dafür, dass im neofaschistischen Spek- er Drogerie „Sonneneck“. Probleme mit wird. Die Familie Sendilmen rief des öf-
trum eine gewaltorientierte Strategie zur dem Schild hatten die Pirnaer nicht – teren die Polizei, jedes Mal wenn sich
Durchsetzung politischer Ziele zuneh- wohl aber mit denen, die diesen Skandal ein größerer Mob von Neonazis vor dem
mend befürwortet wird. Anfang Januar öffentlich machten. So Grill gesammelt hatte. Die Beamten ka-
Mahmoud Bersani ■ wirft der Chef des Tourismusvereins men meist nach ca. 20 Minuten und sa-
Pirna, Steffen Kandalofsky, der Sächsi- hen es auch dann häufig nicht als ihre
CDU/CSU neue Heimat für schen Zeitung „Nestbeschmutzung“ vor. Aufgabe an, gegen die angreifenden
Die SächsZ hätte mit ihrem Bericht der Neonazis vorzugehen. Die Ermittlun-
Rechtsextremisten? Stadt Pirna nachhaltigen Schaden zuge- gen, die infolge der Anzeigen gegen die
Berlin. Der rechtspolitische Sprecher fügt (SächZ, 19.1.02). Neonazis stattfanden, wurden inzwi-
der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Nor- Helmar-Leo Blech, ehemaliger Poli- schen alle eingestellt, ohne dass es zu
bert Geis hat Signale an die Rechtsextre- zeichef von Pirna, geht von ca. 120 ge- Strafverfahren kam. Teilweise weigerte
misten aller Schattierungen ausgesandt, waltbereiten Skinheads im Landkreis sich die Polizei, Aussagen von Zeugin-
die ein mögliches NPD-Verbot verunsi- Sächsische Schweiz aus, bei denen nen, welche Überfälle beobachtet hatten,
chert hat. Nach seinen Äußerungen ge- „kein Gespräch, sondern nur noch das aufzunehmen. Statt dessen zeichnen Po-
gen Homosexuelle und für die rassisti- Gesetz“ helfe (SächsZ, 23.02.02). Be- lizei, Lokalpresse & Bevölkerung das
sche Losung „Deutschland den Deut- merkenswert in diesem Zusammen- Bild von „gewalttätigen Ausländern“,
schen“ bietet Geis nun die CDU/CSU als hang: Bei der dem SSS-Verbot im Juni welche die ortsansässige Bevölkerung
Heimat für Rechtsextremisten an, indem 2000 vorangegangenen Razzia, bei der bedrohen würden. Pirnaer Lehrerinnen
er behauptet, die Wehrmachtsausstellung in 51 Wohnungen neben zahlreichem fordern ihre Schüler auf, den Imbiss zu
hätte die Soldaten der Wehrmacht pau- Propagandamaterial über zwei Kilo boykottieren.
schal als Mitglieder einer Verbrecher- TNT, Sprenggranaten, scharfe Zündvor- Dass am 12.März die angegriffene Fa-
bande ausgewiesen, und Deserteure sei- richtungen, verschiedenste Patronen milie vor dem Pirnaer Amtsgericht auf
en wegen ihres „verwerflichen Han- und Feuerwaffen, moderne Gewehre der Anklagebank sitzt und nicht die Neo-
delns“ in der Regel keine Widerstands- und Pistolen gefunden wurden, kamen nazis, ist der rechtsstaatliche Gipfel der
kämpfer gewesen. Geis wandte sich im keine Polizeieinheiten aus der Region im Pirnaer Alltag zelebrierten Opfer-Tä-
Bundestag gegen Offiziere, die ihre „jun- zum Einsatz. Nach Angaben des Lan- ter-Verdrehung. Mehrere Neonazis, dar-
gen Soldaten im Stich gelassen“ hätten. deskriminalamtes sind Pirnaer BeamtIn- unter viele Mitglieder der ehemaligen
An gleicher Stelle pries er diejenigen, die nen zu eng mit der örtlichen rechten SSS, stellten Strafanzeigen gegen die
den faschistischen Krieg bis zum Schluss Szene verbunden. Imbissbetreiberinnen. Neonazis gehen
führten und „ausgehalten haben“. Indi- gerichtlich gegen die von ihnen Ange-
Mehrfache Angriffe gegen Antalya
rekt hat Geis damit zugleich auch die griffenen vor, weil diese sich nicht pas-
Männer des 20. Juli 1944 verurteilt, die Grill siv und ohne Gegenwehr beleidigen, be-
sich gegen die Wehrmachtsführung stell- Dass regelmäßig, teils auf Internetseiten drohen und zusammenschlagen lassen.
ten. Wenn die CDU/CSU-Führung sich der SSS angekündigte Angriffe von Während die polizeilichen Ermittlungen
nicht von den Äußerungen ihres Spre- Neonazis auf den Antalya-Grill stattfin- nach Anzeigen von Familie Sendilmen
chers distanziere, so offenbare sie damit den, dürfte inzwischen hinlänglich be- gegen Neonazis immer im Sand verlau-
eine verhängnisvolle Rolle in der gegen- kannt sein. Am 4. November 2000 zum fen, drohen nun den Betroffenen des ras-
wärtigen Auseinandersetzung um ein Beispiel fand eine von der „Zivilcourage sistischen Normalzustandes Haftstrafen
NPD-Verbot: Rechtsextremistisches Ge- Pirna“ organisierte Demonstration gegen wegen Körperverletzung.
habe werde zwar verurteilt, zugleich rechte Gewalt statt. Diese wurde von ca. Antirassistische Gruppe Dresden ■
werden aber neonazistische politische
Inhalte bekräftigt, heißt es in einer Stel-
lungnahme der VVN-BdA zu den Aus- erhielten Entschädigungen in Höhe von kennbar war“. Diese Zahl ist irritierend
führungen Norbert Geis’. 500 bis 500.000 DM. 29 der Opfer, die hoch. Seit Jahren verweisen Medien und
PM Ulrich Sander, eine Entschädigung erhielten, waren Öffentlichkeit immer wieder auf die Tat-
Bundessprecher VVN-BdA ■ deutsche Staatsangehörige, d.h. der sache, dass Polizei und Justiz oft schon
Großteil der Opfer rechter Gewalt sind von vornherein einen politischen Tathin-
151 Opfer entschädigt – weiterhin Flüchtlinge und MigrantInnen. tergrund ausschließen, obwohl Zeugen,
Insgesamt wurden von den 10 Mio. DM Täterbiographien und Tatumstände offen-
52 Anträge zurückgewiesen im Härtefall-Fonds bereit gestellten Mit- kundig auf rechtsextremen Hintergrund
Berlin. Im Jahr 2001 wurden insgesamt teln 2.640.000 DM ausgezahlt. 52 Ent- weisen. Es besteht daher dringender An-
210 Anträge auf Entschädigung aus dem schädigungsanträge wurden abgelehnt. lass zur Sorge, dass Opfer keine Entschä-
Härtefall-Fonds für Opfer rechtsextremi- 31 Ablehnungen erfolgten, weil „kein digung erhalten, weil ein Beamter oder
stischer Übergriffe gestellt. 151 Personen rechtsextremistischer Tathintergrund er- Richter auf dem rechten Auge blind ist

6 :antifaschistische nachrichten 7-2002


und seinen Dienstbezirk davor schützen
will, als „rechte Hochburg“ in Verruf zu
kommen.
NPD-Parteitag:
Sieben Entschädigungsanträge wurden
abgelehnt, weil die Antragsteller vor dem
Keine Presse zugelassen
1. Januar 1999 Opfer einer rechtsextrem
motivierten Gewalttat geworden seien. Am 16. März fand bei Königs- Gegenkandidaten zu Voigt, der mit 155
Aus dem Härtefall-Fonds erhält jedoch lutter (Niedersachsen) der 29. Ja-Stimmen (Deckert 42) aber im Amt
nur Entschädigung, wer nach diesem ordentliche Parteitag der NPD bestätigt wurde – allerdings mit dem
Stichtag Opfer von Neonazis wurde. Die statt. Beherrschende Themen waren schwächsten Ergebnis seit seinem Amts-
Bundesregierung hält eine Aufweichung das Verbotsverfahren, die V-Männer antritt 1996. Stellvertretende Parteivorsit-
dieser Regelung auch angesichts der Tat- und der Richtungsstreit innerhalb der zende wurden Holger Apfel, Jürgen
sache, dass der Härtefall-Fonds im Jahr NPD. Schön und Ulrich Eigenfeld. Hans-
2001 nur zu rund 25% ausgeschöpft wur- Günther Eisenecker, Landeschef in
de, nicht für geboten. Der Härtefall- 207 Delegierte und noch einmal 200 ge- Mecklenburg-Vorpommern verzichtete
Fonds habe den Zweck der „Soforthilfe“ ladene Besucher nahmen laut Eigenanga- auf eine Kandidatur, wird aber weiter die
und sei insofern nicht übertragbar, erklärt ben der NPD an dem Parteitag „ohne NPD im Verbotsverfahren vor dem Bun-
die Regierung lapidar. Die Weigerung der Störungen durch Antifa-Banden oder desverfassungsgericht vertreten. Beisitzer
Regierung, bereitstehende Gelder den sonstige Kriminelle“ teil. Die Presse be- blieben Erwin Kemna, Klaus Beier,
Opfern zukommen zu lassen, ist ein Af- richtete kaum, auch deshalb, weil sie Frank Schwerdt, Sascha Rossmüller, Do-
front gegenüber den Opfern. Das übrig nicht zum Parteitag zugelassen wurde. ris Zutt, Martin Laus, Peter Marx und
gebliebene Geld sollte den bisher abge- „Die Anwesenheit der Presse während Stefan Lux. Neu hinzugekommen sind
lehnten Antragstellern zu gute kommen. des gesamten Parteitages, allein die damit Uwe Leichsenring (Stadtrat), Jürgen
Alle Fälle, in denen bisher ein politischer verbundene Möglichkeit der Anfertigung Gansel, Alexander Delle, Karola Nachti-
Tathintergrund ausgeschlossen wurde, gezielter Portraitaufnahmen von Dele- gall, Stefan Köster, Manfred Börm und
sollten noch einmal überprüft werden. Friedrich Preuß (Stadtrat).
PM Ulla Jelpke ■ In seiner Rede auf dem Parteitag ver-
suchte Voigt Optimismus zu verbreiten.
Schill-Partei will „Sicher- Er räumte ein, die Partei stehe „derzeit
unter dem größten Druck von Seiten der
heitswacht“ – Faschisten Herrschenden seit ihrer Existenz“, sie
rufen zur Beteiligung auf durchlebe aber auch „eine noch nie da
Hamburg. Die Schill-Partei hat ein Kon- gewesene öffentliche Aufmerksamkeit,
zept vorgelegt, wonach in jedem Ham- die dazu geführt habe, dass man die NPD
burger Bezirk dreißig Streifengänger für heute nicht nur in Deutschland kennt,
7.50 pro Stunde dort präsent sein sollen, sondern auf der ganzen Welt“. In einer
„wo Straftaten drohen“, die Polizei aber einstündigen Rede legte Anwalt Horst
nicht ständig präsent sein kann – etwa in Mahler dar, dass er der festen Überzeu-
Parks oder großen Wohnsiedlungen. Sie gung sei, die Bundesverfassungsrichter
sollen mit Pfefferspray und Funkgerät werden für die NPD positiv entscheiden.
ausgerüstet sein, Personen anhalten und gierten und Gästen, würde zu erhebli- Er warnte davor, die Verteidigung dürfe
Personalien feststellen können sowie chem Unmut und zu dauernder Unruhe sich nicht in Detailfragen verzetteln. Seit
Platzverweise erteilen können. Während führen.“ heißt es in der Begründung der dem Verbotsantrag habe man „an die
die Polizeigewerkschaften dies für Auf- NPD-Spitze. Eine größere Rolle spielte zehn V-Leute“ enttarnt. Inwieweit weite-
gaben von „professionellen Polizisten“ vermutlich dabei, dass befürchtet wurde, re „agent provocateurs ausländischer Ge-
halten und die FDP die Aufweichung des Journalisten könnten live erleben, wie heimdienste in der NPD wirkten, werde
staatlichen Gewaltmonopols fürchtet, man sich gegenseitig der Spitzeltätigkeit natürlich eine erhebliche Rolle im Ver-
kann sich CDU-Sprecher Vahldieck sol- beschuldigt. Außerdem wurden Ausein- botsverfahren spielen“. Die Strategie im
che Hilfssheriffs gut vorstellen. Die Fa- andersetzungen mit der „Revolutionären Verfahren wird also voraussichtlich sein,
schisten vom „Aktionsbüro Norddeutsch- Plattform“ befürchtet, die nicht unbedingt alle für das Verbot relevanten Beweise im
land“ haben auf ihrer Internetseite die an die Öffentlichkeit sollten. Diese Strö- wesentlichen dadurch zu entkräften, dass
„Freien Nationalisten“ zur aktiven Mitar- mung, die vor allem in Schleswig-Hol- dafür V-Leute verantwortlich zu machen
beit in der „Sicherheitswacht“ aufgefor- stein, Berlin-Brandenburg und im Raum sind und keinesfalls die NPD als Partei.
dert. „Wir verstehen die vorrangige Auf- Dresden stark vertreten ist, plädiert für Die Verzögerung im Verbotsverfahren hat
gabe als unabhängige Alternative zur Po- offensives Auftreten in der Öffentlichkeit letztlich auch dazu geführt, dass Voigt
lizeiarbeit“. Anwohner könnten organi- – die Parteiführung hatte zu Mäßigung in mitteilen konnte, die NPD habe bereits in
siert in der Bürgerwehr eher „auf Kon- Bezug auf Aufmärsche geraten wegen allen 16 Bundesländern Listen zur Bun-
fliktherde aufmerksam machen als die des anstehenden Parteiverbotsverfahrens. destagswahl am 22. September aufge-
Polizei“: „Zum Beispiel die tägliche Ty- Steffen Hupka, Wortführer der Militanten stellt und werde flächendeckend antreten.
rannei ganzer Stadtteile durch Ausländer- und inzwischen aus der Partei ausge- Parteisprecher Klaus Beier nannte als
und Multikultibanden, multikulturelle schlossen, nennt den Vorstand in einem Schwerpunkte des Wahlkampfs die The-
Brennpunkte Marke Mümmelmannsberg im Vorfeld des Parteitags verbreiteten men: „Globalisierung, Einwanderung und
könnten ,entschärft’ werden.“ Für Innen- Rundbrief „oppositioneller NPD-Kräfte“ Frieden“, dazu zähle die Ablehnung des
behördensprecher Model noch kein einen „Klüngel aus V-Leuten und deren US-amerikanischen Angriffskrieges und
Grund, das Thema private Sicherheits- Unterstützern“, der „politisch und cha- auch die neuen Atomwaffenpläne.
wacht abzuhaken. Man sehe jedoch das rakterlich unakzeptabel“ sei. (Zeit, Am 1. Mai will die NPD wieder mar-
Problem, dass Kriminelle und Rechtsra- 21.3.02) schieren: in Nürnberg, Dresden, Göttin-
dikale dort einsickern könnten, so Model: Die Auseinandersetzung blieb aller- gen und Berlin. Am Ende scheint diese
Die fachliche Prüfung sei noch nicht ab- dings aus. Nur bei der Wahl des Vor- Partei noch nicht zu sein. Für Antifaschi-
geschlossen. ulj ■ stands gab es mit Günter Deckert einen sten viel Arbeit im Wahljahr 2002! u.b.■

