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:antifaschistische Nr.

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nachrichten g 3336 15.8.2002 18. jahrg./issn 0945-3946 1,30 ¤

§Berlin. Über 1000 Menschen haben am


20. Juli gegen das Bundeswehrgelöbnis
in Berlin demonstriert. Damit folgten dem
Aufruf des Bündnisses Gelöbnix6, den 40 Or-
ganisationen unterstützten, mehr Demonstran-
tInnen als erwartet. Auf der Demonstration
sprachen unter anderem der Wehrmachtsde-
serteur Ludwig Baumann, Vorsitzender der
Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz,
und die Abgeordnete des Europaparlaments
Ilka Schröder. In dem Bericht des Bündnisses
heißt es: „Das Ziel der Demonstration, ein öf-
fentliches Gelöbnis zu verhindern, wurde er-
reicht: Die Verschwörung zum Totschlag fand
als geschlossene Veranstaltung hinter einem
Schutzwall von Polizei und Feldjägern statt. Die
Demonstration musste deshalb knapp 300 Me-
ter vor dem Gelöbnisort enden. “
Bündnis Gelöbnix6, Tel. 030/61 07 44 11
Foto: arbeiterfotografie

Der „Bund der Vertriebenen“


(BdV) beginnt, europaweit
Unterstützung für das geplan-
„Vertriebene unterschiedlicher
te „Zentrum gegen Vertreibungen“
zu sammeln.
Volksgruppen“ unterstützen
Am 5. August – dem Jahrestag der Pro- Zentrum gegen Vertreibungen
klamation der „Charta der deutschen
Heimatvertriebenen“ – sprachen sich die blik Tschetschenien geflohene Russin gen“ zu organisieren, sollte nicht unter-
BdV-Vorsitzende Erika Steinbach und (von der „Bewegung der tschetscheni- schätzt werden. Schon einmal – gegen
der Generalsekretär der „Gesellschaft schen Flüchtlinge in Deutschland“), eine Ende der 1960er Jahre – hat der Verband
für bedrohte Völker“ (GfbV), Tilman bosnische Muslimin und einen Sprecher mit seinen damaligen „Europa-Kongres-
Zülch, in einer gemeinsamen Pressekon- der Roma aus dem Kosovo. „Vertriebene sen“, an denen Einzelpersonen und Or-
ferenz einstimmig für die Errichtung ei- unterschiedlicher Volksgruppen“, so der ganisationen aus ganz Westeuropa teil-
nes „Zentrums gegen Vertreibungen“ in BdV, „haben durch ihre Anwesenheit nahmen, eine Entwicklung angestoßen,
Berlin aus. Die GfbV – nach eigenen ihre Solidarität mit einem Zentrum ge- die in die europaweite Wiederbelebung
Angaben „die größte Menschenrechtsor- gen Vertreibungen in Berlin bekräftigt.“ der Paneuropa-Union in den 1970er Jah-
ganisation in Deutschland nach amnesty Steinbach und Konsorten wollen ren mündete. Damals ging es vor allem
international“ - steht mit ihrer Kritik an Deutschland offenbar zur Schutzmacht darum, in einem Bündnis mit der west-
den in Folge des Zweiten Weltkriegs aller „Vertriebenen“ erklären: „Für Ver- europäischen Rechten den Realsozia-
durchgeführten Umsiedlungen dem BdV triebene unterschiedlicher Völker“ sei lismus in Ost- und Südosteuropa nieder-
schon lange nahe. Berlin „leicht erreichbarer Anlaufpunkt“, zukämpfen, und die Paneuropa-Union
Dem BdV und der GfbV ist es gelun- erklärt der BdV. spielte dabei eine nicht unbedeutende
gen, Bürgerkriegsopfer aus verschiede- Um europaweite Unterstützung für das Rolle. Heute geht es unter anderem um
nen europäischen Staaten zur Teilnahme „Zentrum“-Projekt ist Steinbach schon die Durchsetzung des „Rechts auf Hei-
an der Pressekonferenz zu bewegen – seit geraumer Zeit bemüht. Im April mat“, und wieder beginnt der BdV, euro-
darunter eine aus Kroatien vertriebene nahm sie an der zentralen Gedenkfeier paweit Hilfstruppen für dieses Projekt zu
Serbin, eine aus der russischen Teilrepu- für die Opfer des Genozids an Armenie- sammeln. Ganz besonders werden dabei
rinnen und Armeniern im Jahr 1915 teil – die deutschen „Vertriebenen“ profitieren,
auf Einladung des „Zentralrates der Ar- deren Ansprüche auf ihre Herkunftsge-
menier in Deutschland“. Sie wolle mit ih- biete wohl früher oder später wirksam
Aus dem Inhalt: rer Teilnahme an der Gedenkfeier die werden. Mit dem Versprechen, vom
Tödliches Heimweh „Solidarität“ des „Zentrums gegen Ver- „Recht auf Heimat“ mitprofitieren zu
eines Zwangsarbeiters . . . . . . . 6 treibungen“ mit den ermordeten Arme- können, dürfte es ihnen jedoch gelingen,
Schlechte Zeiten für Frank- nierinnen und Armeniern deutlich ma- das eine oder andere „vertriebene Volk“
reichs Hardcore-faschisten . . . 7 chen, erklärte Steinbach damals. zur Mitarbeit an der Durchsetzung deut-
Die Fähigkeit des BdV, eine europäi- scher Hegemonialpolitik zu bewegen.
sche „Internationale gegen Vertreibun- Jörg Kronauer ■
: meldungen, aktionen
rers des „Traditionsverbandes“, des Di-
plom- Kaufmannes Hermann Mietz,
ist Emden. Hier hatte Mietz in den 70er
Bevölkerungspolitiker in schaft“ auf, die 1954 von Prof. Herman Jahren der Bundesführung des „Deut-
Eisenach Wirth, dem eigentlichen Vater des späte- schen Jugendbund“ (DJB) angehört, be-
ren SS-Institutes „Deutsches Ahnener- vor er sich für die „Nationale Jugend
Eisenach/Leonberg. Die „Deutsche be“, gegründet worden war. Der langjäh- Ostfriesland“ (NJO) engagierte. In ei-
Studiengemeinschaft“ (DSG) mit Sitz in rige Vorsitzende der „Gesellschaft für nem Brief vom 12. März 1980 schrieb
Leonberg führt vom 4. bis 6. Oktober im europäische Urgemeinschaftskunde“, Mietz u.a.: Die NJO „ist kein Verein,
„Haus Hainstein“ in Eisenach eine Ta- Paul Rohkst, heute Ehrenvorsitzender sondern versteht sich als Sammelbecken
gung unter dem Titel „Bevölkerungspoli- von „Ur-Europa e.V.“, veröffentlichte aller volkstreuen, nationalen Kräfte Ost-
tik. Demographischer Wandel und Zu- 1988 einen Leserbrief in der „Deutschen frieslands“. „In unseren Reihen befinden
wanderung“ durch. „Die unwürdige par- Wochenzeitung“ und ist Ehrenmitglied sich Kameraden des Deutschen Jugend-
lamentarische Behandlung der Zuwande- des „Vereins der Deutschen Estlands“. bundes, der Nationalen Pfadfinderschaft,
rungsgesetze folgt einer ideologischen Auf der diesjährigen Tagung in Bad der Wiking-Jugend u.s.w.“. Berichtet
Verblendung, die die Gefahr einer Bevöl- Laer referieren neben dem Ehrenvorsit- wird in dem Brief auch über „Gelände-
kerungsumwandlung zum Nachteil unse- zenden Paul Rohkst („Entdeckung und spiele“ und die Teilnahme der Gruppe an
rer deutschen Stammbevölkerung in sich Bedeutung von Großskulpturen aus der der Diksmuide-Feier der flämischen Na-
birgt“, heißt es in der Einladung zu die- Vorzeit“) u.a. Matthias Wenger („Die tionalisten. hma ■
ser Tagung. „Wir alle sind aufgerufen, Wesensart des jahreszeitlichen Erlebens
uns für die Erhaltung unseres deutschen im geschichtlichen Kontext der alteuro- Herbsttagung im Südharz
Volkes sowie seiner Kultur und damit ei- päischen Religion“), ehemals Mitarbei-
ner erstrebenswerten Lebensgrundlage ter der Zeitschrift „Heidenspass“ und Südharz/Eckernförde. Die neofa-
für die kommenden Generationen einzu- Mitherausgeber der Zeitschrift „Der schistische Zeitschrift „Recht und Wahr-
setzen“, meint die DSG, deren Führungs- Hain“ und Ralf Koneckis („Märchenhaf- heit“ führt ihre diesjährige Herbsttagung
kreis u.a. der ehemalige NPD-Funktionär ter Himmel – Himmlische Märchen“). vom 25. bis 27. Oktober wieder im Süd-
Dr. Felix Buck, der CDU-Mann und Bur- Eine im Rahmen der Tagung stattfin- harz durch. Nachdem der Herausgeber
schenschafter Dr. Albrecht Jebens, der dende Busexkursion wird von Oberstu- von „Recht und Wahrheit“, der 1996
ehemalige U-Boot-Kapitän und „Repu- dienrat Rolf Bökemeier geleitet, Autor wegen Leugnung des Massenmordes an
blikaner“-Funktionär Günter Poser und eines im „Grabert-Verlag“ erschienenen den Jüdinnen und Juden zu einer Geld-
der ehemalige NPD-Landtagsabgeordne- Buches über die Varusschlacht. Derzeiti- und Bewährungsstrafe verurteilte Georg
te Dr. Rolf Kosiek angehören. Nach ei- ger Vorsitzender des Vereins „Ur-Euro- Albert Bosse, nun im spanischen Tene-
ner Tagung des „DSG-Führungskreises“ pa“ ist der Oberstudienrat a.D. Renke riffa weilt, wurde die Leitung der „Tage
am Freitagnachmittag eröffnet am Abend Borchert aus Tornesch, 1999 Mitunter- der Gemeinschaft“ von dem ehemaligen
der DSG-Aktivist Dr. Edmund Sawall, zeichner eines Aufrufes der „Staats- und NPD-Bundesvorsitzenden Günter De-
zugleich Autor der neofaschistischen Wirtschaftspolitischen Gesellschaft“ ckert, vorbestrafter Oberstudienrat a.D.
Zeitschrift „Nation und Europa“, die Ta- (SWG) gegen die Ausstellung „Vernich- aus Weinheim, übernommen. In seinem
gung. tungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht Aufruf zur diesjährigen Herbsttagung
Am Samstag referieren der Vorsitzen- 1941 - 1944“. Schatzmeister ist Jörg Fi- der „Recht und Wahrheit“-Lesergemein-
de des „Schutzbund für das Deutsche scher aus Neu Wulmstorf. hma ■ schaft schreibt Bosse u.a.: „Unsere Zeit
Volk“ (SDV), Heilwig Holland, Anfang ist noch nicht gekommen. Aber sie
der 90er Jahre bei den sog. „Republika- Nordbruch in Bad Lauter- kommt! Halten wir uns für diesen Zeit-
nern“ aktiv, Prof. Dr. Theodor Schmidt- punkt bereit. Aber dann müssen wir dazu
Kaler, 1981 Mitunterzeichner des rassis- berg fähig sein, das zu tun, was zu tun nötig
tischen „Heidelberger Manifestes“, die Bad Lauterberg/Emden. Der „Tradi- ist.“ Die Frühjahrstagung von „Recht
Hamburger Rechtsanwältin Gisela Pahl, tionsverband ehemaliger Schutz- und und Wahrheit“ fand im Waldhotel „Huf-
Referentin u.a. bei den „Deutschen Kon- Überseetruppen/ Freunde der früheren haus“ in Ilfeld/Südharz statt. hma ■
servativen“, Ex-NPD-Funktionär Dr. Fe- deutschen Schutzgebiete e.V.“ führt sein
lix Buck und Dipl. Ing. Wolfram Ziegler diesjähriges Verbandstreffen wiederum Schill auf dem Alexander-
(„Zukunft ohne Zuwanderung“). Die Ta- im Bad Lauterberger Kurhaus durch.
gung endet am Sonntagmittag mit Refe- Wie bereits im vergangenen Jahr soll platz
raten von Dr. Friedrich Löffler, vor zwei dort auch wieder der in Südafrika leben- Berlin. Unter der Überschrift „Schluß
Jahren auch Referent bei der neofaschis- de Dr. Claus Nordbruch referieren. mit dem Unsinn! Mit Sicherheit Schill!“
tischen „Gesellschaft für freie Publizis- Nordbruch, der einen Vortrag über „die wirbt die „Partei Rechtsstaatliche Offen-
tik“ und Dr. Albrecht Jebens, ehemals Beendigung des Burenkrieges vor 100 sive“ (PRO) ganzseitig in der Wochen-
Geschäftsführer der „Stiftung Ostdeut- Jahren mit Berücksichtigung der deut- zeitung „Junge Freiheit“ (33/02) für ih-
scher Kulturrat“. hma ■ schen Freiwilligen“ halten soll, ist u.a. ren Spitzenkandidaten, den Hamburger
Autor in der „Deutschen National-Zei- Richter Ronald B. Schill. Angekündigt
„Ur-Euopäer“ in Bad Laer tung“, im NPD-Organ „Deutsche Stim- wird die „deutschlandweite Aufstellung
me“, der Zeitschrift „Nation und Euro- von 3000 Großplakaten“ und eine „große
Bad Laer/Tornesch. Der Verein „Ur- pa“ und der „Deutschen Militärzeit- Kundgebung mit Ronald B. Schill auf
Europa e.V. – Gemeinnützige Gesell- schrift“. Einen Preis der „Stiftung Ost- dem Alexanderplatz in Berlin“ am 20.
schaft für europäische Urgeschichte“ deutscher Kulturrat“ erhielt der ehemali- September. hma ■
führt seine diesjährige Vortragstagung ge Bundeswehroffizier ebenso wie den
vom 4. bis 7. Oktober im großen Saal des „Freiheitspreis“ der „Deutschen Natio- Schweigemarsch in Berlin
Hauses Mönter-Meyer in Bad Laer bei nal-Zeitung“. Grußworte erwarten die
Osnabrück durch. Der Verein trat in der Veranstalter in dem „unentgeltlich zur Berlin. Die Berliner „Republikaner“
Vergangenheit unter dem Namen „Ge- Verfügung“ gestellten Kurhaus auch von veranstalten aus Anlass des 41. Jahresta-
sellschaft für europäische Urgemein- „Vertretern der Stadt“ und „befreundeten ges des „Mauerbaus“ am Samstag, den
schaftskunde e.V./Herman-Wirth-Gesell- Verbänden“. Wohnort des Geschäftsfüh- 17. August einen Schweigemarsch zum

