Sie sind auf Seite 1von 16

:antifaschistische Nr.

14
nachrichten g 3336 20.6.2002 18. jahrg./issn 0945-3946 1,30 ¤

Regierung gleichgültig bei


Neonazi-Demos und Straf-
verfolgung gegen rechts
Nicht wieder „Schlesier-
Berlin. Zu Antworten der Bundesregie-
rung auf PDS-Anfragen zu „Rechtsextre-
Treffen“ in Hannover
mistischen Demonstrationen seit 1990“
und „Ermittlungsverfahren und Urteilen
bei rechtsextremistischen Straftaten 2001“
erklärt die innenpolitische Sprecherin der Das war
PDS-Bundestagsfraktion, Ulla Jelpke: Hannover 1985
Seit zehn Jahren sind die Landesjus-
tizverwaltungen weder in der Lage noch und 2003?
willens, auf monatliche bzw. vierteljähr-
liche Anfragen zu Ermittlungsverfahren
und Urteilen gegen rechtsextremistische,
fremdenfeindliche und antisemitische
Straftäter zu antworten. Die Statistik
kommt immer erst weit nach Jahres-
schluss.
Seit zehn Jahren bleibt damit im Dun-
keln, ob rechte Straftäter von den Ge-
richten zügig oder verzögert, angemes-
sen oder zu gering, bestraft werden.
Welch verheerendes Signal von einem
nachlässigen Umgang der Gerichte mit
rechter Gewalt ausgehen kann, ist be-
kannt. Im Fall des rassistischen Pogroms
von Rostock-Lichtenhagen 1992 sind die
letzten Urteile vor einer Woche, also Das nächste „Deutschlandtref- Sehr geehrte Damen und Herren,
zehn Jahre zu spät, gesprochen worden. fen der Schlesier“ wird 2003 in sehr geehrter Herr Gabriel,
Auf unsere Frage, ob Bundesregierung Hannover stattfinden.
und Landesjustizverwaltungen dies end- im Rahmen eines Offenen Briefes
lich ändern wollen, antwortet die Regie- Das Verhältnis der Landsmannschaften drückt die Landesvereinigung Nieder-
rung lakonisch: Nein. Der Aufstand der zur Niedersächsischen Landesregierung sachsen der VVN-BdA ihren Protest da-
Anständigen findet beim Thema rasche bezeichnete die Hannoversche Allge- gegen aus, dass die Landesregierung mit
und konsequente Verfolgung rechter Ge- meine Zeitung als „frei von Spannun- erheblicher finanzieller Unterstützung
walt offenbar nicht statt. gen“ und „völlig unverkrampft“. die Durchführung des nächsten
Auch die Zahl rechter Demonstratio- Nach dem Wahlsieg der rot-grünen „Deutschlandtreffens der Schlesier“ im
nen seit 1990 ist der Bundesregierung Koalition 1990 war das „Schlesiertref- Sommer 2003 in Hannover ermöglicht.
und ihren Sicherheitsorganen angeblich fen“ – es wurde stets mit erheblichen Die Landesdelegierten-Konferenz der
unbekannt. Die Zahl der Neonazi-De- Landesmitteln finanziert – nicht mehr in VVN-BdA am 15./16. Juni 2002 in Cel-
monstrationen aus den letzten fünf Jah- Hannover durchführbar, weil die neue le verabschiedete die folgende Ent-
ren liegt der Regierung zwar vor, doch Landesregierung die Zuschüsse gestri- schließung:
eine Übersicht gibt sie lediglich für die chen hatte. Wohlgemerkt, nur die Zu- Im Entwurf für den Landeshaushalt
letzten drei Monate des Jahres 2001. schüsse, die für das „Schlesiertreffen“ 2002/2003 hat die Landesregierung ei-
Ich frage mich, was tut der Verfas- vorgesehen waren. Auch wenn das nen Betrag von 128.000 EURO einge-
sungsschutz überhaupt gegen rechts, au- „Schlesiertreffen“ darauf hin in Nürn- stellt zur finanziellen Unterstützung des
ßer V-Leute-Skandale zu produzieren? berg stattfand, war dies trotzdem ein nächsten „Deutschlandtreffens“ der
PM Ulla Jelpke ■ kleiner Erfolg und für Sozialdemokraten „Landmannschaft Schlesien – Nieder-
in der SPD die Möglichkeit gegen den und Oberschlesien e.V.“ (im Folgenden
Revanchismus aufzutreten. Mit dieser LMS) im Sommer 2003 in Hannover.
Aus dem Inhalt: Entscheidung gibt die SPD dem Werben Die finanzielle Unterstützung für die
Französische der Konservativen nach einer stärken re- sogenannten Schlesiertreffen wurde
Parlamentswahlen . . . . . . . . 6 vanchistischen Politik nach. Die nach der Landtagswahl 1990 von der
„Vertriebene“ hoffähig . . . 12 VVN/BdA Niedersachsen hat dagen in rot-grünen Koalition gestrichen, so dass
Angriff auf Potsdamer einem Offenen Brief an alle Landespoli- die Treffen fortan in Nürnberg stattfin-
Abkommen . . . . . . . . . . . . . .13 tiker protestiert. Wir meinen dieser Vor- den mussten, nachdem die bayrische
gang ist von bundesweiter Bedeutung. Staatsregierung als Sponsor für die LMS
jöd ■ einsprang. Fortsetzung Seite 2
: meldungen, aktionen
der „Jungen Freiheit“ und im „Ostpreu-
ßenblatt“), dem „Verein für deutsche
Rechtschreibung und Sprachpflege e.V.“
Roeder gesucht deutsche Nationalhymne kennen sollten und von „Lebendige deutsche Sprache
Rostock. Gegen Manfred Roeder, der und vor deutschen Schulen deutsche e.V.“ getragen wird.
1982 wegen Rädelsführerschaft in einer Fahnen wehen sollten. Auf seinen Inter- Mitunterzeichner der „Resolution“
terroristischen Vereinigung und versuch- netseiten forderte Havlik darüber hinaus sind demnach auch der ehemalige Regie-
ter Anstiftung zum Mord zu 13 Jahren u.a. den Rückzug Israels in den Grenzen rungssprecher Peter Boenisch, der ehe-
Gefängnis verurteilt worden war, ist von 1947, bezeichnete die Politik Scha- malige Bürgermeister von Hamburg,
Haftbefehl erlassen worden. rons als „Staatsterrorismus“ und kriti- Klaus von Dohnanyi, der Schauspieler
Roeder, 1998 Bundestagskandidat der sierte die damaligen EU-Sanktionen ge- Manfred Krug, der Schriftsteller Reiner
NPD in Mecklenburg-Vorpommern, war gen Österreich wegen der Regierungsbe- Kunze und Gerhard Löwenthal (ehemals
nicht vor dem Rostocker Landgericht er- teiligung der FPÖ . „ZDF-Magazin“). Als Mitunterzeichner
schienen, wo er sich wegen Beleidigung, Nachdem verschiedene Medien dies hinzugekommen sind auch die Zeit-
Verunglimpfung des Staates und Volks- aufgegriffen hatten, trat Havlik von sei- schriften „Das Freie Forum“ der neofa-
verhetzung verantworten sollte. hma ■ nem Amt zurück. Dem Ulmer Kreisver- schistischen „Gesellschaft für freie Pu-
band hat die Diskussion um Havliks Äu- blizistik“ (GFP), „Deutsche Geschichte“
FDP-Politiker zurück- ßerungen bislang nicht geschadet. Der ist der „Verlagsgesellschaft Berg“ des GFP-
um 20 auf 100 Mitglieder angewachsen, Funktionärs Gerd Sudholt, der Fachbe-
getreten ein Höchststand seit 1947. hma ■ reich Wirtschaftswissenschaften der
Ulm. In Ulm ist der dortige Kreisvorsit- Fernuniversität Hagen, der „Orion-
zende der FDP, Stefan Havlik (22), am Diffuses Bündnis II Heimreiter-Verlag“ des ehemaligen
10. Juni von seinem Amt zurückgetreten. JN/NPD-Aktivisten Dietmar Munier, die
Auch von seiner Mitgliedschaft im Lan- Bickenbach. In einer Anzeige in der „Christdemokraten für das Leben“, die
desvorstand der bayerischen FDP trat „FAZ“ vom 18. Juni werden weitere „Hans-Filbinger-Stiftung“, die „Liste der
Havlik zurück, bleibt aber Mitglied der Unterzeichner der „Resolution zur EU-Opposition“ im österreichischen
Partei. Havlik hatte am Jahreskongress Wiederherstellung der Einheitlichkeit Perchtoldsdorf, der „Deutsche Rechts-
des „Studienzentrums Weikersheim“ der deutschen Rechtschreibung“ präsen- und Lebensschutzverband“, das „Colle-
teilgenommen und dort nach einem Re- tiert, die von der „Criticon“-Autorin As- gium Humanum“, die „Deutsche Studien-
ferat über den christlichen Glauben in trid Luise Mannes aus Bickenbach, der gemeinschaft“ und der „Schleswig-Hol-
der Bildungspolitik in einem Wortbeitrag Zeitung „Deutsche Sprachwelt“ (Schrift- steinische Heimatbund“.
u.a. gefordert, dass Schulabgänger die leiter ist Thomas Paulwitz, Autor u.a. in hma ■

Fortsetzung von Seite 1 Landsmannschaft Schlesien tritt ein für Deutschen nach 1945 aus den ehemali-
Wie der Presse zu entnehmen war, will die Freiheit der Heimat in einem freien gen Ostgebieten als Reaktion auf den
die niedersächsische Landesregierung Vaterland Deutschland in einem freien, Vernichtungskrieg des Nazi-Regimes be-
nunmehr wieder ihre „Verantwortung als geeinten Europa, aufgrund der Selbstbe- zeichnete. Interview-Reaktionen von
Pate“ für die Landsmannschaft wahrneh- stimmung und gemäß der Charta der Kundgebungsteilnehmern, die das ARD-
men und mit dem o.g. Betrag die Durch- deutschen Heimatvertriebenen vom Magazin „Monitor“ am 26.7.2001 sende-
führung des „Schlesiertreffens“ in Han- 5.8.1950. ... Sie vertritt die politischen, te, belegen außerdem, dass die akusti-
nover ermöglichen. wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen schen Ausfälle gegen Otto Schily nicht
Aus Anlass eines Festaktes zum 50jäh- Interessen Schlesiens und der Schlesier Überreaktionen Einzelner waren, sondern
rigen Bestehen der Patenschaft, zu dem ...“ das vorherrschende Meinungsbild des
die Landesregierung eingeladen hatte, be- In dem gleichen Tenor sind Passagen Publikums wiedergaben.
zeichnet die „Hannoversche Allgemeine in der Jubiläumsbroschüre zum 50jähri- Allein diese Tatsachen, denen aus
Zeitung“ (HAZ) am 6.11.2000 das Ver- gen Bestehen der LMS aus dem Jahr Platzgründen zahlreiche weitere nicht fol-
hältnis zwischen der Landesregierung 1999 gehalten. In einer Resolution aus gen können, sollten die Landesregierung
und der „Landsmannschaft Schlesien“ als dem Jahre 1993 heißt es dort: „Es gibt dazu bewegen, eine finanzielle Unterstüt-
„frei von Spannungen“ und „völlig un- keinen historischen, moralischen, recht- zung des für 2003 geplanten „Schlesier-
verkrampft“. lichen Titel Polens auf Ostdeutschland treffens“ nicht zu gewähren.
Dazu stellt die VVN-BdA Niedersach- jenseits von Oder und Neiße.“ Die VVN-BdA Niedersachsen fordert
sen fest: Wie der Antwort der Bundesregierung die niedersächsische Landesregierung
Weder hat sich die LMS irgendwelche vom 20.3.2002 (Ds 14/8604) auf eine außerdem auf, die Patenschaft mit der
Verdienste bei der deutsch-polnischen Kleine Anfrage der PDS-Fraktion zu ent- „Landsmannschaft Schlesien“ zu kündi-
Verständigung erworben, noch hat sich nehmen ist, haben beim „Schlesiertref- gen und damit auch jede weitere finan-
bei ihr ein Kurswechsel vollzogen, wie fen“ 2001 in Nürnberg sowohl die rechts- zielle Unterstützung für die Landsmann-
Innenminister Bartling in der HAZ vom extremistische Wochenzeitung „Der schaft und ihrer Heimatkreisvereinigun-
6.11.2000 inhaltlich wiedergegeben wird. Schlesier“ als auch der „Zentralrat der gen einzustellen.
Das Gegenteil ist der Fall: Die LMS vertriebenen Deutschen“, den die Wir halten es weiterhin für angebracht,
betrachtet sich weiterhin als rechtmäßiger Bundesregierung ebenfalls als rechtsex- dass die Landesregierung eine entspre-
Repräsentant „für Schlesien“, wie ein tremistisch einstuft, Stände aufgestellt. chende Aufforderung auch an die nieder-
Blick in das Handbuch des Bundes der Sowohl „Der Schlesier“ als auch das sächsischen Kommunen ausspricht, die
Vertriebenen (BdV) zeigt. In der aktuel- NPD-Organ „Deutsche Stimme“ haben Patenschaften mit Heimatkreisvereini-
len Ausgabe von 1996 heißt es: das „Schlesiertreffen“ – zum Teil wieder- gungen der „Landsmannschaft Schle-
„Die Landsmannschaft Schlesien – holt – angekündigt. sien“ pflegen.
Nieder- und Oberschlesien – in der Auf diesem Treffen wurde auch Celle, 20. Juni 2002
Bundesrepublik Deutschland ist die Ver- Bundesinnenminister Schily ausgepfiffen Gerd Bornemann,
tretung Schlesiens und der Schlesier. Die und ausgebuht, als er die Umsiedlung der für den Landessprecherkreis ■