: antifaschistische nachrichten 7-2002 7


In Frankreich findet am 21. französischen Staat abzuhalten, denn nach den Eindruck einer „Manipulation“ be-
April (erster Wahlgang) und dem Verständnis des Gründers der Präsi- kommen, vor allem, wenn - was höchst
5. Mai (Stichwahl zwischen dialrepublik von 1958 – Charles de Gaulle wahrscheinlich ist - die Vertreter real klei-
den beiden bestplazierten – sollte diese Wahl den wichtigsten Mo- nerer Parteien (darunter auch auf der Lin-
Kandidaten) die nächste Präsident- ment im politischen Leben des Landes ken und radikalen Linken) antreten kön-
schaftswahl statt. Auf sie folgen am darstellen. nen. Ein gewisser Märtyrerstatus als „Op-
9. und 16. Juni diesen Jahres die Par- Doch real ist die Hürde mittlerweile fer des Systems“, das der Linken hingegen
lamentswahlen, ebenfalls mit zwei zum echten Hindernis selbst für Bewerbe- nutze, könnte dem Neofaschisten damit
Wahlgängen. rInnen, die reale politische Kräfte im Land tatsächlich sicher sein. Gleichzeitig wird
vertreten, geworden. Kleinere Parteien, es manchen Vertretern des rechten Flügels
Bei der letzten Präsidentschaftswahl hatte auf der Linken beispielsweise die Grünen der Konservativen leicht gemacht, unter
der rechtsextreme Politiker Jean-Marie Le und mindestens zwei trotzkistische Partei- dem Deckmantel einer Kritik an „Funkti-
Pen im ersten Wahlgang, am 23. April en, dürften dennoch auch
1995, exakt 15 Prozent der Stimmen erhal- in diesem Jahr höchst-
ten. Beim ersten Durchgang der letzten wahrscheinlich die Hürde Frankreich:
Parlamentswahl am 25. Mai 1997 hatte nehmen, ohne selbst über
seine Partei, der Front National (FN),
ebenfalls 15 Prozent der Stimmen erreicht.
die erforderliche Zahl von
Mandatsträgern zu verfü-
Präsidentschaftswahl
Das war vor der Spaltung der neofaschisti-
schen Partei, die zum Jahreswechsel
gen. Hintergrund dafür ist,
dass viele Mandatsträger,
mit oder ohne
1998/99 erfolgte.
Dieses Mal ist manches anders, und vor
vor allem die oft parteilo-
sen Bürgermeister kleine-
Neofaschisten ??
allem ist bisher unklar, ob einer der beiden rer Gemeinden (Frankreich hat nicht weni- onsstörungen der Demokratie“ (Ex-Innen-
rechtsextremen Präsidentschaftskandidaten ger als 36.700 Kommunen, von denen minister Charles Pasqua: in dem Fall
– Jean-Marie Le Pen und Bruno Mégret –– eine stattliche Anzahl zwischen 100 und „hieße das, dass die Demokratie krank
(oder keiner von beiden, oder aber alle bei- 1000 Einwohner haben) im Namen der ist“) ihre Fühler nach Rechtsaußen hin
de) die adminstrativen Voraussetzungen er- Demokratie und des Pluralismus für „klei- auszustrecken.
füllen wird, um antreten zu können. nere“ Kandidaten unterschreiben.
■ Le Pen: Viel „mäßigende“ Krei-
Für rechtsextreme Kandidaten freilich
■ Le Pen wittert Bananenrepublik... sieht die Lage nochmals anders aus : Die
de geschluckt – aber vergeblich
Nicht weniger als eine „Staatsaffäre“ ver- Aus den genannten Gründen ist es bisher
Veröffentlichung ihrer Namen könnte hier
spricht Jean-Marie Le Pen, und droht: noch fraglich, ob Jean-Marie Le Pen den
die Bürgermeister oder Parlamentarier in
„Das würde Lärm hervorrufen. Man elimi- Erfolg seines neues Diskurses wird auste-
einen unangenehmen Geruch bringen. Seit
niert nicht durch einen Federstrich den, der sten können. Denn den Beginn von Alters-
1988 wird die Liste der Mandatsträger, die
4,5 Millionen Stimmen erreicht hat. Das müdigkeit zeigend – oder jedenfalls einer
für einen der Kandidaten unterschrieben
läuft in Managua oder in Porto Rico“ aber Starrköpfigkeit, die ihn zunehmend sein
haben, mehrere Tage lang in den Räumen
nicht in Frankreich, folgt man dem Chef persönliches Interesse über jenes seiner
des Verfassungsgerichts ausgehängt und
des rechtsextremen Front National (FN). Partei stellen und letztere in passiver Ge-
ist dort öffentlich zugänglich.
Dieser wird gar drohend, und malt mal den folgschaft hinter ihm verkümmern lässt –,
In diesem Jahr informierte die Wahl-
„Sturz des Hauses Chirac“ an die Wand, hat der bald 74-jährige FN-Chef in diesem
kampfmannschaft des bürgerlich-konser-
mal sogar „die Niederlage von Jacques Jahr Kreide geschluckt wie nie zuvor.
vativen Kandidaten (und Amtsinhabers)
Chirac und, warum nicht, auch (die seines Zum Teil ist dies auf eine bewusste Strate-
Jacques Chirac die Bürgermeister durch
aussichtsreichsten Widersachers) Lionel gie seiner Partei zurückzuführen, oder
ein Schreiben, ihre Unterschriften würden
Jospin.“ Auf welchem Weg er gleich bei- wird jedenfalls von dieser als solche Stra-
im Journal officiel – dem Amts- und Ge-
den Bewerbern der großen Parteien den tegie verkleidet. So hatte der FN-General-
setzblatt – abgedruckt, um noch ein wenig
Weg verbauen will, bleibt freilich sein Ge- sekretär Carl Lang im Herbst 2001 die Pa-
mehr Druck auszuüben.
heimnis. Daher zieht er meist vor, dem La- role ausgegeben, die Partei wolle jetzt
Vor der Wahl im Jahr 1981 war die An-
ger Chiracs anzudrohen, es „unterschreibe nicht durch allzu laute Töne auffallen,
zahl der erforderlichen „Patenschaften“
sein Todesurteil“, und er, Le Pen, könne denn seit dem 11. September 01 gelte:
von Mandatsträgern, wie sie auch genannt
dem Rivalen Jospin den Sieg garantieren, „Die Zeit arbeitet für uns“. (Nach Le Mon-
werden, von zuvor 100 auf 500 erhöht
denn die Wähler „würden sich grausam de, 6.11.01) Doch nicht alles bei Le Pen
worden. Das hatte damals bereits Jean-
rächen“ – so der FN-Vorsitzende im Inter- ist bewusste, durchdachte Strategie.
Marie Le Pen am Antreten gehindert: Der
view des Figaro vom 7. März. Anfang Februar akzeptierte Jean-Marie
rechtsextreme Politiker hatte im Frühjahr
Le Pen – der anlässlich der Präsident- Le Pen, für das Männer- und Modemaga-
1981 zuletzt 434 Unterschriften vorweisen
schaftswahl 1995 in absoluten Zahlen 4,57 zin ,Optimum’(März-Nummer) in einem
können. Damals war das noch kaum der
Millionen Stimmen bekommen hatte – arabischen Café im Pariser Pigalle-Viertel
Rede wert, denn bei seiner ersten Kandi-
spricht von dem Fall, dass er nicht zur zu posieren, mit einer ägyptischen Wasser-
datur im Jahr 1974 hatte Le Pen im Lan-
diesjährigen Wahl des Staatspräsidenten pfeife in der Hand. In jener Ausgabe gibt
desdurchschnitt 0,74 Prozent erzielt. Doch
antreten kann. Bis zum Dienstag, dem 2. er im Interview zum Besten: „Ich habe
heutzutage, nachdem Le Pen bei der vori-
April diesen Jahres um Mitternacht haben mehr Erfahrung, ich bin wie alle Männer
gen Präsidentschaftswahl 15 Prozent der
die Kandidaten und Kandidatinnen Zeit, meines Alters, die Zeit hat meine Energien
Stimmen erreicht hatte - derzeit schwankt
um 500 Unterstützungs-Unterschriften von besänftigt.“ Und auf die Frage, wie er den
er in den Umfragen zwischen 8 und 11
Mandatsträgern der Republik vorzulegen. israelisch-palästinensischen Konflikt be-
Prozent, neben einem oder zwei Prozent
Am 4. April wird das Verfassungsgericht werte, antwortet Le Pen: „Ich bin nicht am
für seinen Widersacher Mégret -, wäre ein
dann, nach Auswertung der Formulare, die richtigen Platz, um Anderen Ratschläge zu
solches Ergebnis tatsächlich weitaus spek-
Liste jener Kandidaten verkünden, die die erteilen, während ich es nicht einmal
takulärer.
gesetzlichen Voraussetzungen erfüllen. Un- schaffe, meine Ideen zu Hause durchzuset-
Dabei wäre es freilich nicht ohne Risi-
terschreiben können Bürgermeister, Abge- zen.“ Freilich spult Le Pen in dem Ge-
ken, würde der neofaschistische Politiker
ordnete von Départements-, Regional-, na- spräch auch die altbekannten Antworten
solchermaßen auf „technischem“, admini-
tionalem und Europaparlament, während beispielsweise zu den Themen Einwande-
strativem Wege – und nicht durch ein klar
einfache Kommunalparlamentarier ausge- rungspolitik und „nationale Identität“ her-
inhaltlich motiviertes Verbot (neo)faschi-
schlossen sind. Dieser „Filter“ war einge- unter. (Auf dem MNR-Kongress am
stischer Politikinhalte – von der Präsenz
führt worden, um unseriöse Politclowns 23./24. Februar 02 höhnte Mégret dazu:
bei der Präsidentenwahl ferngehalten. Ein
von der Kandidatur zum höchsten Amt im „Le Pen, der sich in einem arabischen
Teil des Publikums dürfte dann zweifellos