2 : antifaschistische nachrichten 17-2002


Gedenken an den 40.Todestag von Peter beigetragen habe, dass die Neonazis in ten haben, bleibt auch in dem Schriftsatz
Fechter. Treffpunkt ist um 14 Uhr die den vergangenen Jahren Zulauf in Zittau weiter offen.
Kreuzung Karl-Liebknecht-Straße/Ecke hatten“. Gegen 30 Mitglieder und An- Die Innenminister geben nicht mehr
Mollstraße. hma ■ hänger des NJB ermittelt die Staatsan- preis, als ohnehin bekannt war. 15 Pro-
waltschaft wegen Verstoßes gegen das zent aller Mitglieder in Landesvorstän-
Knütter droht Ermahnung Waffengesetz und wegen Volksverhet- den und Bundesvorstand der NPD waren
zung. Bei einer Durchsuchung des Ver- von 1997 bis 2002 V-Leute des Bundes-
Bonn. Der emeritierte Professor Hans- einshauses hatte die Polizei selbst gefer- amtes oder der Landesämter. Das sind
Helmuth Knütter beschäftigt die CDU tigte Brandbomben, Luftgewehre und umgerechnet mindestens 30, möglicher-
des Rhein-Sieg-Kreises. Nachdem ein CDs mit Neonazi-Musik sichergestellt. weise sogar 84 V-Leute in NPD-Füh-
Beitrag in der ARD-Sendung Panorama Gemeinnützig und förderungswürdig? rungspositionen. Welche Straftaten diese
vor sechs Wochen im Ortsverband Born- Tatsache ist: Dank kommunaler För- V-Leute veranlasst oder selbst begangen
heim-Rösberg und im Ort selbst für Wir- derung hat sich der NJB, der sich bereits haben, wie viele Angriffe auf Flüchtlin-
bel sorgte, will jetzt der Kreisverband 1992 gründete, in den letzten Jahren er- ge, Obdachlose oder andere Opfer der
den Politikwissenschaftler der Bonner folgreich etablieren können und er hat Neonazis, welche Hakenkreuzschmiere-
Universität wegen seiner Äußerungen auch ganz offen seine Ziele genannt. In reien, Brandstiftungen etc. auf ihr Konto
zur Rede stellen. In dem Fernseh-Beitrag seiner Satzung heißt es, Vereinszweck gehen – kurz: der ganze Dreck, den die
ging es um einen Auftritt Knütters auf sei „National gesinnte Jugendliche zu VS-Ämter beim Thema V-Leute in der
dem Jahreskongress 2001 der Gesell- sammeln, die Basis für eine sinnvolle NPD am Stecken haben, soll unter dem
schaft für freie Publizistik, die Kontakte Freizeitgestaltung im Kreise Gleichge- Teppich bleiben.
zur rechtsextremen Szene unterhält. Pa- sinnter zu ermöglichen, im Sinne des na- Ich hoffe, dass das Verfassungsgericht
norama sendete den Mitschnitt einer tionalen Grundgedankens die rechts- diese Vertuschung nicht mitmacht, son-
Rede, in der Knütter, der heute noch Prü- orientierte Jugend zu sammeln und das dern auf der Aufdeckung der V-Leute-
fungen an der Uni abhält, indirekt zu Nationale Erbe zu pflegen“. Struktur beharrt. Das ganze Netz muss
Saalschlachten und Straßenkämpfen auf- FR 7.8.02. - u.b. ■ aufgedeckt werden. Zumal diese V-Leute
rief, um „politische Ziele“ durchzuset- mit den vielen Steuergeldern, die sie in
zen. Die älteren Zuhörer im Saal, darun- NPD-Verbotsverfahren: Re- den letzten Jahren bekommen haben, der
ter NPD-Vertreter, rief er zu Geldspen- NPD zu keinem Zeitpunkt geschadet ha-
den für „Aktionen“ auf. Der Vorsitzende gierung umgeht Bundestag ben.“ Ulla Jelpke ■
der CDU Rhein-Sieg, Andreas Kraut- Berlin. Zu dem Ende Juli beim Bundes-
scheid, sagte gegenüber dem Bonner Ge- verfassungsgericht eingereichten Schrift- Prozess gegen SSS hat
neral-Anzeiger: „Herrn Knütter ist klar- satz von Bundesregierung, Bun-desrat
gemacht worden, dass solche Äußerun- und Bundestag im NPD-Verbotsverfah- begonnen
gen in der CDU nichts zu suchen haben.“ ren erklärt die innenpolitische Spreche- Dresden. Der Prozess gegen sieben Mit-
Ein Parteiausschlussverfahren schloss rin der PDS-Bundestagsfraktion, Ulla glieder der verbotenen Gruppe „Skin-
Krautscheid nicht aus, doch so weit sei Jelpke: heads Sächsische Schweiz“ (SSS) hat am
es noch nicht. Zunächst wolle die CDU „Die Bundesregierung und die Bun- 5.8. in Dresden begonnen. Die Staatsan-
mit Knütter reden und ihn gegebenen- des- und Landesämter für Verfassungs- waltschaft wirft ihnen vor, mit der Orga-
falls formell ermahnen. Bisher sei Pro- schutz schalten das Verfassungsorgan nisation SSS eine kriminelle Vereinigung
fessor Knütter in der CDU „nie negativ Deutscher Bundestag im NPD-Verbots- gegründet zu haben. Im Sommer 2000
aufgefallen.“ verfahren völlig aus. Obwohl ich die ver- hatte die Polizei in 50 Wohnungen
Quelle: General-Anzeiger, 18.7.2002 ■ antwortliche Obfrau meiner Fraktion im Sprengstoff, Teile von Feuerwaffen und
Verbotsverfahren bin, habe ich den ge- neofaschistisches Propagandamaterial si-
Neuer Ärger um Zittauer meinsamen Schriftsatz aller Prozessbe- chergestellt. Ziel der SSS sei es gewesen,
vollmächtigten erst heute morgen, also die Sächsische Schweiz von Andersden-
Neonazis mehrere Tage nach der Absendung an kenden und Ausländern zu „säubern. Da-
Zittau. Nicht nur, dass der Zittauer Stadt- das Verfassungsgericht, erhalten. bei sei sie zum Teil mit „äußerster Ge-
rat beschloss, dem „Nationalen Jugend- Zwanzig zum Teil voluminöse Anla- walt“ vorgegangen“, so der sächsische
block Zittau“ (NJB) ein Haus in Erb- gen, darunter dienstliche Erklärungen al- Verfassungsschutz. Noch vor Verlesung
pacht zu überlassen und damit einen An- ler Innenminister und -Senatoren, der der Anklage vertagte sich das Gericht,
laufpunkt für Neonazis der Region zu Innenstaatssekretäre und Leiter der Ver- weil die Verteidigung die Offenlegung
schaffen, jetzt wurde außerdem bekannt, fassungsschutzämter liegen mir noch im- aller Akten forderte. Im Juli 2002 hatte
dass der Kreis Zittau-Löbau 1999 und mer nicht vor. Die von mir angeforderte das sächsische Innenministerium einen
2000 durch das Jugendamt insgesamt Liste mit den Namen aller V-Leute in der Teil der Ermittlungsakten gesperrt mit
umgerechnet 1732 Euro Fördergeld an NPD habe ich bis heute nicht. Statt die der Begründung, dass durch deren Veröf-
den NJB zahlte. Der Verein verfolge ge- Exekutive zu kontrollieren, wie es die fentlichung die nachrichtendienstliche
meinnützige Zwecke, deshalb habe die Verfassung vorschreibt, wird der Tätigkeit des sächsischen Verfassungs-
Auszahlung den Richtlinien des Kreises Bundestag im NPD-Verbotsverfahren schutzes würde gefährdet. Auch das
entsprochen, so die Behörde. Beim Fi- von den Innenministern an der Nase her- Landgericht erhielt keine Einsicht.
nanzamt Zittau ist der NJB allerdings umgeführt, instrumentalisiert und über Wie das „Neue Deutschland“ vom 9.
nicht als gemeinnützig anerkannt, eine wichtige Fakten im Dunkeln gelassen. August berichtet, werden die Angeklag-
Verpflichtung zu dieser Zahlung hat es In der Sache bringt der Schriftsatz ten u.a. verteidigt von Carsten Schrank
also nie gegeben. nichts wirklich Neues. Dass die V-Leute und Günther Herzogenrath-Adelung.
Der Fall wird jetzt auch die Landesre- Fleisch vom Fleisch der NPD waren und Beide haben den Aufruf „Ja zu Deutsch-
gierung beschäftigen. Die PDS hat sind, war schon immer klar. Anders lau- land, ja zur NPD“, der sich gegen ein
Innenminister Rasch (CDU) aufgefor- tende Schutzbehauptungen der NPD wa- Verbot der NPD richtet, unterzeichnet.
dert, den NJB endlich zu verbieten. Laut ren und sind absurd. Die wichtige Frage Herzogenrath-Adelung beriet schon
Verfassungsschutzbericht ist der NJB aber, ob sich die Verfassungsschutzbe- Erich Priebke und verteidigte Jens Püh-
„eine aktive neonationalsozialistische hörden bei der Anwerbung und Führung se, der einen unter Neofaschisten
Organisation“, die entscheidend dazu der V-Leute an Recht und Gesetz gehal- bundesweit bekannten Versandhandel

: antifaschistische nachrichten 17-2002 3


betreibt. Schranks „Durchbruch“ als An- Front National ohne Veran- ten in die Medienöffentlichkeit zurückzu-
walt der rechten Szene – so ND – sei auf staltungen - BBR fällt aus kehren versuchen, muss auf jeden Fall
den Prozess um den Tod von Farid Guen- vom Bestehen einer Außenwirkung ausge-
duol (Omar ben Nui), der in Guben von Paris. Welch ein Jammer aber auch: In gangen werden. Der christdemokratische
Rechtsextremen zu Tode gehetzt worden diesem Jahr muss das BBR-Fest des Front UDF-Bürgermeister von Annecy, Bernard
war, zurückzuführen: „Schrank torpe- National (Bleu-Blanc-Rouge, für die Na- Bosson, forderte das Kongresszentrum da-
dierte das Verfahren zusammen mit an- tionalfarben Blau-Weiß-Rot) leider ausfal- her zur Kündigung des Vertrags mit dem
deren Verteidigern durch ein, wie Be- len. Seit 1981 veranstaltet die neofaschis- FN auf.
richterstatter schrieben, ,Sperrfeuer ob- tische Partei jährlich am letzten Wochen- Der FN verklagte zunächst Bürgermeis-
struser Anträge, Rügen, Beanstandungen ende im September diese Art politischer ter Bosson vor dem Verwaltungsgericht in
und Befangenheitsanträgen’“ – eine Kirmes mit rund 10.000 Besuchern, mit Grenoble, wegen parteipolitischer Diskri-
Strategie, die offensichtlich auch im Pro- Abschlussrede von Jean-Marie Le Pen als minierung. Doch Pech gehabt: Die Ver-
zess um die SSS verfolgt wird. Höhepunkt. Seit den frühen Neunziger tragskündigung durch das Kongresszen-
Am 7.8. wurde der Prozess fortgesetzt. Jahren findet das BBR-Fest, das ursprüng- trum war bereits erfolgt, bevor Bosson ein
Einer der Angeklagten erklärte, die Vor- lich als Gegenveranstaltung zur Fête de offizielles Schreiben an dessen Verwalter
würfe der Anklage seien zutreffend. Er l’Huma - dem Pressefest der KP-Tageszei- gerichtet hatte – mündliche Informationen
wolle zur Sache aussagen und aus der tung ,L’Humanité‘, Mitte September hatten den Betreibern genügt, um aus dem
Neonaziszene aussteigen. Zum Antrag (mehrere 100.000 Besucher) – konzipiert Vertrag auszusteigen. Das Gericht verwarf
der Verteidigung auf Einstellung des Ver- war, auf der Pelouse de Reuilly statt. Diese daher am 9. August die Klage des FN.
fahrens, weil das Innenministerium An- Rasenfläche gehört zum Bois de Vincen- Nunmehr klagt die neofaschistische Partei
gaben über die Zahl und die Rolle von V- nes, dem Pariser Stadtwald im Südosten direkt gegen das Kongresszentrum. Doch
Leuten in der Skinhead-Organisation der Hauptstadt. Doch dieses Jahr konnte mit geringen Erfolgsaussichten. Die Num-
verweigere, hat die Kammer unter Vor- das Pariser Rathaus die Fläche leider, lei- mer Zwei des FN, Bruno Gollnisch, wird
sitz von Richter Tom Maciejewski noch der nicht zur Verfügung stellen – dort fin- sich also weiterhin über die „totalitäre De-
keine Entscheidung getroffen. det nämlich das „Jahr des Zirkus“ statt. mokratie à la française“ beklagen können,
Der weitere Verlauf des Prozesses ist Der Faschisten-Zirkus muss daher umzie- wie am 9. August vor Gericht.
sicher auch in Hinblick auf das anstehen- hen. Doch nirgendwo anders will man ihn BhS, Paris ■
de NPD-Verbotsverfahren wichtig. Die haben. Pech aber auch.
Rolle der V-Leute in neofaschistischen Doch noch größer ist das Unglück: Heß-Gedenkmarsch und
Organisationen und ihre Involvierung in Auch die jährliche Sommeruniversität des
Straftaten muss offengelegt werden. Das FN wird voraussichtlich nicht stattfinden Gegenaktion verboten?
zeigt auch dieses Verfahren. können. Alljährlich nehmen Ende August Wunsiedel. Das Landratsamt Wunsie-
FR 6.+8.8.02 - u.b. ■ rund 600 Kader und Aktivisten der Partei del hat den Heß-Gedenkmarsch verbo-
an dieser Fortbildungs- und Debattenver- ten, so die Antifagruppe Bayreuth in ei-
Demonstration gegen das anstaltung teil, die eine knappe Woche ner Pressemitteilung. Auch wurde ihr
dauert. (Das ist um die selbe Zeit auch bei mitgeteilt, dass das Verbot der Gegenver-
„Collegium Humanum“ anderen Parteien üblich, von der trotzkisti- anstaltung geprüft wird. Begründet wird
Vlotho. Schon seit Jahrzehnten können schen LCR bis zum gaullistischen RPR.) dieser Schritt mit der Annahme, dass
sich faschistische Organisationen in Vlo- Doch auch diese Veranstaltung will man „autonome Gruppen planen, beim De-
tho (NRW), im Collegium Humanum irgendwie nirgendwo so richtig haben. monstrationszug am Nachmittag des
(CH) in der Bretthorststraße 204, auf Anfang Juli hatte der sozialistische Bür- 17.8.2002 sog. „Schwarze Blocks“ zu
dem Winterberg treffen. Seit gut zwei germeister in Pau (Südwestfrankreich), bilden und auch die Anreise anderer
Jahren nutzen wieder verstärkt unter- André Labarrère, die FN-Veranstaltung Gruppen aus dem linksextremistischen
schiedliche Gruppen der extremen Rech- für unerwünscht erklärt, und das aus offen Spektrum“ befürchtet werden müsse.
ten, die ehemalige Heimvolkshochschule inhaltlichen Gründen. Die rechtsextreme Das ist die gleiche Argumentation, mit
als Veranstaltungsort. Das Collegium Partei hatte sich gefügt, und die ursprüng- der das Landratsamt schon im letzten
knüpft damit an seine Bedeutung in den lich in Pau vorgesehene Veranstaltung zu Jahr die Aktion zu verhindern suchte.
1980er und frühen 1990er Jahren an, als verlegen versucht. Zum damaligen Zeit- Das örtliche Bündnis wird u.a. von
in ihm bundesweite Treffen der extremen punkt schien das nicht so schlimm, denn Gewerkschaften, DKP, PDS, Gliederun-
Rechten stattfanden. Durch seine Bil- am 26. und 27. August soll im ostfranzösi- gen von SPD und Grünen, Vertreter von
dungsarbeit versucht das CH, völkisch- schen Annecy die Fortbildungstagung für Israelitischen Kultusgemeinden und anti-
nationalistische Wertevorstellungen vom die Kommunalparlamentarier des FN faschistischen Gruppen aus der Region
rechten Rand in die Mitte der Gesell- stattfinden. Also, so hieß es beim FN, ver- getragen. Wie vergangenes Jahr werden
schaft zu transportieren. Trotz Protesten anstalten wir die Sommeruniversität doch die Veranstalter der Heß-Demo gegen
von AntifaschistInnen und BürgerInnen einfach ab dem 28. August am selben Ort. das Verbot klagen, und es ist davon aus-
fungiert das CH noch immer als Koordi- Doch oh Jammer und Wehgeschrei: Das zugehen, dass sie wieder Erfolg haben
nationszentrum im Netzwerk rechtsradi- Kongresszentrum der Stadt Annecy ist werden. So behindert das Vorgehen des
kaler und neofaschistischer Gruppen und zwar, aus Gründen der Gleichbehandlung Landratsamts Wunsiedel die Mobilisie-
Organisationen. Junge Linke Herford, zwischen politischen Parteien, juristisch rung der Antifaschisten, wird jedoch die
DGB Ortskartell Vlotho, AKE e.V., DIG zur Beherbergung der Fortbildungstagung Anmelder des Heß-Aufmarsches kaum
Vlotho, verdi Bezirk, Kultur Kooperati- für die Kommunalparlamentarier ver- irritieren.
ve Vlotho, Ladengruppe Infoladen An- pflichtet. Aber die Statuten des Kongress- Der Einspruch gegen die Verbotsan-
schlag Bielefeld, AG Fossoli, Bezirk zentrums sehen nicht vor, auch Veranstal- kündigung ist bereits eingereicht und die
SchülerInnenvertretung Herford, Junge tungen unterzubringen, die eine politische Anmelder sind fest entschlossen, die
Linke Bielefeld, Grüne Liste Vlotho, Außenwirkung haben und an denen – ne- Veranstaltung stattfinden zu lassen. „Wir
Antifa Schaumburg, IG Metall Herford, ben den Parteifunktionären – ein breiteres werden mit allen juristischen Mitteln ge-
U+D e.V. rufen für den 31. August des- Publikum teilnimmt. Zwar nehmen an der gen ein Verbot vorgehen. Wir rufen alle
halb zu einer Demonstration auf, ab 12 Sommeruniversität nur FN-Mitglieder AntifaschistInnen dazu auf, mit uns am
Uhr beim Vlothoer Bahnhof. teil. Aber da alle Parteien, nach der Som- 17. August in Wunsiedel zu demonstrie-
www.nadir.org/nadir ■ merpause, durch ihre Sommeruniversitä- ren!“ AntifaGruppe Bayreuth ■
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„Ich warne vor der Durchrassung des deut- Zitate von Stoiber und Co.