2 : antifaschistische nachrichten 14-2002


PDS-Landesvorsitzende von ges zur Wiedereinführung der Vermö- der „ZvD“ denn auch bei seiner letzten
Neonazis angegriffen genssteuer statt. Die Partei hatte dazu im Jahreshauptversammlung beschlossen,
Saarland acht Infostände, unter anderen das die „Junge Landsmannschaft Ost-
Düsseldorf. Am frühen Abend des 15. in Homburg, Neunkirchen und Saarlouis. preußen“ (JLO) „beitragsfrei Mitglied
Juni wurde die Landesvorsitzende der ■ beim ZvD“ sein darf. Die „Landsmann-
PDS Nordrhein- Westfalen, Andrea Kas- schaft Ostpreußen“ hatte sich von ihrem
perzik, am Essener Hauptbahnhof von ZvD-Veranstaltung damaligen Jugendverband wegen dessen
einer Gruppe Neonazis tätlich angegrif- Nähe zum Neofaschismus trennen müs-
fen. Dazu heißt es in einer Pressemittei- in Görlitz sen. Einstimmig beschlossen wurde auf
lung der PDS Nordrhein-Westfalen: Görlitz. Am 22. September will der der Versammlung auch, gemeinsam mit
Gegen 19 Uhr wurde Andrea Kasper- Anfang der 90er Jahre aus Protest gegen anderen Vereinigungen ein Grundstück
zik von einem Mann, der aufgrund seiner die „Zwangsversöhnung“ gegründete zu erwerben um künftig in einem eige-
Frisur und Kleidung eindeutig der Skin- „Zentralrat der vertriebenen Deutschen nen Haus Seminare und Versammlungen
head-Szene zuzuordnen war, auf ihr T- durchführen zu können. Zum 2.Vorsit-
Shirt mit dem Aufdruck „socialist“ ange- zenden des „ZvD“ wurde Wolfgang Mai-
sprochen und gefragt, ob vor dem Wort kranz gewählt, Ende der 90er Jahre noch
socialist nicht „national“ fehle. Als sie stellvertretender Vorsitzender der revan-
dieses verneinte, wurde sie von dem chistischen Kleinpartei „Bund für Ge-
Skinhead zu Boden geworfen. Unmittel- samtdeutschland – Ostdeutsche, Mittel-
bar darauf wurde sie von insgesamt vier und Westdeutsche Wählervereinigung“.
Skinheads, alle nach Frisur und Klei- Pikanterweise können die Eintrittskarten
dung (Lonsdale- und Pitbull-Shirts, für die Veranstaltung in der Görlitzer
Bomberjacken) eindeutig dieser Szene Stadthalle bei einer Frau Dr. E. Rau, zu-
zuzuordnen, umringt und von diesen gleich Mitglied des „ZvD“-Vorstandes,
weiter bedroht. Im Hintergrund befanden über die Geschäftsstelle des „Bund der
sich ca. 6-8 weitere Personen der Grup- Vertriebenen“ in Löbau, in der Nähe von
pe. e.V.“ (ZvD) gemeinsam mit der „Lands- Görlitz, bestellt werden. hma ■
Der Bundesgrenzschutz schritt auf- mannschaft Schlesien/Schlesische Lau-
grund der Hilferufe von Andrea Kasper- sitz in Sachsen e.V.“ und „anderen be- Erbbaupachtvertrag für
zik ein. freundeten Vereinigungen“ in der Görlit-
Die Landesvorsitzende der PDS NRW zer Stadthalle (!) eine Veranstaltung zum Zittauer Neo-Nazi-Verein
bestand darauf, dass eine Anzeige, unter „Tag der Heimat“ durchführen. Zittau. Am Donnerstag, den 20.06.02
anderem aufgrund von Körperverlet- Zur Teilnahme aufgerufen werden mit stimmte der Zittauer Stadtrat, genauer
zung, aufgenommen wurde. Der Bundes- der Veranstaltung, die unter dem Motto gesagt die Fraktionen der CDU und der
grenzschutz stellte die Personalien der „Ohne Jugend keine Zukunft“ stattfin- Freien Wähler, für einen Antrag der Zit-
vier Haupttäter fest. det, besonders auch Jugendliche, die der tauer CDU-Stadtratsfraktion über ein 12-
Der Übergriff zeigt einmal mehr, dass „Heimat, dem Recht und der Redlichkeit jähriges Erbbaupachtverhältnis mit dem
Personen, die aufgrund ihrer Kleidung, verpflichtet“ sind, heißt es in dem Auf- Neo-Nazi-Verein Nationaler Jugend-
ihre Haarfarbe oder auch ihrer Hautfarbe ruf. „Keine andere Vereinigung“ sei „so block e.V. (NJB). Die drei Anwesenden
nicht in das Weltbild der Neonazis pas- lustlos mit der Jugendarbeit beschäftigt Neo-Nazis des NJB, darunter auch der
sen, mit gewalttätigen Angriffen rechnen wie die offiziösen Vertriebenenverbän- NJB-Mitbegründer Robert Pech, durften
müssen. Solche Übergriffe dürfen nicht de“, heißt es dort. „Wer seine Jugend in sich nach der Entscheidung freuen. ■
länger als Streitigkeiten unter Jugend- Kriege schickt, um das geltende Völker-
lichen bagatellisiert werden. recht für fremde Menschen einzufordern Neonazi-Übergriffe beim
Die PDS NRW fordert aus aktuellem und dieses Völkerrecht den Vorfahren
Anlass erneut die konsequente Strafver- und Nachkommen des eigenen Volkes Blumenfest – Platzverweise
folgung all jener, die rechtsextremisti- verweigert, mißbraucht seine Jugend und an Nazigegner
sche, fremdenfeindliche oder antisemiti- entwöhnt sie ihres Rechtsbewußtseins“. Berlin. Um der massiven Präsenz von
sche Straftaten begehen. Heftige Kritik an der mächtigen Kon- Neonaziparteien und deren Anhängern
aus PDS-Pressedienst ■ kurrenz vom „Bund der Vertriebenen“ auf dem alljährlichen „Blumenfest“ zwi-
(BDV) übte der Vorsitzende des „ZvD“, schen dem 21. und 23. Juni in Berlin-
Nazis überfielen Infostand Herbert Jeschioro aus Stuttgart, 1999 in Weißensee entgegenzuwirken, beteiligte
einem Interview mit der NPD-Zeitung sich das nordberliner „Antifaschistische
Saarbrücken. Am 15. Juni 2002 – ge- „Deutsche Stimme“. Die Führung des Aktionsbündnis III“ [A3] in diesem Jahr
gen 14 Uhr – wurde ein PDS-Infostand BDV wolle „ihre Mitglieder zu tanzen- an einem breiten Bündnis antirassisti-
in der Saarbrücker Bahnhofstraße von den, Streuselkuchen essenden und trauri- scher und antifaschistischer Gruppen.
Neonazis überfallen. Dabei wurde ein ge Lieder singenden, aber unpolitischen Auch die Bezirksverordnetenversamm-
PDS-Mitglied verletzt, es musste ins Opfern chauvinistischer Austreibungs- lung des Bezirks und Teile des Bezirks-
Krankenhaus eingeliefert werden. Meh- verbrechen degradieren“ (DS 8/1999), amtes unterstützten Aktivitäten gegen
rere Passanten in der Bahnhofstraße ka- äußerte er dort. Jeschioro, dessen Texte die Präsenz von Neonaziparteien auf
men den PDS-Mitgliedern zu Hilfe. Die vor allem in der Zeitung „Der Schlesier“ dem „Blumenfest“.
sofort benachrichtigte Polizei konnte („Was gibt es schlimmeres als Antifa- In den vergangenen Jahren initiierten
drei der vier Täter unmittelbar nach dem schisten mit faschistoider Geisteshal- insbesondere NPD und Republikaner auf
Überfall festnehmen. Die PDS wird ge- tung?“ „Der Schlesier“ 24/1996) abge- dem „Blumenfest“ massive Propaganda-
gen die vier Personen Anzeige wegen druckt werden, ist bislang auch als Le- schlachten; an den Abenden entwickelte
Körperverletzung und Verstoß gegen das serbriefschreiber in der neofaschisti- sich das Volksfest zunehmend zu einer
Versammlungsgesetz (Störung einer ge- schen Zeitschrift „Nation und Europa“ Gegend, in der sich Nichtdeutsche und
nehmigten Veranstaltung) erstatten. aufgefallen. Nichtrechte aufgrund befürchteter Neo-
Der Saarbrücker PDS-Infostand fand Um „der biologischen Lösung“ der naziübergriffe nicht bewegen konnten.
im Rahmen des bundesweiten Aktionsta- Vertriebenenfrage entgegenzutreten, hat Neonazis und rechte Hooligans starteten

: antifaschistische nachrichten 14-2002 3


Verfolgungsjagden gegen all jene, die das 5. antirassistische Grenzcamp in Jena Camps in Straßbourg, Hamburg, Cott-
nicht in ihr Weltbild passten. statt. Künftige CampteilnehmerInnen bus, Finnland, Polen und Australien statt.
So kam auch in diesem Jahr zu geziel- besuchten den Wegweiser zur „zentralen Karl Kemper ■
ten Angriffen seitens der Rechtsextremis- Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbe-
ten und rechter Hooligans auf Festbesu- werberInnen“ (ZAST) auf dem Jenaer Pressegruppe Grenzcamp
cher. Als sich gegen 19 Uhr Teilnehmerin- Forst, um die Aufschrift „Bundesamt“ c/o Schillergässchen 5, 07745 Jena
nen und Teilnehmer eines auf dem Blu- mit den Worten „für Entrechtung und Fon: 0171-7890653
menfest durchgeführten antifaschisti- Ausgrenzung“ zu ergänzen und einen Fax: 03641-449304
schen Picknicks auf den Heimweg mach- Wegweiser in Gegenrichtung mit der presse-camp02@gmx.net
ten, wurden sie von etwa 50 Neonazis und Aufschrift „antirassistisches Grenz-
Hooligans verfolgt und später angegrif- camp“ anzubringen. Diese Umgestal- REPs, Antisemitismus ...
fen. Bei diesem Angriff gab es mehrere tung soll Fragen aufwerfen, Interesse
Verletzte. Trotz den klaren Täter-Opfer- wecken und das bevorstehende Camp in Frankfurt. Die Republikaner hatten auf
Rollen erteilte die massiv präsente Polizei die Öffentlichkeit tragen. die Tagesordnung der letzten Stadtverord-
später Platzverweise für Personen, die sie Vom 12.-19.7.02 wird in Jena das 5. netenversammlung einen Antrag („Frie-
dem „linken Spektrum“ zurechnete. Diese antirassistische Grenzcamp stattfinden. den für Palästina“) setzen lassen, der u.a.
Platzverweise betrafen das gesamte Fest- Das Camp selbst versteht sich als Dis- dazu aufforderte, „alle laufenden Zahlun-
gelände. kussions- und Aktionsforum um theore- gen in Richtung Israel einzufrieren“ und
Von wem diese Naziübergriffe vorbe- tisch wie praktisch rassistische Verhält- „keine Teilnehmer mehr an offiziellen De-
reitet und durchgeführt werden, ist offen- nisse anzugreifen. Konfrontative Aktio- legationen für Israelreisen zu stellen“, bis
sichtlich. So wurde der Stand der NPD in nen, Diskussionen über Perspektiven „das Selbstbestimmungsrecht des palästi-
diesem Jahr nicht nur von Parteikadern antirassistischer und linksradikaler Poli- nensischen Volkes geachtet wird“. Außer-
sondern ebenso von Mitgliedern aus dem tik, Auseinandersetzungen um verschie- dem forderten die REPs eine „Informa-
gewaltbereiten und terroristischen Spek- dene Lebensrealitäten, ihr Zusammen- tionsveranstaltung über die Situation der
tum sogenannter „Freier Kameradschaf- hang mit gesellschaftlichen Machtver- Palästinenser“, mit J. W. Möllemann als
ten“ betrieben und „beschützt“. Diese hältnissen und schließlich die gemeinsa- „Gastredner“. Nur weil die Stadtverordne-
Personen sind für Angriffe auf Nichtdeut- me Organisierung des Camp-Alltags ste- te Ditfurth, ÖkolinX-ARL, sich mit dem
sche oder – unter der Bezeichnung „Anti- hen auf dem Programm. Antrag befasste und den antisemitischen
Antifa“ – auf politische Gegner berüch- Auch wenn es in Jena keine Landes- Gehalt herausarbeitete, sahen sich auch
tigt. Die Zusammenarbeit zwischen NPD grenze gibt, lassen sich Grenzen hier le- Vertreter anderer Parteien veranlasst, Stel-
und „Kameradschaften“ ist äußerst viel- bender und v.a. hier leben wollender lung zu beziehen. Der Presse war der Vor-
seitig. Sei es die gemeinsame Organisa- Menschen aufzeigen. Die Stadt Jena bie- gang fast keine Notiz wert. Die Debatte ist
tion von Aufmärschen oder eben – wie tet einige Bezugspunkte die im Interesse in Kürze unter www.stvv.frankfurt.de/par-
auf dem „Blumenfest“ praktiziert – das unserer Politik stehen. Ein Beispiel ist lis2000 nachzulesen. ola ■
Betreiben von Ständen und die gemeinsa- die zentrale Erstaufnahmeeinrichtung für
me Durchführung von Übergriffen. AsylbewerberInnen (ZAST). Erwartet Kommunen und
Um gegen die Provokation und Angrif- werden bis zu 1000 CampteilnehmerIn-
fe der Neofaschisten zu protestieren und nen aus verschieden antirassistischen Zwangsarbeit
Alternativen aufzuzeigen, präsentierten Gruppen und Initiativen sowie Men- Frankfurt. Beim Deutschen Institut für
sich auf dem Fest mehrere antirassistische schen aus unterschiedlichen Spektren. Urbanistik ist in der Reihe „Informatio-
und antifaschistische Projekte mit Stän- Außerdem hoffen wir, dieses Jahr be- nen zur modernen Stadtgeschichte“
den – darunter auch das [A3]. Zudem sonders viele Flüchtlinge auf dem Camp (IMS) ein Themenheft erschienen, das
wurde eine Infowand erstellt, die sich di- begrüßen zu können, da ein zentraler sich mit der Bedeutung der Zwangsarbeit
rekt neben dem NPD-Stand befand und Schwerpunkt ihres Interesses auf den für die Kommunen befasst. Es werden
über die Aktivitäten der Partei informierte rassistischen Lebensverhältnissen von Fragen behandelt wie: Welchen Anteil
und Zivilcourage einforderte. An einem AsylbewerberInnen in der BRD liegt. hatten Kommunen an dem System der
antifaschistischen Picknick, das in un- Öffentliche Aktionen und Veranstal- Zwangsarbeit? In welchen städtischen
mittelbarer Nähe zum NPD-Stand durch- tungen werden sich teilweise als kon- Betrieben wurden Zwangsarbeiter einge-
geführt wurde, beteiligten sich mehr als frontativ, unbequem und provozierend setzt? Welche Veränderungen in der sozi-
100 Menschen. erweisen. Bereits im fünften Jahr findet alen Zusammensetzung, welche Wech-
Das [A3] fordert von den Festveran- diesen Sommer das antirassistische selwirkungen lassen sich in der städti-
staltern, sich dem Problem nicht wie bis- Grenzcamp statt. Das Camp wurde ur- schen Gesellschaft feststellen? Abgese-
her zu verschließen und Rechtsextremis- sprünglich im Rahmen der Kampagne hen von den unmittelbaren politischen
ten gegenüber klare Worte zu finden, dass „Kein Mensch ist illegal“ gegründet und und langfristigen wissenschaftlichen
sie auf dem Fest nicht gewünscht sind. hat sich inzwischen als fester Diskus- Fragen sind städtische Kultureinrichtun-
Zudem verurteilen wir die Einsatztaktik sionsrahmen der linken antirassistischen gen derzeit intensiv mit dem Thema be-
der Berliner Polizei, die erneut bewiesen Bewegungen der BRD etabliert. Nach- fasst. Für ehemalige Zwangsarbeiter sind
hat, wen sie für die Verursacher soge- dem in den vergangenen Jahren mit den Bescheinigungen auszustellen, eine Rei-
nannter „Auseinandersetzungen zwischen Camp-Orten Rothenburg (bei Görlitz), he von Städten führt Einladungsprro-
rivalisierenden Jugendgruppen“ hält: Zittau, Forst die europäische Außengren- gramme durch, es werden Konzepte für
Couragierte Neonazigegner. ze in den Blick antirassistischer Diskus- die historische Aufarbeitung in Form von
B.S. Antifaschistisches sionen und Aktionen genommen wurde, Publikationen, Ausstellungen und Veran-
Aktionsbündnis III (A3) ■ war 2001 Frankfurt am Main Austra- staltungen entwickelt. Das Heft bietet ei-
gungsort dieses Events zwischen linker nen Überblick und gibt mit Projektbe-
Auftaktaktion Politik und Kultur, antirassistischer Pro- richten aus einzelnen Städten und einem
vokation und Überzeugung, lokaler In- Nachweis zentraler Arbeitshilfen eine
zum 5. antirassistischen novation und Ferienkommunismus. konkrete Hilfestellung zu diesem Thema.
Grenzcamp in Jena Das Jenaer Camp steht in Ergänzung Informationen zur modernen
Jena. Am 17. Juni fand eine erste sym- zu europaweiten Ansätzen. So finden Stadtgeschichte, Heft 2/2001,
bolische Aktion zur Einstimmung auf dieses Jahr neben Jena antirassistische 10 Euro, ISSN 0340-1774 ■
: antifaschistische nachrichten 14-2002
4
Kundgebung gegen den Verkauf
des „Elmsteiner Hofs“ an die NPD
Gut 200 Bürgerinnen und Bür- und auch Elmsteiner Ortsgemeinderäte
ger, darunter zahlreiche Kom- haben mich gefragt, was wir dagegen
munalpolitiker aus der Ver- tun können. Ich war also lediglich ein
bandsgemeinde Lambrecht, sind am Werkzeug, aber ehrlich gesagt, ein willi-
Samstag der Einladung der Freireligi- ges Werkzeug.“ Mit „dagegen“ nahm er
ösen Gemeinde Iggelbach gefolgt, auf die Pläne der NPD Bezug, den
gegen den Verkauf der früheren „Elmsteiner Hof“ als Versammlungszen-
Landgaststätte „Elmsteiner Hof“ an trum zu erwerben (wir berichteten).
die NPD zu demonstrieren. Die 40-mi- Auch dem zweiten Redner, einem jun-
nütige Kundgebung unter dem Motto gen Mitglied der mit rund 20 Personen
„Wir wollen keine Nazis in Elmstein vertretenen Antifa Neustadt, das aus
und nicht anderswo“ verlief jederzeit Angst vor Repressalien nicht namentlich keine Nazis in Elmstein und nicht an-
ruhig und friedlich. genannt werden möchte, spendete die derswo“, trugen Tafeln und Transparente
sonst sehr ruhige Teilnehmerschar höf- Aufschriften wie „Wir reagieren früher
Bernd Elsner, Gemeindevorsteher der lichen Beifall. Schon Wahlerfolge der als 1933“, „Raus mit dem braunen Mob“
Freireligiösen in Iggelbach, wandte sich NPD in den siebziger Jahren hätten An- oder „Keine Handbreit Boden für die al-
am Ausgangspunkt der Kundgebung, dem lass zur Sorge gegeben, dass die national- ten und neuen Nazis“.
Wanderparkplatz „Alte Schmelz“, per sozialistische Schreckensherrschaft Vor der Einfahrt zum „Elmsteiner
Megafon an die Teilnehmer. Seine Erin- wiederkehre. Und alleine in diesem Jahr Hof“ standen zwei der rund zehn Einsat-
nerung an Intellektuelle, die vom NS-Re- seien ihm Übergriffe „rechter“ Aktivisten zwagen, mit denen die Polizei vor Ort
gime in den Jahren zwischen 1933 und auf Veranstaltungen der „Linken“ in Er- war. Einen Anlass, einzugreifen, habe es
1945 verfolgt worden waren, aber auch polzheim und Kandel bekannt geworden. allerdings zu keinem Zeitpunkt gegeben:
Beispiele mit lokalem Bezug wie die Ver- „Es ist keine Zeit mehr zum Reden, es „Wir haben den Schutz einer angemel-
haftung von Iggelbacher Sozialdemokra- muss gehandelt werden“, so sein Aufruf. deten Veranstaltung gewährleistet, die
ten und Freireligiösen, ließ er in einem Zi- Dann setzte sich der Demonstrations- einen sehr friedlichen Verlauf genom-
tat von Käthe Kollwitz gipfeln: „Nie wie- zug diszipliniert in Bewegung Richtung men hat. Der Versammlungsleiter hatte
der Krieg – nie wieder Faschismus“. „Elmsteiner Hof“, der wenige 100 Meter die Leute gut im Griff“, fasste Thomas
Mit der Beteiligung an der unter sei- entfernt von der „Alten Schmelz“ am Molzberger, der als stellvertretender
ner Federführung organisierten Veran- Elmsteiner Ortseingang liegt. Allenfalls Leiter der Polizeiinspektion Neustadt
staltung zeigte er sich zufrieden: Jeder die Auflage des Ordnungsamtes, das die vom Elmsteiner Feuerwehrhaus aus den
Teilnehmer habe sich „der ererbten Frei- Kundgebung genehmigt hatte, nur die Einsatz leitete, zusammen. pse ■
heit würdig“ erwiesen. Alleine „angezet- linke Fahrspur der L 499 zu benutzen,
telt“ habe er die Kundgebung nicht: wurde mitunter missachtet. Neben dem Infotelefon Garfield, Quelle: RON –
„Mitglieder der Freireligiösen Gemeinde Motto der Veranstaltung, „Wir wollen RHEINPFALZ ONLINE 24.6.02