8 :antifaschistische nachrichten 7-2002


Café bei Pigalle fotografieren lässt, eine Konkret :
Schande !“)
Seit Januar 02 versucht der FN-Präsi- Warum Le Pen im Schlammassel steckt
dent gar, sich als gemäßigten Mitte-
Die Probleme des Jean-Marie Le Pen sind primär auch auf die Spaltung der neofaschistischen Partei
Rechts-Politiker zu verkaufen; zuerst hatte vom Jahreswechsel 1998/99 zurückzuführen. Die „Dissidenten“ unter Bruno Mégret hatten damals –
er seine neue Sprachregelung gegenüber neben einem Drittel der Mitglieder – gut 50 Prozent der Kader und auch eine Mehrheit der Mandat-
einem Fernsehjournalisten von I-télévision sträger des „alten“ FN mitgenommen. Anlässlich der Regionalparlamentswahl im März 1998 hatten
zum Besten gegeben. (Le Pen war Ende die Neofaschisten insgesamt 275 Sitze in den Regionalparlamenten erhalten. Im Frühjahr 1999 besaß
der 50er Jahre bereits Parlamentsabgeord- jedoch die Mégret-Partei MNR (Mouvement National-Républicain) 140 davon – einige dieser Parla-
neter und gehörte u.a. zeitweise der bür- mentarier sind mittlerweile zu den Konservativen übergelaufen –, die Rumpfpartei unter Le Pen unter
gerlich-reaktionären Mittelstandspartei 130. Ansonsten haben beide Parteien nicht viele Mandatsträger vorzuweisen. Der FN hatte vor der
CNI an – in den gleichen Jahren folterte er Spaltung noch 11 Sitze im Europaparlament inne, seit der Neuwahl im Juni 1999 sind es nur noch fünf
(und null für den MNR, der 1999 die bei den EP-Wahlen geltende Fünf-Prozent-Hürde verpasst hatte).
Und der FN sowie der MNR stellen jeweils zwei Bürgermeister. Damit sind heute beide rechtsextreme
Parteien, sofern sie mit ihren eigenen Mandatsträgern auskommen wollten, weit von der Grenze der
500 entfernt.
Jean-Marie Le Pen suchte das Hindernis zu umgehen, indem er Mitgliedern und extra eingestellten
professionellen Werbern je 2.000 Francs (rund 300 Euro) pro eingebrachter Unterschrift auszahlte.
Anfang Februar 02 konnte er auch tatsächlich frohlocken, er sei jetzt bei „fast 600“ Unterschrift-Ver-
sprechen angelangt. Doch als es Anfang März dann Ernst wurde, weil die offiziellen Formulare der
Wahlkommission eintrafen, da sprangen eine ganze Reihe von Bürgermeistern wieder ab. (Selbiges
passiert allerdings auch bei anderen Parteien...) Le Pen tobt: „Das ist, als ob diese Bürgermeister mir ei-
nen ungedeckten Scheck ausgestellt hätten. Dies zeigt den Grad der Unmoralität, auf den wir gesun-
ken sind.“ (Le Figaro)
Welches genaue Ausmaß das Phänomen angenommen hat, ist schwer zu beurteilen. Mitte März gab
Le Pen an, ihm fehlten nunmehr 80 Unterschriften zu den erforderlichen 500. ŒLibération¹ (vom
16./17. März 02) behauptet, ursprünglich seien es nur 520 versprochene Unterschriften gewesen,
jetzt fehlten Le Pen etwas über 100. ŒLe Monde¹ vom 23. März zitiert Le Pen, ihm seien rund 200 Un-
terschriften flöten gegangen, was zur erstgenannten Version passen könnte.
Le Pen Die Furcht, als Unterstützer des alternden Rechtsextremen offiziell im Gesetzblatt aufzutauchen, mag
manchen Amtsmann doch noch abgeschreckt haben, als es zur Sache ging. Andere mögen dem
Druck, den die konservativen und liberalen Parteiführungen auf ihre Mitglieder ausüben, nicht für Le
übrigens im Algerienkrieg, während er Pen zu unterschreiben – weil die für ihn abgegebenen Stimmen letztlich den Wahlsieg der Sozialisten
sich vom Parlament beurlauben ließ. Auf über die Konservativen förderten – nachgegeben haben.
jene Periode spielt seine allerneueste Zugleich beschuldigt Le Pen einige Politiker an der Seite des bürgerlichen Kandidaten Chirac – Clau-
Selbstdarstellung an. Allerdings betätigte de Goasguen, Patrick Devedjian und Dominique Perben –, „Druck“ auf unterschriftwillige Bürgermei-
sich Le Pen bereits seinerzeit als Rechts- ster ausgeübt zu haben. Diese streiten ab und geben an, keine demokratische Anormalität hervorrufen
außen...) Und der Boulevardzeitung Le zu wollen. Real scheint es aber Druck auf konservative Bürgermeister gegeben zu haben, etwa mit dem
Parisien – vom 4. Februar 02 – erzählte er Argument, falls sie nicht für Chirac unterschrieben (für den eine möglichst breite „Dynamik“ entfacht
etwa: „Vor einigen Jahrzehnten (...) wurde werden solle) gebe es im Falle eines Wahlsiegs künftig keine Subventionen. Seit einigen Wochen ist es
ich als ,Mitte-Rechts’ eingestuft. Ich habe nunmehr Jean-Marie Le Pen höchstpersönlich, der zum Telefonhörer greift, um die abgesprungenen
oder noch zögernden Bürgermeister zu bearbeiten. bhs ■
meine Ideen nicht geändert, aber man sie-
delt mich nunmehr auf der extremen
Rechten an. Warum? Einfach deswegen, Dennoch hat man den Eindruck, dass viel zumindest steht fest: Hat Le Pen bei
weil die gesamte politische Klasse sich Le Pen sich, in immer halsstarrigerer Wei- der Präsidentschaftswahl einen Einfluss
linksradikalisiert, marxistisch eingefärbt se, in eine persönliche Abrechnung mit darauf, ob Chirac oder sein Herausforde-
hat.“ dem amtierenden Präsidenten Jacques rer Jospin gewinnt, dann ist für ihn son-
Das hindert Le Pen freilich nicht daran, Chirac stürzen will und dabei alle anderen nenklar, wie er sich entscheidet. „Jospin
am gleichen Ort in uralter Manier vom Le- Anliegen hintanstellt. Zuletzt hat er Chirac ist weniger unmoralisch als Chirac“, tönt
der zu ziehen, sobald die Rede auf seine nicht verziehen, dass dieser im Januar die- er landauf und landab, oder: „Ich ziehe ei-
klassischen Themen kommt : „Das wich- ses Jahres die Enthüllungen geleugnet hat, nen Mann der Linken, der mit offenem Vi-
tigste ist die Explosion der Unsicherheit. wonach er Le Pen 1988 heimlich getroffen sier auftritt, gegenüber einem maskierten
Und das ist auf die Immigration zurückzu- und seine Unterstützung bei der damaligen Linken wie Chirac vor“, da beide im
führen. Aber davon spricht niemand, außer Wahl erbeten habe. Der FN-Chef fühlt Grunde eine sozialistische Politik betrie-
mir. Das ähnelt dem Fall eines Kranken, sich dadurch zum Paria herabgesetzt, zu ben. Denn der Erstgenannte sei dabei we-
der von einer Leberzirrhose befallen ist, dessen Kontakt man sich nicht bekennen nigstens ehrlicher. (Auf einem anderen
aber sich weigert, dem Alkohol die Ver- darf. Im Januar hatte die FN-Führung öf- Blatt steht, dass der Mitte-Links-Politiker
antwortung dafür zu geben.“ Wie gehabt: fentlich gemacht, mit welcher Stoßrich- Jospin heute Wert darauf legt, dass er gar
Die Ausländer sind schuld, und die Pro- tung die Partei zwischen den beiden Wahl- kein „sozialistisches Programm“ vorlege,
bleme der Nation lassen sich mit dem bio- gängen zu intervenieren trachte: Damals sondern ein „modernes Projekt für Frank-
logistischen Bild der Krankheit beschrei- präsentierte Plakate zeigen Chirac hinter reich“.)
ben. Und noch im Juli 2001 hatte Le Pen Gittern. (Im Fall einer Wahlniederlage Zugleich flüchtet Le Pen, der sich seit
an der Beerdigung von Henry Coston, ei- droht Chirac, der dann keine Amtsimmu- längerem als einen Mann der Vorsehung
nem der berüchtigsten antisemitischen nität mehr genießt, wirklich eine baldige begreift, in düstere Prophezeihungen hin-
Schriftsteller in Frankreich, teilgenom- Vorladung zum Richter. Es geht um be- ein. Einerseits behauptete er bspw. anläss-
men. Henry Coston trieb bereits in den achtliche Korruptionsaffären aus seiner lich der Verkündung seiner Neujahrswün-
30er Jahren des 20. Jahrhunderts, mit ma- Amtszeit als Pariser Oberbürgermeister, sche 2002 in eher irrationaler Weise: „In
terieller Unterstützung NS-Deutschlands, vor 1995.) diesem Jahr kann unsere Aktion entschei-
sein Unwesen und war seiner Propaganda- Anlässlich seiner großen Show in Lyon dungsbringend sein, angesichts außeror-
sache (gegen die jüdische und freimaureri- am 16. und 17. Februar 02 widmete Jean- dentlicher historischer Umstände, wie sie
sche Weltverschwörung) bis zum letzten Marie Le Pen den größeren Teil seiner nie in der tausendjährigen Geschichte un-
Atemzug treu geblieben. Gegenüber dem zweistündigen Rede allein Chirac, dem seres Landes existierten, außer vielleicht
FN-internen Organ ,Français d’abord’ „Professor der Lüge“, dem „Lügenprin- während des Hundertjährigen Krieges.“
(Franzosen zuerst) hatte Le Pen im Okto- zen“, dem „Serienlügner“ und Verräter, Andererseits erklärte er etwa am 10. März
ber 01 seine Anteilnahme für Coston da- dessen Konterfei mit riesenhafter Pino- 02 in Toulouse vor 1.000 Anhängern:
mit begründet, er schätze „Rebellen“. cchio-Nase über dem Saal prangte. Und so „Wenn ich nicht gewählt werde, dann wird