Absonderungen
schen Volkes.“ Edmund Stoiber
„Die Lage ist chaotisch und fast aussichts-
los. Der Münchner Süden muss ab sofort
zur asylantenfreien Zone erklärt werden.“
Dr. Erich Riedel (CSU), ehem. Parlamentari-
aus einem
scher Staatssekretär beim Bundesminister
für Wirtschaft, „taz“ vom 10.4.1992/
„Süddeutschen Zeitung“ vom 16.4.1992
rassistischen Milieu
„Wir brauchen weniger Ausländer, die uns Nebenstehende Zitate aus dem Überlegenheit deutscher Kultur durch
ausnützen, und mehr, die uns nützen.“ engerem politischen Umfeld eine Vielzahl ihrer Träger sein, die eine
Günther Beckstein (CSU), bayrischer Innen- von Kanzlerkandidat Stoiber hierarchische Sicht auf andere Kulturen
minister, am 10. Juni 2000 im Focus und von ihm selber sind nicht ganz ermöglicht, verbunden mit einer tiefen
„Kein Volk wird eine Überfremdung ohne neu, auch nicht ganz unbekannt, und inneren Überzeugung von der Ungleich-
Konflikt hinnehmen, es kann sie gar nicht vor allem nicht vollständig. Wir wol- heit und Ungleichwertigkeit der Men-
hinnehmen (...), weil jedes Volk seine eige- len sie dennoch beispielhaft in Erinne- schen.
ne Art zu leben und sein Recht darauf hat. rung bringen, zum einen als Wahl- Trotz der Gegenkonzepte der Opposi-
Das ist ein Naturrecht jeden Volkes.“ kampfmunition und zum anderen, tion („Proletarier aller Länder vereinigt
Norbert Geis (CDU/CSU-Fraktion) am weil deutlich wird, aus welchem Euch“) strahlt diese Ideologie bis in ihre
26.5.1993 im Bundestag staatstragendem Milieu heraus der Reihen und lässt sich auch dadurch er-
„Das Boot ist mehr als voll, es sinkt bereits. Rassismus und Nationalismus seine klären, dass die vom Staat und den herr-
[...] Wo steht geschrieben, dass Ausländer Wirkungsmacht entfaltet. schenden Klassen produzierte Struktur
dieselben Sozialleistungen erhalten müssen gewordene Ungleichheit wiederum un-
wie Deutsche?“ Klar ist, sollten diese Politiker an die gleiche Denkweisen produziert. Denn
Wolfgang Zeitlmann (CSU), MdB, am Regierungsmacht kommen, werden sie wenn der Staat z.B. Flüchtlinge wie
20.12.1998 in der Berliner Morgenpost den weiteren Ausbau zu einem rassisti- Menschen zweiter Klasse behandelt,
schen, auf Dominanz eines fundamenta- muss an der Zweitklassigkeit dieser
„Wenn wir mit dieser neuen Staatsregie-
listischen „Deutschtums“ basierenden, Menschen irgendetwas dran sein, so der
rung etwa die ganze Kurdenproblematik
BRD-Staat vorantreiben. Einfach zu er- verheerende Trugschluss.
und das damit verbundene massive Gewalt-
klären ist es nicht, warum diese Wir- Zwar haben sich andere Formen und
potential nach Deutschland importieren,
kungsmacht so stark ist. Vorstellungen des Zusammenlebens ne-
schätze ich die Gefährdung der Sicherheits-
Wie kommt es, dass sich solche Zita- ben den herrschenden Kategorien von
lage höher ein als bei der RAF in den Sieb-
te, von Ausnahmen abgesehen, derma- Staat und Nation, (aber auch Familie
ziger- und Achtzigerjahren.“
ßen gehäuft beim SDP-Lager und den und Arbeit) vor allem über die Begriffe
Edmund Stoiber, 4.01.1999, Focus
Bündnisgrünen nicht ausmachen lassen, Solidarität und Gleichheit zwar entwi-
„Der kommt aus dem Flugzeug ‘raus und sondern oft eher gegenläufige, und die ckelt. Diese konnten aber nie so mächtig
wird von der Polizei festgenommen – das rot-grüne Bundesregierung trotzdem werden, dass die Legitimität und Vor-
wäre meine Traumvorstellung.“ eine Politik betreibt, die dem ausländer- machtstellung des herrschenden Diskur-
Günther Beckstein, CSU, zu von einem bay- feindlichen Lager und dem institutiona- ses darüber ernsthaft in Frage gestellt
erischen Gericht geladenen Ausländer: lisierten Rassismus zuarbeitet? Woher wurde.
Süddeutsche Zeitung, 3.2.2000, kam die Schwäche von Rot-Grün bei der So ist der Diskurs über das friedliche
„Es kann nicht sein, dass jemand, der als wahrscheinlich gut gemeinten aber halb- Zusammenleben aller Menschen in der
Leistungsträger in der deutschen Volkswirt- herzigen Einführung der doppelten BRD auch bei wohlmeinenden Deut-
schaft einen Beitrag leisten will, nicht rein Staatsbürgerschaft und wie war es mög- schen zu oft mit der einseitigen Zumu-
darf, wohl aber einer, der nur sagt, ich be- lich, dass die reaktionäre Mobilisierung tung an die Anderen verknüpft, sich
gehre Asyl – unabhängig davon, ob es zu- dagegen aus dem Unionslager so erfolg- irgendwie anzupassen, statt in einen
trifft oder nicht.“ reich war? gegenseitigen Lernprozess zu treten, in
Edmund Stoiber, SZ 1.4.2000 Wenn es auch, aber nicht nur die feh- dem bei Beibehaltung der eigenen Be-
„Sie dürfen nicht vergessen: 70 Prozent der lende eigene, unmittelbare Betroffenheit sonderheiten etwas Neues heraus
Bevölkerung will keinen weiteren Zuzug.“ der handelnden Personen aus dem Re- kommt. Verbunden mit einer Politik, die
Edmund Stoiber, 4.8.2001 gierungslager ist, müssen noch andere glaubt zu wissen, was gut für andere ist,
Faktoren ohne die anderen tatsächlich zu berück-
greifen. sichtigen, ergibt sich dann die weit nach
Ein rechts gerückte rot-grüne Regierungspo-
Faktor litik.
wird wohl Gegen diese Kultur der Ungleichheit
die lange muss eine Kultur der Solidarität und
und ge- Gleichheit weiterentwickelt werden, wie
festigte sie sich im täglichen Miteinander der
Tradition Menschen längst von unten ausbildet.
der einge- Thorsten Jannoff ■
bildeten

Plakat zur Lebenssituation von Flüchtlingen in Thüringen,


im Internet auf der Homepage www.abad-th.de zu se-
hen. Das Plakat kann gegen Porto und Spenden bei
ABAD Gera/AG Asyl, Karl-Schurz-Str. 13. 07545 Gera
oder ABAD Erfurt, Warsbergstr. 1, 99092 Erfurt bestellt
werden (Geld und/oder Briefmarken beilegen).

: antifaschistische nachrichten 17-2002 5


Die, die ihn gekannt hatten, be-
schrieben ihn als „grenzenlos Verein Walerjan Wróbel hält Erinnerung an einen von
naiv“. Naiv, das war er wohl –
und er hatte schreckliches Heimweh den Nazis hingerichteten Jugendlichen wach.
nach seiner Heimat, nach Polen. Des-
halb steckte der 16-jährige Zwangsar-
beiter Walerjan Wróbel am 29. April
Tödliches Heimweh
1941 die Scheune seines „Arbeitgebers“
im jetzigen Bremen-Lesum an. Seine
einfältige Hoffnung: Er würde nach Po-
eines Zwangsarbeiters Von Thomas Klaus
len zurück geschickt werden. Stattdes-
sen wurde Walerjan Wróbel vor dem Der Verein Walerjan Wróbel/Verein Besuchsprogramm auch in den nächsten
Bremer Sondergericht der Prozess ge- Zwangsarbeit e.V. mit Sitz beim Staats- Jahren fortgesetzt werden könnte“, so
macht. Die Juristen wollten keine Gnade archiv in Bremen macht sich dafür stark, Eva Determann. Konkret: Finanzielle
walten lassen. Dabei hätten sie ihn auch dass der Fall des jungen Zwangsarbei- Mittel sollten so lange bereit gestellt
wegen „einfacher“ Brandstiftung bestra- ters nicht vollends in Vergessenheit ge- werden, wie Zwangsarbeiter am Leben
fen können; schließlich ist eine Scheune rät. Und er nimmt sich intensiv des The- sind, die diese Reise antreten können.
kein Wohnhaus. Doch so verurteilten sie mas der Zwangsarbeit unter dem Nazi- ■ Beschäftigt in der gesamten
den Jugendlichen zum Tode. Am 25. Regime an. Wirtschaft
August 1942, vor nunmehr 60 Jahren,
wurde das Urteil vollstreckt und Wa- Die selbstständige Historikerin Eva Als im Mai 1945 der Zweite Weltkrieg
lerjan in Hamburg hingerichtet. Determann ist wissenschaftliche Mitar- zu Ende ging, fanden die Alliierten im
beiterin des Vereins. Sie beschreibt seine Reichsgebiet rund neun Millionen Men-
wichtigsten Aufgaben: „Wir pflegen schen vor, die aus ihren Heimatländern
+++ 14. Antifa-Workcamp Weimar/ Kontakte zu ehemaligen Zwangsarbeite- zur Zwangsarbeit in Deutschland ver-
Buchenwald endete am Samstag rinnen und Zwangsarbeitern, wollen ih- schleppt worden waren. Eine Liste aus
27. Juli +++ praktische nen humanitär helfen und spenden des- dem September 1944 weist in der Freien
Arbeitsprojekte waren erfolgreich halb Medikamente oder Geld.“ Der Ver- Hansestadt Bremen fast 39.000 „Fremd-
+++ Broschüre zum „Speziallager ein Walerjan Wróbel ist ebenfalls zur arbeiter“ nach, davon rund 15.000 aus
2“ entstanden +++ Stelle, wenn Zwangsarbeiter Dokumente „dem Osten“. Ferner mussten zwischen
brauchen, damit sie eine staatliche Ent- 1942 und 1945 etwa 8.000 Häftlinge der
Am 27.7. ging das 14. Antifa-Work- schädigung beantragen können, oder Konzentrationslager Neuengamme und
camp Weimar/Buchenwald zu Ende. Übersetzungen vorgenommen werden Auschwitz in Bremen Zwangsarbeit ver-
Die ca. 200 TeilnehmerInnen aus dem müssen. Außerdem bemüht er sich um richten. In der gesamten bremischen
gesamten Bundesgebiet, den Nieder- eine wissenschaftliche Aufarbeitung des Wirtschaft wurden diese Zwangsarbeiter
landen und Polen haben eine ereignis- Zwangsarbeits-Themas und um breite beschäftigt. Dabei reichte das Spektrum
reiche Woche hinter sich. Die prakti- Öffentlichkeitsarbeit. von einzelnen Bauern im bremischen
schen Arbeitsprojekte des Workcamps Umland über kleine und mittlere Firmen
waren auch anno 2002 sehr erfolgreich. Wesentliches Tätigkeitsfeld des Ver- bis hin zu großen Unternehmen der Rüs-
Mit den Projekten „Steinbruch“ und eins: die Betreuung ehemaliger Zwangs- tungsindustrie. Auch die Stadtgemeinde
„Bahndamm“ konnten sogar zwei völ- arbeiter bei ihren Besuchen in Bremer- Bremen griff auf die billigen Arbeits-
lig abgeschlossen werden, so dass in haven und Bremen. Erst Ende Mai die- kräfte zurück, zum Beispiel für das Rei-
den kommenden Jahren verstärkt einer ses Jahres war eine Gruppe aus der Rus- nigen von Straßen und den Bau von
Archivrecherche nachgegangen werden sischen Föderation und der Ukraine an Bunkern.
kann, um für zukünftige Freilegungen die Weser gekommen. Sie hatte unter an-
(z. B. die Fundamente im Steinbruch) derem die Stätten der ehemaligen Lager „Unzureichende Essensrationen und
besser orientiert zu sein. und Arbeitsorte aufgesucht. Der Verein eine mangelnde medizinische Versor-
Höhepunkt der Campveranstaltun- Walerjan Wróbel hatte den Kontakt zu gung forderten unter den Ostarbeitern
gen war zweifellos das Zeitzeugenge- den 15 Gästen im Alter zwischen 76 und hohe Krankheits- und Todesraten“, schil-
spräch mit dem ehemaligen Auschwitz- 81 Jahren hergestellt – und zusammen dert Eva Determann. Zwar bekamen die
und Buchenwaldhäftling Kurt Gold- mit dem Senat für ein Programm ge- Zwangsarbeiter formal einen Lohn, aber
stein. Aber auch Referate über „Zyklon sorgt, das eine behutsame Begegnung je nach „rassischer“ Bewertung waren
B“ oder „Gedenkstättenpolitik und Ge- mit der leidvollen Vergangenheit ermög- Abstufungen üblich. So wurden Men-
schichtsrevisionismus“ stießen auf gro- lichte. „Die Opfer von damals brauchen schen aus Polen wesentlich schlechter
ßes Interesse. Bei der „AG Spezialla- die Wiederbegegnung, damit sie ihre bezahlt als Westeuropäer. Oft wurde der
ger“ stand zum Ende ihres Projektes schmerzvollen Erlebnisse verarbeiten Lohn in Lagergeld ausgehändigt und da-
wie bereits zum 12. Antifa-Workcamp können“, hat Eva Determann erfahren. von noch jede Menge für Arbeitsklei-
2000, das Erstellen einer Broschüre auf Die Begegnung mit dem heutigen Bre- dung, Unterkunft und ähnliches einbe-
der Tagesordnung. In diesem Teil 2 des men könne ihnen zeigen, dass in halten; die meisten Zwangsarbeiter wa-
Infoheftes steht die Auseinanderset- Deutschland Menschen heran gewach- ren in mehr als 200 Lagern im gesamten
zung mit den theoretischen und prakti- sen seien, die die gemeinsame Geschich- Bremer Stadtgebiet untergebracht.
schen Hintergründen der politischen te nicht vergessen lassen wollten. Finan-
Debatte um die Ausstellung „Spezialla- ziert wurde dieser Besuch – wie die vor- Nähere Informationen zum Verein
ger 2“ im Mittelpunkt. Auch 2003 wird herigen auch – aus Mitteln des seit 1999 Walerjan Wróbel gibt es unter der
es leider noch alte und neue Nazis ge- bestehenden „Hilfsfonds für ehemalige Telefonnummer 0421/361-65 28.
ben, und somit auch die 15. Auflage Bremer Zwangsarbeiter/innen in Ost- Wer die Arbeit mit Geld unterstützen
des Antifa-Workcamps. und Südosteuropa“. Dieser Fonds wird möchte, kann das Konto 112 49 81
Antifa-Workcamp Weimar/ von der Landesregierung und Bremer bei der Sparkasse Bremen nutzen
Buchenwald 2002 ■ Unternehmen zu gleichen Teilen gefüllt. (Bankleitzahl: 290 501 01). Die Spen-
„Wir würden es sehr begrüßen, wenn das den sind steuerabzugsfähig.