Kölner gegen „Signal“-Pressefest

400 bis 500 Personen demonstrierten am 29. Juni gegen das rechtsextreme „Signal-Pressefest“ von Manfred Rouhs. In der
Kölner Innenstadt wurde das „Fest“ untersagt. So mussten die 80 Nazis sich am Rande eines Ackers in Köln-Widdersdorf ver-
sammeln, ohne Zelt und Stühle, nur 6 Toilettenhäuschen wurden ihnen zugestanden. Nur eine rechte Musikband erschien und
weigerte sich aufzutreten. Rouhs musste daraufhin die Veranstaltung abbrechen.
Nachdem tags zuvor der Ort bekannt wurde, unterrichtete das Bündnis „Köln stellt sich quer“ die Bevölkerung von Widders-
dorf. Die Evangelische Kirche, der Sportverein und ein Gesangsverein beteiligten sich am Protest. jöd, Fotos: Neumann/version

: antifaschistische nachrichten 14-2002 5


Französische Parlamentswahlen :

Die Ergebnisse der extremen Rechten


Die extreme Rechte war am von Marignane, Daniel Simonpieri, der fahr bestünde aus einer „Wiedervereini-
Ende nur in 37 von 577 Wahl- zu den MNR-Gründungsmitgliedern gung“ zwischen einem Teil des MNR-
kreisen in der Stichwahl prä- zählt. Im Frühjahr 2001 hatte Mégret Kaderpotenzials und dem „historischen“
sent – wir hatten es bereits in der vo- (nach den Kommunalwahlen, die dem FN. Diese verhindern jedoch derzeit die
rigen Ausgabe der AN kurz vermel- MNR hohe Ergebnisse in Vitrolles und Sturheit des Altpräsidenten Jean-Marie
det. Damit konnte sie die etablierten vor allem Marignane brachten) signali- Le Pen, der „den Verrätern oder jeden-
Parteien dieses Mal nicht behindern. siert, dass er in diesem vermeintlich „si- falls ihren Anführern“ um keinen Preis
cheren“ Wahlkreis zur Parlamentswahl vergeben möchte, aber auch die Verbit-
Die Trumpfkarte der Neofaschisten hatte zu kandidieren trachte. Daraufhin wand- terung vieler dissidenter MNR-Kader
in den vorangegangenen zehn Jahren te ihm Simonpieri, der sich selbst Hoff- gegenüber ihren bisherigen Führern –
darin bestanden, das Spiel der etablier- nungen auf den Wahlkreis gemacht hat- sei es Le Pen oder Mégret.
ten Parteien dadurch zu behindern, dass te, den Rücken. Rund um die Präsident- Der harte Kern der Mégret-Partei will
sie ihre Kandidaten systematisch in der schaftswahl dieses Frühjahrs hatte Si- derzeit noch an eine Zukunft glauben.
Stichwahl aufrecht erhielt, sofern andere monpieri nunmehr den Feind von ge- Anlässlich einer Tagung der Bezirksse-
(beispielsweise konservative) Parteien stern, Jean-Marie Le Pen, unterstützt. kretäre und Führungsmitglieder am 23.
sich nicht mit ihr verbinden mochten. Zum zweiten Wahlgang der Parlaments- Juni beschloss der MNR, den Laden
Und dies auch dort, wo ihre Kandidaten wahl unterstützte Simonpieri allerdings nicht dicht zu machen, aber sich Zeit für
völlig aussichtslos waren und mit Mühe (anders als der FN) die bürgerlich-kon- ein „Nachdenken“ zu nehmen. Im
und Not die 12,5-Prozent-Hürde im er- servative Rechte, deren Kandidat in Ma- Oktober 02 soll dann ein Kongress der
sten Durchgang genommen hatten. Der rignane/Vitrolles – Eric Diard – gegen „Neugründung“ erfolgen. Allerdings
Front National hatte diese Taktik erst- den sozialistischen Bewerber Vincent droht dem MNR derzeit neues Unge-
mals im Frühjahr 1992 in den damals Burroni gewann. mach: Die Regierung forderte vor dem
frisch gewählten Regionalparlamenten Überall anderswo scheiterten die Conseil d’Etat, dem obersten Verwal-
praktiziert, anlässlich der Wahl der Re- MNR-Kandidaten weit deutlicher. An- tungsgericht die Annullierung der Kom-
gionalpräsidenten durch die Abgeordne- scheinend kam ihre Propraganda vie- munalwahl von 2001 in Vitrolles, der
ten. Einige Monate später hatte die lerorts eher dem FN zugute, auch dort, letzten Bastion des MNR, denn dessen
rechtsextreme Partei begonnen, diese wo dessen Kandidaten weniger promi- Wahlpropaganda hatte gegen die gesetz-
Taktik auch auf Parlamentswahlen aus- nent waren als alteingesessene Kader lichen Regeln verstoßen. Zudem hat seit
zudehnen; die konservative Tageszei- des FN. Denn oft, so lautet die Be- zwei Monaten der Finanzgerichtshof die
tung „Le Figaro“ taufte sie im Dezem- schwerde der MNR-Aktivisten, identifi- Kommunalverwaltung von Vitrolles im
ber 1992 „die Politik der verbrannten zieren die Wähler die gesamte extreme Visier, weil der MNR seinen verbliebe-
Erde“. Rechte allein mit dem FN. nen Parteiapparat fleißig aus den Kom-
Die Zukunft der Mégret-Partei dürfte munalfinanzen genährt hatte. Würde in
Der MNR vor dem Aus? nunmehr gefährdet sein. Glaubt man der Vitrolles neu gewählt, dann droht dem
Der MNR war nirgendwo im zweiten Rechtsextremismus-Expertin der Pariser MNR ernsthaft der Verlust seiner letzten
Wahlgang vertreten. Sein Chef Bruno Abendzeitung Le Monde, Christiane Zitadelle.
Mégret scheiterte allerdings im Wahl- Chambeau (14. Juni 02), dann verfallen
kreis Vitrolles/Marignane, dessen beide mittlerweile viele Kader in Frustration
Städte durch rechtsextreme Bürgermeis- ob der absteigenden Kurve, die ihre Par- Der FN: Enttäuschung für
ter (Catherine Mégret und Daniel Si- tei genommen hat. Einige ziehen sich Bompard, Zukunftschancen
monpieri) regiert werden, nur knapp. Er ins Privatleben zurück oder sind ver- für Le Pen-Tochter
erhielt im ersten Wahlgang (am 9. Juni) sucht, aus opportunistischen Motiven Seitens des FN wurden zuletzt einige
18,58 Prozent, wobei ihm ein FN-Kan- heraus zu den bürgerlich-konservativen Hoffnungen auf den Bürgermeister von
didat – der ausschließlich platziert wor- Parteien überzulaufen. Die größte Ge- Orange, Jacques Bompard, gesetzt.
den war, um ihn zu behindern – namens
Claude Bourge weitere 13,25 Prozent
wegschnappte. Aufgrund der Regel, wo- Noch ein Nachtrag:
nach ein Kandidat zum Einzug in die Im zweiten Teil des Beitrags „Wer wählt Le Pen ?“
Stichwahl von mindestens 12,5 Prozent
der Wahlberechtigten gewählt werden fehlten in der Druckfassung zwei Sätze, die zum Verständnis des Abschnitts „Mittel-
muss, konnte Mégret damit nicht in die schichten und Le Pen-Wähler“ notwendig gewesen wären. Es handelt sich um die
Stichwahl gehen. Denn sein 18-Prozent- beiden Schlusssätze in dem Absatz, der komplett folgendermaßen lautet: „Die
Ergebnis im ersten Wahlgang lag unter- Schwierigkeiten bei der genaueren Bestimmung dieser Wählerschaft können auch
halb der 12,5 Prozent-Schwelle in Be- darauf zurückzuführen sein, dass man in diesen sozialen Schichten die Meinungsbe-
zug auf die eingeschriebenen Wahlbe- frager noch stärker belügt als in anderen Teilen der Gesellschaft. Dieser „Sport“ ist
rechtigten – eine hohe Wahlenthaltung unter den Le Pen-Wählern ohnehin verbreitet (alle Umfragewerte für Le Pen wer-
(über 37 Prozent im ersten, über 43 Pro- den durch die Umfrageinstitute um bis zu 200 Prozent nach oben korrigiert), nicht
zent im weiten Durchgang) machte es nur aus „Schameffekt“. Sondern auch aus grundsätzlichem Misstrauen und weil gera-
möglich. Andernfalls hätte Mégret in der de dieses Publikum davon überzeugt ist, dass Journalisten und Politiker genauso wie
Stichwahl durchaus Gewinnchancen ha- Meinungsforscher ohnehin „alle lügen“.
ben können. Mit knapp 32 Prozent war Hinzu kommt eine gewisse Zurückhaltung, die etwa aus der Furcht resultieren
die extreme Rechte insgesamt nicht so könnte, Kunden oder gar seine gesellschaftliche Reputation zu verlieren. Dieser Fak-
weit abgeschlagen. tor wird sicherlich stärker auf Kleinbürger und Mittelständler zutreffen denn auf
Bruno Mégret fehlte vor allem auch Leute, die in materieller Hinsicht ohnehin nicht mehr viel zu verlieren haben.“
die Unterstützung des Bürgermeisters