: antifaschistische nachrichten 7-2002 9


es das letzte Mal sein, dass Sie einen Präsi- tritt Mégret für Regierungsbündnisse folge seiner Partei ein wenig zusammen-
denten der französischen Republik wählen. nach italienischem Muster ein, und nahm geschmolzen ist. Und mit bald 53 Jahren
Danach werden Sie einen Gouverneur in den letzten Monaten Positionen ein, die dürfte Mégret den, im Juni dieses Jahres
wählen, der nicht mehr Macht haben wird seine Bündnisfähigkeit auf der Rechten 74 werdenden, Altfaschisten Le Pen auf
als jener ( des US-Bundesstaates) Nebras- betonen. So wird Mégret im zweiten jeden Fall überleben.
ka.“ Teilweise scheint Le Pen bereits eher Wahlgang den Bürgerlichen Chirac gegen Zwei führende Politiker, der Vorsitzen-
an seinem Nachruf zu schreiben, als noch den Sozialdemokraten Jospin unterstüt- de der sozialistischen Parlamentsfraktion
reale Politik zu machen. zen, während Le Pen genau dies verwei- (Jean-Marc Ayrault) und der wirtschaftsli-
gert. Und er unterstützte im Herbst 2001 berale Präsidentschaftskandidat Alain
■ Profitiert Mégret von den den US-geführten Krieg im Mittleren Madelin – der im ersten Wahlgang gegen
Schwierigkeiten des FN ? Osten, wiederum anders als Le Pen. Eini- Chirac antritt, um ihn in der Stichwahl zu
Manche macciavellistisch inspirierten ge Ultra-Hardliner, darunter der NS-nahe unterstützen – gaben sich vor kurzem
Manöver dürften bei alledem nicht ausge- Rassenideologe Pierre Vial (vom Zirkel überzeugt, dass Mégret kandidieren kön-
blieben sein. So hielten sich in der Presse ,Terre et peuple’, („Volk und Erde“) hat- ne und Le Pen nicht. Alain Madelin er-
hartnäckige Gerüchte, wonach die konser- ten deswegen dem MNR Ende 2001 den klärte, er verfüge über „Beweiselemente“,
vative Rechte unter der Hand ihr nahe ste- Rücken gekehrt. wonach das Lager Chiracs alles tue, „um
hende Bürgermeister für den Erzrivalen Bruno Mégret hat bisher keine Zahlen Mégret zu favorisieren und Le Pen zu be-
des alternden FN-Chefs, also den – bisher über seine Unterstützungs-Unterschriften hindern“ (,Libération’, 20. März). Aller-
eher erfolglosen – Führerlehrling Bruno vorgelegt, behauptet allerdings, auf gutem dings hat Mégret bisher nur rund eine
Mégret, unterschreiben lasse. Das wäre Wege zu einer Kandidatur zu sein. Million Euro für den Wahlkampf ausge-
freilich, sollte es sich nicht um eine weitere Sollte die Situation je darauf hinaus- geben. (700.000 Euro werden minimal
Variante der Verschwörungstheorie han- laufen, dass Mégret zur Präsidentschafts- vom Staat zurückerstattet, falls eine Kan-
deln – ein Wahrheitsgehalt ist jedenfalls wahl kandidieren kann, nicht aber Le Pen, didatur rechtsgültig wird^, mehr Geld
nicht völlig auszuschließen – dennoch deli- so wäre dies seitens seiner eventuellen in- gibt es ab dem Überschreiten der Fünf-
kat. Denn natürlich dürfte ein solches stitutionellen Helfer ein Spiel mit dem Prozent-Hürde.) Le Pen hingegen hat das
Manöver, angesichts der Veröffentlichung Feuer. Denn zwar ist Mégret derzeit bei Geld bisher mit vollen Händen ausgege-
der Namen der „Paten“ eines jeden Kandi- weitem nicht so erfolgreich wie sein ben und bereits 7 Mill. Euro verprasst.
daten, nicht zu sehr auffallen. Allerdings früherer Parteichef. Dennoch steht er län- Das zeigt, dass Mégret vorsichtiger und
ist es auf dem rechten Hardliner-Flügel der gerfristig, wird seine Partei nicht zum Op- seiner Kandidatur nicht so sicher ist.
Konservativen heute einfacher, (öffentlich) fer ihrer derzeitigen geringen Bedeutung, Manche Beobachter gehen auch davon
zu begründen, warum man für Mégret un- für die überlebensfähigere Variante des aus, dass er sich ohnehin vielleicht strate-
terschreibt, als für Le Pen. Neofaschismus. gisch lieber auf die Parlamentswahlen
Mégret klagt so Jean-Marie Le Pen seit Die FN-Wahlerfolge zehren heute, seit konzentrieren wolle. Dort dürfte er den
Januar öffentlich an, „für Jospin zu arbei- der Parteispaltung, allein von der persön- Wahlkreis Vitrolles/Marignane (beide
ten“. Den konservativen Mandatsträgern lichen Aura des Chefs, während die Par- Städte werden vom MNR Mégrets re-
könnte er so erklären, dass Le Pen ihrem teiaktivisten selbst meist zu passiver Ge- giert) für sich als „sicheres“ Tor zu einem
Lager enormen Schaden zufügt – während folgschaft hinter dem autoritären „Monar- Parlamentssitz halten. Vor allem aber ist
er dem Publikum einhämmert: „Le Pen chen“ verdammt sind. Mégret hingegen damit klar, dass die Konsequenzen einer
wird vom System, von Politik und Medien kann auf ein stattliches Kaderpotenzial (vom Verfassungsgericht verordneten)
beschützt, weil er Jospin in die Hände ar- blicken, das er anlässlich der Spaltung Nicht-Kandidatur für Jean-Marie Le Pen
beitet.“ ,Le Parisien’, 2.2.02) In der Pariser vom „alten“ FN abgezogen hat, auch weitaus gravierender ausfallen dürften.
Abendzeitung ,Le Monde‘ (23. März) be- wenn es angesichts der relativen Misser- Bernhard Schmid, Paris ■
gründet die Nummer Zwei der Mégret-
Partei, Jean-Yves Le Gallou, gar nicht un-
geschickt: Erstens sei das Vorgehen der Mögliche Folgen auf die Wahl: Unkalkulierbar
(bezahlten) Le Pen-Zutreiber gegenüber
den Bürgermeistern „das von Söldnern, Für jedes denkbare Szenario ist es im Moment schwierig, seine politischen Folgen in näherer Zukunft voraus-
und kein politisches Vorgehen“. Zweitens zusagen. Insbesondere bleibt bisher eine weitere Unbekannte im Spiel: Das tatsächliche gesellschaftliche Po-
beruhige Mégret die Bürgermeister, da er tenzial, das der extremen Rechten (auf wahlpolitischer Ebene) heute verblieben ist, nachdem die Spaltung ei-
politisch sein Lager gewählt habe. Und nige Energien vergeudet hat. Die Ergebnisse der Kommunalwahlen vom März 2001 konnten damals eine(n)
drittens habe er die politischen Themen Antifaschisten/-in in dieser Hinsicht nicht übertrieben optimistisch stimmen. Dennoch hat ein realer Rückgang
der extremen Rechten – Le Gallou nennt des gesellschaftlichen Einflusses der Neofaschisten stattgefunden.
Immgration und Unsicherheit – fallen las- Die Umfrageinstitute korrigieren die Werte, die sie beiden rechtsextremen Kandidaten in den Vorwahl-Sta-
sen, „um sich in eine persönliche und par- tistiken zuteilen (Mégret taucht dabei nicht immer auf), regelmäßig herauf oder herab. Einerseits hatte sich in
der Vergangenheit (seit den 80er Jahren) herausgestellt, dass die extreme Rechte in den Vorab-Umfragen oft
teiegoistische Blutrache gegen Chirac hin-
unterbewertet war, weil es so etwas wie einen „Schameffekt“ gab, der dann aber in der Isolierung der Wahl-
einzustürzen“, wovon zumindest die zwei- kabine wegfällt. (Dieser „Schameffekt“ hatte jedoch im Laufe der Zeit, nach einigen Jahren Präsenz des Neo-
te Hälfte zutrifft. faschismus auf der politischen Bühne, abgenommen.) Andererseits dürften die Institute jetzt mitunter die Wer-
In der Wählergunst steht Mégret (mit ei- te in die andere Richtung nachkorrigieren. Denn man ist der Ansicht, eine Anzahl tatsächlicher Sympathisan-
nem bis zwei Prozent in den Vorwahlum- ten der extremen Rechten stimme aktuell für keine ihrer beiden Parteien, da die Spaltung für Reibungsverluste
fragen) zwar weit hinter Le Pen (mit 8 bis gesorgt hat. Dabei führen die Korrektureffekte dazu, dass man sich als Beobachter nicht mehr wirklich sicher
11 Prozent), denn er hat nicht die Statur sein kann, wo die extreme Rechte heute steht. Falls Jean-Marie Le Pen an der Kandidatur gehindert werden
des donnernden „Volkstribunen“ wie sein sollte, dann sind zwei Szenarii denkbar. Auf der einen Seite könnten zahlreiche WählerInnen, die irgendwie
in die Jahre kommender früherer Meister. – aber politisch unbewusst – gegen „die da oben“ und gegen die Ungerechtigkeit sind, bei der im Juni fol-
Dennoch könnte das Kalkül lauten, dass genden Parlamentswahl für den FN stimmen, gewissermaßen aus Trotz. Um bei der Parlamentswahl Kandi-
Mégret, falls beide rechtsextremen Politi- daten aufzustellen, gibt es aber keine 500-Unterschriften-Barriere.
ker kandidieren, das Wählerpotenzial des Umgekehrt ist denkbar, sollte sich das Wählerpotenzial eines Le Pen anlässlich der Präsidentschaftswahl
FN-Chefs ein wenig anknabbern könnte. auf mehrere Kandidaten aufteilen (die ersten Umfragen, die diese Möglichkeit berücksichtigen, sehen Stim-
Daneben ist zu berücksichtigen, dass Le menzuwächse für Chirac, Chevènement und Pasqua vorher) und übernimmt vielleicht noch Mégret einen Teil
des Kuchens, dass der umgekehrte Fall eintritt. Nämlich, dass dieses Potenzial einigermaßen sang- und klang-
Pen einen Störfaktor für die bürgerliche
los auseinanderläuft. Und eventuell ein harter Kern rund um Mégret übrigbleibt (aber dann wahrscheinlich
Rechte bildet, da er bündnisunfähig ist, eher der sozial besser gestellte Teil des alten FN-Publikums). Doch nichts ist bisher sicher. Erst nach der Wahl
während Mégret für eine mit der „harten“ wird auch auf die grundsätzlichere Frage geantwortet können, wie fest die Wähler eines Jean-Marie Le Pen
Variante des Konservativismus kompatible an seine Ideologie oder an seine Person gebunden waren. Wetten können noch abgeschlossen werden, hof-
Variante des Rechtsextremismus steht. So fen ist – bisher – erlaubt. Auflösung am 21. April. bhS, Paris ■