6 : antifaschistische nachrichten 17-2002


Schlechte Zeiten für Frankreichs Rechtsextreme Europa-
perspektiven
Hardcore-Faschisten ? Abwarten... Österreich. Ernst zu werden scheint es
Frankreichs Faschisten, vor al- folgte in den Tagen nach dem Urteil des mit den Planungen in der FPÖ, eine ge-
lem jene vom Hardliner-Flügel Conseil d’ Etat, Anfang August. Daher meinsame Liste von rechtsextremen eu-
– jenem, nach dessen Ge- wird Vitrolles höchstwahrscheinlich am ropäischen Parteien für die Wahlen zum
schmack Jean-Marie Le Pen „zu ersten Sonntag im Oktober wählen. Wir Europaparlament aufzustellen. Zu die-
schlaff“ auftritt – haben zwei ereig- werden unsere Leser/innen über die Ent- sem Zwecke trafen sich am 25. und 26.
nisreiche Wochen hinter sich. Das wicklung, die dem MNR den Gnadenstoß Juli auf Einladung der rechtsextremen
betrifft die außerparlamentarische versetzen könnte, im Bilde halten. Zeitung „Zur Zeit“ 50 Personen aus
militante Sammlungsbewegung Uni- ■ Doppeltes Verbot für Unité radicale
ganz Europa – unter ihnen Kärntens
té radicale (UR), die in der zweiten Landeshauptmann und nicht offizieller
Augustwoche gleich von einem dop- Eine ansatzweise unangenehme Woche – FPÖ-Führer Jörg Haider, sowie der Füh-
pelten Verbot getroffen wurde. Das auch wenn sie öffentlich Gegenteiliges be- rer des belgischen Vlaams Blok, Filip
betrifft aber auch jene Partei, die teurn und Kraftsprüche absondern – könn- Dewinter, und Mario Borghezio, Euro-
eng mit den gewaltbereiten Radauf- ten auch Frankreichs militante Hardcore- paabgeordneter der Lega Nord aus Ita-
aschisten von UR zusammengear- Faschisten hinter sich haben. Am Diens- lien, der Haider bei dieser Gelegenheit
beitet hat: den MNR von Bruno Mé- tag, 6. August 02 wurde das Verbotsdekret als einen „Führer der Zukunft“ bezeich-
gret. Die ohnehin schwer gebeutelte gegen die neonazistische Sammlungsbe- nete. Für Oktober ist ein weiteres sol-
Partei könnte nun auch noch ihre wegung Unité radicale (UR, Einheit der ches Treffen geplant, in Zukunft soll
allerletzte Hochburg verlieren: Radikalen) erlassen. Am Donnerstag, 8. auch noch versucht werden, weitere
Vitrolles. August dann erließ ein Pariser Gericht rechtsextreme Parteien aus ganz Europa
■ Aufhebung der Kommunalwahlen
eine Einstweilige Verfügung zur Frage des in das Bündnis einzubinden.
in Vitrolles Verbots ihrer Internet-Website, www.uni- Wenig Freude bereitete das Bekannt-
te-radicale.com. Ein solches gerichtliches werden des Treffens nicht nur dem Koa-
Am Montag, 29. Juli 02 hat der Conseil Verbot war durch die Union der jüdischen litionspartner ÖVP sondern auch Teilen
d’Etat - das oberste französische Verwal- Studenten Frankreichs (UEJF) sowie die der FPÖ-Regierungsmannschaft, die auf
tungsgericht - der rechtsextremen Partei antirassistische Vereinigung J’ accuse ,Ich ein international möglichst unbedenkli-
von Bruno Mégret einen neuen schweren klage an‘ (unter Anspielung auf das ches Erscheinungsbild Wert legen.
Schlag zugesetzt. Die oberste Gerichtsin- gleichnamige Werk von Emile Zola, das Oberhand in solchen Streitigkeiten wird
stanz im öffentlichen Recht annullierte die sich gegen den antisemitischen Dreyfus- letztendlich aber wie immer Jörg Haider
Kommunalwahl im südfranzösischen Vi- Prozess richtete) beantragt worden. J’ ac- behalten, der betont, dass die Positionen
trolles vom März 2001. Damals, im Zuge cuse wird durch Marc Knobel animiert, des Vlaams Bloks in vielen Punkten mit
der landesweit am gleichen Tag stattfin- den Leiter des Simon-Wiesenthal-Zen- denen der FPÖ „ident“ seien, und inner-
denden Rathauswahlen, hatte die MNR- trums in Paris. parteiliche Kritik mit der Forderung
Kandidatin Catherine Mégret mit 45,3 Jener Teil des französischen Rechtsex- nach „Widerstand gegen politische Tu-
Prozent der Stimmen knapp gegen ihren tremismus, der außerhalb der bzw. parallel gendterroristen“ von sich weist.
sozialistischen Herausforderer Dominique zu den wahlorientierten rechtsextremen Erste konkrete Auswirkungen der
Tichadou (PS) gewonnen. Beide Listen Parteien FN und MNR aktiv und explizit vertieften Zusammenarbeit gibt es auch
trennten nur 201 Stimmen. Als dritter gewaltbereit ist, war durch den Attentats- bereits: Laut Informationen des Vlaams
Kandidat in der Stichwahl hatte der kon- versuch vom 14. Juli 02 ins Visier der Be- Bloks wird Jörg Haider im Januar oder
servative RPR-Bewerber Christian Rossi hörden geraten. Am französischen Natio- Februar 2003 für diesen in Antwerpen
mit seiner Liste 10,6 Prozent der Stimmen nalfeiertag hatte der 25jährige UR-Akti- und in Flandern auftreten.
erhalten. Sozialisten und Bürgerliche hat- vist Maxime Brunerie auf Staatspräsident Quelle: http://derstandard.at
ten sich darauf geeinigt, dass Rossi seine Jacques Chirac zu schießen versucht.
Kandidatur in der Stichwahl aufrecht er- Auch die rechtsextreme Wahlpartei von FPÖ und Geschichte
halten solle - um zu verhindern, dass kon- Bruno Mégret, der MNR (Mouvement na-
servative Stimmen der extremen Rechten tional républicain), war durch die Affäre in Österreich. Wieder einmal machen
zufließen könnten. Tatsächlich hatte man Mitleidenschaft gezogen worden. Denn Teile der FPÖ mit ihren revisionisti-
befürchtet, dass im Falle einer Polarisie- Brunerie war bis zuletzt aktives MNR- schen Geschichtsanschauungen von
rung zwischen MNR und PS viele konser- Mitglied gewesen. (Vgl. AN 16/02) sich reden. Bei einer Sonnwendfeier der
vative Wähler eher für den Erstgenannten Der MNR, der sich ohnehin - nach sei- rechtsextremen Österreichischen Lands-
stimmen könnten. nen jüngsten schweren Wahlschlappen - in mannschaft hieß es in einer Rede des
Ein anonymes Flugblatt, das aber einer Abwärtsspirale befindet, versuchte FP-Politikers und Volksanwalts Ewald
höchstwahrscheinlich von der extremen auf die Beschädigung seines Ansehens zu Stadler: Österreich sei „1945 – und das
Rechten – und mutmaßlich aus dem Rat- reagieren: Am 1. August antwortete Bruno ist zur Staatsideologie geworden – an-
haus – stammt, hatte Rossi zwischen den Mégret auf einer Pressekonferenz auf geblich vom Faschismus und der Tyran-
beiden Wahlgängen als angeblichen ho- Journalistenfragen, zwei Führungskader nei befreit worden“. In Wirklichkeit sei
mosexuellen Kinderschänder diffamiert. der militanten UR seien „de facto“ aus Österreich erst 1955 befreit worden, als
Der Conseil d’Etat hat nun eingeschätzt, dem MNR ausgeschlossen – eine unpräzi- die Alliierten das Land verließen, entge-
dass diese Episode den Wahlausgang in se Formulierung. Mégret behauptete aus gen der „Befreiungsideologie, die uns
nicht unerheblichem Maße habe beeinflus- diesem Anlass, die Partei erkenne die übergestülpt wird“. Er würde von Natio-
sen können. Die Wähler/innen in Vitrolles Doppelmitgliedschaft nicht an, deswegen nalsozialismus oder der Besatzung
müssen daher erneut an die Urne gerufen bedeute die UR-Aktivität der beiden frag- durch die Alliierten „keines vorziehen“
werden, und zwar binnen einer Frist von lichen MNR-Kader einen „faktischen“ – und was schlimmer war, wolle er
maximal zwei Monaten. Die Frist beginnt Ausschluss. Eine Gummiformulierung, die „heute nicht bewerten.“
mit der offiziellen Mitteilung der Ungül- nicht klar macht, ob tatsächlich ein Raus- Gab es Anfangs auch aus den eigenen
tig-Erklärung an die derzeitigen Rathaus- schmiss stattgefunden hat. Reihen noch Kritik an dieser Aufrech-
insassen zu laufen. Diese Mitteilung er- Fortsetzung Seite 8 nung der alliierten Besatzung mit dem

: antifaschistische nachrichten 17-2002 7


Und die vor allem zu überdecken sucht, (Klein)gruppierung Nouvelle Résistance bert ist auch Chef der Parteisektion des
dass im Mai 2000 anlässlich eines ge- und bemühte sich weiterhin um die Quer- MNR in Nizza, seine Aktivitäten dürften
meinsamen Treffens von UR- und MNR- front-Strategie mit „Linken“ und Ökolo- Bruno Mégret also nicht völlig entgangen
Kader ausdrücklich beschlossen worden gen. Im Laufe der Neunziger Jahre wurde sei. Öffentlich begrüßt wurde die militante
war, die Doppelmitgliedschaft in beiden Fabrice Robert zunächst Kommunalparla- Störaktion allerdings von einem Vertreter
Organisationen zuzulassen. mentarier des Front National im Großraum des („alten“) Front National, nämlich dem
Aber erst aus diesem Anlass wurde ei- Paris – vor dessen Parteispaltung -, bevor FN-Kommunalparlamentarier Gérard de
nem größeren Publikum bekannt, dass er sich im Zentrum seiner späteren Akti- Gubernatis. Im Gemeindeblatt ,Nice Ma-
zwei der höchsten UR-Führer auch Mit- vitäten, Nizza, niederließ. In Nizza wurde gazine‘, das vom Rathaus von Nizza her-
glied der nationalen Führungsinstanzen Fabrice Robert wegen geschichtsrevisio- ausgegeben wird, schreibt der FN-Vertreter
des MNR waren. Denn sowohl Christian nistischer Äußerungen verurteilt. Guillau- in der Nummer Juli/ August 2002: „Tau-
Bouchet – UR-Generalsekretär bis im me Luyt seinerseits war bis im April 2000 send Dank den Jungen, die gezeigt haben,
April dieses Jahres – als auch der im April Chef der FN-Jugendorganisation FNJ, trat wo der politische Kampf gegen die Lack-
2002 eingesetzte UR-Sprecher Fabrice dann aber zurück, weil ihm die Le Pen- affen des völkervermischenden Globa-
Robert gehörten der MNR-Führungsebene Partei zu bürgerlich (also zu brav) gewor- lismus liegt!“ Sein Beitrag steht an nicht
an. Beide waren auf dem MNR-Kongress den sei. wirklich zu übersehender Stelle, direkt ne-
am 23./24. Februar 2002 in Nizza in den Doch es kommt noch besser, was die ben dem Leitartikel des Bürgermeisters
Conseil National (Nationaler Rat), das Verbindungen zu den rechtsextremen von Nizza, des konservativen Rechtsaußen
zweihöchste Parteigremium, gewählt wor- Großparteien betrifft. Fabrice Robert wur- Jacques Peyrat. (Peyrat selbst hatte bis im
den. Dabei standen der Nationarevolutio- de nicht nur auf dem MNR-Kongress Ende November 1994 dem FN angehört, den er
när Christian Bouchet, und seine eher für Februar 2002 in Nizza in die nationale kurz vor den Kommunalwahlen vom Juni
eine Annäherung an die deutsche NPD MNR-Führung gewählt – er hat diesen 1995 aus taktischen Gründen verließ, um
eintretenden Nachfolger Fabrice Robert Kongress mit organisiert, da er zugleich im Juni 1996 dem konservativen RPR bei-
und Guillaume Luyt für eine unterschied- auch als Sekretär der lokalen MNR-Sek- zutreten.)
liche ideologische Ausrichtung innerhalb tion in Nizza amtierte. In Nizza wiederum ■ Verbotsverfügungen gegen UR
von UR. (Siehe AN 16/02) Fabrice Robert war es, wo Unité radicale (UR) ihren letz-
hatte ursprünglich der neofaschistischen ten größeren, spektakulären Auftritt hatte. Die kaum verhüllte Rechtfertigung der Tat
Gruppierung Troisième Voie (Dritter Weg) Die Rede ist von der militanten Störaktion, Maxime Bruneries vom 14. Juli 02, die
angehört, die eine grob nationalrevolutio- die die militanten UR-Faschisten am 12. man lediglich für taktisch unklug erklärte,
näre Richtung vertrat und die sich in den Juni dieses Jahres in Nizza gegen die in UR-Verlautbarungen trieb Innenminister
frühen 90er Jahren spaltete: Die Mehrheit Großveranstaltung der Zeitschrift ,Marian- Nicolas Sarkozy zum Handeln. Am 28. Juli
näherte sich damals dem FN an, die Min- ne‘ durchführten. Am Abend des 1. Mai – 02 gab die Sonntagszeitung JDD bekannt,
derheit unter Christian Bouchet formte die dem Tag der gigantischen Demonstration dieser habe das Verfahren zur gesetzlichen
gegen Le Pen – hatte das Wochenmagazin Auflösung von UR eingeleitet. Ein solches
„Linksterroristen“ und Neonazi- im Pariser Konzertsaal Bataclan eine Ver- Verbot kann nach dem Gesetz vom 10. Ja-
Gefangenenhilfe anstaltung zum Thema ,Le Pen, warum?‘ nuar 1936 – das sich damals gegen die pa-
In AN 16/ 2002 ist nachzulesen, Unité radicale organisiert. An ihr nahmen Vertreter aller ramilitärischen Verbände und „Ligen“ der
habe sich – über ihre Gefangenenhilfs-Organisa- größeren politischen Kräfte teil, vom spä- profaschistischen Rechten richtete – per
tion CEPE (Hilfskomitee für die europäischen Ge- teren rechten Premierminister Jean-Pierre Dekret des Präsidenten erfolgen, das im
fangenen) – im Februar 2000 um die in Haft sit- Raffarin bis hin zum Grünen Noël Mamè- Ministerrat diskutiert werden muss. (Auf
zenden Mitglieder der früheren „linksterroristi-
schen“ Organisation Action Directe (AD) bemüht.
re, sowie der radikale Linke und Philoso- dieser Grundlage hatte die linke Volks-
Die Reaktion der inhaftierten AD-Mitglieder sei je- phieprofessor Daniel Bensaid und die bei- front-Regierung im Juni 1936 tatsächlich
doch nocht bekannt. Allerdings könne bei man- den „antitotalitären“ Laberphilosophen eine Reihe pro-faschistischer Organisatio-
chen linksradikalen „Antiimperialisten“, die in der Alain Finkielkraut und Bernard-Henri nen aufgelöst.) Am 6. August 02 war es
Vergangenheit Westeuropa für eine Art us-amerika- Lévy. Am 12. Juni wollte ,Marianne‘ den dann so weit, anlässlich der letzten Kabi-
nischer Kolonie hielten, eine Form von Blindheit Erfolg ihrer Debattenveranstaltung in Niz- nettssitzung vor der parlamentarischen
gegenüber der Gefährlichkeit dieser Rechtsextre- za wiederholen, unter dem Titel „Liegt Sommerpause.
misten nicht ausgeschlossen werden – wie das Bei-
Nizza noch in der Republik?“ – nachdem Guillaume Luyt hatte in den Tagen da-
spiel des in Paris inhaftierten Terrroristen Carlos
(alias Ramirez Illitsch Sanchez) belege, der sich
Jean-Marie Le Pen hier sein höchstes Wah- vor kraftmeierisch getönt, er freue sich
Mitte der 90er Jahre in Verlautbarungen positiv auf lergebnis in einer Großstadt eingefahren über einen solchen Verbotsbeschloss, denn
Le Pen bezog. Einem fundierten Artikel aus der hatte. Auf dem Podium saßen u.a. ,Marian- er werde UR neuen Auftrieb verleihen. Das
Pariser Abendzeitung ,Le Monde’ vom 30. Juli ne‘ -Chefredakteur Jean-François Kahn, ist jedoch zunächst Sprücheklopferei: Falls
2002 entnehmen wir, dass die inhaftierten AD-Mit- der Modephilosoph Bernard-Henri Lévy ein solches Verbot konsequent betrieben
glieder tatsächlich die Hilfe der rechtsextremen Ge- und Malek Boutih, der an der Spitze von wird, kann es auch etwaige Nachfolgeorga-
fangenenbetreuungs-Organisation CEPE abgelehnt SOS Racisme steht. Doch mehrere Dut- nisationen treffen. Zuletzt war auf der ex-
und zurückgewiesen haben. Hingegen habe der
internationale Terrorist Carlos sich in einem Schrei-
zend von UR-Aktivisten platzten in die tremen Rechten 1980 die Neonazi-Vereini-
ben an die Neonazis ausdrücklich positiv auf ihre Veranstaltung, brüllten die Redner nieder gung FANE verboten worden, die jedoch
Initiativen bezogen. Ausdrücklich erklärte Carlos, (u.a. skandierten sie Slogans wie „Nizza, Nachfolgegruppierungen fand, etwa in Ge-
der in der Vergangenheit arabischen Regimen wie Freiheit, Identität !“) und warfen Rauch- stalt der Faisceaux nationalistes européens
der irakischen und später der syrischen Diktatur als bomben. Journalisten und Mitglieder einer (deren Überreste in UR aufgingen). Nach-
Söldner gedient und dies mit einem Beitrag zum antifaschistischen Vereinigung aus Nizza, dem das Verbot erfolgt war, tönten Fabrice
(u.a. palästinensischen) „Befreiungskampf“ ver- ADN (Association pour la démocratie à Robert und Guillaume Luyt öffentlich, sie
wechselt hatte, demnach Folgendes: „Behalten wir Nice) wurden physisch attackiert. seien für diese Maßnahme dankbar, da sie
unsere Besonderheiten und unsere Wortwahl bei,
aber schließen wir uns für das allgemeine Wohl zu-
Fabrice Robert bekannte sich daraufhin dafür sorge, dass man jetzt öffentlich von
sammen, gegen den Menschheitsfeind von gestern öffentlich zu der Aktion, im Namen von Unité radicale spreche. Sie zwinge die Ak-
und heute : den Yankee-Imperialismus, den Zio- UR, mit den Worten: „Das politische Büro tivisten lediglich dazu, nach vorn zu sehen,
nismus und ihre Knechte.“ Einem solchen Typus von von Unité radicale begrüßt die Mobilisie- die historische Folklore hinter sich zu las-
vorgeblich progressivem Antiimperialisten möchte rung einer großen Zahl identitärer Kamera- sen und nunmehr in einem neuen, legalen,
man nur eines zurufen: Halt’ s Maul, am besten für den, die rund um ihre Aktivisten (also jene modernen Rahmen aktiv zu werden – in
immer. BhS, Paris ■ von UR) stattgefunden hat“. Fabrice Ro- Form einer zu begründenden neuen „iden-