6 : antifaschistische nachrichten 14-2002


Doch dieser scheiterte (mit 42,4 Pro-
zent) gegenüber dem konservativen
Rechtsaußen Thierry Mariani. Ein Teil
der rechtsextremen Presse hatte übrigens
glatt Mariani unterstützt, der wegen sei-
ner Positionen etwa zu Law & Order seit
längerem durch die (ansonsten eher FN-
nahe) Wochenzeitung Minute geschätzt
wird. Das Rathaus von Orange hat jetzt
mit großem Krach verkündet, das Minu-
te-Abonnement der Stadt werde gekün-
digt.
Einige der jungen Hoffnungen des FN
erhielten unterdessen im nordfranzösi-
schen früheren Kohlerevier Pas-de-Ca-
lais beachtliche Ergebnisse, darunter die
jüngste Tochter des FN-Chefs, die Spe-
kulationen zufolge ihren Vater im Jahr
2004 ablösen könnte. Die Anwältin Ma-
rine Le Pen erhielt in Lens 24,2 Prozent
im ersten und 32,3 Prozent im zweiten
Wahlgang. Drei andere junge FN-Kader Weitere circa 15 Prozent der rechtsextre- schen Variante der extremen Rechten: In
taten es ihr in der Region gleich. men Wähler bei der Präsidentschafts- den 80er Jahren war er zunächst Regio-
Das Gros der rechtsextremen Wähler wahl stimmten dieses Mal für das „klei- nalparlamentarier des FN, später spaltete
scheint unterdessen nicht zu besseren nere Übel“ in Gestalt der Konservativen. er sich mit seiner Gruppierung Alsace
Ansichten bekehrt zu sein. Die Baisse Diese hatten die Le Pen-Wähler gezielt d’abord (Das Elsass zuerst – eine Ab-
des FN zwischen der Präsidentschafts- durch Ankündigungen auf den Themen- wandlung der FN-Parole „Les français
und der Parlamentswahl erklärt sich vor gebieten Innere Sicherheit (Gummige- d’abord“) ab. Deren Name lautet inzwi-
allem daraus, dass mindestens 20 Pro- schosse), Einwanderung (Sevilla-Gipfel) schen MRA, Mouvement régionaliste al-
zent der FN-Wähler dieses Mal nicht an und Steuersenkungen umworben. sacien (Elsässische regionalistische Be-
die Urne gingen. Ein Grund dafür ist, Noch eine Besonderheit gilt es zu ver- wegung). Zur diesjährigen Parlaments-
dass der FN vielerorts unbekannte und melden : Im zweiten Wahlkreis des El- wahl hatte Robert Spieler die Unterstüt-
unerfahrene örtliche Kandidaten präsen- sass, Strasbourg-Süd, existierte das ein- zung sowohl des FN als auch des MNR.
tierte – eine Folge der Spaltung von zige faktische Wahlbündnis innerhalb Freilich schnitt er mit 12,8 Prozent nicht
1999, als Le Pen die Wähler behielt und der extremen Rechten. Dort trat Robert überdurchschnittlich ab.
Mégret die erfahrenen Kader mitnahm. Spieler an, der Kopf der regionalisti- Bernhard Schmid, Paris ■

Aus der Poltischen Erklärung des Zentralkomitees


der deutschen Katholiken zur Migrationspolitik
Zuwanderung steuern –
hört auch, im Bemühen um Qualifizierung und Eingliederung der
Integration fördern Arbeitslosen in unseren Arbeitsmarkt nicht nachzulassen.
Die Fragen um Zuwanderung und Integration sind für unser Fälschlicherweise wird die Problematik der illegal in
Land von grundsätzlicher Bedeutung. Es geht um die Schaffung Deutschland lebenden Ausländer oft als bloßes Randproblem
verlässlicher Grundlagen für ein dauerhaftes Zusammenleben in der Zuwanderungsdebatte angesehen. Dabei gibt es nach Schät-
kultureller Vielfalt. In Deutschland leben etwa 7,3 Millionen aus- zungen mehrere Hunderttausend Menschen, die ohne gültige
ländische Mitbürgerinnen und Mitbürger sowie gut zwei Millio- Papiere in Deutschland leben. Die Ursachen illegaler Zuwande-
nen Spätaussiedlerinnen und -aussiedler, die seit 1990 gekom- rung liegen in politischen Konflikten, Menschenrechtsverletzun-
men sind. Integration ist ein zweiseitiger Prozess, der von Ein- gen sowie im extremen wirtschaftlichen Gefälle zwischen rei-
heimischen wie von Zuwanderern ein hohes Maß an Offenheit, chen und armen Ländern und der geographischen Lage
gegenseitigem Respekt und Toleranz erfordert. Die Integration Deutschlands. Hinzu kommt die Nachfrage nach Billig-Lohn-Ar-
von Menschen anderer Kulturen, ethnischer Herkunft und Reli- beitskräften, die auf dem deutschen Arbeitsmarkt nicht befrie-
gion kann nur gelingen in einem klaren, nicht zur Diskussion ste- digt werden kann. Illegale Zuwanderung betrifft auch andere
henden Rahmen von Werten und Normen. Das setzt auch die Länder in vergleichbarer Situation.
Bereitschaft voraus, die deutsche Sprache zu erlernen und sich Wenn auch ohne Aufenthaltsrecht oder Duldung, müssen
auf die deutsche Kultur und Geschichte einzulassen. Menschen, die in der Illegalität leben, die ihnen zur Sicherung ei-
Eine Gesellschaft, in die jährlich Hunderttausende zuwan- nes sozialen Mindeststandards zustehenden Rechte wahrneh-
dern, muss Zuwanderung gestalten und entsprechende Rah- men können. Das betrifft insbesondere den Schulbesuch der
menbedingungen für die Integration schaffen: Auf der recht- Kinder, den Zugang zu medizinischer Versorgung und die Durch-
lichen Ebene, im gesellschaftlichen Leben wie auch in den Kom- setzung von Lohnansprüchen. Die Deutsche Bischofskonferenz
munen. Politik muss in Fragen von Zuwanderung und Integra- hat in großer Klarheit auf die „faktische Rechtlosigkeit“ dieser
tion mit Klugheit und Augenmaß nach Lösungsmöglichkeiten für Menschen auf fast allen Gebieten des täglichen Lebens aufmerk-
unvermeidbare Interessenkonflikte suchen. Sie muss alles ver- sam gemacht. Wir unterstützen nachdrücklich die Forderung
meiden, was durch verkürzende Darstellungen oder suggestive der deutschen Bischöfe nach politischen Initiativen, um men-
Wertungen von Fakten Stimmungen begünstigt, die der Integra- schenwürdige Verhältnisse für diesen Personenkreis zu garantie-
tion der Menschen ausländischer Herkunft schaden. Dazu ge- ren. 27. Juni 2002

: antifaschistische nachrichten 14-2002 7


: ausländer- und asylpolitik
dische Fluchtalternative“ für Tschetsche-
nen im Raum Moskau nicht besteht.
Schon am 4. Juni war ein aus Mün-
Europa – Fluchtburg statt Entwicklungshilfe drastisch beschneiden chen nach Moskau abgeschobener
Festung! wollten. Willy Brandt würde sich im Tschetschene verschwunden, obwohl
Berlin. Im Zentrum der Beratungen von Grabe umdrehen. Und Heidemarie Wiec- auch in diesem Fall ein Treffen mit „Me-
Sevilla stand die so genannte illegale zorek-Zeul sollte sich fragen, welchen morial“ am Flughafen vereinbart worden
Einwanderung. Der EU-Gipfel hat hier- Stellenwert ihre Aussagen, Entwick- war.
zu keine weitreichenden Beschlüsse ge- lungshilfe müsse Fluchtursachen be- Nichtregierungsorganisationen wie
fasst. Die Bedeutung des Treffens liegt kämpfen, eigentlich haben, wenn Schrö- amnesty international haben darauf hin-
eher darin, dass das Klima gegenüber der und Schily genau das Gegenteil be- gewiesen, dass Tschetschenen auch
„Sans papiers“ erneut rauer wird. treiben. außerhalb ihres Herkunftslands in ande-
Auf europäischer Ebene wird illegale In Sevilla wurde auch über die Ein- ren Teilen der Russischen Föderation po-
Einwanderung nur noch unter Abwehr- richtung einer europäischen Grenzpoli- lizeilicher Willkür, Folter und Misshand-
gesichtspunkten debattiert. Deshalb sah zei diskutiert. Formelle Beschlüsse sind lungen ausgesetzt sind. Dazu gehört
sich etwa amnesty international vor dem allerdings noch nicht gefasst worden. auch, dass ihnen von den russischen Be-
Gipfel von Sevilla auch veranlasst, aus- Dabei wird völlig außer Acht gelassen, hörden eine Registrierung bzw. ein Sta-
drücklich vor der Gefahr eines Abbaus dass bisher Tausende von Menschen an tus als Binnenflüchtling verweigert wird.
von Menschenrechten insbesondere für den Außengrenzen gestorben sind – Als illegale Migranten bekommen sie
Flüchtlinge zu warnen. Ich frage mich: durch Ertrin-
Was tut der Europäische Rat und was tut ken, Erfrie-
die Bundesregierung zum Abbau von ren etc.
Fluchtursachen? Wann wird endlich dar- Otto Schi-
über diskutiert, warum die Menschen ly versucht
kommen (müssen)? mit diesem
Auf einer Expertentagung des Konzept, die
UNHCR in Berlin wurde deutlich, dass Existenz des
die absolute Zahl der Einwanderinnen Bundes-
und Einwanderer in den vergangenen grenzschut-
Jahren nicht gestiegen ist. Durch die ver- zes zu retten,
schärften Visa- und anderen Bestimmun- der sonst ar-
gen wurden aber immer mehr von ihnen beitslos wür-
in die Illegalität abgedrängt. Nicht ein de. Folge

www.arbeiterfotografie.com
höherer „Migrationsdruck“ ist für die wäre aber:
Zahl der „Illegalen“ verantwortlich, son- Wir bauen
dern umgekehrt das verschärfte Auslän- neue Mauern
derrecht in den EU-Staaten! um Europa.
Trotzdem sorgt gerade Deutschland Wichtiger ist

Info:
dafür, dass sowohl auf nationaler Ebene doch die
(Stichwort: Zuwanderungsgesetz) als Frage: Wie
auch auf europäischer Ebene (Stichwort: verhindern
Richtlinien) die Einwanderungsvor- wir, dass
schriften immer restriktiver gefasst wer- Jahr für Jahr
den. Besonders beschämend: Die Menschen an den Außengrenzen der EU keine Arbeit, keine Wohnung und keinen
schreckliche Diskussion um den Kinder- sterben? Zugang zur medizinischen Versorgung.
nachzug. Wenn das Recht von Eltern und Ruud Lubbers, der Hohe Flüchtlings- Um einen Pass bzw. eine Registrierung
Kindern auf ein Zusammenleben als Fa- kommissar der Vereinten Nationen, hat zu bekommen, sind sie gezwungen nach
milie drastisch beschnitten wird, hat das Recht, wenn er anlässlich des Welt- Tschetschenien zurückzukehren, in ein
mit der Idee von Europa als „Raum des flüchtlingstages mahnt: Europa muss Land, in dem willkürliche Verhaftungen,
Rechts“ nichts mehr zu tun. Fluchtburg werden, Verfolgten und Men- „Verschwindenlassen“, Vergewaltigun-
Das ursprüngliche Konzept, Entwick- schen in Not Schutz bieten. Europa darf gen und Misshandlungen von Zivilisten
lungshilfe mit „Wohlverhalten“ bei der nicht Festung zur Abwehr von Flüchtlin- an der Tagesordnung sind. Es sind meh-
Rückübernahme von Flüchtlingen zu gen sein. rere Fälle von zur Passbeschaffung zu-
verbinden, ist aufgeweicht worden: Nun Ulla Jelpke ■ rückkehrenden Tschetschenen bekannt,
sollen nur noch solche Staaten mit Ent- die zu Tode gefoltert wurden. Eine Ab-
zug von Entwicklungshilfe bestraft wer- Abschiebung tschetscheni- schiebung von Tschetschenen auch in an-
den, die besonders „renitent“ sind. Dafür dere Teile der Russischen Föderation
bedarf es eines einstimmigen Beschlus- scher Flüchtlinge sofort kommt damit einer Kettenabschiebung
ses des Rates. Aber: Was hat Entwick- stoppen gleich!
lungshilfe eigentlich mit „Wohlverhal- Berlin. Erneut ist ein Tschetschene von Der menschenrechtspolitische Spre-
ten“ bei der Rückübernahme zu tun? München in die Russische Föderation cher der PDS-Bundestagsfraktion, Car-
Und: Welche Kriterien gibt es dafür? abgeschoben worden. Sein Verbleib nach sten Hübner fordert die Innenminister
Wann ist ein Staat nach Auffassung der Ankunft des Flugzeugs in Moskau ist der Länder und des Bundes auf, einen so-
Bundesregierung bei der Rückübernah- seitdem ungewiss, obwohl die Men- fortigen Abschiebestopp für aus Tschet-
me von Flüchtlingen so „renitent“, dass schenrechtsorganisation „Memorial“ ein schenien geflüchtete Frauen und Männer
ihm die Entwicklungshilfe gestrichen Mitglied zum Flughafen geschickt hatte, zu erlassen. Es ist nicht hinnehmbar,
werden muss? um ihn abzuholen. wenn sich deutsche Behörden für massi-
Interessant ist, dass gerade sozialde- Damit hat sich erneut bestätigt, dass ve Menschenrechtsverletzungen an
mokratische Regierungen (Deutschland die vom Auswärtigen Amt und den ein- Flüchtlingen mitschuldig machen.
und Großbritannien an der Spitze) die zelnen Bundesländern behauptete „inlän- Büro Carsten Hübner, MdB ■