10 :antifaschistische nachrichten 7-2002


: ausländer- und asylpolitik
zung, Diskriminierung und Rassismus
begründeten Wahlkampf geliefert. Im
übrigen habe man mit der SPD in Meck-
Bundesrat stimmt lenburg-Vorpommern und Berlin eine
ganze Reihe von Vereinbarungen er-
Zuwanderungsgesetz zu reicht, die sich in der Praxis zugunsten
von Flüchtlingen und Migranten aus-
wirkten.
– oder doch nicht? Diese Position ist jedoch umstritten. In
Mecklenburg-Vorpommern hat der PDS-
Der Bundesrat hat am Freitag Zuwanderungsgesetz ist schon jetzt Landesvorstand noch am vergangenen
dem Zuwanderungsgesetz zu- fauler Kompromiss Donnerstag mit 14:3 Stimmen gefordert,
gestimmt. Oder auch nicht. An dieser Stelle brauche ich nicht erneut dass sich das Land im Bundesrat der
Bundesratspräsident Wowereit zählte eine detaillierte Analyse des Zuwande- Stimme enthalten solle.
nämlich bei der entscheidenden Ab- rungsgesetzes vorzunehmen. Es stellt ei- Das Zuwanderungsgesetz hat mit den
stimmung die Stimmen Brandenburgs nen faulen Kompromiss dar, bei dem elementaren Forderungen der PDS für
als „Ja“, obwohl Stolpe und Schön- SPD und Grüne der Union bis zur völli- eine menschenrechtliche Gestaltung der
bohm unterschiedliche Voten abgege- gen Verbiegung ursprünglicher Positio- Einwanderungspolitik nichts zu tun.
ben hatten. Nun wird es darüber ei- nen entgegen gekommen sind. Deshalb Selbst wenn man den umfangreichen
nen Verfassungsstreit geben. Eine muss ich in einem Punkt dem nieder- Forderungskatalog auf einige „Kernele-
letztendliche Entscheidung über das sächsischen Ministerpräsidenten Gabriel mente“ reduziert, muss man feststellen,
Zuwanderungsgesetz steht somit Recht geben: SPD und Union sind in- dass auch hiervon kaum etwas durch die
noch aus. haltlich allenfalls Millimeter voneinan- jetzige Fassung des Zuwanderungsgeset-
der entfernt. Otto zes erfüllt worden ist.
Schily machte in der Mit ihrer Zustimmung hat sich die
Bundesratsdiskussi- PDS deshalb meines Erachtens in die
on immer wieder ei- Gefahr begeben, dass sie wie die Grünen
nen Kotau vor der als „Umfaller“ dastehen, die um des
Union und hob die Machterhaltes willen Grundsatzpositio-
vielen, vielen Ver- nen aufgäben. Ein solches Bild in der
schärfungen zu La- Öffentlichkeit macht die PDS unglaub-
sten von Migranten würdig.
hervor. Denn auch das, was aus den Verhand-
lungen mit der SPD herausgekommen
Die Rolle der PDS
ist, vermag in meinen Augen die Zustim-
Die PDS hatte im mung zum Zuwanderungsgesetz nicht zu
Bundestag das Zu- rechtfertigen. Selbst da, wo Konkretes
wanderungsgesetz verabredet worden ist und nicht nur
abgelehnt. Sie hatte Prüfaufträge erteilt wurden, bezieht sich
dabei durchaus aner- dies auf Einzelheiten der Landespolitik.
kannt, dass im Ge- Am bundesrechtlichen Rahmen ändert
setz einige positive sich hierdurch kein Jota! Auf der Ebene
Punkte enthalten eines Bundeslandes kann nur etwas ver-
sind, etwa die Aner- einbart werden, was sich innerhalb die-
kennung nichtstaat- ses Rahmens, den das Bundesgesetz ab-
licher und ge- steckt, bewegt. Ansonsten gilt die Be-
schlechtsspezifi- stimmung aus dem Grundgesetz: Bun-
scher Verfolgung als desrecht bricht Landesrecht.
Fluchtgrund, der zur Und besonders für Berlin haben Karin
Zuerkennung des Hopfmann und Marian Krüger zu Recht
Flüchtlingsstatus festgestellt: „Das Entgegenkommen der
führt. Die negativen Seiten des Gesetzes Berliner SPD läuft faktisch auf nichts an-
Die Debatte im Bundesrat war im we- sind jedoch weitaus zahlreicher und ge- deres hinaus als sich zur Einhaltung der
sentlichen von zwei Faktoren bestimmt, wichtiger, etwa die stärkere Benachteili- Koalitionsvereinbarung zu bekennen“.
die mit dem Gesetz eigentlich gar nichts gung von Kindern durch die Herabsen- Neu ist an vielen Vereinbarungen also
zu tun haben: Zum einen wurde die Erin- kung des Nachzugsalters und die fehlen- gar nichts. Sie sind bereits verabredet.
nerung an den Sieg der Bundesregierung de Umsetzung der Kinderrechtskonventi- Und mit dem Zuwanderungsgesetz ha-
über die Union bei der Abstimmung über on, die Ausdehnung der sozialen Aus- ben sie nichts zu tun.
die Steuerreform wach, nachdem einige grenzung durch das Asylbewerberlei-
Wie weiter?
Bundesländer mit finanziellen Geschen- stungsgesetz und die Verweigerung des
ken zum Umschwenken gebracht wor- Abschiebungsschutzes für bestimmte Mit der Entscheidung des Bundesrates
den waren. Zum anderen warf, und das Gruppen von Menschen in Not. darf die Debatte um eine menschenrecht-
konnte man bereits an den schon fast ras- Im Bundesrat dagegen hat die PDS liche Ausrichtung der Einwanderungspo-
sistisch zu nennenden Reden etwa von dem Gesetz zugestimmt. Hierfür werden litik nicht beendet sein. Insbesondere die
Biedenkopf und Koch erkennen, der einige Argumente angeführt: Die Diskus- vier folgenden Punkte werden wir in der
Bundestagswahlkampf seine langen sion habe sich über den reinen fachpoliti- nächsten Legislaturperiode angehen
Schatten voraus. Der Inhalt und die Fol- schen Rahmen hinaus inzwischen weit müssen:
gen des Zuwanderungsgesetzes für die politisch aufgeheizt. Wäre das Gesetz an ◗ wirksamer Schutz für Menschen in
hier lebenden Menschen traten in den der PDS gescheitert, hätte sie Stoiber ei- Not;
Hintergrund. nen Punktsieg für seinen auf Ausgren- Fortsetzung Seite 12

: antifaschistische nachrichten 7-2002 11


Lufthansa - Fortsetzung
Stop deportation.class! von Seite 11
◗ Legalisie-
Berlin. Die Lufthansa meldete in die- rung des Auf-
sem Jahr ihren Stand auf der Internatio- enthalts von „Il-
nalen Tourismusbörse kurzfristig ab. Die legalen“;
Pressekonferenz fand dennoch statt und ◗ Abschaf-
Protestierende waren auch gekommen. fung von aus-
Im Steward(essen)-Outfit verteilten sie grenzenden und
Unternehmensberichte an die Presse, die diskriminieren-
über das Geschäft mit den Abschiebun- den Regelungen
gen informierten. Schon am Samstag wie des Asylbe-
waren eine Handvoll Protestierende der werberlei-
JungdemokratInnen/Junge Linke Berlin stungsgesetzes
zur ITB gefahren, um auf die immer und der Resi-
noch bestehende Abschiebepraxis der denzpflicht;
Lufthansa aufmerksam zu machen. Al- ◗ ein Anti-
lerdings hatte die Lufthansa wegen Fi- Diskriminie-
nanzproblemen ihren Stand abgesagt. rungs-Gesetz,
Am Sonntag aber waren die Stewards das alle Men-
und Stewardessen wieder am Start und schen wirksam
protestierten lautstark vor den Türen der vor Diskrimi-
Pressekonferenz. Die Lufthansa-Ange- nierung und ras-
stellten reagierten reichlich genervt, vie- sistischer Ge-
len PressevertreterInnen war die Anti-de- walt schützt. Kirchen, den Flüchtlingsinitiativen und
portation.class-Kampagne spätestens seit Die PDS hat im Bundesrat aus poli- vielen anderen Menschen zunächst im
dem KMII-Camp 2001 in Frankfurt/ tisch-taktischen Erwägungen heraus für Wahlkampf und dann in der weiteren
Main hinlänglich bekannt. Die Antwort eine Verschärfung der Lage von vielen politischen Arbeit gegen die rassistische
auf die Frage nach der Zahl der von der Migrantinnen und Migranten gestimmt. Propaganda von Schily und Stoiber klar
Lufthansa durchgeführten Abschiebun- Die Gegner dieser Politik innerhalb und und deutlich Stellung bezieht für Men-
gen verweigerten die Sprecher und leug- außerhalb der Partei müssen nunmehr schenrechte und eine humanitäre Orien-
neten, dass irgendwer gegen seinen/ihren ihren Druck verstärken und dafür sor- tierung der deutschen Politik.
Willen abgeschoben werden würde gen, dass die PDS gemeinsam mit den Stefan Keßler ■
durch das Unternehmen. Auf eine Räu-
mung der Protestierenden verzichtete
man trotz des sich massiv aufspielenden
Sicherheitspersonals und gerufener Poli- (AKO), erneut begutachten zu lassen. Attest, das eine Reiseunfähigkeit
zei dennoch. Vermutlich sitzt die Angst Dabei handelt es sich nicht um einen ein- und/oder eine Krankheit, die im Heimat-
vor dem Imageschaden tief genug. ■ maligen Fall. Grundlage für dieses Vor- land nicht genügend behandelt werden
gehen ist eine neue „Dienstanweisung kann, attestiert, sollen die Sachbearbei-
Ausländerbehörde lässt zum Umgang mit ärztlichen Attesten“ ter, Amtsärzte und evtl. der bereits er-
von Mitte Dezember letzten Jahres, erlas- wähnte „spezialisierte Facharzt“ zu aller-
Amtsärzte überprüfen sen vom stellvertretenden Amtsleiter erst prüfen: „Welche Folgen hätte die Er-
Hamburg. Dass Ausländerbehörden Michael Klahn. Hier ist u.a. festgelegt, krankung, wenn diese im Heimatland
kranke Menschen gnadenlos abschieben dass insbesondere bei psychischen und nicht behandelt werden würde?“ Sind
und ärztliche Atteste, die eine Abschie- ähnlichen Erkrankungen – „da die Miss- Sachbearbeiter/Ärzte danach der Auffas-
bung aus medizinischer Sicht untersa- brauchgefahr durch einen unrichtigen sung, dass die Folgen unzumutbar sind,
gen, ignorieren bzw. diese Atteste von Sachvortrag der Betroffenen besonders verlangt die Dienstanweisung Unmögli-
behördlichen Medizinerinnen und Medi- groß ist“ – neben den Amtsärzten auch ches. Die Beschäftigten der Ausländer-
zinern überprüfen lassen, ist bekannt. „spezialisierte Fachärzte“ als Gutachter behörde sollen jetzt nämlich folgende
Ebenfalls, dass Ärzte von der Ausländer- herangezogen werden. Inzwischen gibt es Frage beantworten und sie als vorhande-
behörde wegen der missliebigen Gutach- Fälle, in denen kranke Flüchtlinge zur nes oder nicht vorhandenes Abschiebe-
ten zugunsten von abschiebebedrohten psychiatrischen und neurologischen Be- hindernis bewerten: „Welche Behand-
Menschen unter Druck gesetzt und ge- gutachtung in die Ausländerbehörde be- lungsmöglichkeiten müssen im Heimat-
gen mehrere von ihnen ein Strafverfah- stellt wurden, ohne dass ihnen dies auf land gewährleistet sein?“
ren wegen Ausstellung von sog. „Gefäl- der Vorladung als Grund mitgeteilt wur- Ein unglaublich brutales Vorgehen
ligkeitsattesten“ eingeleitet wurde. In- de. Mit der „Dienstanweisung zum Um- schreibt die Dienstanweisung gegenüber
zwischen traut die Hamburger Auslän- gang mit ärztlichen Attesten“ beseitigt Flüchtlingen vor, denen vom Arzt eine
derbehörde auch den eigenen Amtsärzten die Ausländerbehörde die letzten Reste psychische Erkrankung und Suizidgefahr
nicht mehr. Offensichtlich sind von die- noch bestehender Abschiebehindernisse attestiert wird. Sie sollen grundsätzlich
sen Ärzten zu wenige „gefällige Gutach- aus gesundheitlichen Gründen. Im Fall ohne vorherige Ankündigung frühmor-
ten“ im Sinne der Behörde gekommen. von ärztlichen Gutachten, die „nur“ eine gens per polizeilichem Rollkommando
Unter anderem am 7. Februar hatte die Reiseunfähigkeit attestieren, sind die ergriffen, („frühmorgendliche Beglei-
Behörde deshalb mehrere psychisch Sachbearbeiter und Amtsärzte jetzt ange- tung ohne vorherige Ankündigung des
kranke Flüchtlinge, denen Amtsärzte zu- wiesen davon auszugehen, „dass diese konkreten Reisetermins“) und unter ärzt-
vor schwere Traumatisierung, Suizidge- z.B. für einen Flug von Hamburg ins licher Überwachung in eine Therapieein-
fahr und Reiseunfähigkeit attestiert hat- Heimatland fast immer hergestellt wer- richtung im Heimatland abgeschoben
ten, vorgeladen, um sie von einem ge- den kann“, und zwar durch Medikamen- bzw. am Heimatflughafen einem Arzt
wissen Dr. Jochen Brack, Psychiater am te, BGS und notfalls auch ärztlicher oder einer anderen Betreuungsperson
Allgemeinen Krankenhaus Ochsenzoll Überwachung. Handelt es sich um ein übergeben werden. bab ■