8 : antifaschistische nachrichten 17-2002


gegen Rassismus und Völkerfreundschaft), nationalsozialistischen Massenmör-
eine früher KP-nahe Antirassismusorgani- derregime, so stellten sich bald weite
sation, hat übrigens kommentiert: „Eine der Teile der FPÖ – unter ihnen FPÖ-
wichtigsten Errungenschaften der UR-Af- Oberführer Jörg Haider – schützend
färe ist, dass sie gezeigt hat, dass zahlreiche hinter den Anwalt für Völkisches, so
Übergange zwischen den etablierten dass dieser mittlerweile als FPÖ-Spit-
(rechtsextremen) Parteien und den extre- zenkandidat für die im kommenden
mistischen Gruppierungen existieren. (...) Jahr stattfindenden niederösterreichi-
Diese Tatsache bestärkt unsere Überzeu- schen Landtagswahlen gehandelt
gung, dass man das Gesetz von 1936 abso- wird.
lut auf den FN oder den MNR anwenden Eine besonders negative Rolle
kann.“ spielte in dieser Causa wieder einmal
■ (Keine) Freiheit für Faschisten im
Bundeskanzler Wolfgang Schüssel
Internet ? (ÖVP) der sich anfänglich wieder
einmal durch seine bekannteste Ei-
Neben dem UR-Verbot wurden auch Maß- genschaft – dem Schweigen – aus-
nahmen gegen ihre Webpage im Internet zeichnete, um dann in einer Rede im
getroffen. Am 31. Juli fand in Paris vor Parlament doch ein paar Worte zu der
dem Richter für Eilverfahren die Anhörung ganzen Angelegenheit zu verlieren:
über das geforderte Verbot der Webpage Ohne Stadler auch nur ein einziges
von UR statt. Die Website wurde von Fa- Mal namentlich zu erwähnen, offen-
brice Robert selbst in einem jüngsten Inter- barte er ein weiteres Mal sein krudes
view (in der rechtsextremen Zeitschrift Geschichtsbild, nachdem Österreich
,Identité‘) als wichtigstes Element der Opfer des Nationalsozialismus – und
„Kommunikationsstrategie“ der Neonazis nicht Mittäter – gewesen sei.
bezeichnet. Laut Eigenangaben verzeichne- Von all diesem Rückenwind getra-
te die Homepage früher 40.000 monatliche gen, gewährt Stadler schon einmal ei-
Zugriffe, seit den Wahlen im April sei die nen tieferen Einblick in seine gesell-
Zahl jedoch auf 100.000 im Monat ange- schaftlichen Zukunftsvorstellungen.
titären, sozialen und europäischen Bewe- stiegen. Auf der 3.000 Druckseiten umfas- In einem Interview mit der rechtsex-
gung“. senden Website wird kaum ein Blatt vor tremen – von FP-Berater Andreas
Eine solche Gruppierung mit offiziellem den Mund genommen. In der Rubrik „Be- Mölzer herausgegebenen und staat-
Status, als kulturelle Bewegung (oder poli- setztes Europa“ etwa werden Brandan- lich geförderten – Wochenzeitung
tische Partei), soll bereits im Herbst dieses schläge auf Synagogen als angeblicher „Zur Zeit“ bedauerte er, dass die
Jahres ins Leben gerufen werden. Die jetzt Widerstand gegen die Besatzung begrüßt. „Propagandisten unseres Zeitgeistes
verbotene Organisation UR hatte bisher In der Rubrik „Geschichte“ wird auf wich- auch unter der neuen Regierung
keinen solchen legalen Status besessen : tige Daten wie den jährlichen Rudolf-Hess- weiterarbeiten können, so als ob es
Lediglich ihre „Mutterorganisation“ Nos Gedenkmarsch oder Ereignisse wie den nie eine politische Änderung gegeben
Racines („Unsere Wurzeln“) war ins Ver- Tod von Adolf Hitlers Sekretärin hingewie- hätte.“ Quelle: http://derstandard.at
einsregister eingetragen, Unité radicale sen. Der Brandanschlag auf die Synagoge
selbst war jedoch im Juni 1998 ohne juris- im tunesischen Djerba am 11. April 2002, FPÖ im Kampf gegen
tischen Status begründet worden. Sollte oder die Attacke auf eine Synagoge im
eine solche, kulturelle oder politische Ver- ukrainischen Kiew firmieren unter dem Ti- ZuwanderInnen
einigung neu begründet werden, dann fällt tel „Widerstand gegen die Neue Weltord- Neue Höhen im Bereich des staat-
sie tatsächlich nur dann unter das UR-Ver- nung“. Als „Kollabos“ (Kollaborateure) lichen Rassismus möchte FPÖ-Gene-
bot, wenn ihr eine inhaltliche bzw. organi- werden etablierte Politiker vorgeführt, etwa ralsekretär Westenthaler erklimmen.
satorische Kontinuität nachgewiesen wer- der amtierende Premierminister Raffarin, Dieser kündigte nämlich an, künftig
den kann. Einige ihrer Kader könnten das weil er sich anlässlich des Gedenktags für die Ansprüche von MigrantInnen auf
Verbot nutzen, um die militante Variante die Razzia vom Vel’ d’Hiv – die schlimm- Sozialleistungen auf das Niveau des
des Faschismus zu modernisieren und jene ste Judenrazzia in Frankreich vom 16. Juli jeweiligen Herkunftslandes herabsen-
Deppen hinter sich zu lassen, die sich 1942 – zur französischen Mitschuld an den ken zu wollen. Dies hieße, dass die
hauptsächlich mit Nazi-Folklore beschäfti- Judendeporationen bekannt hat. In die Ru- Betroffenen zwar gleich viel wie Ös-
gen. Doch dürfte in der Realität das Poten- brik „Freuden der Immigration“ fallen etwa terreicherInnen in die Sozialtöpfe ein-
zial dafür begrenzt sein, da die Kader auch Meldungen über die Vergewaltigung eines zahlen, aber wesentlich weniger aus
nicht über unendlich viele Aktivisten verfü- französischen Mädchens, vorgeblich durch ihnen zurück erhalten. Opposition
gen. UR gab die Zahl ihrer Mitglieder bis- Immigranten. Über straffällige Immigran- und Verfassungsexperten sehen in
her mit 2.000 an, das dürfte deutlich über- ten und Kriminalstatistiken wird genüsslich dem Vorhaben einen glatten Verfas-
trieben sein. Der Neofaschismus-Experte berichtet, wo möglich unter vollständiger sungsbruch, der gegen den Gleich-
Jean-Yves Camus und andere Quellen stuf- Nennung von Namen und persönlichen An- heitsgrundsatz verstoße.
ten jüngst die Zahl ihrer Aktivisten in die gaben. Und so weiter und so fort.... Wenig beeindruckt von der har-
Größenordnung 100 bzw. 200 ein; insge- Am Donnerstag, 8. August fiel – per schen Kritik zeigte sich allerdings
samt wird das Spektrum des militanten, Einstweiliger Verfügung – die Verbotsver- Westenthaler selbst, der ankündigt,
außerparlamentarischen Radaufaschismus fügung, welche die Kläger (die Jüdische dass die angesprochenen Regelungen
(jenseits der Großparteien FN und MNR) Studentenunion UEJF und die Vereinigung „mit Sicherheit“ Eingang in die näch-
auf 2.000 bis 3.000 Parteigänger geschätzt, J’ accuse) beantragt hatten. Die Betreiber ste Novelle der Fremdengesetze fin-
mit einem harten Kern von 500 Aktivisten. der Webpage erhielten 48 Stunden Zeit, um den werden.
UR hat versucht, dieses Potenzial zu bün- www.unite-radicale.com abzuschalten. Aus dem monatlichen
deln, was ihr teilweise auch gelungen ist. Diese war am Samstagfrüh, 10. August tat- Newsletter der Rosa Antifa Wien,
Der MRAP (Mouvement contre le racis- sächlich nicht mehr erreichbar. www.raw.at ■
me et l’ amitié entre les peuples/ Bewegung Fortsetzung Seite 10

: antifaschistische nachrichten 17-2002 9


Allerdings schalteten die (ehemaligen) tisch, wo es allerdings hieß, dissolution- Am Freitag, 2. August ist unterdessen
UR-Kader bereits am Mittwochabend eine ur.com diene „während der Übergangs- der gescheiterte Attentäter Maxime Brune-
andere Webpage zu, die in Kanada und phase“ als Internet-Adresse, „(so lange) rie erstmals dem Untersuchungsrichter
den Niederlanden beherbergt ist, wohin bis eine neue Organisation gegründet wor- vorgeführt und anschließend inhaftiert
das französische Gesetz a priori nicht den ist“. Unterschrieben war die Stellung- worden. Nach dem 14. Juli war er zu-
reicht. Die Adresse lautete zunächst nahme von Fabrice Robert. In Frankreich nächst drei Wochen lang unter psychiatri-
www.dissolution-ur.com (zu Deutsch hat der Vorsitzende der Union jüdischer scher Aufsicht verblieben. Der vorläufige
„www.Auflösung-UR.com“). Am Freitag Studenten (UEJF), Patrick Klugmann, sei- Bericht des psychiatrischen Gerichtsex-
wurde auf dieser Webpage allerdings an- nerseits angekündigt, auch wenn die neue perten Michel Dubec kommt zu dem
gekündigt, dass auch ihren Betreibern Webpage außerhalb der Reichweite fran- Schluss, Brunerie sei zum Tatzeitpunkt
Schwierigkeiten bereitet würden, und man zösischer Gesetze ins Netz gespeist werde, nicht unzurechnungsfähig gewesen. Hält
wurde auf eine andere Webpage weiterge- könne Fabrice Robert doch in Frankreich der Abschlussbericht des Gutachters in ei-
leitet (http://204.181.176.51/). Am Sams- strafrechtlich belangt werden, soweit ihre nem Monat diese Analyse aufrecht, dann
tag, 10. August erfolgte die Weiterleitung Inhalte gegen französische Strafgesetze wird Brunerie der Prozess gemacht wer-
auf die letztgenannte Webpage automa- verstießen. den können. Bernhard Schmid, Paris ■

ean-Marie Le Pen hat die Verbotsverfügung gegen den konnten der Chef der FN-Jugendorganisation FNJ für

J Unité radicale öffentlich kritisiert. Er denunzierte den


Beschluss des Ministerrats vom 6. August 02 mit den
Worten, die Regierung habe auf diesem Wege „den For-
Die Großparteien die Region Lothringen, Patrick Klein, und ein Mitglied des
(FN und MNR),
Ordnerdiensts der Partei, Cédric Bégin, der als Veranstalter
fungiert hatte – aber auch der Bezirksvorsitzende des Front
derungen der linksradikalen Splittergruppen“ nachgege- die Neonazis und National und Abgeordnete im Regionalparlament in Metz,
ben, die ein solches Verbot nach dem „Operetten-Atten- Jean-Yves Douissard. Letzterer ist auf der Videoaufzeichnung
tat“ vom 14. Juli gefordert hätten. Unité radicale bezeich- die Gewalt zu bewundern, wie er über beide Ohren grinsend den wüs-
nete Le Pen als „kleine Aktivistengruppe“ von, so fuhr der ten antisemitischen Texten lauscht.
FN-Chef fort, „turbulenten jungen Nationalen“. Die Raffa- Douissard ist bis heute FN-Vorsitzender im Département.
rin-Regierung habe „weniger Achtung und Milde“ für diese übrig als „für die Anlässlich des Prozesses, der am 28. Februar dieses Jahres zu Ende ging, hat-
korsischen Terroristen und die Mörder des Präfekten Erignac, die Feinde te die aktuelle „Nummer Zwei“ der neofaschistischen Partei, Bruno Gollnisch,
Frankreichs sind.“ (Der Vertreter des französischen Zentralstaats auf Korsika einen Brief an das Gericht gesandt, der als „Moralitätsnachweis“ den Doku-
wurde im Februar 1998, mutmaßlich von Separatisten mit Kontakt ins kriminel- menten der Verteidigung beigeheftet wurde. Gegenüber der Tageszeitung ,Li-
le Milieu, getötet – nach den Tätern wird gefahndet, aber einige konnten bis- bération’ (vom 13. März 02) erklärte FN-Generalsekretär Gollnisch, Douis-
her noch nicht gefasst werden.) sard sei „Opfer einer Provokation“ geworden, einer Falle, die ein Polizeispit-
Ferner fügte Le Pen hinzu, in derselben Logik müssten die grüne Partei und zel ihm gestellt habe. Jean-Yves Douissard war zu 18 Monaten Haft auf Be-
die Liga für Menschenrechte LDH verboten werden, da eines ihres Mitglieder währung verurteilt worden. Die beiden FN-Mitglieder Klein und Bégin erhiel-
– Richard Durn - im März dieses Jahres acht Kommunalparlamentarier in ten je zwei Jahre, davon sechs bzw. vier Monate ohne Bewährung.
Nanterre erschossen habe. Tatsächlich war der Amokläufer Richard Durn, be- Am 1. Mai dieses Jahres war die Präsenz der UR-Radaunazis – bitte nicht
vor er durchdrehte, Sympathisant (oder Mitglied am Rande) der grünen Partei gar zu auffällig! – in der jährlichen FN-Demonstration durch die Nummer
und zeitweise Mitglied der LDH gewesen. Seine Tat beruht jedoch lediglich Zwei des Front National, Bruno Gollnisch, ausgehandelt worden. Daneben
auf einem individuellen Durchdrehen, und in den Internet-Foren der grünen nahm der FN, um den Ordnerdienst anlässlich der diesjährigen 1. Mai-De-
Partei wird nicht über die taktischen Vorzüge oder Mängel seiner Tat disku- monstration zu verstärken, die Dienste einer Security-Gesellschaft namens
tiert, wie dies nach dem Attentat vom 14. Juli in den Internet-Foren von Unité Normandy in Anspruch. Normandy wird vom ehemaligen Schatzmeister der
radicale und britischer Neonazis der Fall war. gewalttätigen Studentenkombo GUD - Mitglied der Sammelbewegung Unité
Bereits kurz nach dem Attentat vom französischen Nationalfeiertag hatte Le radicale - verwaltet. Der gescheiterte Chirac-Attentäter, Maxime Brunerie, ar-
Pen zunächst ironisch erklärt: „Ich habe immer gewusst, dass, wenn es eines beitete für Normandy.
Tages einen Verrückten (Anm.: im Sinne von Amokläufer, auf Französisch sagt Dennoch besteht ein Problem für den FN darin, dass er den jungen Aktivisten,
man ,verrückter Schütze‘ ) gäbe, das man es dann schaffen würde, ihn auf die es zu gewaltsamer Betätigung drängt, keine ausreichenden Aktionsfelder
die eine oder andere Weise der extremen Rechten zuzuschreiben.“ Er hatte bieten kann, da er als politische Partei Rücksichten nehmen muss. Während
hinzugefügt: „Alles, was ich weiß, dass die beiden wirklichen Mörder aus der der Wahlkämpfe in diesem Frühjahr kam es zu einem – einzigen – gewalttäti-
europäischen politischen Klasse alle beide Grüne gewesen sind. Es war ein gen Zwischenfall mit FN-Parteigängern, der allerdings größer ausfiel. Das war
Grüner, der den niederländischen rechtsextremen Parteichef Pim Fortuyn getö- am 2. Juni 02 auf dem Wochenmarkt der rue Ménilmontant, im 20. Pariser
tet hat, und es war ein Grüner, der in Nanterre 14 Menschen getötet hat.“ In Bezirk. Zwischen 30 und 40 junge FN-Anhänger waren im Tross der FN-Kan-
Wirklichkeit war der Attentäter auf Pim Fortuyn ein fanatischer Tierschützer, didatinnnen Martine Lehidieux und Alexandre Chabot auf den Markt gekom-
aber kein Mitglied einer grünen Partei. Richard Durn seinerseits hatte acht, men und fielen, massiv Tränengas einsetzend, über Aktivisten des Antifa-Netz-
und nicht 14 (wie Le Pen fälschlich angab) Personen erschossen. Ein Zu- werks RLF, der trotzkistischen LCR und der anarcho-kommunistischen AL her.
sammenhang mit seiner zeitweiligen, begrenzten Betätigung für die Ökopartei Ein Kleinkind, das Reizgas abbekommen hatte, musste im Krankenhaus behan-
ist nicht ersichtlich. delt werden.
Nun ist Jean-Marie Le Pen in seinem Auftreten den UR-Aktivisten zwar zu Was den MNR betrifft, so fügt die Tageszeitung ,Le Parisien‘ (vom 8.8.02)
schlapp. Dennoch hat es auch hier immer wieder Kontakte und Kooperatio- eine weitere Information zum ohnehin finsteren Gesamtbild hinzu. Unter der
nen gegeben, wenngleich die Bindungen nicht derart eng waren wie zwi- Überschrift „Ein ehemaliger MNR-Kandidat hat Brunerie das Schießen beige-
schen UR und der Mégret-Partei. ,Le Monde’ (vom 30. Juli 02) hat der GUD bracht² berichtet das Blatt (eine „intelligente Boulevardzeitung“) über einen
– eine rechtsextreme Studentenkombo, die Mitglied der jetzt verbotenen Sam- 44-jährigen gebürtigen Deutschen namens Bernard oder Bernhard G., der
melbewegung UR gewesen ist – am Wahlkampf des FN zu den Europaparla- früher in der Fremdenlegion Dienst tat. Der Betreffende ist mit einer Französin
mentswahlen 1999 teilgenommen, gegen Bezahlung. Auch aus anderen An- verheiratet und arbeitete zeitweise in einer Rüstungsfabrik, bevor er arbeitslos
lässen zeigten die FN-Kader nicht unbedingt, dass sie solcherlei Fusstruppen wurde. Der 44-jährige war MNR-Kandidat bei den Senats- und den Kantonal-
gescheut hätten wie der Teufel das Weihwasser. wahlen (letztere sind die Wahlen zu den Bezirksparlamenten der Départe-
Zu Anfang des Jahres 2002 fand in Ostfrankreich der Prozess gegen meh- ments) und wohnt, nachdem er lange im südfranzösischen Vaucluse ansässig
rere Neonazis statt, die am 18. Dezember 1999 eine Wintersonnenwendfeier war, in der ländlichen Ortschaft Giry in der Region Burgund. Der Ex-Soldat
in Saint-Dié im Vogesen-Département abgehalten hatten. Rund 100 Radaufa- war nach Angaben des ,Parisien’ auch vorübergehend im paramilitärischen
schisten hatten daran teilgenommen. An dem Abend wurde die Judenvernich- Ordnerdienst der Mégret-Partei aktiv. Informationen der Zeitung zufolge hat-
tung in unzweideutigen Liedtexten besungen: „Juden aus Frankreich und an- ten Maxime Brunerie und Bernard G. sich anlässlich von MNR-Veranstaltun-
deren Ländern, ausziehen zum Duschen, alle in die Reihe gestellt. (...) Treblin- gen in Paris getroffen. Der 25-jährige Pariser Student war später zu dem bulli-
ka ist der größte Campingplatz in Polen, wenn Du dorthin gehst, dann wirst gen Ex-Legionär in die Provinz gereist, wo dieser ihm auf dem platten Land
Du zu Kohle...“ Die Geschehnisse kamen durch das Video, das ein V-Mann Schießunterricht erteilte. Dies hatte der Betreffende den Ermittlungsbehörden
der Polizei gedreht hatte, ans Tageslicht. Neben Marc Frederiksen, dem Chef gegenüber angegeben, auch wenn er gegenüber dem ,Parisien’ zu demen-
der 1980 verbotenen Neonazi-Truppe FANE, als Ehrengast hatten mehrere tieren suchte. Bernard G. scheint sich allerdings mittlerweile auf dem Rückzug
FN-Funktionäre aus der Region an der Feier teilgenommen. Identifiziert wer- ins Privatleben zu befinden. Bernhard Schmid, Paris ■