8 : antifaschistische nachrichten 14-2002


Seit dem 27. April 2002 pro-
testieren rund 500 Roma-Fa-
milien in verschiedenen Städ-
Roma vor Abschiebung
ten Deutschlands gegen ihre drohen-
de Abschiebung nach Serbien und
Montenegro wie auch in andere
schützen
Staaten des ehemaligen Jugoslawi- Jede „Stelle“ fühlte sich irgendwie zu- kömmlinge. Alles war schon bestens
en. Sie setzen nun ihre Demonstratio- ständig, ein kurzes „Ja“ oder „Nein“ zu vorbereitet worden. Allerdings, von
nen in verschiedenen Städten Nord- sagen. So kam denn auch, was kommen Idylle auch hier keine Spur. Direkte
rhein-Westfalens fort, um auf ihre Si- musste. Hinter dem Kompetenz- und spontane Interventionen beim Landtags-
tuation aufmerksam zu machen. Obstruktionswirrwarr lag schließlich präsidenten Schmidt und dem städti-
System: nichts war für die rund 700 schen Ordnungsamtsleiter Tolkitt unter
Nach ihren Angaben, die durch Berichte Roma vorbereitet worden als zwei Sta- Hinweis auf die voraufgegangenen mi-
von Menschenrechtsorganisationen und dionparkplätze freizugeben. Und das bei serablen Kölner Zustände durch die
Stellen der Vereinten Nationen – ein- 37° Hitze in der Stadt. Sie mussten in PDS-Ratsgruppe Köln verfehlten offen-
schließlich des UN-Hochkommissariats der Finsternis auf kochendheißem As- sichtlich nicht ihre Wirkung.
für Flüchtlinge – gestützt werden, würde phaltboden campieren. Ihre Schlaflager Unter hohen, schattigen Bäumen
eine Rückkehr nach Ex-Jugoslawien für aus Matratzen und Decken errichteten konnten die Campingzelte aufgeschla-
die Roma katastrophale Folgen haben, sie unter freiem Himmel. 78 Babys und gen werden. Wer noch aus der Vornacht
da sie dort mit menschenunwürdigen Kleinkinder, 118 Kinder im schulpflich- patschnasse Matratzen und Decken bei
Zuständen aufgrund langjähriger gesell- tigen Alter und viele Alte und Schwan- sich führte, hatte in zwei großen Schlaf-
schaftlicher Ausgrenzung und mit direk- gere waren in der Nacht dem Gewitter- zelten des DRK auf Holzpritschen mit
ten Gefahren für Leib und Leben rech- sturm und den sintflutartigen Regengüs- frischem Bettzeug eine trockene Schlaf-
nen müssten. sen schutzlos ausgeliefert. Am nächsten stätte. Aus sechs Wasserhähnen sprudelt
Die Bundestagsabgeordneten der PDS Morgen überall nichts als Verwüstung, genügend Frisch- und Waschwasser. Du-
aus Nordrhein-Westfalen Ulla Jelpke Nässe und klammige Kälte. Ihr Bettzeug schen wurden nicht aufgestellt. Aber
und Ulla Lötzer appellieren an den war unbrauchbar geworden. Für die man hilft sich darüber hinweg.
nordrhein-westfälischen Innenminister Körperwäsche fehlte Wasser. Die Not- Aus der Nachbarschaft brachten Düs-
Fritz Behrens: „Weisen Sie die Auslän- durft musste auf Chemietoiletten ver- seldorfer Selbstgebackenes, Spielzeug
derbehörden an, Roma nicht in die Staa- richtet werden, ohne sich danach die und Süßigkeiten für die vielen Kinder
ten des ehemaligen Jugoslawiens abzu- Hände waschen zu können. Niederge- ins Camp. Täglich fährt ein medizini-
schieben! Sorgen Sie dafür, dass die schlagenheit wohin man auch blickte. scher Dienst mit seiner Ambulanzpraxis
Menschen einen sicheren Aufenthalts- Die Kinder lagen apathisch am Boden, auf das Gelände. Die Müllabfuhr ist
status in Deutschland erhalten!“ einige Frauen brachen kraftlos zusam- ebenfalls zur Stelle.
Gefordert ist aber auch die SPD-Grü- men. Kein Arzt
ne Koalition im Bundestag. Sie hat es in half ihnen.
der Hand, etwa durch eine großzügige Die Roma-
Altfallregelung im Zusammenhang mit Karawane hat
dem Inkrafttreten des Zuwanderungsge- auf ihrem Zug
setzes den Roma einen sicheren Aufent- durch Deutsch-
haltsstatus zu verschaffen. land – wie ihr
Im Folgenden veröffentlichen wir ei- Sprecher Dzoni
nen Artikel aus den Lokalberichten Köln, Sichelschmidt
der zeigt, wie die Roma-Karawane vor glaubhaft versi-
Ort in Köln (unfreundlich) und Düssel- cherte – in Köln
dorf (freundlicher) von den kommunalen die denkbar
Behörden behandelt wurde. jöd ■ schlechtesten
Erfahrungen mit
Düsseldorfer Nachbarn be- rheinischer
Gastlichkeit ge-
schämten ungastliches Köln macht. Von
Köln. Wehe den Minderheiten in dieser wegen „weltof-
als weltoffen verrufenen Stadt! Die ver- fene“, „liberale“ Köln
„sterckten“ Biedermänner haben es den und „tolerante“
Roma in Köln wieder einmal gezeigt. Stadt.
Zur Wochenmitte traf aus Wuppertal Wie anders
die Roma-Karawane ein, um die Men- dagegen in Düs-
schenrechte ihrer Völkergruppe einzu- seldorf, wo die
fordern, nachdem zuvor die Innenminis- Roma seit Don-
terkonferenz ihre Abschiebung, amts- nerstag auf dem
deutsch „Rückführung“, noch für dieses Grafenberger Düsseldorf
Jahr vorsieht und einmütig beschlossen Staufenplatz
hat. Die Stadt Köln zeigte sich unter ih- rasten. Stadtver-
rer „Gestaltungsmehrheit“ von CDU waltung und
und FDP ausgesprochen „gastfreund- Wohlfahrtsver-
lich“. In ihren Amts- und Parteistuben bände, aber
herrschte untatfreudige Hektik, ja gera- auch die örtli-
dezu chaotischer Aktionismus. Über 30 che PDS und
(!) verschiedene „Stellen“ biederten sich Antifa, erwarte-
wohl oder übel meinend den Roma an. ten dort die An-

: antifaschistische nachrichten 14-2002 9


Die Stimmung im Zeltlager

www.arbeiterfotografie.com
ist deutlich lockerer als in
Köln. Während rundum Kinder
spielen und lachen, bereiten die
Frauen und Männer unterdes-
sen eine Demo am Landtag

Info:
vor, bei der sie sich gegen die
rigiden Bremerhavener Verwal-
tungsabsprachen der Innenmi-
nister wenden wollen. Ob sie
von dort aus weiter nach
Strassburg zum Europaparla-
ment weiterziehen müssen,
stand an diesem Samstagmor-
gen noch nicht fest.
In Köln reiben sich derweil
die ver-“sterckten“ Biedermän-
ner die Hände. Sie kennen sich,
sie helfen sich. Sie sind sich
nicht fremd gegen Fremde.
breu
und Fotos Düsseldorf ■

Erneute Turbulenzen auf der


Lufthansa-Hauptversammlung
Abschiebegegner protestieren gegen Geschäft mit Abschiebungen

Gegen das Geschäft mit Abschiebun- aus dem Saal und ging dabei mit äußer- Jan Hoffmann von „kein mensch ist ille-
gen protestierten AktivistInnen von ster Brutalität vor. gal“ an. „Wir haben in den vergangenen
„kein mensch ist illegal“ auf der Kritische Aktionärinnen und Aktionä- vier Jahren mit sehr großem Erfolg die
Aktionärsversammlung der Luft- re griffen in ihren Redebeiträgen die Ge- Öffentlichkeit auf die Brutalität der Ab-
hansa AG in Köln. schäftsleitung ebenfalls an und forderten schiebungen im Flugverkehr aufmerk-
den sofortigen Stopp von Abschiebun- sam gemacht mit sehr phantasievollen
Vor dem Eingang zur Kölnarena begrüß- gen. und vielfältigen Aktionen, auf interna-
ten „FlugbegleiterInnen gegen Abschie- „Solange die Lufthansa das Geschäft tionalen Flughäfen im In- und Ausland,
bungen“ die Lufthansa-Aktionäre bereits mit Abschiebungen nicht aufgibt, wer- in Niederlassungen des Konzerns, in
mit Sekt und Selters und informierten den wir unsere Aktionen gegen das de- Reisebüros, auf der Hauptversammlung
über den Widerstand gegen Abschiebun- portation-business fortsetzen“, kündigte des Konzerns und im Internet.“ ■
gen in der deportation.class. „Greifen
Sie ein, lassen Sie nicht zu, wenn Passa-
giere abgeschoben werden“, lautete die
Message eines Straßentheaters vor der
Kölnarena. „Ich bin der Oberbürger-
meister und grüße alle Kölner Abschie-
begegner und die von auswärts“ prangte
auf einem Transparent mit der Unter-
schrift Fritz Schrammas. Unbekannte
hatten das Transparent von der Balustra-
de des technischen Rathauses entrollt.
Direkt vor dem Eingang zur Kölnarena
parkte ein „Infomobil“ mit der Auf-
schrift: „Lufttransaction-Special – Stop
Deportation-Class“.
Während der Hauptversammlung
www.arbeiterfotografie.com

sorgten mehrere Dutzend Abschiebegeg-


nerInnen mit Sprechchören und Trans-
parenten für Tumulte. „Abschiebungen
ein Mordsgeschäft“ – hieß es auf einem
der Transparente. Der Vorstandsvorsit-
Info:

zende der Lufthansa, Jürgen Weber,


musste seine Rede deshalb mehrfach
unterbrechen. Das Sicherheitspersonal
der Lufthansa warf die Protestierenden

10 : antifaschistische nachrichten 14-2002


Die „Aktion Noteingang“ des
Elmshorner Bündnis gegen
Neonazis, die am 8. Juni in
Netzwerk für soli-
der Innenstadt durch Einweihung ei-
nes Stadtplanes startete, verbindet
kunsthandwerkliche Fertigkeiten mit
darisches Miteinander
einem politischen Anliegen. mit öffentlichen Einrichtungen hieran sche Ressentiments aufleben lasse. Gro-
beteiligt. „Möge dieser Stadtplan helfen, ßen Anteil bei der Erstellung des Stadt-
Ein Erstunterzeichnerkreis von jetzt dass Menschen in Respekt für eine Kul- planes haben die Schüler und Schülerin-
über 40 öffentlichen und privaten Ein- tur gegenseitiger Anerkennung eintre- nen der Raboisenschule mit ihren künst-
richtungen, Geschäften, Vereinen, Ver- ten“, sagte Stadtrat Volker Lützen. Er lerischen Fähigkeiten, denn ohne sie
bänden, Initiativen, Gewerkschaften, zog eine Verbindung zur Selbstbefreiung wäre dieses Kunstprojekt so nicht ent-
Kirchen, Schulen, Jugendhäusern und Elmshorns 1945. Von den Migrantinnen standen. Für die professionellen Metall-
Gaststätten hat sich zusammengefunden. und Migranten, sprach Abdullah Cicek arbeiten konnten die Brüder Sitko ge-
Hier hängen die mehrsprachigen Aufkle- vom Türkischen Elternbund. Er forderte wonnen werden. Die Firma Holz-Junge
ber mit der laufenden Person und dem „solidarisch und gemeinsam für eine unterstützte ebenso das Projekt. Rund 50
Pfeil zur Tür: „Wir bieten Schutz vor weltoffene Stadt“ einzutreten. Für die IG Teilnehmer wohnten der Enthüllung des
rassistischen Übergriffen.“ Die Teilneh- Metall machte Bevollmächtigter Uwe Stadtplanes vor der Nikolai-Kirche bei.
menden sind mit ihren bunten Firmen- Zabel darauf aufmerksam, dass die Ak- rua ■
zeichen und Adressen dokumentiert. tion zur „ge-
Wie sie im Stadtgebiet verteilt sind, wird sellschaft-
durch viele kleine Aufkleber markiert. lichen Äch-
Aber auch Betroffene von mittelbarer tung von
oder unmittelbarer Diskriminierung kön- Rechtsradika-
nen sich hier melden. Alltagssituationen, len beiträgt,
in denen sich Migrantinnen und Migran- genauso wie
ten benachteiligt oder ungerecht behan- wir deutlich
delt fühlen, sind keine Seltenheit. Hier gemacht ha-
bekommen sie Unterstützung in Form ben, dass Fa-
von Telefonnummern und Kontaktadres- schismus kei-
sen. ne Meinung
„Noteingänge stellen ein Netzwerk sondern ein
für ein solidarisches Miteinander dar. Verbrechen
Sie fördern ein Klima für Toleranz und ist.“ Er fand
Demokratie und Setzen ein Zeichen ge- auch deutli-
gen Rassismus und Neofaschismus“, so che Worte
Rudi Arendt bei der Eröffnung der Ver- gegenüber der
anstaltung. „18 Prozent -
Die Stadt Elmshorn hat frühzeitig die Spaß-Partei“,
„Aktion Noteingang“ unterstützt und ist die antisemiti-

„Der Nerv ist schon lange taub, auf dem Naziverbrechen weh tun“

Zu den rechtsextremen Ausfällen


der Möllemänner
Ist es neu, dass die FDP im de von NRW, Achim Rohde oder Her- FDP-Landesverbands NRW arbeitenden
rechtsextremistischen, neofa- mann Otto Solms und Ex-Wirtschaftsmi- Besserverdienenden:
schistischen Umfeld wühlt? nister Günter Rexrodt gaben der JF Inter- „Ziel der FDP muß es sein, so viele
Sind die antisemitischen Ausfälle des views. Nationalsozialisten wie möglich an die
nordrhein-westfälischen FDP-Landes- Sehen wir in die Annalen gerade der Demokratie heranzuführen.“ Verfasser
vorsitzenden Jürgen W. Möllemann FDP der 50er Jahre in Nordrhein-Westfa- dieses Demokratiebekenntnisses aus dem
und Interviews des Ex-Grünen-Land- len, scheint hier ein (alt)faschistisches Jahre 1952 war Dr. Werner Naumann,
tagsabgeordneten und FDP-Aspiran- Nest zu sein, ausstaffiert mit liberal wat- vor 1945 u.a. als Staatssekretär im
ten Jamal Karsli in der profaschisti- tierten Einsprengseln von damals wie Reichsministerium für Volksaufklärung
schen „Junge Freiheit“ neue, unge- heute besserverdienenden Gesternideolo- und Propaganda engster Mitarbeiter von
wohnte Töne aus einer Partei des gen. Sind sie heute passé? Joseph Goebbels. Das NSDAP- und SS-
antiautoritären Liberalismus? „Die FDP will Extremisten zur demo- Mitglied Naumann gestaltete diese Zu-
kratischen Mitte führen.“ So rechtfertigt sammenarbeit offenbar so vorzüglich,
Zumindest nicht neu ist die Tatsache, der nicht nur zum Spaß der FDP vorsit- dass er in Hitlers Testament als Goeb-
dass auch prominentere FDP-Politiker für zende (Rechts)Anwalt Guido Westerwel- bels-Nachfolger erkoren wurde.
diese Neonazi-Postille Werbung machen: le die Ausfälle seines fallschirmspringen- Nach seiner Flucht mit Bormann aus
„Ich lese gern eine unabhängige Zeitung, den Kompagnons aus dem westfälischen der Reichskanzlei im April 1945 fasste er
Sie auch?“, so der Generalbundesanwalt Münster. So ähnlich, ja fast wortgleich, in NRW schnell wieder Fuß. 1950 war er
a.D. Alexander von Stahl (FDP). Und klang es vor 50 Jahren schon einmal aus u.a. Geschäftsführer der Exportfirma Co-
auch der frühere FDP-Fraktionsvorsitzen- dem Mund eines im Hintergrund des minbel in Düsseldorf und Direktor der