12 :antifaschistische nachrichten 7-2002


A nlässlich des Deutschland-Besuchs des US-Prä-
sidenten Bush im Mai wird die Friedensbewe-
gung zu einer Großdemonstration und zu vielen de-
Nächster Stopp: BAGDAD
zentralen Aktionen im ganzen Land aufrufen. Dies von Jürgen Wagner (IMI) *
war ein Ergebnis der Aktionsberatung, zu der der Geiseln nimmt und uns damit von einer wie die Kurden im Nordirak oder auf die
Bundesausschuss Friedensratschlag am 17.3. nach
Intervention abhält,“ wie Robert Joseph, Exilopposition gesetzt werden soll. Auch
Kassel eingeladen hatte. Am 21. Mai, am Vorabend
des Bush-Besuchs, soll eine bundesweite Demonstra-
Bushs Proliferationsfachmann, meint. auf eine genaue Angriffsstrategie scheint
tion und Kundgebung in Berlin stattfindet. Einen Tag Damit wäre der US-Anspruch als Ord- man sich noch nicht festgelegt zu haben.
später, am 22. Mai, sollen im ganzen Land Aktio- nungsmacht in der rohstoffreichsten Re- Sicher ist aber, dass man sich in den
nen gegen die US-Kriegspläne stattfinden, vornehm- gion der Welt zu fungieren, massiv in USA auf einen Krieg vorbereitet, der den
lich an dafür geeigneten Objekten (z.B. US-Bot- Frage gestellt. Bereits in einem 1998 an „Kreuzzug“ gegen Afghanistan bei wei-
schaft, Konsulate, Atomwaffenlager in Büchel, Ato- Clinton verfassten Brief, den so gut wie tem übertreffen wird. Experten rechnen
mare Einsatzzentrale EUCOMM in Stuttgart) alle Mitglieder der heutigen Regierungs- augenblicklich damit, dass für eine Inva-
mannschaft unterzeichneten, wurde des- sion zwischen 150.000 und 300.000 US-

D
ie Aussage von Bush ist klar: halb gefordert, Hussein müsse unter allen Soldaten benötigt werden. Nach Angaben
Krieg gegen Saddam ist unver- Umständen gestürzt werden. Ansonsten des gut informierten Seymour Hersh hat
meidbar,“ titelte der Londoner In- werde „die Sicherheit der amerikani- Bush seine Berater angewiesen, bis zum
dependent, sich auf die Rede George W. schen Truppen in der Region, unserer 15. April einen Plan zum Sturz des Regi-
Bushs vom 11. März beziehend. Freunde und Alliierten wie Israel, der mes zu erarbeiten.
Die Gunst der Stunde nutzend ver- moderaten arabischen Staaten und ein Da außer in Washington selbst nie-
suchten die Hardliner in Washington bedeutender Anteil der Weltölversorgung mand sonderlich begeistert von diesen
zunächst einen solchen Angriff durch Be- aufs Spiel gesetzt.“ Plänen ist, sollen die augenblicklichen
weise einer Verbindung zwischen dem Dies zu verhindern ist das eigentliche Diskussionen um eine Wiederaufnahme
Irak und Al-Qaida zu legitimieren. Ob- Ziel eines US-Angriffes auf Bagdad, wie der UN-Inspektionen die notwendige,
wohl dies ebenso scheiterte wie Versu- US-Senator John McCain verdeutlichte: oder zumindest erwünschte, internationa-
che, Bagdad mit den Anthrax-Briefen in „Diktatoren, die [...] Massenvernich- le Unterstützung für einen Angriff si-
Verbindung zu bringen, wird der Angriff tungs-Waffen bauen, sind unterrichtet, chern helfen. Die USA fordern für diese
auf den Irak weiter von höchsten Stellen dass ein solches Verhalten, schon für sich Teams Kompetenzen, von denen sie si-
gefordert. Dem Problem, wie dies ohne selbst ein Kriegsgrund ist.“ cher sein können, dass Hussein – aber
Hinweise für eine direkte Mittäterschaft Anstatt sich für eine Stärkung der Rü- wohl auch sonst jedes Staatsoberhaupt
gerechtfertigt werden könnte, widmete stungskontrolle und Deeskalation einzu- der Welt – diese ablehnen wird. Bereits
sich ein offener Brief an die Regierung, setzen, veranlassen die ständigen Dro- jetzt gehen laut Herald Tribune „amerika-
unterzeichnet vom „Who is Who“ der hungen Washingtons Hussein zu der logi- nische Offizielle davon aus, dass im Mai
amerikanischen Außenpolitik. Dort wur- schen Schlussfolgerung, nur Massenver- oder Juni klar wird, dass der Irak die Sor-
de gefordert, dass „selbst wenn die Be- nichtungsmittel seien in der Lage, sein te von Inspektionen ablehnen wird, die
weise den Irak nicht direkt mit den Regime vor Angriffen der USA zu schüt- Bush verlangt.“ Diese Ablehnung wird
Attacken verbinden, muss jede Strategie, zen. Dies wird von den USA wiederum dann wohl als Legitimation genommen
die zum Ziel hat den Terrorismus und als ausreichender Kriegsgrund bezeich- werden mit einem Angriff zu beginnen.
seine Unterstützter auszurotten einen ent- net, stellt aber gleichzeitig auch einen Augenblicklich deutet alles darauf hin,
schiedenen Versuch einschließen Saddam willkommenen Vorwand dar, die eigenen dass die Kriegsvorbereitungen spätestens
Hussein von der Macht im Irak zu entfer- Interessen in der Region wahrzunehmen. im Herbst abgeschlossen sein werden.
nen.“ Aus US-Sicht erfordern die jüngsten Trotz der verschiedentlich geäußerten
Tatsächlich aber hat das Kriegsge- Spannungen mit Saudi Arabien, verbun- Kritik seitens der Europäer, ist aber auch
schrei nichts mit den Anschlägen des 11. den mit der zunehmenden Kritik an der von dieser Seite bedauerlicherweise kein
September oder dem Terrorismus zu tun, US-Truppenpräsenz am Golf, einen An- ernster Widerstand zu erwarten.
wie ein Bericht der Herald Tribune fest- griff auf den Irak, um sich damit neue Ein Artikel des ,Zeit‘-Herausgebers
stellt: „Die CIA hat keine Beweise, dass Basen zu verschaffen, den eigenen An- und ehemaligen Kulturstaatsministers
der Irak innerhalb fast eines Jahrzehntes spruch als Ordnungsmacht zu untermau- Michael Naumann unterstreicht ein-
in terroristische Operationen gegen die ern und damit die Kontrolle der Ölquel- drucksvoll die Nibelungentreue der Bun-
USA verwickelt war und die Spionage- len auch weiterhin zu gewährleisten. Pu- desregierung. „Ein Krieg im Irak würde
agentur ist ebenfalls davon überzeugt, blizistisch wird im Wall Street Journal die deutschen Pazifisten der PDS auf Ko-
dass Hussein keine chemischen oder bio- bereits die Besetzung der Ölquellen Sau- sten der Grünen stärken. [...] Ein Kon-
logischen Waffen an Al-Qaida oder ähnli- di-Arabiens gefordert. William Safire, flikt im Irak würde ihn [Schröder] dazu
che terroristische Gruppen geliefert hat.“ Topjournalist der New York Times zwingen die schwierigste politische Ver-
Henry Kissinger bemerkt folgerichtig: schlägt ähnliches auch für den Irak vor: pflichtung seines Lebens zu machen –
„Die Frage ist nicht, ob der Irak in die „Ich würde einen Deal mit Ankara ma- den Amerikanern zu folgen, komme was
Terrorattacken verwickelt war. [...] Die chen, jetzt sofort die Grenzen der Türkei da wolle. Dies könnte dazu führen, dass
Herausforderung ist im wesentlichen zu überqueren und das nördliche Drittel er [bei den Bundestagswahlen] im Sep-
eine geopolitische.“ Auch William Kri- des Irak zu annektieren. [...] Das Land, tember verliert.“ Hoffentlich kann man
stol, Herausgeber des Weekly Standard, dass es gilt zu einem Teil der Türkei zu da nur noch sagen.
betont: „Ob wir uns dem Irak widmen machen, ist das Ölfeld um Kirkuk, das * Jürgen Wagner ist im Vorstand der
hat immense Auswirkungen auf die ame- fast die Hälfte von Saddam Husseins Öl Informationsstelle Militarisierung (IMI).
rikanische Rolle in der Welt, insbesonde- produziert.“ Er schrieb vor kurzem eine Studie zur US-
re ob wir uns dazu berufen fühlen, die Der Anspruch auf Kontrolle des Öls Außenpolitik und den Anschlägen des
neue Weltordnung zu gestalten.“ scheint aus Sicht der USA einen Angriff 11. September mit dem Titel „Zum Terror
Der neuen Weltordnung steht der Irak auf den Irak allemal zu rechtfertigen. Al- verdammt?“, die in Kürze erscheint und
nach Meinung der US-Administration lerdings bestehen innerhalb der Regie- schon jetzt vorbestellt werden kann
schon lange im Weg, da ein über Mas- rung noch erhebliche Differenzen darü- (mailto: IMI@imi-online.de).
senvernichtungsmittel verfügender Irak ber, ob zur Unterstützung der USA auf IMI e.V., Hechingerstr. 203, 72072 Tübin-
„amerikanische und alliierte Städte als oppositionelle sunnitische Gruppen, so- gen, Telefon: 07071-49154 Fax: 49159 ■