10 : antifaschistische nachrichten 17-2002


: ausländer- und asylpolitik
Hier wird indirekt Partei ergriffen. Dies
widerspricht dem Gleichheitsprinzip im
derungen für die Erteilung einer Nieder- universellen Recht. Ein Recht, dem sich
lassungserlaubnis auch für diese Gruppe auch das moderne Europa verpflichtet
geändert, z.B. bei der Sicherung des Le- sieht.
bensunterhalts und auch die Gebühren Unser Friedensfestival soll verdeut-
werden erhöht. lichen: Wir erklären unser Veto gegen die
Wichtig sei es daher, so der DGB, be- politische Unvernunft. Aber auch unseren
reits vor Inkrafttreten des neuen Zuwan- festen Willen, unverrückbar den Weg der
derungsgesetzes zum 1. Januar 2003 ak- Verständigung und der Konfliktlösung
tiv zu werden. jenseits aller Gewalt gehen zu wollen.
Die Broschüren erläutern kurz und Wir sind keine „Terroristen“, sondern
übersichtlich die wichtigsten Vorausset- Bürgerinnen und Bürger dieser Welt, mit
zungen. Wer sich informieren möchte, gleichen Rechten und dem Recht auf An-
kann die Broschüren als pdf-Datei unter erkennung unserer Existenz. Wir fordern
www.migration-online.de herunterladen die sofortige Überprüfung der EU-Liste,
oder als Printausgabe bestellen. ■ auf die wir nicht gehören. Wir fordern die
Bestelladresse: Der Setzkasten Anerkennung der kurdischen Identität.
GmbH, Tel. 0211/4080090-0; Europa sollte nicht das Problem ver-
Fax 0211/4080090-40; E-Mail: schärfen, sondern seinen Beitrag zur Lö-
lavista@setzkasten.de. Sie sind auch sung der kurdischen Frage leisten - de-
beim DGB selbst erhältlich. mokratisch und politisch. Dafür wollen
wir am 7. September 2002 in der Arena
10. Internationales auf Schalke werben. Dafür wollen wir
DGB-Initiative für Mi- Mitstreiter gewinnen.“
Kurdistanfestival
granten: Jetzt handeln Veranstalter: YEK-KOM (Föderation der
und einen sicheren Aufent- Gelsenkirchen. Am 7. September 2002 Kurdischen Vereine in Deutschland)
wollen Kurdinnen und Kurden in Europa Festivalbüro: Graf Adolf Str. 70a, 40210
haltsstatus beantragen! ein Zeichen setzen. In ihrem Aufruf zum Düsseldorf, Tel:+49(0)2111711452,
Mit zwei neuen Broschüren will der DGB Festival in Gelsenkirchen heißt es. Fax:+49(0)2111711453, E-mail:
Migrantinnen und Migranten motivieren, „Wir halten daran fest: Frieden ist festival@an-erkennen-kurd.de ■
noch vor Inkrafttreten des neuen Zuwan- machbar. Machbar, wenn am Anfang die
derungsgesetzes einen sicheren Aufent- Bereitschaft zum Dialog steht, aus dem Tour der Karawane für die
haltsstatus zu beantragen. „Mit der Initia- erst gegenseitiger Respekt und die Tole-
tive ‚Jetzt handeln – beantragen Sie eine ranz des Anderen erwachsen kann. Des- Rechte der Flüchtlinge und
unbefristete Aufenthaltserlaubnis bzw. halb treten wir ein für den Dialog in einer Migrant/innen vom 17.8. bis
eine Aufenthaltsberechtigung‘ wollen wir sich immer mehr globalisierenden Welt, 21.9.2002
informieren und auffordern, noch vor in der das friedliche Zusammenleben al-
dem 31. Dezember 2002 die entsprechen- ler Menschen mit ihren verschiedenen Wir dokumentieren im Folgenden Auszü-
den Anträge zu stellen“, sagte der DGB- Kulturen, Sprachen und Traditionen ge aus dem Aufruf der diesjährigen Kara-
Landesvorsitzende Rainer Bliesener am möglich sein muss. Unser Friedensfesti- wane für die Rechte der Flüchtlinge und
Donnerstag in Stuttgart. val soll hierfür ein Ausdruck sein. Migrant/innen. Termine und einzelne Sta-
„Mehr als die Hälfte aller Migrantin- Frieden braucht jedoch Gerechtigkeit. tionen der Tour unter:
nen und Migranten leben bereits mehr als Nur dann kann Frieden dauerhaft beste- „Mit den neuen Zuwanderungs- und
zehn Jahre in Deutschland. Dennoch ha- hen. Ja, nur so wird er erst möglich. Das Anti-Terrorgesetzen ist Deutschland
ben viele von ihnen immer noch keinen Streben nach einem gerechten Ausgleich praktisch dabei, das durch den Asylkom-
sicheren Aufenthaltsstatus“, so Bliesener. zwischen Konfliktparteien ist es, was ei- promiss von 1993 auf ein Minimum be-
Oft würden die Anforderungen für eine ner Aussöhnung den Weg ebnet und die schnittene verbliebene Asylrecht in die-
unbefristete Aufenthaltserlaubnis oder Wunden des Krieges heilen lässt. Seit sem Land abzuschaffen. Seit Bestehen
Aufenthaltsberechtigung erfüllt, dennoch drei Jahren schweigen die Waffen in ei- der Regelung werden jedes Jahr weniger
hätten viele aufgrund mangelnder Bera- nem Krieg, der so viel an Zerstörung und als 4 % aller Antragsteller anerkannt, 95
tung keinen Antrag gestellt. Leid über Millionen von Menschen ge- % oder mehr dagegen abgelehnt. Die
Mit dem neuen Zuwanderungsgesetz bracht hat. Deshalb sind wir Kurdinnen Mehrheit der wenigen, die schließlich
wird es nur noch eine befristete Aufent- und Kurden besorgt. Besorgt über die po- eine Anerkennung erhalten, muss nach
haltserlaubnis und eine Niederlassungs- litische Unvernunft in einem Europa, das der Ablehnung des Erstantrags durch das
erlaubnis (Daueraufenthaltsstatus) geben. wider besseres Wissen eine Kraft stigma- „Bundesamt für die Anerkennung auslän-
Ausländische Staatsangehörige, die bei tisiert, die sich seitdem rückhaltlos für discher Flüchtlinge“ (BAFL), die inzwi-
Inkrafttreten des Zuwanderungsgesetzes den Frieden eingesetzt hat. schen zur Norm geworden ist, mehrere
im Januar 2003 die unbefristete Aufent- Diesen Weg wollen wir weiter gehen. Jahre im Gericht zubringen, um die Be-
haltserlaubnis oder die Aufenthaltsbe- Deshalb ist die Entscheidung der Europä- rechtigung ihrer Fälle nachzuweisen.
rechtigung besitzen, erhalten dann den ischen Union, die Arbeiterpartei Kurdi- Fast alle abgelehnten Bewerber wer-
sehr sicheren Status der Niederlassungs- stan in die Liste terroristischer Organisa- den von der deutschen Gesellschaft abge-
erlaubnis. Gleichzeitig ändern sich aber tionen aufzunehmen, nicht nachvollzieh- sondert und isoliert, da sich die für uns
die Voraussetzungen für die Erteilung ei- bar. Sie ist ein falsches Signal und er- vorgesehenen Lager und Heime meist
nes Daueraufenthalts. Es sollen – ent- schwert den Dialog, der für das friedliche irgendwo tief im Wald in abgelegenen
sprechend der Begründung des Gesetzes Zusammenleben von Türken und Kurden Gegenden wie Tambach, Dietharz, Par-
– zwar keine Verschlechterungen beim so nötig ist. Ja, sie verlängert den steini- chim etc. befinden, während der Staat in
Aufenthaltsstatus für langjährig in gen Weg zu Frieden und Demokratie in dieser Zeit unsere Abschiebung vorberei-
Deutschland lebende Drittstaatsangehöri- der Türkei. Der Beschluss der EU kommt tet. Die fürchterlichen Lebensbedingun-
ge eintreten. Dennoch werden die Anfor- einer einseitigen Verurteilung gleich. gen in den Lagern und der Einsatz von

: antifaschistische nachrichten 17-2002 11


Lebensmittelgutscheinen, verbunden mit
der Einschränkung der Bewegungsfrei-
am meisten unterdrückten Menschen auf
der Welt, und er missachtet die Men-
Verschärfung
heit der Flüchtlinge, zeugt von der Inhu-
manität, die das tägliche Leben von
schenrechte für die ärmsten Länder der
Welt.
der Asylpolitik
Flüchtlingen in Deutschland bestimmt. ... Deutschland benutzt den „Krieg ge- in Frankreich
Das Verlassen des eigenen Landkreises gen den Terrorismus“ um seinen eigenen
ohne schriftliche Genehmigung bedeutet, Krieg gegen Flüchtlinge und Migrant/in- Frankfreich. Effizient abge-
eine hohe Geld- oder sogar Gefängnis- nen aus anderen Ländern zu führen. Dra- schoben werden soll künftig
strafe zu riskieren. Erniedrigung durch konische „Sicherheitsgesetze“ wurden in (auch) in Frankreich. Vorige Wo-
ständige rassistische Polizeikontrollen Rekordzeit durch den Bundestag und che legte die Rechtsregierung unter Pre-
auf der Straße gehört für uns zum Alltag, Bundesrat gebracht und treten in diesem mierminister Jean-Pierre Raffarin einen
das Recht auf eine normale und men- Jahr in Kraft. Dies ebnet den Weg, aner- Entwurf für die „Reform“ des Asylrechts
schenwürdige Existenz wird uns verwei- kannte politische Flüchtlinge mit der Be- vor. Ab Ende August wird dieser dann in
gert. gründung des „Terrorismusverdachts“ eine Gesetzesvorlage einfließen, die vom
Angesichts der Tatsache, dass zur Zeit abschieben zu können, selbst wenn die Parlament in den darauffolgenden Wo-
die gesetzliche Grundlage für die prakti- deutschen Behörden selber zugestehen, chen angenommen werden soll. Der Ent-
sche Abschaffung des Asylrechts gelegt dass ihnen dann Folter oder gar die To- wurf sieht zunächst eine straffe Verkür-
wird, besteht kein Zweifel daran, dass desstrafe droht. Flüchtlinge werden künf- zung der Asylverfahren vor dem OFPRA
Politiker beider Seiten im Vorfeld der tig wegen eben jener politischen Verfol- (Office français de protection des réfugiés
Bundestagswahl im September reichlich gung, die bis gestern noch ihren Flücht- et apatrides/ Französisches Amt für den
davon Gebrauch machen werden, die Be- lingsstatus begründet hat, nun als „Terro- Schutz von Flüchtlingen und Staatenlo-
völkerung in noch stärkerem Maße gegen risten“ eingestuft werden. sen) vor. Das Anerkennungsverfahren für
Flüchtlinge und Migrant/innen zu mobili- Die Medienhetze gegen islamische Asylsuchende soll demnach künftig nur
sieren, um sich einen möglichst hohen Fundamentalisten scheint gerade erst zu noch maximal einen Monat dauern. Das
Stimmanteil bei der ausländerfeindlichen beginnen. Festzulegen, wer künftig als hatte Präsident Jacques Chirac am 14.
Wählerschaft zu sichern. Feind der Inneren Sicherheit gilt, bleibt Juli, in seiner Rede zum französischen
Verschiedene Inhalte des sogenannten das Privileg des deutschen Staates und Nationalfeiertag gefordert.
neuen Zuwanderungsgesetzes bewirken dieser spricht in zunehmendem Maße Bisher beträgt die durchschnittliche
eine weitere Verschärfung der schon jetzt dieselbe Sprache, wie die Regime, vor Verfahrensdauer vor dem OFPRA 217
schweren, oft furchtbaren Lebensbedin- denen Flüchtlinge sich hier zu retten hof- Tage (gut sieben Monate), während derer
gungen, denen Flüchtlinge in Deutsch- fen. Von der öffentlichen Wahrnehmung die Asylsuchenden sich in einer prekären
land derzeit ausgesetzt sind. Die angeb- weitgehend unbemerkt werden derzeit materiellen und psychologischen Situa-
lich „zügige Abschließung“ von Asylver- Massenabschiebungen auch von Kurd/in- tion befinden. Theoretisch hat ein Asylsu-
fahren mit dem schon feststehenden End- nen in die Türkei geplant und unter den chender während der Dauer des Verfah-
ergebnis der Ablehnung hat eindeutig zur Abzuschiebenden sollen sich selbst aner- rens bestimmte Rechte (auf Unterkunft
Folge, dass eine weit höhere Zahl von kanntermaßen politisch Verfolgte befin- und eine minimale finanzielle Unterstüt-
Flüchtlingen abgeschoben oder in Ab- den. Wer als nächster als „Terrorist“ ein- zung). Doch seit einigen Jahren geben die
schiebehaft genommen wird. gestuft wird, dürfte von Deutschlands Behörden (in der Regel) nicht mehr die
Wir möchten betonen, dass nach dem wirtschafts- und weltpolitischen Interes- dafür erforderlichen, vorübergehenden
Asylkompromiss von 1993 das, was sen abhängen. Aufhaltstitel aus – sondern erteilen ledig-
„Asyl“ inzwischen für uns praktisch be- Als wir aus unseren Ländern flohen lich Anhörungstermine einige Monate
deutet, die Zeit ist, in der wir auf unsere um in anderen Teilen der Welt Schutz zu später. Damit sind die Asylantragsteller in
negativen Gerichtsentscheidungen war- suchen, blieben unsere Herzen bei den eine vollständige Prekarität entlassen.
ten. Im Anschluss daran versucht uns der Menschen, die die Kämpfe um die Be- Und die sieben Monate Verfahrensdauer
Staat mit allen ihm zur Verfügung stehen- freiung unserer Völker weiterführen. Wir sind nur der Durchschnitt, der durch die
den Mitteln abzuschieben. Das gegen- werden niemals zulassen, dass das unaus- kurze Dauer bei „offensichtlich unbe-
wärtige Verfahren gibt uns keine Mög- sprechliche Leid, die Folter und der Tod, gründeten Anträgen“ (etwa Anträgen von
lichkeit, einen fairen Prozess zu erhalten, die direkte Folge der Kriege der von den Personen, die aus einem als sicher gelten-
um unsere Fälle zu entscheiden. westlichen Mächten unterstützten Dikta- den Herkunftsland stammen) – in der Re-
... Seit dem September des vergange- toren sind, in Vergessenheit geraten. Vom gel höchstens 48 Stunden – verkürzt wird.
nen Jahres, als der imperialistische Afghanistan-Krieg über den „Plan Co- Die anderen Asylsuchenden müssen ge-
„Krieg gegen den Terrorismus“ in Afrika, lombia“, den endlosen Krieg im Mittle- wöhnlich zwischen 9 und 18 Monate war-
Asien und Lateinamerika begonnen wur- ren Osten, die Menschenrechtsverletzun- ten.
de, beobachten wir mit Bestürzung, dass gen und dem Krieg gegen Befreiungsbe- Doch der Regierung geht es mitnichten
in unseren Heimatländern menschliches wegungen im Iran, in Nepal, in Sri Lanka um eine Humanisierung der Verfahren,
Leben immer mehr an Wert verliert. Ter- und in Kamerun: das Ergebnis sind stets sondern im Gegenteil darum, eine effi-
roristische Regime auf der ganzen Welt Flüchtlinge. zientere Ablehnungs- und Abschiebungs-
benutzen den von den USA angeführten KRIEG VERURSACHT FLÜCHTLINGE! maschinerie zu schaffen. Justizminister
Krieg, um ihre Kritiker zu bekämpfen. NICHT FLÜCHTLINGE VERURSACHEN Dominique Perben erklärte: „Nach 6, 9
Mächtige Länder wie England und die KRIEG! oder 12 Monaten ist es sehr schwierig, im
BRD folgen den USA Fall einer Ablehnung die Betreffenden
mit ihrem Militärappa- konkret zurückzuschicken. Aber wenn
rat in unsere Länder, man es schafft, die Fälle in weniger als ei-
um bei der Verteilung nem Monat zu behandeln, kann man die
der wenigen noch ver- Kontrolle über diese Personen behalten
fügbaren Ressourcen und also dafür sorgen, dass sie wirklich in
der Erde ja nicht zu ihr Herkunftsland zurückkehren.“ Die bis-
kurz zu kommen. Die- her getrennten Prozeduren des politischen
ser neue Krieg mis- Asyls nach der Genfer Konvention (die
sachtet das Leben der eine staatliche Verfolgung voraussetzt)