: antifaschistische nachrichten 14-2002 11


Busch-Jäger (Quandt-Gruppe) Lüden- redakteur des neuen FDP-Parteiblattes Ernst Achenbach war seit 1953 lang-
scheider Metallwerke GmbH. „Die Deutsche Zukunft“. jähriger FDP-Bundestagsabgeordneter.
Zwecks Aufbaus einer neuen NRW- Doch auch höhergestellte Profi-Täter 1970 sollte er nach dem Willen der
FDP – 0-Ton Naumann, nicht Mölle- gesellten sich zu der später so genannten Bundesregierung BRD-Europakommis-
mann: „Gauleiterverschwörung“, gegen deren sar für die EWG in Brüssel werden. Erst
„Die alte Platte spielt nicht mehr rich- Mitglieder der britische Hohe Kommissar aufgrund der Initiative von Beate Klars-
tig. Mit dem Badenweiler Marsch und im späteren NRW Haftbefehl erhob – der feld musste dieser Plan fallengelassen
mit einer neuen Fahne ist gar nichts ge- selbstredend umgehend wieder aufgeho- werden. Als Berichterstatter des Aus-
tan. Wir brauchen einen neuen Stil, neue ben wurde. Dazu gehörten der frühere schusses für das deutsch-französische
Parolen, neue Begriffe und eine neue NS-Reichskommissar in Dänemark, Dr. Zusatzabkommen über die Verfolgung
Sprache, wenn wir unser Volk wieder po- Werner Best, der dort nach 1945 in Ab- von NS-Verbrechern verstand er es, bis
litisch formen und uns durchsetzen wol- wesenheit zum Tode verurteilt wurde und 1974 u.a. den Prozess gegen die Juden-
len.“ – sammelte Naumann in einem lo- als braver FDP-Demokrat in Essen zum mörder Lischka, Heinrichssohn und Ha-
sen Gesprächskreis in Düsseldorf rund Wirtschaftsjuristen beim Hugo-Stinnes- gen zu verhindern.
100 alte Kameraden. „Der Apparat der Konzern aufstieg. „Der Landesverband Nordrhein-West-
nordrhein-westfälischen FDP füllte sich Neben kleineren Fischen wie dem frü- falen der FDP ist nicht unterwandert.“
mit NSDAP-Kreisleitern, SS-Standarten-, heren Gauleiter Josef Grohé (Köln) oder So äußerte sich FDP-Hauptgeschäftsfüh-
Brigade-, Haupt- und Obersturmführern, Karl Friedrich Florian (Düsseldorf) nahm rer Thomas Dehler, ehem. Justizminister,
Führern der Deutschen Einheitsfront, der der schon damals im NRW-Landtag sit- über seine Partei bereits 1953.
Hitlerjugend, Gaurichtern der NSDAP zende Ernst Achenbach eine herausragen- Und das trotz solcher Leute wie dem
etc.“, so Jörg Friedrich in „Die kalte Am- de FDP-Position ein. Früher selbstredend ehem. FDP-Landesverbandsvorsitzenden
nestie – NS-Täter in der Bundesrepublik.“ NSDAP-Mitglied war er Leiter der Politi- und Waffen-SS-Angehörigen sowie spä-
schen Abteilung der deutschen Botschaft teren parlamentarischen Geschäftsführers
Hier nur eine kleine Auswahl davon: in Paris. Achenbach war u.a. mitverant- der FDP-Fraktion im Bonner Bundestag
Als Möllemann-Vorgänger im FDP-Lan- wortlich für den Beschluss der NS-Besat- Siegfried Zoglmann oder seines späteren
desvorsitz wurde installiert der Leiter des zungsmacht, als „Sühnemaßnahme“ für Bundesparteivorsitzenden und stolzen
Rundfunkpropagandadienstes des Aus- ein Attentat auf zwei deutsche Offiziere NS-Ritterkreuzträgers Erich Mende.
wärtigen Amtes und frühere Kollege des in Paris 2.000 Juden nach Auschwitz zu Sicher ist die FDP – auch mit und trotz
späteren NS-Bundeskanzlers Kurt-Georg deportieren, die dort vergast wurden. Möllemann – keine neofaschistische Par-
Kiesinger (CDU), Friedrich Middelhau- Vielleicht ist deshalb die Fürsorgeargu- tei mit altfaschistischem Hintergrund.
ve, der 1952 den Leitsatz der Liberalen mentation des ehrenwerten SPD-Parla- Doch gilt der Satz umso drängender,
kreierte: „Pflicht nach rechts.“ mentariers Carlo Schmid für den damals den Jörg Friedrich schon 1984 schrieb:
Aus dem gleichen Gestüt kam der SS- kurzfristig verhafteten Naumann zu er- „Der Nerv ist schon lange taub, auf
Standartenführer Wolfgang Diewerge, klären, weil er selbst 1944 als Kriegsver- dem Naziverbrechen weh tun. Rechtssei-
Träger des NSDAP-Blutordens und SS- waltungsrat im nordfranzösischen Lille tig gelähmt, verspürt die Bundesrepublik
Ehrendegens, der zum Beauftragten für die juristische Rechtfertigungsgrundlage die nazistische Berührung nicht, selbst
die Rednerschulung in allen FDP-Lan- für ein SS-Massaker an 86 Bewohnern wenn das Blut schon fließt. Sie hat so
desverbänden ernannt wurde. Carl Albert geliefert hatte: viele NS-Verbrecher in die Arme schlie-
Drewitz, im Goebbels-Ministerium für „Ich kenne den Staatssekretär Nau- ßen müssen, daß ihr die Glieder abgestor-
die Parteipresse zuständig, damals für mann nicht, vielleicht ist er aber ein acht- ben sind, mit denen sie sich der kommen-
den Sektor „Kulturpolitik“, wurde Chef- barer Demokrat geworden.“ den erwehren soll.“ Volker Adam ■

„Vertriebene“ hoffähig
Bundestag berät über Einrichtung eines „Zentrums gegen Vertreibung“

Kommenden Donnerstag wird Innenminister Otto Schily nutzen jede tions-, Germanisierungs- und Vernich-
der Bundestag über drei Anträ- Gelegenheit zu Auftritten. Kritik aus den tungspolitik.
ge zur Errichtung eines „Zen- Reihen der Regierung an der Forderung Ein solches Zentrum wäre ein Mahn-
trums gegen Vertreibung“ beraten nach einem „Recht auf Heimat“ und nach mal deutsch-völkischer Verbohrtheit,
und abstimmen. Die Debatte ist ein Rückgabe deutschen Eigentums müssen Kultstätte für Rechtsextremisten und
weiteres Indiz dafür, welchen Einfluss die „Vertriebenen“ nicht fürchten. steingewordener Beweis für Geschichts-
die revanchistischen Vertriebenen- Im Sommer 2000 war der Bund der fälschung und Bagatellisierung deutscher
verbände haben. Vertriebenen (BdV) mit seiner Forderung Verbrechen. Aus Osteuropa kam deshalb
nach einem „Zentrum gegen Vertrei- sofort scharfe Kritik. Aus Polen verlaute-
Schon die von Ministerpräsident Edmund bung“ an die Öffentlichkeit getreten. „In te, das Zentrum solle in Wroclaw errich-
Stoiber (CSU), der Sudetendeutschen zentraler Lage Berlins“ solle das Zentrum tet werden. Damit sollte das Thema „Ver-
Landsmannschaft und FPÖ-Chef Jörg „mit zirka 11000 Quadratmeter Nutzflä- treibung“ in direkten Zusammenhang mit
Haider angezettelte Debatte, die Tsche- che“ errichtet werden, Kosten: 160 Milli- der Nazigermanisierungspolitik gestellt
chische Republik solle die Benes-Dekrete onen DM. Träger soll ein „Förderkreis“ werden. Der BdV lehnte ab.
widerrufen, hat den giftigen Einfluss die- sein, für den der BdV den SPD-Politiker Auf meine Anfrage an die Regierung,
ser Verbände und ihren Schulterschluss Peter Glotz und den ungarisch-jüdischen wie sie sich zum Plan des BdV verhalten
mit CDU und CSU erneut gezeigt. Aber Schriftsteller György Konrád gewann. In wolle, kam damals von SPD und Grünen
auch SPD und Grüne biedern sich dieser der Konzeption des BdV findet sich im hinhaltend Nebulöses. Wegen Födera-
völkischen Klientel zielstrebig an. Abschnitt „Warum Vertreibungen“ kein lismus sei eine 50prozentige Beteiligung
Bundeskanzler Gerhard Schröder und Wort zu den Verbrechen der Naziokkupa- des Landes Berlin erforderlich und die

12 : antifaschistische nachrichten 14-2002


Übernahme der Trägerschaft. Außerdem mit dem BdV in eine „konstruktive und den Ort ließe sich durch eine Außenstelle
sei das „wissenschaftliche und museolo- organisatorische Zusammenarbeit“ ein- des von Berlin gelenkten Zentrums in
gische Konzept“ nicht erkennbar. Im treten, ein Gebäude bereitstellen und ei- Wroclaw lösen.
übrigen erinnere in Berlin bereits ein nen Finanzierungsplan vorlegen. Die Der Bundesverband der Vertriebenen
Denkmal an Flucht und Vertreibung, für FDP eilte mit einem Antrag hinterher, der kommt für mich weder als Träger noch
ein Zentrum habe man kein Geld. verlangt, die „in Deutschland vorhande- als Mitträger eines solchen Zentrums in
(Bundestagsdrucksache 14/3922 vom nen kollektiven Erfahrungen der Vertrei- Betracht. Das völlig einseitige, die deut-
21.7.2000) bung“ (also nicht die Erinnerung an Na- schen Verbrechen der Nazizeit bagatelli-
Inzwischen ist die Diskussion weiter- ziverbrechen) zum „Ausgangspunkt für sierende Weltbild dieser Verbände und
gegangen. Der BdV hat angeblich mehre- das Dokumentations- und Forschungs- ihre bis heute fehlende Abgrenzung zu
re hundert Städte und Gemeinden dafür zentrum“ zu machen. Antisemiten und Rechtsextremisten dis-
gewonnen, ihre „Patenschaft“ für ein sol- Die Bundesregierung blieb scheinbar qualifizieren den BdV völlig. Das Thema
ches Zentrum zu erklären. CDU und auf Distanz. In ihrem Antrag fordert sie hat für mich nur eine Berechtigung, wenn
CSU und ihr Kanzlerkandidat Stoiber ein „europäisch ausgerichtetes“ Zentrum, von vornherein mit jüdischen, polni-
wollen das Thema nun zum Wahlkampf- das „die Vertreibungen im Europa des 20. schen, tschechischen VertreterInnen und
thema aufbauen, um rechtsaußen Stim- Jahrhunderts in ihren verschiedenen Ur- mit Roma und Sinti als größten Opfer-
men zu fischen. Dass sie damit gegenü- sachen, Kontexten und Folgen, darunter gruppen deutscher Germanisierungspoli-
ber Polen und der Tschechischen Repu- die Vertreibung der Deutschen, dokumen- tik im letzten Jahrhundert ein Gesamt-
blik Spannungen schüren, nehmen Union tieren“ soll. Der Trägerkreis solle europä- konzept erarbeitet wird. Das aber ist nie
und „Vertriebene“ in Kauf. Der Ex-BdV- isch sein. Als Ort wünscht die SPD Wro- geschehen.
Funktionär Hartmut Koschyk brachte claw. Wie weit CDU und CSU bereit sind,
Mitte März mit BdV-Chefin Erika Stein- Die Differenzen sind aber nur vorder- am rechten Rand zu fischen und zu het-
bach, ebenfalls CDU-MdB, einen Antrag gründig. Im Bundestag berichtete am 16. zen, hat Stoiber vergangenes Wochenen-
auf den Weg. Die Bundesregierung solle Mai der CDU-Abgeordnete Norbert de deutlich gemacht, als er ausgerechnet
Lammert, der Staats- das Treffen der Ostpreußischen Lands-
minister im Kanzler- mannschaft in Leipzig wählte, um seinen
amt, Nida-Rümelin, Einsatz für den BdV deutlich zu machen.
habe BdV-Präsiden- Im Ostpreußenblatt der Landsmannschaft
tin Steinbach bereits durfte 1994 nach dem Brandanschlag auf
im März 2001 prin- die Synagoge in Lübeck der damalige
zipielle Zustimmung Rep-Chef Franz Schönhuber Ignaz Bubis
der Bundesregierung als „Volksverhetzer“ verleumden. Auf 25
signalisiert. Die „eu- Seiten dokumentierte mein Büro damals
ropäische Ausrich- ausländerfeindliche, revanchistische,
tung“ des Projekts antidemokratische Äußerungen von Au-
könnte sich – zumal toren und Anzeigen rechtsextremer Verla-
bei dem zielstrebi- ge in dem Blatt. Ende 2000 bestätigte die
gen Werben Schilys Bundesregierung erneut entsprechende
und Schröders um Artikel, u.a. des Auschwitz-Leugners Da-
Wählerstimmen in vid Irving und des NPD-Anwalts Horst
der völkischen Mahler. Zum Treffen in Leipzig hatten
Klientel und um die auch die NPD und die offen rechtsextre-
Gunst der BdV- me „Junge Landsmannschaft Ostpreu-
Funktionäre – bald ßen“ mobilisiert. Dass Stoiber dieses
Die PDS-Bundestagsfraktion hat noch keine Entscheidung erledigen, zum Bei- Treffen besucht, dokumentiert, was für
über Zustimmung zum „Zentrum für Vertreibung“ getroffen. spiel durch eine ein gefährlicher Brandstifter der Mann
Den CDU-Antrag wird sie ablehnen. Ulla Jelpke und andere nichtdeutsche Ga- ist.
setzen sich für eine generelle Ablehnung ein. lionsfigur im Beirat. Ulla Jelpke ■
Bild: Deutscher Ostdienst mobilisiert Und der Streit um