: antifaschistische nachrichten 7-2002 13


: neuerscheinungen, rezensionen kisch; kischer Denktraditionen in der
5 S.; deutschen Arbeiterbewe-
ar gung“. Sie werden heutzutage
„Preußen im sche(r) Reinigungsprozeß“, fortgeführt u.a. in der sog.
uen
Weltmaßstab“ der die „Volksgemeinschaft“ Querfrontstrategie, dem Ver-
hervorbringe. Diese Obsessi- So- such Rechter, mit Linken zu
Ernst Niekisch (1889 – 1967) on ging nach 1945 nahtlos in s Im- kooperieren, beispielsweise
gilt vielen auch heute noch einen Antiamerikanismus us mit der Begründung, man ste-
v.a. wegen seiner Teilnahme über, so hieß es 1959, die An- he gemeinsam einem Feind
an der Münchner Räterepu- lehnung an Amerika gefährde gegenüber: dem bürgerlichen
blik als – vielleicht etwas ex- den „deutschen Volkskörper“. Staat, dem US-Imperialismus
travaganter – Linker. Das ist „Die überkommene deutsche usw.
er nie gewesen, wie das so- Sonderart wird in zunehmen- Pittwald verfügt über pro-
eben erschienene Buch von dem Maße entwertet.“ funde Kenntnisse auch der
Michael Pittwald beweist. Wie jede völkische Ideolo- heutigen nationalrevolu-
Niekisch war Mitglied in ver- gie, sah auch jene Niekischs Zweifel aber soll darüber be- tionären „Szene“. Und er ist
schiedenen faschistischen Or- die Juden als Gefahr für das stehen, daß das Recht des einer der wenigen Autoren,
ganisationen, aber zeitweilig deutsche Volk. 1951 erschien Staates turmhoch über das die auch auf antifaschistische
auch in SPD und KPD. Eine in der DDR die „Europäische Recht des Privateigentums ge- Publizistik zurückgreifen.
schillernde Gestalt war er al- Bilanz“, in deren Ursprungs- stellt wird.“ Ein Industriear- F■
lemal – aber eine der völki- entwurf ein Kapitel „Juden“ beiter hatte keinen Grund, in
schen Rechten. stand (das vor Drucklegung Niekisch einen Freund zu se- Michael Pittwald: Ernst Nie-
Verschiedenste präfaschisti- entfernt wurde), worin Nie- hen: Aufbauen könne der kisch. Völkischer Sozialis-
sche Strömungen entstanden kisch die bevorzugte Argu- nicht, nur zerstören. Er bedür- mus, nationale Revolution,
um die Wende vom 19. zum mentation antisemitischer fe daher eines Führers. „Der deutsches Endimperium,
20. Jahrhundert, zu einem Hetzer neu aufwärmte: Im Führer ist ihm alles und gibt PapyRossa Verlag, Köln
Zeitpunkt als die sozialisti- „jüdischen Volk“, in seinem ihm alles, der Führer ist die 2002, 355 S., 20,50 EUR.
sche Arbeiterbewegung zu- „Blute“ lägen seine Eigen- werthaltige Zahl vor den Un-
nehmend an Kraft gewann schaften, es trete als Einheit, summen der Nullen ...“ „Karrieren im Zwie-
und rechte Verbände ihr etwas mit einheitlichen Zielen auf. Bei diesem Weltbild muss
entgegensetzen wollten. „Die- Die Juden unterwürfen „das es überraschen, dass Niekisch licht“: Aus Eliten
ses geschah durch die Zusam- andersgeartete Volk einer der NSDAP kritisch gegenü- wurden „passable
menführung von Nationalis- fremden Gesetzlichkeit“. Das berstand. Neben der Differenz Demokraten“
mus und Sozialismus in je- „internationale Finanzkapital“ in der Haltung zur Sowjetuni-
weils eigenständigen Poli- sei „verjudet“, und somit ein on war Niekisch v.a. nicht der Eine eher versöhnliche Bilanz
tikkonzeptionen.“ Aus dieser Instrument der Unterwerfung Mann für die zweite Reihe, er zieht Norbert Frei zum Aus-
Gemengelage entstanden u.a. „fremder Völker“ unter jüdi- sah sich selbst als Führer ei- klang des von ihm herausge-
der Nationalsozialismus, aber sche Vorherrschaft. ner Bewegung. Somit war die gebenen Buches „Karrieren
auch Niekischs artverwandte Niekisch, dies macht den NSDAP für Niekisch in erster im Zwielicht – Hitlers Eliten
Ideen. Aus welchen Elemen- Unterschied zu anderen natio- Linie ein Konkurrent. Er be- nach 1945“. Der Professor für
ten bestand nun seine „Wider- nalistischen Strömungen deut- tonte, dass ihre Sache eine Neuere und Neueste Ge-
standsideologie“? lich, schlug stets ein Bündnis gute sei, jedoch durch schichte an der Ruhr-Univer-
Niekisch ging es stets um Deutschlands mit der Sowjet- falsches Personal verdorben sität Bochum – durch Veröf-
einen starken (deutschen) union vor. Dies hatte vor- würde. fentlichungen wie „Vergan-
Staat; Staat setzt er als das ab- nehmlich taktische Gründe, Die gestreiften ideologi- genheitspolitik“ oder „Der
solute Ziel, das „in mensch- denn um sich aus den Fängen schen Facetten reiften in den Führerstaat“ international be-
lich-irrationalen Wesensbe- des Westens zu lösen, brauche 20er Jahren zur geschlossenen kannt geworden – stellt mit
standteilen“ wurzele und ein das 1918 bezwungene Theorie, v.a. in Niekischs Zeit Blick auf die Funktionseliten
unablösbares „eingeborene(s) Deutschland Verbündete. Zum beim „Hofgeismarer Kreis der der Hitler-Zeit fest, dass nach
Prinzip“ darstelle. Der Staat anderen war die UdSSR eben- Jungsozialisten“ und dem von der Gründung der Bundesre-
sei Ausdruck eines immer falls antiwestlich ausgerichtet. ihm 1926 gegründeten „Wi- publik nur wenige die „Einla-
schon daseienden Volkstums. Niekisch konstruierte eine derstandskreis“. Obgleich dung zur Anpassung“ ausge-
Ziel deutscher Politik solle Wesensverwandtschaft zwi- Niekisch seine Position nach schlagen hätten. Aus der
„die Wiedergewinnung deut- schen seiner Staatsvorstellung 1945 – er lebte in der Mehrheit seien im Laufe der
scher Unabhängigkeit, die Be- und der sowjetischen Realität, SBZ/DDR – kaum ab- Zeit „passable Demokraten“,
freiung von den auferlegten die in ihrer Wirklichkeitsferne schwächte, ließ ihn seine ein- aus einer Minderheit sogar
Fesseln, die Zurückeroberung auch von heutigen Totalitaris- stige Gegnerschaft zu Hitler wahre Liberale geworden.
einer großen, einflußreichen mustheoretikern kaum besser hier zunächst politisch Fuß Das Projekt Bundesrepublik,
Weltstellung“ sein. hätte ersonnen werden kön- fassen: Er trat in die so vernimmt man es von Nor-
„Geknechtetes deutsches nen. KPD/SED ein, wurde Berater bert Frei, sei bis in die siebzi-
Land, vergewaltigtes deut- Zuletzt muss noch ein Blick Grotewohls, war Abgeordne- ger Jahre hinein entscheidend
sches Volkstum will erlöst auf Niekischs sog. „Antikapi- ter des Volkskongresses und vom guten Willen einstiger
sein“, lautete Niekischs talismus“ geworfen werden. saß im Präsidium der „Natio- Nazi-Förderer abhängig ge-
Kriegsruf. Die westlichen De- Niekisch verfocht die bedin- nalen Front“, sogar die VVN wesen. Diese seien ihrer Ver-
mokratien stünden für Indivi- gungslose Unterordnung der nahm ihn als Mitglied auf und antwortung für das demokrati-
dualismus und Marxismus, Unternehmen unter die Staats- an der Humboldt-Universität sche Gelingen alles in allem
Parlamentarismus und Demo- zwecke. „Es ist nicht an dem, bekleidete er bis 1954 einen gerecht geworden, allerdings
kratie. Das Westliche müsse daß das Recht des Privatei- Lehrstuhl. unter dem mehr oder weniger
aus dem deutschen Volk ent- gentums grundsätzlich ver- Pittwald sieht seine Arbeit sanften Druck der entschlos-
fernt werden, ein „organi- neint werden sollte: kein „als Beitrag zur Analyse völ- senen Reformer.

14 :antifaschistische nachrichten 7-2002


Auch für die Entnazifizierungs-Akti- re. „Die Besetzung einiger Abteilungen habe darin bestanden, dass – vor allem
vitäten der Alliierten findet Frei anerken- mutete wie ein getreues Abbild des durch den zeitweiligen Ausschluss von
nende Worte: In ihrer Hochphase wurden Reichsjustizministeriums an und sparte Nazi-Funktionsträgern aus dem öffentli-
rund 250.000 Deutsche inhaftiert; einein- auch schwer belastete Referenten nicht chen Leben – nazistische Ideen so weit
halb Jahre nach dem Ende des Zweiten aus“, beklagt von Miquel. So hatte Josef geächtet wurden, „dass selbst die spätere
Weltkrieges waren immerhin noch mehr Schafheutle, Leiter der Strafrechtsabtei- Rückkehr der Ehemaligen die äußere
als 90.000 in Gewahrsam. lung, im Reichsjustizministerium das po- Stabilität der bundesdeutschen Demokra-
Zwar sei nicht jedes Ziel der Säube- litische Sonderstrafrecht und Strafpro- tie nicht mehr gefährdete“.
rungspolitik erreicht worden, aber ihren zessrecht der NS-Zeit mit konzipiert. Thomas Klaus ■
Hauptzweck habe sie nicht verfehlt, Und der im Bundesjustizministerium für
nämlich „die klare normative Abgren- Kartellrecht zuständige Heinrich Ebers- Norbert Frei, Karrieren im Zwielicht –
zung vom Nationalsozialismus, hinter berg hatte dem Nazi-Reichsjustizminister Hitlers Eliten nach 1945.
die es ein Zurück nicht mehr gab“. Des- Otto Thierack als persönlicher Referent Campus-Verlag, ISBN 3-593-36790-4
halb seien die Jahre der Besatzung keine gedient.
Zeit der Kontinuität gewesen, weder bei Gerade die professionelle Cleverness,
den Eliten noch in der deutschen Gesell- mit der in der Bundesrepublik die Ver-
schaft insgesamt. Nach Freis Ansicht hät- gangenheit verdrängt und vertuscht wer-
ten die Siegermächte mit ihren Entnazifi- den sollte, muss bestürzen. In dem Kapi- : ostritt
zierungsbemühungen eine Zäsur gesetzt tel über Mediziner schildert Tobias
und unmissverständlich ihren Willen be- Freimüller zum Beispiel den Fall des

A
kundet, „dem Nationalsozialismus in Arztes Helmut Hanauske-Abel. Er hatte us Insiderkreisen ist zu erfahren,
Deutschland keine Zukunft zu gestatten im August 1986 in einem Artikel für eine dass die Bundestagsfraktion von
– und niemandem, der dazu weiterhin britische Fachzeitschrift die ärztliche CDU/CSU einen Antrag an den
sich zu bekennen die Absicht hatte“. Pflicht zur Erinnerung an die NS-Medi- Deutschen Bundestag stellen wird, der
Auf den ersten Blick wirkt das letzte zingeschichte betont. Dafür wurde er von die Errichtung eines Zentrums gegen
Kapitel des Buches „Karrieren im Zwie- Ärzte-Funktionären in der Bundesrepu- Vertreibung vorsieht. Daraus kann man
licht“ in gewisser Weise als Bruch zu den blik heftig attackiert und am Ende sogar die Schlussfolgerung ziehen, dass Stoi-
restlichen knapp 300 Seiten. Denn auf ih- von der zuständigen Bezirksärztekammer ber dies zum Wahlkampfthema machen
nen wird eine Traditionslinie von der Rheinhessen aus der Mitgliederliste ge- will bzw. die Vertriebenenorganisationen
Nazi-Zeit bis in die Bundesrepublik ge- strichen. einspannen wird. Die politische Linke
zeichnet, die verschiedene Berufsgrup- Der spezielle Reiz des Buches „Kar- sollte sich Gedanken machen, wie sie auf
pen gemein hatten. Freis Autoren Tobias rieren im Zwielicht“, das eine für 2002 diese Strategie antwortet. Die Forderung
Freimüller, Tim Schanetzky, Jens Schol- vorgesehene sechsteilige Fernsehdoku- „Das Münchener Abkommen für null
ten, Marc von Miquel und Matthias Weiß mentation in der ARD begleitet, liegt je- und nichtig zu erklären“ wäre eine in-
nehmen sich der Mediziner und Unter- doch in der differenzierten Betrachtung haltliche Gegenantwort auf den gesam-
nehmer, der Offiziere, Juristen und Jour- der so genannten Entnazifizierungsmaß- ten inhaltlichen Vorstoß der Vertrieben-
nalisten an. Was über deren tragende nahmen und in der abgewogenen Beur- organisation. Der Deutsche Ostdienst
Rolle unter dem Hakenkreuz und die re- teilung bestimmter Sachzwänge, auf die macht nicht nur Stimmung sondern orga-
lativ problemlose Integration in die de- bei Säuberungsaktionen der Alliierten nisiert einen regelrechten Kulturkampf.
mokratische Bundesrepublik berichtet wohl zwangsläufig Rücksicht genommen In der vorletzten Ausgabe unter der
wird, ist nicht unbedingt neu. Dennoch werden musste. Der Versuch eines politi- Überschrift „Der böse Geist von Be-
sind die zusammengetragenen Einzelfäl- schen Systemwechsels von außen, heißt nesch wirkt fort“. Im DOD Nr. 12 vom
le wertvolle Beispiele für verpasste Gele- es in dem von Norbert Frei publizierten 22. März: „Vertreibung der Sudetendeut-
genheiten. Auch die Juristen als Wächter Buch, sei auf eine Gesellschaft gestoßen, schen ist europäisches Thema ... So kom-
über Wahrheit und Recht kommen dabei die sich mehrheitlich selbst noch nach mentierte Bayerns Sozialministerin Chri-
nicht gut weg. Marc von Miquel gibt in dem Hitler-Attentat am 20. Juli 1944 un- sta Stewens die Entgleisung des tsche-
dem Kapitel „Richter in eigener Sache“ willig gezeigt habe, mit der Bindung an chischen Außenpolitikers Miloslav Bed-
wenig schmeichelhafte Einblicke in das die Nazi-Herrschaft zu brechen. Das ei- nár auf dem deutschtschechischen Ge-
Bundesjustizministerium der frühen Jah- gentliche „Wunder“ der Nachkriegszeit sprächsforum letztes Wochenende in
Berlin. Der der Deutschen Bürgerpartei
(ODS) angehörende Bednár hatte dort
Der Herausgabekreis und die Redaktion sind zu erreichen über:
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln Tel. 0221 / 21 16 58, Fax 0221 / 21 53 73. erklärt, dass es zwischen den Städten
email: antifanachrichten@netcologne.de, Internet: http://www.antifaschistische-nachrichten.de München, Wien und Budapest eine
Erscheint bei GNN, Verlagsges. m.b.H., Postfach 260 226, 50515 Köln. V.i.S.d.P.: U. Bach „Achse des Bösen“ gebe, weil die dorti-
Redaktion: Für Schleswig-Holstein, Hamburg: W. Siede, erreichbar über GNN-Verlag, Neuer Kamp 25, gen Regierungen stets auf den Unrechts-
20359 Hamburg, Tel. 040 / 43 18 88 20. Für NRW, Hessen, Rheinland Pfalz, Saarland: U. Bach, charakter der Benesch-Dekrete hinwie-
GNN-Verlag Köln. Baden-Württemberg und Bayern über GNN-Süd, Stubaier Str. 2, 70327 Stuttgart,
Tel. 0711 / 62 47 01. Für „Aus der faschistischen Presse“: J. Detjen c/o GNN Köln. sen. Bednár spielte damit auf eine For-
Erscheinungsweise: 14-täglich. Bezugspreis: Einzelheft 1,30 Euro. mulierung des US-Präsidenten Bush an,
Bestellungen sind zu richten an: GNN-Verlag, Postfach 260 226, 50515 Köln. Sonderbestellungen sind demzufolge eine „Achse des Bösen“ von
möglich, Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt. den Staaten Irak, Iran und Nordkorea ge-
Die antifaschistischen Nachrichten beruhen vor allen Dingen auf Mitteilungen von Initiativen. Soweit ein- bildet würden. „Dieser Vergleich ist eine
zelne Artikel ausdrücklich in ihrer Herkunft gekennzeichnet sind, geben sie nicht unbedingt die Meinung Unverschämtheit“, erklärte Stewens.
der Redaktion wieder, die nicht alle bei ihr eingehenden Meldungen überprüfen kann. „Die Äußerung Bednárs ist innerhalb
Herausgabekreis der Antifaschistischen Nachrichten: Anarchistische Gruppe/Rätekommunisten (AGR); Annelie weniger Wochen nach den Verunglimp-
Buntenbach (MdB Bündnis 90/Die Grünen); Rolf Burgard (VVN-BdA); Jörg Detjen (Forum kommunistischer Arbeitsge-
meinschaften); Martin Dietzsch; Regina Girod (Bund der Antifaschisten, Dachverband); Dr. Christel Hartinger (Friedens-
fungen der Sudentendeutschen durch
zentrum e.V., Leipzig); Hartmut-Meyer-Archiv bei der VVN - Bund der Antifaschisten NRW; Ulla Jelpke, (MdB PDS); Ministerpräsident Zeman und nach der
Jochen Koeniger (Arbeitsgruppe gegen Militarismus und Repression); Marion Bentin, Edith Bergmann, Hannes Nuijen Forderung des ODS-Vorsitzenden Klaus,
(Mitglieder des Vorstandes der Arbeitsgemeinschaft gegen Reaktion, Faschismus und Krieg–Förderverein Antifaschisti-
sche Nachrichten); Kreisvereinigung Aachen VVN-BdA; AG Antifaschismus/ Antirassismus in der PDS NRW; Angelo
die Benesch-Dekrete im EU-Recht zu
Lucifero (Landesleiter hbv in ver.di Thüringen); Kai Metzner (Info Pool Network); Bernhard Strasdeit (MdB-Büro Winfried verankern, die dritte Zumutung“.“
Wolf); Volkmar Wölk. DOD 12/2002 – jöd ■