12 : antifaschistische nachrichten 17-2002


und des 1997 eingeführten „territorialen mensionen im Vergleich zur BRD (auf- 2036 Abschiebungen,
Asyls“ – eine humanitäre Duldung für grund ihrer Nähe zu Osteuropa und dem keine Schritte im Fall Cevat
Gewaltopfer, die nicht von staatlicher Sei- Balkan), aber dennoch eine spürbare Stei-
te verfolgt werden, sondern etwa durch Is- gerung gegenüber den Vorjahren. Ferner Soysal: Die deutsche Türkei-
lamisten in Algerien - sollen zu einem ein- ging es der damaligen sozialdemokrati- politik bleibt inhuman
zigen Verfahren fusioniert werden. Zur schen Regierung 1990/91 um die Suche Berlin. 2.036 Menschen wurden von
Zeit beträgt die Ablehungsquote 88 Pro- eines Konsens in der Einwanderungspoli- Anfang Januar bis Ende Mai 2002 aus der
zent beim „klassischen“ und 96 Prozent tik mit den Konservativen, weil dem an- Bundesrepublik gegen ihren Willen in die
beim „territorialen“ Asyl. Die Zu- steigenden Neofaschismus damals die Türkei abgeschoben. Das geht aus der
sammenlegung beider Verfahren hat im „republikanische Front“ entgegengesetzt Antwort der Bundesregierung auf eine
Prinzip nicht nur Nachteile, denn bisher werden sollte – also ein innenpolitischer Kleine Anfrage der PDS-Abgeordneten
wird über das „territoriale Asyl“ von Be- Burgfrieden zwischen Sozialdemokraten Jelpke hervor. Im Jahr 2001 wurden ins-
amten des Innenministeriums entschie- und Konservativen. Das wollten jeden- gesamt 3.930 Menschen in die Türkei ab-
den, die meistens keinerlei spezielle Aus- falls die Sozialisten, die deswegen in Fra- geschoben.
bildung dafür und geringe Kenntnisse gen der Ausländer- und Asylpolitik nach „Diese Antworten der Bundesregie-
über die Herkunftsländer besitzen. Hinge- rechts rückten; die Konservativen hinge- rung dokumentieren erneut die Inhuma-
gen entscheiden Mitarbeiter des OFPRA, gen kündigten den Pakt alsbald auf. Auf nität der deutschen Abschiebepolitik,“ so
die wenigstens dafür ausgebildet wurden, jeden Fall aber erwies sich die Politik der Ulla Jelpke. „Kurdische und andere
über die Anträge auf „klassisches“ Asyl. beschleunigten Bearbeitung (und Ableh- Flüchtlinge, die vor der anhaltenden poli-
Nunmehr sollen beide Verfahren unter nung) von Asylanträgen damals als effek- tischen Repression in der Türkei in die
den Fittichen des OFPRA zusammenge- tiv: 1992 waren nur noch knapp 29.000 Bundesrepublik fliehen, bekommen hier
legt werden, Asylanträge in Frankreich zu verzeich- immer noch in vielen Fällen keinen
was im Prinzip nen. Doch mittlerweile ist ihre Zahl wie- Schutz, sondern werden wieder abge-
nicht schlecht der gestiegen, auf knapp 39.000 im Jahr schoben.
ist. Auch soll 2000 und gut 47.000 im Jahr 2001. Noch krasser liegt der Fall bei Cevat
nunmehr allen Gewisse Elemente der Kontinuität zwi- Soysal. Obwohl dieser kurdische Politi-
Antragstellern schen sozialdemokratischer und (neo) ker in Deutschland als anerkannter
ein Recht auf konservativer Politik existieren auch im Flüchtling lebte, ist die Bundesregierung
Anhörung zu- Kontext der jetzigen Reform. Denn im bis heute weder gegen seine Entführung
stehen – bisher Dezember 2001 hatte im – damals sozial- im Sommer 1999 durch den türkischen
werden nur 60 demokratisch geführten – Außenministe- Geheimdienst noch gegen seine anschlie-
Prozent der rium die „Direktion für die Franzosen im ßende Folterung noch gegen die seitdem
Asyl-Antrag- Ausland und Ausländer in Frankreich“ anhaltende widerrechtliche Inhaftierung
steller über- vor den „Missständen in der französi- aktiv geworden. Auch auf meine Frage,
haupt angehört, in anderen Fällen wird schen Asylpolitik“ gewarnt. Damals hatte ob die Bundesregierung nach der kürz-
nach Aktenlage entschieden. sie mehrere Aufträge zur Erarbeitung ei- lichen Verurteilung Soysals zu mehr als
Dennoch wird die Reform kaum positi- ner „Reform“ erteilt. Diese Vorschläge 18 Jahren Haft nun endlich gegen die
ve Effekte haben, wenn sie vor allem mit aber dienen jetzt der Rechtsregierung zur Türkei ernsthaft tätig werde, antwortet
dem Zweck einer Beschleunigung der Erarbeitung ihrer Asylrechts-Novelle. Nä- die Regierung weiter hinhaltend. Man
Verfahren durchgeführt wird. Auch ist heres wird man im Herbst sehen können. verfolge den Fall weiter „sorgfältig“,
bisher noch nicht klar, inwieweit nicht das Nach Plänen der Regierung sollen auch heißt es zynisch.“
Innenministerium künftig im Asylverfah- die Kollektivabschiebungen mit eigens PM Ulla Jelpke ■
ren herangezogen wird – bisher war es für gecharterten Sonderflügen wieder einge-
die Erteilung des „territorialen Asyls“ zu- führt werden, durch die der Rechtsaußen- ver.di protestiert gegen
ständig. Das Innenministerium aber gibt Innenminister Charles Pasqua in den Jah-
klar zu verstehen, dass es auch für eine ren 1986 - 88 von sich reden gemacht hat- Übergriffe auf Journalisten
Berücksichtigung der „Interessen der te. Ferner soll auch die Abschiebehaft ver- Gegen die „brutalen Übergriffe“ der fran-
Staatsautoritäten, mit denen Frankreich längert werden, um eine effektive „Rück- zösischen Polizei auf ein deutsches Dreh-
Beziehungen unterhält“, eintritt. Bereits führung“ der von französischem Boden Team am Rande desantirassistischen
unter der alten (sozialdemokratisch ge- zu entfernenden Personen zu gewährleis- „Noborder-Camps“ in Straßburg hat Inez
führten) Regierung waren in den Jahren ten. Anders als in der BRD, ist in Frank- Kühn, Bereichsleiterin für Medien und
2000 und 2001 insgesamt 80 zusätzliche reich die Dauer der Abschiebehaft gesetz- Publizistik bei der Vereinten Dienstleis-
Beschäftigte beim OFPRA eingestellt lich streng limitiert. Sie darf derzeit maxi- tungsgewerkschaft (ver.di), protestiert.
worden, um die Verfahren kürzer und effi- mal 12 Tage betragen; zuletzt hatte der Die beiden Journalisten seien nach eige-
zienter zu gestalten – was durchaus nicht linksnationalistische Innenminister Jean- nen Angaben mit Tränengas besprüht und
im Sinne einer vermehrten Anerkennung Pierre Chevènement sie im Mai 1998 ver- zusammengeschlagen worden, obwohl
von Asylsuchenden geschah. Nunmehr längern lassen (nachdem der Rechtsau- sie sich mit ihren Presseausweisen zu er-
sollen bis zum Jahresende 2002 weitere ßen-Konservative Pasqua 1993, mit sei- kennen gegeben hätten. Darüber hinaus
120 Personen beim OFPRA per befriste- nem Projekt der Verlängerung der Ab- entwendete die Polizei das Filmmaterial.
tem Vertrag eingestellt werden, um die schiebehaft, am Verfassungsgericht ge- „Dieses Vorgehen entbehrt jeder demo-
„Altfälle“ bisher eingegangener Asylan- scheitert war). Nach Ablauf der 12 Tage kratischen Grundlage“, so Kühn. „Dies
träge zügig abzuarbeiten. Zuletzt hatte die muss der Betreffende freigelassen wer- ist ein offener Schlag gegen die europäi-
damalige sozialdemokratische Regierung den, wenn es etwa Komplikationen mit sche Pressefreiheit.“ ver.di forderte die
unter Michel Rocard eine solche Anstren- der Rückübernahme durch sein Her- französische Regierung auf, diesen Fall
gung im Sommer 1990 unternommen. kunftsland gegeben hat. Die konservative zu überprüfen und für die Herausgabe des
Damals war die Zahl der Asylsuchenden Regierung hat jetzt angekündigt, die Ab- Filmmaterials an die Betroffenen zu sor-
in Frankreich, infolge der Grenzöffnung schiebehaft auch über diese 12 Tage hin- gen. ver.di werde den Journalisten per-
im östlichen und südöstlichen Europa, auf aus verlängern zu wollen. Näheres dazu sönlichen Rechtschutz zur Durchsetzung
gut 61.000 in einem Jahr (1990) gestiegen ist noch nicht bekannt. ihres Menschenrechtes auf freie Berich-
– das waren zwar noch bescheidene Di- Bernhard Schmid, Paris ■ terstattung einräumen. PM ver.di ■

: antifaschistische nachrichten 17-2002 13


: neuerscheinungen, ankündigungen
kinderlose oder unverheiratete
Beamte darüber Rechenschaft
ablegen, weshalb sie noch kei-
„Sexualität un- die „Verordnung zur Reinhal- bensborn“ sollte eine beson- nen Nachwuchs oder Partner
ter dem Haken- tung von SS und Polizei“ so- dere Funktion bei der „Fabri- hätten. Taten sie dies nicht,
gar die Todesstrafe für ihre kation“ des so genannten Her- wurden sie strafversetzt, nicht
kreuz“: Die Nazi- homosexuellen Angehörigen renmenschen einnehmen. So auf Lebenszeit ernannt oder
Herrschaft über das vor – ohne dass ordentliche wird Heinrich Himmler in von der Beförderung ausge-
Liebesleben Gerichte ein Mitspracherecht dem Buch „Sexualität unter nommen. Eine recht unbe-
gehabt hätten. Bereits ab 1936 dem Hakenkreuz“ mit seinen kannte Facette der Steuerpoli-
Von Thomas Klaus wurde jedes Mitglied der Hit- Visionen zitiert, wonach jede tik der Nazis: Unverheiratete
ler-Jugend (HJ) dazu ver- Frau, die mit 30 Jahren noch Männer und ab 1938 auch kin-
Man kann es drehen und wen- pflichtet, homosexuell veran- kein Kind geboren hätte, im derlose Ehepaare mussten ihre
den wie man will – und es lagte Kameraden anzuzeigen. „Lebensborn“ eines bekom- „Fortpflanzungsverweigerung“
stimmt immer: Wo Faschisten Wenn sich dieser Verdacht er- men könnte. Dabei sollte sie mit Strafsteuern in Höhe von
das Sagen oder die Macht ha- härtete, wurde die Staatsan- sich unter drei SS-Leuten den zehn Prozent ihres Einkom-
ben, wird die freie, selbstbe- waltschalt alarmiert. Vater ihres Kindes aussuchen. mens büßen.
stimmte Sexualität ins Visier Im zweiten Kapitel „Die Zwar erfüllten die „Produk- Das vierte Kapitel von „Se-
genommen. Wer die Triebe Forscher“ setzen sich Mai- tionsquoten“ des „Lebens- xualität unter dem Haken-
des Menschen beherrscht, do- wald und Mischler mit der born“-Vereins nicht die Er- kreuz“ trägt die Überschrift
miniert nämlich auch den Rolle der Wissenschaft aus- wartungen von Heinrich „Die Front“. In ihm wird das
Menschen selbst. Sexualität einander. Die Körper der Himmler, aber der Grundge- Verhalten der Soldaten im
ist von der fasschistischen Untertanen des NS-Staates danke der Frau als „Gebärma- Westen und im Osten unter-
Perspektive aus nur dann ge- seien „ebenso gleichgeschal- schine“ zog sich durch die ge- sucht. Breiten Raum nehmen
wollt, wenn sie den Interessen tet (worden) wie politische samte nationalsozialistische die Sexualverbrechen ein, die
und Zielen der braunen Hor- und gesellschaftliche Institu- Politik. Ein Ausfluss dessen eindeutig auf das Konto der
den dient. tionen, Behörden und Betrie- war beispielsweise die Tatsa- Soldaten der voranrückenden
Mit der Unterdrückung und be“ – und daran hatte die Wis- che, dass die Trägerinnen des Roten Armee gingen. Doch
Instrumentalisierung der Se- senschaft einen gehörigen An- „Mutterkreuzes“ die selben Maiwald und Mischler sind
xualität während der Nazi- teil, etwa durch ihre ideologi- Vorrechte wie die Träger mili- der Auffassung, dass auch die
Zeit befassen sich auch Stefan sche Mitarbeit an Gesetzen tärischer Orden genossen: zahlreichen Vergewaltigungen
Maiwald und Gerd Mischler wie dem „Gesetz zur Verhü- Mitglieder der HJ und des durch deutsche Soldaten end-
in ihrem Buch „Sexualität un- tung erbkranken Nachwuch- BdM mussten sie auf der lich aufgearbeitet werden müs-
ter dem Hakenkreuz – Mani- ses“, dem Sterilisierungsge- Straße grüßen; sie hatten Vor- sten. Sie glauben aber selber
pulation und Vernichtung der setz sowie dem Ehegesund- trittsrecht an Behördenschal- nicht recht daran: „Vermutlich
Intimsphäre im NS-Staat –“, heits- und Blutschutzgesetz. tern und saßen in Straßenbah- wäre (..) der Aufschrei noch
nun im Ullstein-Verlag in Durch derartige Rechtsgrund- nen und Zügen auf bevorzug- größer als anlässlich der Wehr-
zweiter Auflage erschienen. lagen konnte das Nazi-Regi- ten Plätzen. machts-Ausstellung.“
In fünf Hauptkapiteln ge- me mit juristischem Segen Das dritte Kapitel widmen Das fünfte Kapitel „Im Fa-
hen der Freie Journalist Mai- zwischen erwünschtem und Stefan Maiwald und Gerd denkreuz“ macht deutlich, wie
wald (Jahrgang 1971) und unerwünschtem Liebesleben energisch die Nazis mit se-
sein ein Jahr älterer Kollege unterscheiden. So viel xuellen Randgruppen umgin-
Mischler der heiklen Thema- „Mühe“ machten sich die Ver- gen. Männliche Homosexuelle
tik auf den Grund. Für die antwortlichen für die zahlrei- wurden in Konzentrationslager
Autoren des 285-seitigen Ta- chen Menschenversuche in gesteckt und zu Zehntausen-
schenbuches steht nach den den Konzentrations- und Ver- den ermordet. Aber auch Les-
Recherchen fest, dass das nichtungslagern nicht. Viele ben wurden verfolgt. Zum
Nazi-Regime „die Herrschaft dieser barbarischen „Experi- Beispiel wurden viele gleich-
über das Liebesleben der mente“ befassten sich mit der geschlechtlich veranlagte
Deutschen erringen“ wollte. Frage, wie unerwünschte Ge- Frauen zur Arbeit im Bordell
Der Nationalsozialismus sei burten verhindert werden gezwungen – als einer Art
in die intimsten Lebensberei- könnten, zum Beispiel durch Mutterkreuz der Nazis Zwangstherapie. Viel Leid
che eingedrungen und habe radioaktive Bestrahlungen der wurde außerdem über Paare
sich der Sexualität der Deut- schwangeren Frauen. Gewollt gebracht, die unter die „Rasse-
schen bemächtigt. waren dagegen die Geburten Mischler dem Thema der Fa- gesetze“ fielen: Intime Bezie-
Im ersten Kapitel „Die von Kindern, die in das Nazi- milie, in der „Kanonenfutter“ hungen wurden strafbar, wenn
Führer“ beschäftigen sich Schema vom „arischen Her- gezeugt und der Nachwuchs es sich bei dem Paar nicht um
Maiwald und Mischler mit renmenschen“ passten. Des- auf das nationalsozialistische Angehörige der gleichen Rasse
dem „abnormen Sexualleben“ halb wurden die Leitungen Gedankengut eingeschworen handelte.
der Nazi-Größen Adolf Hitler, von Hitler-Jugend und Bund wurde. Dabei sollte ein aske- Das Buch „Sexualität unter
Joseph Goebbels und Her- Deutscher Mädel (BdM) im tischer und anpassungsfähiger dem Hakenkreuz“ ist eine be-
mann Göring. Und sie legen Oktober 1935 zum Fördern Mensch geformt werden, der eindruckende Untersuchung
dar, wie die Nazi-Führung in der freien Liebe in ihren Ju- Hunger ertragen und Gefühle eines mit Tabus behafteten
der Folge des „Röhm-Put- gendgruppen aufgefordert. niederringen konnte. Themas, das auch in die
sches“ im Juni 1934 auf den Vor allem den BdMlern wur- „Wer sich weigert, seine Gegenwart weist. Denn der
Geschmack kam, die Schwu- de der einmalige und unver- Sexualität in den Dienst des verklemmte Umgang mit Se-
lenfeindlichkeit zu verstärken bindliche Geschlechtsverkehr Staates zu stellen, wird be- xualität, in Verbindung mit ei-
und als Hammer gegen politi- mit HJ-lern und SS-Männern straft“, so das Urteil der Auto- ner gehörigen Portion Doppel-
sche Widersacher oder Geg- schmackhaft gemacht. Der ren zur Familienpolitik im moral, ist ein Markenzeichen
ner einzusetzen. Ab 1941 sah 1936 gegründete Verein „Le- Hitler-Staat. Deshalb mussten der Nazis damals und der Na-