Der Herausgabekreis und die Redaktion sind zu erreichen über: Spendet für die
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln Tel. 0221 / 21 16 58, Fax 0221 / 21 53 73.
email: antifanachrichten@netcologne.de, Internet: http://www.antifaschistische-nachrichten.de Antifaschistischen
Erscheint bei GNN, Verlagsges. m.b.H., Postfach 260 226, 50515 Köln. V.i.S.d.P.: U. Bach
Redaktion: Für Schleswig-Holstein, Hamburg: W. Siede, erreichbar über GNN-Verlag, Neuer Kamp 25,
Nachrichten!
20359 Hamburg, Tel. 040 / 43 18 88 20. Für NRW, Hessen, Rheinland Pfalz, Saarland: U. Bach, Unser Ziel 3000 Euro!
GNN-Verlag Köln. Baden-Württemberg und Bayern über GNN-Süd, Stubaier Str. 2, 70327 Stuttgart,
Insgesamt sind bisher
Tel. 0711 / 62 47 01. Für „Aus der faschistischen Presse“: J. Detjen c/o GNN Köln.
Erscheinungsweise: 14-täglich. Bezugspreis: Einzelheft 1,30 Euro.
Bestellungen sind zu richten an: GNN-Verlag, Postfach 260 226, 50515 Köln. Sonderbestellungen sind 687,- Euro eingetroffen
möglich, Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt.
(Stand 26. Juni)
Die antifaschistischen Nachrichten beruhen vor allen Dingen auf Mitteilungen von Initiativen. Soweit ein-
zelne Artikel ausdrücklich in ihrer Herkunft gekennzeichnet sind, geben sie nicht unbedingt die Meinung Vielen Dank!
der Redaktion wieder, die nicht alle bei ihr eingehenden Meldungen überprüfen kann.
Herausgabekreis der Antifaschistischen Nachrichten: Anarchistische Gruppe/Rätekommunisten (AGR); Annelie
Buntenbach (MdB Bündnis 90/Die Grünen); Rolf Burgard (VVN-BdA); Jörg Detjen (Forum kommunistischer Arbeitsge-
Spendenkonto:
meinschaften); Martin Dietzsch; Regina Girod (Bund der Antifaschisten, Dachverband); Dr. Christel Hartinger (Frieden- GNN-Verlag, Postbank
szentrum e.V., Leipzig); Hartmut-Meyer-Archiv bei der VVN - Bund der Antifaschisten NRW; Ulla Jelpke, (MdB PDS);
Jochen Koeniger (Arbeitsgruppe gegen Militarismus und Repression); Marion Bentin, Edith Bergmann, Hannes Nuijen Köln, BLZ 370 100 50,
(Mitglieder des Vorstandes der Arbeitsgemeinschaft gegen Reaktion, Faschismus und Krieg–Förderverein Antifaschisti-
sche Nachrichten); Kreisvereinigung Aachen VVN-BdA; AG Antifaschismus/ Antirassismus in der PDS NRW; Angelo Konto 10419507
Lucifero (Landesleiter hbv in ver.di Thüringen); Kai Metzner (Info Pool Network); Bernhard Strasdeit (MdB-Büro Winfried
Wolf); Volkmar Wölk.

: antifaschistische nachrichten 14-2002 13


Angriff auf Potsdamer Abkommen
SPD und Union: Umsiedlungen in Polen waren „Unrecht“
Die deutsche Offensive Rich- Deutschen aus Polen für ungültig zu er- Die deutsche Sozialdemokratie – weit
tung Osten weitet sich aus. klären. Klaus Hänsch, deutscher Sozial- davon entfernt, sich an das Potsdamer
Eben erst ist die Forderung demokrat und ehemaliger Präsident des Abkommen zu halten – bietet also kei-
zum Allgemeingut deutscher Außen- Europaparlaments, hatte bereits am 22. nerlei Anlass zur Hoffnung für die, die
politik geworden, die Tschechische Juni die Umsiedlung als „ethnische Säu- die europäische Nachkriegsordnung be-
Republik müsse einige ihrer Gesetze berung“ und „Verbrechen“ bezeichnet. wahren wollen. Ihr Europakonzept legt
(verächtlich „Benes-Dekrete“ ge- Hänsch wolle die „Benes-Dekrete“ in Zündschnüre weit im Osten, etwa im
nannt) aufheben, mit denen Enteig- der Tschechischen Republik „und analo- ukrainischen Lviv, aus dem 1945 Hun-
nung und Umsiedlung der Deutschen ge Gesetze in Polen und Slowenien“ derttausende nach Polen umgesiedelt
in Folge des Zweiten Weltkriegs ge- aufheben, berichtete die „Welt“. wurden; dort gibt es schon jetzt Streit
regelt wurde. Seit dem 22. Juni ver- Am 24. Juni, nur einen Tag nach Stoi- um einen Friedhof für polnische Solda-
langen prominente deutsche Politiker bers Rede, erklärte der sozialdemokrati- ten, die 1919 bei der Eroberung der
aus SPD und Union nun, auch Polen sche Vorsitzende der deutsch-polnischen Stadt umkamen. Das sozialdemokrati-
müsse die entsprechenden Gesetze Parlamentariergruppe, Markus Meckel, sche Europakonzept stärkt selbstver-
rückwirkend für ungültig erklären. der polnischen Tageszeitung Rzeczpos- ständlich auch die Position der deut-
polita die deutschen Positionen. Er gebe schen „Vertriebenen“ östlich der deut-
Den diesbezüglichen Medienrummel Stoiber darin Recht, dass „Vertreibun- schen Grenzen.
konnte der bayerische Kanzlerkandidat gen“ immer „Unrecht“ seien, so der Deren Einfluss dort ist schon jetzt
für sich verbuchen. Die Tagespresse be- SPD-Politiker. Er nannte in diesem Zu- nicht zu verachten. Seit Mai letzten Jah-
richtete von Stoibers Rede beim sammenhang ausdrücklich die „Bierut- res steht im polnischen Frombork ein
Deutschlandtreffen der Landsmann- Dekrete“, wie die gesetzlichen Grundla- Denkmal für die deutschen „Vertriebe-
schaft Ostpreußen, in der er am 23. Juni gen für die Umsiedlung der Deutschen nen“. Im November letzten Jahres ver-
gefordert hatte, Polen müsse sich von aus Polen verächtlich und außerdem un- anstaltete die Landsmannschaft Ostpreu-
den „Dekreten, aufgrund derer die Deut- zutreffend bezeichnet werden (gemeint ßen im polnischen Elblag ihren „2.
schen entrechtet und vertrieben wur- sind zahlreiche Gesetze und Ausfüh- Kommunalpolitischen Kongress“, bei
den“, „verbindlich und versöhnend tren- rungsverordnungen unterschiedlichster dem „Vertriebene“ polnischen Kommu-
nen“. Auch das „Recht auf Heimat“ für polnischer Stellen). nalpolitikerInnen ihre Vorstellungen von
die deutschen „Ostpreußen“ hatte Stoi- Meckel erklärte dem polnischen Pu- polnischer Innenpolitik beibrachten. Der
ber verlangt, nicht nur in Polen, sondern blikum auch die Differenzen zwischen Freistaat Bayern – offizielle Patenorga-
auch in der russischen Oblast Kalinin- den Positionen von Union und SPD. nisation der Sudetendeutschen Lands-
grad. Zum einen wolle er im Gegensatz zu mannschaft und der Landsmannschaft
Entsetzt reagierte die polnische Öf- Stoiber die Aufhebung der jeweiligen Ostpreußen – hat in Olsztyn das „Haus
fentlichkeit. Der polnische Ministerprä- Gesetze nicht mit dem EU-Beitritt ver- Kopernikus“ eröffnet, das sich zum Zen-
sident Leszek Miller erteilte Stoiber eine knüpfen, verkündete er. Damit wird es trum für die „deutsche Volksgruppe“ im
klare Absage; der polnische Außenmi- allerdings auch einfacher, die Umsied- früheren Ostpreußen entwickeln soll.
nister Wlodzimierz Cimoszewicz rief lung der Deutschen für ungültig zu er- Um das Potsdamer Abkommen, das
dazu auf, den „gesunden Menschenver- klären. Denn das läuft auf eine Revision Europa gegen Deutschlands völkisch in-
stand“ zu wahren; der frühere Justizmi- des Potsdamer Abkommens hinaus, und spirierte Offensiven Richtung Osten
nister Lech Kaczynski schließlich er- wenn diese Revision nach der EU-Oster- schützen sollte, ist es schlecht bestellt.
klärte, der EU-Beitritt Polens komme weiterung und somit innerhalb der EU Zumal der deutsche Druck auf die EU-
nur zustande, wenn „Eigentumsforde- geschieht, dann müssten zwei der Ga- Beitrittskandidaten, die sich ja theore-
rungen“ unterblieben. PolitikerInnen der rantiemächte des Potsdamer Abkom- tisch gegen die deutschen Anmaßungen
polnischen Regierungsparteien stellten mens (die USA und Russland) sich der verbünden könnten, die einzelnen Staa-
völlig zu Recht fest, Stoiber betreibe mit Einmischung in innere Angelegenheiten ten isoliert. Nur die Tschechische Repu-
seinen Anmaßungen die Revision des der EU schuldig machen, um das Ab- blik verteidigt bedingungslos die Potsda-
Potsdamer Abkommens, in dem die Um- kommen zu retten. mer Beschlüsse. Der polnische Minister-
siedlung der Deutschen verbindlich be- Meckel wies auch auf eine zweite präsident Miller begründet seine Ableh-
schlossen worden war, und sie zogen Meinungsverschiedenheit mit Stoiber nung der deutschen Forderungen mit ei-
Parallelen zur Revision der Pariser Vor- hin. Stoiber wolle „die Umsiedlung aus- ner Abgrenzung gegenüber Tschechien:
ortverträge, die Deutschland in den schließlich der Deutschen“ auf die Ta- Die Regelungen in Polen seien im
1930er Jahren vornahm. gesordnung setzen, äußerte er in der Unterschied zu den „Benes-Dekreten“
Es fällt schwer, den bedrohlichen Ge- Rzeczpospolita. Deren LeserInnen dürf- juristisch nicht angreifbar. Das sloweni-
danken zu akzeptieren, dass die deut- te Meckels Gegenvorschlag bekannt sche höchste Gericht hat nach Pressebe-
sche Außenpolitik mit dem offenen An- sein. Meckel setzt sich seit einigen Mo- richten einen Präzendenzfall zu Gunsten
griff auf die europäische Nachkriegsord- naten für die Errichtung eines „Zentrums eines Deutschen entschieden, der 1945
nung beginnt. Beruhigend wäre es, wenn gegen Vertreibungen“ in Wroclaw ein enteignet wurde und jetzt entschädigt
Stoibers Exzesse als isoliertes CSU- (vgl. Antifaschistische Nachrichten werden soll. Der slowakische Politiker
Wahlkampfgetöse klassifiziert und mit 13/2002). Es soll Umsiedlungen in ganz Vladimir Meciar gar, der gute Aussich-
anderen, womöglich rot-grünen Positio- Europa als „Unrecht“ brandmarken und ten hat, im Herbst neuer slowakischer
nen konfrontiert werden könnten, die die sich für ein europaweites „Recht auf Regierungschef zu werden, erklärte
Gültigkeit der Enteignung und Umsied- Heimat“ stark machen. Davon würden kürzlich in Berlin, er wisse nicht, ob in
lung der Deutschen bekräftigten. Dem deutsche „Vertriebene“ selbstverständ- der Slowakei die tschechoslowakischen
ist aber nicht so. lich profitieren, aber auch etwa PolIn- „Benes-Dekrete“ überhaupt gälten.
Stoiber war nicht der erste, der die nen, die 1945 aus dem Gebiet der heuti-
Forderung stellte, die Umsiedlung der gen Ukraine umgesiedelt wurden. Jörg Kronauer ■