: antifaschistische nachrichten 7-2002 15


: aus der faschistischen presse
Seit der Hamburger Richter Ronald
Schill seine „Partei Rechtsstaatliche Of-
Umarmungsstrategien gleich – die Taliban mit der deutschen fensive“ gründete, wurde er von den mei-
Nation & Europa 3-2002 Wehrmacht und die Al-Quaida-Kämpfer sten Altrechten eher als lästige Konkur-
Zwei Themen ziehen sich wie ein roter mit den ausländischen Truppenteilen der renz betrachtet. Das scheint sich zu än-
Faden durch die Märzausgabe von „Nati- Waffen-SS vergleichen“. Natürlich nur dern. Klaus Hansen äußert sich positv zur
on & Europa“: Die Einschätzung der so- „völkerrechtlich-historisch“, aber allein „Schill-Partei“: „Nun aber greift Schill
genannten Schill-Partei und der Versuch, die Tatsache dieses Vergleichs lässt ah- gegen die Intentionen der CDU/CSU über
mit Antiamerikanismus die Diskussion nen, was der Autor bezweckt. Und noch Hamburg hinaus, tritt zur Landtagswahl
um Friedenspolitik und Globalisierungs- ein Faschist muss zu einem Vergleich mit in Sachsen-Anhalt an, gründet Parteiver-
kritik zu beeinflussen. Bei diesem Ver- den Taliban herhalten: „Historisch gebil- bände in ganz Deutschland und bekennt
such verzichten die Autoren weitgehend dete Beobachter erinnern sich in diesem sich in Interviews zur rechten Position im
auf ihre sonst gerne benutzte Begrifflich- Zusammenhang an den amerikanischen Parteienspektrum“. Außerdem gibt er gut-
keit, um nicht von vornherein als Faschi- Lyriker Ezra Pound (1885 - 1972). Wegen gemeinte Ratschläge: „Der Hamburger
sten enttarnt zu werden. Um so nötiger ist seines Eintretens für den Faschismus wur- Anfangsschwung mag einige Monate tra-
es, ihre Demagogie zu entlarven. de er 1945 in einem Käfig öffentlich aus- gen, länger nicht. Rasche Anschlußerfol-
Deutlich wird diese Umarmungsstrate- gestellt und danach, geistig völlig gesund, ge sind überlebensnotwendig. Wichtig ist
gie in einer Rezension eines Buches aus in ein Irrenhaus gesperrt. Erst 1958 wurde es, sich nicht in die Defensive drängen zu
dem linken Freiburger Ahriman-Verlag er wieder entlassen“. lassen. Oft genug haben rechte Parteien
über „Kriegsverbrechen der Amerikaner Roland Wuttke veröffentlicht unter dem ihre ohnehin spärlichen Kräfte in der
und ihrer Vasallen gegen den Irak und Titel „George W. Bush und die ,Achse des Selbstverteidigung vergeudet. Zu bekun-
6000 Jahre Menschheitsgeschichte“, das Bösen‘: Rüsten für den 3. Weltkrieg“ ei- den, man sei gar nicht so schlimm, wie es
überaus wohlwollend besprochen wird. nen Artikel, der unverändert in einer Zeit- der politische Gegener darstelle, ist ein
Der Grund für die Begeisterung wird schrift der Friedensbewegung abgedruckt fruchtloses Unterfangen. Umgekehrt wird
deutlich genannt: „Bemerkenswerte Wor- werden könnte. Worum es aber wirklich ein Schuh daraus: Genau dieser Gegner
te aus dem Munde von Autoren, die der geht, kann man wenige Seiten weiter bei muß durch unablässige Attacken entnervt
gängigen politischen Gesäßgeographie Schwab lesen: „Diese Entwicklung weg werden. Umso unabdingbarer ist der
zufolge als radikalpazifistische Linke zu von der Zivilisation des klassischen eu- schnelle und umfassende Aufbau einer
kategorisieren wären. Allerdings hilft sol- ropäischen Völkerrechts hin zur neuen schlagkräftigen Parteiorganisation... Dazu
ches Schubladendenken am Beginn des Barbarei der ,westlichen Zivilisation‘ hat werden viele Köpfe und Hände benötigt.
21. Jahrhunderts nicht mehr weiter; der einen jahrzehntelangen Vorlauf. So wurde Die Frage ist nicht, ob Schill auch außer-
Widerstand gegen die Globalisierung und ab 1919, als die Pariser Vorort-Verträge halb Hamburgs Chanchen hat; die Frage
ihre Folgen zieht sich längst durch alle abgeschlossen wurden, und spätestens mit lautet nur, ob er diese Chancen zu nutzen
politischen Lager“. Die faschistische dem Briand-Kellog-Pakt von 1928 der weiß. Von den Altparteien und ihren Me-
Rechte möchte als Teil dieses Widerstan- Krieg geächtet und – noch entscheidender dien hat er dabei nichts zu erwarten...“.
des nicht nur akzeptiert werden, sondern - der ,Angreifer‘ als ,Verbrecher‘ diskri- Das scheint Schill sich zu Herzen ge-
vor allem ihre „Argumente“ einbringen. miniert. Das richtete sich damals gegen nommen zu haben. Im „Focus“ äußerte er
Deutlich wird das auch bei Franz das der Alleinkriegsschuld bezichtigte sich so, dass „N&E“ ihn kommentarlos
Schönhuber, der über die Bundestagswahl und mit erheblichen Reparationen und zitieren kann: „Ich habe viele ausländi-
äußert: „Ich werde weder Stoiber noch Gebietsabtretungen ausgeplünderte Deut- sche Freunde. Aber wir brauchen Auslän-
Schröder wählen. Mit Ausnahme der Grü- sche Reich. Die Sieger selber dachten der, die uns nützen, und keine, die uns
nen und der PDS werde ich jener Partei nicht daran, sich die Freiheit zum An- ausnutzen. Durch die unkontrollierte Zu-
meine Stimme geben, die der Amerikani- griffskrieg nehmen zu lassen. Das ur- wanderung in den vergangenen Jahren, an
sierung noch am glaubwürdigsten Wider- sprüngliche europäische Völkerrecht war der auch die CDU/CSU maßgeblich betei-
stand leistet“. darauf angelegt, den Krieg zu ,hegen‘ und ligt war, haben wir heute in Deutschland
Noch deutlicher wird Jürgen Schwab, den Feind – ob als Kombattant oder als eine importierte Arbeitslosigkeit und Kri-
der offensichtlich den radikalen Islamis- Nicht-Kombattant – als Rechtsperson zu minalität nie gekannten Ausmaßes er-
mus als Bundesgenossen sieht: „Mögli- achten.... Davon war 1946 in Nürnberg reicht. Deutsche Politiker haben sich an-
cherweise könnte man – freilich nur in ei- keine Rede mehr. Dort saßen die Sieger gemaßt, mit dem Kelch der Barmherzig-
nem völkerrechtlich-historischen Ver- über die Besiegten zu ,Gericht‘“. keit, gefüllt mit Steuergeldern, auf der
ganzen Welt Menschen zu ermuntern,
nach Deutschland zu kommen“.
BESTELLUNG: Hiermit bestelle ich … Stück pro Ausgabe (Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt)
Bei solchen Positionen wundert es
O Halbjahres-Abo, 13 Hefte 22 Euro
Erscheinungsweise: nicht, wenn hessische Mitglieder der
O Förder-Abo, 13 Hefte 27 Euro
O Jahres-Abo, 26 Hefte 44 Euro
14-täglich Schill-Partei gemeinsam mit Funk-
O Förder-Abo, 26 Hefte 54 Euro
tionären der Republikaner und dem N&E-
O Schüler-Abo, 26 Hefte 28 Euro
Herausgeber Harald Neubauer an einer
O Ich möchte Mitglied im Förderverein Antifaschistische Nachrichten werden. Der Verein unterstützt finanziell
Tagung der „Deutschen Aufbau-Organi-
und politisch die Herausgabe der Antifaschistischen Nachrichten (Mindestjahresbeitrag 60,- DM). sation“ des Dr. Alfred Mechtersheimer
Einzugsermächtigung: Hiermit ermächtige ich den GNN-Verlag widerruflich, den Rechnungsbetrag zu Lasten teilnehmen und auch folgendes Lob der
meines Kontos abzubuchen. (ansonsten gegen Rechnung) Schill-Partei aus der „Nation und Euro-
pa“-Rubrik „Eurorechte im Blickpunkt“
Name: Adresse: vermag nicht zu überraschen: „Neue Aus-
sagen klingen vernünftiger, und wenig-
Konto-Nr. / BLZ Genaue Bezeichnung des kontoführenden Kreditinstituts stens ehemalige Aktivisten des Bundes
Freier Bürger sind mittlerweile bei Schill
Unterschrift
an Bord. Wer die politische Szenerie
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln, Tel. 0221 - 21 16 58, Fax 21 53 73, email: gnn-koeln@netcologne.de
kennt, weiß, daß es ganz ohne ,Ehemali-
Bankverbindung: Postbank Köln, BLZ 370 100 50, Kontonummer 10419507 ge‘ nicht gehen wird“.
tri ■

16 :antifaschistische nachrichten 7-2002