14 : antifaschistische nachrichten 17-2002


zis heute. Die populär und allgemein und mitunter hart bestraft worden; es und teilweise durch Folter oder drohende
verständlich formulierte Studie von Ste- handelte sich dabei zumeist um Sozial- Folter erpresst einerseits und „Amtshil-
fan Maiwald und Gerd Mischler belegt, demokraten. fe“ von anderen staatlichen Behörden
mit welcher wütenden Konsequenz die Als besonders aufschlussreich erweist und NS-Organisationen andererseits.
Nazis der sexuellen Liberalisierung in sich Stolles ausführliche Analyse der Zu- Hintergrund war die massive Auswei-
der Weimarer Republik ein Ende setzten sammensetzung des Gestapo-Personals. tung der Befugnisse der Gestapo: „Gera-
und stattdessen alle Formen der Sexua- Nachdem anfangs das Personal der Wei- de weil die Aufgaben der Gestapo durch
lität bekämpften, die aus ihrer Sicht nicht marer Politischen Polizei weitgehend präventiv-polizeiliche Konzepte er-
der Ausbreitung der so genannten ari- übernommen worden war, ergaben sich weitert und in einen umfassenden politi-
schen Rasse dienlich waren. durch die Aufnahme faschistischer, aber schen Auftrag zur ‚Reinhaltung‘ des Vol-
oftmals unfähiger „Quereinsteiger“ so- kes gestellt wurden, wurde es notwendig,
ISBN 3-548-36326-1, 8,95 Euro wie Versetzungen „verdienter“ Nazi-Po- eine größere Anzahl von Helfern für die
lizisten ab 1933 dauerhaft Veränderun- Gestapoarbeit zu verpflichten“ (S. 273).
Gestapo in Baden gen in der Personalstruktur. Ab 1937 In massiver Weise wurden Gendarmerie,
wurde die Gestapo mehr und mehr aus- Kriminalpolizei und Schutzpolizei zur
Personal, Organisation, Wirkung gebaut, was nochmals verstärkt zur Ver- Informationsbeschaffung für die Gestapo
und Nachwirken einer regionalen änderung des Personalbestandes führte. herangezogen – was ein Grund dafür
Verfolgungsbehörde im Dritten Reich Die Stärke der Untersuchung liegt darin, war, in der späteren Bundesrepublik eine
dass sie diese strukturellen Veränderun- mittlerweile mehr und mehr verwässerte
Die badische Geheime Staatspolizei hat gen in Beziehung setzt zum Verfolgungs- Trennung von Polizei und Geheimdien-
„demokratische“ Vorläuferbehörden in handeln, zur Brutalität der „Ermittlun- sten vorzunehmen. Das brutale Handeln
der Weimarer Republik, sie hat Täter und gen“ (bis hin zu Folter und Mord) und – der Gestapo radikalisierte sich im Laufe
Opfer. Durch die Grenznähe in Südba- etwas nachgeordnet – zur Beziehung der der Zeit, durch verschiedene Faktoren
den kommt ihr in dieser Region eine be- Gestapo zu anderen staatlichen Behörden wie Konkurrenz innerhalb und nach au-
sondere Bedeutung zu. All dies unter- und NS-Organisationen. Bestimmte, aus ßen zu anderen Ermittlungsbehörden be-
sucht der Karlsruher Historiker Michael der Situation der verschiedenen Gruppen günstigt. Seinen Höhepunkt erreichte es
Stolle in seiner Dissertation, die im Uni- resultierende Verhaltensweisen stellten kurz vor Kriegs-ende.
versitätsverlag Konstanz erschienen ist. sich ein: überzogene Brutalität der un- Die „Entnazifizierung“ nach der
Insgesamt gliedert sich das Buch in qualifizierten Parteibuch-Beamten, Kon- Niederlage des faschistischen Deutschen
fünf Kapitel. Sie widmen sich der Vorge- kurrenzverhalten der alteingesessenen Reiches war, was die Beamten der badi-
schichte, der Organisation, dem Perso- Beamten und Karrieredruck der Nach- schen Gestapo betrifft, ähnlich wenig
nal, der Verfolgungspraxis und der Zeit wuchspolizisten. konsequent wie bei anderen Organisatio-
nach 1945. In ausführlichen Anhängen Die „Ermittlungs“-„Methoden“ waren nen auch. Im Ansatz schon oft milde
werden stichwortartig die wichtigsten brutal; Folter und Festnahmen ohne rich- Schuld-Beurteilungen und Urteile durch
Täter. terliche Genehmigung an der Tagesord- die eigens dafür eingerichteten „Spruch-
Die Kontinuität zwischen den „demo- nung. Zu leiden hatten dabei insbesonde- kammern“ wurden später in Berufungs-
kratischen“ Vorläuferorganisationen in re Kommunistinnen und Kommunisten, verfahren meist nochmals gemildert. Der
der Weimarer Republik und der faschisti- Sozialdemokratinnen und Sozialdemo- Teil derer, die eine angemessen harte
schen Gestapo war groß, waren doch die kraten, Zeugen Jehovas, Kirchen, Jüdin- Strafe zu tragen hatten (wozu meist die
meisten der Angestellten der „Politischen nen und Juden. Während des Krieges französischen Besatzungsbehörden
Polizei“ unkritisch oder selbst rechtskon- kam die Überwachung und Schikane der Druck ausüben mussten), war recht ge-
servativer bis faschistischer Einstellung: ausländischen Zwangsarbeiter hinzu, ring. Viele kehrten nach wenigen Jahren
„Im Laufe des Jahres 1933 zeigte sich, was vor allem Unterdrückung von politi- wieder in ein bürgerliches Leben zurück.
dass die Mehrheit der politischen Poli- scher Agitation und von Beziehungen zu Das von der Forschungsstelle “Wider-
zeibeamten die nationalsozialistische deutschen Männern und Frauen bedeute- stand gegen den Nationalsozialismus im
‚Machtergreifung‘ in dienstlicher Hin- te. Zwei wesentliche „Methoden“ wur- deutschen Südwesten” der Universität
sicht nahezu unbeschadet überstehen den dabei angewandt: Denunziationen Karlsruhe herausgegebene Buch stellt ei-
konnten“, so Stolle (S. 75). Lediglich ein aus der Bevölkerung, oftmals auch aus nen detaillierten Überblick über die badi-
kleiner Teil der Beamten sei entlassen dem engsten Umfeld der Denunzierten sche Gestapo dar. Seine Stärken liegen
insbesondere in der detailgenauen Unter-
suchung des Gestapo-Personals. Aller-
Der Herausgabekreis und die Redaktion sind zu erreichen über: dings fehlt diese Genauigkeit an anderer
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln Tel. 0221 / 21 16 58, Fax 0221 / 21 53 73.
email: antifanachrichten@netcologne.de, Internet: http://www.antifaschistische-nachrichten.de
Stelle. Insbesondere der Teil, der sich
Erscheint bei GNN, Verlagsges. m.b.H., Postfach 260 226, 50515 Köln. V.i.S.d.P.: U. Bach den Umständen der Verfolgung bestimm-
Redaktion: Für Schleswig-Holstein, Hamburg: W. Siede, erreichbar über GNN-Verlag, Neuer Kamp 25, ter gesellschaftlicher Gruppen widmet,
20359 Hamburg, Tel. 040 / 43 18 88 20. Für NRW, Hessen, Rheinland Pfalz, Saarland: U. Bach, aber auch die Darstellung der “Entnazifi-
GNN-Verlag Köln. Baden-Württemberg und Bayern über GNN-Süd, Stubaier Str. 2, 70327 Stuttgart, zierung” und Auflösung der Gestapo ist
Tel. 0711 / 62 47 01. Für „Aus der faschistischen Presse“: J. Detjen c/o GNN Köln.
ab und an leider etwas oberflächlich.
Erscheinungsweise: 14-täglich. Bezugspreis: Einzelheft 1,30 Euro.
Bestellungen sind zu richten an: GNN-Verlag, Postfach 260 226, 50515 Köln. Sonderbestellungen sind Nichtsdestotrotz ist das Buch das erste,
möglich, Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt. das sich der Gestapo in Baden umfas-
Die antifaschistischen Nachrichten beruhen vor allen Dingen auf Mitteilungen von Initiativen. Soweit ein-
send nähert und deshalb vieles zur Auf-
zelne Artikel ausdrücklich in ihrer Herkunft gekennzeichnet sind, geben sie nicht unbedingt die Meinung klärung der dunklen regionalen Vergan-
der Redaktion wieder, die nicht alle bei ihr eingehenden Meldungen überprüfen kann. genheit beiträgt.
Herausgabekreis der Antifaschistischen Nachrichten: Anarchistische Gruppe/Rätekommunisten (AGR); Annelie Antifaschistische Zeitung für Emmen-
Buntenbach (MdB Bündnis 90/Die Grünen); Rolf Burgard (VVN-BdA); Jörg Detjen (Forum kommunistischer Arbeitsge- digen, Freiburg, Waldkirch 16/2002 ■
meinschaften); Martin Dietzsch; Regina Girod (Bund der Antifaschisten, Dachverband); Dr. Christel Hartinger (Frieden-
szentrum e.V., Leipzig); Hartmut-Meyer-Archiv bei der VVN - Bund der Antifaschisten NRW; Ulla Jelpke, (MdB PDS);
Jochen Koeniger (Arbeitsgruppe gegen Militarismus und Repression); Marion Bentin, Edith Bergmann, Hannes Nuijen Bibliographisches: Michael Stolle: Die
(Mitglieder des Vorstandes der Arbeitsgemeinschaft gegen Reaktion, Faschismus und Krieg–Förderverein Antifaschisti- Geheime Staatspolizei in Baden. Uni-
sche Nachrichten); Kreisvereinigung Aachen VVN-BdA; AG Antifaschismus/ Antirassismus in der PDS NRW; Angelo
Lucifero (Landesleiter hbv in ver.di Thüringen); Kai Metzner (Info Pool Network); Bernhard Strasdeit (MdB-Büro Winfried
versitätsverlag Konstanz 2001. ISBN
Wolf); Volkmar Wölk. 3-89669-820-6. 411 Seiten.

: antifaschistische nachrichten 17-2002 15


: aus der faschistischen presse
deuten, sei mehr als Zufall? MANFRED
MÜLLER klärt uns auf: „Zu Wahl-
kampfzeiten erweisen manchmal auch
die etablierten Parteien den national
„Sohn einer russischen tismus, zu dem nicht zuletzt N&E flei- orientierten Deutschen ein wenig Reve-
Jüdin“ ßig beiträgt, ist heute fast noch drängen- renz – vor allem dann, wenn der Wahl-
Nation & Europa Juli-August/2002 der als vor 30 Jahren. ausgang knapp werden könnte und es
„Deutsche und Juden – Wer hat das Sa- Der gleiche Autor im gleichen Arti- auf jede Stimme ankommt. Besonders
gen?“ fragt die Redaktion von „Nation kel: „Mittlerweile weiß jeder erwachse- gut weiß das Gerhard Schröder.... In die-
& Europa“ suggestiv auf der Titelseite ne Mensch, wie die Gewichte im sem Jahr begann Bundeskanzler Schrö-
ihrer sommerlichen Doppelausgabe. deutsch-jüdischen Verhältnis verteilt der das Werben um nationale Wähler am
Und liefert die Antwort durch die grafi- sind“. In der Tat: Da liegen in der Waag- 8. Mai, indem er – trotz jüdischer Pro-
sche Gestaltung gleich mit: Da gestiku- schale sechs Millionen von deutschen teste – ein Podiumsgespräch mit Martin
liert Marcel Reich-Ranicki auf Martin Faschisten ermordete jüdische Men- Walser zum Thema Nation ansetzte.Bei
Walser ein und Michel Friedman droht schen und eine nicht enden wollende dem Gespräch mußte er sich aus dem
Jürgen Möllemann, der ganz betroffen Kette antisemitischer Übergriffe seit den Munde Walsers einiges anhören, was
aussieht, mit dem Zeigefinger. Die Bot- fünfziger Jahren. Umerziehungsmaximen widerspricht,
schaft ist klar, Artikel sind da eigentlich ROLF WEDEL wundert sich: „Kaum aber bei der angepeilten Zielgruppe die
kaum noch nötig. erklärte sich der gegenwärtige Bundes- Akzeptanz dieser SPD-Veranstaltung
Dennoch legen die Autoren nach, um kanzler bereit, mit dem Schriftsteller steigern konnte.... Schröders Formel
die antisemitischen Ressentiments ihrer Martin Walser, immerhin Friedenspreis- ,Mit Stolz ja sagen zu Deutschland‘
Leser(innen) zu bedienen: RÜDIGER träger des Deutschen Buchhandels, über könnte Labsal für die Seelen national
BLANK hetzt unter dem Titel „Das per- die Geschicke der Nation zu reden, als denkender Deutscher sein...“.
sonifizierte Tabu: Woher stammt Marcel auch schon der Automatismus der Pro- Wir haben verstanden.
Reich-Ranicki?“ gegen den Literatur- testler einsetzte: Routiniers der ,Aktion Ein letztes Beispiel zum Thema des
papst wegen dessen KP-Mitgliedschaft Sühnezeichen‘, des Schlachtschiffes der Heftes: KLAUS HANSEN, der sich of-
und seiner Tätigkeit für den polnischen Evangelischen Kirche in Sachen Vergan- fenbar als nationaler Sozialist einen Na-
Geheimdienst in den frühen fünfziger genheitsbewältigung, brachten sofort ei- men machen will, zu einem aktuellen
Jahren. WERNER BAUMANN beschäf- nen Brief an Kanzler Schröder in Um- Thema:
tigt „Die tabuisierte Frage: Wie entsteht lauf, in dem sie ihre ,extreme Befrem- „Raffgierige Manager schaden der
Antisemitismus“: Doch fast immer, dung‘ ... ausdrückten und meinten, der Wirtschaft: Absahnen und abhauen“:
wenn Spiegel und Friedman den Mund 8. Mai, der Tag der Diskussionsveran- „Das gilt auch für die Mißachtung natio-
aufmachen, ist von Antisemitismus, staltung, sei ein ,ausgesprochen untaug- naler Wirtschaftsinteressen. Viele Spit-
Rassismus und Neonazismus die Rede. liches Datum‘, um eine ,Fiktion der zenmanager haben keine Bodenhaftung
Es wird geklagt, gemahnt, gewarnt. Die Normalität ungebrochen zu propagie- mehr, sehen sich als bindungslose Kos-
Vorwürfe und Forderungen rattern seit ren‘. Ähnlich äußerte sich der Zentralrat mopoliten. Der schon erwähnte Ron
Jahren wie eine tibetanische Gebets- der Juden in Deutschland, er sei ,irritiert Sommer wurde als Sohn einer russi-
mühle. Bubis redete wie Galinski, Spie- und verwirrt‘, daß die SPD gerade an schen Jüdin im israelischen Haifa gebo-
gel redet wie einst Bubis und Friedman diesem Tag eine solche Veranstaltung ren, studierte in Österreich, startete seine
wie sie alle zusammen, nur lauter und plane. Und Vizepräsident Michel Fried- Karriere in Paris, wechselte dann für ein
anmaßender. Niemand würde merken, man gab noch eins drauf, er stellte japanisches Unternehmen nach Ameri-
wenn in den Nachrichten eine 30 Jahre gleich die gesamte Glaubwürdigkeit des ka, um schließlich von der deutschen
alte Verlautbarung des Zentralrats zur Kanzlers in Frage“. Bundesregierung an die Spitze der Tele-
Verlesung käme. Es ist seither nichts Wie kommen die evangelischen Ver- kom gestellt zu werden...“. Auch wenn
Neues hinzugekommen“. gangenheitsbewältiger und die Vertreter sie es so nie formulieren würden, ist für
Antifaschisten können nicht umhin, der Interessen der jüdischen Deutschen alle zitierten N&E-Schreiber „der Jude“
Baumann in diesem Punkt recht zu ge- nur auf die Idee, der Termin des Kanz- immer noch „unser Unglück“, handelt
ben. Es ist wirklich nichts Neues hinzu- lerplauschs mit dem nationalistischen es sich um das alte antisemitische Ge-
gekommen: Das Problem des Antisemi- Großschriftsteller hätte irgendwas zu be- schmier. tri ■

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Spendet für die
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Köln, BLZ 370 100 50,
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16 : antifaschistische nachrichten 17-2002

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