14 : antifaschistische nachrichten 14-2002


Noch bis zum 21. Juli zeigt
das Haus der Bayerischen Ge-
schichte in Zusammenarbeit
Stoiber macht Stimmung
mit dem Bayerischen Staatsministe- Ausstellung „In Bayern angekommen“
rium für Arbeit und Sozialordnung,
Familie und Frauen in der Bayeri- vom Lastenausgleichsgesetz (LAG), wo- heute noch ist die Gültigkeit des Mün-
schen Staatskanzlei die Wanderaus- mit das Gesamtbild vermittelt wurde, die chener Abkommens ausschlaggebend für
stellung „In Bayern angekommen ... Integration sei ein voller Erfolg gewesen die deutsche Außenpolitik. Während die
Die Integration der Flüchtlinge und und überhaupt alles ganz toll. Mehr gegenwärtige Regierung allerdings
Vertriebenen in Bayern nach 1945“. noch: Die ausliegende Broschüre spricht gegenüber Tschechien einen eher mode-
Fotos, Dokumente und Kurzfilme mit von einer „Erfolgsgeschichte (auch) für raten Ton anschlägt, stellt der Bayerische
Zeitzeugeninterviews berichten darü- das Land Bayern“ und dass „die Flücht- Ministerpräsident Edmund Stoiber gern
ber, wie Flüchtlinge und Vertriebene linge und Vertriebene(n) Bayern zuneh- unannehmbare Forderungen an den öst-
vor allem aus der Tschechoslowakei, mend als ihre Heimat (ansahen)“. lichen Nachbarn.
Schlesien, Ostpreußen und Polen in Genau hier gilt es einzuhaken. Alles Hier liegt sicherlich eine Motivation
Bayern ansässig wurden. ein toller Erfolg? Um das beurteilen zu für die Ausstellung: Stoiber will mit die-
können, ist es wichtig, ser Veranstaltung für die Ziele der Sude-
Lag es am schönen Wet- etwas genauer hinzuse- tendeutschen – vor allem aber für die Su-
ter oder daran, dass die- hen. Völlig lapidar be- detendeutsche Landsmannschaft (SL) –
se Wanderausstellung richtete eine Texttafel, Stimmung machen. Für die kommende
erst am Vortag eröffnet angekommene Vertrie- Bundestagswahl im September erhofft er
worden war. Jedenfalls bene seien zumeist in sich dabei das eine oder andere Prozent
gähnende Leere im Aus- Flüchtlingslagern mehr. Dass er auf diese Weise Geschich-
stellungsraum im ersten untergebracht worden, te verdreht und verfälscht, den Graben
Stock der Bayerischen so beispielsweise in zwischen dem deutschen und dem tsche-
Staatskanzlei. Während Kulmbach, Sulzbach- chischen Volk noch vergrößert, kümmert
in der Ferne zarte Melo- Rosenberg, München ihn offenbar wenig. Man sieht also: Ein
dien des Flötenspielers und auch in den Bara- Wahlsieg des Kandidaten Stoiber wäre
aus dem Hofgarten gera- cken des ehemaligen eine Riesenkatastrophe. Es gibt noch ei-
de noch wahrnehmbar Konzentrationslagers nen zweiten Grund für die Wanderaus-
ins Ohr säuselten, friste- Dachau. Wie bitte? Ja, stellung: Wieder einmal wurde der Ver-
ten die Exponate in der richtig gelesen! Ver- such gemacht, zu dokumentieren, wie er-
sonnendurchfluteten zweifelte Menschen folgreich der Freistaat Bayern sich ent-
Halle ein trauriges Da- mussten damals von wickelt hat. Und alles mit Hilfe der flei-
sein. Recht schmucklos 1948 bis 1960 dort le- ßigen Flüchtlinge. Als Beispiele nannten
gaben die einzelnen ben, wo wenige Jahre die Veranstalter die Glasherstellung in
Stellwände über die Ein- zuvor Menschen syste- Waldkraiburg, die Fertigung von Karls-
gliederung der Vertrie- matisch ausgerottet bader Oblaten in der Fabrik Ott in Mün-
benen nach dem Zwei- wurden. Erschreckend chen und die Schmuckwarenindustrie in
ten Weltkrieg Auskunft. dabei, wie distanziert Kaufbeuren. Nichts lässt die CSU unver-
Bemühungen, eine gewisse Ordnung in sich diese ach so aufgeklärte Ausstellung sucht, Bayern im Vergleich zu anderen
der Dokumentation zu finden, schienen gab. Es fehlte jede Kritik an den damali- Bundesländern eine Sonderstellung zu
zum Scheitern verurteilt. Nirgendwo ein gen Zuständen. Selbst das Begleitbuch geben.
Bild mit der Nummer Eins. Nirgendwo von Friedrich Prinz beschreibt diesen un- Fazit: Die Ausstellung „In Bayern an-
ein Anfang oder Ende. Aber vielleicht tragbaren Zustand ganz nüchtern, als sei gekommen ...“ erwies sich als eine stark
spielte das hier auch keine Rolle. es das Normalste von der Welt. Hier ideologische Veranstaltung, die Ge-
Hier einige Streiflichter: Auf einer zeigte sich exemplarisch ein großer Feh- schichte manipulierte, wo es ging. Ent-
Foto-Stellwand blickten traurige Kinder- ler der Ausstellung: Zu viel flache, ober- weder fehlte wichtige Information oder
augen suchend in die Welt. Unter dem flächliche und vor allen Dingen verfäl- Fakten wurde glatt verfälscht. Letzt end-
Titel „Verlassene Kinder suchen ihre El- schende Information. lich diente sie dazu, für die stark rechts-
tern“ waren die Bilder dieser Kinder wie Schlimmer noch: Leider mangelte es gerichteten Vertriebenenverbände Stim-
auf einem Steckbrief angeordnet. Eine dieser Veranstaltung an jedem histori- mung zu machen. An den Punkten, wo es
kleine Texttafel zum Thema „Flucht und schen Bezug. Dies ist umso ausschlagge- wichtig gewesen wäre, zu informieren,
Vertreibung“ wies auf die Konferenz von bender, als dass die Flüchtlingsproble- blieb die Ausstellung zu sehr an der
Potsdam von 1945 hin. Als interessantes matik geschichtlich nicht isoliert be- Oberfläche. Stattdessen setzte sie auf
Highlight präsentierte sich der Kurzfilm trachtet werden darf. Das Schicksal vorgefertigte Daten aus dem Computer,
über betroffene Immigranten aus dem Deutschlands begann eben nicht am Tag die auf Knopfdruck abgerufen werden
Osten. So äußerte sich der bekannte Kin- der Kapitulation, am 9. Mai 1945, son- konnten. Obgleich dies Alles eher an PC-
derbuch-Autor Otfried Preußler („Räu- dern mindestens mit der Machtergrei- Spiele erinnerte. So als ob sich die Ver-
ber Hotzenplotz“) recht positiv über die fung Hitlers 1933. Kein Wort auch über anstalter dem Ernst der Situation nicht
damalige Integration: „Wir haben Ar- das Münchener Abkommen von 1938 bewusst waren. Zu viele Foto-Dokumen-
beitsplätze geschaffen und das ist, glaube zwischen Hitler, Mussolini und den Re- te und zu wenig Text stellten das größte
ich, keine schlechte Voraussetzung“. Ge- gierungschefs von Großbritannien und Manko dar. Der Besucher spürte, dass
naue Daten über die Herkunftsländer der Frankreich. Hierbei sollte die Tschechos- Edmund Stoiber seinen Widersacher
Vertriebenen zeigte eine andere bunte lowakei binnen zehn Tagen ihre Grenz- Gerhard Schröder fast schon gewaltsam
Tafel: So kamen zirka eine Million Ein- gebiete räumen. Worauf diese Gebiete schlagen will. Bleibt zum Schluss nur die
wanderer allein aus der Tschechoslowa- einst von den Deutschen besetzt wurden Preisfrage: Was bedeutet „S.M.S.“? Na
kei, gefolgt von knapp 500000 aus und die Tschechoslowakei einen erheb- ganz einfach: „Stoiber macht Stim-
Schlesien und ungefähr 90000 aus Ost- lichen Teil ihres Staatsgebietes verlor mung“!
preußen. Und stolz erzählte eine Wand und nicht einmal gefragt wurde. Auch joe ■

: antifaschistische nachrichten 14-2002 15


: aus der faschistischen presse
nach besten Kräften wehren.“ Entgegen
der Erfahrung der Verfolgung von Famili-
Criticons „braune Sauce“: mer ist Gründer und erster Vorsitzender enmitgliedern durch die Faschisten lässt
das Vorbild Mussolini des Vereins Deutsche Sprache.“ der Herausgeber G. Sohn in diesem Heft
Für die criticon-Kampagne „Rettet den des criticon offene Propaganda für den
criticon Nr.173/Frühling 2002 Unternehmer-Mittelstand“ dokumentiert Faschismus verbreiten. In einem criticon-
Die Kritik am „Grünen Punkt”, an den dieses Heft: „Mehr Eigenverantwortung! Gespräch mit Wolf Jobst Siedler, „Berli-
„Systemkosten“ von Mülltrennung und Ein Plädoyer christlicher Unternehmer“. ner Provinzialismus und die Revolution
stofflicher Wiederverwertung, steht im Der Beitrag ist „die gemeinsame Position von oben“, preist der frühere Verleger den
Mittelpunkt mehrerer Artikel dieses Hef- des Bundes Katholischer Unternehmer faschistischen Diktator Mussolini als po-
tes. Eine Heftseite umfasst die Publikation und des Arbeitskreises Evangelischer litisches Vorbild: „Nach der Wende
von Edgar Gärtner: „,Nachhaltige‘ Plan- Unternehmer“. Er fordert u.a.: Weg mit sprach ich mit dem damaligen Regieren-
wirtschaft besser als kostengünstiger der schädlichen Sozialversicherung! den Bürgermeister Eberhard Diepgen
Wettbewerb in der Abfallwirtschaft?“ Dazu schreiben die gläubigen Unterneh- über einen Wiederaufbau des Schlosses.
Gärtner wirbt für die Kapitalanleger, die mer: „Denn die Verdrängung der kreati- Diepgen verwies auf die Widerstände (...)
in Verbrennungsanlagen investiert haben: ven Eigeninitiative, die Gängelung und Ich habe darauf mit der Erinnerung er-
„ (...) kann niemand mehr behaupten, die- Bevormundung eigenverantwortlicher widert: ‚Gegen Mussolini hätte in den
ser Entsorgungsweg sei für die menschli- Bürger durch den Staat nimmt dem Markt frühen 20er Jahren der ,Faschistische
che Gesundheit oder für Flora und Fauna seine Effizienz. Dafür, wie schädlich das Großrat‘ revoltiert. Es ging um irgendei-
bedenklich. Ähnlich ist die Verarbeitung ist, gibt es zahllose aktuelle Beispiele. An ne Entscheidung, wo seine Granden, Italo
von Hausmüll zu Trockenstabilat und des- erster Stelle zu nennen ist das gesamte Balbo und Dino Grandi, eine andere Mei-
sen anschließende Verwertung einzuschät- System der Sozialversicherung, das daran nung als der Duce vertraten. Er herrschte
zen.“ Die Werbung für das per Warenzei- krankt, daß es die Eigenverantwortung seine Gefolgsleute an: ,Merkt Euch, ich
chen geschützte „Trockenstabilat“ fällt in der Bürger unterdrückt.“ Die Unterneh- bin ein Führer, der führt, und kein Führer,
dieser criticon-Nummer etwas kürzer aus: mer jammern, dass „die gesamtwirt- der geführt wird.‘ Das war eben noch ein
Da der Anzeigenkunde Herhof-Umwelt- schaftliche Kapitalbildung vernachläs- junger, dynamischer Duce. Auch die De-
technik nur eine halbe Seite Anzeige ge- sigt“ werde. Ihr Glaube ist ihnen gewiss: mokratie verlangt nach Führung. Kohl
kauft hatte, stellte der criticon-Herausge- „Der Markt muß seine Kräfte wieder stär- hatte ja stets eine Neigung, autoritär zu
ber diesmal auch nur eine Seite für den ker entfalten können.“ Natürlich, wie sie sagen, wohin es gehe. Sonst wäre die
redaktionellen Werbeartikel zur Verfü- meinen, gegen die „problematische Kol- Wiedervereinigung niemals zustande ge-
gung. In der letzten Nummer hatte Herhof lektivveranstaltung der Tarifautonomie“. kommen. Man macht einem starken
eine ganze Seite inseriert, er kaufte damit Der Herausgeber Gunnar Sohn wendet Staatsmann seine Stärke nicht zum Vor-
zugleich einen zweiseitigen Artikel. sich dagegen, dass „Konservative in wurf. Aber wo ist heute ein solcher Mann
Gegen weitgehende Umweltauflagen Deutschland immer wieder in die rechte zu sehen?“
schreibt Prof. Walter Krämer. Er zitiert Pa- Ecke geschoben oder verdächtigt“ (wer- G. Sohn hatte in seinem Interview be-
racelsus, alles könne je nach Menge giftig den), „eine Scharnierfunktion für Rechts- teuert: „(...) und werde mich auch von
sein. Als Beweis erzählt Krämer eine Ge- radikale auszuüben“. In einem Interview, Herrn Trittin nicht mit brauner Sauce
schichte, die er gehört habe: „Aus Eng- betitelt „Trittin-Ministerium schmeißt übergießen lassen.“ Der Herausgeber
land wird der Fall einer 40-jährigen Frau mit Dreck. Kritische Berichterstattung Sohn hat in der von ihm verantworteten
berichtet, die nach dem versehentlichen über das Müll-Netzwerk des Grünen Zeitschrift criticon, Nr. 173, Frühjahr
Verschlucken eines Haushaltsreinigungs- Punktes soll unterdrückt werden“ berich- 2002, den Lobpreis auf den Faschisten-
mittels den Rat erhielt, soviel Wasser wie tet Sohn: Sein Großvater war jüdischer führer Mussolini veröffentlichen lassen.
möglich zu schlucken, und nach dem Trin- Herkunft, wurde von den Nazis verfolgt Der braune Dreck rinnt aus seiner Zeit-
ken von 15 Litern Wassern unter großen und im KZ ermordet. Seine Großmutter schrift. gba ■
Schmerzen starb.“ Krämer hält die richti- sei Nichtjüdin gewesen. Sohn sagt dann:
ge Dosis ein, schreibt weiter gegen die „Wenn jetzt schon wieder eine Hetzkam- Kommt Schill?
„deutsche Panik-Mafia“ und kennt sich pagne gegen das Ansehen meiner Familie
demnach auch in der italienischen Spra- losgeht, ausgelöst durch eine böswillige Junge Freiheit Nr. 27/02 vom 28. Juni 2002
che ein wenig aus. In einem Zusatz infor- Ablenkungsintrige des Trittin-Ministeri- Mit vorsichtiger Zufriedenheit kommen-
miert die criticon-Redaktion: „Walter Krä- ums, werde ich mich in der Öffentlichkeit tiert das Blatt den Beschluss des Partei-
tags der Partei Rechtsstaatliche Offensi-
ve, an der Bundestagswahl teilzunehmen:
BESTELLUNG: Hiermit bestelle ich … Stück pro Ausgabe (Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt)
„Eigentlich spricht alles gegen eine Kan-
O Halbjahres-Abo, 13 Hefte 22 Euro
Erscheinungsweise: didatur dieser Partei. Dass dennoch der
O Förder-Abo, 13 Hefte 27 Euro 14-täglich Druck der Parteimitglieder so groß war,
O Jahres-Abo, 26 Hefte 44 Euro
liegt auch an der trotz Stoiber offensicht-
O Förder-Abo, 26 Hefte 54 Euro
lichen Repräsentationslücke des deut-
O Schüler-Abo, 26 Hefte 28 Euro
O Ich möchte Mitglied im Förderverein Antifaschistische Nachrichten werden. Der Verein unterstützt finanziell
schen Parteiensystems. Es fehlt eine Par-
und politisch die Herausgabe der Antifaschistischen Nachrichten (Mindestjahresbeitrag 60,- DM). tei, die wie die FPÖ in Österreich, die
Einzugsermächtigung: Hiermit ermächtige ich den GNN-Verlag widerruflich, den Rechnungsbetrag zu Lasten Partei des ermordeten Pim Fortuyn in den
meines Kontos abzubuchen. (ansonsten gegen Rechnung) Niederlanden oder die Volkspartei in Dä-
nemark den massenhaften bürgerlichen
Name: Adresse: Protest gegen kaum unterscheidbare eta-
blierte Parteien artikuliert ... Es wäre aber
Konto-Nr. / BLZ Genaue Bezeichnung des kontoführenden Kreditinstituts eine nicht chancenlose Premiere, wenn
eine bereits an einer Landesregierung be-
Unterschrift
teiligte populistische Partei deutschland-
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln, Tel. 0221 – 21 16 58, Fax 21 53 73, email: gnn-koeln@netcologne.de
weit zu wählen wäre.“ Die Junge Freiheit
Bankverbindung: Postbank Köln, BLZ 370 100 50, Kontonummer 10419507
auf der Suche nach der nächsten Partei.
uld ■

16 : antifaschistische nachrichten 14-2002